Vergangenheit

Paul Murray: Der Stich der Biene

Inhalt:

Familie Barnes steckt in Schwierigkeiten. Dickie Barnes‘ lukratives Autogeschäft läuft nicht mehr. Aber anstatt sich dem Problem zu stellen, beginnt er in den Wäldern einen Bunker zu bauen. Seiner Frau Imelda, die ihren Schmuck auf ebay verkauft, erscheinen die Avancen von Big Mike, dem reichen Rinderzüchter, immer attraktiver. Die achtzehnjährige Cass, die immer die Klassenbeste war, reagiert auf den Niedergang, in dem sie beschließt, sich bis zu ihrem Abschluss jeden Tag zu betrinken, während der zwölfjährige PJ einen Plan schmiedet, um von zu Hause abzuhauen. (Klappentext)

Rezension:

Immer heftiger werden die dichter aufeinanderfolgenden Einschläge. Die Konstruktion ist schon lange instabil und steht nun kurz vor den Zusammenbruch, als deren Säulen auseinander streben, der Verfall einer Familie in Zeiten finanzieller (und der Klima-)Krise. Ein irisches Buddenbrooks in modernen Gewand legt uns der Schriftsteller Paul Murray mit seinem Roman „Der Stich der Biene“ vor. Doch, funktioniert das?

In der Tradition großer irischer Erzählungen versucht sich der Autor mit seiner Geschichte, deren Dreh- und Angelpunkt eine von der Wirtschaftskrise gebeutelte Kleinstadt ist, deren Auswirkungen auch jene zu spüren bekommen, die mit ihrem Betrieb einst Pulsgeber des Ortes waren. Das Autohaus, welches Dickie Barnes mehr aus Pflichtgefühl denn Leidenschaft und Interesse von seinem Vater übernommen hat, steckt in der Krise.

Das Schicksal des Unternehmens hat bereits auf die einzelnen Familienmitglieder abzufärben begonnen. Schwermütig deprimierend beginnt sich die Geschichte in einer immer dichteren Folge aus Perspektivwechseln zu entspinnen und zeigt, eine Kette von Ereignissen, deren Ursachen vielschichtig sind.

Die Erzählung selbst, mit der Murray versucht etwa an Jonathan Franzen oder Frank McCourt anzuknüpfen, wird geprägt durch die verschiedenen Perspektiven, die zunächst viel Raum bekommen, dann jedoch immer schneller wechselnd auf das Finale zusteuern. Dabei wird ein Zeitraum von wenigen Wochen umrissen, in derer sich die Protagonisten ihrer Vergangenheit, möglichen und vergebenen Chancen stellen müssen, um Auswege zu finden, die es eigentlich nicht gibt.

Dabei entstehen über die einzelnen Kapitel, die mit dem jeweiligen Charakter überschrieben sind, aus dessen Sicht in dem Moment erzählt wird, unweigerlich Längen. Die hätte es wahrlich nicht gebraucht. Einen Protagonisten weniger vielleicht, zweihundert Seiten weniger in jedem Fall. Das hätte der Dynamik dieses Romans gut getan. Hier hilft dann auch nicht mehr der stete Perspektivwechsel, der aus den einzelnen Vergangenheitsperspektiven heraus Wendungen für die Gegenwart der Figuren bewirkt. In China fällt ein Sack Reis um. Hier ist es ein Insektenstich, der alles auslöst. Oder begann die Geschichte der Barnes viel eher?

Einzeln für sich sind die Protagonisten durchaus interessant ausgestaltet. Alle haben ihre Ecken und Kanten, verbergen Geheimnisse, die zur Sprache gebracht vielleicht gemeinsam zu lösen wären, doch bleiben letztlich alle für sich. „Der Stich der Biene“ als Roman vieler Worte, in denen die Figuren nicht viele Worte miteinander verlieren. Und kaum Satzzeichen.

Ohne Sinn und Verstand fehlende Zeichensetzung als stilistisches Mittel zu verwenden, traut sich auch kaum jemand. Wer „Der Stich der Biene“ liest, weiß anschließend auch, warum. Nebst aller anderen Kritikpunkte, die vielleicht irgendwie noch zu rechtfertigen sind, ist das der größte. Nicht zu sprechen vom halboffenen Ende, welches bei der vorhergehenden sehr ausführlichen Erzählweise so wirkt, als hätte der Autor keine Lust gehabt, seine Geschichte zu Ende zu erzählen oder unbedingt einen Termin einhalten müssen. Was auch immer.

All diese Punkte machen diese Erzählung, die so interessant hätte werden können, nur schwer zugänglich. Es wird wohl hier nur Top oder Flop geben. Entweder man mag den Stil oder eben nicht. Ein Dazwischen gibt es nicht. Mit guten Wille auch ein Verweis auf die Finanzkrise. Entweder man kommt durch oder fällt hinten runter. In diesem Sinne ist der Roman wohl gelungen. Für mich hat das leider nicht gereicht.

Autor:
Paul Murray wurde 1975 in Dublin geboren und ist ein irischer Schriftsteller. Nach der Schule studierte er Englische Literatur am Trinity College in Dublin, sowie Kreatives Schreiben in Norwich. Bevor er sich als Autor betätigte, arbeitete er als Buchhändler. Murray veröffentlichte 2003 seinen ersten Roman, dem weitere folgten. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet.

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Gina Louise Hunter: Essbare Insekten

Inhalt:
Von Anbeginn unserer prähistorischen Vergangenheit bis hin zu modernen Ernährungstrends spielen Insekten eine bedeutende Rolle. Heute ernähren sich schätzungsweise zwei Milliarden Menschen von ihnen, doch im Westen werden sie nur selten gegessen. Woran liegt es, wo doch unsere Vorfahren ebenso Insekten gegessen haben? Was können wir von ihnen und den Menschen, die diese heute noch auf den Speiseplan haben, lernen? Weshalb sind Insekten die Lebensmittel der Zukunft und welche Fragestellungen bringt dies mit sich? Die Anthropologin Gina Louise Hunter nimmt uns mit auf eine besondere kulinarische Reise.

Rezension:

Hierzulande eher auf Street Food Märkten oder in Szenerestaurants effektvoll serviert, spielen Käfer, Larven oder Heuschrecken eine eher untergeordnete Rolle, doch auch hier wächst die Anzahl der Interessenten, ein Markt, der andernorts auf der Welt riesig ist. Über 20.000 Familien in Thailand etwa betreiben Grillenfarmen. Längst sind auch große amerikanische Food-Konzerne auf das Potenzial der Krabbeltiere aufmerksam geworden. Warum, liegt auf der Hand. Schon in prähistorischen Zeiten haben wir Menschen uns von Insekten ernährt, die stets einfacher zu fangen waren als größere Säugetiere und die stetig wachsende Weltbevölkerung ist hungrig.

