Erzählung

Heinz Strunk: Junge rettet Freund aus Teich

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Junge rettet Freund aus Teich Heinz Strunk Rowohlt Taschenbuch Erschienen am: 01.09.2014 Seiten: 283 ISBN: 978-3-499-26668-3

Inhalt:

Mathias ist sechs Jahre alt.

Bald wird er in die Schule gehen. Er wohnt in der Siedlung, bei Mutter, Oma und Opa, die er alle sehr liebt. Weihnachten ist schon ganz nah; es schneit, und Schnee ist fast noch gemütlicher als Regen. Nur hört man leider nichts, wenn es schneit, da ist dann wieder Regen besser.

Mathias ist zehn Jahre alt.

Die großen Ferien wird er bei Oma Emmi auf dem Land verbringen. Die Kinder dort wachsen ganz anders auf, man kann hier viel Spaß haben. Mutter riecht den Braten: sie gönnt ihm die Freude nicht. Da kann sie noch so oft behaupten, Mathias sei ihr Verbündeter.

Mathias ist vierzehn Jahre alt.

Mutter ist mit ihm ins Hochhaus gezogen und hat Oma in ihrem Elend alleingelassen. Opa ist im Heim, noch so ein Verrat. Doch Mathias ahnt: im Grunde genommen trägt er die Verantwortung für Mutters Lage, obwohler natürlich auch nichts dafür kann. Wer kann schon was für seine Geburt?

(Klappentext)

Rezension:

Mathias, der bei seiner Mutter und den Großeltern in der Einöde einer norddeutschen Vorstadt aufwächst, ist ein ganz normaler Junge. Den Vormittag verbringt er, wie andere Kinder seines Alters auch, in der Schule, den Nachmittag zu Hause oder bei Freunden mit Spielen.

Keine Besonderheiten, keine Ereignisse stören die Idylle, doch Heinz Strunk schafft es, teils autobiographisch von seiner Kindheit so spannend zu erzählen, dass man sich mit dem Jungen freut, mit ihm leidet, weint, traurig ist und immer wieder die Glücksmomente einer ganz normalen Kindheit erlebt.

Tatsächlich sind die einzigen Besonderheiten vielleicht das Zusammenleben mit den Großeltern unter einem Dach, welches der Autor beschreibt oder den Beruf der Mutter, die als private Musiklehrerin arbeitet.

Spektakulär wird es erst als Mathias miit zehn Jahren aus der gewohnten Umgebung auszubrechen beginnt, die Schule wechselt und später in die Pubertät kommt. Die Geschichte legt an Tempo zu, der Schreibstil, an den man sich anfangs vielleicht noch gewöhnen muss, passt nun voll und ganz und saugt den Leser in die Geschichte hinein.

Von Anfang an konzentriert sich Strunk auf die Sichtweise des Kindes, dessen scharfer Verstand und Beobachtungsgabe völlig im Widerspruch zu seinen zunehmend immer schwierigeren Handlungen und Erlebnissen stehen, die der Junge erleiden muss. Tatsächlich ist es interessant für den Leser zu beobachten, wie sich Mathias mit jeder Zeile von seiner Mutter mehr entfernt, wobei das Buch im Allgemeinen doch sehr durchdrängt ist von der Liebe zu ihr.

Ein wunderbarer Roman, dessen Faszination sich erst auf den zweiten Blick erschließt, es aber dann vermag, den Leser ganz und gar für sich einzunehmen. Hat doch schließlich jeder Erlebnisse und Beobachtungen in der Kindheit gemacht, an die man sich noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte erinnert, von denen man zehrt, ob nun im guten oder auch schlechten Sinne.

Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen und die Protagonisten mit all ihren Ecken und Kanten, auch wenn ich froh bin, mit einigen solchen Typen selbst keine Bekanntschaft gemacht zu haben. Der Titel selbst spielt nur auf eine Episode aus dieser wunderbaren Erzählung an, trifft den Inhalt des Romans, welcher so viel mehr enthält, die gesammelten Erlebnisse einer Kindheit, nicht wirklich.

Auch der Klappentext ist, wenn überhaupt, nur an der Oberfläche kratzend, hätte man auch anders und treffender schreiben können. Das tut der wunderbaren Geschichte jedoch keinen Abbruch.

Autor:
Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren und ist ein deutscher Autor, Entertainer und Mitglied der PARTEI. Unter seinem bürgerlichen Namen Mathias Halfpape gehörte er einer Band an, mit der er ein paar kleinere Erfolge in Norddeutschland feierte.

Von 2003-2004 arbeitete er für den TV-Sender VIVA. Größere Erfolge brachten ihm seine schriftstellerischen Tätigkeiten, mit „Fleisch ist mein Gemüse“ gelang ihm 2004 auf Anhieb der Durchbruch als Autor, weitere Romane folgten.

2008 kandidierte er für DIE PARTEI in Hamburg als deren Spitzenkandidat und errang für sie eines ihrer besten Ergebnisse bei einer stattfindenden Wahl. 2016 erschien sein Roan „Der goldene Handschuh“, welcher für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

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Georges Simenon: Der kleine Heilige

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Der kleine Heilige Georges Simenon Diogenes Erschienen: 2013 (Neuauflage) Seiten: 241 ÎSBN: 978-3-257-24148-8 Übersetzerin: Trude Fein

Inhalt:

Paris 1897: Die sinnliche Gemüsehändlerin Gabrielle teilt ihre kleine Wohnung in der Rue Mouffetard mit wechselnden Männern. Unter ihren sechs Kindern bildet Louis eine Ausnahme. Er ist brav, fleißig, anspruchslos. Doch in dem unauffälligen Jungen, der spöttisch „der kleine Heilige“ genannt wird, steckt etwas besonderes: Louis wird zum Künstler, der unbeirrbar seinen Weg geht. (Klappentext)

Rezension:

Paris um die Jahrhundertwende. Eine aufstrebende Stadt, Mittelpunkt europäischen Kulturlebens und des modernen Europas. Allein, die Menschen in der rue Mouffetard bekommen davon nichts mit.

