Deutschland

Veit Etzold: Clara Vidalis 8 – Höllenkind

Inhalt:

Es ist ein einmaliges Ereignis fĂŒr den vatikan und ganz Rom: die Verbindung der alten römischen adelsfamilien Sforza und Visconti durch eine prunkvolle Hochzeit in der Sixtinischen Kapelle. Doch plötzlich krĂŒmmt sich die Braut vor Schmerz, und auf ihrem strahlend weißen Hochzeitskleid erblĂŒhen große rote Flecke. Bevor irgendjemand eingreifen kann, bricht sie tot zusammen.

Der zustĂ€ndige Ermittler des Vatikans, Commendatore Adami, ahnt, dass er allein in diesem außergewöhnlichen Fall nicht weiterkommt. In Rom kursiert schon lĂ€nger der Name einer Patho-Psychologin, die bereits in einen Fall von Satanismus involviwert gewesen war: Clara Vidalis vom LKA Berlin … (Klappentext)

Reihenfolge der BĂŒcher:

Veit Etzold: Clara Vidalis 1 – Final Cut

Veit Etzold: Clara Vidalis 2 – Seelenangst

Veit Etzold: Clara Vidalis 3 – TodeswĂ€chter

Veit Etzold: Clara Vidalis 4 – Der Todenzeichner

Veit Etzold: Clara Vidalis 5 – TrĂ€nenbringer

Veit Etzold: Clara Vidalis 6 – Schmerzmacher

Veit Etzold: Clara Vidalis 7 – Blutgott

Veit Etzold: Clara Vidalis 8 – Höllenkind

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Rezension:

Schon beim Lesen der ersten Zeilen des hier vorliegenden Thrillers möchte man an ein Eigenleben der Protagonisten glauben. Wie sonst ist dieser neue Fall von Clara Vidalis zu erklÀren, der nun aus der Feder Veit Etzolds vorliegt?

Vorab, die Geschehnisse sind im Klappentext zur GenĂŒge beschrieben. Mehr muss man nicht verraten. Es sei jedoch festgestellt, dass man die vorangegangenen BĂ€nde der Reihe nicht gelesen haben muss, um der Geschichte, insbesondere den Hauptprotagonisten folgen zu können.

Der Autor hat die EinfĂŒhrung in seine Geschichten mittlerweile perfektioniert und legt auch hier wieder den Fokus auf die eigentliche Handlung, wenn auch Kenntnisse aus anderen BĂ€nden zumindest Anspielungen erkennen lassen. Bemerkungen der Protagonisten in Bezug auf vergangene FĂ€lle sind mit Sternchen-Verweis zu den anderen Werken der Reihe versehen.

Es ist ein moderner Thriller, der kompakt und vor allem in schnellen ErzĂ€hltempo kaum Atempausen lĂ€sst, nachdem die Geschichte ins Rollen gekommen ist. Dabei verfolgen wir mehrere zunĂ€chst unabhĂ€ngige HandlungsstrĂ€nge, die erst nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Im Gegensatz zu manch anderen Werken, greifen diese schlĂŒssig ineinander und auch Wendungen werden sinnvoll zu Ende gefĂŒhrt. Cliffhanger gibt es zahlreiche.

Das Leben war eine Hölle, die bis zum Tod ging.

Veit Etzold: Clara Vidalis 8 – Höllenkind

Besonders plastisch wird es fĂŒr die jenigen, die den Vatikan und seine GebĂ€ude, die sie umgebende Stadt Rom und vielleicht auch das ferne Florenz schon einmal mit eigenen Augen gesehen haben. Veit Etzold zieht mit seinen Beschreibungen die Lesenden förmlich in diese Szenarien. Die Protagonisten, nicht nur die Hauptfiguren sind wunderbar differenziert ausgestaltet und vielseitig.

Fast wirkt es, als wĂŒrde man sich mit den Protagonisten im gleichen Raum befinden. Man fĂŒhlt das römische Kopfsteinpflaster, die Erhabenheit der römischen Villen in jeder einzelnen Zeile, sowie die menschlichen Tragödien ihrer Protagonisten, die der Autor so wunderbar in Szene setzt. Gekonnt im Wechsel von HandlungsstrĂ€ngen und Orten.

Mit einem ĂŒberraschenden Twist, auf dem ich beim Lesen nicht im Leben gekommen wĂ€re, setzt Etzold zudem den Grundstein fĂŒr weitere Geschichten um Clara Vidalis, einer Reihe, die wohl nur dann beendet wird, wenn dem Autoren die Ideen ausgehen. Zumindest aktuell wirkt es nicht so, als ob dies der Fall wĂ€re.

Autor:

Veit Etzold wurde 1973 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller, zudem Hochschullehrer fĂŒr marketing. Nach seiner Ausbildung studierte er Anglistik, Kunstgeschichte, Medienwissenschafen und General Management in Oldenburg, London und Barcelona. Im jahr 2005 promovierte er in Medienwissenschaften.

Neben Belletristik verfasst er SachbĂŒcher in diesem Bereich. An der Hochschule Aalen unterrichtet er Storytelling, marketing und Positionierung. 2010 wurde sein erster Thriller veröffentlicht. Bei Bastei LĂŒbbe und Droemer Knaur erfolgten weitere. Bekannt ist er fĂŒr seine Reihe um die Berliner Kriminalkommissaren Clara Vidalis. Etzold lebt in Berlin.

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Laurent Binet: Eroberung

Inhalt:

Eine freimĂŒtige Wikingerin fĂŒhrt ihre MĂ€nner bis nach SĂŒdamerika. Mit ihnen gelangt ein Virus dorthin, dass die indigene Bevölkerung dezimiert. Die Wikinger mĂŒssen fliehen. Viel spĂ€ter ist Kolumbus nach Amerika unterwegs. Keiner seiner MĂ€nner kehrt nach Europa zurĂŒck. So kommt es, dass die Inka im 16. Jahrhundert in Portugal landen und Europa erobern. Sie besiegen in Frankreich Karl V. und in Spanien die AnhĂ€nger der Inquisition. In Deutschland machen sie GeschĂ€fte mit den Fuggern und nach Luthers Tod werden die „95 Thesen der Sonne“ in Wittenberg angeschlagen. In Mitten der Pestwirren treffen sich der Maler El Greco, der Schriftsteller Cervantes und der Philosoph Montaigne. (Inhaltsangabe nach Verlag)

Rezension:

Die Was-wĂ€re-wenn-Frage gehört zu einer der schwierigsten unter den Historikern, da diese nicht falsch beantwortet werden kann und zu viele Faktoren berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen, dennoch ist sie eine der spannendsten, so man sich mit geschichtlichen Themen beschĂ€ftigt. Wir wissen um den Ausgang historischer Ereignisse, um so interessanter sind diese Gedankenspiele. Aus Geschichte muss man ja im besten Falle etwas lernen und mitnehmen können.

Eine dieser Fragen ist diese, was wĂ€re, wenn nicht Kolumbus auf den amerikanischen Kontinent gestoßen wĂ€re, sondern umgekehrt die Urvölker Amerikas Europa angelandet hĂ€tten? HĂ€tten sie die Oberhand im gesellschaftlichen GefĂŒge der damaligen Zeit gewinnen können? Wenn ja, wie lange hĂ€tten sie sich halten können und wie sĂ€he unsere Welt heute aus?

