Aufwachsen

Kevin McAleer: L.A. Kid

Inhalt:
In den letzten einhundert Jahren war Los Angeles Projektionsfläche weltweiter Träume und Phantasien, zugleich popkultureller Hotspot. Doch wie ist es, dort aufzuwachsen? Kevin McAleers Roman erzählt vom Aufwachsen im Los Angeles der 1960er und 1970er Jahre, von Surfen und Bodybuilding, Filmsternchen und Erdbeben. Archetypen einer Stadt, Markenzeichen und einer ganzen Menge Melancholie. Eine Stadt im Umbruch, vor dem Hintergrund des Hintergrund des Vietnamkrieges und rapiden gesellschaftlichen Veränderungen, eine Kulturgeschichte der Männlichkeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die tiefe und manchmal urkomische Einblicke bietet. (sinngemäße Übersetzung des Klappentextes)

Rezension:
Experimente können durchaus spannend sein und so habe ich mich auf eines eingelassen und mir diese Erzählung aus dem Hause PalmArtPress vorgenommen, in der der amerikanische Schriftsteller Kevin McAleer Kindheit und Jugend in einer der Aggloromationen aufleben lässt, in der Umbrüche und Gegensätze ein sehr besonders und eigenes Lebensgefühl schaffen. Der Roman „L.A. Kid“ ist nur auf Englisch erschienen. Da ich jedoch das Genre Coming of Age im Allgemeinen gerne lese, habe ich mich darauf eingelassen und trotz eines mittelmäßgen Fremdsprache-Talents dennoch die Quintessenz aufnehmen können.

Dabei ist der Hauptprotagonist zugleich die Erzählfigur, aus deren Sicht wir die Geschichte erleben, die vom Leben in der typisch amerikanischen Vorstadtfamilie eben so berichtet, wie von der ersten Liebe oder amerikanischen Sportarten, die ein sehr eigenen Gemeinschaftssinn und das Gefühl von Verbundensein mit sich bringen, aber auch zur Herausforderung werden können, wenn man in dieser Welt aufwächst. In kompakt gehaltenen Kapiteln und klaren Sätzen nehmen der Protagonist und durch seinen Blick nach und nach auch die Nebenfiguren Gestalt an, wobei der Fokus klar beim ersteren bleibt. In dessen Gefühlswelt tauchen wir ein.

Kurze klare Sätze, die ein Miteinander transportieren, welches in seinen Gegensätzen angelegt ist. Die Erde unter den Füßen der Bewohner bewegt sich zuweilen, doch das Leben geht weiter. Für die amerikanische Mittelschichtsfamilie, in der der Protagonist beheimatet ist, Schule und später das College besucht, ebenso wie die Stars und Sternchen, die zum Hintergrundrauschen der Region bestimmen und Bodybuilder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Wir folgen dieser Linie den gesamten Handlungsstrang über, in der Orte punktuell wo notwendig, beschrieben werden. Vollkommen ausreichend für die Erzählung, in der kein Wort zu viel vorkommt. Wenn man selten in einer anderen Sprache liest, merkt man bei der Lektüre gerade dieses englischsprachigen Romans, wie ausschweifend zuweilen die heimische Sprache sein kann. Ins Deutsche übersetzt hätte es sicher mehr gebraucht, um das gleiche Gefühl zu transportieren.

Es macht Freude, den Weg des Protagonisten zu verfolgen, zu sehen, wie der kindliche Blick dem des Erwachsenen weicht, der sich zunächst noch finden muss. Die Übergänge von ihrer Beschreibung her sind, soweit ich das verfolgen konnte, stimmig ausgestaltet. Wer Coming of Age mag, Großstadt-Vorstadt-Feeling in der amerikanischen Variante, dem sei diese Erzählung damit empfohlen. Von dem, was ich aufnehmen konnte, mochte ich dies, gerade wenn es dann aber zu sehr eigen wurde, habe ich aber leider doch gemerkt, dass mir an der einen oder anderen Stelle zu viele Vokabeln fehlten.

Außerhalb der Rezension sollte es damit für euch folglich noch genug zu entdecken geben.

Autor:
Kevin McAleer ist ein amerikanischer Schrifsteller, der in Deutschland lebt und zunächst in Kalifornien, San Diego, in Geschichte promoviert hat. Er arbeitet als Autor und freier Übersetzer. Eine Vielzahl seiner Werke sind bei PalmArtPress erschienen.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Kevin McAleer: L.A. Kid Weiterlesen »

Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei

Inhalt:
Tomi Ungerer ist neun Jahre alt, als deutsche Truppen 1940 das Elsass besetzen. Deutsch wird die offizielle Sprache, Französisch bei Androhung strenger Strafen verboten, aus Jean-Thomas, von allen Tomi genannt, wird Hans. Tomi Ungerer erzählt vom Alltagsleben unter der Nazibesatzung, vom Krieg, von der liberation – und von den ganz normalen Streichen, Freuden und Erlebnissen eines heranwachsenden Jungen. Dank unzähliger Zeichnungen aus Tomi Ungerers Kindheit und seinem grenzenlosem Humor ein ungemein lebendiges Erinnerungsbuch. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Witz und Humor, das Talent sich auszudrücken und die Dinge aus einem besonderen Blickwinkel heraus zu betrachten, ist dem späteren Zeichner und Kinderbuchillustratoren Tomi Ungerer schon in seiner Kindheit gegeben, die dieser in turbolenten Zeiten durchlebt hat. Als die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges den Elsass besetzten, wächst er in einem Vorort Colmars auf, als behütetes Nesthäkchen und ohne Vater. So betrachtet er die Widrigkeiten des Krieges, die in den Alltag der Familie hineinragen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nun postum neu aufgelegt wurden.