Doch in der westlichen Welt überwiegt der Ekel, dem sich eine noch kleine Anzahl von Pionieren zur Aufgabe gemacht hat, ihn zu überwinden. Die Anthropologin Gina Louise Hunter ist eine davon. In ihrem neuen Buch beschäftigt sie sich mit diesem Teil globaler Ernährungsgeschichte, wirft zunächst einen Blick in unsere Vergangenheit und schaut anschließend, wie mit der Thematik in anderen Teilen des Erdballs umgegangen wird, sowie was wir daraus lernen können.

Aufgelockert mit Fotos zeigt der sehr emphatisch gehaltene Bericht, worauf geachtet werden muss, wenn wir Insekten als eine Art globales Superfood begreifen und unserer Küche zugänglich machen, Vorteile und Nachteile dieser Art von Lebensmittel, z. B. auch als potenzielle Einnahmequelle von Menschen derzeit armer Regionen, bei richtiger Handhabung. Gut recherchiert schwankt dieses Sachbuch zwischen gesellschaftlichen Zustandsbericht und historischen Abriss, endet dann in eine Art historischen Kochbuch, in dem etwa österreichische Kipferl eine ganz neue Grundzutat aufweisen.

Jetzt immer noch skeptisch? Bitte zu diesem Werk greifen und zumindest mal auf dem nächsten Streetfood-Markt probieren, wenn etwa gebratene Mehlwürmer oder Heuschrecken angeboten werden. Oder gar Lebensmittel auf Mehlwurmmehlbasis, in denen man das verarbeitete Insekt nicht sieht. Wenn der Hunger auf der Welt nicht weiter wachsen soll, muss auch hierzulande über eine Erweiterung des Speiseplans nachgedacht werden. Gina Louise Hunters Buch ist ein Anfang.

Autorin:

Gina Louise Hunter ist Professorin für Anthropologie an der Illinois State University.

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Manfred Kühn: Kant – Eine Biographie

Inhalt:
Heinrich Heine hat gespottet, von Immanuel Kant könne niemand eine Lebensgeschichte schreiben, denn Kant habe weder ein Leben noch eine Geschichte gehabt. In seiner mittlerweile zum Klassiker avancierten Biographie des größten deutschen Philosophen räumt Manfred Kühn mit der Legende von Kants ereignislosem Professorenleben gründlich auf. Er zeichnet das Bild eines eleganten und geistreichen Gentlemans, der eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt Königsberg spielte. (Klappentext)

Rezension:
Im Wesentlichen auf drei Biografien, geschrieben von drei Herren, die Kant zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebens gekannt haben, stützt sich unser Wissen um den vielschichtigen Philosophen aus Königsberg, geschrieben, auf eine bestimmte Deutung aufgelegt, sind sie jede für sich nur Puzzleteile, die sich vor allem auf die Person und Ansichten in ihren letzten Lebensjahren bezieht, doch wie haben sich Kants Sichtweisen auf die Rolle des Menschen, seinen Wirkungsgrad im Spannungsfeld zwischen Philosophie und Religion entwickelt?

Der amerikanische Philosoph Manfred Kühn wirft, um diese Fragen zu beantworten, mit dieser Biografie einen neuen Blick auf das Werden Kants, dessen jungen Jahre, um die Entwicklung der Kantschen Philosophie nachzuverfolgen und schafft so ein differenziertes Bild dessen Lebens, seinem Denken und seiner Zeit.

Bevor der Lebensweg Kants verfolgt und detailliert geschildert wird, ist eine Personenübersicht dem sehr ausführlich gehaltenen Text vorangestellt, in dem die einzelnen Protagonisten, die einst die Wege des Königsberger Philosophen kreuzten, vorgestellt und in ihrer Beziehung zu diesem eingeordnet werden. Erst danach erfolgt eine Erklärung Manfred Kühns zu dessen Herangehensweise in seiner Betrachtung, die philosophische Theorien und Werke in Bezug setzt zu Kants Lebensabschnitten, in denen sie entstanden und schließlich veröffentlicht wurden.

Die philosophischen Überlegungen sind dabei stilistisch hervorgehoben, werden überdies auch ausführlich erklärt, ebenso wie Meinungsstreite und Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. Diese Vorgehensweise führt zu einer sehr komplexen Art von Biografie, die zwar erhellend, dennoch nicht immer leichtgängig zu lesen ist. Das war zwar eines der Ziele Kühns, wobei dieses schnell an seine Grenzen gerät, wie selbst der Autor in seinem vorangestellten Prolog zugeben muss. Konzentration und vielleicht der eine oder andere Notizzettel sind also erforderlich, um Immanuel Kants Überlegungen Folge leisten zu können und Längen in der Lektüre zu überstehen.

Außerhalb der durchaus nüchternen Theorie hat es Kühn geschaffen, einen großen Denker aufleben zu lassen. Das historische Königsberg, seine gesellschaftlichen Strukturen und sein Gefüge innerhalb Preußens werden sehr anschaulich dargestellt, sowie die Auseinandersetzungen mit Kants Werken zu dessen Lebzeiten, schon für die Zeitgenossen von nicht ganz einfacher Natur. Hier ist dem Autoren eine sehr facettenreiche Schilderung gelungen, die viele Darstellungen Kants und die seiner Gegenüber zu einander neu in Beziehung setzt und einordnet.

Gänzlich unvertraut mit Kant sollte man nicht an die Lektüre dieser Biografie herangehen. Vorwissen ist zwar nicht unbedingt notwendig, aber vom Vorteil, um besonders komplexe, daher verschachtelte Textstrecken verfolgen zu können, derer man sonst geneigt ist, diese zu überfliegen. Das Werk Kühns soll zwar populärwissenschaftlich sein, geht jedoch einen Schritt weiter und ist eher geeignet, von Fachkundigen gelesen zu werden. Zuletzt rundet ein Zeitstrahl, ein ausführliches bibliografisches und Anmerkungsverzeichnis diese Biografie ab.

