Frauen

„Im Alltag mit den Menschen ist Saudi-Arabien ein extrem gastfreundliches Land.“

Das Interview mit Stephan Orth über seine Reise durch das Land der Scheichs und seinem Bericht „Couchsurfing in Saudi-Arabien“

Kurz vor Beginn der Pandemie öffnet eines der bisher verschlossensten Länder der Erde die Tore für Privatreisende. Stephan Orth beginnt sofort zu planen und zu organisieren, packt schließlich seinen Rucksack. Sightseeing interessiert ihn wenig, die Menschen um so mehr. In seinem Reisebericht „Couchsurfing in Saudi-Arabien – Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft“ berichtet er von seinem ereignisreichen Trip. Ihn eröffnet sich ein Land voller Widersprüche. Ich (NH) konnte mit ihm (SO) darüber sprechen.

Stephan Orth im Gespräch mit Einheimischen. Tee und Kaffee werden meist aufeinander folgend gereicht.
(Foto: Christoph Jorda)

Was ist und wie funktioniert Couchsurfing? Hier klicken:

Couchsurfing.com ist ein internetbassierendes Netzwerk, deren Mitglieder dieses nutzen, um eine kostenfreie Unterkunft zu finden, selbst eine Unterkunft anzubieten oder ähnliches, wie z. B. Stadtführungen anzubieten. Dies funktioniert über das Anlegen und Bewerten von Nutzerprofilen, sowie Absprachen zwischen den Beteiligten. Die Plattform hat nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Mitglieder weltweit. (Wikipedia)

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NH:

Wenn man solche Länder bereisen möchte, wie viel Vorbereitung ist notwendig oder überhaupt möglich?

SO:

Das ist ein ganz wesentlicher Teil einer solchen Reise. Ich verbringe Monate damit, mich mit dem Thema zu beschäftigen, alles zu lesen, was ich in die Finger bekomme. Bücher, Magazin- und Zeitungsartikel. Ein wesentlicher Teil ist auch, dass ich mir die Couchsurfing-Profile von hunderten von Leuten anschaue, eine Vorauswahl treffe.

Wer könnte irgendwie interessant sein, wer hat vielleicht ein ungewöhnliches Hobby, präsentiert sich online in einer etwas verrückten Art, dass ich Menschen finde, bei denen ich das Gefühl habe, da gibt es eine Geschichte zu erzählen. Das ist nachher in den Büchern das ganz Wesentliche.

Es geht ja um die Menschen in dem Land. Das heißt diese Art von Casting ist sehr wichtig, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, wenn man hunderte von Profilen durchgeht.

Couchsurfing auf (f)liegenden Teppichen?
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Für Hotels gibt es Hotelbewertungen, beim Couchsurfing die Bewertungen ehemaliger Gäste. Privatreisen sind aber in Saudi-Arabien noch nicht lange möglich gewesen. Wie gestaltet sich das da? Wie aussagekräftig sind solche Profile?

SO:

Tatsächlich gibt es wenige Profile von Menschen, die schon sehr viele Bewertungen haben, was normalerweise eine gute Orientierungshilfe ist. Die meisten sind seit maximal zwei Jahren Mitglied. In vielen Großstädten gibt es nur ein paar aktive User.

Es ist definitiv schwieriger, dort Gastgeber zu finden als in anderen Ländern, in denen das schon seit zehn oder fünfzehn Jahren verbreitet ist. Tourismus ist dort noch ganz neu, gerade Individualtourismus mit Rucksack. Dementsprechend war ich oft auch der allererste Gast.

Stephan Orth, Rucksacktourist und Couchsurfer, sucht immer den direkten Kontakt zu den Einheimischen.
(Foto: Christoph Jorda)

NH;

Die touristischen Infrastrukturen dort sind gerade im Aufbau. Hatten Sie eine Art Back-up im Hintergrund, „Sicherheitsmechanismus“ für ihre Reise, jemanden, der die Zeit über Ihre Kontaktdaten hatte?

SO:

Ich schaue immer, dass ich weiß, wie ich das Konsulat erreiche und dass zu Hause ein, zwei Leute informiert sind, wo ich mich befinde. Das ist es dann aber in der Praxis auch schon. Bei Saudi-Arabien waren die Risiken vorab schwer einzuschätzen, da es so wenig Reiseberichte gibt und da ich auch keine Reisen vorher in dieses Land gemacht hatte.

In meinen anderen drei „Buch-Ländern“ war ich vorher schon einmal gewesen, konnte mir schon einmal einen Eindruck machen. Das war jetzt alles so neu, dass es dann auch die erste Reise war.

Piper/Malik Buchtrailer zu Stephan Orths Reisebericht „Couchsurfing in Saudi-Arabien„.

NH:

Vier Länder haben Sie auf diese Art und Weise bereist und Bücher darüber geschrieben. Haben Sie vorher schon Couchsurfing-Erfahrungen gesammelt?

SO:

Ich nutze das schon seit inzwischen achtzehn Jahren, vorher mit dem Vorgänger Hospitality-Club. Das war eine Seite, die von zwei deutschen Brüdern gegründet wurde, die eine Zeit lang sehr erfolgreich war, aber dann abgelöst wurde durch Couchsurfing, da die einfach mehr in die Seite gesteckt und das schöner und „lifestyliger“ aufgemacht hatten.