Nicht nur Tagebuch, autobiografische Erzählung oder, wie man es sich vielleicht bei einem Illustratoren denken würde, eine Ansammlung von Zeichnungen und Karikaturen ist diese hier vorliegende Sammlung, sondern eine Wundertüte, die uns in eine wundersame Zeit eintauchen lässt, in der der Alltag im schlechtesten Sinne auf den Kopf gestellt war. Tomi Ungerer hat hier tief gegraben in seine Erinnerungskiste und Fotos sowie Kinderzeichnungen zusammengestellt, die den Humor des späteren Künstlers und vor allem dessen Stil schon früh zu Tage treten lassen. Aus den zahlreichen Puzzleteilen ergibt sich ein buntes Portrait aus Familienalltag, Einschränkungen durch Krieg und Besatzung, aber auch kindlichen Übermut, der nicht nur einen Schädelbruch zur Folge hatte.

Die Tonalität der Sprache ist geprägt von Leichtigkeit, vom ungetrübten Blick des Kindes, der alles als ein großes Abenteuer sieht, doch durchaus den Ernst der Lage erkennt, wenn er in der Rückschau betrachtet, wie die Mutter etwa sich einerseits wie eine Löwin schützend vor die Kinder stellt, andererseits aber auch er selbst Widerstand leistet, und sei es nur mit Karikaturen von Lehrern im Schulheft und Tagebuch. Tomi Ungerer ist es hier gelungen, das Leben unter einem Besatzungsregime nachzuzeichnen, welches sich natürlich von dem im Osten, aber auch dem im geteilten Frankreich selbst unterschied, ein Aspekt der bis dato viel zu wenig Beachtung fand.

In der Aufreihung der Bücher gegen das Vergessen ist dieses hier schon aufgrund der Zusammenführung des Materials durch Autor und Zeichner in Personalunion etwas besonderes, zudem es die Wurzeln des späteren Künstlers aufzeigt. Dabei sind es nicht nur die pointierten Zeichnungen, sondern auch punktuelle Formulierungen, Beschreibungen von Personen, die den kindlichen Scharfsinn vor Augen führen. Auch nicht die große Politik, die nur in sofern eine Rolle spielt, sofern sie in den Alltag des Heranwachsenden hinein greift. Das besondere liegt in der Beschreibung alltäglicher Dinge in einer nicht alltäglichen Situation, die nur mit Vorsicht, Angst und in seinem Falle mit einer großen Portion Witz, auch Galgenhumors, zu ertragen gewesen ist.

Für alle, die staubtrockene Ausführungen scheuen, Zugang zu diesen sehr besonderen Künstler finden möchten und die Zeit der Besatzung des Elsass durch das NS-Regime nachspüren wollen, ist dieses wichtige Buch eine geeignete Lektüre.

Website: tomiungerer.com

Tomi Ungerer Museum: Hier klicken.

Autor:
Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren und war ein französischer Grafiker, Schrifsteller und Illustrator von Büchern für Kinder und Erwachsene. Erste Zeichnungen veröffentlichte er im Simplicissimus, er arbeitete in New York, kurzzeitig in Hamburg und lebte eine Zeit lang in Irland auf einer Farm, bevor es ihn wieder in den Elsass zurückzog. Er starb 2019 in Cork, Irland.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei Weiterlesen »

Jerome Ferrari: Nord Sentinelle

Inhalt:
Der junge Alexandre Romani ersticht im Hafen einer korsischen Küstenstadt inmitten einer bunten Menge feierlustiger Touristen Alban Genevey, einen Pariser Studenten, den er von Kindesbeinen an kennt, da seine Eltern auf der Insel ein Haus am Meer besitzen.

Der Erzähler, aufgrund einer tragischen Liaison mit dem Täter verwandt, blickt von der Mordnacht zurück auf die Lebenswege der Protagonisten und zeichnet das Porträt einer Gesellschaft nach, in der der Massentourismus und Geistlosigkeit ungute Voraussetzungen für ein gelingendes Leben sind.

Tragikomisch erzählt Jerome Ferrari „vom Einheimischen und vom Reisenden“, wie der Roman ironisch bekennt, und spürt dabei in seiner bekannt kraftvollen, poetischen und nun auch bissig ironischen Sprache der Entstehung von Gewalt nach. Meisterhaft dringt er bis in die verborgenen Winkel der menschlichen Seele vor, wo die Enttäuschung, niemand anderer als man selbst zu sein, unser Handeln bestimmt. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Am Ende bleibt der Blick hängen am Unverrückbaren, am Trümmerhaufen, der einst Familie war, von den man sich aber auch nicht so recht lösen kann und vielleicht ist dies ja die Essenz des Romans, der vom Wandel erzählt. Einer Familie, mehrerer Leben und der Gesellschaft, in der sie alle existieren. Leicht ist das alles nicht, schon gar nicht zu lesen. Der Roman „Nord Sentinelle“ des französischen Schriftstellers Jerome Ferrari jedenfalls lässt einem mit gemischten Gefühlen zurück.