Autor:
Manfred Kühn ist em. Professor für Philosophie an der Boston University. Zuvor lehrte er an der Purdue University, USA, sowie in Marburg. Neben vielen Arbeiten über Kant, beschäftigte er sich mit Hume und Payne, die Aufklärung in Schottland, Frankreich und Deutschland, u. a. mit Johann Gottlieb Fichte.

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Stephan Schmidt: Die Spiele

Inhalt:
Shanghai 2021. Der Mord an dem IOC-Funktionär Charles Murandi überschattet den Kongress zur Vergabe der Olympischen Sommerspiele. Schnell ist der mutmaßliche Täter gefasst. Die Aufnahmen einer Sicherheitskamera zeigen den Journalisten Thomas Gärtner beim Verlassen des Tatorts, unter dem Arm unbekannte Dokumente. Allerdings: Er will sich an nichts erinnern können. Ein brisanter Fall für die junge Konsulatsbeamtin Lena Hechfellner, denn sie weiß mehr, als sie preisgeben darf – und gerät mit einem Mal selbst ins Visier der chinesischen Behörden. (Klappentext)

Rezension:

Zwischen den Zeiten springt der Kriminalroman „Die Spiele“ des Schriftstellers Stephan Schmidt und bündelt seine Handlungsstränge in der temporeichen chinesischen Metropole Shanghai, in der selbst nichts ist, wie es scheint, aber dennoch brandgefährlich. Dreh- und Angelpunkt ist ein Mord, der am Rande der Vergabe der künftigen Sommerspiele zum Politikum werden droht. Das IOC-Mitglied Charles Murandi tot in seinem Hotelzimmer. Der Letzte, der ihn lebend gesehen hat, ist mutmaßlich ein Journalist, der das Opfer und dessen Geschichte schon Jahre lang folgt. Doch erinnern kann sich Thomas Gärtner angeblich nicht.

So entspannt sich die Handlung des Textes zunächst in seine Einzelteile, setzt dabei viel früher an, so dass der Autor ein Verwirrspiel entfesselt, welches eine gewisse Sogwirkung hat. Die Zeitebenen muss man so jedoch schon zu beginn konzentriert auseinanderhalten, wenngleich die einzelnen Abschnitte kompakt zueinander erzählt werden.

Dabei wechseln spannende Momente mit ruhigen, doch innerhalb der Jahrzehnte umspannenden Handlung kommt der Autor nicht umhin, mehr als unnötig Momente voller Klischees einzubauen und lässt zwischen den Zeilen durchscheinen, was im Verlauf die einzelnen Figuren in verschiedener Form einander vorwerfen, das Reich der Mitte, sein Denken, sein Handeln nicht zu verstehen.

Dieses Szenario ist es, welches das Motiv der einzelnen Protagonisten darstellt, eben den Moment der geglaubten Erkenntnis für sich zu nutzen, um dann vor Realitäten zu stehen, die sie nicht greifen können. Das trifft mehr oder weniger alle Figuren, die der Autor so kantenreich ausgearbeitet hat, wie es nur aufgrund verschiedener Handlungsstränge und Zeitebenen möglich war. Eine gewisse Dynamik wird zusätzlich eingeführt, da immer auch die Erzählperspektiven wechseln, wobei keine der Figuren durchgehend Sympathie auf sich zieht.

Stephan Schmidt erzählt eine Welt innerhalb einer Welt verschiedener Realitäten, die seine Protagonisten leben. Man kann sich durchaus dieses Spannungsverhältnis vorstellen. Hier merkt man ebenso, dass der Autor von eigener Erfahrung zehrt. Auch in China hat er schon gelebt. Manchmal fühlt es sich so an, als würde man neben den Figuren stehen, die jede auf ihrer Art und Weise befangen wirken. Im nächsten Moment dann jedoch wird dies schriftstellerisch zerstört, mit einzelnen Abschnitten, die einem förmlich die Augen rollen lassen. Sex sells, oder aber es wurde noch ein wenig Material gebraucht, um Seiten zu füllen. Wäre nicht nötig gewesen. Handels- und Denkweise einiger Figuren ist schmierig genug.

Zu Beginn sind auch die Handlungsstränge, die wie Puzzleteile zusammengeführt werden, ein großer Pluspunkt zu Beginn der Erzählung, gegen Ende des Romans merkt man jedoch dass hier der Autor zu viel wollte. Es sei denn, Schmidt wollte sich die Option auf eine Fortsetzung offen halten, nur dann wirkt es stimmig, ansonsten vor allem gegen Ende unförmig, geradezu holprig. Dieser Abzug in der B-Note wird zwar wettgemacht durch eine einzige überraschende Wendung, doch wird man lesend etwas unbefriedigt zurückgelassen. Hier hätte Konzentration gut getan.

Korruption, Lobbyismus, Großmacht- und Hegemonialmachtstreben im Spannungsfeld eines Überwachungsstaates, dem Kontrolle über alles geht. Elemente eines Politthrillers sind hier noch am spannendsten konsequent durchgeführt. Man fühlt das Gehetztsein, die Verunsicherung, den Angstschweiß, das Durchdenken von Szenarien so sehr, andere Elemente der Erzählung kommen da zu kurz, so dass es sie nicht unbedingt gebraucht hätte, trotz plastischer Beschreibungen, die das alles sehr gut vorstellbar macht.

Zu viele Punkte, die weder Fisch noch Fleisch sind ergeben einen durchwachsenen Roman mit guten Elementen in schlechter Ausführung. Wer sich dennoch für ein paar Aspekte des Textes von Stephan Schmidt begeistern kann, für den ist die Erzählung durchaus mit Gewinn zu lesen. Alle anderen sollten sich das überlegen.

Autor:
Stephan Schmidt wurde 1972 in Hessen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach seiner Promotion in Philosophie folgten Aufenthalte als Mitarbeiter verschiedener Forschungseinrichtungen in China, Taiwan und Japan, Länder die er bereits als Student kennenlernte. Er veröffentlichte bereits mehrere Romane, und lebt derzeit in Taipeh.

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Laura Baldini: Aspergers Schüler

Inhalt:
Wien, 1932: Erich ist noch ein Junge, als er zu Dr. Hans Asperger an die Uniklinik Wien kommt. Er sieht die Welt nicht wie andere Kinder. Er kann hochkomplexe mathematische Probleme lösen, aber es fällt ihm schwer, seine Gefühle zu zeigen. Nach schrecklichen Jahren in einer Pflegefamilie erlebt er hier zum ersten Mal Zuneigung und Verständnis.