Viel zu beschäftigt, für das eigene und das Überleben ihrer Familien zu besorgen, ist ihre Welt begrenzt auf ihren Straßenzug, den winzigen Wohnungen und ihrer Arbeit, so sie eine haben. Ansonsten prägen Armut und unstete Lebensweisen ihre Welt.

So wächst auch Louis auf als Jüngster von sechs Kindern und beobachtet seine Familie. Ruhig und besonnen, sich für nichts außer seiner unmittelbaren Umgebung interessierend, ist er zu unscheinbar für alle anderen.

In der Schule, die er als Einziger der Familie ordentlich abschließt, gilt er als Träumer, der dennoch irgendwie es schafft, unter den Klassenbesten zu landen und jemand, der sich leicht herumschupsen lässt, in der Familie gleichsam als Sonderling, doch dieser ist er unbeirrbar.

Er speichert seine Beobachtungen, fest entschlossen, sie für sich zu nutzen. Schließlich bekommt er Farbstifte geschenkt. Der Weg zum Künstlertum beginnt.

In diesem Roman passiert eigentlich nichts. Spannend ist etwas anderes. Gesellschaftliche Ereignisse wie die Jahrhundertwende, Wirtschaftskrise und beide Weltkriege werden nur in sofern gestreift, als dass sie das leben des Protagonisten, der ansonsten überaus sympathisch ist, unmittelbar berühren.

Ansonsten gilt, was dem „kleinen Heiligen“ nicht interessiert, lässt auch der Autor unberührt. So plätschert die Geschichte vor sich hin. Armut und eine Umgebung, die eigentlich zur Verzweiflung treibt, werden hier wunderbar beschrieben.

Bemerkenswert, Louis stört sich an all den Widrgkeiten nicht. Er geht seinen Weg, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben und genügt sich selbst. Mehr passiert nicht.

Dies ist jedoch vollkommen ausreichend. Eine Geschichte zum Zurücklehnen, keinesfalls hohe Literatur, sprachlich anspruchsvoll schon gar nicht aber manchmal brauchen wir so etwas, um den Kopf frei zu bekommen.

Dazu eignet sich „Der kleine Heilige“ sehr, dessen Unaufgeregtheit so manchen doch zu wünschen wäre. Ein kleiner Roman für’s Zwischendurch, eine Hommage an das Künstlertum und daran, das Leben so gelassen, wie möglich zu nehmen, eben, wie’s kommt.

Nicht mehr, nicht weniger. Ein schöner Roman, um die Jahrhundertwende einer faszinierenden Stadt spielend, auf das wir in uns allen irgendwo ein Stück des „kleinen Heiligen“ entdecken.

Autor:

Georges Joseph Christian Simenon wurde 1903 in Lüttich geboren und war ein belgischer Schriftsteller. Er gitl als Verfasser von über 75 Kriminalromanen (Maigret-Reihe), daneben schrieb er weitere 100 Romane, über 150 Erzählungen und 200 Groschenromane. Mehr als 1000 Kurzgeschischen schrieb er unter Pseudonym.

Vorwiegend schrieb er in französischer Sprache, seine ersten Geschichten schrieb er bereits im Alter von 16 Jahren. Die Maigret-Reihe, die er in den 30er Jahren begann, verhalfen ihm zu seinem literarischen Durchbruch. Im Laufe seines Lebens hatte er insgesamt 33 wechselnde Wohnsitze, zuletzt in Lausanne, wo er 1989 starb. (Klappentext)

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Gary Shteyngart: Kleiner Versager

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Kleiner Versager Gary Shteyngart Rowohlt Erschienen am: 16.12.2016 Seiten: 474 ISBN: 978-3-498-06432-7 Übersetzerin: Mayela Gerhardt

Inhalt:

Der kleine, schmächtige Igor wandert, siebenjährig, mit seinen Eltern von Leningrad „zum Feind“ nach New york aus und nennt sich fortan Gary. Von beiden Systemen lernt er nur das Schlechteste. Kein Wunder, dass aus seinem Berufswunsch Astronaut nichts wird. Da beschließt er, wenigstens etwas Unserioses anständig zu machen: Schriftsteller! (Klappentext)

Rezension:

Der kleine Igor wächst in einer ganz normalen unnormalen russischen Familie auf, die anders ist als alle anderen. Das merkt das Kind schon früh, denn seine Familie ist jüdisch, wenn auch nicht stark religiös.

Der Vater arbeitet als Maschinenbauer, die Mutter als Schreibkraft und der an Asthma und Höhenangst leidende Junge wächst in St. Petersburg auf, mit dem Traum Astronaut zu werden. Doch zeigt er früh eine andere Begabung. Die, Schriftsteller zu werden.

Denn schon als Kind schreibt er Kurzgeschichten und einen ersten kleinen Roman, inspiriert von den Geschichten Selma Lagerlöfs. Doch, keiner außer den Lehrern kann damit etwas anfangen. Für die Eltern bleibt er liebevoll ihr „kleiner Versager“. Und schließlich wandern sie aus. Zum Feind, in eine komplett andere Welt.

