Aufwachsen

Stephen King: Die Leiche

Inhalt:

In einer heißen Sommernacht brechen der zwölfjährige Gordie und seine drei Freunde in die Wälder Maines auf. Die Leiche eines vermissten Jungen soll dort irgendwo an den Bahngleisen liegen. Schon bald erfahren sie, dass Monster nicht etwa unter dem Bett oder im Schrank auf einen lauern, sondern sich in jedem von uns verstecken. (Klappentext)

Rezension:

Der letzte Sommer der Kindheit hält mitunter Magisches bereit und das eine oder andere große Abenteuer. Dies ist es, was der Schriftsteller Stephen King 1982 in seiner Novelle „Die Leiche“ beschrieben hat und auch in einigen seiner anderen Geschichten hier ebenso zur Perfektion getrieben hat. Melancholisch angehaucht ist die Erzählung, in der der Großmeister
amerikanischer Literatur Realität mit Fiktion verwoben hat.

Schnell findet man hinein und beginnt sozusagen einen Roadtrip zu Fuß, aus der Sicht des zwölfjährigen Hauptprotagonisten Gordie, der sich mit seinen Freunden auf den Weg
macht, um die Leiche eines gleichaltrigen Jungen zu finden, der in der Gegend verunglückt sein soll.

Die Aussicht auf den Fund, eine Bande älterer Jugendlicher trüben die Ereignisse, zudem hat jeder der vier sein Päckchen zu tragen, was zumeist mit den älteren Brüdern oder der Familienbande allgemein zusammenhängt. Auf den Weg, der unbewusst zum Ziel selbst wird, kommen Ängste, Hoffnungen und Träume zum Vorschein. Besonders der Hauptprotagonist und sein bester Freund Chris werden über sich hinauswachsen müssen. Gelingt das?

Ich versuchte nicht, ihm etwas anderes zu erzählen. Man erschrickt, wenn man erfährt, dass ein anderer, und sei es ein Freund, genau weiß, wie schlecht es um einen bestellt ist.

Stephen King: Die Leiche

Kurz gesagt, ja. Stephen Kings Fähigkeiten, sich mehr oder weniger in vielen literarischen Genres zu bewegen, dürfte mittlerweile unbestritten sein, doch diese Novelle ist unter seinen Werken, natürlich neben „Es“ ein Klassiker, auf den man sich einlassen kann. Auch hier schafft der Autor wieder ein Gefüge von Kindern und lässt unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen, dies innerhalb eines sensiblen kleinstädtischen Gefüge, welches man wohl schon damals zu den abgehängten Regionen Amerikas zählen dürfte.

Über einen Zeitraum von einigen Tagen erstreckt sich die Geschichte, die mit Rückblenden und nicht zuletzt der Phantasie des erzählenden Hauptprotagonisten breiter aufgefächert wird. Zudem wird aus dem Off erzählt, sozusagen aus der Vogelperspektive des Erwachsenen, der die Geschehnisse der Vergangenheit reflektiert.

Das funktioniert wunderbar, wobei besonders die Konstruktion der Gegensätze gelungen ist. Die befreundeten Kinder, noch unschuldig, neugierig einerseits, die jedoch mehr verstehen, als die meisten Erwachsenen glauben, die der Jugendlichen, die bereits abgehängt sind, bevor sich ansatzweise Chancen auftun könnten.

Freunde kommen und gehen wie Kellner im Restaurant, oder ist das bei euch anders? Wenn ich jedoch an den Traum denke, an die Leichen im Wasser, die mich erbarmungslos herabziehen wollen, dann erscheint es mir richtig, dass es so ist. Ein paar ertrinken, das ist alles. Es ist nicht fair, aber es passiert. Ein paar ertrinken.

Stephen King: Die Leiche

Interessant hierbei übrigens die Parallele zur späteren Verfilmung „Stand by me“, deren Kinderdarsteller real schablonenartig ähnliche Schicksalsschläge erleiden müssen, wie sie auch der Autor für seine Protagonisten erdacht hat. Wer die Verfilmung kennt, es ist beinahe so, wenn auch nur marginal, als hätte Stephen King etwas vorweg genommen, um dies dann zu verarbeiten. Auf ein paar seiner Kindheitserlebnisse, die sich dort wiederfinden, trifft auch das zu.

Trotzdem liest sich das leicht, die Handlung ist nachvollziehbar, sowie auch die Charaktere der einzelnen Protagonisten bis hin zu den Nebenfiguren wunderbar ausgestaltet sind, was lt. Rezensionen einiger neuerer Werke von Stephen King dort nicht immer der Fall ist.

Abwechslung bringen die Einschübe in Form von Geschichten, die der Hauptprotagonist seinen Freunden erzählt etwa, und später als Schriftsteller zu Papier bringen wird. Auch dies ist ein wiederkehrendes Element. Der kindliche Protagonist ist später Schriftsteller. Auch ein manchmal unvorhersehbarer Autor hat eben seine Schablonen und Motive, die immer wieder funktionieren und ja, mitunter auch erwartet werden.

Wechsel, Rückblenden und Einschübe erhöhen hier die Spannung einer Geschichte, bei der man schnell ahnt, wie sie ausgehen könnte, was jedoch nicht stört, da diese Coming of Age Erzählung damit spielt und den Bogen nicht überreizt. Tatsächlich wird man in ein Amerika hinengezogen, welches es noch vor gar nicht allzu vielen Jahren gab. Alleine schon dafür lohnt es sich. Hier können alle etwas für sich herausziehen.

Wir wussten genau, wer wir waren und wohin wir wollten. Es war herrlich.

Stephen King: Die Leiche

Wer gerne Coming of Age, Roadtrips (zu Fuß) liest, liegt hier ebenso richtig, wie jene, die sich einfach vom Setting begeistern lassen oder vom Aufeinanderprallen gegensätzlicher Charaktere, wenn auch mein Bild der Figuren durch die Schauspieler geprägt wurde. Den Film sah ich nämlich zuerst, ohne zu wissen, auf welchen Roman dieser beruht. Macht hier nichts. Die Umsetzung ist super, ohne qualitative Abstriche.