Erzählt wird eine Generationengeschichte, ein Wandel über die Jahrzehnte und das auf so kompakter Seitenzahl, mit einem überschaubaren Figurentableau, dass man meinen müsste, dieser Roman wäre leichtgängig zu lesen. Schon aber die ersten Seiten zeigen, genau das ist der nicht. Schwerfällig kommt der Text mit einem quasi philosophischen Überbau daher, den man durchdeklinieren muss, sobald man sich durch überlange schachtelsätze gekämpft hat. Längere als sie in diesem Rezensionstext zu finden sind. Das macht die Geschichte nur schwer zugänglich. Dabei ist die Grundidee zunächst spannend.

Der Autor erzählt von dem Aufkommen des Massentourismus, der das Gesicht der französischen Mittelmeerinsel für immer verändert, aber auch familiäre Gleichgewichte ins Wanken bringt. Gewinn und Scheitern liegen nah beieinander. Der Bruder des Mörders nimmt die Erzählperspektive ein und beschreibt, was einmal folgerichtig sein wird. Der Krimi hier ist eingebettet in die dramatische Küstenlandschaft, die über die Jahre mit Souviniershops und billigen Hotels zugepflastert wird, um von den Besucherströmen zu profitieren, gleichzeitig lernen muss, mit den Folgen umzugehen. Der Erzähler tut dies, zieht seine Schlüsse und sieht, wie der Bruder in den Strudel des Abgrundes rutscht.

Die wenigen Figuren gewinnen so nach und nach an Ecken und Kanten. Herrlich wird die innere Zerrissenheit dieser dargestellt, doch bleiben sie alle merkwürdig distanziert. Nahbar wird keiner der Protagonisten. Entweder lassen die Beschreibungen einem kalt oder die Figuren unsympathisch wirken, wenn sie nicht gleich ganz egal bleiben. Und das ist schade, gerade bei einem Roman, in der Sprache diesen Zugang schaffen könnte. Allein der Autor liebt das Spiiel mit Worten, aber durch die Länge ist das alles so anstrengend zu lesen, dass man Satz für Satz froh ist, diese überstanden zu haben.

Richtige Sympathieträger gibt es nicht, fast jede Figur hat dafür unsympathische Züge, Rückblenden vermischen sich mit der Gegenwart und zeigen direkt die Folgen des Handelns dieser auf. Am ehesten ist noch die bildhafte Beschreibung der Handlungsorte gelungen, die man sich wirklich gut vor Augen führen kann, aber wenn das das einzige Element bleibt und sowohl der Kriminalfall als auch die Geschichte der Familie dahinter zurücksteckt, alles zusammen im Mehltau der Sprachgewalt versinkt, bleibt vom Text nicht mehr viel übrig.

Es gibt da andere französische Literaten, die es einem wesentlich einfacher machen, ihnen zu folgen. Am ehesten wird Zugang zu diesem Roman jener haben, der Sprache und Philosophie über die Handlung, selbst über die Figuren stellt. Wie viele Lesende werden das sein?

Für mich bleiben da Fragen offen. Wie funktioniert der Roman für jene, die ihn im Original lesen können? Da besser oder schlechter? In welcher Stimmung, mit welchen vergleichbaren Werken im Hinterkopf muss man diesen Roman lesen? Oder ist der Roman einfach nur mir zu sperrig?

Autor:
Jerome Ferrari wurde 1968 in Paris geboren und ist ein französischer Schriftsteller, Übersetzer und Philosophielehrer. Er wuchs auf Korsika auf, studierte in Paris Philosophie. Im Anschluss unterrichtete er in Korsika Philosophie, anschließend ging er nach Algier, lehrte später in Abu Dhabi. 2012 gelang ihn der Durchbruch als Schriftsteller. Ferrari wurde mit dem französischen Litteraturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Weitere Werke folgten.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Jerome Ferrari: Nord Sentinelle Weiterlesen »

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah Weiterlesen »

Doris Lessing: Das fünfte Kind

Inhalt:
In ihrem Häuschen im Londoner Umland leben Harriet und David die perfekte Idylle, bis sie ein weiteres Kind bekommen. Bereits als Baby benimmt es sich äußerst seltsam beziehungsweise unangenehm grob. Harriet versucht verzweifelt, die zunehmenden Aggressionen auszugleichen. Es dauert eine Weile, bis sie sich eingesteht, dass sie Angst vor ihrem eigenen Kind hat. Welch unaussprechliche Ahnung! Eines der bekanntesten und beeindruckendsten Werke von Doris Lessing, das seine Figuren vor existentielle, schier unlösbare Aufgaben stellt. (Klappentext)

Rezension:
Selten wurde das Zerbrechen eines Familienidylls in einer Mischung aus englischem Schauerroman und klassischen Horrors so eindrücklich erzählt, wie hier in „Das fünfte Kind“, der englischen Schriftstellerin Doris Lessing. Der Roman, fast durchgehend gehalten in einer Art des klassischen Kammerspiels, hält einem fest in den Griff, wie der Archetyp selbst, der sich in die Figur des Hauptprotagonisten selbst manifestiert.