Auf jeder meiner eigenen Reisen habe ich es genutzt. Ich hatte auch viele Gäste bei mir zu Hause. Deswegen war es ganz natürlich für mich, darüber zu schreiben. Im Iran war es die beste Art, an die Geschichten der Einheimischen heranzukommen, um über diesen extremen Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Leben erzählen zu können.

NH:

Gab es einen Moment in Saudi-Arabien, in dem Sie vielleicht dachten: „Ist das richtig hier zu reisen? War das jetzt ein Fehler?“

SO:

Diesen Moment gab es nicht, da mir von Anfang an klar war als Journalist, von Beginn September an, als es zum ersten Mal diese Möglichkeit gab, das Land zu bereisen, es wäre gut, das schnell zu tun, der Erste zu sein, der darüber schreibt. Deshalb hatte ich während der Reise an sich nie Zweifel an dem Projekt und Thema.

Es ist dann eher im Mikrobereich so, dass ich ständig bewerte. Wie läuft es gerade, was bekomme ich zusammen, was erlebe ich? Was erfahre ich über das Land von den Leuten? Natürlich gibt es immer wieder zwei drei Tage, an denen ich denke, jetzt ist nicht so viel passiert, dass ich jetzt nochmals umdenken muss?

NH:

Auf der Reise gab es immer wieder Momente des Grübelns. Sie beschreiben, dass Führung und Politik des Landes, wenn überhaupt, nur unterschwellig kritisiert werden, zwischen den Zeilen. Hatten Sie den Eindruck, dass die Menschen eher viel oder dann doch sehr wenig preisgaben?

SO:

Das kommt sehr auf das Thema an. Bei allen Smalltalk- oder einfacheren Themen, war es kein Problem, zu sprechen aber sehr häufig habe ich die Erfahrung gemacht, sobald es in Richtung Politik geht, sobald die kleinste Gefahr besteht, sich irgendwie kritisch über die Regierung zu äußern, da blocken die Menschen ab.

Sie wechseln das Gesprächsthema, wollen nichts sagen, da sie ganz genau wissen, wie brutal das Regime gegen Kritiker durchgreift. Diese Angst spürt man sehr häufig. Man hat in Saudi-Arabien als Reisender oft das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen, da man doch merkt, dass Einem vieles im besten Licht präsentiert werden soll.

Wenn man z. B. Kritikpunkte, gerade an diese besonders konservative Form des Islams anbringt, haben die Menschen gleich sehr feingeschliffene Antworten parat, Sie wissen genau, was es für Streitpunkte gibt. Sie sind sehr gut darin, Dinge auch positiv darzustellen. Man hat auf solch einer Reise oft das Gefühl, man bleibt stark an der Oberfläche und kommt nicht so ganz dahinter, erfährt nicht wirklich, was in den Leuten vorgeht. Das blitzt in einigen Momenten auf.

Auf Wüstentour im Wüstenstaat. Das Buch von Stephan Orth enthält Kamele.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Es ist ja schon beeindruckend zu lesen, wie einfach das Beantragen der Visa gewesen ist. Nach den letzten Büchern hätte mich nicht die Frage überrascht, ob Sie darüber dann auch eines schreiben.

SO:

Im Falle von China war es auch so, als ich im Konsulat gewesen bin, dass ich gefragt wurde, ob ich ein Buch darüber schreiben werde, was ich dann eiskalt verneint habe.

Bei Saudi-Arabien war es anscheinend ohnehin eine automatische Erstellung dieses Visums. Das kam fünf Minuten, nachdem ich es abgeschickt hatte, per PDF an mich, mit neunzig Tagen Reisedauer, beliebig vieler Einreisen. Ein sehr gutes Visum. Das war verblüffend. Ich glaube, Saudi-Arabien hat anders als China, Russland und auch Iran noch wenig Erfahrungen mit ausländischen Journalisten. Es gab nie viele Korrespondenten, die dort fest stationiert waren. Vielleicht hat man dort noch nicht den Umgang damit entwickelt?

NH:

Gleichzeitig ist das ein Garant für teilweise kuriose Begegnungen. Welche sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? Haben Sie noch Kontakt zu einigen Menschen dort?

SO:

Ja, teilweise schon. Es sind drei, vier Leute, mit denen ich noch regelmäßig Kontakt habe. Man fragt sich gegenseitig, wie es z. B. gerade mit Corona läuft? Wie ist die Situation gerade? Wie kommt man jeweils so zurecht in dem anderen Land?

Ein Erlebnis, das besonders hängen geblieben sind, war eine Wüstentour mit Einheimischen, mit Geländewagen. Abends wurde gezeltet. Diese Stimmung in der Wüste, diese Einsamkeit, der Sternenhimmel, die tollen Felsformationen, das war für mich als Reiseerlebnis das Highlight. Bei einem anderen Gastgeber in Nadschran, an der Grenze zu Jemen, habe ich eine besondere freundschaftliche Verbindung gespürt.

Er hat mir so viel von seiner Region gezeigt, den ganzen Freundeskreis vorgestellt. In einer Region, in der sonst kaum jemand reist, da es dort nicht sicher ist. Es war wahnsinnig spannend, einen solch authentischen Einblick in einen bislang völlig untouristischen Ort zu bekommen.