Der Autor hat als Kind und später als Jugendlicher in der neuen Welt es schwer, seinen Platz zu finden. Ständig stößt er auf kulturelle Grenzen und Widersprüche zwischen den Werten seiner Familie und der Konsum- und Scheinwelt Amerikas.

Shteyngart eckt mit zunehmenden Alter immer mehr an und bringt schließlich auch das Gedankenbild seiner Eltern um die Zukunft ihres Sohnes zu Fall.

Entstanden ist eine Abrechnung mit dem Leben, mit dem Aufwachsen zwischen zwei Welten, mit seinen Eltern und nicht zuletzt mit seinem Werden als Schriftsteller.

Dies macht er ziemlich genial. Nachvollziehbar bis abstoßend, die ganze Bandbreite, schreibt er über die ersten dreißig Jahre seines Lebens bis zum Entstehen seines ersten publizierten Romans.

Auf der Suche nach sich selbst ist Shteyngart hier eine Art russisch-amerikanisch-jüdisches „Die Asche meiner Mutter“ gelungen. Ein Roman, der vor nichts zurückschreckt, mal rasant ist, auf der nächsten Seite innehaltend.

Der Leser entdeckt den Mensch hinter dem Autoren und wird sich am Ende nicht sicher sein, ob er real mit ihm zu tun haben wollte oder froh ist, nur das Buch lesen zu können.

Tatsächlich sind drei Viertel des Buches mehr als wunderbar und sind für sich genau so gut wie das irische Gegenstück. Das letzte Viertel demontiert dies jedoch. Solch eine Wendung hätte ich nicht erwartet, vor allem bei einem biografischen Roman.

Wäre es umgekehrt gewesen, könnte man leicht die volle Punktzahl vergeben, schließlich wirkt der letzte Eindruck immer am längsten nach, weil sehr frisch, so aber müssen Abzüge gemacht werden. Trotzdem ist Gary Shteyngart lesenswert und das nicht nur wegen dem wunderbaren Cover.

Autor:

Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad (St. Petersburg) geboren und emigrierte im Alter von sieben Jahren in die USA. Nach der schule studierte er am Oberlin College Politikwissenschaft und arbeitete für verschiedene Non-Profit-Organisationen in New York.

Sein Debüt als Schriftsteller gab er mit „Ein Handbuch für den russischen Debütanten“ (2002), schrieb aber schon im Kindesalter Kurzgeschichten. als Reise- und Kulturjournalist publiziert er in verschiedenen New Yorker zeitschriften und Zeitungen, wie „The New Yorker“ oder „The New York Times“. seine Werke sind mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem „National Jewish Book Award for Fiction“. Shteyngart lebt in New York.

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Antonio Scurati: Das Kind, das vom Ende der Welt träumte

Das Kind, das vom Ende der Welt träumte Book Cover
Das Kind, das vom Ende der Welt träumte Antonio Scurati Rowohlt Taschenbuch Erschienen am: 16.07.2010 Seiten: 352 ISBN: 978-3-644-00731-4 Suse Vetterlein

Inhalt:

Ein Kind träumt vom Ende der Welt. Es wandelt im Schlaf, spielt mit Feuer – und niemand hat eine Erklärung dafür. Dreißig Jahre später ist das Kind zum Mann geworden und erlebt einen neuen Albtraum: In seiner Heimatstadt bricht Panik aus, als mehrere Erzieher, Lehrer und Priester des Kindesmissbrauchs verdächtigt werden.

Die heile Welt vieler Familien zerbricht, denn immer mehr Eltern entdecken an ihren Kindern verstörende Symptome. Doch dann bringt die Aussage einer Mutter im Gerichtssaal die Wendung. (Klappentext)

Rezension:

Verstörend ist das Schlafwandeln des Sohnes für die Eltern, genau so wie Gerüchte, die Jahre später die Runde machen, eine ganze Stadt verschrecken.

Der Protagonist, wie der Autor selbst, inzwischen erfolgreicher Professor an einer angesehenen italienischen Universität, sieht wie Gerüchte und Unterstellungen plötzlich zu Aussagen werden und eine ganze Stadt überrollen.

Danach ist nichts mehr, wie es war. Jede Familie ist von Missbrauchsvorwürfen in irgendeiner art und Weise betroffen, jedes Kind zeigt die Symptome eines Opfers. Zumindest deuten Eltern, Medien und Medien dies so. Jeder Erwachsene ist gleichzeitig verdächtig genug, Täter zu sein.

Der Autor, anfangs nur als Journalist inbolviert, versinkt immer Tiefer im Strudel der Ereignisse, kommt auch immer näher dem Geheimnis seiner Kindheit. Und ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er selbst Opfer war und schon Täter ist.

Antonio Scurati zeigt in seinem Roman, wie erdrückend ein Gerücht oder Anfangsverdacht zum Selbstläufer werden kann und wie schnell die Klimaveränderung von Aussagen das Leben der Menschen beeinflussen kann.

Er stellt die Rolle der Medien ebenso eindrucksvoll dar, wie die Rolle von wahren und gefühlten Tätern, ebenso wie die der Opfer, die oft genug aus dem Blickfeld geraten, wenn sich alles auf die Suche und Identifikation der Täter konzentriert.

Dies gelingt dem Autor in einem Wechsel kurzer Kapitel. Einerseits aus der Perspektive des verstörten schlafwandelnden Kindes, andererseits eines Mannes, der die Ereignisse auf sich zukommen sieht, aber nicht verhindern kann, von ihnen verschluckt zu werden.