Wir wissen, dass es anders kam, doch der Historiker Laurent Binet hat dieses Planspiel zu einem erstaunlichen Roman gewoben, der jedoch viel weiter ausholt. Wissenschaftler sind sich heute einig, dass der Erfolg der EuropĂ€er in Amerika u.a. damit zusammenhĂ€ngt, dass sie Tiere wie Pferde nutzten, das Rad um Dinge ĂŒber weite Strecken zu transportieren und schon Feuerwaffen kannten. Hier gibt der Autor den indigenen Völkern Amerikas diese Errungenschaften an die Hand, und beginnt so zumindest in seinem Roman einmal die Erfolgsgeschichte umzudrehen.

Der Roman alleine ist am stĂ€rksten im Hauptteil dieser aus vier Abschnitten bestehenden Geschichte. Sehr schwach ist der letzte Teil. Durch die beiden zu Beginn stehenden Teile muss man sich einfach durchkĂ€mpfen, dann jedoch eröffnet sich ein historisches Szenario, in dem der Autor mit seinem Wissen glĂ€nzt, welches er zu Gunsten der Geschichte dem Volk der Inka in die HĂ€nde gibt. Die Protagonisten sind zumindest hier feinfĂŒhlig ausgebaut, wĂ€hrend in den anderen Abschnitten der Entwicklung der Figuren nicht genug Raum gegeben wird. Zu blass bleiben da einige Charaktere, woanders ist das Szenario sehr lĂŒckenhaft beschrieben.

Im Hauptteil jedoch entdeckt die Leserschaft Atahualpa und seine Mitstreiter als feinfĂŒhlige Entdecker deren vergleichsweise sanfte Eroberung sehr kontrĂ€r zu den tatsĂ€chlichen Geschehnissen in Europa steht und damit zeigt, wie die Geschichte hĂ€tte verlaufen können, wenn sie auf Seiten der indigenen Bevölkerung SĂŒdamerikas gewesen wĂ€re. Hier versinkt man völlig, was einem in den Seiten zuvor und auch im danach folgenden fast eintönig wirkenden Abschnitt um Cervantes nicht gelingen mag.

Den letzten Abschnitt vollkommen gestrichen, den ersten Abschnitte noch ein wenig mehr Tiefe gegeben und der Hauptgeschichte noch mehr Detailliertheit, wÀre dies ein Roman, der im oberen Wertungsbereich anzusiedeln ist. So jedoch ist trotz des sehr interessanten Szenarios nicht viel aus der Geschichte herauszuholen.

Autor:

Laurent Binet wurde 1972 in Paris geboren und ist ein französischer Schriftsteller. ZunĂ€chst arbeitete er als Französischlehrer, publizierte im Jahr 2000 sein erstes Buch. Vier Jahre erschien sein zweites, in dem er von seinen Erfahrungen an Pariser Schulen berichtet. Oftmals spielen in seinen Werken historische Szenarien eine Rolle. FĂŒr sein Werk ĂŒber die Eroberung Europas durch das Volk der Inka wurde er 2019 mit dem Grand Prix du Roman der Academie francaise ausgezeichnet.

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Peter Dausend/Horand Knaup: Alleiner kannst du gar nicht sein

Alleiner kannst du gar nicht sein - Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst Book Cover
Alleiner kannst du gar nicht sein – Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst Peter Dausend/Horand Knaup dtv Erschienen am: 18.09.2020 Seiten: 463 ISBN: 978-3-423-28249-9

Inhalt:

Im Wahlkreis sind sie Könige, in Berlin oft nur HinterbĂ€nkler. Und dennoch bilden die Abgeordneten des Deutschen Bundestages das RĂŒckgrat unserer Demokratie. Sie beschließen Gesetze, verteilen die Milliarden des Bundeshaushalts und schicken deutsche Soldaten in gefĂ€hrliche AuslandseinsĂ€tze. Wer sind die Frauen und MĂ€nner, die alle vier Jahre neu gewĂ€hlt werden?

Wie arbeiten sie? Welche Mittel setzen sie ein um aufzusteigen? Wie bewĂ€ltigen sie den Spagat zwischen den zwei Leben in Wahlkreis und Berlin? Wie gehen sie um mit Konkurrenz, Druck, Einsamkeit – und wie mit den Versuchungen? Wie ertragen sie Hass und Morddrohungen?

Wie ist das mit dem Lobbyismus, und wie frei sind sie wirklich in ihren Entscheidungen? Mehrere Dutzend Abgeordnete aus allen Fraktionen, Ehemalige und Mitarbeiter, Angehörige und Aussteiger haben sich geöffnet und umfassend erzÀhlt. Das erste intime PortrÀt der Menschen, die unsere Politik bestimmen. (Inhaltsangabe des Verlags)

Rezension:

Kaum eine Berufsgruppe hat in den letzten Jahren einen so herben Vertrauensverlust zu verzeichnen gehabt, wie unsere Politiker, die wir mit unserer Stimme alle vier Jahre in den Deutschen Bundestag entsenden.

In einer Welt, in der es immer weniger einfache Antworten gibt, die Fragestellungen immer komplexer und undurchsichtiger werden, mĂŒssen die Abgeordneten des Bundesparlaments Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls treffen, Weichen fĂŒr die Zukunft stellen und die große Politik aus Berlin hinein in ihren Wahlkreis tragen und dort, so verstĂ€ndlich wie möglich, ihren WĂ€hlerinnen und WĂ€hlern erklĂ€ren.

Das wird immer schwieriger.

Nicht nur die erosion der sog. „Volksparteien“ zeigt dies deutlich. Doch, wie wird zwischen der Hauptstadt und dem wahlkreis Politik betrieben? Wie verlĂ€uft der Alltag der Abgeordneten? Welche Entscheidungen mĂŒssen die jenigen treffen, die nicht Minister oder StaatssekretĂ€re sind, sondern sich in der zweiten, dritten und vierten Reihe der Rangordnung im Bundestag befinden? Welchen ZwĂ€ngen und Grenzen unterliegen sie?

Welche Freiheiten nutzen die GewĂ€hlten? Wie entstehen Gesetze? Welche Erfolge und Misserfolge sind es, die unsere Abgeordneten antreiben oder verzweifeln lassen? Wo sind die Grenzen der kleinen großen Politik? Wo Druck und Bedrohungen, seitens anderer Abgeordnete, Konkurrenten, Gegenern und WĂ€hlern?

AufgedrĂ¶ĂŸelt haben dies zwei Journalisten, die in monatelangen Recherchen den Berliner Politikbetrieb quer durch alle Fraktionen beobachtet haben und verschiedene Abgeordnete zur Sprache kommen lassen.

Herausgekommen dabei ist ein nun vorliegendes, kurzweiliges und spannendes Sachbuch, welches vor allem fĂŒr die jenigen lesenswert ist, welchen bisher unverstĂ€ndlich geblieben ist, wie Entscheidungen zustande kommen, die fĂŒr uns tĂ€glich getroffen werden. Ohne Wertung, jedoch unter Hilfenahme vieler Interna wird dargestellt, wie Politik funktioniert und dass nicht nur die Politik selbst daran schuld hat, den Typ Volksvertreter heranzuzĂŒchten, den die Bevölkerung immer mehr verachtet.