Beeindruckende Landschaften prägen das Bild des Wüstenstaates Saudi-Arabien.
(Quelle: Christoph Jorda)

NH:

Sie beschreiben, wie Bombeneinschläge zu hören sind, wie nah der Konflikt dort ist. Wie sehr beeinflusst dies das Leben der Menschen hinter derern Fassade, die diese vielleicht versuchen aufrecht zu erhalten?

SO:
Ich habe eine sehr starke Routine erlebt, da der Konflikt schon einige Jahre andauert. Zumindest ist es ein paar Monate her, dass es zu Zerstörungen in Nadschran kam. Irgendwie lebt man dort mit einem gewissen Fatalismus, aber auch Stolz.

Viele sagen: „Wir gehören zum Jam-Stamm und es ist eine Schande, aus Angst vor irgendwelchen Problemen zu gehen. Deswegen bleiben wir hier.“ Eine Mischung aus Stolz, dass man dort ausharrt und einer sehr starken Routine. Man weiß, dass von den Detonationen auf der anderen Seite, dass es nicht gefährlich ist, auf dieser, dass nichts herüberkommt und gewöhnt sich daran. Selbst ich habe mich nach drei Tagen daran gewöhnt.

Die Einschläge kamen so regelmäßig und es passierte nichts, sodass sie mich mit der Zeit gar nicht mehr aus der Bahn geworfen haben.

NH:

Die Härte des Landes, des Regimes ist ja das Eine. Haben Sie für sich Vorurteile, die es vielleicht gab, widerlegen können? Welche waren das und wie sah es am Ende aus?

SO:

Vielleicht hat man das Vorurteil, dass Saudi-Arabien im Alltag ein sehr abweisender Ort ist. Weil man – durchaus zurecht – so viel Negatives über gesellschaftliche Missstände oder Menschenrechtsverletzungen hört. Doch im Alltag, im Umgang mit den Menschen ist es ein ganz extrem gastfreundliches Land. Ich wurde ständig zu Kaffee, Tee und Datteln eingeladen.

Natürlich ist der Tourismus dort jetzt ein sehr neues Phänomen. Das möchte man jetzt auch. Man weiß auch, dass das ein Wirtschaftszweig der Zukunft ist.

NH:

Sie hatten zahlreiche Kontakte zu einheimischen Männern. Vergleichsweise rar war der Kontakt zu Frauen. Hätten Sie die Reise anders erlebt, wenn Sie als Frau unterwegs gewesen wären?

SO:

Ich glaube tatsächlich, es wäre eine komplett andere Reise gewesen und mindestens genauso interessant, da man dann natürlich in die Welt der Frauen viel stärker hineinkommt. Eine europäische Frau würde in allen Familien direkt in die „Frauen-Abteilung“ geschickt werden und könnte wahnsinnig viel erfahren, wie es dort zugeht und mit den Frauen viel mehr sprechen.

Sie kann aber gleichzeitig auch in der Männerwelt präsent sein. Man gilt dann ein wenig als „Außerirdische“. Da man nicht aus der gleichen Kultur kommt, darf man durchaus auch bei den Männer-Runden sitzen. Es wäre sicher hochinteressant, ein ähnliches Buch aus der Frauen-Perspektive zu lesen.

Kleine, vorsichtige Schritte der Änderungen prägen das Land seit Kurzem. Vor allem für die Frauen. Doch, noch immer ist Saudi-Arabien ein sehr konservativer und restriktiver Staat.
(Quelle: Christoph Jorda)

NH:

Die Reise ging später anders zu Ende als gedacht, wegen Corona. Es wurde zum Schluss sehr hektisch.

SO:

Ich hatte dann den letzten möglichen Flug nach Europa gebucht. Der ging um 9:50 Uhr, um 11:00 Uhr hat der Flughafen in Riad zugemacht. Die Grenzen waren sowieso dicht. In dem Moment musste ich raus. Das war zwei Wochen früher als geplant.

Ich habe es natürlich realisiert, dass das die richtige Entscheidung war, da man in der Corona-Krise nicht mehr weiter reisen bzw. zu Gastgebern gehen konnte.

NH:

Die haben reihenweise abgesagt.

SO:

Das merkte ich schon, als die erste Absage kam. Natürlich weiß man in dem Moment, das war im März, noch nicht, dass der Flughafen für Monate gesperrt werden würde. Die erste Ansage war, wir sperren den Flughafen jetzt für zwei Wochen. Ich wusste in dem Moment schon genug über Corona, durch u. a. Drosten-Podcasts, dass es nicht dabei bleibt, aber natürlich nicht, dass es Monate dauert. Wie lange im Endeffekt Grenzen zu sind, war da noch nicht vorstellbar.

Mir war jedenfalls klar, es ist jetzt schlauer, den letzten Flug zu nehmen.

NH:

Beim Lesen hat man den Eindruck, zumindest davor haben die Menschen die vorsichtig Öffnung des Landes positiv bewertet. Ist das so?

SO:

Gerade junge Leute sind sehr froh darüber, besonders Menschen aus dem Mittelstand, die vielleicht selbst schon gereist sind, z. B. in Europa waren. Viele fuhren bisher nach Dubai, Abu Dhabi oder Bahrain, um Spaß zu haben, zu feiern, Konzerte und Events zu erleben.