Der Leser selbst wird von Zeile zu Zeile hineingesogen, gleichsam im erwähnten Strudel und kann sich kaum mehr darauß befreien. Scurati ist ein beeindruckendes, unbedingt lesenswertes Werk gelungen, zumal in Zeiten, wo Missbrauchsskandäle in Kirche und Heimen die Runde machten.

Das Buch erschien erstmals 2010 in Deutschland, ein Jahr zuvor im Mutterland der katholischen Kirche. Eine besondere Form der Verarbeitung der Ereignisse, die nichts verschönt oder negiert, sondern zeigt, was eine Nachricht bei den Menschen hervorbringt.

Autor:

Antonio Scurati wurde 1969 in Neapel gebohren und lehrt an der IULM-Universität Mailand. Er koordiniert dort das Forschungszentrum für Kriegs- und Gewaltsprachen. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und ausgezeichnet. Unter anderem bekam er den Premio Mondello und den Premio Campiello für seine Werke.

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Eric-Emmanuel Schmitt: Adolf H. – Zwei Leben

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Adolf H. – Zwei Leben Eric-Emmanuel Schmitt S. Fischer Erschienen am: 01.04.2010 Seiten: 511 ISBN: 978-3-596-18457-6

Inhalt:

„Was wäre geschehen, wenn die Kunstakademie Adolf Hitler aufgenommen hätte?“ 8. Oktober 1908: „Adolf Hitler ist durchgefallen.“ Ein einzelner Satz steht am Anfang der Katastrophe, die ein Jahrhundert erschüttert hat.

Was aber, wenn der Zwanzigjährige tatsächlich Maler geworden wäre? Ohne Scheuklappen wirft Eric-Emmanuel Schmitt die verstörende Frage nach den Bedingungen auf, die einen Menschen zu dem machen, was er ist. Parallel zu der Geschichte des Diktators Adolf Hitler erzählt er eine Lebensgeschichte im Konjunktiv: die Biographie des Kunstmalers Adolf H. (Klappentext)

Rezension:

Ein Gedankenspiel mit Tücken, was rein von der Thematik, rein von der Person, um die es sich dreht zur Stolperfalle für jeden Autor werden kann, hat Eric-Emmanuel Schmitt hier mit Bravour geleistet.

Parallel zueinander werden zwei Geschichten erzählt, die sich am Anfang gleichen und mit den Jahren immer mehr von einander entfernen. Die eine ist bekannt.

Hitler, der im Ersten Weltkrieg seine Initiation erfährt und die Welt in die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte stürzt, die andere genial: Hitler, der erfolgreiche und mit sich ins Reine kommende Kunstmaler. Tolerant, einsichtig und sympathisch.

Doch, darf man so über Hitler schreiben, dieses Gedankenspiel machen? Ist es zulässig?

Ganz klar, ja. Zumindest, wenn der Autor, wie Schmitt es in gewohnter Weise tut, bewusst die Fettnäpfchen-Themen sucht, sie gekonnt für sich nutzt und damit am Ende nicht Schiffbruch erleidet. Hätte hier durchaus anders ausgehen können.

Doch, Schmitt hat mit der parallelen Erzählung ein Schema gefunden, der Thematik gerecht zu werden ohne die Opfer des „echten“ Hitler gerecht zu werden und dennoch den fiktiven Menschen Adolf H. sympathisch erscheinen zu lassen.

Eine Meisterleistung, die nur ganz wenigen Autoren gelungen wäre. Tatsächlich hat mir diese Umsetzung besser gefallen als Timur Vermes‘ Szenario, welches auch erst heute im Hinblick des Erstarkens der AfD interessant geworden ist.

Eine prophetische Gabe, von der ich nicht wollte, dass sie sich im übertragenen Sinne bewahrheitet. Nun aber „Adolf H. – Zwei Leben“. Zwei Leben, die unterschiedlich gegensätzlicher nicht sein könnten. Kurze Abschnitte, Szenen, die sich direkt hinteinander abwechseln.

Am Anfang fällt es schwer, zwischen den einzelnen Protagonisten, ja, es ist ein und die selbe Person, dann wieder auch nicht, hin und her zu schalten. Gegen Mitte des Romans, wenn die Unterschiede größer werden, fällt es leichter. Der Lesefluss ist trotzdem ein langsamer.

Hoch konzentriert sollte man sich dieses Gedankenspiel zu Gemüte führen. Ein Schmankerl, der Kunstmaler H. trifft auf den jüdischen Psychotherapeuten Sigmund Freud und legt sich auf die Couch. Der Leser gleichsam mit ihm. Eric-Emmanuel Schmitt spielt mit dem Leser und es gelingt.

Der Schreibstil, der Ernsthaftigkeit der Thematik angemessen. Tatsächlich würde man vielleicht sogar gern ein Bild des friedlichen Kunstmalers in seiner Wohnung hängen lassen oder in einer Galerie bewundern. Der wahre Hitler indes ist nur zu verdammen.

Im Anhang dieser Ausgabe, nicht minder interessant, berichtet der Autor über den Entstehungsprozess des Werkes, welches in einer Reihe zu stellen ist, mit „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ oder „Das Kind von Noah“.

Man wünscht sich, so etwas im Anschluss von viel mehr Romanen zu lesen. Auch auf die Gefahr hin, dass dies viel interessante ist als die Geschichte an sich. Doch hier tut die Ergänzung sogar Not, ist wichtig, ergänzend.

Insgesamt also eine runde Sache, die sich zu lesen empfiehlt. Wenn auch sich der Roman etwas sperrig und nur langsam lesen lässt. Begibt man sich jedoch einmal auf diese Reise, entdeckt man etwas Großartiges.