Vom ersten Tag an im Bundestag, nein, bereits vom Wahlkampf an, wird das Leben eines abgeordneten dargestellt, bis hin zur Abwahl und der Zeit danach. Intime Einblicke geben GrĂ¶ĂŸen wie Wolfgang SchĂ€uble, aber auch Abgeordnete, von denen außerhalb des eigenen Wahlkreises bisher kaum jemand gehört haben dĂŒrfte.

Geschönt wird nichts, vielmehr bekommt man als Lesende/r Respekt vor dem Aufgabengebiet, in das sich die GewĂ€hlten einfinden mĂŒssen, den ZwĂ€ngen und der Unberechenbarkeit.

Es geht hierbei nicht nur um die politischen Erfolge, Niederlage und Intrigen, die durchaus auch zur Sprache kommen, vielmehr erlĂ€utern die Autoren auch ZusammenhĂ€nge im politischen GefĂŒge und damit auch die Arbeit derer, die ebenso wichtig ist, fĂŒr das Gelingen unserer Demokratie, wie etwa der Bundestagsverwaltung oder der Stenographen, die jede Rede wortwörtlich, inklusive Zwischenrufe, mitschreiben mĂŒssen.

Ein vielschichtiges PortrĂ€t mit bezeichneten Titel liegt hiermit vor, welches rein als Unterhaltung, aber mit hohem Informationsgewinn gelesen werden kann. Kurzweilig wird der politische Prozess des deutschen Bundestags dargestellt. Viele Entscheidungen, die fĂŒr uns getroffen werden, erscheinen danach in einem anderen Licht.

Es ist kein EnthĂŒllungsbuch, gibt jedoch einen Einblick hinter die Kulissen, der nachdenklich macht. Politik ist kein SelbstlĂ€ufer und unsere EntscheidungstrĂ€ger keine Menschen mit Heiligenschein, mit SchwĂ€chen und StĂ€rken und einem unberechenbaren Arbeitsalltag, keineswegs in jedem Fall so bezahlt, wie es angemessen wĂ€re.

Kritisch der Blick auf dem Lobbyismus in Berlin, den Umgang der FĂŒhrungsebene der Fraktionen mit Abweichlern und der sich fĂŒr die Abgeordneten immer mehrerende Druck aufgrund der Radikalisierung innerhalb des hohem Hauses und auf Wahlkreisebene.

Ohne diesen kritischen Blick zu verlieren und natĂŒrlich dem FĂŒhren von Diskussionen, das vielleicht als Quintessenz, sollten wir vielleicht in manchen Punkten etwas wohlwollender auf die Entscheidungen der Abgeordneten schauen. Beim Lesen mag oft genug der Gedanke kommen, an deren Stelle nicht stehen zu wollen. Andererseits, zum GlĂŒck gibt es Menschen, die genau das tun.

Autoren:

Peter Dausend arbeitet seit 2008 als Hauptstadtkorrespondent und Kolumnist fĂŒr die Wochenzeitung Die Zeit. Davor er fĂŒr die Zeitung Die Welt tĂ€tig.

Horand Knaup kam 1995 fĂŒr die Badische Zeitung nach Bonn, wo er 1998 zum Spiegel wechselte. Viele Jahre begleitete er fĂŒr das Nachrichtenmagazin das politische Geschehen in Berlin. Zuvor war er Korrespondent in Nairobi. Seit 2017 ist er freier Journalist und Autor.

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Tom Chesshyre: Slow Train

Slow Train - Eine LiebeserklÀrung an Europa heute in 25 Stationen Book Cover
Slow Train – Eine LiebeserklĂ€rung an Europa heute in 25 Stationen Tom Chesshyre Dumont Reise/mairdumont Erschienen am: 14.04.2020 Seiten: 334 ISBN: 978-3-7701-6696-1 Übersetzerin: Astrid Gravert

Inhalt:

Die Freiheit auf Schienen genießen – dafĂŒr begibt sich Tom Chesshyre auf eine abenteuerliche Zugreise quer durch Europa, von London ĂŒber die Ukraine bis nach Venedig. Das eigenetliche Reiseziel, Europa und seine Bewohner kennenlernen.

Tom Chesshyre reist ohne genauen Plan, eben dorthin, wohin die Schienen fĂŒhren, und freundet sich unterwegs mit seinen Mitreisenden an – und natĂŒrlich mit dem ein oder anderen Schaffner. Ein persönlicher Reisebericht, der zeigt, was Europa zusammenhĂ€lt. Und eine leidenschaftliche Einladung, sich mit dem nĂ€chsten Zug selbst auf den Weg zu machen. (Klappentext)

Rezension:

Als Groß-Britannien sich dafĂŒr entscheidet, die EuropĂ€ische Union zu verlassen, besteigt der Reiseschriftsteller Tom Chesshyre einen Zug und begibt sich auf die Suche nach eben dem, wovon sich so viele seiner Landsleute entfernt zu haben scheinen. Was ist das, dieses Europa? Welche Bedeutung hat der Begriff, der fĂŒr die Einen Hoffungsschimmer und Sehnsuchtsort, fĂŒr die anderen ProjektionsflĂ€che allen Übels darstellt?

Was können wir heute noch von diesem Zusammenhalt fĂŒr uns mitnehmen, der zunehmend zu bröckeln beginnt. Mit einem Interrailticket durchquert der Autor den Kontinent, von West nach Ost, Endstation Venedig.

Reiseberichte sind Momentaufnahmen bestimmter ZustĂ€nde und zumeist sehr subjektiv. Da nimmt sich dieser von Tom Chesdshyre nicht aus, dessen Liebe zu ZĂŒgen bereits auf den ersten Seiten auffĂ€llt. Der Leser begleitet den Autor von Station zu Station, die Kapiteleinteilung folgt der Reiseroute. EindrĂŒcklich sind die Schilderungen von Begegnungen im Zug, kurzen Momenten der Beobachtung an den Bahnsteigen. Passieren tut nicht viel.

Tom Chesshyre lĂ€sst sich treiben und ĂŒberraschen, ob von belgischen Schaffnern oder im Museum der zerbrochenen Beziehungen, irgendwo im ehemaligen Jugoslawien. Das macht nichts. Interessant sind ohnehin die Gedanken des Briten, die mit zunehmender Entfernung von zu Hause immer mehr zum dortigen politischen Geschehen schweifen. Werden in einem Europa, in dem sich die Staaten immer mehr von einander entfernen, Reisen wie diese noch möglich sein?

Am Rande der Bahnsteige, Bahnhöfe, zeigen sich fĂŒr Autor und LeserInnen, wie Europa heute noch wirkt und was das fĂŒr die Menschen bedeuten kann, etwa im gebeutelten Kosovo oder in der von den jĂŒngsten Auseinandersetzungen mit Russland geplagten Ukraine.

Sachlich, doch immer auch mit viel Emotionen verbunden, beschreibt Chesshyre was er sieht ohne ins Kitschige abzugleiten. Nur manchmal ist das Technische, die Eisenbahnliebhaberei dann doch etwas zu viel des Guten. Fans des Rollwerks auf Schienen kommen jedoch auf ihre Kosten. Liebhaber von Reiseberichten, ohnehin.

