Abenteuer

Sabine Giebken: Die Bestimmung der Haie

Inhalt:
Das Meer ist wunderschön und voller Geheimnisse. Doch das Leben der Tiere dort ist auch gefährlich. Komm mit auf eine Reise ins tiefe Blau!

Schon seit seiner Geburt ist der Weiße Hai Riko auf sich allein gestellt. Doch das ist kein Problem für ihn! Immerhin hat er einen jahrhundertealten Instinkt, der ihn leitet. So findet er nach und nach seinen eigenen Weg im weiten Meer. Eines Tages aber ist Riko plötzlich nicht mehr allein. Remi, ein junges Schiffshalter-Weibchen, weicht ihm nicht mehr von der Seite. Zu zweit schwimmen die beiden durch die Weltmeere, und als Riko einen geheimnisvollen Zahn findet, lässt ihn eine Frage nicht mehr los: Gibt es noch gefährlichere Raubtiere als ihn selbst? (Klappentext)

Einordnung:
Dies ist Band 11 der Buchreihe „Das geheime Leben der Tiere“, in der sich verschiedene Autor:innen in jedem Band einem Tier widmen. Die einzelnen Bände können voneinander losgelöst gelesen werden und nehmen nicht Bezug aufeinander.

Rezension:
Was im Bereich Sachbuch die Reihe „Was ist was“ aus dem Hause Tessloff ist, ist für Kinder die Reihe „Das geheime Leben der Tiere“, die im Löwe Verlag erscheint. In dieser widmen sich verschiedene Autorinnen und Autoren jeweils einem bestimmten Tier und lassen dieses Abenteuer erleben und schaffen es dabei, unterhaltsam und spannend Wissen zu vermitteln. Die Kinderbuchreihe, die der Verlag ab einem Alter von acht Jahren empfiehlt, entführt uns mit diesen Band durch das Leben des Weißen Hais Riko, mit dem wir die Weiten der Ozeane durchstreifen, der voller Geheimnisse aufwartet, die entdeckt werden wollen.

Haie als Identifikationsobjekt und einmal nicht als gruseliges Monster, wie diese Tiere in der Popkultur gerne dargestellt werden. In der Kinderliteratur macht man das richtig und so hat die deutsche Schriftstellerin Sabine Giebken eine vielzähnige Figur geschaffen, derer die Zielgruppe gerne folgen wird, üben die wohl mit ältesten Fische unseres Planeten gleichwohl eine gewisse Faszination auf uns aus. Kurzweilig erzählt, erleben wir mit Riko den gesamten Lebenszyklus‘ dieses beeindruckenden Wesens, entlang einer Geschichte, in der weder der Spannungsbogen, noch die Wissensvermittlung zu kurz kommt. Dabei ist schon die Geschichte überhaupt nicht langweilig. Genau so neugierig wie Riko selbst, passiert auch in der Erzählung immer etwas, ohne die junge Zielgruppe in Watte zu packen.

Ja, in dem Buch werden Seelöwen gefressen, Surfbretter attakiert, aber auch die größte Gefahr, der Mensch, eingehend beschrieben, mit seinen Netzen oder dem Abschneiden von Flossen, immer durch die Augen des tierischen Hauptprotagonisten, die dieser, wenn notwendig auch nach innen drehen kann. So lernt man Stück für Stück die Tierart mit den selbigen anders zu betrachten. Andere handlungstreibende Figuren spielen zwar für einzelne Szenen, die in kurzweiligen und kompakten Kapiteln verpackt sind, eine Rolle, bleiben sonst jedoch nebensächlich.

Wer hier der Böse ist, wird im Verlauf der Geschichte klar. Riko indes ist es nicht, stattdessen bekommen wir ein Bild des stromlinienförmigen Tieres mit Ecken und Kanten, all seinen Gewohnheiten. Der Autorin merkt man die Liebe zu Haien an oder zumindest eine umfassende Rechercheleistung, die sich hoffentlich auch bei den anderen Schreibenden durch die Bücher der Reihe zieht. Nicht nur die Waagschale zwischen Unterhaltung und Information ist hier gelungen, auch eine Gefühlsebene aufzubauen, funktioniert durch den gesamten Handlungsstrang des kleinen Romans, der ein Hailight (!) im Kinderzimmer sein dürfte.

Die Perspektive allein bleibt beim tierischen Hauptprotagonisten, der Stück für Stück mehr Lebenserfahrung und damit auch mehr Wissen ansammelt, über seine Umgebung, seine Umwelt und sich selbst. Auch eine Charakterwerdung kann man hier beobachten, gleichzeitig gelingt es so den jungen Leserinnen und Lesern behutsam Umweltbewusstsein zu vermitteln. Dabei gibt es keine unglaublichen Wendungen. Sabine Giebken hat sich bei ihrer Geschichte streng an die biologischen Gegebenheiten gehalten, die eine oder andere Überraschung in der Handlung, zumindest für die Zielgruppe, dürfte genau die richtige Mischung aus Spannungs- und ruhigen Momenten ausmachen.

Da diese feine kompakte Erzählung dem Lebenszyklus der Haie folgt, sollte spätestens im letzten Drittel klar sein, wohin die Reise geht. So wird die Erzählung eine Spur düsterer und trauriger, aber dies ist eben auch die Realität, die hier nicht ausgespart wird. Alles in allem schafft die Autorin die Welt des Weißen Hais würdig, unterhaltsam und spannend, fast filmisch zu beschreiben. Besonders spannend wird es, wenn Riko seine Sinne nutzt, um sich zu orientieren oder Beute nachzujagen.

Dieser Kinderroman ist perfekt für die Zielgruppe geeignet, so man diese ernst nimmt, man sollte jedoch auch seine jungen Leserinnen und Leser einschätzen, wie viel diesen schon zuzutrauen ist. Die Tonalität der Autorin, die perfekt durch die wunderbaren Illustrationen von Tobias Gooldschalt unterstützt wird, sollte es dem jedoch leicht machen, einen Zugang zu finden. Die Erzählung selbst bietet im Anschluss und während des Lesens, ob selbst oder vorgelesen, sicher Anknüpfungspunkte, sich mit Themen Meere, Haie, Umwelt und die Einflussnahme durch den Menschen zu beschäftigen. Ein kleiner Wissensteil am Ende des Buches, sowie weiterführende Hinweise zum Thema bieten da sicher genug Raum und Möglichkeiten.

Ich kann mit guten Gewissen sagen, dass mir diese Art von Büchern als Kind sehr gefallen hätte, zudem sich die Reihe nicht mehr nur auf Tiere des Meeres beschränkt, sondern auch Lebewesen anderer Naturräume begleitet. Für die Kombination aus Wissen und Unterhaltung gibt es von mir eine klare Leseempfehlung. Nicht nur als Fan dieser majestätischen Tiere.

Autorin:
Sabine Giebken wurde 1979 in München geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin. Nach einem Ausflug in die Betriebswirtschaft und anderen beruflichen Irrwegen machte sie ihr Hobby vom Schreiben endlich zum Beruf. In der Reihe „Das geheime Leben der Tiere“ sind von ihr zwei Bücher erschienen.

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S. E. Harmon: Das erste und letzte Abenteuer von Kit Sawyer

Inhalt:
Christopher „Kit“ Sawyer, Historiker und Spross einer legendären Archäologenfamilie, bevorzugt das ruhige Leben am Schreibtisch, ohne Peitsche und Fedora. Doch als er ein altes Relikt entschlüsselt, befreit er unbeabsichtigt eine mächtige Kraft, die nur durch eine Wiedervereinigung mit einem aztekischen Gott gebändigt werden kann. Allerdings weiß niemand außer Kit, wo genau in Mexiko sich dessen Tempel befindet. Also bleibt ihm keine Wahl, und er macht sich auf den Weg.