Die Krankenschwester Viktorine schließt Aspergers Schüler ganz besonders ins Herz. Für sie bricht eine Welt zusammen, als die bahnbrechende Arbeit ihrer Abteilung vom NS-Regime vereinnahmt wird. Während Asperger sich mit den neuen Machthabern arrangiert, ist Viktorine entsetzt, als sie erfährt, was an der Klinik am Spiegelgrund vor sich geht. Für Erich wird es lebensgefährlich. (Klappentext)

Rezension:

Wenn gut ausgearbeitet und die wirklichen Begebenheiten nicht allzu sehr zu Gunsten der Fiktionalisierung zurechtgebogen, darf sich auch ein historischer Roman zu den Büchern gegen das Vergessen zählen. Ist dies Laura Baldini mit ihrer hier vorliegenden Erzählung „Aspergers Schüler“ gelungen oder gleitet ihr Text allzu sehr ins Kitschige ab, wie dies auf einige Texte dieses Genres zutrifft?

Auf zwei Zeitebenen erzählt der historische Gesellschaftsroman vom dunklen Kapitel Euthanasie, der österreichischen Geschichte unter deutscher Vereinnahmung im Zweiten Weltkrieg und vom Kinderarzt und Heilpädagogen Hans Asperger, der als Erstbeschreiber des später nach ihm benannten Asperger-Syndroms, einer Form des Autismus, zumindest in Europa gilt.

In vergleichsweise einfacher Sprache, überraschend leichtgängig, fast zu sehr möchte man meinen, taucht man in gut geordneten Kapitel in die jeweiligen Handlungsstränge ein, springt zwischen die Jahre des Zweiten Weltkriegs und dem Wien 1986, in dem sich noch allzu viele nicht der Vergangenheit ihres Landes stellen wollen.

Hauptprotagonistin des einen Handlungsstranges ist Viktorine, die als Krankenschwester Zeitenwende und Vereinnahmung der Klinik, das Verdrängen von Kollegen und Kolleginnen erleben muss, sowie nach und nach den Schrecken der neuen Ideologie einziehen sieht, deren Auswirkungen sie zunächst nicht sehen möchte und die Augen davor verschließt, was um sie herum passiert. Erst als es beinahe zu spät ist, begreift sie das Grauen. Ansonsten macht diese Protagonistin kaum eine nennenswerte Entwicklung durch.

Ebenso naiv gibt sich ihr Gegenstück im zweiten Handlungsstrang, der Jahrzehnte später spielt, so dass man beide schütteln möchte, was mit dem Wissen und zeitlichen Abstand von heute ziemlich leicht, damals vermutlich um so schwerer gewesen wäre. Andere Figuren bleiben in diesem sonst gar nicht ausufernden Roman erstaunlich blass, wenn sich auch die Autorin an der Beschreibung des Bösen sehr akkurat an die historischen Fakten gehalten hat.

Hier merkt man die Recherchearbeit und Sachkenntnis Baldinis. Die Autorin arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin mit Kindern, die das Asperger-Syndrom haben. Empfehlenswert ist hier das Nachwort zur Einordnung.

Am besten funktioniert der Text, wenn sie mit ihren Beschreibungen nah dran an historisch verbürgten Personen ist, weniger gut, leider, bei ihren eigenen fiktionalen Figuren, die erstaunlich wenige Ecken und Kanten verzeichnen, wobei ob der geschichtlichen Gegebenheiten natürlich offen gegensätzliche Charaktere gut ausgearbeitet sind.

Den Sadismus und die tödliche Kälte eines Jekelius so zu transportieren, muss man erst einmal schaffen. Auch Ortsbeschreibungen gelingen Baldini in ihrem Roman gut, das historische Wien lebt, man kann sich das alles mit Schaudern vorstellen. Das passt mal mehr, mal weniger in beiden Handlungssträngen, doch wechseln diese in so dichter Abfolge, das das Erzähltempo gleichmäßig hoch bleibt. Der stete Perspektivwechsel zwischen den Figuren tut sein übriges dazu, ebenso ergänzende Einblicke in damalige „Untersuchungsprotokolle“, die zumindest entfernt den wirklichen nachempfunden sein dürften. Der Massenmord war auch in Österreich bürokratisiert bis in die kleinste Ebene hinein.

Verständlich und in sich schlüssig greifen beide Ebenen ineinander. Wirkliche Überraschungen bleiben jedoch aus, zumal, wenn man sich ansatzweise mit der tatsächlichen Historie auskennt. In Zusammenhang mit dem Schreibstil wirkt dies beinahe zu leichtgängig, wobei das Grauen, die Autorin ist da feinfühlig zurückhaltend, eher im Kopf des Lesenden stattfindet als auf dem Papier. Dafür reihen sich Andeutungen aneinander, die sich gewaschen haben.

Man liest dies in einer gewissen Sogwirkung gefangen, um am Ende auf eine sich die gesamten Seiten anbahnende Liebesgeschichte zu stoßen, die es nicht gebraucht hätte. In diesem Text fügt sie sich jedenfalls nicht wirklich gut ein, wirkt unpassend. Laura Baldini hätte diese seichte Komponente nicht gebraucht. Vielleicht ist das nötig, um ein gewisses Lesepublikum (Klischee!) zu bedienen, alle anderen rollen die Augen und werden zurückgelassen. Das hätte wirklich nicht sein müssen.

Autorin:
Laura Baldini ist das Pseudonym der österreichischen Autorin Beate Maly, die 1970 in Wien geboren wurde. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Kindergartenpädagogin und veröffentlichte Kinder- und pädagogische Fachbücher. 2007 erhielt sie das Wiener Autorenstipendium und beendete neben ihren Roman eine Zusatzbildung zur mobilen Frühförderin. Ihr erster Roman erschien dann 2008, dem weitere folgten. Sie wurde für den Leo-Perutz-Preis 2019 nominiert und erhielt 2021 den Silbernen Homer, weitere Nominierungen und Auszeichnungen folgten.