Zurück zur Novelle. Die funktioniert so ziemlich für alle. Jugendliche und Erwachsene. Letztere erinnern sich gleichsam an den Sommer, den sie als den letzten ihrer Kindheit definieren dürften, an all die kleinen und großen Abenteuer, Schwierigkeiten und Probleme, denen man ausgesetzt war, wogegen jüngere Lesende an die Hauptprotagonisten altersbedingt einfach nah dran sind. Zudem, was hier im amerikanischen Nirgendwo stattfindet, könnte man auch mühelos in ein bayerisches Kuhdorf und Umgebung dieser Zeit verfrachten. Das würde wohl ähnlich funktionieren.

Diese Geschichte aus der Feder Stephen Kings, der noch viele weitere folgen sollten (und hoffentlich noch folgen werden), ist zudem ein wenig herausgestellt, da sie keine
übernatürlichen Elemente enthält und statt Horror eher unterschwelligen Grusel, und das auch nur ganz leicht. Das hat mir sehr gut gefallen. So kann es dafür nur eine klare Leseempfehlung geben.

Autor:

Stephen Edwin King wurde 1947 in Portland, Maine, geboren und ist ein US-amerikanischer schriftsteller. Unter verschiedenen Pseudonymen und unter seinem eigenen Namen verfasste er vor allem Horror-Literatur, aber auch zahlreiche Kurzromane. Seine Bücher wurden in über 50 Sprachen übersetzt, womit King zu den meistgelesensten und kommerziell erfolgreichsten Autoren der Gegenwart zählt.

Nach der Schule studierte er Englisch, unterrichtete in diesem Fach und arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor er seinen ersten Roman veröffentlichte. Sein Werk „Carrie“ erschien 1974 in deutscher Übersetzung als erstes Werk von King. Zahlreiche seiner Werke wurden verfilmt.

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Erri de Luca: Fische schließen nie die Augen

Inhalt:

Ein Sommer vor fünfzig Jahren auf einer Insel im Golf von Neapel: In seinem bislang persönlichsten Buch erinnert sich Erri De Luca, wie er erstmals die magische Kraft der Wörter erkannte. Und dasss sich die Hand eines Mädchens anfühlt wie das Innere einer Muschel. (Klappentext)

Rezension:

Der Erzähler erinnert sich zurück an seine Kindheit am Golf von Neapel, an den flirrenden Sommer in der die Zahl der Lebensjahre genau so hoch ist, wie die Anzahl seiner Finger. Mit Zehn endet sie, die Kindheit und so schaut der Autor zurück und macht sich selbst zum Protagonisten seiner eigenen Novelle, die typisch für De Luca einmal mehr von einer atmosphärischen Leichtigkeit getragen wird.

Aus der Ich-Perspektive des Kindes, welches mit der Mutter die Ferien auf einer Insel vor Neapel verbringt, erzählt der Autor und lässt eintauchen in ein Italien nach Kriegsende. Die ersten Feriengäste erobern sich ihre Plätze, darunter ein gleichaltriges Mädchen, in dessen Bann der Junge gerät. Zuneigung zweier Kinder, Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und nicht zuletzt der anderer.

Man taucht ein in die Geschichte, wie im Wasser zwischen den Fischerbooten, die der Junge beobachtet und sucht das Abenteuer, wie das Kind, welches sich mit einem einheimischen Fischer angefreundet hat und auch mal helfen darf. Wer schon Werke des Autoren gelesen hat, erkennt das wiederkehrende Motiv.

Überhaupt bleibt sich De Luca treu. Ein eingeübtes Schema wird hier wieder strapaziert. Nichts neues aus Italien, also. Egal, in welcher Reihenfolge man seine Erzählungen gelesen hat. Immer ist es der Junge, der in den Ferien auf der Insel nahezu frei umherstreunt, zwischen den Fischerbooten Antworten auf Fragen sucht, manchmal sogar welche findet. Das alles wird mit ruhiger Melancholie erzählt, gerade an der Grenze zu dem, was als Kitsch zu bezeichnen ist. Störend ist das nicht.

Dem Protagonisten begegnet die erste Liebe, die dieser nicht wirklcih einzuordnen ist, doch der erste Konflikt seines jungen Lebens wird damit heraufbeschworen. Aus der Sicht des erwachsenen Lesers wirkt das harmlos. Ein Handlungsstrang ist das, ohne Aufreger. Für die kindliche Hauptfigur, der Blick fast viel zu alt für das Alter, ist dies in dem Augenblick jedoch die ganze Welt.

So wie der Protagonist seine Umgebung und sein weibliches Gegenüber zu begreifen versucht, so nüchtern wirkt der Ton. Ausschweifungen finden sich bei De Luca nur in Form von wunderbaren Formulierungen, in die man sich hinein verliert. Sehr kompakt wird der Zeitraum von nur wenigen Wochen erzählt. Auch die Handlungsorte sind derer überschaubar.

Der Hafen, das Fischerboot, das Wohnhaus oder die Ferienunterkunft, der Strand. Wie geschrieben, Erri De Luca erzählt hier wieder die gleiche Geschichte, wie schon mehrfach, dies aber in Perfektion. Man fühlt sich in den kleinen Protagonisten hinein, der bald die Kraft der Worte finden wird, der Beobachter ist, beobachtet wird. Doch bleibt alles vergleichsweise harmlos. Große Überraschungen bleiben aus.

Trotzdem wirkt die Erzählung in ihrer ruhigen Tonalität, in der eigentlich nur der kindliche Protagonist greifbar wird, weniger die Mutter des Jungen. Schon das Mädchen, um die bald die Altersgenossen ebenfalls „kämpfen“ werden, sind für Hauptfigur und Lesende kaum zu fassen. Man kann sich das dennoch alles bildlich vorstellen. Die Novelle wirkt, wie ein per Hand mit der Videokamera gedrehter Urlaubsfilm. Der Einzige, der sich dabei weh tun wird, ist der Protagonist selbst.

Das war es auch schon. Ein Roman ohne wirkliche Ecken und Kanten, zumindest das hat Erri de Luca schon einmal anders hinbekommen, doch zumindest welche glückliche Kindheit hat die schon? Man muss das nicht gelesen haben, bekommt jedoch den Kopf frei. Eine Novelle wie ein kleiner Erholungsurlaub ist das. Manchmal braucht man das auch. Wer würde da widersprechen?

