Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

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