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C. Bernd Sucher: Unsichere Heimat

Inhalt:

Ungefähr 95000 Menschen in Deutschland gehören heute einer jüdischen Gemeinde an. Bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen ist das eine verschwindend geringe Zahl. Und doch steht diese Gruppe immer wieder im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Wegen der Shoah, antisemitischer Ausschreitungen, der israelischen Politik. In diesem Buch untersucht C. Bernd Sucher, wie es um die deutschen Jüdinnen und Juden steht. Dafür beleuchtet er sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart und sucht in zahlreichen Gesprächen eine Antwort auf die Frage: haben Juden in diesem Staat eine Zukunft – oder nicht? (Klappentext)

Rezension:
Während der Bundespräsident in seinen Reden, wie viele seiner Kollegen und Kolleginnen in der Politik, jene, die es hören wollen, beschwört, dass jüdisches Leben zu Deutschland gehöre und für dieses unermessliches Glück bedeute, werden antisemitische Ausschreitungen vom lauten Aufschrei der Medien ebenso regelmäßig begleitet, wie die Mehrheit der Bevölkerung dazu schweigt, wenn sie auch nicht offensichtlich aggressiv Synagogenmauern beschmieren oder Juden und Jüdinnen auf offener Straße beschimpfen. Antisemitische Gedanken, so bescheinigen es Untersuchungen und Umfragen, sind in Deutschland tief verwurzelt und bilden das Grundrauschen dieser unsicheren Heimat.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Erinnerungskultur? Wie sieht diese aus und wie wird sie von den Juden und Jüdinnen hierzulande wahrgenommen? Und wo zeigt sich Judentum in Deutschland heute? Wie funktioniert das Erinnern heute und was müsste an dessen Stelle treten, wenn man es anders haben möchte? Was müsste sich ändern, damit Menschen in Deutschland nicht mehr auf gepackten Koffern sitzen, wie es noch lange nach Kriegsende der Fall wahr und heute teilweise wieder ist? Der Autor C. Bernd Sucher hat diese und andere Fragen gestellt und sich auf Spurensuche begeben.

Jede optimistische Formulierung verbietet sich, taucht man ein in die Materie und so verwundert der Titel dieses reportagehaften Sachbuchs nicht, welches sich mit der Perspektive jüdischen Lebens seit Kriegsende beschäftigt und an diesem Punkt anzusetzen beginnt. Was waren dies für Menschen, die sich zum Unverständnis anderer jüdischen Glaubens dazu entschieden, in Deutschland zu bleiben, im „Land der Mörder“, im Gegensatz zu jenen, die auswanderten? Wie setzte sich diese Gruppe zusammen, welches Spektrum an Meinungen und auch Varianten jüdischen Glaubens gab es zu Anfang, welche Auswirkungen hat dies auf das Empfinden von Leben in Deutschland heute?

Der Autor fragt nach bei Charlotte Knoblauch, der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ebenso wie bei der Autorin Deborah Feldman und anderen, mit den unterschiedlichsten Hintergründen, um ein Gesamtbild aufzuzeigen, der inneren Empfindungen und ihrer Zerrissenheit? Das zeigt sich im Draufblick auf Varianten des Erinnerns, ebenso wie im Alltagsleben und dessen Strukturen. Der Gegenwart wird hier viel Raum eingeräumt, wo wir uns sonst fast nur auf die Vergangenheit konzentrieren. Dies ist die große Stärke des vorliegenden Sachbuchs, diese Perspektive, die zu selten in Betracht gezogen wird. Das Fundament des Werks, die Interviews stehen am Ende der Lektüre dann noch einmal separat für sich.

Die Änderung des Blickwinkels macht die Lektüre sehr besonders, auch wenn sie teilweise etwas trocken daherkommt. Wichtig ist sie dennoch, gerade heute. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Autor:

C. Bernd Sucher wurde 1949 geboren und ist ein deutscher Theaterkritiker, Autor und Hochschullehrer. Zunächst studierte er Germanistik, Theaterwissenschaft und Romanistik und war anschließend von 1978 bis 1980 Kulturredakteur der Schwäbischen Zeitung, bevor er dann zur Süddeutschen Zeitung wechselte, wo er der erste Theaterkritiker wurde. Danach arbeitete er als freier Autor und Kritiker für verschiedene Zeitungen und Magazine.

Seit 1989 unterrichtete er an der Deutschen Journalistenschule in München und am Institut für Theaterwissenschaft der dortigen Universität. Danach folgten verschiedenen Stationen in In- und Ausland. Er ist Mitglied verschiedener Jurys, sowie des PEN-Clubs seit 1999, sowie seit 2018 Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Er hat mehrere Schriften und Romane veröffentlicht.

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Gail Jones: Ein Samstag in Sydney

Inhalt:

An einem strahlenden Sommertag kreuzen sich die Wege von vier Menschen am Hafen von Sydney, in der Nähe der berühmten Oper. Scharen von Touristen vermischen sich hier mit den Einwohnern der Stadt. Alle vier tragen an ihrer Geschichte: Ellie erinnert sich an ihre Liebe zu James als Vierzehnjährige in der kleinen Provinzstadt, in der sie aufwuchsen. James ist besessen von einer Tragödie, für die er sich verantwortlich glaubt. Catherine trauert um ihren Bruder Brendan, der vor einigen Jahren in Dublin starb. Und Pei Xing fährt jeden Samstag nach Sydney, um einer einstigen Lageraufseherin aus Pasternaks „Doktor Shiwago“ vorzulesen.

Gail Jones folgt diesen Figuren durch Sydney, auf ihren eigenen und doch verbundenen Wegen, eingehüllt in Erinnerungen, Schuld und Bedauern, während die Stadt um sie herumwirbelt. „Ein Samstag in Sydney“ ist ein tief berührender Roman über Liebe, Verlust und die Last der Vergangenheit. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:

Um so mehr sie den Blick versuchen, nach vorne zu richten, um so mehr holt die Figuren ihre Vergangenheit wieder ein. Im Hier und Jetzt der Vergangenheit verhaftet sind die Protagonisten in Gail Jones‘ Erzählung „Ein Samstag in Sydney“, in derer die Schicksale, Lebensgeschichten einander streifen, immer einen Schritt voran. Das Ziel im übertragenen Sinne indes, ist für alle nur schwer zu erreichen.

Im flirrenden Sydney, am Hotspot der Touristen entspinnt sich die Geschichte, erzählt abwechselnd aus der Sicht der Figuren, die unterschiedliche Schicksale zu tragen haben, unter derer Last sie in verschiedener Form in ihren Nachwirkungen zusammenbrechen drohen. Was hält uns aufrecht? Was lässt uns weitergehen, suchen? Gail Jones widmet sich diesen und anderen philosophischen Fragen und verwebt sie in ruhiger Tonalität in ihrer Erzählung.