Es war im eigenen Land einfach nicht möglich. Sie freuen sich sehr, dass jetzt auch einiges in Riad, Dschidda und Dammam passiert.

Privat zeigen sich die Menschen sehr offen und gastfreundlich. Kritik und Ängste gibt es nur zwischen den Zeilen zu hören.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:
Sie beschreiben ein Konzert in der Wüste, eine Weihnachtsfeier, die nicht so heißen darf. Wie beständig ist so etwas? Wird es weitere Lockerungen geben? Oder können diese schnell wieder rückgängig gemacht werden?

SO:

Klar ist erst einmal, dass durch Corona die Öffnung unterbrochen wurde und vieles erst einmal zurückgedreht ist. Momentan werden keine Touristen-Visa ausgestellt, Groß-Events wie Konzerte oder Sportveranstaltungen mit Publikum finden nicht statt. Das ist jetzt erst einmal auf „Stand-by“ gesetzt. Aber ich glaube schon, dass nach der Corona-Krise diese Entwicklung weitergehen wird.

Das Königshaus versucht aber auch ganz klar zu zeigen, dass es wenig bringt für den Wandel, wenn die Menschen für Proteste auf die Straße gehen. Die Bürger sollen verstehen: Es bringt euch nur ins Gefängnis, wenn ihr mit Protesten etwas erreichen wollt.

Man hört von weiteren Reformen, dass z. B. Peitschenhiebe als Strafe abgeschafft wurden oder dass die Todesstrafe nicht mehr für diejenigen verhängt werden soll, die bei der Tat unter 18 Jahre alt waren.

Man muss aber ganz klar sehen, wo die Grenzen liegen, dass es nie Entwicklungen hin zu mehr Zivilgesellschaft, zu mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung, mehr Pressefreiheit sind. Alles, was die Macht des Königshauses angreifen könnte, da gibt es keine Reform.

NH:

Man bekommt den Eindruck, dass immer nur so viel Veränderung geschieht, dass sich die Führung des Landes auch gegenüber den jungen Menschen Saudi-Arabiens rechtfertigen kann. Saudi-Arabien ist ein sehr junges Land.

SO:

Das ist es auch. Rein demographisch sind ca. 60 % der Menschen unter 30 Jahre alt. Es ist ein sehr junges Land mit sehr kinderreichen Familien. Auch in dieser Generation. Von daher ist auch ein Druck auf das Königshaus vorhanden, auch für die jungen Menschen etwas zu ändern, dass man für sie das Leben ein wenig vereinfacht.

Die Grundidee von der „Vision 2030“ ist, die Kronprinz Mohammed bin Salman ausgegeben hat, dass man von den Öl-Einnahmen als einzigem, wesentlichen Wirtschaftsfaktor wegkommen muss.

Es geht damit nicht jahrzehntelang so weiter und da soll dann der Tourismus eine wesentliche Rolle spielen. Damit weiß man aber auch, dass man in diesem Falle nicht mehr so viel stärker konservativer sein kann als andere Länder, wenn man in der Weltwirtschaft eine Rolle spielen möchte.

Allgegenwärtig ist der Kontrast zwischen Tradition und Moderne. Immer unter den wachsamen Augen der Herrschenden.
(Foto: Christoph Jorda)

NH:

Wenn Tourismus wieder möglich sein wird, kann man also dorthin reisen? Welches Fazit ziehen Sie?

SO:

Ich glaube, es kommt eher auf die Art des Reisens an. Ich finde es nicht richtig, einen 5-Sterne-Urlaub, um einmal richtig die Seele baumeln zu lassen, eine gute Zeit zu haben, in ein Land zu machen, wo man mit der Regierung nicht einverstanden ist oder nicht sein kann.

Aber eine Reise, die einfach zu den Menschen führt, in der es um Kommunikation und Kennenlernen geht, finde ich in jedem Land in Ordnung, da man damit nicht so viel Geld im Land lässt, wie der Luxus-Tourist und damit eine Regierung unterstützt.

Es ist ein moralisches Problem. Ich finde, es ist auch nicht richtig, in Dubai in Saus und Braus zu leben.

NH:

Wenn Reisen wieder möglich werden,wohin planen Sie Ihren nächsten Trip? Wohin führt uns Ihr nächstes Buch?

SO:

Ich habe eine lange Liste von Ländern, die infrage kommen. Es gibt viele davon, die gut in diese Reihe passen würden, die auch oft negativ in den Nachrichten vorkommen, die in Sachen Menschenrechte problematisch sind.

Da gibt es durchaus einige Kandidaten, die ich sehr gerne einmal aus der Alltagsperspektive heraus bereisen würde. Es steht noch nicht fest, welches das nächste Ziel sein wird. Man kann im Moment wahnsinnig schwer planen, von daher werde ich das vermutlich erst am Ende des Jahres entscheiden.

NH:

Dann bleiben wir gespannt. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

SO:

Vielen Dank ebenso.

Wer jetzt Lust zum Lesen bekommen hat, hier geht’s zur Rezension von Stephan Orths „Couchsurfing in Saudi-Arabien“.