Ein PlĂ€doyer fĂŒr Europa, ob nun innerhalb eines politischen Gebildes, so doch als Gemeinschaft, in der ein jeder sein eigenes Leben lebt und doch auf den jeweils Anderen einwirkt. Die Eisenbahn verbindet heute noch ganze LĂ€nder und Regionen, funktioniert auch dort zuweilen, wo Politik gerade auseinander triftet.

Auf persönlicher Ebene scheint noch zu klappen, was offiziell immer schwieriger wird. Tom Chesshyre beobachtet, saugt auf und spricht mit den Menschen, hört zu. Das Reisen auf Schienen macht neugierig, verbindet, verÀndert Blickwinkel. Einen hauch davon kann man aus diesem Bericht mitnehmen. Damit ist dann schon ein Anfang gemacht.

Autor:

Tom Chesshyre wurde 1971 geboren und ist ein britischer Reiseschriftsteller. FĂŒr verschiedene Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte er mehrere Reportagen, u.a. bei The Times. Auch fĂŒr National Geographic war er bereits tĂ€tig. Über das Zugreisen schrieb er bereits mehrere Reiseberichte. Chesshyre lebt in London.

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Alan Gratz: Vor uns das Meer

Vor uns das Meer Book Cover
Vor uns das Meer Alan Gratz Erschienen am: 17.02.2020 Hanser Seiten: 301 ISBN: 978-3-446-26613-1 Übersetzerin: Meritxell Janina Piel

Inhalt:

Wenn das eigene Zuhause zu einem Ort der Angst und Unmenschlichkeit wird, ist es kein Zuhause mehr.

Josef ist 11, als er 1939 mit seiner Familie aus Deutschland vor den Nazis fliehen muss. Isabel lebt im Jahr 1994 in Kuba und leidet Hunger – auch sie begibt sich auf eine gefĂ€hrliche Reise in das verheißungsvolle Amerika. Und der 12-jĂ€hrige Mahmoud verlĂ€sst im Jahr 2015 seine zerstörte Heimatstadt Aleppo, um in Deutschland neu anzufangen.

Alan Gratz verwebt geschickt und ungemein spannend die Geschichten und Schicksale dreier Kinder aus unterschiedlichen Zeiten. Ein zeitloses Buch ĂŒber Vertreibung und Hoffnung, ĂŒber die Sehnsucht nach Heimat und Ankommen. (Klappentext)

Rezension:

Unerwartet taucht zwischen den BĂŒchern in den Regalen manchmal ein Juwel auf, was nachhaltig beeindruckt. Rar und kostbar, wenn die Protagonisten berĂŒhren und der Schreibende es schafft, seine Leser zu fesseln und nachdenklich zu stimmen. Ein solches KunststĂŒck ist Alan Gratz gelungen. Der amerikanische Autor bringt wie kaum jemand anderes drei Geschichten, drei Zeitebenen, drei HandlungsstrĂ€nge zusammen und versucht so, kaum zu ErklĂ€rendes begreifbar zu machen.

Kapitelweise wechselt die Perspektive zwischen den Zeiten. Die drei Hauptprotagonisten erzĂ€hlen aus der Ich-Perspektive vom Grauen, welches sie erleben, ihren SehnsĂŒchten, TrĂ€umen. Wir Leser erleben, wenn Hoffnung in Verzweiflung umschlĂ€gt und Entscheidungen ĂŒber Leben und Tod getroffen werden mĂŒssen, von jenen, die eigentlich noch Kinder sind, aber viel zu schnell erwachsen werden mĂŒssen. 1933 ĂŒbernehmen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Die jĂŒdische Bevölkerung wird an den Rand gedrĂ€ngt.

Auch Josefs Familie sucht einen Ausweg und ergattert Tickets fĂŒr das Schiff St. Louis nach Kuba. Jahrzehnte spĂ€ter sucht auch Isabels Familie, die in Kuba hungert und politisch bedrĂ€ngt wird, nach einem Ausweg und schließlich muss 2015 auch Mahmouds Familie den Kriegswirren in Syrien entfliehen. Verbindendes Element sind SehnsĂŒchte und Hoffnungen, eine böse Ahnung von Gefahr, falls die Flucht schiefgehen sollte. Werden die drei Jugendlichen ihr Ziel erreichen?

Spannend und einfĂŒhlsam beschreibt Alan Gratz den Weg der drei, der anhand von gezeichneten Karten im Anhang des Romans nachvollzogen werdne, nicht zuletzt durch eine historische Einordnung des Autoren im Nachwort. Der Lesende wird mitfiebern, mitleiden.

UnertrĂ€glich die Spannung, nur ganz karg blitzen sie auf, die kleinen Momente des GlĂŒcks, das Hervorscheinen einer viel zu schnell beendeten Kindheit, nur damit das Schicksal im nĂ€chsten Moment wieder mit aller HĂ€rte zurĂŒckschlagen kann. Ja, so könnte die Geschichte von drei Kindern tatsĂ€chlich verlaufen sein. Nachvollziehbar ehrlich geht Gratz mit der Zielgruppe um, wenn auch ein paar Momente ganz klar over the top sind und nicht so recht passen mögen.

Das schmĂ€lert die LektĂŒre nicht und so ist dieses Werk auf einer Linie mit z.B. „Damals war es Friedrich“, von Hans Peter Richter zu nennen, wenn auch Gratz gleich mehrere Zeitebenen zu fassen bekommt. Der kontinuierliche Spannungsbogen aller drei Geschichten lĂ€sst bis zum Ende nicht locker, wird unscheinbar miteinander verwoben. Die Auflösung selbst vermag zu ĂŒberraschen, wirkt wie ein Schrei und schĂŒttelt die Leser förmlich.

Wir haben es in der Hand, nicht mehr zu zu lassen, dass sich solche Geschichte wiederholt. Alleine, uns gelingt dies nicht, wie die jĂŒngste der drei Zeitebenen zeigt.

Wie ist das, die Heimat, die gewohnte Umgebung, Spielkameraden, eine Perspektive aufzugeben und dann stĂ€ndig auf der Hut zu sein? Immer die Gefahr vor Augen, beim nĂ€chsten falschen Wort, mit der nĂ€chsten falschen Bewegung umzukommen? Beieindruckend in der LektĂŒre, nachhallend wie kaum anderes.

Eine unbedingte Leseempfehlung.

Autor:

Alan Gratz wurde 1972 in Knoxville, Tennessee, und ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Kreatives Schreiben und veröffentlichte 2006 sein erstes Jugendbuch. Weitere folgten. 2017 gewann er den National Jewish Book Award. Der Autor lebt in Asheville, North Carolina.

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Ulrike Ulrich: WĂ€hrend wir feiern

WĂ€hrend wir feiern Book Cover
WĂ€hrend wir feiern Ulrike Ulrich Piper/Berlin Verlag Erschienen am: 06.07.2020 Seiten: 272 ISBN: 978-3-8270-1408-5

Inhalt:

Ein einziger Tag. Symbolisch aufgeladen. WĂ€hrend die einen feiern, kĂ€mpfen andere um die Existenz. In ihrem kaleidoskopartig aufgebauten Roman erzĂ€hlt Ulrike Ulrich klug, anspielungsreich und mit großem Witz von dem, was hier und jetzt passiert, und davon wie auch kleine Entscheidungen unsere Leben und die der anderen beeinflussen. (Klappentext)

Rezension:

Wie in jedem Jahr feiert die deutsche SĂ€ngerin Alexa am Abend des Schweizer Nationalfeiertages ihren Geburtstag mit einer Dachparty, leider noch ohne EinbĂŒrgerungsbescheid. Doch, in diesem Jahr scheinen sich die Ereignisse schon vorher zusammen zu brauen und schließlich zu ĂŒberschlagen.