Der Geschichte gibt dies zunächst ihren roten Faden, die Figuren bekommen so schnell Konturen. Alle haben sie Ecken und Kanten. Gail Jones spielt mit Ecken und Kanten, die nach und nach zum Vorschein treten. Spannend sind die Sichtweisen der einzelnen Figuren, die jede für sich einen Roman in diesem Umfang verdient hätten, so jedoch neigt man zum Springen, manchmal gar querlesen. Der Spannungsbogen wird über die gesamten Handlungsstränge flach gehalten. Die Tonalität trägt ihr übriges dazu bei.

Natürlich, der Handlungsort ist aus unserer Perspektive heraus wieder interessant. Australien vermag auf der anderen Seite der Erdkugel zu faszinieren, sowohl das futuristisch anmutende Opernhaus, welches die Skyline Sydneys bestimmt, als auch die Ursprünglichkeit der Provinz, des Herz von Australien. Die Autorin schafft es, hier Vorstellungswelten vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, nur fügt sich beides nicht harmonisch zusammen.

Immer wieder wartet man auf Wendungen, einem anziehenden Tempo, doch plätschert der Roman förmlich unter der gleißenden Sonne Australiens dahin, dass es nicht einmal hilft, den hier zu lesen. Das Schicksal der Figuren berührt da leider viel zu wenig und verfängt nicht.

Hier hätte mehr Ausführlichkeit jedem Handlungsstrang, jeder Figur gut getan, die wir so nur streifen als würden wir selbst an ihnen vorbeigehen, vielleicht bemerken, dann jedoch im nächsten Moment schon vergessen. Da hilft es nicht mal, dass im realen Leben auch jeder von uns eine eigene Geschichte mit entsprechenden Höhen und Tiefen hat, vielleicht mit etwas hadert. Nur in den seltensten Fällen machen wir dies uns bewusst. Im Roman, wo dies an sich hätte gelingen sollen, denn das Grundprinzip ist durchaus interessant, funktioniert das hier jedoch auch nicht wirklich. Schade.

Autorin:
Gail Jones wurde 1955 geboren und ist eine australische Schriftstellerin. Zunächst studierte sie an der University of Western Australia in Perth, bevor sie 1992 begann, Romane und Erzählungen zu veröffentlichen. Diese wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. 2014 wurde sie durch das Berliner Künstlerprogramm des DAAD als Gast nach Deutschland eingeladen. In Australien lehrt sie Kreatives Schreiben.

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Sergej Lebedew: Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit

Inhalt:
Die sowjetische und postsowjetische Zeit erzeugt mit ihren verdrängten Verbrechen fortwährend neue Ungeheuer und Gespenster. Sergej Lebedew folgt in seinen Erzählungen dem vergifteten Erbe der Sowjetunion und seinen unheimlichen Spuren in der Gegenwart.

Obwohl seine Geschichten jeweils für sich stehen, verbindet sie ein gemeinsames Thema, ein gemeinsamer poetischer Raum. In diesem Raum ziehen die Schatten der Vergangenheit ruhelos umher, und die Toten rufen fortwährend nach Gerechtigkeit. (Klappentext)

Rezension:
So groß wie das Land, so einengend ist der Raum, in dem sich die Menschen bewegen. Russland hat das Lebensglück der Menschen verspielt, in der Vergangenheit, in der Gegenwart.

Die Schreibenden finden ihren Platz für Kritik fast nur noch im Exil und so lebt auch Sergej Lebedew schon längst nicht mehr in Moskau, sondern in Potsdam, doch die Gespenster der Vergangenheit lassen auch ihn nicht los und so sind in diesem Band eine Reihe seiner Erzählungen versammelt, die tief blicken lassen, in das, was dieses riesige und zu den Menschen garstige Land immer noch dominiert.

Kurzgeschichten reihen sich aneinander, wie an einer Kette, deren Perlen man scheinbar ohne System aneinander gereiht hat. Tatsächlich springen wir durch die Zeit und erleben Protagonisten, deren Schicksale vielfach übertragbar sind auf Dinge, die passieren, passiert sind. Der Richter etwa, der genau das Urteil fällt, welches von ihm erwartet wird, um den nächsten Schritt der Karriereleiter zu erklimmen, weit davon entfernt, was die Gerechtigkeit eigentlich verlangen würde.

Der Bahnwärter, der in der Einöde, auf den Spuren ehemaliger Häftlinge des Straflagersystems Stalins sitzt und auf das einzige Signal wartet, welches der Grund ist, überhaupt dorthin versetzt wurden zu sein, der Offizier, der hinter der Fassade die Risse an dem Gebäude erkennt, dem er dient, Bestandteil eines Systems, bestehend aus eben vielen Fassaden. Viel ist Schein im Russland der Vergangenheit und Gegenwart. Die Wirklichkeit ist grausam.

Trocken ist die Tonalität der Texte, die jeder für sich stehen und einzeln gelesen werden können. Immer springt man zwischen den Zeiten. Oft ist erst auf den zweiten Blick klar, welcher Epoche eine Erzählung zuzuordnen ist, lassen sich doch viele Elemente sowohl in die eine als auch in die andere übertragen. Die Protagonisten sind scharf gezeichnet. Manche Konturlosigkeit wird als Stilmittel bewusst eingesetzt.

Das Bewusstsein der Menschen suchte nach Bildern, nach einer Sprache zur Beschreibung der Tragödie – und griff dafür auf mystische Anspielungen zurück, die die unheilvolle Vergangenheit real werden ließen und sie gleichzeitig verfremdeten, sie zu einem Phänomen aus einer anderen Welt, einer anderen Realität werden ließen.

Sergej Lebedew: Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit

Jede einzelne Zeile wirkt dennoch wie ein Nadelstich gegenüber der russischen Gesellschaft und Politik. Diesen Stil muss man mögen. Wer sich einmal eingefunden hat, entdeckt viele Parallelen und Ebenen. Gebäude stehen für Lebensläufe mit Brüchen, wie auch die Menschen selbst sich vielfach anpassen mussten, an sich praktisch über Nacht verändernde Bedingungen. Lebedew erzählt von jenen, die in diesem Spiel gelernt haben zu überleben und denen, die darin zerrieben wurden und werden.

Das Format der Kurzgeschichte ist ihre Kompaktheit, bringt es jedoch mit sich, dass einige der übergreifend durchdachten Texte direkt nach dem Lesen in Vergessenheit geraten, andere hätte man gerne ausführlicher gehabt und den Weg, die Strategien der handelnden Figuren verfolgt. Mit der Treffsicherheit Lebedews in Formulierungen möchte ich Romane lesen. Das könnte großartig werden.