Für heutige Verhältnisse mutet der Schreibstil der Autorin beinahe altmodisch an. Doch da findet man mit der Zeit hinein, das angestaubte Familienbild ist da schon schwieriger zu fassen. Heraufbeschworen wird zunächst das glückliche Eheleben mit möglichst vielen Kindern, ganz im Sinne konservativer Ansichten, wenn auch Doris Lessings leichte Spitzen gegen die Schicht der Besserverdienenden von Beginn an ihren Platz finden und sich durch die gesamte Lektüre ziehen.

Denn die Hauptfiguren leben von Anfang an praktisch über ihre Verhältnisse. Das großzügige bald notwendige Haus kann überhaupt nur mit Unterstützung und viel Wohlwollen der zahlungskräftigen Eltern des jungen Paares unterhalten werden, die dem Wunschbild von der großen Familie jedoch nichts entgegensetzen können. Dies ist der erste von vielen Konfrontationspunkten, die die Autorin schafft, die ihren Höhepunkt im fünften Kind finden werden, an dem nicht nur die Kernfamilie letztendlich zerbrechen wird.

Diesem Szenario setzt Doris Lessing ihre Figuren aus und schafft damit eine ungeheure Dynamik, welche Fahrt aufnimmt, und dann ohne zu Bremsen gen Abgrund zu steuert. Die titelgebende Hauptfigur wird mit zunehmendem Alter immer mehr ihrer Kräfte bewusst, Harriet als dieser gegenüber später noch als Einzige wohlwollenden Protagonistin verfolgt ihr Familienbild beinahe bis zum bitteren Ende mit einer bis über das Ziel hinausschießenden Dummheit und Arroganz, welche nicht mehr mit Naivität schön zu reden ist. Wie kann ein Mensch so viele Nadelstiche, so viele schmerzhafte Stiche und auch Grobheiten und Gewaltakte gegen sich und ihre Lieben so schönreden und entschuldigen?

Um diese beiden Figuren wird ein Szenario geschaffen, in deren Mitte einige blinde Flecke erst kleine Risse, später ganze Gräben, sinnbildlich gesprochen, übersehen, über die die anderen Figuren zu Leidtragenden werden. Gegensätze brechen auf, unterschwelliges kommt immer wieder zu Tage und treibt die Handlung voran, deren Sturm im Zentrum Ben bildet, der den Ur-Archetyp des Menschen verkörpern mag.

Der Teufel im Inneren, mag einem da zu weilen in dem Sinn kommen. Vielleicht aber hat die Autorin auch ihre eigene Gefühlswelt in diese Figur manifestiert. In Kenntnis ihrer privater Familiengeschichte ist dies zumindest möglich.

Wie ein daneben stehender Beobachter begleiten wir die Geschichte, deren Szenen sich fast allesamt im Familienhaus der Lovetts abspielen und das Zerbrechen eines Idealbildes beiwohnen, welches schon damals zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem Harriet als Hauptprotagonistin selbst, leidet darunter, hat jedoch auch Scheuklappen gegenüber dessen, was sie vor allem ihren anderen Kindern gegenüber zumutet, in dem sie die Wahrheit verkennt. Immer wieder möchte man sie darauf stoßen. Immer wieder setzt die Autorin noch eines drauf, kaum kommen ihre Figuren einmal zu Atem.

Dieses Spiel mit Gegensätzen, Urgewalt gegen Kultur, Zusammenhalt gegen Einzelgängertum, Rohheit gegen Gefühl, wird bis ins Unerträgliche auf die Spitze getrieben, dass man beinahe schreien muss, um die Erzählung, die beiden Hauptprotagonisten auszuhalten. Dabei setzt die Autorin vor allem auf unterschwellige Spannungsmomente. Gewalt wird angedeutet oder kurz vor Geschehen unterbrochen. Immer wieder ist jedoch zwischen den Zeilen eine dunkle Ahnung von Angst zu lesen, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

Doris Lessing erzählt dies sehr bildhaft. Die Figuren kann man sich sehr gut vorstellen, die Handlungsorte vor dem inneren Auge entstehen lassen. Das Sprichwort vom „Grauen hinter der Fassade“ bekommt in diesem Roman eine ganz eigene Bedeutung. Für Fans klassischen Horrors, der mehr auf die psychologische Komponente setzt, ist diese Erzählung sicher geeignete Lektüre, wenn man nicht dazu neigt, sich zu sehr über einzelne Protagonisten aufzuregen.

Der Roman wurde 1988 erstmals im Original veröffentlicht und funktioniert mit diesen Elementen, natürlich in einem etwas anderen Tempo als das derzeit üblich ist, noch heute. Es ist jedoch schon länger her, dass mich Protagonisten so dermaßen herausgefordert haben. Wenn man so möchte, hat da Doris Lessing durchaus einen Punkt.