Autor:

Erri De Luca wurde 1950 in Neapel geboren und ist ein italienischer Schriftsteller und Übersetzer. In zahlreichen Berufen arbeietet er zunächst und engagierte sich für Hilfslieferung während des Jugoslawien-Krieges. Autodidaktisch brachte er sich mehrere Sprachen bei, u.a. Althebräisch, womit er einige Bücher der Bibel ins Italienische übersetzte. 1989 veröffentlichte er sein erstes Buch. Im Jahr 2013 erhielt er den Europäischen Preis für Literatur, drei Jahre später den Preis des Europäischen Buches. Seine Erzählungen wurden mehrfach übersetzt. Der Autor lebt in Rom.

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SAID: Ein vibrierendes Kind

Inhalt:

In seinem nachgelassenen Roman „Ein vibrierendes Kind“ erzählt SAID von seiner Kindheit und Jugend im Iran zwischen 1947 und 1965. Die Eltern sind geschieden und das Kind wächst beim Vater auf, der als Offizier viel unterwegs ist, sich aber liebevoll um seinen Sohn kümmert.

In seinem einfach gehaltenen, bildreichen Stil erzählt SAID von einer Welt und Gesellschaft, die so nicht mehr existiert, die ihn prägt und schützt, aber auch seinen Widerstand hervorruft, bis er das Land für immer verlässt – nicht zuletzt ermuntert durch seinen Vater. „Ein vibrierendes Kind“ ist ein ans Herz gehendes Buch. (Klappentext)

Rezension:

Das Manuskript schon fertig, suchte der Autor und Poet einen passenden Verlag dafür, fand ihn und starb kurz vor der Veröffentlichung seiner Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in einem längst vergangenen Land. SAID, so sein Künstlername, der sich für politisch Verfolgte einsetzte, sich immer auch über sein eigenes Werk hinaus für die Vermittlung persischer Literatur engagierte, wandelte hier zwischen den Welten.

Und so liegt mit seinem Text „Ein vibrierendes Kind“ eine Mischform vor, zwischen Epik und Lyrik, fast einem Langgedicht, dessen Abschnitte sich jedoch auch getrennt voneinander lesen lassen. In diesem Stil muss man erst einmal hineinfinden. Die ungewöhnliche Schreibweise, Großbuchstaben komplett außen vor zu lassen, tut ihr übriges, volle Konzentration denen abzuverlangen, die sich darauf einlassen, um dann in eine wundersame Welt der Erinnerungen einzutauchen.

ein kind für den samowar

jeden morgen wacht das kind mit seinem summen auf.
am abend arbeitet das kind für den samowar.
glühende kohle wird in einen kleinen drahtkorb gelegt, der korb hat
einen langen stiel, das kind greift zu seinem ende und rennt in den patio.
es dreht den kohlenkorb an seiner seite im kreis.
je schneller das kind ist, desto früher glüht die kohle.
dann rennt es ins haus und liefert die kohle für den samowar.‘
großmutter mault, die tätigkeit sei zu anstrengend.
doch das kind verteidigt jeden abend sein naturrecht auf das amt.
es ahnt nicht, daß bald die moderne gegen das kind siegt.
bald kommen samoware mit öl.
dann steht das kind da –
ohne auftrag, ohne würde.

SAID: Ein vibrierendes Kind

SAID erzählt vom Aufwachsen zwischen den Frauen seines Vaters, Ausflügen und den feinen Geflogenheiten der Erwachsenen, die das Kind beobachtet, vom Zwischenspiel im Internat und dem Drang zur Kontrolle der Großmutter. Melancholie sticht durch, ebenso der kritische Blick, der schon dem kleinen Jungen und später dem Jugendlichen nicht fehlt, der seinen Weg sucht, finden und vom Vater gefördert wird. Schon aufgrund der Art des Textes, der sich nicht wirklich einer literarischen Gattung zuordnen lässt, der Verlag spricht vom Roman, ist dies etwas besonderes, wie auch der Autor zeit seines Lebens immer umtriebig war.

Autor:

SAID, eigentlich Said Mirhadi, wurde 1947 in Teheran geboren und war ein iranisch-deutscher Schriftsteller. Seit 1965 lebt er in München, ging 1979 für kurze Zeit in den Iran zurück, um dann entgültig nach Deutschland zurückzukehren. 2004 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und schrieb Prosa und Lyrik, war zudem an der Produktion von Hörspielen beteiligt. Der Schriftsteller war Mitglied des PEN-Zentrums, 1995-1996 Vizepräsident dessen und von 2000-2002 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Er wurde mehrfach für sein Werk ausgezeichnet, etwa 2006 mit der Goethe-Medaille und 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Er starb im Jahr 2021.

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Hendrik Bolz: Nullerjahre

Inhalt:

Ein Plattenbauviertel in Stralsund um die Jahrtausendwende, der nordöstlichste Winkel Deutschlands. Eine Welt, die, obwohl das Land längst nicht mehr „DDR“ heißt, wenig mit dem zu tun hat, was im Westen als Normalität durchgeht. Lediglich das RTL-Nachmittagsprogramm, das im Hintergrund zu hören ist, deutet darauf hin: Es sind die selben Nullerjahre.

Während die großen Brüder mit Glatze und Bomberjacke den Ton angeben, die Eltern mit eigenen Sorgen beschäftigt sind, stellen sich Hendrik und seine Freunde zwei Herausforderungen: Wie vertreiben sie sich die Zeit – und wie bekommen sie möglichst nicht auf die Fresse? Die Lösung findet sich: hart werden, stumpf werden. Die Mittel auch: Kraftsport, Drogen, Rap. (Klappentext)

Rezension:

Nach der großen Euphorie folgt zunächst die Ernüchterung. Arbeitsplätze brechen weg, wo blühende Landschaften versprochen wurden und so verlieren Hendriks Eltern und die seiner Freunde im Plattenbauviertel Knieper West den Anschluss an die Nachwendegesellschaft, während sich die Kinder und Jugendlichen ihren Platz erkämpfen. Der Weg bis ins Erwachsenenalter hinein ist steinig und voller Hindernisse. Da sind die im Viertel bekannten Schlägertypen noch das geringste Übel, immer öfter jedoch auch große Idole, denen es nachzueifern gilt, möchte man selbst nicht am unteren Ende der Rangordnung stehen. Oder am Boden liegen.

