Erzählung

Sarah Lorenz: Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken

Inhalt:
„Weißt du, Mascha, was ich schon immer hatte? Einen festen Willen und ganz viel Sehnsucht. Möchte ungern wie Novalis oder so ein Romantiker klingen, wenn ich von Sehnsucht spreche. Heute manifestiert sich meine Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit – du ahnst es – in kleinen Häusern, bevorzugt mit Reetdach. Eine Weile führte sie mich in besetzte Häuser, autonome Zentren, versiffte Wohnungen, Notschlafstellen und etliche Betten mir fast unbekannter junger Männer. Sie führte mich von der ersten Liebe zu der, die mich jetzt trägt. Sie ließ mich, die ich stets so dramatisch, traurig und bedürftig war, beinah kaputtgehen an den Lieben dazwischen. Mittlerweile bin ich an einem Punkt im Leben, den zu erreichen ich nicht erwartet hätte.“ (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Am Anfang ist es ein kleiner Gedichtband, der der Erzählerin Elisa, in die Hände fällt. Die Texte Mascha Kalekos faszinieren sie, ziehen sie in ihren Bann. Von ihr, der Dichterin, die so viele Schicksalsschläge erleiden musste, fühlt sie sich verstanden, tritt in einem inneren Dialog, erzählt von ihrem Leben. Dieser Monolog, unter dem Titel „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“, ist Sarah Lorenz‘ Debütroman.

Voller Traurigkeit ist dieser Text, der feingliedrig in Kapitel unterteilt, das Leben der Protagonistin offenbart. Nein, sie offenbart sich selbst, braucht das imaginäre Gegenüber, um ein Resümee zu ziehen, erzählt am imaginären Kaffeetisch von Schicksalsschlägen und Wendungen. Derer hat sie viele. Praktisch jedes Kapitel hält einen Schlag in die Magengrube bereit. Immer, wenn ein wenig Hoffnung glüht, ist das Unglück nicht weit.

In kurzen und kompakten Abschnitten ist der Monolog gegliedert und erzählt von vergehender Mutterliebe, steter Suche nach Ersatz und den Versuchen, Unabhängigkeit zu erlangen, dabei vom Regen in die Traufe zu geraten. Dabei umreißt die Erzählerin, von der wir nach und nach ein klareres Bild bekommen, ein halbes Leben. Stets sind es die großen Themen, die die Protagonistin bewegen und beinahe philosophische Fragestellungen aufwerfen.

Jedem Kapitel ist ein eindrückliches Gedicht von Kaleko vorangestellt, gibt die Tonalität vor. Der Roman selbst gibt ein langsames Erzähltempo vor, obwohl so viel passiert. Doch wird man förmlich gezwungen, sich auf diese Sätze voller Nadelstiche für die Protagonistin einzulassen oder man überfliegt sie, da die ganze Melancholie und Traurigkeit einem beim Lesen fast ins Trostlose abgleiten lassen.

Sarah Lorenz lässt hier jedoch auch eine unglaublich starke Figur zu Wort kommen, die immer wieder und hier, und dort auch ein klein wenig Kraft findet, sich immer wieder aufzuraffen, weiterzumachen, sich an das zu hängen, was lebenswert scheint. Einerseits fast nüchtern daherkommend, ist das in der darauffolgenden Zeile manchmal schon zu viel des Guten. Für diesem Text muss man sich in der richtigen Lesestimmung befinden. Zugänglich ist der nicht.

Dieses Monologisieren ist zuweilen nervig, ermüdend und lässt die Protagonistin jammernd erscheinen, was über solch langer Strecke einfach anstrengend ist. da hilft es auch nicht, dass sich Gegenwart und Rückblenden, auch auf das Leben von Mascha Kaleko selbst, abwechseln und durchaus eine gewisse Dynamik einbringen. Oder dies zumindest versuchen. Schauplätze werden gut beschrieben, sehr viele enervierende Wortwiederholungen inklusive.

Als Reminiszenz an eine große Dichterin, deren Texte so scheint es, zugänglicher sind, zumindest für mich, funktioniert dieser Roman durchaus. Das Gesamtpaket hat jedoch nicht die wohl von der Autorin gewünschte Wirkung bei mir erbracht. Vielleicht aber bei euch?

Autorin:
Sarah Lorenz wurde 1984 in Eckernförde geboren und ist eine deutsche Autorin und Kolumnistin. Sie ist gelernte Buchhändlerin und studierte Soziale Arbeit. Für die taz schrieb sie die Kolumne PMS-Ultras. „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“, ist ihr Debütroman.

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Alan Gratz/Syd Fini: Vor uns das Meer – Die Graphic Novel

Inhalt:
Drei verschiedene Kinder. Ein gemeinsames Schicksal: Die Flucht.

Josef ist ein jüdischer Junge, der in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen muss. Seine Familie und er gehen an Bord der St. Louis, das Schiff, welches sie in eine neue Welt bringen soll

Isabel ist ein kubanisches Mädchen, welches sich 1994 mit ihrer Familie angesichts der Unruhen und Aufstände auf einen Boot auf den Weg macht, in der Hoffnung, in den USA Sicherheit zu finden.

Mahmoud ist ein syrischer Junge, dessen Heimat 2015 von Gewalt und Zerstörung heimgesucht wird. Seine Familie und er begeben sich auf eine lange und gefährliche Reise nach Europa.

