Erzählung

Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Inhalt:
Drei Generationen von Frauen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts: „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile erzählt schonungslos von ihren Schicksalen im KZ Ravensbrück, im sowjetischen Lettland und nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der Roman zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung, und verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander. Eine KZ-Gefangene, eine traumatisierte Patientin, eine Deportierte, eine, die nach der Wahrheit über sich selbst sucht – sie alle sind die Schönen. Wie bleibt man menschlich im Angesicht des Unmenschlichen?
(Klappentext)

Rezension:
Es ist nicht nur die Geschichte dreier Frauen, deren Schicksale über die Generationen hinweg miteinander verwoben sind, die die lettische Schriftstellerin Inga Gaile hier entstehen lässt, sondern vor allem die eines Landes, welches über Jahrzehnte hinweg immer wieder vom Schicksal gebeutelt wurde. In „Der Geschmack von schwarzer Erde“ durchziehen Düsternis und Brutalität einen fast durchgehend blutroten Faden diese Erzählung, durchbrochen nur von wenigen Momenten der Hoffnung. Was macht das mit den Menschen?

Was gehen nachfolgende Generationen, in denen Täter und Opfer miteinander konfrontiert werden, mit den Schrecken der Vergangenheit um, die sich bis ins Mark ihrer Familien eingebrannt haben?

Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig, darf man auch von dieser Erzählung vollständig nicht verlangen, doch offenbaren sich viele Scherben, die die Befindlichkeiten und das Denken im heutigen Baltikum verständlich machen. Der Weg dahin indes ist kompliziert. Das wird schon am Auftakt dieses Romans deutlich. Eine nicht benannte Erzählstimme führt in die Handlung ein, deren folgende Abschnitte zumindest namentlich benannt werden und im Verlauf dann mit Jahreszahlen überschrieben.

Die Tonalität verheißt nichts als Trostlosig- und Traurigkeit, war das Land doch lange ein Spielball der Mächtigen um sie herum. Deutsche, Russen. Immer ging es um Land, Einfluss und Macht. Die Schriftstellerin spürt diesen Griffen nach, fragt durch ihre Figuren, die zunächst kaum greifbar sind, wie Traumata entstanden, wie damit umgegangen wird und was vielleicht auch die lettische Identität, das Denken der Menschen dort ausmacht.

Kompakt gehalten sind die einzelnen Kapitel. Im Angesicht des Grauen wird sparsam mit Worten hantiert. Dadurch bleiben die Figuren zunächst unnahbar, beinahe kalt. Erst im Verlauf der Handlung kann zu einzelnen Protagonisten die Distanz überwunden werden. Erst nach und nach entstehen Sympathien. Hauptfiguren sind derer drei, deren Weg wir durch die Geschichte ihres Landes begleiten. Ein Familienroman vor dem Hintergrund einer Landesgeschichte, die zur ständigen Habacht-Stellung gemahnt.

Immer lauschen die Figuren nach Nuancen, die den nächsten großen Knall ankündigen. Die Autorin beschreibt körperliche und seelische Wunden teilweise so treffend, dass es förmlich beim Lesen wehtut. Was zwischen den Zeilen so steht, wirkt dabei noch heftiger.

Wir begleiten Violette, Magdalena und Duks. Die eine durchlebt die Schrecken des Konzentrationslagers, die andere den stalinschen Terror, die dritte das Ende des Kalten Krieges. Sämtliche prägende Epochen der jüngeren Geschichte Lettlands verdichten sich in den Figuren, denen die Autorin die Kraft des Überlebens in die Hand gegeben hat. Ihre Wege verfolgen wir, ihre Narben, die ihnen durch andere zugefügt werden, die wir ebenso kennenlernen. Die Protagonistinnen sind die Spielbälle, erkämpfen sich jeden Tag, jedes Jahr neu. So ist „Der Geschmack von schwarzer Erde“ auch eine Erzählung, was Überlebenswille zu leisten vermag.

Inga Gaile schafft es, seelische Grausamkeiten und Kälte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und deren Wirkung auf andere aufzuzeigen. Die Schriftstellerin offenbart, was das Denken und Handeln ihres Heimatlandes, vor allem gegenüber den übermächtigen großen Nachbarn und auch sonst, noch heute bestimmt, ohne manchen Schrecken wortwörtlich zu benennen. Anderer wird plastisch, beinahe filmisch dargestellt. Der Wechsel der Perspektiven erfolgt behutsam, ist dennoch so gesetzt, dass eine Dynamik daraus entsteht, derer man sich nicht entziehen kann. Wenn man sich in der Tonalität eingefunden hat, was nicht einfach ist und mehr als einen Moment benötigt.

Aus Sicht der verschiedenen Figuren werden die einzelnen Kapitel erzählt, deren Handlungsfäden langsam ineinander übergreifen. Mit ein wenig geschichtlichen Verständnis und auch Interesse daran, ist es leichter, dort hinein zu finden. Das Tempo der Erzählung ist vergleichsweise gemächlich. Mit der kompakt gehaltenen Form trägt die Autorin dem Rechnung. Immer wieder stechen einzelne Sätze hervor, nach denen man innehalten muss, da sie einem mehr als nachdenklich zurücklassen.

Schauplätze und Protagonisten vermag die Schriftstellerin filmisch zu beschreiben, ohne zu viele Worte zu verlieren. Und doch genügen sie. Schon lange war ein Generationenepos nicht mehr so kompakt wie dieser. Es ist ein behutsamer Text, der vieles klarer werden und uns innehalten lässt, der die Themen vereint, wie wir mit unserer Familiengeschichte umgehen und was Erlebnisse und Taten unserer Großeltern und Eltern mit uns machen?

Wie gehen wir damit um? Wofür sind wir verantwortlich? Wofür nicht? Was können wir für uns daraus ziehen? Was macht uns zu dem, was wir sind? Ziemlich viele Fragen, deren Beantwortung Inga Gaile anhand ihrer Figuren uns überlässt, vor dem spannenden Hintergrund eines Landes, welches heute sehr genau hinschaut, eben deshalb, was an seinen Grenzen und außerhalb passiert. In dieser kompakten Form ist das, etwas kantig zwar, gelungen.

Autorin:
Inga Gaile ist eine lettische Autorin und Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Gedichten. Die derzeitige Präsidentin des lettischen PEN thematisiert in ihrem Roman „Der Geschmack von schwarzer Erde“ die dunkelsten Seiten der lettischen und deutschen Geschichte.

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Ulrich Völkel: Der Mann mit dem Hut mit dem Hund wo bellt

Inhalt:
Da durchbricht jeden Morgen ein kläffender Terriermix, der einen Mann mit Hut an seiner Leine hinter sich herzieht, die Stille am Frühstückstisch. Ein Mann springt über seinen Schatten und fragt nach dem Weg. Und erfährt dabei nicht nur, wie er von A nach B kommt. Tante Paula schält jeden Tag Kartoffeln – und setzt auf das richtiige Pferd. Ein ungleiches Paar geht jeden Tag den selben Weg durch den Park und macht sich nichts aus den Blicken und Bemerkungen der anderen. Albert und Erna wiederum, ein ganz anderes Paar, sehen die Welt von ihrem Fenster aus vorbeiziehen. Tag für Tag. Und Frau Meier lächelt über die beiden. Tag für Tag.