Autorin:
Doris May Lessing wurde 1919 in Kermanschah, Iran, geboren und war eine britische Schriftstellerin. 1950 erschien ihr erster Roman, der ihr zum literarischen Durchbruch verhalf, dem weitere folgten. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Literatur erhielt sie im Jahr 2007. Im Jahr 2013 verstarb die Autorin in London.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Doris Lessing: Das fünfte Kind Weiterlesen »

Gary Victor: Eine Violine für Adrien

Inhalt:
Port-au-Prince zu Beginn der Siebzigerjahre: Vor dem Hintergrund der Turbulenzen zur Zeit des Machtwechsels von Papa Doc zu Baby Doc träumt der vierzehnjährige Adrien davon, ein Violinenvirtuose zu werden. Voraussetzung dafür, dass er den Unterricht fortsetzen kann, ist allerdings eine eigene Geie. Da seine Eltern nicht die Mittel dafür haben, sucht er sich das Geld selbst zu beschaffen. Ein Offizier der Geheimpolizei macht ihn ein verlockendes Angebot. Adrien ahnt nicht, worauf er sich einlässt …

In seiner unverwechselbaren Handschrift erzählt Gary Victor davon, wie die Diktatur die unschuldigsten Träume und nobelsten Ziele pervertiert. Eine tragische Coming-of-age-Geschichte und zugleich ein Sittengemälde Haitis zu Duvalier-Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Welche Grenzen bist du bereit zu überschreiten, wenn es darum geht, deinen Traum zu verfolgen, zudem in einem System, welches auch den Jüngsten ihre Unschuld nimmt? Diese Frage schwelt zentral in der Novelle Gary Victors, in der in dieser vorliegenden Coming-of-age-Geschichte dem Hauptprotagonisten die ganze Brutalität und Korruption seines Heimatlandes entgegenschlägt und ihn zwingen wird, eine Entscheidung zu fällen.

Erzählt wird die Geschichte eines haitischen Jungen, der in Zeiten großer Unsicherheiten seines Landes aufwächst und sich nichts sehnlicher wünscht, als genau so ein weit angesehener Geigenspieler zu werden, wie sein Lehrer, der zwar als politisch unsicher gilt, aber dennoch als Aushängeschild sein Land im Ausland präsentieren darf. Doch dafür braucht es eine eigene Geige. Wie anstellen, in einem Land, in dem die Zukunft ungewiss, die Wirtschaft schwach ist und auch die Eltern kaum Möglichkeiten haben, Adriens Traum Wirklichkeit werden zu lassen? Die einzige Möglichkeit für den Jugendlichen besteht darin, sich auf ein gefährliches Spiel einzulassen, so dass ein Tanz mit den Teufel gen Abgrund beginnt.

Eine Coming-of-age-Geschichte vor dem Hintergrund eines Landes und seiner Gesellschaft im Wandel ist ein häufiges Szenario. Alleine das Setting liest man hierzulande nicht allzu oft. Mit den Augen eines Vierzehnjährigen erleben wir das Leben in der Hauptstadt Haitis, welches sich damals schon instabil zeigte und dennoch in den Fängen einer brutalen Diktatur befand, die sich unerbittlich mit ihren Gegnern zeigt. Mit wenigen Worten öffnet uns der Schriftsteller ein Portrait dieser Zeit und zeigt das Leben der Menschen und die Auswirkungen ihrer Entscheidungen.

Adrien lernt Willkür und Korruption der Mächtigen ebenso kennen, zumal in unmittelbarer Nähe, ebenso wie die Opportunisten, die versuchen das Spiel zu spielen, um zu überleben, und dennoch, dann jedoch brutal in deren Fänge geraten. Auf der anderen Seite verdeckte Opposition und der Kampf ums Überleben, in einer Welt, in der wenige alles haben und viele so gut wie nichts. Wie ordnet man sich ein, wenn der Blick des Kindes verloren geht und man diese Entscheidung treffen muss?

Vor dieser Frage im Hintergrund ist es Gary Victor gelungen, eine tragende Hauptfigur mit Ecken und Kanten zu schaffen, die einerseits unschuldig genug ist, anderseits sich ihre Schrammen holt, um die Spannweite eines Systems zu verdeutlichen, welches den Menschen zu viel abverlangt. Zugleich erfahren wir Adrien als Spielball verschiedener Interessen, die bis zum Ende hin teilweise nur angedeutet und zwischen den Zeilen sichtbar werden. Sehr kompakt gehalten ist die Erzählung, die dennoch ein unglaubliches Tempo vorweisen kann, in der Schlag um Schlag ein Ereignis dem nächsten folgt. Andere Figuren sind da Handlungstreibende. Gegenüber jeder muss sich der junge Protagonist positionieren und eine Entscheidung treffen, um sein Ziel zu erreichen. Alleine die Summe derer raubt einem während des Lesens den Atem.

Nicht nur der Hauptprotagonist, aus dessen Sicht diese Geschichte weniger Tage, seinen Weg, auch seine (Alp-)Träume erfahren, ist voller Gegensätze, auch nur kurz erwähnte Figuren sind so vielschichtig gezeichnet, dass ihre Beweggründe trotz dem sie mehrheitlich Antagonisten sind, in diesem Setting nachvollziehbar scheinen. Alleine Adrien, dessen Unschuld in mehrfacher Hinsicht korrumpiert werden wird, behält den gesamten Handlungsstrang alle Sympathien bei sich.

Eine schriftstellerische Meisterleistung ist die Verbindung zwischen Wirklichkeit und Traumsequenzen, die nahtlos ineinander zu übergehen scheinen. Die Darstellung der haitischen Unterwelt erinnert dabei fast an phantastische Elemente gewisser Stephen King Geschichten, nur dass sich in ihr das ganze Elend und alles schlechte der Oberwelt sammelt, vor allem vor dem Hintergrund des politischen Systems, welches der Autor sehr prägnant darstellt. Genau diese Momente sind es, die einem innehalten und zugleich atemlos werden lassen. Alleine die Auflösung der letzten Wendung passt da nicht ganz hinein. Das Ende wirkt unrund, ist zumindest nicht so ausgestaltet, wie der Rest dieser sonst sehr feinen Erzählung.