Stephan Orth: Couchsurfing in Saudi-Arabien
Seiten: 255
Malik Verlag
ISBN: 978-3-89029-570-1

Informationen von und über Stephan Orth:
Homepage I Twitter I Instagram I Piper/Malik Verlagswebsite I Politicky&Partner I Fotos: Christoph Jorda

Das Interview wurde über Zoom geführt. Den Inhalt verlinkter fremder Seiten, auf die hingewiesen wird, macht sich der Blog-Autor nicht zu eigen. Eine Haftung dafür wird nicht übernommen.
Bildmaterial wurde freundlicherweise dem Blog-Inhaber seitens der literarischen Agentur Politicky & Partner zur Verfügung gestellt. Dieses darf nicht weiter verbreitet oder verändert werden und ist Eigentum der Rechteinhaber. Das Interview darf nur mit Genehmigung des Blog-Autoren, beteiligten Interview-Partnern, Verlags- und Agenturverantwortlichen weiterverbreitet, nicht verändert werden. Der Blog-Autor dankt allen Beteiligten für das Zustandekommen des Beitrags.

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Christian Hardinghaus: Die verratene Generation

Die verratene Generation Book Cover
Die verratene Generation Christian Hardinghaus Europa Verlag Erschienen am: 30.10.2020 Seiten: 336 ISBN: 978-3-95890-332-6

Inhalt:

Vergleichsweise wenig differenziert wurde über die Frauen im Nationalsozialismus bisher geschrieben, so gut wie nichts über ihren Einsatz im Krieg. Doch viele Millionen waren im Einsatz als Lazarettschwester, Kriegshilfsmaid oder als Rüstungsarbertin, obwohl dies im Widerspruch zur Ideologie der Nazis stand.

Ein Großteil der zivilen Opfer von Bombenangriffen bishin zu Vertreibungen und Vergewaltigungen waren weiblich. Christian Hardinghaus lässt Einige von ihnen zu Wort kommen und appelliert an ein Überdenken unserer Erinnerungskultur. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Viele Erinnerungen und Erfahrungsberichte, die die Zeit des Zweiten Weltkrieges umfassen, wurden in den letzten Jahren veröffentlicht. Zumeist umfassen sie das Kriegsgeschehen an den Fronten, die Seite der Machtelite des Dritten Reiches oder die des Holocausts und bilden dabei wichtige Bausteine unserer Verarbeitungskultur.

Dennoch ist dies einseitig. Bisher wurde vergleichsweise wenig über die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus geschrieben, doch sind die meisten zivielen Opfer dem weiblichen Geschlecht zuzordnen, litten sie auch und besonders im Bombenkrieg in der Heimat, unter den Vertreibungen und Vergewaltigungen am Ende des Krieges, der Millionen von ihnen das Leben kostete.

Zudem nahmen sie auch Rollen im Kriegsgeschehen ein, etwa als Lazarettschwester oder Kriegshilfsmaid, dies oft entgegen der nationalsozialistischen Ideologie. Der Historiker Christian Hardinghaus bricht diese Einseitigkeit auf und beleuchtet mit dreizehn Berichten von Zeitzeuginnen das grausamste Kapitel unserer Geschichte.

Selten ist ein Werk, zumal ein Sachbuch, dessen Stärke sich zumeist in der Ausbreitung der Rechercheeregbnisse zeigt, schon am Anfang stark, doch der Autor schafft mit einer differenzierten Auseinandersetzung in der Eröffnung der Thematik genau dies. Er bricht einen in der Historik noch viel zu wenig beachtetes Gebiet auf und plädiert zunächst für eine differenzierte Betrachtung. Von allem.

Zu eng werden viele gesellschaftliche Problematiken verfasst, zu sehr beharrt man auf seine Standpunkte, ohne auch nur zuzulassen, dass eine andere Person vielleicht Recht haben könnte. Hardinghaus sieht dies und nimmt es als Einstieg in ein noch wenig beschriebenes Gebiet, welchem er Gesichter geben möchte. Personengeschichte wirkt auch hier am stärksten.

Gegliedert ist dieses dreizehn Zeitzeuginnen-Berichte umfassende Sachbuch in zwei der Komplexe, die zu anderen Sachgebieten des Geschehens dieser Zeit eher stiefmütterlich behandelt werden. Zum Einem, das Erleben des Bombenkrieges, zum anderen die Vertreibungen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und die Vergewaltigungen etwa durch die heranrückenden sowjetischen Soldaten.

Der Historiker hält sich, abgesehen von einer einleitenden Analyse der jeweiligen Überthemen, wohltuend zurück, rückt vielmehr die jenigen Personen in den Vordergrund, die stellvertretend für viele erzählen, so lange sie es noch können. Hardinghaus lässt hier die Frauen selbst das Erlebte einordnen und werten.

Der Leser kann sich ob der Auswahl, die nicht den Anspruch hat, vollständig zu sein, indes selbst ein Bild machen. So funktioniert eine umfassende Betrachtung. Mit diesem Werk ist es dem Autoren sogar noch etwas mehr als mit seinem Buch über die Soldaten des Zweiten Weltkrieges, in dem gleichsam dreizehn Biografien vorgestellt worden, gelungen, eine sinnvolle Ergänzung zur bereits bestehenden Literatur zu schaffen.