Erschütternde Reisen. Unvorstellbare Gefahren und die Hoffnung auf morgen. Und eine überraschende Wendung, die alle drei Geschichten miteinander verbindet. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Tatsächliche Geschehnisse erzählen die spannendsten Geschichten, zumal wenn sie sich thematisch miteinander verbinden lassen. So stand zurecht das Jugendbuch „Vor uns das Meer“ von Alan Gratz wochenlang nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten. Jetzt hat dieses wunderbare und eindrückliche Werk eine Adaption als Graphic Novel erfahren, die aufgrund ihrer Aufmachung eigenständig behandelt werden muss.

Erzählt wird die Geschichte dreier Jugendlicher, die in verschiedenen Jahrzehnten zu Hause sind und eben diese Heimat aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung verlassen müssen. Das bedeutet nicht nur, Vertrautes in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückzulassen, sondern auch ein Weg voller Gefahren und Entscheidungen, die das Ende der Kindheit markieren. Das ist es, was oft genug unterschlagen wird, wenn über Flüchtlinge berichtet wird. Die Grausamkeit der Endgültigkeit, die jeden Meter pflastert, den diese Menschen zurücklegen, wird so selten gesehen. Davon erzählt der Jugendbuchautor Alan Gratz und schafft es in seiner Geschichte sehr eindrucksvoll, dies lebendig vor Augen zu führen und seine Charaktere darzustellen und drei Schicksale miteinander zu verbinden.

Das funktioniert in Romanform schon sehr gut, basieren doch alle drei Geschichten auf realen Personen, auch nimmt der Autor Bezug auf tatsächlich verbürgtes, wenn es etwa um die Irrfahrt der St. Louis geht oder den Ereignissen im Jahr 2015. Eine Szene, im Jugendroman wie auch hier in der Graphic Novel ist zwar etwas over the top, in letzterer aber etwas besser umgesetzt. Und nun die Erzählung dieser wichtigen Thematik in grafischer Form. Hier ist dem Künstler Syd Fini ein wahres Meisterwerk gelungen.

Immer wieder wechseln wir zwischen den Geschichten der Kinder hin und her und halten uns damit getreu an die Buchvorlage. Klare Linien und kräftige Farben kennzeichnen die unterschiedlich großen Panels, die konzentriert die Schlüsselmomente der Geschichte zeigen, ohne etwas dabei zu verlieren. Schnell zieht man die Verbindung zwischen den drei Schicksalen, was zur DNA von „Vor uns das Meer“ gehört und einem nicht unberührt lassen kann. Hier tut vielleicht die Graphic Novel noch mehr als der Roman selbst. Die einzelnen Panels wirken dabei vergleichsweise düster, am Ende werden se zusammengeführt. Zudem geben Autor und Zeichner einen Überblick über die tatsächlichen Geschehnisse.

Diese Graphic Novel schafft eine noch festere Verbindung zu seiner Leserschaft und zeigt, wie sich die Schicksale einzelner über Jahrzehnte hinweg überkreuzen können, ohne das Leid dieser Menschen weichzuspülen oder der Thematik nicht gerecht zu werden. Da alles auf reale Geschichten beruht, gibt es keine überraschenden Wendungen, zumindest wenn man sich ein wenig mit Geschichte auskennt, doch gerade für Jugendliche, um sie mit der Thematik vertraut zu machen, ist diese Form der Aufbereitung sowohl nahbar als auch spannend erzählt. Auch gelingt es Syd Fini Rückblenden zeichnerisch gut einzubinden.

Diese Form des Erzählens hat etwas sehr filmisches und hilft, sich das alles vorzustellen. Vom Original geht dabei nichts verloren. Wer also nicht den Jugendroman zur Hand nehmen möchte, dem sei diese Graphic Novel unbedingt ans Herz gelehnt. Diese wird mitten ins Herz treffen und vielleicht einen neuen Zugang zu einer sehr schwer zu händelnden Thematik verschaffen. Und mehr kann man da nicht verlangen.

Autoren:
Alan Gratz wurde 1972 in Tennessee geboren und ist ein US-amerikanischer Autor im Kinder- und Jugendbuchbereich. Er studierte Kreatives Schreiben und arbeitete als Englischlehrer, bevor er seine ersten Werke veröffentlichte. 2024 wurde ein Werk von ihm in Schulbibliotheken verboten, welches sich mit dem Verbot bestimmter Bücher in den USA befasst. Seine Erzählung „Vor uns das Meer“ hingegen, konnte mehrere nationale und internationale Literaturpreise gewinnen. Zu diesem Werk werden in Deutschland Unterrichtsmaterialien angeboten, zudem wurden darüber mehrere wissenschaftliche Artikel verfasst.

Neben seinen Jugendbüchern schrieb er mehrere Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, Radiowerbespots und Episoden für verschiedene Fernsehserien, sowie Theaterstücke.

Syd Fini ist ein iranischer Künstler, der während des Iran-Irak-Krieges geboren wurde und als Animationsfilmregisseur, Illustrator und Comiczeichner arbeitet. Er lebt in Brooklyn, New York.