Ein junger Literaturkritiker geht dem Geheimnis um die immer schlechter werdenden Kurzgeschichten des sonst stets brillianten Autors nach und erfährt, dass man schon einen Vogel haben muss, um ein guter Schriftsteller zu sein.

Solche und andere leicht skurrilen Geschichten sind in diesemBand zur Erheiterung der geneigten Leserschaft versammelt. Es darf auch geschmunzelt werden. (Klappentext)

Rezension:
Nichts ist wie es scheint. Es passiert ja auch nichts, doch eigentlich ganz schön viel, wenn man nur genauer hinsieht. Das tun die Protagonisten seiner immer nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten und werden selbst Gegenstand der Beobachtung durch andere, vor allem aber uns Lesenden. Der Schriftsteller Ulrich Völkel hat sie, Mensch und Tier, allesamt in wundersamen, erstaunlichen, manchmal doch urkomischen Miniaturen versammelt, die mitunter zu überraschen wissen. Alle sind sie hier, in diesem Band versammelt.

Sechszehn dieser sehr unterschiedlichen Kurzgeschichten erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven Alltagssituationen, die mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht werden. Wenige Sätze nur benötigt der Autor, um überraschende Wendungen entstehen zu lassen oder einer ernsten Situation eine glückliche Wendung anzufügen. Nicht immer funktioniert dies gleichermaßen gut. Wenige Worte sind nicht immer ausreichend, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Oft genug wünscht man den Figuren mehr Raum. So einige hätten es verdient, während andere ihre Geschichte ausreichend füllen und im Gedächtnis bleiben.

Völkels Sammlung wirkt wie eine Aneinanderreihung verschiedener Kurzfilme, so plastisch sind die Berschreibungen der Figuren, die klar vor dem inneren Auge stehen, auch deren Umgebung ist gut vorstellbar. Als würde man selbst durch die Straßen gehen, und mal aus dem Augenwinkel heraus, mal genauer Momente, einzelne Szenen, wahrnehmen. Manche stechen dabei heraus und bleiben im Gedächtnis, andere verschwinden mit dem Moment des Umblätterns, zudem kein wirklicher roter Faden, wenn überhaupt nur der Alltag an sich, als Verbindung erkennbar ist.

Trotzdem lohnt sich der Band für einzelne Geschichten, von denen alle Lesenden andere als herausstechend empfinden werden. Vielleicht entfalten diese jedoch auch ihre Wirkung um so mehr, je öfter man diese beiseite legt, und dann sich erneut zu Gemüte führt? Das Hintereinanderweglesen nimmt etwas von dem Charme dieser Miniaturen. Zwischen den Kurzgeschichten Pausen zu lassen, ist hier anzuraten, schon, um eine Lieblingsminiatur aus diesem Band für sich herauszufinden. Welche ist eure?

Autor:
Ulrich Völkel wurde 1940 in Plauen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach dem Wehrdienst war er als Bühnenarbeiter und Dramaturgie-Assistent in Putbus auf Rügen tätig und wurde 1962 Kultureferent Saßnitzs, wirkte ab 1962 in der Kulturarbeit Schwerins mit. Nach einem Studium in Leipzig, war er künstlerischer Mitarbeiter in Schwerin und Rostock, seit 1975 als freier Schriftsteller tätig. 1993 gründete er den Rhinoverlag, den er bis 2006 leitete. Er ist Verfasser zahlreicher Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke, arbeitet zudem als Lektor.

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Markus Veith: Die erste Bahn

Inhalt:
Kai Trollmann verpasst die letzte U-Bahn. Im bleibt nichts anderes übrig, als auf die erste Bahn des nächsten Morgens zu warten. Er bekommt Gesellschaft von Helen, einer älteren Frau.

„Ich bin deine Tochter. Ich komme aus der Zukunft. Und ich werde dich erschießen.“

Durch eine fatale Wendung werden sie gezwungen, die Zeit bis zur Ankunft der Bahn gemeinsam zu verbringen: Kai und seine mögliche Zukunft. Helen und das vergangene Leben mit ihrem Vater. Und eine Gegenwart, die alles verändern könnte. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Science Fiction, Tragödie und Kammerspiel entfaltet der Schriftsteller Markus Veith eine düstere Erzählung, in der Zukunft und Vergangenheit aufeinandertreffen und eine Entscheidung ein Leben beenden und viele andere retten könnte. Doch was ist, wenn sich der Lauf der Dinge gar nicht umkehren lässt?

Von Beginn an trieft Trostlosigkeit aus jeder Zeile. Eine U-Bahnstation bei Nacht, ebenso farb- und gesichtslos, wie der Protagonist, der schon mal bessere Tage gesehen hat. Kai Trollmann, der sich mit einem Gelegenheitsjob bei einem Bestatter über Wasser hält, ansonsten genau so grau wirkt, wie die regnerische Nacht, vor der er in diesen Nicht-Ort hinein flüchtet. Vom Nebel billigen Alkohols benebelt, beginnt das Warten auf die erste Bahn des Morgens, die letzte der Nacht hat er gerade verpasst. Zäh fließt die Zeit dahin, ohne sichtbar voranzuschreiten, bis sich die Rolltreppe nach unten erneut in Bewegung setzt und die Zukunft auf die Gegenwart treffen wird, um sich selbst zu verändern.

In dieses Szenario wird man lesend hinein geworfen, gleichsam wie ein Zuschauer eines Theaterstücks, der dem Zurollen der Katastrphe beiwohnt. Zu Beginn ist das gewöhnungsbedürftig, sind doch beide Hauptfiguren nicht gerade Sympathieträger, doch ziehen diese einem so in den Bann, dass man nicht umhin kann, neugierig darauf zu sein, wie die Erzählung beider Leben ausgehen wird.

Der eine wird dabei mehr Konturen bekommen als die andere, die trotzdem scharf gezeichnet ist, deren Vorhaben Risse bekommen und ins Wanken geraten wird. Dies geschieht auf relativ wenigen Seiten. Markus Veith braucht nicht viele Worte, um seine Geschichte zu entfalten und erzählt doch zwei ganze Biografien, die ohne einander nicht sind, nicht sein können, aber am liebsten ohneeinander sein wollen.

Der Versuch des Entfliehens als Motiv mit beinahe biblischen Anklängen. Doch, steht es uns zu, die Zeit zu verändern? Und können wir die Folgen dessen beherrschen? Diese Fragen bilden den Überbau und muten fadst philosophisch an, während der Autor mit den daraus sich ergebenden Gegensätzen zu spielen weiß. Dies tut er ruhig und behutsam, mit einer Präzension ohne der Versuchung erlegen zu haben, sich in einem rasanten Tempo und damit die Erzählstränge zu verlieren. Lesend kann man sich dabei zwischen Voyeurismus und dem sichtbar Unangenehmen nicht entscheiden, welches einem kalt den Rücken hinunterfährt.

Zwei Perspektiven, zwei Zeitebenen werden so weit miteinander verflochten, dass selbst die beiden Protagonisten unsicher in ihrer Einordnung der Rolle werden, die sie da spielen. Korrekturen gibt es von außen nicht. Andere Figuren werden allerhöchstens erwähnt und sind damit genug handlungstreibend, bleiben ansonsten jedoch blaß. Sie sind auch überflüssig. Markus Veith braucht nur wenig, um viel zu erzählen.