Doch er reist nicht allein. Auf Wunsch ihres Großvaters wird er von seinem nervigen Ex-Stiefbruder Ethan Stone begleitet, einem erfahrenen Entdecker und Archäologen, der ihr Überleben im Dschungel sichern soll. Und das ist auch bitter nötig, denn sie sind nicht die Einzigen auf der Suche nach dem geheimnisvollen Tempel … (Klappentext)

Rezension:
Zwischen zwei Buchdeckelnm liegt mit „Das erste und letzte Abenteuer von Kit Sawyer“ eine zwischen den Genre schwankende Erzählung vor, die zwischen Abenteuer und Romance hin und her pendelt. Die leichtgängig zu lesende Erzählung aus der Feder der Schriftstellerin S. E. Harmon nimmt sich dabei Anleihen von Indiana Jones und setzt eine an sich trockene Thematik so rasant um, dass man teilweise glaubt, selbst von einem allmächtigen und wütenden aztekischen Gott beobachtet, verfolgt und kontrolliert zu werden.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Kit, der aus einer Archäölogenfamilie stammt, selbst jedoch aufgrund seiner Epilepsie vorwiegend zur Büroarbeit verdammt ist. In dieser Rolle hält er Vorlesung und hat sich auf das Entschlüsseln alter Schriften spezialisiert, wird jedoch von der Fachwelt, wie auch, in seiner Wahrnehmung, von der eigenen Familie als ein Sawyer zweiter Klasse wahrgenommen. Nur die Seele eines aztekischen Gottes sieht eine andere Aufgabe für ihn vor, als diese von einem alten Artefakt auf ihn überspringt und sich nach und nach seiner Natur bemächtigt. Ein immer rasanteres und in vielerlei Hinsicht turbolenter werdendes Abenteuer beginnt.

Dies ist der Auftakt dieser Geschichte, deren Dynamik hauptsächlich aus dem Spiel dieses Hauptcharakters und seines Gegenübers besteht, gewürzt mit Elementen klassischer Actionfilme und einer gehörigen Portion Romance, die sich aus einer stiefgeschwisterlichen Rivalität heraus entwickelt. Die Erzählung beschränkt sich auf einen Zeitraum unbestimmter Tage bis hin zu wenigen Wochen, wobei Raum und Zeit zuweilen im Dickicht des mittelamerikanischen Dschungels zu verschwimmen scheinen. Handlungstreibend ist dabei nicht nur die anbahnende Beziehung der Hauptfiguren, nein, auch die deutlich gestalteten Antagonisten, die zu Beginn sich im Hintergrund halten, geben das immer schnellere Tempo vor.

Dieses tut der Erzählung gut, die ansonsten nur aus der Perspektive der titelgebenden Hauptfigur erzählt wird, den wir auf Schritt und Tritt und ja, leider auch beim deutlich ausformulierten Liebesspiel begleiten. Dieses Element ist unnötig und macht zuweilen den Eindruck eines Platzhalters, hätte viel subtiler gestaltet werden und damit vielleicht sogar eine noch tiefere Wirkung entfalten können. Wer Trash mag oder Seifenopern, wird daran jedoch sicher seine Freude haben.

Die Szenen lassen sich jedoch gut quer lesen, trotzdem hat man hinterher das Gefühl, eine zusammenhängende und dann durchaus gut unterhaltende Geschichte gehabt zu haben, ohne etwas wichtiges zu verpassen. Was jedoch sehr angenehm hervorsticht, ist der Sarkasmus, die Ironie, die der Hauptfigur ihre Ecken und Kanten gibt. Dieser Humor trägt einiges zur Unterhaltsamkeit der Erzählung bei. Die Antagonisten sind als klassische Bösewichte gestaltet, aber auch Kits Konterpart Ethan hat eher eine graue anstatt weiße Weste. Das sticht ebenfalls positiv hervor.

Die Verletzlichkeit der Hauptfigur und die so temporeich erzählte Abenteuergeschichte sind die wesentlichen und tragenden Elemente der Handlung, die zuweilen ins Fantastische abgleitet. Der Roman ist für den Kopf klassisches Popcornkino, mit den man am Ende gut unterhalten werden kann, wenn man von einzelnen Schwachstellen absieht, die entstanden sind, da doch einzelne Szenen mehr Ausgestaltung bedarft hätten. Größere Logikfehler und Irrungen in den Wendungen habe ich nicht entdeckt. Das Tattoo ist, wie auch in der Realität ein Extra, was es nicht gebraucht hätte. Hier liegt die Entscheidung wohl bei den Lesenden, ob man dies jetzt als unnötigen Kitsch abtut oder als ein ausschmückendes Element betrachtet, für die Erzählung wohlgemerkt.

Die Haupthandlung ist geringfügig eingerahmt, so dass sich daraus auch die Struktur des Romans ergibt, der ansonsten in rasant erzählten Kapitel gegliedert ist. Dabei muss man eines der Autorin lassen. Sie weiß filmisch Personen wie Orte zu erzählen. Man kann sich das alles auf den großen Fernsehbildschirm oder der Kinoleinwand vorstellen. Das gilt für Schauplätze ebenso wie für jeden einzelnen Schweißtropfen aus Dschungel- oder anderen Gründen. Andererseits soll die Geschichte hauptsächlich unterhalten. Großartig nachwirken tut sie nicht. Trotzdem ist es durchaus so, dass man danach bereit ist, gerne weitere Abenteuer mit Kit zu erleben. Bitte ohne Liebesszenen. Bisher ist diese Erzählung allerdings ein Einzelband, was auch etwas für sich hat.

Wer eine solche Genre-Mischung mag, wobei ich jetzt keine ähnliche kenne, wird mit S. E. Harmons „Das erste und letzte Abenteuer von Kit Sawyer“ auf seine Kosten kommen. Andere werden wohl Abstriche machen müssen, und dennoch eine überwiegend gute Zeit mit diesem Roman haben, zudem es wenige Geschichten innerhalb dieses dann doch interessanten Settings geben dürfte. Abenteur, Trash, Liebe und ganz viel Drama hat die Autorin hier miteinander verbunden. Je nachdem, wer welches dieser Elemente wie hoch gewichtet, für jene ist dies mit Sicherheit eine empfehlenswerte Lektüre. Nur bitte dabei keinen aztekischen Gott erwecken, ja?

Autorin:
S. E. Harmons stürmische Liebe zum Schreiben dauert bereits ein Leben lang an. Der Weg zu einem guten Buch ist jedoch steinig, weshalb sie ihre Leidenschaft schon mehrere Male aufgeben wollte. Letztendlich hat die Muse sie jedoch immer wieder an den Schreibtisch zurückgeholt. S. E. Harmon lebt seit ihrer Geburt in Florida, hat einen Bachelor of Arts und einen Master in Fine Arts. Früher hat sie ihre Zeit mit Bewerbungsunterlagen für Bildungszuschüsse verbracht. Inzwischen schreibt und liest sie in jeder freien Minute Liebesromane. Als Betaleser hat sie derzeit ihren neugierigen American Eskimo Dog auserkoren, der sich bereitwillig ihre Romane vorlesen lässt, vorausgesetzt, die Bezahlung in Form von Hundekeksen stimmt.

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Franz Werner Schmidt: Pik reist nach Amerika

Inhalt:
Das gibt es doch nicht! Pik, ein zahmes Eichhörnchen, ist Bens Ein und Alles. Doch dann kommt Terry und stielt es … und das ausgerechnet kurz bevor Terry mit seinen reichen Eltern eine Reise nach Amerika antritt. Terry nimmt Pik mit an Bord. Und für Ben ist eines klar: Er muss hinterher und seinen Pik zurückbekommen. Franz Werner Schmidts klassische, temporeiche Abenteuergeschichte für kleine Leser erschien erstmals 1927 und erfuhr in den 1950er-Jahren zahlreiche Auflagen. Nicht zuletzt Wolfgang Herrndorf war begeistert von diesem Kinderbuch, das ihn zu „Tschick“ inspirierte. (Klappentext)

Rezension:
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Schiffsreisen quer über den Ozean noch ein großes Abenteuer. Was also liegt näher, als um eine solche Überfahrt eine spannende Geschichte für die Kleinsten zu erzählen. Genau das hat der Schriftsteller Franz Werner Schmidt im Jahr 1927 gemacht und einen witzig chaotischen Roadtrip über Wasser geschaffen, der sich auch heute noch gut lesen lässt. Auch heute noch ist dieses kleine humorvolle und kompakte Kinderbuch sehr leichtgängig zu lesen.