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Anthony Passeron: Jacky

Inhalt:
Ende der Achtzigerjahre wachsen Anthony und sein Zwillingsbruder in einer engen Familie auf, in einem abgeschiedenen Tal im Hinterland von Nizza. Zusammen mit ihrem lebensfrohen Onkel vertreiben sie sich die Langeweile mit Videospielen – einer neuen Leidenschaft, die ihnen ihr Vater Jacky weitergibt. Nach und nach werden die Spiele zu einem Zufluchtsort für die Brüder, vor der Eintönigkeit ihres Alltags und vor den Schicksalsschlägen, die bald ihre Familie treffen. Bis zu dem plötzlichen, überraschenden Verschwinden ihres Vaters. (Klappentext)

Rezension:
Zunächst ist es nur eine einzelne Aktion, die man immer schneller ausführen muss, bis man unweigerlich scheitert, doch nach und nach werden die Konsolenspiele, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt, bald auch die französische Provinz erobern. Immer komplexer, so wie die Sicht des Kindes, welches nach und nach die Widersprüchlichkeit und auch harte Brutalität der Erwachsenenwelt erkennen muss, ohne sie gleich zu begreifen.

Mein Bruder und ich erstarrten vor unserer Mutter, die Augen vor Scham gerötet. Ich flehte sie mit Blicken an, unsere unüberlegte Frage nicht zu beantworten. Sie war kurz davor, ein Geheimnis zu verraten, eine Antwort zu geben, die unserer Kindheit ein Ende setzen könnte, und ich war noch nicht bereit dafür.

Anthony Passeron: Jacky

Für den französischen Autoren Anthony Passeron und seinem Zwillingsbruder waren diese Spiele die Rettung und zugleich ein Gleichnis dessen, für das, was mit ihrer Familie während der Kindheit passierte. Diese zwei Säulen bilden die Grundlagen seines autobiografischen Romans, mit dem der Autor versucht zu verarbeiten, was im Zeitraum des Lebenszyklus‘ dreier Spielkonsolen geschah.

„Jacky“ erzählt dabei gleich in mehrerer Hinsicht vom Verschwinden. Einerseits Verdrängungsprozess kleiner tradioneller Familienbetriebe und geübter Strukturen, in denen der eigene es immer schwerer hat, von der Vaterfigur am Laufen gehalten zu werden und schließlich aufgegeben werden muss, auf der anderen Seite der Wandel von Rollenbildern und Anforderungen an die nächste Generation, die Globalisierung, die schließlich in Form einer Seuche zwei Familienmitglieder das Leben kosten wird.

Zunehmend wird dabei für Anthony und seinem Zwillingsbruder die Welt der Videospiele zum Zufluchtsort, die nur zu Beginn zugleich das verbindende Element zur verschwindenden Vaterfigur ist. Neben dem Brüderpaar, Two Players Game, ist er die Hauptfigur dieses zweigliedrigen Romans, der parallel die Geschichte des Aufkommens der Spielekonsolen erzählt. Beginnend mit dem Atari 2600, der als erstes Dank des technisch begisterten Vaters in den Haushalt der Familie Einzug hält.

Dies erzählt der Autor in kompakt gehaltenen Kapiteln, in denen kein Wort zu viel verloren wird. Tatsächlich genügen wenige Sätze, um wie Nadelstiche Ereignisse schmerzvoll vor Augen erscheinen und Charaktere aufleben zu lassen. Es braucht nicht viel, Orte filmisch zu beschreiben, die Begeisterung für die anfangs aus nur einigen Pixel bestehenden Welten zu verdeutlichen, andererseits das Begreifen mit zunehmenden Alter, welches Anthony und sein Bruder gleichsam fortschreitender Spielelevel zur immer größeren Herausforderung werden wird. Wie viel kann ein Kind, wie viel eine Familie aushalten? Eine Frage, die sich mit zunehmender Seitenzahl immer vehementer in den Vordergrund schiebt und bald das handlungstreibende Element sein wird.

Unsere Eltern wollten, dass wir echte Schlägertypen waren und gleichzeitig diszipliniert genug, um in der Schule erfolgreich zu sein. Unweigerlich würden wir eine Seite enttäuschen müssen.

Anthony Passeron: Jacky

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des jungen Anthony, dem gegenüber der Vater steht, der immer weniger Verständnis für seine empfindsamen Sprösslinge zeigt, aber eben auch selbst nie gelernt hat, Worte zu finden, um den eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Diese Sprachlosigkeit durchzieht die Erzählung und sagt dennoch so viel. Man kann das alles nicht lesen, ohne davon berührt zu werden, gerade wegen des Spiels mit den Gegensätzen, welches der Autor meisterhaft beherrscht.

Das störte mich weniger für mich als für meinen Vater. […] Trotzdem schämte ich mich am Ende des Kurses, wenn er mit meinen Turnschuhen in der Hand auf mich wartete, ich schämte mich vor ihm. Es half nichts, es war wie ein Fluch, etwas absolut Unvermeidliches. […], wenn ich vor seinen Augen eine Niederlage einsteckte, beschmutzte ich seinen Namen.

Anthony Passeron: Jacky

Einerseits das Nebeneinander der Figuren, welches im Verlauf der Geschichte fast zu einem Gegeneinander wird, aus der Perspektive des einem, andererseits die ungewöhnliche Gliederung des Romans entfachen eine Dynamik, die selbst aus wenig viel werden lässt, ohne dabei zu verlieren. Lücken gibt es da nicht. Unausgesprochenes tönt sehr laut. Der Gang Richtung Abgrund nimmt mit zunehmender Seitenzahl entsprechend Fahrt auf. Gekonnt gesetzte Rückblenden ergänzen diese wunderbare kleine Erzählung, die die Dynamik einer Familie aufzeigt, die an ihre Grenzen gerät.