Anfangs gerät man ins Stocken. Erst muss man sich in die Geschichte einfinden, um deren Kniffe zu genießen. Das klappt nicht an allen Stellen gleichmäßig gut, doch verliert Markus Veith die Lesenden nie ganz, die einem Drama sondergleichen beiwohnen. Zeitsprünge, Rückblicke, Aussichten je nach Figur, treiben die Handlung voran.

Manchmal muss man einen Moment innehalten, um Zeitebenen, Perspektiven für sich zu sortieren. Doch beide Protagonisten hinterlassen ein klares Bild von sich. Dem Autor gelingen hier stechende filmische Beschreibungen. Zu weilen fühlt man sich an „Der Gott des Gemetzels“ von Yasemina Reza erinnert, nur noch düsterer und humorloser. Der wäre hier fehl am Platz.

Wer Kammerspiele und Novellen mag, wird in die Erzählung gut hineinfinden, vorausgesetzt man kann damit umgehen, an manchen Stellen die Figuren nicht immer greifen zu können oder diese durchgehend distanziert gegenüber zu stehen. Wenn das der Fall ist, hat man mit „Die erste Bahn“ von Markus Veith mehr als ein interessantes Leseerlebnis.

Autor:
Markus Veith wurde 1972 in Dortmund geboren und ist ein deutscher Theater-Schauspieler und Schriftsteller. Er produziert Hörbücher und wurde für seine vielseitige Arbeit mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Er inszenierte für die Landesbühne Oberfranken. Seine Theaterstücke werden landesweit gespielt.

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Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Inhalt:
Das Land der traurigen Orangen lässt Menschen zu Wort kommen, die die Folgen der Gründung des Staates Israel erlebten. Auch der Autor ist einer von ihnen. Ghassan Kanafani war zwölf Jahre alt, als die Familie 1948, während des ersten arabisch-israelischen Krieges, flüchtete und das palästinensiche Volk sich über verschiedene Länder zerstreute.

Mit seinem sensiblen Schreiben, seinem Intellekt und seiner besonderen Wortgewalt trat Kanafani für die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser ein. Die thematischen Schwerpunkte der in diesem Band vereinigten Kurzgeschichten sind der Verlust des Landes, der vergebliche Widerstand dagegen, die Vertreibung, die Flucht und das Lagerleben im Exil. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam politische Widerstandsliteratur, dem Leid und der Ausweglosigkeit von Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, so wollte der palästinensiche Journalist und Schriftsteller Ghassan Kanafani seine Texte verstanden wissen. Einige besonders prägnante Schriften sind im vorliegenden Erzählband „Das Land der traurigen Orangen“ versammelt, die das ganze schriftstellerische Können, sowie die politische Wirkmächtigkeit des Autoren aufzeigen.

Um sich den Texten anzunähern, derer dreizehn an der Zahl hier die Lesenden in ihren Bann ziehen werden, benötigt man zunächst kein biografisches Wissen. Der Autor tritt hinter seinen Texten zurück. Es geht um Flucht und Vertreibung, Armut, eine Region im ständigen Ausnahmezustand, schon damals als diese Erzählungen zu Papier gebracht wurden, ein schier unlösbares Knäul an sich potenzierenden Konfliktlinien. Es sind universelle Themen, auf ein Gebiet gemünzt und die Waffe Kanafanis sind seine Worte, die zuweilen wie Peitschenhiebe knallen. Gekonnt setzt er sie ein, jeder Text kompakt. Kein Wort zu viel. Es braucht wenig, die Figuren auszugestalten, die vor den geschilderten Hintergründen lebendig werden. Der Autor weiß Landschaften, wie Personen lebendig werden zu lassen.

Die Nacht ist etwas Furchtbares … Die Finsternis, die sich nach und nach auf uns herabsenkte, erfüllte mein Herz mit Schrecken … […] Doch niemand war da, mich zu trösten, zu niemandem konnte ich mich flüchten, und der stumme Blick meines Vaters flösste mir noch mehr Furcht ein.
Ghassan Kanafani: Das Land der traurigen Orangen

Die Protagonisten sind Figuren des Alltags. Nachvollziehbar sind der Lehrer, der schuhputzende Junge, der eine Maske den Tag über trägt, um durchhalten zu können und für seine Familie zu sorgen, die Bäuerin, der der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zusammen ergibt sich ein buntes Tableau der Protagonisten. Beinahe jede Geschichte könnte sich so oder ähnlich tatsächlich abgespielt haben. Der Journalist, der hier zum Schriftsteller wird, beobachtet, begleitet.

Doch kommt man auch lesend nicht umhin, in den Konflikt Stellung zu beziehen. Ghassan Kanafani schrieb aus dem eigenen Erleben heraus, kennt beispielsweise die Strapazen eines Flüchtlingdaseins, trat jedoch auch politisch als Sprecher der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas auf und wurde 1972 dafür durch eine Autobombe getötet, die man dem israelischen Geheimdienst Mossad zuschreibt. Schwankend zwischen Novelle und Fabel bestimmen Symbole wie die Orange, deren Bild immer wieder auftaucht, seine Erzählungen.

Wie wirken mit dem Wissen dann die Texte eines Mannes auf einem, dessen stärkste Waffe die Worte waren, die man schließlich für so gefährlich hielt? Wie wirken die Erzählungen mit der Spanne der vergangenen Zeit, in dessen Gegenwart eine Lösung des Konflikts mehr denn je unerreichbar scheint? Was ist noch übrig von der Mächtigkeit der Erzählungen aus dem Land der traurigen Orangen? Was bleibt, wenn nur noch Texte bleiben? Das Glück mit Kanafani ist, dass seine Schriften fast vollständig in deutscher Übersetzung vorliegen, so dass sich davon ein jeder selbst ein Bild machen kann.

Autor:
Ghassan Kanafani wurde 1936 in Akka, Britisch-Palästina geboren und starb 1972 in Beirut, Libanon. Er war ein palästinensicher Schriftsteller und Jornalist. Seine Familie floh 1948 über den Libanon nach Syrien, wo er in einem Flüchtlingslager lebte und in Damaskus seine Schulbildung beendete. Von 1953 bis 1956 arbeitete er als Lehrer, anschließend als Sport- und Kunstlehrer in Kuwait. In dieser Zeit schloss er sich einer kommunistischen Untergrundgruppe an. 1960 kehrte er in den Libanon zurpck, arbeitete dort als Redakteur für verschiedene nasseristische Zeitungen, 1969 als Chefredakteur der Parteizeitung der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Zudem fungierte er als deren politischer Sprecher 1972 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

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Min Wang: Die schöne Füchsin – Chinesische Geistergeschichten

Inhalt:
Geistergeschichten haben in China eine lange Erzähltradition. Sie berichten von merkwürdigen Ereignissen – v. a. von der Begegnung zwischen Geistern und Menschen. Dabei geht es zwar manchmal gruselig zu, oftmals auch heiter und nicht selten sogar pikant, denn zwischen den beiden Welten können sich hocherotische Beziehungen entwickeln – insbesondere wenn Fuchsgeister im Spiel sind.