Erzählt wird die Geschichte von Ben, einen armen Jungen, zu dem ein Eichhörnchen Zutrauen gefunden hat, was den Neid von Terry entfacht, der mit seinen reichen Eltern kurz vor der Überfahrt nach Amerika steht. Terry entführt kurzerhand das Tier, was Ben überhaupt nicht auf sich sitzen lassen will. Kurzerhand häuert er als Küchenjunge auf den Schiff an, auf den sich Entführer und Entführtes befinden, was natürlich nicht lange gut gehen kann, weder vor neugierigen Erwachsenenaugen verborgen bleibt, noch vor Terry, dem schnell Gewissensbisse plagen.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, schließlich ist die kleine Novelle sehr kompakt gehalten. Das Eichhörnchen als Symbol für Neugier, Verspielt- und Lebendigkeit auf der einen Seite, die Jungen, die unterschiedlicher als Protagonisten nicht sein könnten, auf der anderen, jeder für sich als Gegenpool zu der recht steifen und regelverhafteten Erwachsenenwelt. Dies bringt allerhand Dynamik in die Erzählung, deren Hauptcharaktere man schnell lieben lernt.

Ben natürlich, der versucht für sich Gerechtigkeit wieder herzustellen und dabei auf allerhand Barrieren stößt, Terry, der mit seinem schlechten Gewissen Ecken und Kanten bekommt. Beide Charaktere sind dennoch gleichermaßen liebenswert wie nachvollziehbar gestaltet. Die Erzählung ist dabei den gesamten Handlungsstrang, der einem Katz- und Mausspiel gleicht, humorvoll gehalten. Düsternis wird hier höchstens angedeutet, übernimmt jedoch nie ganz die Atmosphäre der Geschichte.

Abwechselnd aus Sicht der beiden Jungen wird sie erzählt, in einer Tonalität und Sprache, die auch heute noch funktioniert und sich genau so gut lesen lässt, wie zur Zeit des Erscheinens. Wohltuend die Tatsache, dass der erhobene Zeigefinger hier eher widerwillig erscheint, ansonsten jedoch kann man sich gut in die Atmopshäre der damaligen Zeit einfinden, in der Klassenunterschiede noch plastischer zu Tage trugen, als das heute der Fall ist. Auch damit ist es dem Autoren gelungen, zu spielen und Gegensätze zu schaffen.

Die flüssige Erzählung beschränkt sich dem Hauptteil der Geschichte auf einem Handlungsort, den es Franz Werner Schmidt gelungen ist, mit wenigen Zeilen lebendig werden zu lassen. Es braucht nicht viele Worte um sich zum Beispiel die Kombüse des Schiffs oder die Kabinen, das Schiffsdeck vorzustellen und das Chaos, welches der unfreiwillige und ungewöhnliche Gast entfacht. So bildhaft sind die Formulierungen. Mehrfach muss man schmunzeln und nicht nur die Zielgruppe, meine ich, geht aus dieser Erzählung gut gelaunt heraus. Diese eignet sich im Übrigen mit ihrer immer noch aktuellen und gut zu lesenden Sprache gut fürs erste Selbstlesen wie auch für das Vorlesen.

Sowohl die Ausgestaltung der Charaktere als auch der Handlungsorte funktionieren hier sehr gut. Nicht verwunderlich daher, dass Wolfgang Herrndorf sich von diesen zu seiner Geschichte „Tschick“ lose inspirieren ließ, sie in einer anderen praktisch nebenbei erwähnte. Auch hier geht es um Abenteuer, Freundschaft und eine ungewöhnliche Reise und so ist „Pik reist nach Amerika“ nichts anderes als ein „Tschick“ für jüngere Kinder.

Dieses Buch ist mir über die Social Media Plattformen des Verlags über den Weg gelaufen. Ich bin froh, diese und damit die Erzählung entdeckt zu haben, die man einfach nur als lieb bezeichnen kann. Relativ wenig ist über deren Autoren bekannt. Um so schöner, dass es die Erzählung geschafft hat, zu überdauern.

Autor:
Franz Werner Schmidt lebte von 1888 bis 1930 und war ein deutscher Schriftsteller und Lektor beim Franz-Schneider-Verlag.

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Ralph Grüneberger: Robert und der elfte Apfel

Inhalt:
Robert verbringt die Ferien bei seiner Großmutter auf dem Land, inmitten einer großen Obstplantage. Doch dort scheinen seltsame Dinge zu geschehen: Sind das die Schatten von Riesen nachts am Fenster? Und was hat es mit dem geheimnisvollen goldenen Apfel auf sich, den er auf der Wiese findet? Vielleicht hat er ja Zauberkräfte und kann die kranke Mutter heilen? Als die wütenden Riesen den goldenen Apfel gewaltsam zurückholen, bleibt Robert nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen und sich einen Wettkampf zu stellen. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam einem Märchen erzählt Ralph Grüneberger in seinem Kinderroman „Robert und der elfte Apfel“ vom Mut, sich zu überwinden, Einfallsreichtum und der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Die altersgerechte und moderne Adaption der Erzählung von David gegen Goliath, eignet sich besonders für das gemeinsame Lesen und im Anschluss darüber zu sprechen.

Erleben tun wir sie aus der Sicht von Robert, der zu seiner Großmutter aufs Land geschickt wird. Davon ist der kleine sympathische Hauptprotagonist zunächst gar nicht begeistert, da er diese kaum kennt und dort gleich in der ersten Nacht merkwürdige Dinge vor sich zu gehen scheinen. Außerdem würde er viel lieber seiner Mutter beistehen, die sich ins Krankenhaus begibt, um sich dort operieren zu lassen. Schließlich tobt das Ungetüm in ihrem Körper dort nun schon eine ganze Weile, was sie immer schwächer werden lässt. Doch vielleicht hat der goldene Apfel, den er auf der Plantage der Großmutter findet, ja heilende Kräfte? Nur dumm, dass auch andere daran interessiert zu sein scheinen.

So beginnt die Erzählung, die innerhalb eines Zeitraums weniger Tage unsere titelgebende Hauptfigur ein großes Abenteuer bestehen und über sich hinauswachsen lässt. Das Figurentableau ist dabei überschaubar und beschränkt sich auf eine Hand voll Charaktere, die wir nach und nach innerhalb der kompakt gehaltenen Kapitel kennenlernen. Vielschichtig sind dabei nicht nur Robert und seine Großmutter ausgestaltet, auch lernen wir Roberts Mutter anhand der Gedankengänge unseres Protagonisten kennen, damit auch seine Beweggründe, die ihn antreiben und durch die Geschichte führen. Gegensätze zu dem Robert bekannten Großstadtlebens werden anhand der Großmutter aufgezeigt, die in den Strukturen ihres Dorfes verankert ist und dort dennoch eine Sonderrolle einnimmt.

Diese Vielschichtigkeit zeigt sich jedoch nicht nur in diesen, sondern in allen Figuren, deren Beweggründe nach und nach deutlich werden. Wohltuend anzumerken ist, dass selbst die vermeintlichen Antagonisten nachvollziehbar handeln. Her hebt sich Ralph Grüneberger wohltuend von der Tradition grimmscher Märchen ab, in der mancher Gegenspieler wirklich abgrundtief böse handelt. Das passiert hier nicht, trotzdem bleibt es, zumindest für die Zielgruppe, durchgehend spannend.

Wendungen, nicht zu zahlreich, werden gekonnt eingesetzt, immer wieder mit Momenten des Innehaltens und Atemholens durchwoben. Dabei zieht mit zunehmender Seitenzahl das Erzähltempo in den Maße an, wie das Leid der Mutter im Vordergrund rückt und damit auch Roberts größte Herausforderung im Angesicht der Riesen.

Die Geschichte ist durchsetzt von phantasievollen Illustrationen, die die verschiedenen Teile des Buches von einander abgrenzen. Hierfür zeichnet sich der Illustrator Florian L. Arnold verantwortlich, der mit seinen Schraffuren nicht nur Roberts tierische Mitstreiter lebendig werden lässt. Auch die Briefe der Mutter unterbrechen den Fließtext, der ohnehin nicht ausufernden Kapitel, mit denen der Autor das Abenteuer seines kleinen großen Helden erzählt. Ein einzelner Übergang zwischen zwei Szenen wirkt dabei etwas holprig, was jedoch bei der Zielgruppe nicht ins Gewicht fallen dürfte, ist die Erzählung doch in ihrer Gesamtheit sehr stark.