Der Schriftsteller Anthony Passeron verarbeitet nach seinem Debüt hier einen weiteren Aspekt seiner Familiengeschichte und setzt dabei auch den Anfängen einer Technologie ein Denkmal, die bis heute in ihren Ausprägungen Millionen beeinflusst und manchen sicherlich auch Zuflucht und Rettung bietet. Jeder, der selbst schon ein neues technisches Gerät angeschaltet und dem zugesehen hat, wie der Bildschirm zum Leben erwacht, kann das nachvollziehen. Auch alle anderen wird diese Geschichte voller Sehnsucht und Traurigkeit so schnell nicht loslassen, was sicherlich zu großen Teilen der hervorragenden Übersetzung Lena Müllers zu verdanken ist.

Wer sich für ungewöhnlich erzählte Familiendynamiken begeistern kann, zudem die Abgründe menschlicher Schicksalsschläge nachspüren, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ergründen will, dem ist „Jacky“ von Anthony Passeron zu empfehlen. Gleichwohl muss man sagen, dass es nicht zu empfehlen ist, ist man selbst gerade nicht in positiver Stimmung. Game Over.

Autor:
Anthony Passeron wurde 1983 geboren und ist ein französischer Schriftsteller. Er wurde in Nizza geboren und studierte nach der Schule französische Literatur, die er unterrichtete, bevor er selbst zum Autor wurde. Sein erster Roman erschien 2024 in der deutschen Übersetzung. „Jacky“ ist Passerons zweite Erzählung.

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Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

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Takis Würger: Für Polina

Inhalt:
Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Kurz danach stirbt Hannes‘ Mutter bei einem Unfall, mit ihr stirbt seine Musik und Hannes‘ und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Doch das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Klappentext)

Rezension:
Diese Texte, in die man sich hineinstürzt, in sie versinkt und berührt zurückbleibt, deren Figuren man festhalten will, mit ihnen leidet und die einem auch nach dem Lesen nicht loslassen, sie gibt es selten. Doch wenn man nur einen von ihnen einmal erwischt, möchte man daran festhalten, diesen Moment nicht verlieren.

Der Roman „Für Polina“ von Schriftsteller Takis Würger gehört dazu, der nicht nur die Geschichte zweier Menschen erzählt, die ohne einander nicht können, ohne einander nicht sind, sondern auch, welche Bindung Musik zu schaffen vermag und wie sie unsere Herzen berührt. Hannes und Polina sind die Hauptfiguren dieses Kleinods, die beinahe wie Geschwister zusammen aufwachsen, nachdem sich ihre Mütter im Krankenhaus kennengelernt und miteinander befreundet haben.

Schon früh erkennen die Erwachsenen die Begabung des Jungen, den sonst nichts zu interessieren scheint, die tiefe echte Begeisterung für die Wirkung von Melodien, die sich fortan durch sein Leben ziehen werden.

Auf der anderen Seite Polina, lebenslustig, das Gegenteil von distanziert, für die die Menschen um sie herum immer greifbarer sind als für ihn. Charakterzüge zweier Persönlichkeiten, die sich fortan gegenseitig ergänzen, bis im späten Jugend-, dann jungen Erwachsenenalter die ersten von vielen Brüchen folgen, die Narben in beider Seelen hinterlassen werden.

Eingebetet ist die Coming of Age Geschichte in einem Text gleichsam einer Melodie, die wir über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgen, zumeist aus der Perspektive von Hannes, nur hin und wieder im Wechsel mit anderen, den Nebenfiguren, die als Handlungstreiber fungieren. Großteils genügt der Hauptprotagonist sich selbst, für den die Musik alles ist, alles andere nichts, der Abhängigkeiten lange zu ignorieren versucht, bis er lernt, damit umzugehen, und Konsequenzen zu ziehen, ohne teilweise darauf zu achten, wie das bei der Umgebung ankommt.

Diese Kompromisslosigkeit liest sich faszinierend und ist folgerichtig für die Glaubwürdigkeit der Figur, die so viele Ecken und Kanten hast, nichts an sich heranlässt, um im Inneren den Körper vor dem Zerreißen zu schützen. Mit wenigen Worten schafft es Takis Würger dennoch sehr gefühlvoll dies zur Sprache zu bringen, dem damit nicht nur die Ausgestaltung seiner Charaktere gelingt, sondern auch Orte sehr filmisch vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Die Kraft des Textes, in dem einzelne Formulierungen die Lesenden immer wieder aufmerken lassen, liegt eben darin, dass man ihn wirken lassen muss. Vielleicht mit der Klaviermusik von Florian Christl im Hintergrund, dessen Stücke seit der szenischen Lesung unter dessen Begleitung für mich jetzt immer mit dieser Geschichte verbunden sein werden. Diese Verbindung von zwei Kunstrichtungen, Musik und Literatur, habe ich so vorher auch noch nicht erleben können, wie auch Hannes die Wirkung seiner eigenen Musik erst spät annehmen kann.

* U. a. dieses Stück hat Florian Christl tatsächlich bei der szenischen Lesung gespielt.

Es ist nicht nur die Neuinterpretation der klassischen unglücklichen Liebesgeschichte, sondern eben diese Verbindung, die hier Takis Würger gelingt, der mit „Für Polina“ beweist, dass es manchmal keinen großen Knalleffekt braucht, keine Wendung, die sich anfühlt, wie eine aus der Klavierheft gefallene Note. Manchmal reicht das in sich Hineinhorchen, das sich Treiben lassen.

Die Kraft von Literatur, die Kraft von Musik, die hier erzählt wird, lohnt sich mit jeder Zeile. Nicht nur deshalb ist Takis Würgers Roman eine unbedingte Empfehlung.