Den Hintergrund der Geschichten bilden die alten Vorstellungen vom Schicksal der Seelen Verstorbener, ihrem Aufenthalt in der Unterwelt und ihrer Wiedergeburt. Bei der kurzweiligen Lektüre der Geistergeschichten erfährt man viel über den Volksglauben im alten China, von dem manche Elemente bis heute – etwa in Bestattungsritualen und der Ahnenverehrung – eine Rolle spielen. (Klappentext)

Rezension:
Geistergeschichten sind vorwiegend gruselig und düster, zumindest nach westlicher Erzähltration. In anderen Kulturkreisen sind sie durchaus breiter gefächert. Zwar verschmelzen auch in chinesischen Geschichten Ober- und Unterwelt miteinander, doch eröffnet sich in deren Texten eine ganz andere Bandbreite, von heiter bis hin zu pikant. Die Historiker und Germanisten Min Wang und Franz König haben zusammen mit dem Märchenexperten und Psychologen Felix Winter solche herausgesucht, die zusammen die Fülle chinesischer Erzählkunst aufzeigen und im vorliegenden Werk versammelt.

Immer wieder kehren in den kurzweiligen und kompakten Texten Themen wie das Verschmelzen von Ober- und Unterwelt auf, die Seelenwanderung und Wiedergeburt, an denen sich die Figuren reiben, vor allem wenn sich Geisterwesen und Menschen begegnen. Dann kommen die Geschichten, die allesamt ruhig und behutsam formuliert wirken, ins Rollen. Thematisch gleichen die ersten Texte unseren Fabeln, während im Verlauf diese immer chinesischer wirken. Fußnoten erklären dabei historische Zusammenhänge. Chinesische Kalligraphien runden die Gestaltung der Geschichtensammlung ab. Kulturelle Hintergründe werden am Schluss erläutert, den man vorziehen sollte, so man mit dieser Art von Erzählungen aus dem geografischen Raum noch nicht vertraut ist.

Und dann bleibt nur noch, die Geschichten auf sich wirken zu lassen und in Gedanken zu vergleichen. Wie wirken der Tod und seine Handlanger im Vergleich etwa zu den Äquivalenten der griechischen Mythologie oder in unseren Märchen? Welches Schicksal erwartet die Figuren, wenn sie die roten Linien ihrer Welten übertreten. Wie gehen die großen chinesischen Erzählenden mit Themen wie Tod und Trauer um, mit Liebe oder Sehnsucht?

Vergleichsweise ruhig, kaum einmal rasant erzielen die Texte ihre Wirkung mit nur wenigen Worten. Trotzdem sind sie so ausformuliert, dass man sich das alles vor dem inneren Auge vorstellen kann, wenn Orte sehr plastisch beschrieben werden, aber auch weil die verhandelten Themen universal sind. Alle werden in dieser Sammlung einen oder mehrere Erzählungen finden, zu denen sie Zugang haben werden, die fabelartigen Geschichten gar für jüngere Lesende geeignet, aber eben auch solche entdecken, die in die Erwachsenenwelt hineingreifen. Das macht unglaublich Spaß, vor allem, wenn man mit dieser Art von Erzählungen aus dieser Region noch nicht in Berührung gekommen ist.

Schon alleine, um den Horizont über den Tellerrand hinaus zu erweitern, ist es wert sich die chinesischen Geistergeschichten vorzunehmen, von denen die titelgebende „Die schöne Füchsin“ eine davon ist. Die ruhigen Formulierungen, das mystische wird dabei im Gedächtnis bleiben, gerade im Kontrast zu bereits bekannten. Das gilt ebenso in der Gegenüberstellung der Texte aus diesem Buch zueinander, die man hintereinanderweg lesen oder immer wieder einmal zur Hand nehmen kann. Vielleicht wirken sie dann sogar noch mehr.

Autoren:
Min Wang ist Germanist und emeritierter Professort der Nanking Universität.

Franz König ist Germanist und Historiker.

Felix Winter ist Psychologe, Erziehungswissenschaftler und Märchenexperte.

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Sasha Filipenko: Der Schatten einer offenen Tür

Inhalt:
Die gottverlassene Provinzstadt Ostrog wird von einer Suizidserie von Jugendlichen im Waisenhaus erschüttert. Kommissar Alexander Koslow aus Moskau soll die Ermittlungen in die Hand nehmen, doch die örtliche Polizei hat ihre eigenen Theorien. Als Petja, ein Sonderling mit einem Herzen für die Natur, verhaftet wird, glaubt Koslow nicht an dessen Schuld. Aber warum geriet Pietja damals derart außer sich, als der Bürgermeister von Ostrog den Heimkindern einen Griechenland-Urlaub spendieren wollte? Ein philosophischer Kriminalroman aus Russland, inspiriert von einer wahren Geschichte. (Klappentext)

Rezension:
Wenn Sasha Filipenko schreibt, werden große Themen aufgemacht und so erzählt er unter der Schicht einer spannenden Ermittlergeschichte in „Der Schatten einer offenen Tür“ von Korruption und Willkür, sowie der Perspektivlosigkeit der russischen Provinz, die brutal auf das Leben der Menschen dort einwirkt. Der Roman, der von der Struktur einem schwermütigen Choral gleicht, lässt sich dabei erstaunlich leichtgängig lesen, nur um einem dann mit der Vielschichtigkeit seiner Protagonisten zu konfrontieren.

Eine Suizidserie erschreckt die russische Provinzstadt, in der es wenig gibt, um die Tristesse zu überdecken. Vor allem für die Heimkinder dort scheint es keine Zukunft zu geben, doch zieht der dicht aufeinanderfolgende Freitod der Jugendlichen die Aufmerksamkeit der Medien des Landes auf sich, so weit, dass sich Moskau zum Eingreifen gezwungen sieht.

Der Ermittler Alexander Koslow wird nach Ostrog geschickt, um mit seinem Assistenten die hießige Polizei zu unterstützen, was dort nicht auf Gegenliebe stößt, denn er war schon einmal dort. Koslow weiß, wer dabei ist, Staub aufzuwirbeln wird nicht gerne gesehen, zudem auch er mit privaten Problemen zu kämpfen hat, die seinen Spürsinn zu unterminieren drohen.

So viel zum rasant geschriebenen Roman, der wieder einmal typisch für Filipenko einen ganz eigenen Erzählstil aufweist. Aus der Sicht von Koslow erschließen wir uns das Örtchen und ihre Bewohner, ein Spiegel der untersten Schichten der russischen Gesellschaft, die bereits von Geburt an für das Leben gezeichnet ist. Die Darstellung des Kontrastes gelingt dabei alleine durch die Darstellung des Ermittelnden aus der glänzenden Metropole, der jedoch selbst nicht ganz unkompliziert ist, andererseits die der Figuren, die das Städtchen bevölkern. Alle hier, so wird schnell klar, haben ihr Päckchen zu tragen. Diese Zeichnung gelingt dem Autor mit wenig Worten.

Erzählt wird die Geschichte, die einen Handlungszeitraum von nur wenigen Tagen in einer dichten Abfolge kompakter Kapitel. Nicht einmal die Hauptfigur selbst gelingt es dabei über die gesamte Strecke alle Sympathien auf sich zu vereinen. Bis zum Ende spielt der Autor mit allen Schattierungen. Der Protagonist ist wehleidig, versingt in Selbstmitleid. Charaktereigenschaften, die einer durchgehenden und gezielten Ermittlung abträglich sind. Gut gezeichnet ist die sensationsheischende Journalie, die abwartend in der Bar der Stadt, offenbar die einzige Attraktion der Stadt, Langeweile in Wodka ertränkt.