Hierbei hilft die sich durch die Erzählung im Hintergrund ziehende Thematik. Ist schon das erste längere Getrenntsein von den Eltern eine große Herausforderung, ist die Erkenntnis, dass schwere Krankheiten auch vor diesen nicht halt machen, nochmal eine ganz andere Hausnummer. Dies ist gleichsam ein Kampf gegen innere Riesen, was wiederum den Bogen zur Abenteuergeschichte spannt, die Florian erlebt. Die Auflösung bleibt dabei kindgerecht. In ihrer Gesamtheit eignet sich die Geschichte damit eine Basis für ein altersgemäßes Gespräch in Bezug auf solche Themen zu finden.

Der Autor schafft es dabei, Handlungsorte ausreichend detailliert zu beschreiben. Auch hier hat man gleich einen Märchenfilm vor Augen, zudem die tierischen Protagonisten durch die textliche Darstellung sehr schnell ins Herz geschlossen werden. Lesende im fortgeschrittenen Grundschulalter werden daran sicher ihre Freude haben, zudem die bereits erwähnten Spannungsmomente das Ihrige dazu beitragen.

Wer ein vielschichtiges Kinderbuch sucht, welches die Zielgruppe ernst nimmt und trotzdem eine spannende wie phantasievolle Geschichte erzählt, ist mit „Robert und der elfte Apfel“ gut bedient, welche die ohnehin vielseitige Bibliographie des Autoren um einen weiteren eindrücklichen Baustein ergänzt.

Autor:
Ralph Grüneberger wurde 1951 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. 1978 begann er ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig. seit 1978 veröffentlicht er regelmäßig von Liedtexten über Prosa bis hin zu Lyrik und Kinderbüchern verschiedenes. Für seine Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Lesereisen führten ihn u. a. nach Frankreich, Polen und in viele weitere Länder. 1996 bis 2021 war er Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., jetzt ihr Ehrenvorsitzender, bis 2025 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, 2022-20223 übernahm er die Funktion als Schatzmeister Mitglied des Präsidiums. Veröffentlichungen in zahlreichen nationalen und internationalen Literaturzeitschriften und Anthologien erscheinen von ihm regelmäßig. Von 2006 bis 2021 war er Herausgeber der Zeitschrift „Poesiealbum neu“.

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Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten

Inhalt:
Im dritten Schuljahr wird es alles andere einfach. Für Lucian, Ian, Silia und Haiden beginnt das Abenteuer mit einem Rückschlag: Sie verpassen die Polarfuchs, das mächtige Schiff zur Zauberschule Moridan. Nun müssen sie über Umwege ans Ziel gelangen, ein Weg, der voller Hindernisse und unerwarteter Gefahren steckt. Doch ihre Reise wird von rätselhaften Visionen überschattet:

Ein gigantischer Vogel mit schimmernden Flügeln und ein gewaltiger Turm, an dessen Spitze sich ein bedrohlischer Mahlstrom formiert. Ein Buch, das sich nicht öffnen lässt, Piraten greifen Seefahrer an und was hat ein Jäger in der Schule zu suchen. Welche dunklen Geheimnisse verbergen sich hinter all dem? Die vier Helden müssen nicht nur den Herausforderungen der Schule trotzden, sondern auch einem Rätsel auf die Spur kommen, das ihre Welt für immer verändern könnte. (Klappentext)

Einordnung in der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

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Rezension:

Noch düsterer als die vorangegangenen Bände gibt sich der dritte Teil der Reihe um Jungmagier Lucian Mason, dessen Start ins neue Schuljahr turbolenter nicht sein könnte. Nachdem dieser in seinem zweiten Jahr etwas mehr über die Vergangenheit seiner Geschichte erfahren konnte und der Halt seiner Freunde zu ihm auf die Probe gestellt wurde, gerät nun Lucian noch mehr als ohnehin schon ins Zentrum der Ereignisse. Doch ist schnell klar, egal, welchen Weg er wählen wird, diese Entscheidung wird alles verändern.

Die Fortsetzung des Urban Fantasy Abenteuers aus der Feder von Patric J. Kaaf könnte rasanter nicht beginnen. Gleich zu Anfang werden der Protagonist und seine Freunde auf die Probe gestellt, deren Reise uns Lesende noch mehr über die magische Welt erfahren lässt, die mehr denn je dem Abgrund nahe scheint. Rasant wird dieses Schuljahr erzählt, in dem neue Figuren eingeführt werden, insbesondere die Antagonisten bekommen vielschichtige Figuren zur Seite gestellt. Nichts ist, wie es scheint, doch wird so die Probe für Lucian und die anderen Protagonisten noch größer als bisher.

Das Spiel der verschiedenen Seiten verläuft rasanter als in den vorangegangenen Bänden, was nicht zuletzt an der Art des Erzählens liegt. Der dritte Band ist kompakter gehalten als die Vorgänger. Hier merkt man den Flow, in dem Patric J. Kaaf mehr und mehr hineingefunden hat. Zwar gibt es immer noch Flüchtigkeitsfehler in manchen Formulierungen, doch werden diese immer weniger, so dass man sich ganz auf dieses fesselnde Abenteuer einlassen kann, in welchem nicht nur der Protagonist sich von einer verletzlicheren Seite zeigen darf. Im Gegenteil, Lucian Mason darf auch hier Ecken und Kanten haben, Fehler machen, zeigt sich dabei lernfähig und reflektiert.

Dies macht den Hauptprotagonisten glaubhaft, wie auch, dass gerade seine Freunde nicht alles hinnehmen, sondern vielschichtig reagieren. So sehr, dass man manchmal zwei Seiten hervorblitzen sieht, was sich besonders an Ian als weiteren der vier Hauptfiguren festmachen lässt. Die Ausgestaltung der Gegenseite ist es jedoch, was diesen Band ausmacht, sowie auch die Zunahme weiterer Handlungsorte, die auch die große Japan-Liebe des Autoren hervorblitzen lässt, geschweige denn von praktisch filmreif durchchoreografierten Kampfszenen. Wobei, da könnte noch mehr gehen.

Lucian Mason ist zugleich Handlungstreiber, doch zunehmend bestimmen auch die Perspektiven anderer Figuren das Geschehen, welches in sich schlüssig ist, wenn auch mancher Übergang noch glatter daherkommen könnte. Trotzdem gelingt Patric J. Kaaf auch hier ein Spannungsbogen, der diesen Band nicht zu sehr nach Mittelstück aussehen lassen, woran viele vergelichbare Reihen in dieser Höhe einfach kranken. Das ist hier hoch anzurechnen. Auch die Einarbeitung von Rückblenden oder Buchsichten (Ja, die.) fügt sich hier logisch.

Die Zunahme von Handlungsorten erweitert die magische Welt, macht sie noch fassbarer, wobei dies auch der Tatsache geschuldet ist, dass in Teilen Band 3 ein magischer Roadmovie ist, dem man einfach gerne folgt. Cliffhanger verbinden dabei gekonnt die einzelnen Kapitel, deren Szenerien gut vorstellbar sind. Auch hierbei wird kein unnötiges Wort oder gar eines zu viel verloren.

Vom Gefühl her würde ich diesen Band noch zu den für jüngere Jugendliche geeigneten zählen. Wie es mit Teil 4 aussieht, darf man gespannt sein. Folgt da ein harter Bruch oder schafft es der Autor das Mitwachsen des Lesepublikums ebenso fließend zu gestalten, wie es ihm bisher gelungen ist? Das eine solche Wendung naht, lässt zumindest die zunehmende Rasantheit vermuten. Hier darf man gespannt sein, aber auch, welche Prüfungen magischer oder anderer Natur Lucian und seine Freunde noch bestehen werden müssen und wie sich deren Verhalten mit zunehmenden Alter und weiterer Erkenntnis verändert.

Alleine diese Fragen schon lohnt ein Blick in die nächsten Bände, die hoffentlich genau so spannungsreich wie vielschichtig werden. Man freut sich jedenfalls nach diesem auf weitere Abenteuer von Lucian und seinen Freunden.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen

Inhalt:

Lucian Mason kehrt nach Moridan zurück, doch diesmal ist alles anders. Nach seinem triumphalen Sieg über Sivenna erwartet Lucian ein ruhiges Schuljahr. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Zusammen mit seinen Freunden wird er mit Geisterproblemen, Lichtklingen, Monstern und Streit konfrontiert. Eine mysteriöse Katze und ein geheimnisvoller Wolf kreuzen seinen Weg und stellen ihn vor ungeahnte Herausforderungen. Als Lucian plötzlich an einem Ort landet, wo ein gewaltiger Baum auf ihn wartet, muss er erneut seinen Mut beweisen. Das Abenteuer, das vor ihm liegt, übersteigt alles, was er sich je vorstellen konnte.