Autor:

Eric-Emmanuel Schmitt wurde in Frankreich 1960 geboren und ist ein französisch-belgischer Schriftsteller, Dramatiker und Filmregisseur. Nach dem Abitur studierte er in Paris und promovierte in Philosophie, unterrichtete mehre Jahre lang in Cherbourg und an der Universität in Chambery.

Zunächst arbeitete er als Autor für Theaterstücke und wurde 1993 mit dem Theaterpreis Moliere ausgezeichnet. Seine darauf folgenden Theaterstücke wurden in über 35 Ländern aufgeführt und in mehreren Sprachen übersetzt. Einzelne Romane wurden verfilmt.

2009 führte er selbst bei „Oskar und die Dame in Rosa“ Regie. Schmitt lebt in Brüssel und besitzt neben der französischen auch die belgische Staatsbürgerschaft.

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Isabel Bogdan: Der Pfau

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Der Pfau Isabel Bogdan Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 18.02.2016 Seiten: 248 ISBN: 978-3-462-04800-1

Inhalt:

„Einer der Pfauen war verrückt geworden.“ Dadurch bringt er das teambuilding-Wochenende einer Bankergruppe in den schottischen Highlands gehörig durcheinander. Eine subtile Komödie in bester britischer Manier. (Klappentext)

Rezension:

Mehr ist nicht im Klappentext zu lesen und ehrlich gesagt, mehr braucht es auch nicht. Tatsächlich besticht Isabel Bogdans Roman durch die Kargheit der schottischen Highlands, in denen es außer viel Grün und später Schnee nichts gibt.

Außer dem Landsitz eines Lords, das dieser aus finanziellen Gründen an Feriengästen vermietet und schließlich auch an einer Gruppe Londoner banker, die sich dort zum Team-Buildng einfindet. Wenig begeistert, die einen, da sie es für unnötig halten, die anderen, weil einer der Pfauen von Lord McIntosh verrückt geworden ist und alles Blaue angreift, was ihm vor den Schnabel kommt.

Als der Pfau dann auch noch das mettalic-blaue Auto der Chefin der Banker demoliert, lässt der Lord den Pfau verschwinden, nicht ahnend, dass er damit eine Kette von Ereignissen auslöst, die sämtliche Anwesende in die Bredouille bringt.

Isabel Bogdan hat mit „Der Pfau“ ihren ersten Roman geschrieben und eine Aneinanderreihung britischen Humors, der Seite für Seite den Leser zum Schmunzeln und Lachen bringt. Nicht zu viel, denn „die Lady ist eine Lady“, wobei sich diese Textstelle eher auf die Gläser Whisky beziehen, von dem es dort reichlich gibt ebenso wie andere schottische Spezialitäten.

Tatsächlich passiert an sich nicht viel, muss auch nicht. Das Verwirrspiel der Charaktere, deren unterschiedlichste Befindlichkeiten aufeinander treffen, ist Grund genug den „Pfau“ zu lesen und schon mal darüber nachzudenken, wie denn der wohl schmeckt. Und sich zu fragen, ob die Autorin nach Pfauengerichten gegooglet hat (hat sie, so auf der Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2016 erzählt).

Mir hat „Der Pfau“ sehr gefallen, nicht nur das wunderschöne Cover, vor allem, da es die Örtlichkeiten und den verrückt gewordenen Pfau tatsächlich gibt. Lord und Lady kann man googlen, die Widmung macht’s möglich, die Ferienhäuser werden tatsächlich vermietet und der Pfau greift blaue Autos an.

Die witzigsten Geschichten gibt es, zumindest in Teilen, wirklich. Das, komplett in indirekter Rede geschriebene, Buch liest sich flüssig und ist durchsetzt mit britischem Humor. Und wenn man nicht gerade Lust auf ein Pfauen-Gericht bekommt, dann zumindest auf einen Urlaub im Winter der schottischen Highlands.

Autorin:

Isabel Bogdan wurde 1968 in Köln geboren und studierte nach dem Abitur Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokyo. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin (u.a. Jonathan Safran Foer, Sophie Kinshalla und Megan Abbott), liest und schreibt selbst, hauptsächlich in Blogform aber auch in der Kolumne „Was machen die da?“, die Menschen beschreibt, die ihren gewöhnlichen und manchmal außergewöhnlichen Beruf leben und lieben.

Sie ist Vorsitzende des Vereins zur Rettung des „anderthalb“ und erhielt 2006 den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung, 2011 den für Literatur.

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Michel Bergmann: Alles was war

Alles was war Book Cover
Alles was war Michel Bergmann Verlag: dtv Taschenbuch Seiten: 127 ISBN: 978-3-423-14457-5

Inhalt:

Ein alter Mann beobachtet heimlich ein Kind. Wie der Zehnjährige morgens zur Schule geht, wie er zu Hause am Bett des kranken Vaters sitzt, der das KZ überlebt hat. Wie der Junge ›Moby Dick‹ liest, am Zeitungsstand neben ›Quick‹ und ›Revue‹ die Comics entdeckt, im Café Kranzler Kakao trinkt.

Wie die Jahre vergehen, das Kind zum Mann wird und gegen die übermächtige Mutter aufbegehrt, während das Land sich allmählich verändert und doch stets mit seiner dunklen Vergangenheit wird leben müssen. Wer ist der Alte, der so viel über das Leben des Jungen weiß? Eine Geschichte voller Magie über eine Jugend in Deutschland nach dem Krieg.(Amazon Text)

Rezension:

Hier einmal eine biografische Erzählung aus ganz besonderer Perspektive. Michel Bergmann beobachtet sich selbst als Kind, dass in Frankfurt am Main aufwächst, der Finanzmetropole, die sie später werden sollte. Noch aber sind die Nachwehen des letzten Krieges zu verdauern.