Neben Koslow ist vor allem die Darstellung von Petja hervorzuheben, der von Geburt an rein von seinen Charakterzügen aneckt und auch als Erwachsener sich nicht in ein System pressen lässt. Wie geht eine autoritäre Gesellschaft, wie die russische, mit solchen Menschen um, eine der Fragen, deren brutale Beantwortung Filipenko nicht lange schuldig bleibt. Später verbinden sich diese beiden Handlungsstränge, vor einer trostlosen Kulisse, die beinahe filmisch beschrieben wird. Dieses Zusammenspiel ist eine Stärke Filipenkos, wegen der man diese Geschichte gerne lesen wird.

Allerdings darf man dabei nicht von vornherein in melancholischer Stimmung sein. Die bekommt man Zeile für Zeile serviert, allerdings ohne, dass es ins kitischige Fahrwasser gerät. Wenn man von einer oder zwei Szenen absieht. Der Perspektivwechsel zwischen Koslow und Petja tut der Erzählung dabei gut. Unterbrochen durch Protokolle, mit deren Hilfe die Ermittelnden versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen. Einige Punkte bleiben dabei offen, müssen die Lesenden selbst denken.

Wer halb offene Enden mag, wird damit auch zufrieden aus der Gesichte hinausgehen, zudem gewisse Themen auch nur teilweise angedeutet werden. Diesen Stil muss man mögen. Filipenko beherrscht jedoch die Balance, von dem, was unerwähnt bleiben kann, was ausgesprochen werden muss. Kein Wort ist hier zu viel oder zu wenig. In seinem Roman erzählt der Autor von Willkür und Korruption, Gewalt seelischer und physischer Natur und einen Aspekt der russischen Gesellschaft, der traumatisiert. Diese Mischung macht den Roman zu etwas sehr Besonderen.

Erwähnen muss man auch unbedingt die Übersetzungskunst Ruth Altenhofers, die hier sicher ihren Gutteil dazu beigetragen hat.

Der in vierunzwanzig „Gesängen“ erzählte Roman zeigt wieder einmal, dass Filipenko unabhängig von der gewählten Tonalität ein großartiger Erzähler ist, der das Niveau seiner Geschichten halten kann. Nicht nur deshalb ist „Der Schatten einer offenen Tür“ lesenswert.

Autor:
Sasha Filipenko wurde 1984 in Minsk geboren und ist ein weißrussischer Schriftsteller der auf Russisch schreibt. Er wurde in über 15 Sprachen übersetzt und studierte nach der Schule zunächst an der Europäischen Humanistischen Universität Minsk und ging anschließend 2004 nach St. Petersburg. Dort schloss er das Studium der Literatur ab und arbeitete für verschiednee unabhängige russische Fernsehsender.

In Belarus ist sein Werk teilweise verboten, zudem er in Opposition zum herrschenden Machtapperat um Lukaschenka steht, sich mit den in seinem Geburtsland stattfindenden Protesten 2020-2021 solidarisierte. Mit seiner Familie lebt er inzwischen im Schweizer Exil. Filipenko schreibt seine Texte weiterhin auf Russisch.

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Sabine Lehmbeck: Benefiz

Inhalt:
Acht Frauen, acht Lebenswege, die miteinander verknüpft sind.

Jede hat ihre Träume, ihre Herkunft, ihre Ängste, Abhängigkeiten und Glücksmomente. Und ihre eigenen Umstände. Was können wir selbst ändern, was nicht? Und was lässt sich zusammen am besten meistern?

Ein Plädoyer für die Kraft der Solidarität und das Ausleben von Leidenschaften.
(Klappentext)

Rezension:
Auf leisen Sohlen kommt „Benefiz“ daher, ein Roman in unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlicher Frauen, die alle miteinander verbunden sind und entfaltet mit wenigen Seiten eine unglaubliche Kraft. Dabei ist der Autorin ein vielseitiger Spiegel unserer Gesellschaft und der Themen gelungen, die dort verhandelt werden. In dieser Erzählung werden die Fäden zwischen ihnen gesponnen, die zeigen, dass unsere Stärken im Zusammenhalt und der Gemeinschaft liegen.

Aber vor allem ist der Roman zunächst einer über Frauen unterschiedlicher Generationen, Herkünften und Schichten, deren Leben im quirligen Hamburg und Umgebung zunächst uns Lesenden die Figuren offenbart. Jedes der kompakt gehaltenen Kapitel erzählt aus der Perspektive einer der Protagonistinnen, welche auf das Jahresende und einer von einigen derer mit organisierten Benefizveranstaltung zusteuert, zu Gunsten iranischer Frauen.

So schafft es die Autorin nicht nur eine Erzählung von gesellschaftlicher, Brisanz als auch von Debatten zu erzählen, wie sie glaubwürdig in jedweden Haushalt so ganz nebenbei täglich miteinander verhandelt werden. Ohne den Blick auf die Protagonistinnen zu verlieren, gelingt dies. Sabine Lehmbeck hat mit jedem Kapitel ein Puzzleteil mehr geschaffen, welches nach und nach ein ganzes Bild ergibt. Die Sichtweisen aufeinander ergänzen sich gut. Keine der Figuren ist perfekt, sie haben alle ihre Schwächen und Fehler und ergänzen sich dabei zusammen hervorragend.

Gegensätze werden praktisch im Nebensatz erzählt und erzeugen sowohl Spannungsfelder als auch Dynamiken. Durch die kompakt gehaltenen und doch überschaubaren Figurentableau gelingt es hier, beim Lesen den Überblick zu behalten. Man fühlt mit den Figuren, kann nachempfinden und versteht deren Handlungsweise. Etwas, was bei manch umfangreichen Roman viel weniger gelingt.

Wenn man etwas kritisieren wollte, ist es ausgerechnet das. Gerne würde man an mancher Stelle in der Erzählung noch länger verweilen, noch mehr erfahren über den weiteren Verlauf, der Vorgeschichte. Alles wird hier ohne Effekthascherei, Melancholie erzählt. Das wahre Leben eben, ohne Langeweile. Der Persketivwechsel bringt die Dynamik, wobei es der Autorin durchweg gelungen ist, den roten Faden in der Hand zu behalten und Handlungsstränge gekonnt zusammenzuführen. Auch kann man sich gut in die Umgebung der Figuren hineinfühlen, auch wenn für deren Beschreibungen ebenfalls kein Wort zu viel verloren wird.

Frauenrechte, Selbstbestimmung, Emanzipation, Veränderungen und Akzeptanz sind das Gerüst dieser Erzählung ohne Voyeurismus und ohne Wertung. Die Autorin, so scheint es, bringt zur Sprache, was ihr wichtig ist, ohne den Zeigefinger zu erheben und regt zum Nachdenken an. Das schafft der Roman durchaus, andererseits kann man ihn jedoch auch lesen, um gut unterhalten zu werden, ohne sich zu überladen. Das bekommt mit „Benefiz“, wer sich darauf einlässt.

An manchen Stellen zu kurz, da man gerne den einen oder anderen Blick mehr in das Leben der Protagonistinnen haben möchte, an vielen jedoch genau von der richtigen Länge ist diese Erzählung, in der die Männer nur eine kleine Nebenrolle spielen. Und tut sich dabei sehr gut. Das ist doch ganz schön.

Autorin:
Sabine Lehmbeck wurde 1969 geboren und ist eine deutsche Buchhändlerin und Autorin. In der Umgebung von Hamburg lebt sie und beschäftigt sich mit Frauenthemen und dem Wohlstandsgefälle in unserer Gesellschaft. Sie betreibt ein Antiquariat und hat 2022 ihren ersten Roman veröffentlicht. „Benefiz“ ist ihre zweite Erzählung.