Ein wertvoller zur Diskussion stehender Beitrag, der bereits Veröffentlichtes ergänzt und den Blickwinkel erweitert. Ohne Längen, Hang zur Polemik oder Übertreibung ein lesenswertes Sachbuch, welches nur vom Umfang hätte reicher sein können. Noch viel mehr Berichte von Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkrieges müssten gehört und gelesen werden.

Autor:

Christian Hardinghaus wurde 1978 in Osnabrück geboren und ist ein deutscher Historiker, Schriftsteller und Fachjournalist. Nach seinem Studium der Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaft (Film und TV) promovierte er an der Universität Osnabrück im Bereich Propaganda- und Antisemitismusforschung.

Im gleichen Jahr absolvierte er den Lehrgang Fachjournalismus an der Freien Journalismusschule. 2016 erwarb er zudem den Abschluss für das gymnasiale Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher und Romane. Hardinghaus lebt in Osnabrück.

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Claudia Sammer: Als hätten sie Land betreten

Als hätten sie Land betreten Book Cover
Als hätten sie Land betreten Claudia Sammer Erschienen am: 10.09.2020 braunmüller Verlag Seiten: 174 ISBN: 978-3-99200-285-6

Inhalt:

Die besondere freundschaft zwischen der jüdischen Veza und der nichtjüdischen Lotti in den 1930er-Jahren ist Ausgangspunkt einer Geschichte über sechs Frauen.

Über mehrere Generationen hinweg werden Lebensentwürfe skizziert, die geprägt sind von Abhängigkeit und Selbstständigkeit, vom Zweifeln und Sich-Finden, vom Glauben an eine höhere Macht und dem festhalten an der Erinnerung. erst nach ihrem Tod erfährt Lottis Familie von Vezas existenz und der gemeinsamen Zeit, eine Entdeckung, welche die Enkelin dazu ermutigt, neue Wege zu gehen. (Klappentext)

Rezension:

Entgegengesetzt den Vorstellungen ihrer Familien entwerfen sie vom jungen Alter an ihre Lebensentwürfe selbst, ecken an und kämpfen gegen Widerstände. Die liegen in der eigenen Verwandtschaft, sowie in der Zeit, der sie ausgesetzt sind, doch Veza und Lotti behaupten sich.

Das müssen sie, die eine um des Überlebens Willen, die andere, um unabhängig zu werden. Nur, die sie umgebenden Menschen wissen nicht davon, erfahren dies erst nach Jahrzehnten. Mehr gibt es auch zur Handlung nicht zu sagen. Es sei denn, man möchte zu viel verraten.

Die Schriftstellerin Claudia Sammer legt mit „Als hätten sie Land betreten“ eine Novelle von sprachlicher Wucht vor, für die man sich Zeit nehmen muss. Zeit nehmen, poetische Sätze in sich aufzusaugen, die aneinandergereiht wie eine Perlenkette wirken, doch schwer zu fassen sind.

Oft genug muss man, möchte man innehalten, Sätze immer und immer wieder lesen. Unscheinbar dieser Band, so einnehmend der Text. Die Freundschaft als Dingsymbol, als Dreh- und Angelpunkt in all seinen Fascetten, Widersprüchen, die die kompakten Kapitel durchziehen, die einmal als Entschluss der Kindheit gefasst, ihre Protagonisten nicht wieder loslässt.

Und doch hat der Text seine Längen. Monotonie erstreckt sich über mehrere Kapitel, ein Spannungsbogen nur zu Beginn und zum Ende, dazwischen gefühlt Leere. Das ist schwierig bei der Kürze des Textes und kaum zu rechtfertigen.

Alleine, man muss in der richtigen Stimmung sein, so etwas zu lesen, damit die Erzählung ihre volle Wirkung entfalten kann. Dann funktioniert das auch, der Zwiespalt der Protagonisten in ihren Entscheidungen, die Entwicklung über den beschriebenen Zeitraum.

Die Novelle verleitet zum schnellen Lesen, wer dies tut, macht’s jedoch falsch. Langsam, häppchenweise sollte man den Text in sich aufnehmen. Dann funktioniert es auch. Und das ist die eigentliche Problematik. Nur, wer ahnt das schon mit den ersten gelesenen Zeilen?

Autorin:

Claudia Sammer wurde 1970 geboren und ist eine österreichische Schriftstellerin. Zunächst studierte sie Rechtswissenschaften und Literarisches Schreiben und arbeitete in Wien und Mailand. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie wieder in Graz. 2019 erschien ihr erster Roman.

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Alma M. Karlin: Weltreise 2 – Im Banne der Südsee

Im Banne der Südsee Book Cover
Im Banne der Südsee Reihe: Weltreise – 2 Rezensionsexemplar/Reisebericht AvivA Verlag Hardcover Seiten: 346 ISBN: 978-3-932338-78-6

Inhalt:

Am 24.11.1919 bricht Alma M. Karlin zu ihrer Weltreise auf, die sie durch fünf Kontinente führen und schließlich acht Jahre dauern wird. Durch ihre Reisetagebücher, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli (slowenisch Celje) verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten Reiseschriftsteller*innen.