Gary Victor beschreibt ansonsten das Leben jener Zeit, in der Hauptstadt Haitis, in allen Farben. Jeder Handlungsort entsteht beinahe filmisch vor dem inneren Auge und innerhalb derer kommt jede einzelne Szene einem Kammerspiel gleich. Diese wechseln so schnell, dass man nicht umhin kommt, mit zu fiebern. Die einzelnen Kapitel ergeben zusammen ein sehr schlüssiges Bild, welches nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Einige Szenen wirken dabei wie Nadelstiche, direkt ins Herz.

Wer etwas mehr über das Leben Haitis, in dessen dunkelster Zeit, erfahren möchte, aber auch, was Macht mit den Menschen macht, die nichts anderes als deren Spielball sind und einmal in die Literatur dieses auch ansonsten fast nur mit negativen Schlagzeilen besetzten Landes werfen möchten, dem ist „Eine Violine für Adrien“ nur zu empfehlen, für die man weder Vorkenntnisse zu Violinen noch zur Geschichte des Inselstaates haben muss.

Autor:
Gary Victor wurde 1958 in Port-au-Prince geboren und ist ein haitianischer Schriftsteller. In seiner Heimat arbeitet er für Theater, Film, Rundfunk und Fernsehen. Im deutschsprachigen Raum ist er vor allem für seine Kriminalromane um Inspektor Azemar bekannt. Seine Schilderungen gesellschaftlicher Missstände stellen ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts. Er wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet. unter anderem mit dem Prix RFO. Zudem war er mehrfach auf der Krimibestenliste und der Litprom-Bestenliste Weltempfänger platziert.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Gary Victor: Eine Violine für Adrien Weiterlesen »

Anthony Passeron: Jacky

Inhalt:
Ende der Achtzigerjahre wachsen Anthony und sein Zwillingsbruder in einer engen Familie auf, in einem abgeschiedenen Tal im Hinterland von Nizza. Zusammen mit ihrem lebensfrohen Onkel vertreiben sie sich die Langeweile mit Videospielen – einer neuen Leidenschaft, die ihnen ihr Vater Jacky weitergibt. Nach und nach werden die Spiele zu einem Zufluchtsort für die Brüder, vor der Eintönigkeit ihres Alltags und vor den Schicksalsschlägen, die bald ihre Familie treffen. Bis zu dem plötzlichen, überraschenden Verschwinden ihres Vaters. (Klappentext)

Rezension:
Zunächst ist es nur eine einzelne Aktion, die man immer schneller ausführen muss, bis man unweigerlich scheitert, doch nach und nach werden die Konsolenspiele, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt, bald auch die französische Provinz erobern. Immer komplexer, so wie die Sicht des Kindes, welches nach und nach die Widersprüchlichkeit und auch harte Brutalität der Erwachsenenwelt erkennen muss, ohne sie gleich zu begreifen.

Mein Bruder und ich erstarrten vor unserer Mutter, die Augen vor Scham gerötet. Ich flehte sie mit Blicken an, unsere unüberlegte Frage nicht zu beantworten. Sie war kurz davor, ein Geheimnis zu verraten, eine Antwort zu geben, die unserer Kindheit ein Ende setzen könnte, und ich war noch nicht bereit dafür.

Anthony Passeron: Jacky

Für den französischen Autoren Anthony Passeron und seinem Zwillingsbruder waren diese Spiele die Rettung und zugleich ein Gleichnis dessen, für das, was mit ihrer Familie während der Kindheit passierte. Diese zwei Säulen bilden die Grundlagen seines autobiografischen Romans, mit dem der Autor versucht zu verarbeiten, was im Zeitraum des Lebenszyklus‘ dreier Spielkonsolen geschah.

„Jacky“ erzählt dabei gleich in mehrerer Hinsicht vom Verschwinden. Einerseits Verdrängungsprozess kleiner tradioneller Familienbetriebe und geübter Strukturen, in denen der eigene es immer schwerer hat, von der Vaterfigur am Laufen gehalten zu werden und schließlich aufgegeben werden muss, auf der anderen Seite der Wandel von Rollenbildern und Anforderungen an die nächste Generation, die Globalisierung, die schließlich in Form einer Seuche zwei Familienmitglieder das Leben kosten wird.

Zunehmend wird dabei für Anthony und seinem Zwillingsbruder die Welt der Videospiele zum Zufluchtsort, die nur zu Beginn zugleich das verbindende Element zur verschwindenden Vaterfigur ist. Neben dem Brüderpaar, Two Players Game, ist er die Hauptfigur dieses zweigliedrigen Romans, der parallel die Geschichte des Aufkommens der Spielekonsolen erzählt. Beginnend mit dem Atari 2600, der als erstes Dank des technisch begisterten Vaters in den Haushalt der Familie Einzug hält.

Dies erzählt der Autor in kompakt gehaltenen Kapiteln, in denen kein Wort zu viel verloren wird. Tatsächlich genügen wenige Sätze, um wie Nadelstiche Ereignisse schmerzvoll vor Augen erscheinen und Charaktere aufleben zu lassen. Es braucht nicht viel, Orte filmisch zu beschreiben, die Begeisterung für die anfangs aus nur einigen Pixel bestehenden Welten zu verdeutlichen, andererseits das Begreifen mit zunehmenden Alter, welches Anthony und sein Bruder gleichsam fortschreitender Spielelevel zur immer größeren Herausforderung werden wird. Wie viel kann ein Kind, wie viel eine Familie aushalten? Eine Frage, die sich mit zunehmender Seitenzahl immer vehementer in den Vordergrund schiebt und bald das handlungstreibende Element sein wird.