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Mattia Insolia: Brennende Himmel

Inhalt:
Sommer 2000 – Teresa macht mit ihren Eltern Ferien in Camporotondo. Sie hat Träume, ist neugierig und gleichzeitig verunsichert von der Welt um sie herum. Während des Urlaubs in Sizilien lernt sie den schönen und verwegenen Riccardo kennen. Eine verhängnisvolle Begegnung.
Winter 2019 – Niccolo ist Teenager, er trinkt und kokst, gibt sich unnahbar und handelt rücksichtslos. Als sein Vater Riccardo ihn zu einem gemeinsamen Roadtrip überredet, wird Niccolo mit der Vergangenheit seiner Eltern konfrontiert.
Mattia Insolia erzählt von Jugendlichen, die alles daran setzen, nicht den vorgegebenen Lebenswegen zu folgen. Und er beschreibt, wie sich Eltern schuldig machen – durchaus mit Empathie, aber sie niemals aus ihrer Schuld entlassend. (Klappentext)

Rezension:
Wild und roh ist die Erzählung eines Roadtrips, der in die Vergangenheit führt, kantig und beinahe unangenehm, wie Sonne auf der Haut. In seinem Roman „Brennende Himmel“ bündelt der italienische Autor Mattia Insolia diese Strahlen zweier Erzählstränge und zeigt Protagonisten, die ihrem Erbe entfliehen wollen, aber erkennen müssen, dass das Unterfangen aussichtlos ist.

Der kompakt gehaltene Roman liest sich schwergängig. Wechselnd zwischen den Zeitebenen erzählt er parallel die Geschichte von Jugendlichen, die aufs Verhängnisvolle miteinander verbunden sein werden und keine Gelegenheit auslassen, einander wehzutun. Weil sie nichts anderes können. Die Handlung spielt zwei Sommer lang, zwanzig Jahre voneiander entfernt. In diesen erleben die Protagonisten alles. In Zeiten, die entlos scheinen und Weichen stellen.

Dabei geben sich die Figuren fast die gesamte Handlung über unnahbar, kalt. Keine der Figuren hat, vor allem im Zusammenspiel der Perspektiven, wenn sich die Zeitebenen miteinander verbinden, wirkliche Sympathien auf ihre Seite. Es ist, als wollte Mattia Insolia zeigen, dass sich gerade die unangenehmen Eigenschaften über Generationen weiter vererben. Zeichen, die man nicht los wird, und die, lernt man damit nicht umzugehen, alles Schlimme zum Vorschein bringen.

Der Fokus der Erzählung liegt auf drei Protagonisten. Teresa, von der psychischen und zu weilen körperlichen Gewalt ihrer Mutter bestimmt, die versucht aus dem engen Korsett ihres Elternhauses auszubrechen, jedoch nicht weiß, wie und damit so tollpatschig und einfältig wirkt, dass dies unerträglich ist zu lesen, deren Leid und Frust sie später auf ihren Sohn übertragen wird.

Riccardo, der die schlimmsten Eigenschaften männlichen Gehabes auf sich zu vereinen scheint und Niccolo, dessen Egal-Mentalität sich ebenso widerlich anfühlt, aber aus der Geschichte heraus zumindest erklärlich scheint. Andere Figuren kommen allerhöchstens mal im Nebensatz, in ganz wenigen Momenten als Projektionsfläche von Wut vor, die sich kanalisieren muss, bleiben dabei blass. Sie sind ja auch sonst für die Handlung unbedeutend.

Die Figuren handeln nachvollziehbar, jedoch keineswegs so, dass man mit ihnen mitfühlen könnte. Kälte, Unnahbarkeit sind noch die klarsten Eigenschaften, die man dieser dysfunktionalen Familie zuschreiben könnte, ansonsten ließt man den Roman ständig mit geballter Faust, die man sich gegen die Stirn schlagen möchte. Wenigstens der Perspektivwechsel bringt dabei Abwechslung, so dass sich die Wut und das Unverständnis wenigstens immer wieder verlagern können. Ein nicht zu unterschätzender Handlungstreiber für diese Erzählung. Ein Roman über eine Familie im Scherbenhaufen, den zusammensetzen niemanden mehr möglich ist.

Mattia Insolia hat es dennoch geschaft, ohne Lücken oder unerklärliche Wendungen zu erzählen. Tatsächlich handeln die Figuren im Sonne der Geschichte und ihrer Charaktere logisch, wenn auch die große Überraschung ausbleibt. Je nach Stimmung könnte man dabei das Ende als folgerichtig oder kitschig empfinden. Am stärksten wirken die Beschreibungen innerer Gefühlswelten, die sich durch den gesamten Text ziehen, auch die Schilderung des italienischen Ferienortes lassen sicherlich beim Lesen die eine oder andere Erinnerung aufkommen. Das wird alles fast filmisch beschrieben, jedoch reicht die Qualität nur für eine Vorabendserie mit ganz viel Drama.

Positive Momente gibt es in dieser Erzählung kaum. Wenn vorhanden, werden sie in der nächsten Zeile wieder negiert. Der Autor hat hier keinen Feel-Good-Roman geschrieben. Wer diesen sucht, ist mit „Brennende Himmel“ schlecht bedient. Ausweg- und Perspektivlosigkeit ziehen sich dagegen durch den gesamten Text. Darauf muss man sich einlassen können, um die Handlung, die sich in zwei Erzählsträngen gegenseitig ergänzt, zu ertragen.

Wer das nicht kann oder im falschen Moment tut, gerät mit dem Roman auf die falsche Spur.

Autor:
Mattia Insolia wurde 1995 in Catania geboren und ist ein italienischer Schriftseller. Er studierte Literatur und Verlagswesen in Rom und schreibt für verschiedene Magazine und Zeitschriften Literatur- und Filmkritiken. „Brennende Himmel“ ist sein zweiter Roman.

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Matias Riikonen: Matara

Inhalt:
Ein Buch, das uns Lesende in die Kindheit zurückführt und nachempfinden lässt, wie groß und unendlich wichtig alles war. Denn Matara ist ein Staat – geboren aus kindlicher Imagination. Es ist die Geschichte von Jungen, die im finnischen Wald einen Staat mit Grenzen, Gesetzen und einer Armee entstehen lassen. Sie patrouillieren, tragen Schwerter, führen Krieg und haben Gesetze. Das Wichtigste besagt: Es ist verboten, von dem zu sprechen, was außerhalb von Matara passiert. (Klappentext)

Rezension:
Wenn man den „Krieg der Knöpfe“ mit „Herr der Fliegen“ vermengt und eine Prise „Peter Pan“ hinzufügt, erhält man im Finnischen „Matara“. Dies ist ein Land, geboren aus der kindlichen Phantasie einer Herrscharr von Jungen, die in den nordischen Wäldern ihre Sommerferien verbringen. Beaufsichtigt von den Erwachsenen werden sie nur in der eigentlichen Einrichtung, doch bleibt diese außen vor, sobald die Kinder und Jugendlichen ihre Fahrräder abstellen und das Tor hinter sich schließen. Der Autor Matias Riikonen erzählt in seinem Übersetzungsdebüt von Kämpfen und Ränkespielen, Ritualen in Matara, in dem Phantasie und Wirklichkeit miteinander verschwimmen.