Im zweiten Band ihrer Weltreisetrilogie begleiten wir Alma M. Karlin von China über die Philippinen, Australien und Neuseeland bis nach Papua-Neuguinea. Von ihrer Schreibmaschine „Erika“ abgesehen, reist sie alleine und verdient sich ihren Lebensunterhalt komplett selbst – und auch sonst hat Alma M. Karlins Weltumrundung wenig mit anderen touristischen Reisen ihrer Zeit gemein. (Klappentext)

Bücher der Reihe:

Alma M. Karlin: Autobiografie – Ein Mensch wird

Alma M. Karlin: Weltreise 1 – Einsame Weltreise

Alma M. Karlin: Weltreise 2 – Im Banne der Südsee

Alma M. Karlin: Weltreise 3 – Erlebte Welt

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Rezension:

Das Ende der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kaum verdaut, entstanden in Europa neue Staaten, verschoben sich weltweit Grenzen, wandelten sich politische Ordnungen. Viele schauten wehmütig zurück, einige wenige nach vorn. Zur letzteren Kategorie gehört die Reiseschriftstellerin Alma M. Karlin.

Unabhängig und allein, versorgt mit Aufträgen zahlreicher zeitungen machte sich die Autorin im Jahr 1919 auf den beschwerlichen Weg einer Reise, die sie rund um den Globus führen sollte. Später geriet sie in Vergessenheit. Nach und nach wird ihr Werk nun neu aufgelegt und wieder entdeckt.

Hier liegt nun der eigentliche zweite Band, wenn man ihre Autobiografie als gesonderten ansieht, vor, der uns Lesende in die Gefilde der Südsee führt. Abenteuerlich ist der Weg dorthin auch heute noch, noch beschwerlicher damals, als Schiffspassagen das Mittel der Wahl waren, die sich die Journalistin Karlin nicht immer unbedingt leisten konnte.

Einmal angelangt, beobachtet sie mit scharfen Blick das Geschehen und bringt zu Papier die spannende Geschichte eines beeindruckenden Weges. In diesem Band von Asien bis nach Australien und Neuseeland, schließlich die Südsee. Sie beschreibt, was sie sieht, lässt nichts aus und versucht Kontakte zu knüpfen, zu geistlichen Missionaren, zu kolonialen Statthaltern, zur einheimischen Bevölkerung.

Entstanden ist so ein Zeitdokument von der anderen Seite des Erdballs, einer Frau, die nach ihrer Reise nie wieder wirklich irgendwo heimisch werden sollte.

Was zeigen uns die Reiseberichte vergangener Tage? Heute sind die Grenzen und Einschränkungen andere, wie auch die Abenteuer und Regeln, die mit einem solchen Trip einher gehen. Doch, der Text ist gut lesbar, nachzuvollziehen.

Mutig, der Verlag, der auch den Blick der Autorin zulässt, die gemäß ihrer Zeit zwar auf andere Völker und Rassen herabschaute, aber versuchte zu begreifen und zu verstehen. Die Differnez natürlich, offenbart sich erst viel später, als sie sich mit den Auswirkungen des Faschismus‘ konfrontiert sah. Bis zu dieser Zeit sollten jedoch ein paar Jahre vergehen.

Die Strapazen einer solchen Reise offenbaren sich indes in jeder Zeile. Die stetig brennende Sonne, ungewohntes Essen und sonderbare Bräuche, Leben, Tropenkrankheiten wie Malaria, die zusätzlich ihren Tribut fordern sollten. Minutiös schrieb Karlin, beinahe besessen von den so förmlich spürbaren Strapazen, jedoch auch Momenten des Glücks.

Die Journalistin war keine endeckerin, keine Forscherin, die etwa auf neue Tier- und Pflanzenarten stieß, doch erlebte sie etwas, was für viele ihrer Zeitgenossen zur damaligen Zeit oft unerreichbar war.

Eine Weltriese, wer macht die schon? Zumal als Frau, alleinstehend, selbstversorgend. Superlative der damaligen Zeit, gepackt in kurzweiligen Texten, die lose gelesen werden können, jedoch zusammenhängend einen spannenden Bericht abgeben.

Emanzipatorisch sind die heute nach und nach wiederentdeckten Reisetagebücher wichtig, wenn auch an Kritik nicht gespart werden darf. Diese ist jedoch aus unserer Sicht zu verstehen, die wir wissen, welche Folgen Alltagsrassismus haben kann. Ein wichtiges, spannendes und gut lesbares Zeitdokument bleibt „Im Banne der Südsee“ dennoch.

Ein wenig Robinson Crusoe, gemischt mit Abenteuertum und Durchhaltevermögen. Was will man denn mehr?

Autorin:

Alma Maximiliane Karlin wurde 1889 in Cilli, Österreich-Ungarn, heute Slowenien, geboren und war eine Journalistin, sowie zwischen den Weltkriegen eine der meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen. Bekannt wurde sie durch ihre mehrjährige Weltreise und ihre darüber veröffentlichen Bücher.

Ihren Lebensunterhalt verdiente sich die Autorin mit ihren Beiträgen für verschiedene Zeitungen, sowie Übersetzungsarbeiten, da Karlin neben ihrer eigenen, noch elf weitere Sprachen beherrschte. 1941 wurden ihre Bücher von den Nationalsozialisten verboten, da sie sich bereits sehr früh gegen den faschismus aussprach. Karlin starb 1950. Erst nach und nach werden irhe Werke wieder entdeckt.