Autor:
Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und ist ein russischer Schriftsteller. Er entstammt einer Geologenfamilie und suchte in seiner Schulzeit in aufgelassenen Minen nach Mineralien und Bergkristallen, wobei er auf Reste ehemaliger Lager des GULAG stieß. Lebedew studierte Geologie und arbeitete später als Journalist, veröffentlichte in einer Literaturzeitschrift Gedichte und Essays.

Sein erster Roman war 2011 auf der Vorschlagsliste zum Nationalen Bestsellerpreis Russlands und erschien zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. 2013 erhielt er ein Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. Sein 2015 in deutscher Übersetzung erschienener dritter Roman wurde in Russland erst 2016 veröffentlicht. Er äußerte sich mehrfach kritisch gegenüber Putin und lebt derzeit in Potsdam.

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Ulrich Woelk: Mittsommertage

Inhalt:

Ruth Lember, Professorin in Berlin, soll in den Deutschen Ethikrat berufen werden. Sie scheint am Gipfel ihrer bisherigen Laufbahn. Aber ein Zwischenfall bei ihrer morgendlichen Joggingrunde erweist sich als Auftakt einer ganzen Reihe irritierender Ereignisse. Innerhalb von einer Woche in der sommerlich heißen Stadt gerät Ruths Leben völlig aus dem Takt. Ulrich Woelk erzählt in „Mittsommertage“ die spannende Geschichte einer Frau, die sich neu erfinden muss. (Klappentext)

Rezension:

Am Anfang steht ein Hundebiss als eher störende Unannehmlichkeit, doch bringt in Ulrich Woelks neuen Roman „Mittsommertage“ ein solcher, das Leben seiner Protagonistin durcheinander. Fragen, die jahrzehntelang verschüttet waren, tauchen nun wieder auf. Gewissheiten sind plötzlich nicht mehr unumstößlich. In dieser Grundstimmung gerät Ruth zunehmend von Tag zu Tag, auch Sicherheiten fallen plötzlich in sich zusammen.

Nachdem Woelks zweite Erzählung „Für ein Leben“ in Teilen unrund wirkte, da teilweise zu ausufernd erzählt, knüpft der nun vorliegende Roman wieder an Gegebenheiten an, die mir seinem vorvorletzten Werk in positiver Erinnerung bereithalten.

Zunächst ist da die Beschränkung auf sehr wenige Figuren und ein überschaubarer Handlungsrahmen, der genau zu der ruhigen Art des Erzählens passt, wie der Autor dies schon mit seinem Debüt gezeigt hat. Darauf aufbauend tut die konsequente Ausgestaltung der Protagonistin, durch deren Augen diese Geschichte erzählt wird, sowohl im gegenwärtigen Handlungsrahmen als auch in den Rückblenden, ihr Übriges.

Wir begleiten die Protagonistin nur durch den Zeitraum von einer Woche, die sehr kompakt erzählt wird. Jeder Tag entspricht einem Kapitel, in dem als Folge des Bisses bzw. der Verarbeitung dessen sich neue Gräben auftun, die die innerlichen Grundfesten der Frau erschüttern, die zum überwiegenden Teil versucht, nach außen Stärke zu zeigen. Das gelingt der Protagonistin immer weniger. Risse werden sichtbar.

Woelk bringt hier zwischen den Zeilen viel zur Sprache. Wie lange etwa muss und auch darf die Vergangenheit nachhallen und wie sollten wir damit umgehen? Fragen der Philosophie und der Ethik, nach der Physik, die thematisch in „Der Sommer meiner Mutter“ eingearbeitet war, nun der zweite Themenblock, den Woelk studierte und nun einem seiner Figuren als Leidenschaft mit auf den Weg gegeben hat. Das wirkt alles in allem stimmig.

Wie reagieren wir, wenn Sicherheiten in unserer nächsten Umgebung wegfallen, wenn die Vergangenheit uns einholt? Wie auch in Bezug auf die Reaktionen von außen? Wofür und wann lohnt es sich zu kämpfen? Fragen, die heute drängender denn je sind und so ist „Mittsommertage“ nicht nur ein Erfahrungs- oder durchaus Großstadtroman, auch der wandel der Umweltbewegung von damals zu heute stellt der Autor gekonnt komprimiert dar.

Letzteres wird dargestellt durch das Gegenüber einer Figur, die als eine zweite vor allem durch Rückblenden zund kurzen Einschüben Konturen bekommt, während die wenigen anderen verleichsweise blass bleiben. Mehr braucht man tatsächlich auch nicht. Der Roman funktioniert auch so. Der Gegensatz zwischen den Zeitsprüngen kommt damit jedoch viel stärker zur Geltung, wobei die Perspektive stets die gleiche bleibt.

Es ergeben sich dabei keine unwirklichen Sprünge oder Brüche, vielmehr könnte alles tatsächlich so passieren. Gerade dies ist das, nicht immer Spannende, aber Tragende dieses Romans, in dem es Ulrich Woelk auch wieder vermehrt gelungen ist, sehr filmisch zu erzählen. Man kann sich in die einzelnen Szenen sehr gut hinein versetzen, auch wenn man sich in die ruhige Art des Erzählens vielleicht erst einfinden muss.

Einige Längen gibt es zwar, doch fallen die nicht groß ins Gewicht, da sie sich auf wenige Seiten beschränken, was jedoch durch eine gekonnte Auflösung am Ende der Handlung mehr als ausgeglichen wird. Mit „Mittsommertage“ kommt Ulrich Woelk wieder sehr nah an dem heran, was für mich „Der Sommer meiner Mutter“ ausgemacht hat. Und das ist einfach wunderbar.