Diese Erzählung schwebt geradezu förmlich zwischen Jugendroman und Erwachsenenliteratur. In ausschweifenden Naturbeschreibungen eingebettet, begleiten wir die Protagonisten im Alter zwischen neun und fünfzehn Jahren, die in ihrer Gedankenwelt einen Staat nach altem römischen Vorbild haben entstehen lassen, dessen Geschehnisse für wenige Wochen alles überlagert. Langsam werden wir in diese Szenarie eingeführt, in der wir jeden Windhauch spüren werden, jeden Ast unter unseren Füßen. Das Erzähltempo steigert sich dabei allmählich von Kapitel zu Kapitel. Atemlos steuert man in „Matara“ auf ein großes Finale zu, welches alles verändern wird.

Vor allem die Sicht zweier Brüder, die anders als die anderen Figuren unbenannt bleiben, ist es, durch die wir die Geschehnisse verfolgen. Ihnen folgen wir durch das Gestrüpp und machen uns von ihrer Umgebung ein Bild. Anfangs ist nicht klar, was genau Phantasie ist und wo die Wirklichkeit beginnt. Doch die zwei Hauptprotagonisten nehmen schnell Formen an. Auch ihre Sicht auf die Dinge wird schnell nachvollziehbar. Zeile für Zeile wird das Gefüge klarer, auch die Feindbilder der Jungen, andere „Stämme“. Ob aus der gleichen Einrichtung stammend, bleibt im Unklaren. Nicht alles wird hier erläutert. So scheint es sich mit „Matara“ um ein reines Jungen-Camp zu handeln. Mädchen existieren in dieser Welt nur im übertragenen Sinne.

Feindbilder indes sind schnell klar, sowie auch die Charaktere, denen sich die Jungen zu eigen machen. Dieses komplexe Gebilde trägt die Geschichte, in der stets eine unterschwellige Spannung mitschwingt. Diese Gegensätze entfachen eine gute Dynamik, derer man gerne folgt. Auch gibt es keine Lücken oder Wendungen, die Unklarheiten offen lassen. Die Brutalität eines „Herr der Fliegen“ wird dadurch abgemildert, dass die Kinder auch beim brutalen Spiel mit den Holzschwertern am Ende noch zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden können. Wer besiegt ist, nimmt sich aus dem selbigen. Wie, ist faszinierend nachzuspüren.

Der Autor weiß an den richtigen Stellen Akzente zu setzen, ausführliche Beschreibungen wechseln mit Zeilen ab, in denen man lesend sich seinen eigenen Gedanken überlassen wird. Auch das zunächst unmerklich, dann immer schneller steigenede Erzähltempo tut dazu sein Übriges. Förmlich wird man in diese Welt eingesogen, kann sich das allesamt vorstellen. Auch jeden Mückenstich.

Wer die Mitte sucht zwischen „Herr der Fliegen“ und „Krieg der Köpfe“ wird sie in „Matara“ finden, nach meinem Empfinden insgesamt aber flüssiger lesbar. Die darin beschriebene Welt zeigt all das, was mit Verwachsen der kindlichen Phantasie verloren geht. Große Abenteuer, aber auch die Brutalität des Erwachsenwerdens. Versammelt auf so wenigen Seiten, ist Matias Riikonen hiermit ein Meisterstück gelungen.

Autor:
Matias Riikonen wurde 1989 geboren und ist ein finnischer Schriftsteller. Er hat in Helsinki Literatur studiert und wurde für sein Debütroman 2012 mit den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis ausgezeichnet. „Matara“ ist sein erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde.

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Die Frankfurter Buchmesse 2025

Auch in diesem Jahr stand ein Besuch der Frankfurter Buchmesse lange Zeit auf der Kippe, einfach aufgrund der Hotelkapazitäten einerseits, anderseits natürlich wegen der Kosten. Was nah am Messegelände dran ist oder auch nur in der Innenstadt sich befindet, kann man kaum bezahlen. Zu weit außerhalb möchte man aber auch nicht wohnen, zumal in einer Gegend, die man nicht kennt oder die vor allem abends nur schwer zu erreichen ist. Letztlich hatte ich aber eine Unterkunft gefunden und so hieß es auch in diesem Jahr wenigstens drei Tage Buchmesse in Frankfurt. Das Wochenende habe ich mir, alleine aus Kostengründen gespart.

Der Haupteingang der Frankfurter Buchmesse. (Quelle: Privatarchiv)

Mit der Deutschen Bahn ging es am Tag vor Messebeginn los und mit ein wenig Verspätung habe ich dann Frankfurt erreichen und in mein Hotel einchecken können. Das war eine größere Herausforderung, als die Bahnfahrt selbst, wenn man zig Türcodes braucht, um ins Innere der Unterkunft und seines Zimmers zu gelangen und das alles zu Beginn nicht so recht klappen möchte. Aber irgendwie hat es dann doch funktioniert. Nach einem kurzen Einkauf, ging es dann mit Freunden in die Innenstadt, um dort ein klein wenig zu essen und die Filmpremiere von „Stiller“ mitzuerleben, der Verfilmung des Romans von Max Frisch, unter der Regie von Stefan Haupt, der anschließend uns Zuschauenden für Fragen und ein Gespräch zur Verfügung stand. Wer Arthouse-Kino mag, wird dem Film sicher etwas abgewinnen können. Ich musste leider meinen Nacken nach diesem Abend wieder einrenken. in Kinosälen in der ersten Reihe zu sitzen, ist nie gut.

Der nächste Tag war dann auch gleich der erste auf dem Messegelände. Das habe ich ziemlich früh begonnen, um einige Fotos von leeren Gängen und unberührten Messeständen zu schießen. Die Atmosphäre, direkt vor einer solchen Messe, ist einfach schön. Natürlich ebenso, wenn sich die Hallen füllen und Leben dort hineinkommt. Das habe ich im Pavillon des Gastlandes erlebt. In diesem Jahr durften sich dort die Philippinen präsentieren, die mit zahlreichen Werken aufwarten konnten, die jetzt im Rahmen der Buchmesse auch vielfach übersetzt erscheinen. Vom Roman über Sachbuch, bis hin zur Graphic Novel ist da für jeden etwas dabei. Das Gastland hat sich mit viel Freundlichkeit, einigen Leseinseln und zwischendurch auch musikalischen Darbietungen präsentiert. Gelungener, als dies mit Italien im letzten Jahr der Fall gewesen ist.

Hauptsächlich in den Hallen 3.0 und 3.1 präsentierten sich die deutschsprachigen Verlage, die ich gleich zu Beginn abgegangen bin. Die Halle 1.2, in der sich New Adult und Romance präsentiert haben, habe ich aufgrund meines Lesegeschmacks und der zu erwarteten Menschenmengen, die am Wochenende noch einmal mehr sein würden, außer Acht gelassen. Alles für mich relevante spielte sich ohnehin in den beiden erstgenannten Hallen ab. Dort waren die großen Verlagsstände, zumindest meinem Gefühl nach, etwas besser verteilt, so dass sich dort punktuell alles Menschenmögliche konzentriert hat, man aber überall sonst gut durchgehen konnte. Ob das Konzept am Wochenende so auch aufgeht, ist eine andere Frage. Zu hoffen, wäre es. Gut war auch in diesem Jahr, dass es wieder eine extra Halle für das Signieren von Büchern gab. Auch das dürfte vor allem den Besuchenden am Wochenende zuträglich sein.