So beginnt der zunĂ€chst ruhig erscheinende Roman, der quasi einer Zustandsbeschreibung der in die Schweiz Eingewanderten gleicht und das nicht zu knapp. Einwanderung, EinbĂŒrgerung, Heimat ist das große Thema, Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Ulrike Ulrich legt mit klaren Worten den Finger in die Wunde der Diskussion, zeigt die Ungleichbehandlung verschiedener Suchender auf und verwebt die HandlungsstrĂ€nge bis hin zu einem großen Finale.

Sprachlich fein gearbeitet, wechseln sich schnelle stakkatohafte SĂ€tze mit langsamen beschaulichen Abschnitten ab, die im Perspektivwechsel die Geschichte um Alexa und ihres Bekanntenkreises erzĂ€hlen. Die Hauptprotagonisten sind vielschichtig ausgearbeitet, mit all ihren Grautönen und Problemen, die nicht zu kurz abgehandelt werden und doch die Lesenden nicht ĂŒber GebĂŒhr strapazieren.

AufhĂ€nger dabei ist das traditionelle Guggisberglied, ein Schweizer Volkslied, welches das Thema des sich stetig drehenden MĂŒhlrads zum Ausdruck bringt, welches sich wiederum auf die einzelnen HandlungsstrĂ€nge ĂŒbertragen lĂ€sst.

Interpretation des Guggisberglieds von Stephan Eichner.

Eigentlich hat er am meisten Angst davor, dass es wĂ€chst, wenn er davon spricht. Dass es grĂ¶ĂŸer wird. Und es könnte gut sein, dass sie es grĂ¶ĂŸer machen wird. Dass ihr Blick, ihre Fragen, ihre Art, damit umzugehen, dazu beitragen werden, dass er es nicht mehr kontrollieren kann. Und was dann?

Aus Ulrike Ulrich „WĂ€hrend wir feiern“, Berlin Verlag, 272 Seiten, ISBN: 978-3-8270-1408-5.

Der Roman selbst ist durch AbsĂ€tze und Leerzeilen, Perspektivwechsel gegliedert, lĂ€sst sich so auch ohne Kapiteleinteilung leicht in kurze Abschnitte gliedern und leicht lesen. Zwar wechseln sich schnell und langsam zu lesende Abschnitte ab, dies passt jedoch zu den jeweilig erzĂ€hlenden Protagonisten. Deren HandlungsstrĂ€nge bauen logisch aufeinander auf, laufen erst getrennt und werden nach und nach verknĂŒpft.

Ulrike Ulrich lĂ€sst Welten und Sichtweisen aufeinander prallen, zeigt, wie unsere Entscheidungen das Leben anderer Personen beeinflusst und dass jede Feier zu einem „Tanz auf den Vulkan“ werden kann, zumal man die Gedanken der Hauptprotagonistin ganz leicht auf die Autorin selbst ĂŒbertragen kann. Ähnlicher Hintergrund, Migrationsgeschichte, Sozialisierung.

Der ErzĂ€hlstil lĂ€sst dies vermuten, auch ihre gegenteiligen Ansichten zu den rechten RĂ€ndern der Gesellschaft, die es auch in der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie gibt. So ist dieser Roman ein StĂŒck Literatur, welches die Frage in den Mittelpunkt stellt, welche Entscheidungen wir treffen wollen und warum, mit der Aufforderung den Einfluss dieser auf andere Leben zu ĂŒberdenken und zu hinterfragen.

Wer nicht so weit denkt, findet dabei immer noch eine schöne, lesenswerte Geschichte, im heutigen ZĂŒrich spielend. Und das soll ja nicht unansehlich sein.

Autorin:

Ulrike Ulrich wurde 1968 in DĂŒsseldorf geboren und ist eine schweizerisch-deutsche Schriftstellerin. ZunĂ€chst studierte sie Germanistik, Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaft, bevor sie im Bereich Kommunikationslinguistik arbeitete. Nach Aufenthalt in Wien, lebt sie seit 2004 in ZĂŒrich. Sie schreibt Prosa, Lyrik, DrehbĂŒcher, Kolumnen und Hörspiele, ist zudem als Herausgeberin fĂŒr Anthologien tĂ€tig.

Die Autorin, die 2004 ihr erstes Buch veröffentlichte, ist Mitglied des Schriftstellerverbandes „Autorinnen und Autoren der Schweiz“, sowie des Deutschschweizer PEN-Zentrums. Ulrichs Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit den Walter-Serner-Preis im Jahr 2010.

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Veit Etzold: Clara Vidalis 7 – Blutgott

Inhalt:

Als in ganz Deutschland plötzlich außergewöhnlich brutale Morde geschehen -verĂŒbt ĂŒberwiegend von MinderjĂ€hrigen, die in Gruppen zuschlagen-, schrillen beim LKA Berlin sĂ€mtliche Alarmglocken.

Klar ist: Es muss einen Zusammenhang zwischen den taten geben. Völlig unklar ist jedoch, wo die Ermittler mit der Suche beginnen sollen. Bis Hauptkommissarin Clara Vidalis und ihr Team im Dark Web auf einen Mann stoßen, der sich nur „Blutgott“ nennt – und seine AnhĂ€nger in blutigen Videos zu „slash mobs“ auffordert, Gruppenmorden nach seinem Vorbild… (Umschlagtext)

Reihenfolge der BĂŒcher:

Veit Etzold: Clara Vidalis 1 – Final Cut

Veit Etzold: Clara Vidalis 2 – Seelenangst

Veit Etzold: Clara Vidalis 3 – TodeswĂ€chter

Veit Etzold: Clara Vidalis 4 – Der Totenzeichner

Veit Etzold: Clara Vidalis 5 – TrĂ€nenbringer

Veit Etzold: Clara Vidalis 6 – Schmerzmacher

Veit Etzold: Clara Vidalis 7 – Blutgott

Veit Etzold: Clara Vidalis 8 – Höllenkind

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Rezension:

Immer brutaler, immer gewalttĂ€tiger und immer plastischer scheinen die Beschreibungen der Taten zu werden, die Dreh- und Angelpunkte der Thriller in den BĂŒcherregalen werden, so ist auch der neue Band um Kriminalhauptkommissarin Clara Vidalis nichts fĂŒr zarte GemĂŒter.

Veit Etzolds neuestes Werk, welches man unabhÀngig von den vorangegangenen BÀnden lesen kann, schickt die Berliner Ermittlerin diesmal quer durch Deutschland, welches von einer brutalen Reihe an Morden aufgeschreckt wird.

Grausam und Vidalis ein RĂ€tsel aufgebend, die Mörder sind allesamt minderjĂ€hrig, somit kaum beizukommen und laufen damit unter dem Radar des Strafrechts. Was zunĂ€chst wie unabhĂ€ngig von einander verlaufende Taten aussieht, bekommt schnell eine Verbindung. Die Symbolik an Tatorten und Sprache der einsilbigen Jugendlichen sprechen fĂŒr sich.