Michel und seine Freunde spielen in Trümmern und fast jede Familie hat Verluste zu beklagen. Nicht nur Michel als Kind jüdischer Eltern hat Verluste zu beklagen. Doch, das Leben muss weitergehen. Die Mutter versorgt den kränkelnden Vater, der schließlich an den Folgen von KZ und Gestapo-Folter stirbt und baut sich nebenher ein Geschäft auf, um die Familie zu versorgen. Der Junge ist ihr Ein und Alles. Überbehütet und streng erzogen. Ihr einziger Grund weiterzuleben.

Michel, der Junge, geht zur Schule und beobachtet seine Umgebung. Die wenigen Besuche im Cafe Kranzler, das Spielen mit Freunden, schreckliche und inspirierende Lehrer und nicht zuletzt die bevorstehende Bar Mizwa, aufregende Höhepunkte eines an sich glücklichen Lebens, zumindest an der Oberfläche.

Darunter brodelt es gewaltig. Der Junge bekommt mit, mit den Jahren immer mehr, was die Erwachsenen vor ihm zu verbergen suchen. Familiäre wie wirtschaftliche Probleme als die Firma der Mutter ins Trudeln gerät, der immer noch schwelende Antisemitismus unter Lehrern und anderen Autoritätspersonen und später, schon als Volontär bei der Frankfurter Rundschau die Auschwitz-Prozesse. Angestoßen durch Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.

Eine beeindruckende Biografie, schon als Kind vorzuweißen, schaffen nur wenige oder gerade die, die beeindruckend erzählen können. Michel Bergmann schafft dies, nicht zuletzt durch die Erzählperspektive als sich selbst beobachtender Beobachter.

Auf wenigen Seiten kurz gefasst, die einzelnen Kapitel lassen sich flüssig und schnell lesen, amüsant und abwechselnd nachdenklich melancholisch, dann wieder kritisch zu sich selbst und seiner Familie.

Er zeigt auf seine Umgebung mit den damaligen Augen eines Kindes, welches erst behütet durch die Eltern, sich später beginnt seinen Platz zu erobern. Wenn auch nicht immer freiwillig aber in jedem Fall empfehlenswert zu lesen.

Autor:

Michel Bergmann wurde 1945 als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren und wuchs in Paris und Frankfurt/Main auf.

Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Journalisten bei der Frankfurter Rundschau, danach arbeitete er als freier Journalist. Er arbeiete als Autor, Regisseur und Produzent und begann Drehbücher zu schreiben. Seine Trilogie über jüdisches Leben in Frankfurt am Main der Nachkriegszeit wurde ein promter Erfolg.

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Alan Bennett: Die souveräne Leserin

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Die souveräne Leserin Alan Bennett Wagenbach (SALTO) Verlag Erschienen: 28.08.2008 Seiten: 115 ISBN: 978-3-8031-1254-5

Inhalt:

Eine Liebeserklärung an die Queen und an die Literatur – wer hätte gedacht, dass das zusammenpasst? (Klappentext)

Rezension:

Zweifellos haben die Hunde Schuld, die, als die Queen sie ausführt, auf einem vor dem Gelände parkenden Bücherbus zurennen und ihn ankläffen. Um sich zu entschuldigen und die Verlegenheit des Bibliothekars und eines jungen Küchenjungen zu übergehen, zu überspielen, leiht sich die mächtigste Monarchin Europas wahllos ein Buch aus und beginnt zu lesen.

Und damit beginnt eine Leidenschaft für’s Lesen, ein Hobby, welches sie so gar nicht haben darf. Sie, die für alle Briten greif- und doch unnahbar bleiben muss, einigendes Symbol in einer sich ständig verändernden Welt.

Da passt es so einigen nicht, dass die Königin, die sonst unparteiisch sein muss und allerhöchstens eine von der Regierung verfasste Rede verlesen darf, nun eigene Gedanken entwickelt und auch beginnt auszuleben. Sonst mit der Liebe zur Pflicht gehaltene Sitzungen mit Premierministern werden zur Geduldsprobe für die Frau, die doch nur ihr Buch zu Ende lesen möchte, Termine wie Schiffstaufen sind plötzlich langweiliger denn je.

Alan Bennett hat hier eine Liebeserklärung an die Briten, insbesondere an die Queen und noch viel mehr an das Lesen selbst geschrieben.

Der Autor gesteht der Frau zu, sich aufgrund eines Ereignisses vollkommen zu ändern, sich an eine neue Position anzupassen und Eigenheitzen zu entwickeln, wie man sie von jedem anderen Menschen erwarten darf, nicht aber der obersten Repräsentantin des britischen Staates.

Poetisch beschreibt er die Wirkung von Literatur und dass doch Bücher gelesen werden sollten, so, dass sie wirken. Nicht nur lesen um des Lesens Willen, sondern immer auch einen Nutzen daraus zu ziehen. Und sei es nur, sich ein paar Stunden gut unterhalten zu haben. Dabei verfliegen die Seiten so schnell, dass man nur wenige Stunden in diesem Lesegenuss kommt, dem nicht nur die Königin verfällt.

Gleichwohl erinnert es auch an ein neueres deutsches Gegenstück, dass der „Eisläuferin“ von Katharina Münk, in dem auf ähnliche Art und Weise, wenn auch nicht durch Literatur eine wohlbekannte Bundeskanzlerin plötzlich ihr Verhalten und Regierungsstil zu ändern beginnt. Doch alan Bennett schreibt schöner, ruhiger und doch immer wieder mit Pointen durchsetzt, die mehr als einmal zum Schmunzeln anregen.