Autor:
Takis Würger wurde 1985 in Hohenhameln geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach einem Volontariant bei der Münchner Abendzeitung und dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er ls Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2014 studierte er in Cambridge Human, Social and Politcal Science. Er berichtete u. a. aus Afghanistan, Mexiko und der Ukraine. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ein Sachbuch von ihm erschien 2015, „Der Club“ war sein erster Roman, dem weitere folgten.

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Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Inhalt:
Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.

Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.

„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“
[…]
„Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.

„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.

Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.

All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.

Autor:
Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.

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Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Inhalt:
Drei Generationen von Frauen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts: „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile erzählt schonungslos von ihren Schicksalen im KZ Ravensbrück, im sowjetischen Lettland und nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der Roman zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung, und verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander. Eine KZ-Gefangene, eine traumatisierte Patientin, eine Deportierte, eine, die nach der Wahrheit über sich selbst sucht – sie alle sind die Schönen. Wie bleibt man menschlich im Angesicht des Unmenschlichen?
(Klappentext)

Rezension:
Es ist nicht nur die Geschichte dreier Frauen, deren Schicksale über die Generationen hinweg miteinander verwoben sind, die die lettische Schriftstellerin Inga Gaile hier entstehen lässt, sondern vor allem die eines Landes, welches über Jahrzehnte hinweg immer wieder vom Schicksal gebeutelt wurde. In „Der Geschmack von schwarzer Erde“ durchziehen Düsternis und Brutalität einen fast durchgehend blutroten Faden diese Erzählung, durchbrochen nur von wenigen Momenten der Hoffnung. Was macht das mit den Menschen?

Was gehen nachfolgende Generationen, in denen Täter und Opfer miteinander konfrontiert werden, mit den Schrecken der Vergangenheit um, die sich bis ins Mark ihrer Familien eingebrannt haben?

Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig, darf man auch von dieser Erzählung vollständig nicht verlangen, doch offenbaren sich viele Scherben, die die Befindlichkeiten und das Denken im heutigen Baltikum verständlich machen. Der Weg dahin indes ist kompliziert. Das wird schon am Auftakt dieses Romans deutlich. Eine nicht benannte Erzählstimme führt in die Handlung ein, deren folgende Abschnitte zumindest namentlich benannt werden und im Verlauf dann mit Jahreszahlen überschrieben.

Die Tonalität verheißt nichts als Trostlosig- und Traurigkeit, war das Land doch lange ein Spielball der Mächtigen um sie herum. Deutsche, Russen. Immer ging es um Land, Einfluss und Macht. Die Schriftstellerin spürt diesen Griffen nach, fragt durch ihre Figuren, die zunächst kaum greifbar sind, wie Traumata entstanden, wie damit umgegangen wird und was vielleicht auch die lettische Identität, das Denken der Menschen dort ausmacht.

Kompakt gehalten sind die einzelnen Kapitel. Im Angesicht des Grauen wird sparsam mit Worten hantiert. Dadurch bleiben die Figuren zunächst unnahbar, beinahe kalt. Erst im Verlauf der Handlung kann zu einzelnen Protagonisten die Distanz überwunden werden. Erst nach und nach entstehen Sympathien. Hauptfiguren sind derer drei, deren Weg wir durch die Geschichte ihres Landes begleiten. Ein Familienroman vor dem Hintergrund einer Landesgeschichte, die zur ständigen Habacht-Stellung gemahnt.

Immer lauschen die Figuren nach Nuancen, die den nächsten großen Knall ankündigen. Die Autorin beschreibt körperliche und seelische Wunden teilweise so treffend, dass es förmlich beim Lesen wehtut. Was zwischen den Zeilen so steht, wirkt dabei noch heftiger.

Wir begleiten Violette, Magdalena und Duks. Die eine durchlebt die Schrecken des Konzentrationslagers, die andere den stalinschen Terror, die dritte das Ende des Kalten Krieges. Sämtliche prägende Epochen der jüngeren Geschichte Lettlands verdichten sich in den Figuren, denen die Autorin die Kraft des Überlebens in die Hand gegeben hat. Ihre Wege verfolgen wir, ihre Narben, die ihnen durch andere zugefügt werden, die wir ebenso kennenlernen. Die Protagonistinnen sind die Spielbälle, erkämpfen sich jeden Tag, jedes Jahr neu. So ist „Der Geschmack von schwarzer Erde“ auch eine Erzählung, was Überlebenswille zu leisten vermag.

Inga Gaile schafft es, seelische Grausamkeiten und Kälte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und deren Wirkung auf andere aufzuzeigen. Die Schriftstellerin offenbart, was das Denken und Handeln ihres Heimatlandes, vor allem gegenüber den übermächtigen großen Nachbarn und auch sonst, noch heute bestimmt, ohne manchen Schrecken wortwörtlich zu benennen. Anderer wird plastisch, beinahe filmisch dargestellt. Der Wechsel der Perspektiven erfolgt behutsam, ist dennoch so gesetzt, dass eine Dynamik daraus entsteht, derer man sich nicht entziehen kann. Wenn man sich in der Tonalität eingefunden hat, was nicht einfach ist und mehr als einen Moment benötigt.