Bald ist klar, ein sich als „Blutgott“ bezeichnender TĂ€ter fordert von seinen JĂŒngern immer neue, immer grausamere Opfer. Dem Berliner Ermittlerteam rennt die Zeit davon. Klar ist, es wird nicht nur bei den bisherigen Taten bleiben. Doch, wie einem Strippenzieher beikommen, den nicht einmal den nicht einmal die TĂ€ter selbst direkt kennen?

Wer dem bluroten Pfad folgen muss, der muss ihm folgen.

Aufruf des TĂ€ters in Veit Etzolds „Clara Vidalis 7 – Blutgott“.

WĂ€hrend Etzolds letzter Einzelband im vergleichsweise ruhigen Tempo daherkommt, ist hier die Schnelligkeit der dicht aufeinander folgenden Ereignisse kaum zu ĂŒberbieten. TatsĂ€chlich scheint der Autor seine gesamten BefĂŒrchtungen und Ängste in diese Reihe hineinzupacken, was er in den als Einzelgeschichten angelegten BĂŒchern eher dosiert tut.

Und so seien all diejenigen gewarnt, die zu viel Gewalt, besonders, wenn Kinder und Jugendliche die Hauptprotagonisten spielen, wobei sie hier die TĂ€ter sind, nicht ertragen, zudem Blut nicht sehen können. Die Gewalthandlungen werden in „Blutgott“ sehr plastisch wiedergegeben.

Die Protagonisten sind sowohl auf TĂ€ter- als auch Opferseite sehr detailreich ausgearbeitet. Das Privatleben der ermittelnden Personen spielt fast gar keine Rolle. In sofern kann man diesen von anderen BĂ€nden getrennt lesen. Wo es Hinweise auf vergangene FĂ€lle gibt, wird per Fußnote auf den entsprechenden Teil verwiesen. Das spielt jedoch fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Handlung keine Rolle.

Der Autor spricht gesellschaftlich immer wieder heiß diskutierte Themen an. So ist hier die SchuldfĂ€higkeit von Kindern und Jugendlichen Dreh- und Angelpunkt- Ebenso wird die Beeinflussung und Manipulation von MinderjĂ€hrigen in ihrer extremsten Form auf das Papier gebracht.

Entstanden ist ein ereignisreiches Werk mit, sagen wir einmal, sehr kreativ ermittelnden Beamten, deren Methoden nicht weniger außergewöhnlich sind als die der TĂ€ter. Dennoch fallen hier keine groben Logikfehler auf, wobei Etzold es durchaus geschafft hat, zahlreiche Cliffhanger zu verweben.

Der in Berlin und Umgebung, mit AusflĂŒgen in ganz Deutschland spielende Thriller hat einen Spannungsbogen, der keinen tiefen Fall kennt. TatsĂ€chlich verliert der Autor kein Wort zu viel.

Der Schluss hĂ€tte bezogen auf die KontinuitĂ€t sogar noch ausfĂŒhrender und brutaler ausfallen können, wobei sich der Autor dann wahrscheinlich hĂ€tte um sein Lektorat Sorgen machen mĂŒssen. Immer wieder auch erstaunlich, dass Lesern mehr zugetraut wird, als Fernsehzuschauern zugemutet.

Wer nicht so zart besaitet ist, kann „Blutgott“ lesen. Allen anderen sei das Abschließen der RĂ€ume empfohlen und ans Herz gelegt, es sich drei Mal zu ĂŒberlegen. Man weiß ja nie. Eine Sache jedoch stĂ¶ĂŸt mir noch auf, die Art und Weise, wie inzwischen auf neue oder weitere Werke zunehmend aufmerksam gemacht wird.

Es ist natĂŒrlich legitim, neue Wege in Kontakt mit den Lesern zu suchen und auch Leseproben anzuhĂ€ngen. Doch, gleich fast fĂŒnfzig Seiten? Dass ist lĂ€nger als eine ĂŒbliche Leseprobe vielleicht sein sollte und damit praktisch schon Magnet genug, den dort angebissenen Band sich auch zuzulegen. Muss das sein?

Autor:

Veit Etzold wurde 1973 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller, zudem Hochschullehrer fĂŒr marketing. Nach seiner Ausbildung studierte er Anglistik, Kunstgeschichte, Medienwissenschafen und General Management in Oldenburg, London und Barcelona.

Im Jahr 2005 promovierte er in Medienwissenschaften. Neben Belletristik verfasst er SachbĂŒcher in diesem Bereich. An der Hochschule Aalen unterrichtet er Storytelling, marketing und Positionierung. 2010 wurde sein erster Thriller veröffentlicht.

Bei Bastei LĂŒbbe und Droemer Knaur erfolgten weitere. Bekannt ist er fĂŒr seine Reihe um die Berliner Kriminalkommissaren Clara Vidalis. Etzold lebt in Berlin.

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Andreas GĂ¶ĂŸling: Kira Hallstein 3 – Rattenflut

Rattenflut Book Cover
Rattenflut Reihe: Kira Hallstein – 3 Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Knaur Hardcover Seiten: 528 ISBN: 978-3-426-52502-9

Inhalt:

Offiziell ist Kira hallstein vom LKA Berlin beurlaubt – inoffiziell arbeitet sie fĂŒr eine geheime Sondereinheit von Europol. Ihre Aufgabe: alles zu unternehmen, um das weltweit agierende Menschenhandels-Kartell „Die Bruderschaft“ endlich zu Fall zu bringen.

Eine Kinderkrebsklinik in Berlin scheint zum Netz der Bruderschaft zu gehören, und Kira ist es gelungen, Kontakt zu einem der Pfleger aufzunehmen. Doch bevor sie etwas NĂŒtzliches erfahren kann, wird der junge Mann bei einem fingierten RaubĂŒberfall brutal ermordet… (Klappentext)

Reihenfolge der BĂŒcher:

Andreas GĂ¶ĂŸling: Kira Hallstein 1 – Wolfswut

Andreas GĂ¶ĂŸling: Kira Hallstein 2 – Drosselblut

Andreas GĂ¶ĂŸling: Kira Hallstein 3 – Rattenflut

[Einklappen]

Rezension:

Im Jahr 2012 erschĂŒtterte ein Missbrauchskandal unvorstellbaren Ausmaßes die britische Öffentlichkeit und nicht zuletzt die angesehene Fernsehanstalt BBC.

Immer mehr ehemalige Opfer meldeten sich mit erschreckenden VorwĂŒrfen zu wort, der zuvor verstorbene ehemalige Moderator und Discjockey Jimmy Savile, habe sie als Kinder und Jugendliche unter Ausnutzung ihrer Hilflosigkeit sexuell und körperlich missbraucht. Scotland Yard sollte von Savile als den „schlimmsten Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes“ sprechen.

So viel zu den HintergrĂŒnden dieses erschreckenden Thrillers aus der Feder von Andreas GĂ¶ĂŸling. Der Allrounder unter den deutschen Autoren setzt mit „Rattenflut“ die packende True-Crime-Serie um Kira Hallstein fort und verlangt mit dieser Geschichte seinen Lesern einiges an Nerven ab.

Zart beseitete Krimileser sollten von diesem Band der Trilogie, den man gut unabhĂ€ngig von den vorherigen Werken lesen kann, die Finger lassen. Ziemlich nahe geht das Geschehen beim Lesen, zumal im Wissen der wahren HintergrĂŒnde.