Hendrik Bolz‘ biografischer Roman nimmt uns mit durch seine Kindheit und Jugend im Plattenbauviertel, in welchem sich zunächst die Probleme häufen, aber auch die Heranwachsenden ihren Weg erst finden müssen, bevor das Leben in geregelten Bahnen verlaufen kann. Bis dahin wird viel ausprobiert und so befindet sich des Autoren alter Ego hin und hergerissen zwischen Verlockungen, den ältere Jugendliche ihm aufzeigen, bis zu Versuchen, sich durchzusetzen und zwischen Richtig und Falsch zu unterschieden.

Erzählt wird dies in derber Sprache, kurze prägnante Sätze wechseln mit wirren Gedankengängen, Rückblenden und Vorausschauen. Das ist nicht leicht zu lesen, zumal, wenn man vielleicht in der gleichen Zeit, aber in einem etwas anderen Rahmen aufgewachsen ist. Wer etwas behüteter seine Kindheit und Jugend verbracht hat, wird nur bestimmte Dinge nachvollziehen können, denen sich der Protagonist ausgesetzt sieht, teilweise von der einen oder anderen Episode wirklich abgestoßen sein.

Den ersten Alkoholrausch, die erste Prügelei mag man vielleicht noch nachempfinden. Die Gewaltexzesse, die Null-Bock-Mentalität und Perspektivlosigkeit sind dem jugendlichen Ich des Schreibers der Rezension (Mir!) dagegen unbekannt. Vielleicht hatte ich diese damals nur bei anderen aus den Augenwinkeln heraus registriert.

Doch, der Protagonist beweist nicht nur Anpassungs- sondern auch eine gewisse Wandlungsfähigkeit, mausert sich. Das ist bereits zu Beginn klar, anderenfalls wäre die Lektüre stellenweise kaum zu ertragen und man hätte nichts weniger als eine zeitlich nähere Variante der „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Wer möchte schon so etwas nochmals lesen?

Im gleichen Genre ist es jedoch angesiedelt. Die Bestsellerliste sagt Sachbuch, Elemente sind jedoch auch aus den Bereichen Biografie oder Roman zu finden. Die Wahrheit liegt da wohl irgendwo in der Mitte, ebenso wie es mehrere Wege der Generation Nullerjahre gibt. Hendrik Bolz beschreibt nur (s)eine Variante von vielen.

Autor:

Hendrik Bolz wurde1988 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Rapper. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Stralsund und zog nach dem Abitur nach Berlin, wo er u. a. ein Praktikum bei einem Online-Portal absolvierte und nebenbei die Musik für sich entdeckte. Ein erstes Album erschien 2011, zwei Jahre später die erste EP. 2022 erschien sein erstes literarisches Werk.

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Erri de Luca: Das Meer der Erinnerung

Inhalt:

Ein Sommer auf Ischia in den fünfziger Jahren. Während sich die anderen Jugendlichen aus der Stadt am Strand vergnügen, fährt der Ich-erzähler jeden Morgen hinaus aufs Meer. Von dem Fischer Nicola lernt er das Handwerk des Fischens, und Nicola ist auch der Einzige, der ihm vom Krieg erzählt. Die Abende verbringt er oft mit der Clique seines älteren Cousins. Dort lernt er Caia kennen, und ein überwältigendes Begehren ergreift den Sechszehnjährigen. Er ist überzeugt, dass Caia ein Geheimnis besitzt, und entschlossen, es in stiller Intimität ans Licht zu bringen. (Klappentext)

Rezension:

Längst ist das Salz in der Luft mit der Haut eins geworden. Die Netze haben Striemen hinterlassen und vom Bisss der Muräne bleibt eine eindrucksvolle Narbe auf der Handfläche zurück. Es ist Sommer auf der italienischen Insel Ischia und der zunächst, über weite Strecken namenlose Stadtjunge verwildert zusehens. Es sind die Beschreibungen solcher Szenen, die Erri de Luca besonders gelingen und einem in seine Geschichten eintauchen lassen.

Wer liest, nimmt in „Das Meer der Erinnerung“ die Perspektive des Jungen ein, der beobachtet und wird damit selbst zum Beobachter des Insellebens. Das Meer ist einer der Handlungsorte und steht zugleich für die nicht verarbeitete Vergangenheit, das Ungesagte, auf dessen Spurensuche sich der Ich-Erzähler begibt. Sehr schnell wird der Beobachtende zum Handelnden.

Feinfühlig verweb der Autor verschiedene Themen mithilfe kunstvoller Sprache. Ruhig, fast melancholisch ist der Sprachstil, so unerbittlich ist das Nicht-mehr-Kind und der Noch-nicht-Erwachsene zu sich selbst. Nicht geschehene Vergangenheitsbewältigung thematisiert Erri de Luca ebenso wie das Verstehen-wollen und das Nicht-begreifen-können.

Das ist sehr viel in dieser kompakten Form, wird jedoch genügend auserzählt. Das halb offene Ende wirkt hier etwas holzschnittartig und passt nicht wirklich zum Rest der Novelle. An den Themen, des vielschichtig ausgearbeiten Protagonisten liegt es nicht. Nur der Tupfen auf dem I fehlt, vielleicht versunken auf den unerreichbaren Gründen des Meeres.

Autor:

Erri De Luca wurde 1950 in Neapel geboren und ist ein italienischer Schriftsteller und Übersetzer. In zahlreichen Berufen arbeietet er zunächst und engagierte sich für Hilfslieferung während des Jugoslawien-Krieges. Autodidaktisch brachte er sich mehrere Sprachen bei, u.a. Althebräisch, womit er einige Bücher der Bibel ins Italienische übersetzte. 1989 veröffentlichte er sein erstes Buch. Im Jahr 2013 erhielt er den Europäischen Preis für Literatur, drei Jahre später den Preis des Europäischen Buches. Seine Erzählungen wurden mehrfach übersetzt. Der Autor lebt in Rom.