Aus Sicht der verschiedenen Figuren werden die einzelnen Kapitel erzählt, deren Handlungsfäden langsam ineinander übergreifen. Mit ein wenig geschichtlichen Verständnis und auch Interesse daran, ist es leichter, dort hinein zu finden. Das Tempo der Erzählung ist vergleichsweise gemächlich. Mit der kompakt gehaltenen Form trägt die Autorin dem Rechnung. Immer wieder stechen einzelne Sätze hervor, nach denen man innehalten muss, da sie einem mehr als nachdenklich zurücklassen.

Schauplätze und Protagonisten vermag die Schriftstellerin filmisch zu beschreiben, ohne zu viele Worte zu verlieren. Und doch genügen sie. Schon lange war ein Generationenepos nicht mehr so kompakt wie dieser. Es ist ein behutsamer Text, der vieles klarer werden und uns innehalten lässt, der die Themen vereint, wie wir mit unserer Familiengeschichte umgehen und was Erlebnisse und Taten unserer Großeltern und Eltern mit uns machen?

Wie gehen wir damit um? Wofür sind wir verantwortlich? Wofür nicht? Was können wir für uns daraus ziehen? Was macht uns zu dem, was wir sind? Ziemlich viele Fragen, deren Beantwortung Inga Gaile anhand ihrer Figuren uns überlässt, vor dem spannenden Hintergrund eines Landes, welches heute sehr genau hinschaut, eben deshalb, was an seinen Grenzen und außerhalb passiert. In dieser kompakten Form ist das, etwas kantig zwar, gelungen.

Autorin:
Inga Gaile ist eine lettische Autorin und Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Gedichten. Die derzeitige Präsidentin des lettischen PEN thematisiert in ihrem Roman „Der Geschmack von schwarzer Erde“ die dunkelsten Seiten der lettischen und deutschen Geschichte.

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Ulrich Völkel: Der Mann mit dem Hut mit dem Hund wo bellt

Inhalt:
Da durchbricht jeden Morgen ein kläffender Terriermix, der einen Mann mit Hut an seiner Leine hinter sich herzieht, die Stille am Frühstückstisch. Ein Mann springt über seinen Schatten und fragt nach dem Weg. Und erfährt dabei nicht nur, wie er von A nach B kommt. Tante Paula schält jeden Tag Kartoffeln – und setzt auf das richtiige Pferd. Ein ungleiches Paar geht jeden Tag den selben Weg durch den Park und macht sich nichts aus den Blicken und Bemerkungen der anderen. Albert und Erna wiederum, ein ganz anderes Paar, sehen die Welt von ihrem Fenster aus vorbeiziehen. Tag für Tag. Und Frau Meier lächelt über die beiden. Tag für Tag.

Ein junger Literaturkritiker geht dem Geheimnis um die immer schlechter werdenden Kurzgeschichten des sonst stets brillianten Autors nach und erfährt, dass man schon einen Vogel haben muss, um ein guter Schriftsteller zu sein.

Solche und andere leicht skurrilen Geschichten sind in diesemBand zur Erheiterung der geneigten Leserschaft versammelt. Es darf auch geschmunzelt werden. (Klappentext)

Rezension:
Nichts ist wie es scheint. Es passiert ja auch nichts, doch eigentlich ganz schön viel, wenn man nur genauer hinsieht. Das tun die Protagonisten seiner immer nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten und werden selbst Gegenstand der Beobachtung durch andere, vor allem aber uns Lesenden. Der Schriftsteller Ulrich Völkel hat sie, Mensch und Tier, allesamt in wundersamen, erstaunlichen, manchmal doch urkomischen Miniaturen versammelt, die mitunter zu überraschen wissen. Alle sind sie hier, in diesem Band versammelt.

Sechszehn dieser sehr unterschiedlichen Kurzgeschichten erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven Alltagssituationen, die mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht werden. Wenige Sätze nur benötigt der Autor, um überraschende Wendungen entstehen zu lassen oder einer ernsten Situation eine glückliche Wendung anzufügen. Nicht immer funktioniert dies gleichermaßen gut. Wenige Worte sind nicht immer ausreichend, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Oft genug wünscht man den Figuren mehr Raum. So einige hätten es verdient, während andere ihre Geschichte ausreichend füllen und im Gedächtnis bleiben.

Völkels Sammlung wirkt wie eine Aneinanderreihung verschiedener Kurzfilme, so plastisch sind die Berschreibungen der Figuren, die klar vor dem inneren Auge stehen, auch deren Umgebung ist gut vorstellbar. Als würde man selbst durch die Straßen gehen, und mal aus dem Augenwinkel heraus, mal genauer Momente, einzelne Szenen, wahrnehmen. Manche stechen dabei heraus und bleiben im Gedächtnis, andere verschwinden mit dem Moment des Umblätterns, zudem kein wirklicher roter Faden, wenn überhaupt nur der Alltag an sich, als Verbindung erkennbar ist.

Trotzdem lohnt sich der Band für einzelne Geschichten, von denen alle Lesenden andere als herausstechend empfinden werden. Vielleicht entfalten diese jedoch auch ihre Wirkung um so mehr, je öfter man diese beiseite legt, und dann sich erneut zu Gemüte führt? Das Hintereinanderweglesen nimmt etwas von dem Charme dieser Miniaturen. Zwischen den Kurzgeschichten Pausen zu lassen, ist hier anzuraten, schon, um eine Lieblingsminiatur aus diesem Band für sich herauszufinden. Welche ist eure?