Diese hat der Autor vom pulsierenden Metropolleben Londons in die AbgrĂŒnde der bundesdeutschen Hauptstadt versetzt und ein Setting zum Gruseln geschaffen. TatsĂ€chlich schreibt die RealitĂ€t bekanntlich die packendsten Geschichten und so bekleiden wir die verdeckt arbeitende Kira Hallstein, die sich nicht nur ihrer Kollegen erwehren muss, sondern auch der als „Bruderschaft“ benannten Organisation stellen muss.

GĂ¶ĂŸling ist es gelungen, ein fiktionales Netz organisierter KriminalitĂ€t zu konstruieren und ebenso agierende Protagonisten, mit Ecken und Kanten.

Aus wechselnder Perspektive ist „Rattenflut“ eine kurzweilige, immer rasanter verlaufende Geschichte, die abschnittsweise kaum auszuhalten ist. Wie nah sich der Autor an die realen Ereignisse aus Groß-Britannien orientiert hat, kann man da nur erahnen, doch mĂŒssen die Recherchen bewegend und abstoßend zugleich gewesen sein.

Nach dem Lesen ist man zu Weilen versucht, die LektĂŒre zu unterbrechen, um durchatmen zu können, der Spannungsbogen hĂ€lt hier jedoch bis zum bitteren Ende, welches nur auf der Leinwand so zu realisieren sein dĂŒrfte. Das sollte klar sein, dennoch passt das Setting auch am Schluss zu der Geschichte, die so schon unglaublich erzĂ€hlt ist.

Man kann diesen dritten Band ohne Vorkenntnisse lesen, muss weder vorher sich mit den realen HintergrĂŒnden, noch mit den VorgĂ€nger-BĂ€nden befasst haben. Dann fehlen zwar private Details um die ansonsten sehr detailliert eingewobene Hauptprotagonistin Hallstein, das sind jedoch LĂŒcken, die zu verschmerzen sind, da nicht notwendig fĂŒr die Geschichte an sich.

Großer Pluspunkt dafĂŒr, dass GĂ¶ĂŸling es schaffte, den Schrecken der realen Ereignisse um Savile fiktional so zu verarbeiten, dass man diese ganze Wucht beim Lesen zu spĂŒren bekommt, dabei aber noch genug Raum fĂŒr die fiktionalen Elemente gelassen hat.

Ein Thriller, basierend auf einer ebenso erschreckenden und abstoßenden Geschichte, der unter die Haut geht und Spuren hinterlĂ€sst.

Mehr geht praktisch nicht.

Zu den realen HintergrĂŒnden: hier klicken

Autor:

Andreas GĂ¶ĂŸling wurde 1958 geboren und ist ein deutscher Schriftsteller fĂŒr Romane und ErzĂ€hlungen, aber auch Krimis und JugendbĂŒcher. ZunĂ€chst studierte er Deutsche Literaturwissenschaft, Publizistik und Politikwissenschaften, bevor er ein Forschungsprojekt zu den Werken von Robert Walser begann.

Er schreibt SachbĂŒcher und Romane, mit historischen Grundlagen, zudem ist er auch literaturwissenschaftlich tĂ€tig. Auch unter Pseudonym (Pietro Bandini) veröffentlichte er bereits mehrere Werke. GĂ¶ĂŸling lebt in Berlin, wo er den Verlag und die Agentur MayaMedia leitet.

Zusammen mit Michael Tsokos arbeitete er an den Thrillern „Zerschunden“, „Zersetzt“ und „Zerbrochen“.

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Diana Johanssen/Percy Shakti Johannsen: Aussteigen, einsteigen, los!

Aussteigen, einsteigen, los! Book Cover
Aussteigen, einsteigen, los! Diana/Percy Shakti Johannsen Knaur Taschenbuch Erschienen am: 01.04.2020 Seiten: 224 ISBN: 978-3-426-79079-3

Inhalt:

Was brauchen wir wirklich?, fragt sich Familie Johannsen und wagt das, wovon viele Menschen bloß trĂ€umen, nĂ€mlich: kurzerhand alles hinschmeißen und dem lĂ€stigen Alltagstrott samt Hamsterrad an Verpflichtungen zu entfliehen.

Diana und Percy Johannsen und ihre drei Kinder geben alles auf: Jobs, Freunde, Familie und sogar ihren festen Wohnsitz, um in ihrem ausgebauten Mercedes-Bus um die Welt zu reisen. Ein alternatives Leben in absoluter Freiheit erwartet sie! (Klappentext)

Rezension:

Reiseberichte sind an sich immer interessant zu lesen. Was ist denn schöner als das Erkunden fremder LĂ€nder, sich in Gegenden und Sehnsuchtsorte hineinzutrĂ€umen und mit den Autoren die besonderen Momente einer Reise zu durchleben? Zumal, wenn die Art des Reisens besonders ist oder die Region, durch die die Autoren mit ihren Werken fĂŒhren.

Viele solcher Berichte gibt es, gleichsam von Familien, die aus verschiedenen GrĂŒnden den grauen Alltag hinter sich lassen, und dem Hamsterrad aus Trott und Stress enfliehen möchten. Das ist vollkommen legitim, genau so wie es richtig ist, zumindest zu versuchen, seine TrĂ€ume zu verwirklichen und sich auf den Weg ins große Unbekannte aufzumachen, davon dann schließlich zu erzĂ€hlen.

Und so haben Diana und Percy Shakti Johannsen ihre Erlebnisse nun uns Lesern zugĂ€nglich gemacht und beschreiben eine Reise, die noch lange kein Ende gefunden hat, deren Anfang aber gemacht werden musste. Gemeinsam mit Kindern und Hund brechen sie auf, mit den Minibus SĂŒdeuropa zu erkunden, Alltagstrott, Stress und durchaus erfolgreiche Jobs hinter sich zu lassen.

Zu Beginn sehr interessant zu lesen, schildern die Beiden abwechselnd, auch ungeschönt von ihren Reiseerlebnissen, Schwierigkeiten und besonderen Momenten, als Familie auf engen Raum diese Chance zu ergreifen und die durchfahrenen Gegegenden zu erkunden. Eine Reise durch Europa und zu sich selbst.

„Ich will dich auch nicht ĂŒberzeugen.“

Aus im Buch geschilderten Dialog. Geteilig, das GefĂŒhl beim Lesen.

Das wĂ€re alles sehr kurzweilig zu lesen, wenn nicht spĂ€testens nach den ersten Abschnitten sich die erhobenen Zeigefinger hĂ€ufen wĂŒrden. Überhaupt nicht subtil drĂ€ngen die Autoren ihre durchaus lobenswerte ökologische Lebensweise den Lesern auf, dermaßen penetrant, dass man in einem GesprĂ€ch wohl schnell die Geduld als Zuhörer verlieren wĂŒrde.

So viele Post-its habe ich lange nicht mehr verwenden mĂŒssen.

Aber, man liest das ja und so fĂŒllen sich die Seiten mit augenrollend aufzunehmenden Stichworten, von denen man letztendlich so genervt ist, dass sie Einem nicht mehr erreichen. Die eigentlichen Reiseerlebnisse rĂŒcken dabei in den Hintergrund.