Für Bibliophile ist dieser Band, den es seit dem 60. Thronjubiläum auch in Königsblau gibt, ein Muss. Gebundenes Leinen, ein eingeprägtes Foto und silberne Schrift auf dem Buchdeckel machen diese kleine Hommage an das Lesen zu einem ansehnlichen Exemplar im Bücherregal, welches sich alleine schon zu besitzen lohnt.

Die Geschichte selbst kann man sich indes noch gut vorstellen, zumal als Leser, der dies gerne tut, das Ende nicht. Zwar ist dieser Effekt vom Autor gewollt, doch das merkt man auch. Beinahe so als habe hier ein Monarchiegegner seinen Wunsch von einem souveränen Abgang zu Papier gebracht. Wenn auch in besonders schöner Form.

Autor:

Alan Bennett wurde 1934 in Leeds geboren und konnte durch ein Stipendium nach der Schule Geschichte studieren. Danach erhielt er eine Juniorprofessur am Magdalen College in Oxford, bevor er ans Theater wechselte. In seinem ersten Drama, welches er 1968 veröffentlichte, beschäftigt sich bennett mit der jüngeren britischen Geschichte. Zudem setzte er sich mit Kafka auseinander (1986).

Auch für das britische Fernsehen schrieb er zaghlreiche Geschichten und entwickelte sich zu einem der populärsten britischen Dramatikern. Er veröffentlichte 2005 seine Memoiren (Untold Stories), nachdem er an Krebs erkrankte. Bennett lebt mit seinem Partner in London.

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Edouard Louis: Das Ende von Eddy

Das Ende von Eddy Book Cover
Das Ende von Eddy Edouard Louis S. Fischer Verlag Erschienen am: 25.05.2016 Seiten: 206 ISBN: 978-3-10-002277-6 Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel

Inhalt:

Ein Befreiungsschlag, ein Aufbruch in ein neues Leben – mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Edouard Louis die Geschichte einer Flucht aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. (Klappentext)

»Ich rannte weg, ganz auf einmal. Gerade hörte ich meine Mutter noch sagen ›Was soll der Scheiß jetzt wieder?‹. Aber ich wollte nicht bei ihnen bleiben, ich weigerte mich, diesen Moment mit ihnen zu teilen. Ich war schon weit weg, ich gehörte nicht mehr zu ihrer Welt, der Brief besagte es.

Ich kam zu den Feldern und wanderte einen Großteil der Nacht herum, auf den Feldwegen, in der Kühle Nordfrankreichs, in dem zu dieser Jahreszeit so intensiven Geruch der Rapsfelder. Die ganze Nacht über entwarf ich mein neues Leben fern von hier.« (Buchumschlagtext)

Rezension:

Nichts schreibt so packende, so komplexe, so gewaltige und manchmal auch so traurige, dann wieder witzige Geschichten wie das Leben, doch Eddys Leben ist vor allem eines nicht. Witzig. Er fühlt sich als Außenseiter in seinem Dorf, in dem die Geschlechterrollen vergangener Jahrhunderte noch fortleben.

Und das Ende der 90er und in den 2000er Jahren. Frauen haben sich demnach um den Haushalt und die Familie zu kümmern, die Väter sorgen für den Unterhalt (oder, wie in Eddys Familie, versaufen den Lohn).

Und Eddy, der kann sich in dieser Welt nicht durchsetzen, ist er doch ganz anders. Die Mitschüler hänseln und schikanieren ihn wegen seinem „weibischen Getue“, seiner hohen Stimme und bald merkt Eddy, zu seinem Entsetzen, dass er sich zu Jungen hingezogen fühlt.

Der Versuch, dagegen anzukämpfen, wird unweigerlich zum Scheitern verurteilt sein. Bis Eddy dies erkennt, ist es ein langer und steiniger Weg.

Edouard Louis hat einen packenden Roman über seine Kinheit vorgelegt, der einem kaum mehr loslässt und so taucht man ein in die Gedankengänge eines Kindes, das nicht sicher ist, wie es sich in der Gesellschaft einfinden soll. In seiner Rolle, die alle anderen ablehnen ob Gleichaltrige, Verwandte oder Eltern.

Eine Rolle, ein Charakter und ein Leben, welches erst angenommen und akzeptiert werden muss. Bis dahin hatte Louis harte Kämpfe durchzustehen und von diesem berichtet er in seinem Roman.

Natürlich sind einige geschichten abgeändert wurden, doch ein Großteil ist dem Autor selbst geschehen, es ist seine Geschichte. Er erzählt sie, nimmt den Leser mit auf eine Reise der Selbstfindung und räumt mit Vorurteilen auf, erzählt von Selbstzweifeln eines betroffenen Kindes, die eigentlich in unserer Gesellschaft der Vergangenheit angehören sollten.

Er erzählt vom Ausbrechen aus der Trostlosigkeit seines Dorfes und die Erkenntnis seiner Eltern, die die Sexualität ihres Sohnes zwar ahnen aber nicht wahrhaben wollen und doch möchten, „dass er es einmal anders, besser machen möge als wir“.

Ein Plädoyer für Toleranz, Respekt und Akzeptanz anderer Ansichten.