Nach einem Rundgang und ersten Begegnungen an Verlagsständen, ging es zu Kaleb Erdmann, der am Stand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinen Roman „Die Ausweichschule“ präsentiert hat, danach konnte ich auf der Leseinsel der Unabhängigen Verlage der Kurt-Wolff-Stiftung die Präsentation des Kinderbuchs „Ich war Eva Diamant“ lauschen, welches von der Illustratorin und der Verlegerin präsentiert wurde. Die Autorin Eva Szepesi konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht mit dabei sein, aber der Ariella Verlag und die Illustratorin Stephanie Lunkewitz haben dies ganz toll gemacht. im Anschluss wurde bei RandomHouse das Sachbuch „Der Nahost-Komplex„, von Natalie Amiri vorgestellt und bei dtv habe ich per Zufall Ivar Leon Menger getroffen, der mir seinen neuen Thriller „Der Tower“ signiert hat.

Der erste Tag endete dann mit der Vorstellung des Sachbuchs „Der stille Krieg„, von Reinhard Bingener und Markus Wehner, sowie mit einem Bloggertreffen bei Wagenbach, dem Verlag für wildes Lesen, der Ausschnitte aus seinem kommenden Programm vorgestellt hat, sowie die Autorin Annekathrin Kohout ihr Sachbuch „Hyperaktiv“ über die Sozialen Medien und was diese mit uns machen.

Tag 2 gab für mich das Motto der gesamten Messe. Für mich waren es Tage der Begegnungen. Dabei fing dieser eine mit einer ganz normalen Lesung an, von Gabriel Zuchtriegel, der in einem Gespräch sein Sachbuch „Pompejis letzter Sommer“ vorgestellt hat. Anschließend habe ich weitere Lesungen geplant, doch bin dann am Stand vom Mirabilis-Verlag hängengeblieben, wo sich nach und nach eine lockere Runde an Büchermenschen und auch sonst gebildet hatte. Die Autorin Martina Berscheid war dort, ebenfalls Achim Kinter, Florian L. Arnold, der selbst seinen nebenan platzierten Verlagsstand der Edition Hibana betreute, sowie die Künstlerin Martina Altschäfer (und viele andere, die ich hier vergessen habe). Auch eine Redakteurin vom SWR hat sich dazu gesellt, die sich Inspiration für eine Sendung holen wollte. Mit vielen Anregungen und Ideen für neue Projekte war dieser Austausch schon da eines der Highlights der diesjährigen Messe.

Zum ersten Mal habe ich die, wohl obligatorischen, Messecrepes probiert, nachdem ich Ulli Lust über ihre mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 prämierte Graphic Novel „Die Frau als Mensch“ sprechen gehört habe, sowie Denis Scheck in einer Messeausgabe seiner Literatur-Sendung „Druckfrisch„, in der er einem Überblick über die seines erachtens derzeit lesenswerten Bücher gab. Ob das immer so hinhaut, lassen wir einmal dahingestellt sein. Für mich war ohnehin das nächste Gespräch am FAZ-Stand wichtiger, als der Historiker Götz Aly sein Werk „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945“ vorgestellt hat. Ich konnte dieses mir im Anschluss signieren lassen. Auch habe ich am gleichen Tag die Autorin Isabel Bogdan und Laura De Weck getroffen, die in diesem Jahr die Jury-Vorsitzende für den Deutschen Buchpreis gewesen war.

Bei Tessloff konnte man am irgendwie obligatorischen Messe-Dino vorbeigehen, bevor es dann in direkter Nachbarschaft zu Dorling Kindersley (DK-Verlag) ging, welcher mich bisher eigentlich immer mit seinen großformatigen und toll illustrierten Sachbüchern und Bild-Lexika begeistern konnte. Dort gab es ein Blogger-Treffen und einen festlich geschmückten Weihnachtsbaum, unter den schön arrangiert die tollen Werke des Verlags lagen. Diesmal habe ich kein Buch mitgenommen. Diese Werke haben Gewicht, welches man sonst die gesamte Zeit über mit sich herumschleppen müsste. Am Ende des Abends oder der Nacht sollte ich für diese Entscheidung noch dankbar sein.

Der Tag endete mit einem Treffen unter dem Motto #bookmeetspizza, welches wieder von zahlreichen unabhängigen Indie-Verlagen des Netzwerks –Schöne Bücher– im Haus des Buches organisiert wurde. Ich war bei dieser Art von Begegnung zum zweiten Mal dabei und habe wieder einige Klein-Verlage kennenlernen dürfen, die mir so vorher noch nicht begegnet waren. Der Abend wurde dann auch lang und zog sich bis in die Nacht hinein, so dass einige von uns (auch ich) tüchtig Schwierigkeiten hatten, in ihre Unterkunft zu kommen. Es fuhr dann nämlich nichts mehr oder nur noch sehr wenig. S-Bahnen und U-Bahnen fielen aus, was zur Folge hatte, dass z. B. ich erst etwa halb zwei Uhr morgens in meiner Unterkunft ins Bett fallen konnte.

Mit entsprechend wenig Schlaf und etwas derangiert, was stark untertrieben ist, ging es am nächsten Morgen auf zum letzten Messetag. Am Freitag standen nur wenige Termine an, zum einem stellte Rowohlt sein kommendes Programm vor und Anna Prizkau („Frauen im Sanatorium„), sowie Kelly Mullen („Die Einladung„) ihre neuesten Werke, zum anderen gab es eine Art Werksgespräch über das Davor und Danach von „Für Polina“ mit Takis Würger bei Diogenes, die ebenfalls im Anschluss ihr anstehendes Programm vorstellten. Auch bei C.H. Beck habe ich mich über das kommende Programm ausgetauscht, sowie mich beim Topp Frech Verlag kurz vorstellen dürfen.

Und danach? Danach war für mich die Messezeit zu Ende, die ich mit vielen Eindrücken, tollen Begegnungen und zahlreichen Ideen verlassen konnte. Schwer bepackt ebenso, versteht sich von selbst. Ohne Bücher von solch einer Messe runter, geht ja auch nicht. Die Messe selbst fand ich insgesamt besser organisiert als in den vorherigen Jahren, wobei man die Messe-App einmal knicken kann, die teilweise nicht funktioniert und Dinge falsch und fehlerhaft angezeigt hat. Aber es war, trotz der Öffnung für Besuchende bereits am frühen Freitag, ein Durchkommen möglich (wie gesagt, die Halle New Adult und Romance kann ich nicht beurteilen, da mag es eventuell anders ausgesehen haben). Einzelne Engstellen konnte man durchaus umgehen. Einen Gang weiter sieht die Welt, auch auf der Messe, durchaus anders aus.

Am Samstag ging es dann für mich zurück in die Heimat. Mit der Bahn, die schon vor der Anreise die Zugbindung für die Rückfahrt aufgehoben hatte, aufgrund eines Schienenersatzverkehrs der zuerst zu nutzenden S-Bahn. So konnte ich auch einen ICE früher nehmen und war drei Stunden eher zu Hause als geplant. Einen Großteil des Mich-Sortierens und Auspackens konnte ich daher schon am Samstag übernehmen. Und jetzt? Jetzt folgt wohl der Messe-Blues.

Fotos stammen aus dem Privatarchiv.

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