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Unda Hörner: 1929 – Frauen im Jahr Babylon

1929 - Frauen im Jahr Babylon Book Cover
1929 – Frauen im Jahr Babylon Unda Hörner ebersbach & simon Erschienen am: 19.08.2020 Seiten: 253 ISBN: 978-3-86915-213-4

Inhalt:

1929 – die wilden Zwanziger entfalten noch einmal ihre volle Blüte, es ist ein letzter Tanz auf dem Vulkan. Marlene Dietrich spielt die Rolle ihres Lebens in Der Blaue Engel, Vicki Baum wird mit Menschen im Hotel weltberühmt und Lotte Jacobi zur Starfotografin der Berliner Prominenz.

Clärenore Stinnes tourt todesmutig im Auto um die Welt, Louise Brooks öffnet in Berlin Die Büchse der Pandora und Lotte Lenya feiert als Seeräuberin Jenny in der Dreigroschenoper triumphale Erfolge. Unda Hörner lädt ein zu einer faszinierenden Zeitreise auf den Spuren berühmter Frauen und entwirft ein facettenreiches Panorama weiblicher Kulturgeschichte im Jahr Babylon. (Klappentext)

Rezension:

Immer bedrohlicher zeigen sich dunkle Wolken am Himmel, als die letzten Monate des Jahres voranschreiten. Hetze in den Zeitungsblättern tritt deutlicher zu Tage, die Wirtschaft gerät ins Wanken. Doch, bevor es so weit ist, feiert sich die Welt noch einmal selbst. Mittelpunkt des Tanz‘ auf dem Vulkan ist die Metropole an der Spree, wo sich die Lebenswege ihrer Protagonistinnen kreuzen.

Die Autorin Unda Hörner nimmt uns mit auf eine Zeitreise, durch ein Jahr gleichsam als Sammlung kultureller Höhepunkte und legt damit einen wunderbaren Roman vor.

Der hat es in sich. Gegliedert nach Monaten beginnt die Zeitreise im Januar 1929. Kurzweilig sind die Abschnitte, handlich zu lesen die Kapitel. Mittelpunkt sind die Menschen, die das letzte Jahr der Goldenen Zwanziger prägten, wobei der Fokus hier auf die kulturelle und vor allem weibliche Seite gelegt wird.

Die studierte Germanistin begibt sich dabei auf den Spuren von Erika Mann, ebenso Marlene Dietrich, die den Dreh für einen Film beginnen wird, der ihr zum Durchbruch verhilft. Wir begleiten die Verlegerin an der Seite Erich Kästners und schauen durch die Linse Lotte Jacobis, die die Berliner Prominenz auf Zelluloid zu bannen weiß. Eine unvollständige, aber bezeichnende Sammlung in Romanform, die es in sich hat.

Es sollte das letzte Jahr friedlicher Unbeschwertheit sein, und so erlebt der Lesende Menschen, die gleichsam optimistisch und gespannt in die Zukunft blicken. Zumindest zunächst. Frauen, die bisher im Hintergrund tätig waren, treten nun nach vorne und bahnen sich sich zurecht ihren Weg. der führt dann schon einmal querfeldein durch Amerika oder in die dunklen Hallen des damals modernsten Studios für den damals noch relativ neuen und aufstrebenenden Tonfilm.

Geschickt hat die Autorin hier historische Fakten in einem historischen Roman eingewebt, der oftmals sehr still ist, mit Spannungsbögen sehr sparsam umgeht. Schließlich sind die Ereignisse ja bekannt. Was daraus Unda Hörner jedoch entwickelt hat, diese Dialoge, die die Erzählung lebendig werden lassen und tatsächlich so abgelaufen sein könnten, ist einfach schön.

Hier trifft es einmal, dass schöne Sprache nicht nur zu einem Kunstprodukt führt, sondern sich gut lesen lässt.

Wir begleiten Marlene Dietrich auf den Weg zu ihrer wohl größten Rolle und schauen Erika Mann über die Schulter, die versucht aus dem Schatten ihres übermächtigen Vaters herauszufinden, der den Nobelpreis bekommen wird. Wer diesen Roman liest, wird durch die Kameralinse von Lotte Jacobi schauen und eine Verlegerin bei der Suche nach einem Autoren begleiten, der ihr ein modernes Kinderbuch schreiben soll.

Alleine diese Geschichten schon sind interessant, ausgeschmückt mit vielen Details auf doch so wenigen Seiten kann man das letzte Jahr der 1920er Jahre hier praktisch durch die kulturelle Lupe betrachten. Sehr dicht wird das alles erzählt, Momente zum Innehalten, wie auch der Rausch der Zeit zu spüren ist, für jeden, der das liest.

Große Kunst ist das.

Autorin:

Unda Hörner wurde 1961 in Kaiserslautern geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin. Zunächst studierte sie an der Freien Universität Berlin Germanistik und Romanistik, promovierte im letzteren 1993 über Elsa Triolet. Seither beschäftigt sie sich mit berühmten oder weniger berühmten Frauen und brachte mehrere Romane und zahlreiche Biografien zu Papier. Im Jahr 2001 erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis.

Die Autorin, die auch als Journalistin, Übersetzerin und Herausgeberin tätig ist, veröffentlichte u.a. „1919 – Das Jahr der Frauen“, sowie „Kafka und Felice“, welches 2017 erschien.

Unda Hörner: 1929 – Frauen im Jahr Babylon Weiterlesen »