Tauche ein in eine magische Welt und erlebe ein Abenteuer voller Magie, Geheimnisse und Mut.

Denn wir sind Moridan.
(Klappentext)

Bücher der Reihe:

Patric J. Kaaf: Lucian Mason 1 – Und der Splitter des Schicksals
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 2 – Und der Baum der Erinnerungen
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 3 – Und der Turm des Schatten
Patric J. Kaaf: Lucian Mason 4 – Und das Erwachen der Finsternis

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Rezension:

In der Tradition typischer Internatsliteratur mit magischen Einsprengseln entführt uns Patric J. Kaaf erneut in die magische Welt Lucian Masons ein, der nun nach einem turbulenten ersten sein zweites Schuljahr im magischen Moridan beginnen soll. Die Geschichte, die erneut Coming of Age und Jugendliteratur gekonnt in eine Urban Fantasy einbindet, zeigt, wie eine Fortsetzung gelingen und ein zweiter Band keineswegs immer der schlechtere einer Reihe sein kann.

Dabei treten zu Beginn wieder Akteure auf, die für den Verlauf der Erzählung eine Rolle spielen werden, ohne zu viel vorweg zu nehmen, gleichzeitig gelingt es dem Autoren Lesende in den Bann einer Handlung zu ziehen, die zugleich ihre dunklen Schatten vorauswirft, ohne die jenigen zu verlieren, deren magische Reise mit den Auftaktband schon eine ganze Weile her ist.

Eine zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse bekommt man praktisch innerhalb des Anfangs der Geschichte mitgeliefert, so dass ein schneller Wiedereinstieg gelingt und man sich voll und ganz den Charakteren, ihren Abenteuern und den Herausforderungen widmen kann, vor denen diese stehen.

Wieder im Vordergrund steht der titelgebende Hauptprotagonist, der auch hier empfindsamer und vielschichtiger sein darf, als auch wortwitziger auftreten darf, als dass eine gewisse Figur eines britischen Epos‘ sein darf, was eine Wohltat ist, ebenso wie die feine Zeichnung von Nebencharakteren, die noch mehr Raum bekommen, ebenso Herausforderungen zu bestreiten. Lucians größte, sich auf Ruhmeszuschreibungen einzulassen und auch Neid und Missgunst zu widerstehen, zugleich seinen Gerechtigkeitssinn zu Tage treten zu lassen, gelingt hier durch den gesamten Handlungsstrang hinweg, der mit zunehmender Seitenzahl ordentlich am Tempo zieht.

Nebst der Darstellung der Charaktere muss das Worldbuilding hervorgehoben werden, sowie das Magiesystem, welches eine ganz besondere Rolle in diesem Band bekommt. Der Herausforderung, eine Lichtklinge zu erlangen, mächtiges magisches Instrument dieser Welt, sind nicht alle Schülerinnen und Schüler gewachsen, aber auch Grundlage und Handlungstreiber für allerhand Abenteuer, in denen sich Lucian ohne es zu wollen, wiederfindet.

Hier nicht den Faden zu verlieren, ohne größere Logikfehler und unglaubwürdigen Wendungen, hat funktioniert. Auch merkt man deutlich, wie sich Schreib- und Erzählstil Patric J. Kaafs verbessert haben, trotzdem der Auftaktband und dieser als Fortsetzung natürlich nur zusammen funktionieren.

Die temporeich erzählten Kapitel fördern eine Lesegeschwindigkeit, durchsetzt mit zahlreichen Spannungsmomenten, auch Gegensätze funktionieren in diesem Setting gut. Trotz eingearbeiteten Lektorat stößt man hin und wieder aber auf Rechtschreibfehler, trotzdem meine ich auch hier eine Besserung im Gegensatz zum Erstling zu bemerken. So widmet man sich, wenn man denn stolpert, schnell wieder den Kampf zwischen Gut und Böse, Lüge und Wahrheit und Lucians Willen, auch mehr über sich selbst herauszufinden und zu bestehen.

Auch spürt man das Brodeln unter der Oberfläche, wobei die Herausarbeitung des Temperaments vom besten Freund der Hauptfigur mal witzig, mal erschütternd ist zu verfolgen, jedoch immer gelungen. Man fiebert mit. Man leidet mit. Auch ist man mal wütend. Das schafft eine teilweise sehr filmische Beschreibung. Lucian Mason als Miniserie wäre hier sehr gut vorstellbar.

Zeitebenen und Perspektiven wechseln, rahmen vor allem die Geschichte ein, um sich dann und wann zu berühren und am Ende teilweise zu verschwimmen. Wenn man junge Jugendliche als Zielgruppe ansetzt, könnte das durchaus eine Herausforderung beim Lesen bedeuten, auch ist die stetige unterschwellige Bedrohung und Düsternis ein Markenzeichen des Bandes, der mit seinen Beschreibungen von Auseinandersetzungen an japanische Kampfszenen erinnert. Auch das ist ein Element, welches selten so gelungen beschrieben wird.

In diesem Zusammenspiel funktioniert diese Fortsetzung des Auftaktbandes noch besser, da insgesamt rasanter aber auch harmonischer wirkend. Gerne bleibt man dran, um mehr über Lucian und die magische Welt zu erfahren, der behutsam neue Elemente hinzugefügt werden, deren Ausgestaltung Patric J. Kaaf im Verlauf der Reihe noch weiter forcieren wird. Einige Nebenfiguren, auch neue, bekommen so mehr Raum, auch gelingt es dem Autor sich in den passenden Momenten zurückzunehmen und diese in den Vordergrund treten zu lassen.

Habe ich für den Auftaktband noch wohlwollende vier Sterne gegeben, hält diese Bewertung nun auch unter Zuhilfenahme strengerer Gesichtspunkte stand. Dass ich praktisch eine Version mit Anmerkungen des Lektorats erhalten habe, dürfte der Aufregung einerseits, andererseits meinem Kaufverhalten geschuldet sein. In einer späteren Version sind sie nicht mehr anzutreffen.

Die Reihe lohnt sich folglich, sie weiter zu verfolgen, zudem gerade aus dem deutsprachigen Raum ich wenig vergleichbares gefunden habe. Auch wer bestimmte Urban-Fantasy-Elemente in Verbindung mit einer Coming of Age Geschichte sucht, wird hier fündig werden. Abenteuersuchende ohnehin. Denn, wir alle sind Moridan.

Autor:

Schon immer von Games und Filmen fasziniert, wollte Patrick J. Kaaf in diese Branche Fuß fassen. Als dies nicht funktionierte, begann er auf Anregung hin, seine Ideen aufzuschreiben. So entstand u. a. sein Roman „Lucian Mason und der Splitter des Schicksals“, der den Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe bildet.

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Murmel Clausen: Leming

Inhalt:
Sie ist nicht so leicht, diese Sache mit dem Leben als geradenoch-Teenager: Kolja, Verena und Reinhold treffen in einem Suizid-Forum im Internet aufeinander. Gemeinsam wollen sie, um dem Ganzen ein passend dramatisches Ende zu setzen, an den Plattensee, um in einen erloschenen Vulkan zu springen. Nur dass Kolja eigentlich mitfährt, um die anderen beiden von dem Vorhaben abzubringen. Doch können eine chaotische Reise in einem getunten Audi, ein toter Opa, eine wilde Partynacht am Balaton, eine Sonnenfinsternis und letztlich ihre Freundschaft Verena und Reinhold neuen Lebensmut schenken? (Klappentext)

Rezension:
Knallhart ehrlich und brutal im Umgang mit seinen Protagonisten ist das vorliegende Jugendbuch „Leming“, von Schriftsteller und Drehbuchautor Murmel Clausen, der sich behutsam einer Thematik widmet, die schon eine Altersgruppe weiter schwierig zu händeln ist. Doch liest sich diese kleine, aber feine kompakte Erzählung über Suizidalität erstaunlich leichtgängig und kann damit einen Anker für junge Menschen schaffen, einen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu finden.

Ein solcher Anker im Buch ist Kolja, Hauptprotagonist des Romans, der sich vor allem von seinem Vater unverstanden fühlt, ansonsten jedoch seine Rolle bereits zu Beginn der Geschichte gefunden hat. Er ist die gute Seele eines düsteren Forums, in dem sich Menschen über suizidale Gedanken austauschen, redet auf dessen Mitglieder ein und versucht sie so von manch einem angestrebten allerletzten Schritt abzuhalten.