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Douglas Stuart: Shuggie Bain

Inhalt:

Glasgow zur Thatscher-Zeit. Shuggie wäre gern wie die anderen Jungen in der Arbeitersiedlung, aber sein Gang ist feminim und er hasst Fußball, was in der Schule brutal geächtet wird. Er liebt alles Schöne, vor allem seine Mutter Agnes, die der Armut und Tristesse ihres Daseins mit stolzer Eleganz und makellosem Make-up entgegentritt, egal wie viel sie getrunken hat.

Sie vorm Trinken zu bewahen, ist die Aufgabe, der sich Shuggie mit unbedingter Liebe verschreibt, bis er irgendwann erkennen muss, dass er nur sich selbst retten kann. (Klappentext)

Rezension:

Offenbar scheinen sie gut zu funktionieren, die Romane, die autobiografisch angehaucht vom Strukturwandel, besser vom brutalen Umbruch der Thatcher-Jahre, erzählen, als vor allem in Arbeiterstädten die Menschen dank der rücksichtslosen Reformen plötzlich vor dem Nichts standen.

Das hat mit „Billy Elliot“ von Lee Hall geklappt, auch mit der Kulisse der benachbarten irischen Inseln im Roman „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt ist das so, auch wenn dessen Handlung ein paar Jahrzehnte früher angesetzt ist. Brüche können sie dort wunderbar ausformulieren. Da fügt sich das Autorendebüt von Douglas Stuart gut ein.

Erzählt wird eine Geschichte der Trost- und Hoffnungslosigkeit aus der Sicht des zu Beginn fünfjährigen Shuggie, und die ihn umgebenden Menschen, die mit der Schließung der Zechen und Tagebaue in ihrer Umgebung auf der Verlierseite der Reformen Thatchers stehen. London ist weit weg, Alternativen nicht in Sicht und so ist ein Großteil der Glasgower Bevölkerung plötzlich arbeitslos.

Die Armut drängt die Menschen, so auch Shuggies Familie, in die Armenviertel der Stadt, seine Mutter Agnes in die Alkoholsucht. Der Vater ist ohnehin in absentia. In den ersten Jahren kann der Abstieg noch kaschiert werden. Die Mutter trägt schöne Kleider, der Gaszähler wird da schon mehrmals manipuliert und auch sonst kämpft sich die Familie so durch. Die Fassade indes bekommt bereits zu Beginn der Geschichte, Anfang der 1980er Jahre, erste Risse.

So kommt sie ins Rollen, diese traurige Erzählung, in der Shuggie all das erleidet, was man keinem Kind zumuten möchte. Mittelpunkt des Romans ist die titelgebende Hauptfigur, doch genau wie der Autor durch die Jahre springt, wechselt er auch die Perspektiven, so ist Shuggie nicht der Einzige, aus dessen Sicht erzählt wird.

Das macht die Figuren greifbar, für manches Verhalten mag man ein wenig Verständnis aufbringen. Das verpufft dann mit den nächsten Abschnitten gleich wieder. Wie viel vermag ein Mensch zu etragen, möchte man fragen.

Douglas Stuart vermag es der Hoffnungslosigkeit einer ganzen Generation und der Sicht eines Kindes eine Stimme zu geben. Das gelingt, zumal der Autor hier einzelne Punkte seiner Biografie und Kindheitserinnerungen einfließen lässt, so dass man sich von Zeile zu Zeile fragt, welche beschriebenen Punkte nun auf tatsächlichem Erleben beruhen.

Die Protagonisten, auch Shuggie, sind Figuren mit Ecken und Kanten. Schnell hat man ein entsprechendes Bild von ihnen vor Augen, muss ob der Schilderungen mehr als einmal innehalten und durchatmen. Anders ist die Geschichte nicht zu ertragen. Düstere Momente durchziehen den Roman, nur selten unterbrochen, durch Hoffnungsschimmer. Das Erzähltempo tut das Übrige. Momente der Länge gibt es kaum.

Ein Debüt ist das, von den man kaum merkt, dass es eines ist. So gekonnt geht der Autor mit Sprache um. Anders ist die eindrückliche Übersetzung von Sophie Zeitz nicht zu erklären. Man darf also gespannt sein, was da als nächstes kommt. Und dann könnte sogar das Ende ein wenig runder werden. Hier merkt man es an einigen Stellen doch.

Autor:

Douglas Stuart wurde 1976 in Glasgow geboren und ist ein schottisch-amerikanischer Schriftsteller. Nach der Schule studierte er Modedesign und zog nach New York City, wo er als Modedesigner für Calvin Klein, Ralph Lauren und Gap arbeitete. „Shuggie Bain“ ist sein erster Roman, für den er 2020 mit den Booker Prize ausgezeichnet wurde, zudem gelangte sein Werk auf die Shortlist des amerikanischen National Book Awards.

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Xose Neira Vilas: Tagebuch einer Kindheit in Galicien

Inhalt:

Erzählt wird die Geschichte des kleinen Balbino, ein Bauernkind aus einem kleinen Dorf in Galicien, das gegen die Ungerechtigkeiten der galegischen Gesellschaft jener Zeit ankämpfen muss: Armut, harte körperliche Arbeit von Kindesbeinen an, fehlende Bildung und Demütigungen durch die Machthaber im Dorf, dabei stets erfüllt von der Sehnsucht nach Erwachsensein, um möglichst bald diesem Ort zu entfliehen. (am Klappentext angelehnt)

Rezension:

Archaisch ist die Welt, in der der kleine Balbino aufwächst. Der Horizont ist nicht weit. Er reicht von der Hütte bis zum Fluss, über die Felder bis zum Dorf. Begrenzt ist der Blick und doch, zumindest bei dem Jungen nicht seinem Schicksal ergebend. Groß möchte er werden, erwachsen, wie seine Eltern, seine Tante, dem Herren, von dem seine Familie Land gepachtet hat, dessen Felder sie bestellen und Vieh sie hüten müssen.