Autor:

Edouard Louis stammt aus einfachsten Verhältnissen, aus einem Dorf in der Picardie in Nordfrankreich. Er studierte Soziologie in Paris und hat einen Band über Pierre Bourdieu veröffentlicht. 2014 erhielt er den Pierre-Guenin-Preis, der besonderes Engagement gegen Homophobie auszeichnet. „Das Ende von Eddy“ erscheint in 18 Sprachen.

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Fabio Geda: Im Meer schwimmen Krokodile

Im Meer schwimmen Krokodile Book Cover
Im Meer schwimmen Krokodile Fabio Geda btb Verlag Seiten: 190 Taschenbuch ISBN: 978-3-570-40201-6

Inhalt:

Nachdem Enaiat von seiner Mutter aus Afghanistan geschmuggelt wurde, wacht er eines Morgens auf und ist allein. Er hat nichts als seine Erinnerungen und die drei Versprechen, die er ihr gegeben hat. Mit dem Ziel, ein besseres Leben zu finden, begibt Enaiat sich auf eine lange Reise Richtung Westen.

Er durchwandert die Länder des Ostens bis nach Europa, reist auf Lastwagen, arbeitet, schlägt sich durch, lernt das Leben von seiner grausamen Seite kennen.

Und trotzdem entdeckt er, was Glück ist… Fabio Geda erzählt die wahre Geschichte von Enaiatollah Akbari in einem zu Herzen gehenden Buch: Eine Geschichte, die uns den Glauben an das Gute zurückgibt. (Klappentext)

Rezension:

In Zeiten, wo die Flüchtlingsproblematik die Emotionen zum Kochen bringt, in der Diskussionen nicht mehr mit rationalen Argumenten geführt werden und Rechtspopulisten immer mehr Aufwind bekommen, sollten wir uns einmal die Geschichten hinter den Fernsehbildern in Erinnerung rufen.

Flüchtlinge, die wochen-, manchmal monatelang, nicht selten Jahre unterwegs sind, um Krieg, Verfolgung und Terror zu entfliehen. Nicht wenige davon im Kindes- und Jugendalter. Eine dieser Geschichten erzählt Fabio Geda, der den Bericht von Enaiatollah Akbari angenommen hat.

Dieser wurde von seiner Mutter aus dem von Krieg und Terror geplagten Afghanistan kurz vor den Terroranschlägen des 11. September außer Landes geschmuggelt. Von da an, auf sich selbst gestellt, beginnt er die gefährliche Reise nach Europa, trifft Menschen, die ihm aus unterschiedlichsten Gründen helfen und muss immer wieder Rückschläge verkraften.

Doch selbst in Europa ist nicht sicher, ob er bleiben darf oder wieder in seine Heimat, die gar keine ist, zurückkehren muss. Doch, Enaiatollah kämpft, wie er es schon von Kindesbeinen an kennt, für ein besseres Leben und eine sichere Zukunft. Es ist eines dieser Bücher, die es aus der Nische der Kinder- und Jugendliteratur hinein in den Bereich der Erwachsenen-Romane und damit zu größere Beachtung schaffen sollten.

Denn Fabio Gedas Roman liegt tatsächlich eher in der Kinder- und Jugendbuchecke aus, was einerseits gut ist, um Kinder an dieses sehr sensible Thema heranzuführen, andererseits schlecht, da man mehrheitlich das Gefühl haben kann, gerade die Erwachsenen sind es, die Aufklärung bedürfen.

Geda erzählt eindringlich die Geschichte eines der Flüchtlinge, die exemplarisch für alle stehen kann, die dieses Schicksal haben, ohne zu werten. Er lässt Akbari erzählen und so entstand eine wunderbare Geschichte über Hoffnung, Verzweiflung, Mut, Entschlossenheit und Durchhaltewillen gegen alle Widerstände.

Ohne Längen und in flüssigen Schreibstil, hier genügen wenige Seiten um ein eindrucksvolles Stück Geschichte zu beschreiben, ist mit „Im Meer schwimmen Krokodile“ ein kleines Juwel entstanden, was es in sich hat und zum Nachdenken anregt.

Zu versuchen, die Vorurteile einmal fallen zu lassen und sich wirklich den einzelnen Schicksalen anzunehmen, die Gründe nachzuvollziehen, warum jemand flüchtet und was das mit einem macht, sowie all jenen Respekt zu zollen, die wirklich helfen. Schließlich muss man nur den Umkehrschluss zumindest gedanklich zulassen, was wäre in einer umgekehrten Situation, wenn unsereins flüchten müsste. Wäre man da nicht auch dankbar für jede Hilfe?

Natürlich ist das Geschäft mit Schlepperbanden, auch von diesen Erfahrungen erzählen Akbari und Geda, zu verurteilen, aber auch dieses hat Ursachen und nicht ohne Grund greifen Menschen auch zu diesem Strohhalm, wenn es andere Hilfe nicht gibt.

Fabio Geda erzählt eine Geschichte voller Hoffnungen und Glück, Bangen und Warten, Mut und Verzweiflung, die man gelesen haben sollte. Wer dies tut, tut es sicherlich mit Gewinn. Hoffen wir, dass der echte Enaiatollah Akbari seinen Weg gehen wird. Der Leser wird darüber zumindest keine Zweifel haben.

Autor:

Fabio Geda wurde 1972 in Turin geboren und studierte nach der Schule Kommunikationswissenschaften. Danach arbeitete er als Lehrer und im sozialen Bereich, schrieb seinen ersten Roman, der 2014 ins Deutsche übersetzt wurde.

Sein zweiter Roman „Im Meer schwimmen Krokodile“ verhalf ihm zum internationalen Durchbruch. Die wahre Geschichte des Flüchtlings Enaiatollah Akbari wurde in 18 Ländern publiziert.

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