Unsere Eltern wollten, dass wir echte Schlägertypen waren und gleichzeitig diszipliniert genug, um in der Schule erfolgreich zu sein. Unweigerlich würden wir eine Seite enttäuschen müssen.

Anthony Passeron: Jacky

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des jungen Anthony, dem gegenüber der Vater steht, der immer weniger Verständnis für seine empfindsamen Sprösslinge zeigt, aber eben auch selbst nie gelernt hat, Worte zu finden, um den eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Diese Sprachlosigkeit durchzieht die Erzählung und sagt dennoch so viel. Man kann das alles nicht lesen, ohne davon berührt zu werden, gerade wegen des Spiels mit den Gegensätzen, welches der Autor meisterhaft beherrscht.

Das störte mich weniger für mich als für meinen Vater. […] Trotzdem schämte ich mich am Ende des Kurses, wenn er mit meinen Turnschuhen in der Hand auf mich wartete, ich schämte mich vor ihm. Es half nichts, es war wie ein Fluch, etwas absolut Unvermeidliches. […], wenn ich vor seinen Augen eine Niederlage einsteckte, beschmutzte ich seinen Namen.

Anthony Passeron: Jacky

Einerseits das Nebeneinander der Figuren, welches im Verlauf der Geschichte fast zu einem Gegeneinander wird, aus der Perspektive des einem, andererseits die ungewöhnliche Gliederung des Romans entfachen eine Dynamik, die selbst aus wenig viel werden lässt, ohne dabei zu verlieren. Lücken gibt es da nicht. Unausgesprochenes tönt sehr laut. Der Gang Richtung Abgrund nimmt mit zunehmender Seitenzahl entsprechend Fahrt auf. Gekonnt gesetzte Rückblenden ergänzen diese wunderbare kleine Erzählung, die die Dynamik einer Familie aufzeigt, die an ihre Grenzen gerät.

Der Schriftsteller Anthony Passeron verarbeitet nach seinem Debüt hier einen weiteren Aspekt seiner Familiengeschichte und setzt dabei auch den Anfängen einer Technologie ein Denkmal, die bis heute in ihren Ausprägungen Millionen beeinflusst und manchen sicherlich auch Zuflucht und Rettung bietet. Jeder, der selbst schon ein neues technisches Gerät angeschaltet und dem zugesehen hat, wie der Bildschirm zum Leben erwacht, kann das nachvollziehen. Auch alle anderen wird diese Geschichte voller Sehnsucht und Traurigkeit so schnell nicht loslassen, was sicherlich zu großen Teilen der hervorragenden Übersetzung Lena Müllers zu verdanken ist.

Wer sich für ungewöhnlich erzählte Familiendynamiken begeistern kann, zudem die Abgründe menschlicher Schicksalsschläge nachspüren, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ergründen will, dem ist „Jacky“ von Anthony Passeron zu empfehlen. Gleichwohl muss man sagen, dass es nicht zu empfehlen ist, ist man selbst gerade nicht in positiver Stimmung. Game Over.

Autor:
Anthony Passeron wurde 1983 geboren und ist ein französischer Schriftsteller. Er wurde in Nizza geboren und studierte nach der Schule französische Literatur, die er unterrichtete, bevor er selbst zum Autor wurde. Sein erster Roman erschien 2024 in der deutschen Übersetzung. „Jacky“ ist Passerons zweite Erzählung.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Anthony Passeron: Jacky Weiterlesen »

Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folgt mir auf folgenden Plattformen:

Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint Weiterlesen »

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Inhalt:
Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.

Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.

„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“
[…]
„Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.

„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.

Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.

All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.

Autor:
Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folge mir auf folgenden Plattformen:

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum Weiterlesen »

Murmel Clausen: Leming

Inhalt:
Sie ist nicht so leicht, diese Sache mit dem Leben als geradenoch-Teenager: Kolja, Verena und Reinhold treffen in einem Suizid-Forum im Internet aufeinander. Gemeinsam wollen sie, um dem Ganzen ein passend dramatisches Ende zu setzen, an den Plattensee, um in einen erloschenen Vulkan zu springen. Nur dass Kolja eigentlich mitfährt, um die anderen beiden von dem Vorhaben abzubringen. Doch können eine chaotische Reise in einem getunten Audi, ein toter Opa, eine wilde Partynacht am Balaton, eine Sonnenfinsternis und letztlich ihre Freundschaft Verena und Reinhold neuen Lebensmut schenken? (Klappentext)

Rezension:
Knallhart ehrlich und brutal im Umgang mit seinen Protagonisten ist das vorliegende Jugendbuch „Leming“, von Schriftsteller und Drehbuchautor Murmel Clausen, der sich behutsam einer Thematik widmet, die schon eine Altersgruppe weiter schwierig zu händeln ist. Doch liest sich diese kleine, aber feine kompakte Erzählung über Suizidalität erstaunlich leichtgängig und kann damit einen Anker für junge Menschen schaffen, einen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu finden.