Fein ausgearbeitet erfahren wir nach und nach mehr über sein Leben un dessen Sicht, aus der wir der Erzählung begegnen. Wir begleiten ihn auf einen Roadtrip Richtung Ungarn, in dem er versuchen wird, zwei Mitglieder des Forums, denen er sich nahe fühlt, unter Vorgabe, dass er ebenfalls einen Schlusspunkt ans Leben setzen wolle, von eben diesem abzuhalten. Doch ist dies überhaupt eine händelbare Aufgabe für einen Jugendlichen oder nicht doch mehrere Nummern zu groß?

Diese Frage schwingt über die gesamte Erzählung immer mit, die von der Dynamik des Hauptprotagonisten im Zusammenspiel mit zwei weiteren Nebenfiguren lebt, die nach und nach an Ecken und Kanten gewinnen. Sie alle sind nachvollziehbar gezeichnet, wankend in ihren Gefühlswelten, ebenso ist der Abstand vom Alter der Protagonisten glaubwürdig in ihren Charakteren dargestellt.

Reinhold als Ältester wirkt abgeklärt und in seinem Willen klar, während Kolja als Jüngster in seinen Gedankengängen schwankend und zuweilen unsicher dargestellt wird. Das macht die Figuren fassbar, auch wenn der Autor nur wenige Seiten braucht, um um sie herum eine sehr einnehmende Sogwirkung zu entfalten. Tatsächlich lässt sich dieser kleine Roman flüssig lesen. Die ernste thematik wird dabei immer wieder unterbrochen von Stellen mit Leichtigkeit und durchaus feinsinnigen Humor. Dadurch ist die Geschichte nicht nur für die Zielgruppe, sondern auch darüber hinaus lesbar.

In die Figuren kann man sich gut hineinversetzen. Der Hauptprotagonist ist hier Taktgeber und guter Beobachter. Zwar ahnt man durchaus schnell, wie die Erzählung ausgehen wird, doch liegt das am Genre und der Zielgebung des Autoren selbst, der ein eigenes Erlebnis zum Schreibanlass genommen hat. Am Ende des Buches stehen dann auch Hinweise und Links in Form von QR-Codes zur Telefonseelsorge als Zeichen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein sein muss und es durchaus Hilfsangebote da draußen gibt. So ist dieses Buch Gesprächsangebot und Denkanstoß zugleich, auch wohl sehr gut in Schulen als Diskussionsanstoß denkbar.

Das liegt an der Ausgestaltung und Nahbarkeit der Protagonisten, ebenso am filmischen Schreibstil, der die wenigen Handlungsorte sehr plastisch vor Augen führt. Irgendwie passend, dass der Autor die Schein- und Trostlosigkeit des Balatons genommen und zumindest bei mir einen sehr ermüdenden Balaton-Urlaub in Erinnerung gerufen hat. Hier gibt das einmal Pluspunkte. Jedenfalls kann man sich das alles gut vorstellen. Murmel Clausen spielt da seine Profession als Drehbuchautor sehr in die Hände. Auch hat er damit unglaubwürdige Wendungen und Sprünge vermieden, wenn man einmal von der Vorhersehbarkeit absieht, die in diesem Genre fast gegeben zu sein scheint. Trotzdem fühlt sich „Leming“ in etwa so an, wie ein „Tschick“. Nur eben düsterer.

Dieses Buch hat das Zeug zur Schullektüre, spricht vor allem Jugendliche an, kann aber dennoch darüber hinaus gut gelesen werden, ohne großartig Abstriche machen zu müssen. Es ist Murmel Clausens Aufforderung über ein gesellschaftliches Tabu ins Gespräch zu kommen, was nur selten aufs Tableau gebracht wird, wenn überhaupt, dann, wenn es bereits zu spät ist. Die Ausgewogenheit zwischen der Schwere der Hauptthematik und die Leichtigkeit eingestreuter, auch fröhlicher Momente, macht die Erzählung dem zugänglich.

Man darf sich mehr solche kleinen aufs Wesentliche konzentrierte Geschichten wünschen, die vor allem ihre Zielgruppe ernst nehmen. Es wäre für uns alle ein Gewinn.

Anmerkung: Bei der Altersempfehlung würde ich ab 12/13 Jahren ansetzen.

Autor:
Claus-Henric „Murmel“ Clausen wurde 1973 in München geboren und ist ein deutscher Drehbuch- und Romanautor. Zunächst arbeitete für das Radio, nevor er gemeinsam mit Michael Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz Drehbücher für verschiedene Fernsehshows zu schreiben begann. 2012 erschien sein erster Roman, dem weitere folgten, sowie Drehbücher zu mehreren Tatorten. Für seinen Roman „Leming“ wurde er 2024 mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs“ von Radio Bremen und der Zeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

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Matias Riikonen: Matara

Inhalt:
Ein Buch, das uns Lesende in die Kindheit zurückführt und nachempfinden lässt, wie groß und unendlich wichtig alles war. Denn Matara ist ein Staat – geboren aus kindlicher Imagination. Es ist die Geschichte von Jungen, die im finnischen Wald einen Staat mit Grenzen, Gesetzen und einer Armee entstehen lassen. Sie patrouillieren, tragen Schwerter, führen Krieg und haben Gesetze. Das Wichtigste besagt: Es ist verboten, von dem zu sprechen, was außerhalb von Matara passiert. (Klappentext)

Rezension:
Wenn man den „Krieg der Knöpfe“ mit „Herr der Fliegen“ vermengt und eine Prise „Peter Pan“ hinzufügt, erhält man im Finnischen „Matara“. Dies ist ein Land, geboren aus der kindlichen Phantasie einer Herrscharr von Jungen, die in den nordischen Wäldern ihre Sommerferien verbringen. Beaufsichtigt von den Erwachsenen werden sie nur in der eigentlichen Einrichtung, doch bleibt diese außen vor, sobald die Kinder und Jugendlichen ihre Fahrräder abstellen und das Tor hinter sich schließen. Der Autor Matias Riikonen erzählt in seinem Übersetzungsdebüt von Kämpfen und Ränkespielen, Ritualen in Matara, in dem Phantasie und Wirklichkeit miteinander verschwimmen.

Diese Erzählung schwebt geradezu förmlich zwischen Jugendroman und Erwachsenenliteratur. In ausschweifenden Naturbeschreibungen eingebettet, begleiten wir die Protagonisten im Alter zwischen neun und fünfzehn Jahren, die in ihrer Gedankenwelt einen Staat nach altem römischen Vorbild haben entstehen lassen, dessen Geschehnisse für wenige Wochen alles überlagert. Langsam werden wir in diese Szenarie eingeführt, in der wir jeden Windhauch spüren werden, jeden Ast unter unseren Füßen. Das Erzähltempo steigert sich dabei allmählich von Kapitel zu Kapitel. Atemlos steuert man in „Matara“ auf ein großes Finale zu, welches alles verändern wird.

Vor allem die Sicht zweier Brüder, die anders als die anderen Figuren unbenannt bleiben, ist es, durch die wir die Geschehnisse verfolgen. Ihnen folgen wir durch das Gestrüpp und machen uns von ihrer Umgebung ein Bild. Anfangs ist nicht klar, was genau Phantasie ist und wo die Wirklichkeit beginnt. Doch die zwei Hauptprotagonisten nehmen schnell Formen an. Auch ihre Sicht auf die Dinge wird schnell nachvollziehbar. Zeile für Zeile wird das Gefüge klarer, auch die Feindbilder der Jungen, andere „Stämme“. Ob aus der gleichen Einrichtung stammend, bleibt im Unklaren. Nicht alles wird hier erläutert. So scheint es sich mit „Matara“ um ein reines Jungen-Camp zu handeln. Mädchen existieren in dieser Welt nur im übertragenen Sinne.

Feindbilder indes sind schnell klar, sowie auch die Charaktere, denen sich die Jungen zu eigen machen. Dieses komplexe Gebilde trägt die Geschichte, in der stets eine unterschwellige Spannung mitschwingt. Diese Gegensätze entfachen eine gute Dynamik, derer man gerne folgt. Auch gibt es keine Lücken oder Wendungen, die Unklarheiten offen lassen. Die Brutalität eines „Herr der Fliegen“ wird dadurch abgemildert, dass die Kinder auch beim brutalen Spiel mit den Holzschwertern am Ende noch zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden können. Wer besiegt ist, nimmt sich aus dem selbigen. Wie, ist faszinierend nachzuspüren.