Nur so wird es ihm möglich sein, diesem Leben zu entfliehen, wie es sein Bruder einst tat. Der Armut, der eintönigen Arbeit, den Schlägen der Eltern und der Hänseleien vom Sohn des Herren. Balbino beobachtet seine Umgebung sehr genau. Er notiert sie in ein Heft und nimmt uns dabei mit.

So beginnt die Geschichte, die als einziges von Xose Neira Vilas‘ Werken ins Deutsche übersetzt vorliegt. Sie erzählt von einer längst vergangenen Leben, wie es das in Zeiten, in der die kleine Novelle hierzulande erschien, längst nicht mehr gab. Zumindest in Europa. Der Autor setzte seiner Kindheit und der vieler anderer ein Denkmal. der Junge unbestimmten Alters, kaum im Schulalter, beobachtet mit uneingeschränkten Blick die Welt der Erwachsenen, die aus Kinderaugen heraus eigentlich groß und überwältigend erscheinen müssen. Doch schon in jungen Jahren sieht Balbino die Enge.

„Ein Freund, wenn er wirklich einer ist, ist das Beste, was es auf der Welt gibt.“ – „Freunde zu haben ist mehr wert, als Geld zu besitzen.“ – „Ein Freund gibt dir alles und verlangt nichts; und wenn es sein muss, stirbt er für dich.“ Da merkte ich, dass mir ein Freund fehlte.

Xose Neira Vilas: Tagebuch einer Kindheit in Galicien

Episodenhaft wird die Geschichte aus der Sicht des Kindes beschrieben. Ruhige Töne, kurze prägnante und immer wieder sehr poetische Sätze durchziehen den Text. Kurze Momente des Glücks wechseln mit langen der Melancholie Detailreiche Beschreibungen, da wird ein kleines Kästchen zum Dreh- und Angelpunkt der Sehnsucht des Jungen, welche im nächsten Moment wieder zerstört wird. Balbino aber will sich nicht fügen in sein vorbestimmtes Schicksal, wie das die Erwachsenen tun, und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. das Erzähltempo beschleunigt sich mit Zunahme der Kapitelzahl.

Unsere Hände sind klein und schaden niemandem; ihre aber sind kräftig, sie tun weh. Wenn sie bereit wären, von uns zu lernen, gingen sie nicht in den Krieg. Im Krieg töten sie einander, meist, ohne überhaupt zu wissen, warum.

Xose Neira Vilas: Tagebuch einer Kindheit in Galicien

Trotz der feinsinnigen Beobachtungen, die ausführlich geschildert werden, bleiben die anderen Protagonisten gleichsam blass und unscheinbar, sowie der Staub der Feldarbeit in ihren Gesichtern. Was sonst passiert, ist auch egal. Das Kind lebt, hofft und bangt, zittert und weint, schlägt sich durch. Der kleine Hauptprotagonist sticht heraus. Urplötzlich, nach einem Dahinplätschern der Handlung steht man vor einem Wendepunkt, den Abrgund, an dem Balbino sich entscheidet. Halboffen ist das Ende, der Konflikt kaum gelöst. Lesen sollte man das nur, wenn man in der richtigen Stimmung ist, über weite Strecken Hoffnung und Hoffnungslosigkeit zu ertragen.

Ich habe gelesen, dass die Flüsse ins Meer strömen und dass wir uns ebenso und mit derselben Eile auf den Tod zubewegen. Wenn man darüber nachdenkt, möchte man am liebsten weinen.

Xose Neira Vilas: Tagebuch einer Kindheit in Galicien

Trotzdem, lesenswert ist es allemal. Nicht nur um daran erinnert zu werden, dass es auch in unserer Zeit, vielleicht nicht in Europa aber anderswo, immer noch Kinder gibt, die dergleichen erdulden müssen. Armut sowie so, ein Leben ohne Chance auf Bildung und wenn sie diese sehen, sie diese selbst ergreifen müssen, ohne liebevolle Erwachsene, abhängig von anderen. Auch ist es die Geschichte von Xose Neira Vilas selbst, wie groß der biografische Anteil des Autoren daran ist, wie viel selbst Erlebtes er hat einfließen lassen, ist nicht unbedingt klar. Die „Memorias“ sind ein Denkmal für eine ganze Generation, einer ganzen Region, eingordnet in einem ausführlichen Nachwort.

Wer sie sich zu Gemüte führt, wird Stoff zum Nachdenken haben. In sofern straft sich der erzählende Protagonist am Ende des Einführungskapitels selbst Lügen. Diese Novelle ist schon etwas Besonderes.

Autor:

Xose Neira Vilas wurde 1928 geboren und war ein galegischer Schriftsteller. Nachdem er nach Argentinien auswanderte kam er in Kontakt mit anderen Schriftstellern Galiciens, emigrierte später nach Kuba und gründete dort ein Institut zur Aufbewahrung und Erforschung galegischer Schriften. Er selbst schrieb zahlreiche poetische, und Prosawerke, Essays. Sein Roman „Memorias“ ist bis heute sein einziges Werk, welches ins Deutsche übersetzt wurde. Er starb 2015, nachdem er in seinen Heimatort zurückgekehrt war.

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Volha Hapeyeva: Camel Travel

Inhalt:

Aufzuwachsen in einem Land, in dem zwei Sprachen gesprochen werden, kann manchmal für Verwirrung sorgen. Dem ganz gewöhnlichen Alltag treten einige Hindernisse entgegen, zudem besondere und ungewöhnliche Begebenheiten. Klavierlernen ohne Klavier zu Hause?

Mit ein wenig Fantasie und Einfallsreichtum lässt sich das lösen und in wie vielen Momenten man sich, alles nur für eine erfolgreiche Sportlerkarriere, dehnen kann, auch davon weiß die Erzählerin Volha ein Lied und Leid zu singen. Eine belarussische Kindheit Ende der 1980er- und Anfang der 1990er Jahre. (gekürzte Inhaltsangabe)

Rezension:

Im Umbruch befindlich das Land, übt sich auch die Protagonistin im Spagat. Zwischen zwei ähnlichen und doch marginal unterschiedlichen Sprachen, zwischen Haustierwunsch und den Versuch unliebsames Essen auf wundersame Weise verschwinden zu lassen. Dies ist die Kindheit der Autorin, die diese in eine kompakte Novelle gegossen und verschriftlicht hat. Kapitel für Kapitel erzählt Volha Hapeyeva von Kindheitsträumen und der Jagd nach Comicstrips, Hehlerware im Klassenraum.