Autor:
Ulrich Völkel wurde 1940 in Plauen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach dem Wehrdienst war er als Bühnenarbeiter und Dramaturgie-Assistent in Putbus auf Rügen tätig und wurde 1962 Kultureferent Saßnitzs, wirkte ab 1962 in der Kulturarbeit Schwerins mit. Nach einem Studium in Leipzig, war er künstlerischer Mitarbeiter in Schwerin und Rostock, seit 1975 als freier Schriftsteller tätig. 1993 gründete er den Rhinoverlag, den er bis 2006 leitete. Er ist Verfasser zahlreicher Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke, arbeitet zudem als Lektor.

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Markus Veith: Die erste Bahn

Inhalt:
Kai Trollmann verpasst die letzte U-Bahn. Im bleibt nichts anderes übrig, als auf die erste Bahn des nächsten Morgens zu warten. Er bekommt Gesellschaft von Helen, einer älteren Frau.

„Ich bin deine Tochter. Ich komme aus der Zukunft. Und ich werde dich erschießen.“

Durch eine fatale Wendung werden sie gezwungen, die Zeit bis zur Ankunft der Bahn gemeinsam zu verbringen: Kai und seine mögliche Zukunft. Helen und das vergangene Leben mit ihrem Vater. Und eine Gegenwart, die alles verändern könnte. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Science Fiction, Tragödie und Kammerspiel entfaltet der Schriftsteller Markus Veith eine düstere Erzählung, in der Zukunft und Vergangenheit aufeinandertreffen und eine Entscheidung ein Leben beenden und viele andere retten könnte. Doch was ist, wenn sich der Lauf der Dinge gar nicht umkehren lässt?

Von Beginn an trieft Trostlosigkeit aus jeder Zeile. Eine U-Bahnstation bei Nacht, ebenso farb- und gesichtslos, wie der Protagonist, der schon mal bessere Tage gesehen hat. Kai Trollmann, der sich mit einem Gelegenheitsjob bei einem Bestatter über Wasser hält, ansonsten genau so grau wirkt, wie die regnerische Nacht, vor der er in diesen Nicht-Ort hinein flüchtet. Vom Nebel billigen Alkohols benebelt, beginnt das Warten auf die erste Bahn des Morgens, die letzte der Nacht hat er gerade verpasst. Zäh fließt die Zeit dahin, ohne sichtbar voranzuschreiten, bis sich die Rolltreppe nach unten erneut in Bewegung setzt und die Zukunft auf die Gegenwart treffen wird, um sich selbst zu verändern.

In dieses Szenario wird man lesend hinein geworfen, gleichsam wie ein Zuschauer eines Theaterstücks, der dem Zurollen der Katastrphe beiwohnt. Zu Beginn ist das gewöhnungsbedürftig, sind doch beide Hauptfiguren nicht gerade Sympathieträger, doch ziehen diese einem so in den Bann, dass man nicht umhin kann, neugierig darauf zu sein, wie die Erzählung beider Leben ausgehen wird.

Der eine wird dabei mehr Konturen bekommen als die andere, die trotzdem scharf gezeichnet ist, deren Vorhaben Risse bekommen und ins Wanken geraten wird. Dies geschieht auf relativ wenigen Seiten. Markus Veith braucht nicht viele Worte, um seine Geschichte zu entfalten und erzählt doch zwei ganze Biografien, die ohne einander nicht sind, nicht sein können, aber am liebsten ohneeinander sein wollen.

Der Versuch des Entfliehens als Motiv mit beinahe biblischen Anklängen. Doch, steht es uns zu, die Zeit zu verändern? Und können wir die Folgen dessen beherrschen? Diese Fragen bilden den Überbau und muten fadst philosophisch an, während der Autor mit den daraus sich ergebenden Gegensätzen zu spielen weiß. Dies tut er ruhig und behutsam, mit einer Präzension ohne der Versuchung erlegen zu haben, sich in einem rasanten Tempo und damit die Erzählstränge zu verlieren. Lesend kann man sich dabei zwischen Voyeurismus und dem sichtbar Unangenehmen nicht entscheiden, welches einem kalt den Rücken hinunterfährt.

Zwei Perspektiven, zwei Zeitebenen werden so weit miteinander verflochten, dass selbst die beiden Protagonisten unsicher in ihrer Einordnung der Rolle werden, die sie da spielen. Korrekturen gibt es von außen nicht. Andere Figuren werden allerhöchstens erwähnt und sind damit genug handlungstreibend, bleiben ansonsten jedoch blaß. Sie sind auch überflüssig. Markus Veith braucht nur wenig, um viel zu erzählen.

Anfangs gerät man ins Stocken. Erst muss man sich in die Geschichte einfinden, um deren Kniffe zu genießen. Das klappt nicht an allen Stellen gleichmäßig gut, doch verliert Markus Veith die Lesenden nie ganz, die einem Drama sondergleichen beiwohnen. Zeitsprünge, Rückblicke, Aussichten je nach Figur, treiben die Handlung voran.

Manchmal muss man einen Moment innehalten, um Zeitebenen, Perspektiven für sich zu sortieren. Doch beide Protagonisten hinterlassen ein klares Bild von sich. Dem Autor gelingen hier stechende filmische Beschreibungen. Zu weilen fühlt man sich an „Der Gott des Gemetzels“ von Yasemina Reza erinnert, nur noch düsterer und humorloser. Der wäre hier fehl am Platz.

Wer Kammerspiele und Novellen mag, wird in die Erzählung gut hineinfinden, vorausgesetzt man kann damit umgehen, an manchen Stellen die Figuren nicht immer greifen zu können oder diese durchgehend distanziert gegenüber zu stehen. Wenn das der Fall ist, hat man mit „Die erste Bahn“ von Markus Veith mehr als ein interessantes Leseerlebnis.