Der Autor weiß an den richtigen Stellen Akzente zu setzen, ausführliche Beschreibungen wechseln mit Zeilen ab, in denen man lesend sich seinen eigenen Gedanken überlassen wird. Auch das zunächst unmerklich, dann immer schneller steigenede Erzähltempo tut dazu sein Übriges. Förmlich wird man in diese Welt eingesogen, kann sich das allesamt vorstellen. Auch jeden Mückenstich.

Wer die Mitte sucht zwischen „Herr der Fliegen“ und „Krieg der Köpfe“ wird sie in „Matara“ finden, nach meinem Empfinden insgesamt aber flüssiger lesbar. Die darin beschriebene Welt zeigt all das, was mit Verwachsen der kindlichen Phantasie verloren geht. Große Abenteuer, aber auch die Brutalität des Erwachsenwerdens. Versammelt auf so wenigen Seiten, ist Matias Riikonen hiermit ein Meisterstück gelungen.

Autor:
Matias Riikonen wurde 1989 geboren und ist ein finnischer Schriftsteller. Er hat in Helsinki Literatur studiert und wurde für sein Debütroman 2012 mit den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet. „Matara“ ist sein erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde.

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Michaela Göhr: Fantastische Abenteuer 1 – Ein unglaubliches Band

Inhalt:
Timo findet sich eigentlich ganz normal. Und mal ehrlich – kann er was dazu, dass er zufällig blind ist? Eines Tages zieht im Nachbarhaus eine Familie mit einem Jungen in seinem Alter ein. Und der ist nun echt nicht normal! Alles, was Simon sich vorstellt, wird wirklich – egal, ob es sich um Schokotorte, Inline-Skates oder einen megastarken Riesen handelt. Schnell freunden sich die beiden ungleichen Jungen an und erleben aufregende Abenteuer zusammen. Eigentlich läuft alles perfekt – bis finstere Gestalten aus Simons Vergangenheit auftauchen und sowohl die Freunde als auch ihre Familien in große Gefahr bringen. (Klappentext)

Reihe:
Dies ist der erste Band der Kinderbuchreihe „Fantastische Abenteuer“, von Michaela Göhr. Parallel dazu gibt es eine Jugend-/Erwachsenenbuchreihe „Der Fantast“, die im Bereich Urban Fantasy den Protagonisten Simon durch sein Leben begleitet. Beide Reihen können unabhängig von einander gelesen werden.

Rezension:
Parallel zu der Urban-Fantasy-Reihe „Der Fantast“, ist aus der Feder von Michaela Göhr eine andere entstanden, die sich mehr an jüngere Leserinnen und Leser richtet. Mit „Fantastische Abenteuer“ sprengt die Autorin jede Einsortierung von sich selbst, in den Grenzen von Genres bis zu Zielgruppen und hat hier für Kinder eine ganz wunderbare Erzählung geschaffen, die die Kindheit der bereits in den Bänden für eine, nur etwas, ältere Leserschaft, noch einmal näher beleuchtet. Entstanden dabei ist eine Reihe über Freundschaft, Mut, Zusammenhalt und des über sich Hinauswachsens.

Nicht ganz so rasant wie in „Der Fantast“, lässt die Autorin hier die Geschichte aus Sicht des Freundes von Timo erzählen, der mit seiner Begabung, Dinge aus seiner Vorstellung heraus Wirklichkeit werden zu lassen, nicht nur das Zusammensein und Spielen zur Herausforderung werden lässt. Auch Begehrlichkeiten bei finsteren Menschen hat Simon längst geweckt, die seine Fantasie für ihre Zwecke einspannen wollen. Dies ist der Grund, warum der Junge und seine Familie in Timos Nachbarschaft ziehen.

Und Timo hat mit einer ganz eigenen Herausforderung zu kämpfen. Er ist blind und muss sich daher auf seine anderen Sinne verlassen. Doch sein neuer Freund wird ihn helfen, über sich hinauszuwachsen, sich auch mal etwas zu trauen, dabei jedoch als gleichrangig angesehen wird. Schon damit ist die Erzählung ungeheuer stark. Einw Einschränkung erzählt Michaela Göhr in ihrem kurzweiligen Roman nicht als Schwäche, sondern als Chance, zudem auch Timo sehr schnell die Rolle sowohl als Simons Korrekturat einnimmt. Zudem wird der Junge sehr schnell entdecken, dass auch der scheinbar perfekte Freund mit ganz eigenen Grenzen zu kämpfen hat.

Dies ist hier etwas anders herausgearbeitet als in der Jugendbuch- und Erwachsenenreihe. Eine Spur behutsamer. Während in „Der Fantast“, Simon, aus dessen Sicht heraus dort die Geschichte erzählt wird, manchmal eine Spur zu egositisch und sich selbst überschätzend, rüberkommt, wirkt hier der Wechsel der Perspektive sich wohltuend aus. Die Kindheit beider wird hier auf mehrere Bände gestreckt erzählt, in kompakten Kapiteln, immer wieder aufgelockert durch kleine Zeichnungen und im Anschluss mit einem kleinem Glossar, in denen vorkommende Begriffe, wie die Braille-Schrift, kindgerecht erklärt werden.

Nicht zuletzt die beiden Hauptprotagonisten sind auch hier feinsinnig ausgearbeitet, mit all ihren Schwächen und Stärken. Wie Inklusion funktioniert, natürlich im Sinne der Geschichte, zeigt die Autorin sehr unaufgeregt, ohne erhobenen Zeigefinger. Alle Figuren haben so ihre Ecken und Kanten. Selbst die Antagonisten sind nachvollziehbar gestaltet. Gegensätze, schon in Bezug der beiden Hauptfiguren zueinander, fügen sich in die Erzählung ein, ohne Lücken oder unerklärliche Wendungen entstehen zu lassen.

Insbesondere Timo ist als Identifikationsfigur gut herausgearbeitet. Nicht nur, dass man die Welt einmal aus einer gänzlich anderen Perspektive wahrnimmt, sondern auch seinen Gefühlen ob der Sprunghaftigkeit und Abenteuerlust, was milde ausgedrückt ist, seines Freundes gegenüber. Er ist schon ob seiner Voraussetzungen der ruhigere, überlegende nachdenkliche Part der beiden. Auch das ist hier als Plus-Punkt anzusehen, einmal einen solcher Art gestalteten Hauptcharakter zu haben.

Die Erzählung selbst ist nachvollziehbar und in sich schlüssig gestaltet. Rasante Momente wechseln sich hier etwas regelmäßiger als in „Der Fantast“, mit etwas ruhigeren ab. Diese gehören auch mit den darin formulierten Beschreibungen zu den stärkeren der Geschichte. Diese lebt insbesondere von kleinen Details, die ab und an eingestreut werden. Wie fühlt sich das an, wenn man, wortwörtlich, den Boden unter den Füßen verliert, den Grund dafür vielleicht zu wissen, aber eben nicht zu sehen? Das und anderes wird hier so ganz nebenbei kindgerecht erzählt und schafft „Einblick“ in eine sonst nicht oft zur Sprache gebrachten Welt.

Und trotzdem oder gerade deswegen kann man sich das Beschriebene bildlich gut vorstellen, sowohl was Orte als auch Figuren und ihre Handlungen angeht. Die Reihe funktioniert dabei für sich alleine, ebenso auch in Ergänzung zum parallel existierenden „Fantasten“. Hier ist Mitwachsen möglich. Wer Erzählungen für Kinder sucht, die unaufgeregt, Themen wie Inklusion und Freundschaft, Zusammenhalt, näherbringen, liegt hier in jedem Fall richtig. Auch die Einbindung fantastischer Elemente in die reale Welt funktioniert hier im Übrigen.

Michaela Göhr, die auch hier wieder Erfahrungen aus ihrer Arbeit in der Sonderpädagogik eingebracht hat, hat es mit diesem Buch noch einmal mehr geschafft, sich schriftstellerisch zu steigern und auch den Spagat zwischen Kinder- und Jugend- oder junger Erwachsenenliteratur hinzubekommen. Den fünften Stern möchte ich einmal offen lassen, um zu sehen, was da noch kommt.