Autor:

Ulrich Woelk wurde 1960 in Bonn geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Von 1980-1987 an, studierte er physik und Philosophie an der Universität Tübingen. Er arbeitete bis 1995 an der Technischen Universität Berlin, sowie in Göttingen als Astrophysiker. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1990. 1991 promovierte er über Weiße Zwerge in engen Doppelsternsystemen. Seit 1995 lebt Woelk als freier Schriftsteller in Berlin. Er schreibt Theaterstücke, Romane und Hörspiele. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

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Lucy Clarke: One of the Girls

Inhalt:

Es sollte der perfekte Kurzurlaub werden: Lexi reist mit fünf Freundinnen auf eine griechische Insel, um ihren Junggesellinnenabschied zu feiern. Von der abgelegenen Villa mit Meerblick bis hin zu den malerischen Tavernen und weiß getünchten Straßen scheint der Urlaub zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich bekommt die Idylle bald Risse, denn abgesehen von ihrer Freundschaft mit Lexi haben die Frauen nur eines gemeinsam: Sie alle haben etwas zu verbergen. Nach und nach kommen versteckte Absichten ans Licht, Geheimnisse werden enthüllt und die Masken fallen – bis eine Leiche auf den Klippen unterhalb der Villa liegt… (Klappentext)

Rezension:

Ein paar Tage noch wollen sie zusammen verbringen, sechs Freundinnen, um den Beginn eines neuen Lebensabschnitts einer von ihnen zu feiern. Einen unvergesslichen Jungesellinnenabschied, eine besondere Hen-Party, plant da Bella für ihre beste Freundin Lexi, und der soll im Paradies einer griechischen Mittelmeerinsel stattfinden.

Schon bei Ankunft der Frauen zeigt die Idylle erste Risse. Nicht alle von ihnen haben das gleiche Ziel. Stunde um Stunde nähern sich die Protagonistinnen dem Abgrund.

Auch der neue Roman der englischen Autorin Lucy Clarke führt uns Lesende in ein Urlaubsparadies Marke Postkartenmotiv, um nach und nach derer Schattenseiten die Oberhand gewinnen zu lassen. Nicht gerade durchgehend ist es ein düsterer Reisekrimi, immer wieder kommt eine gewisse Leichtigkeit zum Tragen, die jedoch im darauffolgenden Moment gekonnt durchbrochen wird.

Dabei ist zunächst nicht klar, was genau passieren wird. Andeutungen werden durch die namenlose Erzählerin zwischen den Kapiteln nach und nach konkreter. Erst später ergibt sich aus verschiedenen Puzzelteilen ein Gesamtbild. Die Erzählung, beschrieben aus der wechselnden Sicht der einzelnen Figuren, wird zunächst bestimmt durch das Beziehungsgeflecht untereinander. Grundverschiedene Charaktere, die bis auf ein zwei Merkmale nicht gerade vielseitig ausgestaltet sind, treiben die Handlung voran, die einen Zeitraum von wenigen Tagen umfasst.

Je nach erzählender Protagonistin wird mehr oder weniger ausschweifend erzählt. Auffällig ist, dass vor allem zu Beginn mehr an der Oberfläche gekratzt wird, um Spannung aufzubauen, die alleine durch die Wirkung der Figuren aufeinander hochgehalten wird. Die ruhige Tonalität, mit der Lucy Clarke die Atmosphäre setzt, tut ihr Übriges, zudem der fiktionale Ort, der ihr völlige Handlungsfreiheit gab, die Erzählung auszugestalten.

Das tut sie mit der Dynamik der zwar im Einzelnen sehr einseitigen, teilweise sehr enervierenden Charkere, die jedoch genug Ankerpunkte bieten, um die Geschichte weiter verfolgen zu wollen, wobei jede Protagonistin ihre eigenen Hintergründe im Beziehungsgeflecht aufweist. Leider reicht dies oft nicht aus, um mitzufühlen, und wenn hat man das Gefühl gerade dem Auseinanderfallen einer durch ihr Zusammensein besonders toxischer Gruppe von Frauen beizuwohnen. Es lädt förmlich dazu ein, mehr als einmal die Augen zu rollen.

Aus diesen Perspektiven eheraus erzählt, wirkt die daneben und doch über allen stehende Erzählerin, man ahnt bis zum Schluss nur, welche Charaktere dies ist, zwar wie ein Handlungstreibender, jedoch manchmal überflüssiger Fremdkörper. Als würde die Autorin ihrer eigenen Erzählkunst nicht trauen. Dabei kann sie das gut. Die Geschichte ist in sich schlüssig aufgebaut.

Es gibt kaum Logik-, hoffentlich in der Verkaufsversion nicht ganz so viele Schreibfehler und einige vertauschte Namen, wie in der des unkorrigierten Leseexemplars, welches dem Rezensenten (mir!) zur Verfügung stand. Ich möchte gerne daran glauben, dass die Verlagsverantwortlichen da nochmals drüber geschaut haben. Großflächig Überraschungsmomente sucht man vergebens. Die hat sich Lucy Clarke vor allem für das Ende, welches sehr rasant erzählt wird, aufgespart. Konzentration hat die Autorin vor allem in die Ausgestaltung der Gefühlswelten ihrer Protagonistinnen gesteckt, gerade wenn es um Gedankenbeschreibungen und Rückblenden geht.

Um so ernüchtender ist es, wenn nach außen hin, dann die schon geschilderte Eindimensionalität überwiegt. Landschaftsbeschreibungen sind ihr dagegen glaubwürdig gelungen. An manchen Stellen fühlt man sich beinahe in den Handlungsraum hinein versetzt. Man kann sich die Orte zumeist sehr gut vor Augen führen, was auch dazu beiträgt, die Erzählung weiterverfolgen zu wollen.

Es ist ein Reisekrimi, nicht besonders anspruchsvoll, aber auch nicht so leicht, dass man das Gefühl hat, nur Kitsch zu lesen, jedenfalls keine verlorene Zeit diese zu nutzen. Wer Wert legt auf vollends ausgestaltete Charaktere, wird hier enttäuscht werden. Wer über einzelne Schwachpunkte hinwegsehen kann, wird durchaus unterhalten werden, auch wenn man einige Male das Gefühl hat, einer ZDF-Vorabendserie beizuwohnen.

Sich berieseln lassen am Ende des Tages ist durchaus nicht verkehrt. Verlorene Zeit ist etwas anderes. Vor allem jene, die Spannung ohne allzu viel Gewalt haben wollen, können sich diese Lektüre vornehmen. Vielleicht am Strand oder in einem auf einer griechischen Insel liegenden Haus. So beschrieben, könnte das tatsächlich existieren, genau so wie der eigentliche Wohnort der Protagonistinnen nicht zufällig selbiger ist, wie der der Autorin im realen.

Wer einmal eine Reise tut, der kann etwas erleben. Nur bitte aufpassen, mit wem genau.

Autorin:

Lucy Clarke ist eine englische Schriftstellerin. Zunächst studierte sie Englische Literatur an der Universität von Cardiff, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. In über zwanzig Sprachen übersetzt werden diese für die Leinwände adaptiert und finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten wieder. Mit ihrer Familie lebt sie in einem Ort an der englischen Südküste.

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