Flüssig liest sich das. Eine gewisse Sogwirkung, die man sich nicht erklären kann, ist doch das einzig besondere, der Schauplatz, eben dieses Land, was in späteren Jahren die letzte Diktatur Europas werden sollte und die Autorin selbst, die zu einer neuen Riege über ihre Landesgrenzen hinaus bekannten Schriftstellerinnen gehört. Alleine deshalb schon kann man dieses Werk lesen. Jeder Satz ist gut überlegt. Man merkt der Schreibenden das Gespür für Sprache an. Hapeyeva hat bereits einen lyrik-Band herausgegeben.

Nun also eine Novelle, ein Kindheitsroman, Coming of Age in Belarus. Schnell im Handlungsverlauf der lose zusammenhängenden Kapitel, bleibt am Ende wenig hängen. Einzelne Sätze stechen hervor. Gerade genug, um sich der Autorin zu erinnern, sollte noch weiteres von ihr erscheinen. Ob das ausreicht, muss ein jeder für sich entscheiden.

Autorin:

Volha Hapeyeva wurde 1982 in Minsk geboren und ist eine belarussische Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Sie schreibt Lyrik. Ein Band wurde bereits ins Deutsche übersetzt. Zudem ist sie als Autorin von Kinderbüchern und Dramen tätig. Hapeyeva ist Mitglied des PEN-Zentrums Belarus und des dortig unabhängigen Schriftstellerverbandes. „Camel Travel“ ist ihr Debütroman. Für ihr Schreiben wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet.

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Howard Buten: Burt

Burt Book Cover
Burt Howard Buten btb Erschienen am: 01.01.1997
(antiquarisch)
Seiten: 155 ISBN: 3-442-72110-5 Übersetzerin: Christiane Buchner

Inhalt:

Burt kommt ins Heim für verhaltensgestörte Kinder, da „etwas Schreckliches“ mit Jessica angestellt hat, wie der Erwachsenen sagen. Nun sitzt er im Beruhigungszimmer, da er das Bücherregal des Psychiaters umgeworfen hat, statt auf dessen Fragen zu antworten. Hier schreibt er seine Geschichte an die Wand.

Eines Tages trifft er dort einen Mann, der ihn keine quälenden Fragen stellt, der seine Ängste teilt und Verständnis für die sehnsucht des Jungen nach Jessica hat. Ganz langsam fasst Burt Vertrauen zu dem Mann, der seinen brennenden Wunsch, wie ein erwachsener Mensch behandelt zu werden, wider Erwarten ernst nimmt. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:

Nach dem Lesen der ersten Zeilen wird schnell, welch gewaltiges Werk hier vorliegt, mit dem der Kinderpsychiater Howart Buten größere Bekanntheit außerhalb des medizinischen Raums erlangte. Schon die ersten Worte haben es in sich, um so mehr der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte erst nach und nach enthüllt wird.

Erzählt wird sie aus Sicht des achtjährigen Hauptprotagonisten, der sich nach einem, laut der Erwachsenen, „schrecklichen Vorfalls“ in einem Heim für psychisch gestörte Kinder wiederfindet und sich gegen die ablehnende Haltung des ihn behandelnden Arztes völlig verschließt. Dessen althergebrachte Methoden stoßen bei Burt an Grenzen, die nur ein jüngerer Kollege mit seiner unkonventionellen Art nach und nach aufbrechen kann. Schritt für Schritt schält sich auch für die Leser der Grund heraus, weshalb der Protagonist sich nun in dieser geschlossenen Einrichtung befindet.

Wie ich fünf war, habe ich mich umgebracht.

Howard Buten: Burt

Ein Roman wie ein Schrei ist es, den uns der Autor hier vorgelegt hat. Die Perspektive eines achtjährigen, sehr ernsten Kindes einnehmend, führt dieses die Leser durch die Geschichte. Schnell, melancholisch und verdichtet wird hier eine Coming of Age Geschichte voller Sehnsucht und Liebe, Melancholie erzählt, über das erschütterte Grundvertrauen eines kleinen Menschen in seine unmittelbare Umgebung.

Abschnittsweise wechseln hier Zeitebenen, sowie die Sichtweisen der greifbaren erwachsenen Protagonisten, hier vor allem die mit ihren Behandlungsmethoden konkurrierenden Ärzte, welche klare Sympathie- und Antipathiepole schaffen. Diese Gegensätzlichkeit nach und nach klar herauszuarbeiten, ist eine der Stärken des Autoren, der zudem eine bemerkenswerte Arbeit geschaffen hat, wenn man bedenkt, dass sich gerade erst zur Entstehungszeit des Werkes viel in der Behandlung der Kinder- und Jugendpsychiatrie begonnen hat zu verändern.

Howard Buten schafft es hier, mit Burt einen kindlichen Sympathieträger zu schaffen, der in dieser Erzählung für Erwachsene funktioniert und bleibt dabei sehr ernst seiner erfundenen Figur als auch den Lesern gegenüber. Klar und deutlich merkt man hier, dass die Erfahrungen seiner Arbeiten mit Kindern in diesem Roman eingeflossen sind, zudem welche Wirkung verschiedene Herangehensweisen haben können.

Die gesamte Handlung spielt sich schlüssig auf einer Ebene ab, zumal auch am gleichen Ort, wobei in Rückblenden wir Burts Weg Richtung Katastrophe (so die Erwachsenensicht) verfolgen können. Gleichsam tritt der Autor jedoch mit dieser Erzählung auch dafür ein, Kindern ebenso die Gefühle Erwachsener zu zu gestehen. Auch das war Anfang der 1990er Jahre, zumal im englischsprachigen Raum noch nicht weit verbreitet.