Ein solcher Anker im Buch ist Kolja, Hauptprotagonist des Romans, der sich vor allem von seinem Vater unverstanden fühlt, ansonsten jedoch seine Rolle bereits zu Beginn der Geschichte gefunden hat. Er ist die gute Seele eines düsteren Forums, in dem sich Menschen über suizidale Gedanken austauschen, redet auf dessen Mitglieder ein und versucht sie so von manch einem angestrebten allerletzten Schritt abzuhalten.

Fein ausgearbeitet erfahren wir nach und nach mehr über sein Leben un dessen Sicht, aus der wir der Erzählung begegnen. Wir begleiten ihn auf einen Roadtrip Richtung Ungarn, in dem er versuchen wird, zwei Mitglieder des Forums, denen er sich nahe fühlt, unter Vorgabe, dass er ebenfalls einen Schlusspunkt ans Leben setzen wolle, von eben diesem abzuhalten. Doch ist dies überhaupt eine händelbare Aufgabe für einen Jugendlichen oder nicht doch mehrere Nummern zu groß?

Diese Frage schwingt über die gesamte Erzählung immer mit, die von der Dynamik des Hauptprotagonisten im Zusammenspiel mit zwei weiteren Nebenfiguren lebt, die nach und nach an Ecken und Kanten gewinnen. Sie alle sind nachvollziehbar gezeichnet, wankend in ihren Gefühlswelten, ebenso ist der Abstand vom Alter der Protagonisten glaubwürdig in ihren Charakteren dargestellt.

Reinhold als Ältester wirkt abgeklärt und in seinem Willen klar, während Kolja als Jüngster in seinen Gedankengängen schwankend und zuweilen unsicher dargestellt wird. Das macht die Figuren fassbar, auch wenn der Autor nur wenige Seiten braucht, um um sie herum eine sehr einnehmende Sogwirkung zu entfalten. Tatsächlich lässt sich dieser kleine Roman flüssig lesen. Die ernste thematik wird dabei immer wieder unterbrochen von Stellen mit Leichtigkeit und durchaus feinsinnigen Humor. Dadurch ist die Geschichte nicht nur für die Zielgruppe, sondern auch darüber hinaus lesbar.

In die Figuren kann man sich gut hineinversetzen. Der Hauptprotagonist ist hier Taktgeber und guter Beobachter. Zwar ahnt man durchaus schnell, wie die Erzählung ausgehen wird, doch liegt das am Genre und der Zielgebung des Autoren selbst, der ein eigenes Erlebnis zum Schreibanlass genommen hat. Am Ende des Buches stehen dann auch Hinweise und Links in Form von QR-Codes zur Telefonseelsorge als Zeichen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein sein muss und es durchaus Hilfsangebote da draußen gibt. So ist dieses Buch Gesprächsangebot und Denkanstoß zugleich, auch wohl sehr gut in Schulen als Diskussionsanstoß denkbar.

Das liegt an der Ausgestaltung und Nahbarkeit der Protagonisten, ebenso am filmischen Schreibstil, der die wenigen Handlungsorte sehr plastisch vor Augen führt. Irgendwie passend, dass der Autor die Schein- und Trostlosigkeit des Balatons genommen und zumindest bei mir einen sehr ermüdenden Balaton-Urlaub in Erinnerung gerufen hat. Hier gibt das einmal Pluspunkte. Jedenfalls kann man sich das alles gut vorstellen. Murmel Clausen spielt da seine Profession als Drehbuchautor sehr in die Hände. Auch hat er damit unglaubwürdige Wendungen und Sprünge vermieden, wenn man einmal von der Vorhersehbarkeit absieht, die in diesem Genre fast gegeben zu sein scheint. Trotzdem fühlt sich „Leming“ in etwa so an, wie ein „Tschick“. Nur eben düsterer.

Dieses Buch hat das Zeug zur Schullektüre, spricht vor allem Jugendliche an, kann aber dennoch darüber hinaus gut gelesen werden, ohne großartig Abstriche machen zu müssen. Es ist Murmel Clausens Aufforderung über ein gesellschaftliches Tabu ins Gespräch zu kommen, was nur selten aufs Tableau gebracht wird, wenn überhaupt, dann, wenn es bereits zu spät ist. Die Ausgewogenheit zwischen der Schwere der Hauptthematik und die Leichtigkeit eingestreuter, auch fröhlicher Momente, macht die Erzählung dem zugänglich.

Man darf sich mehr solche kleinen aufs Wesentliche konzentrierte Geschichten wünschen, die vor allem ihre Zielgruppe ernst nehmen. Es wäre für uns alle ein Gewinn.

Anmerkung: Bei der Altersempfehlung würde ich ab 12/13 Jahren ansetzen.

Autor:
Claus-Henric „Murmel“ Clausen wurde 1973 in München geboren und ist ein deutscher Drehbuch- und Romanautor. Zunächst arbeitete für das Radio, nevor er gemeinsam mit Michael Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz Drehbücher für verschiedene Fernsehshows zu schreiben begann. 2012 erschien sein erster Roman, dem weitere folgten, sowie Drehbücher zu mehreren Tatorten. Für seinen Roman „Leming“ wurde er 2024 mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs“ von Radio Bremen und der Zeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folge mir auf folgenden Plattformen:

Murmel Clausen: Leming Weiterlesen »

Follow by Email451
Instagram2.17k
BLUESKY