Autor:
Markus Veith wurde 1972 in Dortmund geboren und ist ein deutscher Theater-Schauspieler und Schriftsteller. Er produziert Hörbücher und wurde für seine vielseitige Arbeit mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Er inszenierte für die Landesbühne Oberfranken. Seine Theaterstücke werden landesweit gespielt.

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Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Inhalt:
Das Land der traurigen Orangen lässt Menschen zu Wort kommen, die die Folgen der Gründung des Staates Israel erlebten. Auch der Autor ist einer von ihnen. Ghassan Kanafani war zwölf Jahre alt, als die Familie 1948, während des ersten arabisch-israelischen Krieges, flüchtete und das palästinensiche Volk sich über verschiedene Länder zerstreute.

Mit seinem sensiblen Schreiben, seinem Intellekt und seiner besonderen Wortgewalt trat Kanafani für die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser ein. Die thematischen Schwerpunkte der in diesem Band vereinigten Kurzgeschichten sind der Verlust des Landes, der vergebliche Widerstand dagegen, die Vertreibung, die Flucht und das Lagerleben im Exil. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam politische Widerstandsliteratur, dem Leid und der Ausweglosigkeit von Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, so wollte der palästinensiche Journalist und Schriftsteller Ghassan Kanafani seine Texte verstanden wissen. Einige besonders prägnante Schriften sind im vorliegenden Erzählband „Das Land der traurigen Orangen“ versammelt, die das ganze schriftstellerische Können, sowie die politische Wirkmächtigkeit des Autoren aufzeigen.

Um sich den Texten anzunähern, derer dreizehn an der Zahl hier die Lesenden in ihren Bann ziehen werden, benötigt man zunächst kein biografisches Wissen. Der Autor tritt hinter seinen Texten zurück. Es geht um Flucht und Vertreibung, Armut, eine Region im ständigen Ausnahmezustand, schon damals als diese Erzählungen zu Papier gebracht wurden, ein schier unlösbares Knäul an sich potenzierenden Konfliktlinien. Es sind universelle Themen, auf ein Gebiet gemünzt und die Waffe Kanafanis sind seine Worte, die zuweilen wie Peitschenhiebe knallen. Gekonnt setzt er sie ein, jeder Text kompakt. Kein Wort zu viel. Es braucht wenig, die Figuren auszugestalten, die vor den geschilderten Hintergründen lebendig werden. Der Autor weiß Landschaften, wie Personen lebendig werden zu lassen.

Die Nacht ist etwas Furchtbares … Die Finsternis, die sich nach und nach auf uns herabsenkte, erfüllte mein Herz mit Schrecken … […] Doch niemand war da, mich zu trösten, zu niemandem konnte ich mich flüchten, und der stumme Blick meines Vaters flösste mir noch mehr Furcht ein.
Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Die Protagonisten sind Figuren des Alltags. Nachvollziehbar sind der Lehrer, der schuhputzende Junge, der eine Maske den Tag über trägt, um durchhalten zu können und für seine Familie zu sorgen, die Bäuerin, der der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zusammen ergibt sich ein buntes Tableau der Protagonisten. Beinahe jede Geschichte könnte sich so oder ähnlich tatsächlich abgespielt haben. Der Journalist, der hier zum Schriftsteller wird, beobachtet, begleitet.

Doch kommt man auch lesend nicht umhin, in den Konflikt Stellung zu beziehen. Ghassan Kanafani schrieb aus dem eigenen Erleben heraus, kennt beispielsweise die Strapazen eines Flüchtlingdaseins, trat jedoch auch politisch als Sprecher der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas auf und wurde 1972 dafür durch eine Autobombe getötet, die man dem israelischen Geheimdienst Mossad zuschreibt. Schwankend zwischen Novelle und Fabel bestimmen Symbole wie die Orange, deren Bild immer wieder auftaucht, seine Erzählungen.

Wie wirken mit dem Wissen dann die Texte eines Mannes auf einem, dessen stärkste Waffe die Worte waren, die man schließlich für so gefährlich hielt? Wie wirken die Erzählungen mit der Spanne der vergangenen Zeit, in dessen Gegenwart eine Lösung des Konflikts mehr denn je unerreichbar scheint? Was ist noch übrig von der Mächtigkeit der Erzählungen aus dem Land der traurigen Orangen? Was bleibt, wenn nur noch Texte bleiben? Das Glück mit Kanafani ist, dass seine Schriften fast vollständig in deutscher Übersetzung vorliegen, so dass sich davon ein jeder selbst ein Bild machen kann.

Autor:
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka, Britisch-Palästina geboren und starb 1972 in Beirut, Libanon. Er war ein palästinensicher Schriftsteller und Jornalist. Seine Familie floh 1948 über den Libanon nach Syrien, wo er in einem Flüchtlingslager lebte und in Damaskus seine Schulbildung beendete. Von 1953 bis 1956 arbeitete er als Lehrer, anschließend als Sport- und Kunstlehrer in Kuwait. In dieser Zeit schloss er sich einer kommunistischen Untergrundgruppe an. 1960 kehrte er in den Libanon zurpck, arbeitete dort als Redakteur für verschiedene nasseristische Zeitungen, 1969 als Chefredakteur der Parteizeitung der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Zudem fungierte er als deren politischer Sprecher 1972 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

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