Ich habe im Schlafanzug dagestanden. Ich habe in das Zimmer von meinen Eltern geschaut, aber es war dunkel. Ich habe gehorcht, aber ich habe überhaupt nichts gehört. Und dann hab ich was gesagt, da uf dem Gang ganz leise: Ist denn da keiner?

Howard Buten: Burt

Nachhaltig beeindruckt, beinahe bedrückt geht ein Lesender aus dieser Lektüre und wird foh darüber sein, wenn auch vielleicht Burts Tat unterschiedlich gewertet wird, je nach Moralvorstellung, dass der medizinisch psycholgische Ansatz heute ein anderer ist als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Wenn das ein Punkt ist, und wenn Buten es schafft, für Kinder wie Burt eine basis des Verständnisses zu schaffen, wenigstens ihnen zuhören zu können, dann ist schon viel gewonnen. In diesem Sinne auch heute noch eine brandaktuelle Lektüre. Für alle anderen ein sehr bewegender Roman.

Autor:

Howard Buten wurde 1950 in Detrot, Michigan, geboren und ist ein amerikanischer Autor. Als Psychologe arbeitete er lange mit autistischen Kindern, zudem betätigt er sich auch als Clown und schriftsteller. Sein erstes Buch wurde 1981 geboren und 1994 verfilmt. Ende der 1990er jahre wurde sein Werk schließlich auch ins Deutsche übersetzt. als Therapeut und klinischer Psychologe arbeitet er in Frankreich, wo auch die meisten seiner Werke erschienen. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Erri De Luca: Das Licht der frühen Jahre

Das Licht der frühen Jahre Book Cover
Das Licht der frühen Jahre Erri De Luca ullstein Verlag Erschienen am: 29.06.2020 Seiten: 103 ISBN: 978-3-548-29101-7 Übersetzerin: Anette Künzler

Inhalt:

Beim Betrachten alter Fotos, die sein Vater gemacht hatte, bevor er erblindete, erinnert sich ein Mann an seine Kindheit im Neapel der Nachkriegszeit.

Seine Eltern waren arm, und das Leben auf den Straßen war geprägt von der Not, die der Krieg hinterlassen hatte. In einem intimen Zwiegespräch mit seiner verstorbenen Mutter lässt Erri De Luca diese frühen Jahre seines Lebens wieder auferstehen und mit ihnen die Poesie, die noch in der schwersten Kindheit steckt. (Klappentext)

Rezension:

Ein Erzähler erinnert sich an glückliche und unglückliche Tage seiner Kindheit in den Gassen von Neapel, an flirrende Sommer, Begegnungen und Beobachtungen, liebende Eltern, zweifelnde Eltern, wütende Eltern. Erinnerungen, die aufblitzen, wie das Stottern vor der Klasse, welches Besonderheit und Distanziertheit zugleich bedeuten.

Erri De Luca versetzt sich zurück in eine Kindheit, die von Armut, Wandel und schließlich bescheidenen Wohlstand geprägt ist, ein Aufwachsen mit Worten ohne Worte. Das Betrachten alter Fotografien, um verlorengegangene Erinnerungen wieder aufleben zu lassen und doch die Gewissheit zu erlangen, dass es nie wieder so sein wird, wie zuvor.

Ich kenne deinen Namen, du aber kennst mein Schicksal.

Erri De Luca „Das Licht der frühen Jahre“.

Diese kleine Novelle lässt seine Leser in die Erinnerungen des Erzählenden eintauchen, der sich einer schwankenden Kindheit entsinnt. Förmlich spürt man, wie Erri De Luca Bild für Bild betrachtet, die abgebildeten Ereignisse mit seinen Gedanken in Einklang bringt, zugleich aber durch die Fotos die Perspektive seiner Eltern einnimmt. Sein Vater als Bildschaffender, die Mutter als Dreh- und Angelpunkt der Familie. Zugleich spürt er die mit zunehmenden Alter immer deutlich werdende Entfernung.

Das Alter nimmt den Erzähler die Eltern, den Eltern ihren Sohn. Poetisch ist die Sprache hier, nicht aber anstrengend zu lesen. In der Novelle gleichsam, passiert jedoch nicht viel. Rein die Handlung betrachtet, ist „Das Licht der frühen Jahre“ ziemlich dünn. Das spielt jedoch keine Rolle, die Liebe zu den Eltern, denen sich Erri De Luca zu entsinnen versucht, durchdringt jede Zeile. Nur das ist wichtig. Nicht mehr, nicht weniger.

Menschen, die innehalten, begegnen einander, auch eine junge Mutter und ein alter Sohn.

Erri De Luca „Das Licht der frühen Jahre“.

Der Autor verknüpft die Erlebnisse und spielt mit der Sprache, nicht so grob, wie der Umgang des Kindes mit neuen Spielzeugen, eher feinfühlig, wie die Beobachtungen des Kindes, welches die Umgebung um sich herum zu fassen versucht. Das funktioniert gut. Es ist eine Erzählung, in deren Worten man sich wohlfühlt und zugleich sich in die eigene Kindheit zurückversetzt.

Der Erzähler ist nachdenklich, kritisch mit sich selbst und nimmt Abschied von der Mutter. Die gemeinsame Zeit entrinnt. Was der Erzähler beim Vater zu verpasst haben glaubt, will er nun bei der Mutter richtig machen. Und so sind diese Zeilen durchdrängt von Liebe, die eines Kindes, welches selbst längst in der Mitte seines Lebens angelangt ist. Traurigkeit, Bitterkeit und Glück liegen hier nah beieinander.

Erri De Luca weiß sie meisterhaft zu verbinden.

Autor:

Erri De Luca wurde 1950 in Neapel geboren und ist ein italienischer Schriftsteller und Übersetzer. In zahlreichen Berufen arbeietet er zunächst und engagierte sich für Hilfslieferung während des Jugoslawien-Krieges. Autodidaktisch brachte er sich mehrere Sprachen bei, u.a. Althebräisch, womit er einige Bücher der Bibel ins Italienische übersetzte.

1989 veröffentlichte er sein erstes Buch. Im Jahr 2013 erhielt er den Europäischen Preis für Literatur, drei Jahre später den Preis des Europäischen Buches. Seine Erzählungen wurden mehrfach übersetzt. Der Autor lebt in Rom.

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