Autorin:
Michaela Göhr ist eine deutsche Schriftstellerin und wurde 1972 im Sauerland geboren. Zunächst studierte sie Sonderpädagogik und arbeitet seit vielen Jahren an einer Förderschule Sehen. Mit dem Schreiben von Geschichten begann sie bereits in ihrer Kindheit. Ihren ersten Roman verfasste sie 2014. Seitdem schreibt sie Urban Fantasy für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

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Michaela Göhr: Fantastische Abenteuer 1 – Ein unglaubliches Band Weiterlesen »

Michaela Göhr: Der Fantast 1

Inhalt:
Simon erscheint auf den ersten Blick wie ein durchschnittlicher junger Mann. Seine mentale Kraft ist jedoch phänomenal: Alles, was er sich vorstellt, wird real, gegenständlich, lebendig! Merkwürdige, aufreibende Ereignisse sind seit seiner frühesten Kindheit an der Tagesordnung, was die verzweifelten Eltern dazu bringt, sich Spezialisten anzuvertrauen. Ein Entschluss, der das Leben der kleinen Familie in große Gefahr bringt. Simon wehrt sich auf seine ganz eigene Art. Seine Vorstellung wächst mit ihm, bis er mit der geballten Macht seiner Fantasie zurückschlägt …

Mit diesem Buch beginnt die spannende Lebensgeschichte des Fantasten, einem der ungewöhnlichsten Helden unserer Zeit. (Klappentext)

Reihe:
Dies ist der Auftaktband, also Band 1, der Reihe „Der Fantast“, der mit der Kindheit des Protagonisten beginnt und ein ganzes Leben erzählt. Parallel zu der aus fünf Bänden bestehenden Reihe, gibt es eine Kinderbuch-Reihe, die die Kindheit und Jugend des Protagonisten aus Sicht seines Freundes erzählt und breiter ausfächert, die hier mit Band 1 beschrieben ist.

Rezension:
In einer Mischung aus Fantasy-Roman und Jugendbuch nimmt Schriftstellerin Michaela Göhr ihre Leserschaft auf eine Reise voller Abenteuer und Gedanken, die die Welt verändern werden. Entstehen tun diese im Kopf des Protagonisten, der sie zu Gegenständen und Objekten formt, die wirklich werden, ohne sichtbar zu sein. Schon früh jedoch werden darauf andere aufmerksam, die diese Fähigkeiten für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen. Mit zunehmenden Alter aber lernt Simon diese Kräfte immer besser zu formen und zu beherrschen, um für das Gute zu kämpfen. Gegen alle Widerstände.

Der Auftaktband, die seinen Fokus auf Kindheit und Jugend, bis hinein ins junge Erwachsenenalter des Protagonisten legt, ist eine Genre-Mischung par excellence und verbindet darüber hinaus auch noch zwei Reihen über Altersgrenzen hinweg. Mit „Der Fantast“ wird die Lebensgeschichte von Simon begonnen zu erzählen, der mit seiner ungewöhnlichen Begabung Begehrlichkeiten weckt, jedoch diese in etwas Positives umwandeln möchte, die davon abzweigende Reihe „Fantastische Abenteuer“ ist dagegen unter den Kinder- und frühen Jugendbüchern angesiedelt. Sie erzählt die Abenteuer der Kindheit und Jugend, aus Sicht des besten Freundes des Protagonisten, der trotz seiner Einschränkungen, Timo ist blind, im übertragenen Sinne zum Auge Simons, und auch dessen Gewissen, wird.

Doch mit „Der Fantast“ führt die Autorin in das Leben beider Protagonisten ein, die sich ob ihrer Einschränkungen und Begabungen gegenseitig ergänzen. Schon mit den ersten Konturen der Geschichte werden Ecken und Kanten der protagonisten sichtbar, die bei aller beschriebener Perfektion, die Simons Fähigkeiten hervorzubringen scheinen, Risse und Herausforderungen erscheinen lassen. Oberflächlich scheint der Protagonist das Mary Sue Klischee in Reinform zu bedienen, doch gerade im Zusammen- und Gegenspiel zu anderen Figuren zeigt sich das Unperfekte, auch in den Charakterzügen Simons. Gerade wenn dieser zweifelt und an seine Grenzen gelangt, die, ja, in anderen Sphären liegen als die ihn umgebender Menschen, zeigt sich eine gewisse Bandbreite, woraus kurze Momente des Innehaltens entstehen. Hier hat Michaela Göhr nicht nur ruhige Augenblicke, sondern besonders starke Szenen geschaffen.

Die Antagonisten sind klar definiert, zum Teil jedoch vielschichtiger und wandlungsfähiger als der Hauptprotagonist selbst, wobei dieser durch die Autorin in den Folgebänden sicherlich noch weiter entwickelt wird. Trotzdem kann man sich in beide Seiten gut hineinversetzen, gerade auch in deren Zusammenspiel. Daraus entstehende Szenen bleiben eher im Gedächtnis, trotzdem die Geschichte kaum Atempause zulässt, was manchmal des Guten zu viel wirkt, als vorkommende Dialoge. Die Stärke des Romans liegt vor allem in der Beschreibung von Aktionen der Figuren.

Perspektivisch wird die Geschichte vor allem aus der Sicht Simons erzählt, während andere Sichtweisen nur durch Dialoge und Wortwechsel zum Tragen kommen. Das Erzähltempo schafft spannungsreiche Momente, die aneinandergereiht wie auf eine Perlenkette durch die Erzählung führen, was zwar ein flüssiges Lesen schafft, andererseits auf Dauer jedoch ermüdet. Kurz den Roman pausieren lassen, um dann weiterzulesen, sollte jedoch hier helfen. An der einen oder anderen Stelle hätten hier ruhigere Momente dem Text gut getan, aber auch hier muss man eventuell den Band im Kontext der Reihe oder, wenn man die Kinderbuchreihe dazu nimmt, von Michaela Göhr geschaffenen Welt betrachten.

Positiv hervorzuheben ist, dass keine größeren Lücken oder unlogischen Wendungen im Sinne der Geschichte zu finden sind, was einem nicht stocken lässt, im Gegensatz zu ein paar Schreibfehlern, die aber gut und gerne in darauf folgenden Auflagen korrigiert werden könnten. Ansonsten fallen diese nicht weiter ins Gewicht.

Michaela Göhr beflügelt jedoch die Fantasie. Wenn Gedanken wirklich werden könnten, was würde man selbst damit anfangen? Beginnend beim Schokoeis, welches dann tatsächlich sich so anfühlt und auch so schmeckt wie echtes, ansonsten aber unsichtbar ist, bis hin zu Gegenständen oder Fluggeräten. Würdet ihr euch in einen Hubschrauber setzen, den ihr zwar fühlen, berühren, dessen Türen ihr öffnen, ihn aber ansonsten nicht sehen könntet? Und wenn er euren eigenen Kopf entspringen würde?

Mit ein paar Abzügen in der B-Note, jedoch Potenzial nach oben, zieht dieser Roman mit diesen Gedankengängen in die Geschichte hinein, zudem man sich das alles vorstellen kann. Noch spannender wird es dann sicher im weiteren Verlauf, wenn noch mehr Facetten, vor allem von Simon, sichtbar werden.

Da „Der Fantast“ sich weder an normale menschliche noch an Genre-Grenzen hält, ist diese Urban-Fantasy-Erzählung sowohl im Jugendbuchbereich lesbar, mit leichter Gewichtung zum zweiten. Elemente wie Freundschaft, Zusammenhalt, Mut und Über-sich-Hinauswachsen und ja, auch das Erkennen von Möglichkeiten und das Treffen von Entscheidungen werden hier thematisiert. Sehr viel schon für einen Auftakt, bei dem man gespannt sein darf, was Michaela Göhr in den Folgebänden daraus bereits gemacht hat.

In diesem Sinne gibt es hier gerne eine Leseempfehlung.

Autorin:
Michaela Göhr ist eine deutsche Schriftstellerin und wurde 1972 im Sauerland geboren. Zunächst studierte sie Sonderpädagogik und arbeitet seit vielen Jahren an einer Förderschule Sehen. Mit dem Schreiben von Geschichten begann sie bereits in ihrer Kindheit. Ihren ersten Roman verfasste sie 2014. Seitdem schreibt sie Urban Fantasy für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

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