
Inhalt:
Der junge Alexandre Romani ersticht im Hafen einer korsischen Küstenstadt inmitten einer bunten Menge feierlustiger Touristen Alban Genevey, einen Pariser Studenten, den er von Kindesbeinen an kennt, da seine Eltern auf der Insel ein Haus am Meer besitzen.
Der Erzähler, aufgrund einer tragischen Liaison mit dem Täter verwandt, blickt von der Mordnacht zurück auf die Lebenswege der Protagonisten und zeichnet das Porträt einer Gesellschaft nach, in der der Massentourismus und Geistlosigkeit ungute Voraussetzungen für ein gelingendes Leben sind.
Tragikomisch erzählt Jerome Ferrari „vom Einheimischen und vom Reisenden“, wie der Roman ironisch bekennt, und spürt dabei in seiner bekannt kraftvollen, poetischen und nun auch bissig ironischen Sprache der Entstehung von Gewalt nach. Meisterhaft dringt er bis in die verborgenen Winkel der menschlichen Seele vor, wo die Enttäuschung, niemand anderer als man selbst zu sein, unser Handeln bestimmt. (Inhalt lt. Verlag)
Rezension:
Am Ende bleibt der Blick hängen am Unverrückbaren, am Trümmerhaufen, der einst Familie war, von den man sich aber auch nicht so recht lösen kann und vielleicht ist dies ja die Essenz des Romans, der vom Wandel erzählt. Einer Familie, mehrerer Leben und der Gesellschaft, in der sie alle existieren. Leicht ist das alles nicht, schon gar nicht zu lesen. Der Roman „Nord Sentinelle“ des französischen Schriftstellers Jerome Ferrari jedenfalls lässt einem mit gemischten Gefühlen zurück.
Erzählt wird eine Generationengeschichte, ein Wandel über die Jahrzehnte und das auf so kompakter Seitenzahl, mit einem überschaubaren Figurentableau, dass man meinen müsste, dieser Roman wäre leichtgängig zu lesen. Schon aber die ersten Seiten zeigen, genau das ist der nicht. Schwerfällig kommt der Text mit einem quasi philosophischen Überbau daher, den man durchdeklinieren muss, sobald man sich durch überlange schachtelsätze gekämpft hat. Längere als sie in diesem Rezensionstext zu finden sind. Das macht die Geschichte nur schwer zugänglich. Dabei ist die Grundidee zunächst spannend.
Der Autor erzählt von dem Aufkommen des Massentourismus, der das Gesicht der französischen Mittelmeerinsel für immer verändert, aber auch familiäre Gleichgewichte ins Wanken bringt. Gewinn und Scheitern liegen nah beieinander. Der Bruder des Mörders nimmt die Erzählperspektive ein und beschreibt, was einmal folgerichtig sein wird. Der Krimi hier ist eingebettet in die dramatische Küstenlandschaft, die über die Jahre mit Souviniershops und billigen Hotels zugepflastert wird, um von den Besucherströmen zu profitieren, gleichzeitig lernen muss, mit den Folgen umzugehen. Der Erzähler tut dies, zieht seine Schlüsse und sieht, wie der Bruder in den Strudel des Abgrundes rutscht.
Die wenigen Figuren gewinnen so nach und nach an Ecken und Kanten. Herrlich wird die innere Zerrissenheit dieser dargestellt, doch bleiben sie alle merkwürdig distanziert. Nahbar wird keiner der Protagonisten. Entweder lassen die Beschreibungen einem kalt oder die Figuren unsympathisch wirken, wenn sie nicht gleich ganz egal bleiben. Und das ist schade, gerade bei einem Roman, in der Sprache diesen Zugang schaffen könnte. Allein der Autor liebt das Spiiel mit Worten, aber durch die Länge ist das alles so anstrengend zu lesen, dass man Satz für Satz froh ist, diese überstanden zu haben.
Richtige Sympathieträger gibt es nicht, fast jede Figur hat dafür unsympathische Züge, Rückblenden vermischen sich mit der Gegenwart und zeigen direkt die Folgen des Handelns dieser auf. Am ehesten ist noch die bildhafte Beschreibung der Handlungsorte gelungen, die man sich wirklich gut vor Augen führen kann, aber wenn das das einzige Element bleibt und sowohl der Kriminalfall als auch die Geschichte der Familie dahinter zurücksteckt, alles zusammen im Mehltau der Sprachgewalt versinkt, bleibt vom Text nicht mehr viel übrig.
Es gibt da andere französische Literaten, die es einem wesentlich einfacher machen, ihnen zu folgen. Am ehesten wird Zugang zu diesem Roman jener haben, der Sprache und Philosophie über die Handlung, selbst über die Figuren stellt. Wie viele Lesende werden das sein?
Für mich bleiben da Fragen offen. Wie funktioniert der Roman für jene, die ihn im Original lesen können? Da besser oder schlechter? In welcher Stimmung, mit welchen vergleichbaren Werken im Hinterkopf muss man diesen Roman lesen? Oder ist der Roman einfach nur mir zu sperrig?
Autor:
Jerome Ferrari wurde 1968 in Paris geboren und ist ein französischer Schriftsteller, Übersetzer und Philosophielehrer. Er wuchs auf Korsika auf, studierte in Paris Philosophie. Im Anschluss unterrichtete er in Korsika Philosophie, anschließend ging er nach Algier, lehrte später in Abu Dhabi. 2012 gelang ihn der Durchbruch als Schriftsteller. Ferrari wurde mit dem französischen Litteraturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Weitere Werke folgten.