Man freut sich gar richtig, wenn die beiden Johannsens schildern, wie die nur fĂŒr die Ferien mitreisende große Tochter, dieses gemeinschaftliche Erlebnis frĂŒher als geplant abbricht, um wieder ihren Alltag leben zu können. Zum UnverstĂ€ndnis der Eltern natĂŒrlich.

„Es gibt ein Leben ohne Netz.“ „FĂŒr dich vielleicht, Papa.“

Geschildert typischer Dialog im Buch „Austeigen, einsteigen, los!“.

Viel schlimmer als dieses ganze Getue um die ökologische Lebensweise, um alle Klischees zu erfĂŒllen, in freien Momenten mit Yoga gefĂŒllt, ist jedoch die ausfĂŒhrliche Schilderung um des Unfalls und der Krankheit des Sohnes, der die PlĂ€ne der Eltern gefĂ€hrlich ins Wanken gebracht hat.

NatĂŒrlich ist so etwas weder Kindern noch Eltern zu wĂŒnschen, doch scheinen die Autoren beide immer noch darĂŒber erschĂŒttert zu sein, dass ein alternativer Lebensstil vielleicht doch auch Grenzen hat, zumal in unserer Zeit, und das Globuli, Gebete und Yoga nicht in jeder verdammten Lebenssituation das Nonplusultra sind. Genau so, wie der sein Ziel verfehlende Reisebericht, der auch sonst in all seinen Zeilen mit Vorsicht zu genießen ist.

Es ist sicher nur eine Kleinigkeit, eine allergische Reaktion. Lukas wird die Globuli nehmen, und alles wird gut.

Diana Johannsen/Percy Shakti Johannsen „Austeigen, einsteigen, los!“

Es gibt interessante, vielschichtige und alle Seiten beleuchtende Reiseberichte, auch von Familien, die zeigen, wie ein Ausbrechen aus dem Alltag gelingen kann. Aufgrund der zahlreich erhobenen Zeigefinger gehört dieser nicht dazu.

Aufreger, AluhĂŒte und erhobene Zeigefinger.

Autoren:

Percy Shakti Johannsen wurde 1976 geboren und arbeitete als Produktionsleiter bei MTV. Dort lernte er seine spĂ€tere Frau kennen. Beide lebten in MĂŒnchen, grĂŒndeten ein Yogastudio und einen veganen Cateringservice. Inzwischen leben sie zwischen Deutschland und Portugal, haben KochbĂŒcher herausgegeben und geben weiterhin Yoga-Kurse.

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Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz

Jahrhundertzeuge Ben Ferencz Book Cover
Jahrhundertzeuge Ben Ferencz Philipp Gut Piper Erschienen am: 02.03.2020 Seiten: 346 ISBN: 978-3-492-05985-5

Inhalt:

Minutiös aufbereitete SS-Ereignismeldungen sind es, die Ben Ferencz nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Eine Chronik des Genozids, ein Sensationsfund und Grundlage fĂŒr den daraus folgenden Einsatzgruppenprozess in NĂŒrnberg.

Mit gerade einmal 27 Jahren tritt Ferencz als ChefanklĂ€ger auf und auch danach prĂ€gt der Anwalt wichtige Etappen der Zeitgeschichte mit. Er gestaltet die deutsche Wiedergutmachungspolitik mit, ebenso den Aufbau des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Ben Ferencz, der SS-GenerĂ€le jagte, Opfer entschĂ€digte und bis ins hohe Alter fĂŒr den Weltfrieden kĂ€mpfte. (abgewandelte Inhaltsangabe)

Rezension:

Hundert Jahre sind eine kaum fassbare Zeitspanne, vor allem, wenn sie so ereignisreich gewesen sind, wie die, die Ben Ferencz in vielen Facetten erleben und mitgestalten durfte.

Aus einer armen Familie stammend, wurde der begabte Junge Jurist und half mit Recht und Gerechtigkeit international durchzusetzen und wurde so zu einem FĂŒrsprecher gegen GrĂ€uel und Leid, solches zu sĂŒhnen und kĂŒnftig zu verhindern. Dies ist seine Biografie.

Der Historiker und Journalist Philipp Gut hat sich die fulminante Aufgabe gegeben, eine atemberaubende Biografie zu verschriftlichen. Nun im Piper-Verlag erschienen, ist dies gelungen. Auf der grundlage von Berichten, Tagebuch-EintrĂ€gen und nicht zuletzt Interviews mit den jenigen, den der Autor spĂ€ter als Jahrhundertzeuge betiteln wĂŒrde, zeichnet Gut das Leben eines KĂ€mpfers nach.

Minutiös beschreibt er die AnfĂ€nge des begabten SchĂŒlers und Studenten, der Recht studierte und den der Krieg nach Europa brachte, der Kontinent, der zu Ferencz prĂ€genster WirkungsstĂ€tte werden sollte.

Ferencz erzĂ€hlt, wie direkt in den letzten Kriegstagen Material in seine HĂ€nde fiel, welches spĂ€ter Grundlagen fĂŒr die Kriegsverbrecherprozesse in NĂŒrnberg werden sollte und welche Weichen ihm gestellt wurden, kĂŒnftig sich dafĂŒr einzusetzen, dass solches Leid, wie von den Nationalsozialisten verursacht, kĂŒnftig nicht ungesĂŒhnt bleiben wĂŒrde.

Faszinierend sind die einzelnen Episoden aus Ferencz‘ Leben, welches immer wieder BerĂŒhrungspunkte mit den Europa bewegenden Ereignissen hatte, die er zudem krĂ€ftig mitgestaltete. Beindruckend, seine AusfĂŒhrungen, wie er um die EntschĂ€digung von ehemaligen NS-Zwangsarbeitern kĂ€mpfte und welchen HĂŒrden er sich gegenĂŒber sah, als es darum ging, eine internationale Gerichtsbarkeit gegen kĂŒnftige Kriegs- und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schaffen.

In verstĂ€ndlicher Sprache, ohne das FĂŒr und Wider der beschriebenen Zeit außer Acht zu lassen, erweist der Autor einem der großen Menschen der jĂŒngeren Zeitgeschichte Ehre und Respekt. Eine Biografie, gleichsam ein Denkmal fĂŒr jemanden, den es immer um die Sache ging, der jedoch auch fehler und Schwierigkeiten eingesteht, denen er sich ausgesetzt sah.

Intensiv recherchiert, ohne rosarote Brille, ist diese Biografie so spannend wie ein Krimi zu lesen.

Make Law, not War.

Sein Leitspruch und die Maxime, nach der ferencz lebte. Der Bericht ĂŒber einen außergewöhnlichen Menschen in bewegenden Zeiten.

Autor:

Philipp Gut wurde 1971 geboren und ist ein Schweizer Journalist und Autor. Er studierte in ZĂŒrich und Berlin Geschichte, neuere deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie und arbeitete als Assistent an der UniversitĂ€t ZĂŒrocj, bevor er 2005 promovierte. Als freier Autor arbeitete er zunĂ€chst beim ZĂŒrcher Tages-Anzeiger, seit 2010 als stellvertrender Chefredakteur.

Er schrieb fĂŒr mehrere Zeitungen und veröffentlichte Biografien zu Hermann Hesse und Winston Chruchill. Seine Recherchen sorgen immer wieder fĂŒr Aufsehen und werden intensiv diskutiert.

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