
Inhalt:
Grund und Boden sind existentiell für Ernährung, Wasser, Wohnen, Klimaschutz. Und sie sind endlich. Neues Land wird nicht gemacht. Wie die begrenzten Flächen genutzt werden – für Ackerland, Beweidung, Wind- und Solarkraftwerke, Wohnungen und Gewerbegebiete, für den Naturschutz, die Wiederbelebung der Artenvielfalt – und wer darüber bestimmt: Das sind zentrale Zukunftsfragen. Wie können die Zielkonflikte im Sinne des Gemeinwohls gelöst werden? (Klappentext)
Rezension:
Wie werden wir künftig leben? Diese Frage entscheidet sich im Grunde direkt unter unseren Füßen. Der Boden auf den wir stehen, uns fortbewegen, unsere Städte und unsere Nahrung anbauen, uns mit Energie versorgen oder diesen der Natur überlassen, wurde viel zu lange sträflich behandelt und vernachlässigt. Zu viel Boden ist bereits beschädigt, zu viele widerstreitende Interessen gibt es weltweit, auch in Deutschland um die Nutzung dessen. Wie lassen sich diese Konflikte auflösen. In ihrem gut recherchierten Sachbuch „Der Grund“ gehen die Journalistinnen und Autorinnen Tanja Busse und Christiane Grefe diesen und anderen Fragen nach und zeigen, wie schwierig alleine schon für Deutschland diese Frage zu beantworten ist.
Nucht komplex erscheint die frage jenen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben, wie bestimmte Flächen zu nutzen sind, doch ist die Frage nach der Nutzung des Bodens so elementar wie vielschichtig. Dies zeigt alleine der Blick darauf, wie sich die Sicht auf den Grund unter unseren Füßen im Laufe der Zeit gewandelt hat, doch worum geht es da eigentlich? Tanja Busse und Christiane Grefe haben mit den Experten in Ministerien und Verwaltungen, Initiativen und Landwirten gesprochen und versucht, alle Sichtweisen so einfach verständlich wie möglich für uns Laien darzulegen. Dies vorangeschickt, wird jedoch zunächst der momentane Ist-Zustand erläutert und was Boden überhaupt ist, bevor kapitelweise sich den verschiedenen Themen von landwirtschaftlicher Nutzung bis hin zur städtebaulichen Planung gewidmet wird.
In kompakter Form, untermauert von einer gut recherchierten Quellenlage und zahlreichen Interviews, eröffnet sich die Vielschichtigkeit der Thematik, wobei beide Autorinnen aufzeigen, das noch immer einzelne Bereiche nebeneinander gedacht und gegeneinander ausgespielt werden, anstatt sie zusammen zu denken, um auch zukünftig eine gute Lebensgrundlage zu haben. Denn, wie soll die Wiedervernässung trockengelegter Moore funktionieren, wenn dies gleichzeitig weniger landwirtschaftliche Fläche bedeutet und damit nicht genug Lebensgrundlage für Landwirte mehr vorhanden ist?
Wo soll Naturschutz stattfinden, wo Flächen für Windräder oder Photovoltaikanlagen geopfert werden? Wie werden wir künftig die Entsiegelung der Städte mit immer mehr Menschen in Einklang bringen, die dort Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur beanspruchen, wie den immer höheren Grundstückspreisen und Mieten begegnen, die auch teilweise dadurch entstehen, dass unser Boden längst zur Handelsware geworden ist?
Das ist sehr kleinteilig und für viele von uns sehr abstrakt, gleichwohl jeder von uns wohl Beispiele aus eigener Betrachtung kennt, sei es die neue Umgehungsstraße in der eigenen Region oder das neue Wohngebiet, welches in Kindheitstagen noch Ackerland gewesen ist. Nicht nur deshalb haben Tanja Busse und Christiane Grefe sich vor allem auf Deutschland bei der Erläuterung der Thematik beschränkt und zeigen, wie sich unser Blick langsam wandelt, konkurrierende Themen gemeinsam zu denken, aber auch wo eben die Fallstricke liegen.
Vorsichtig positiv werden immer wieder auch zukunftsorientierte Beispiele für diese Zusammenarbeit etwa von Landwirten und Naturschützern gezeigt oder Stadtinitiativen, die das Leben im Großstadtdschungel neu denken. Nicht ohne aufzuzeigen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, den wir angesichts kommender Herausforderungen eigentlich schneller bewältigen müssten.
Ohne erhobenen Zeigefinger, doch mit viel Sensibilität machen beide Autorinnen eine hoch komplexe Thematik verständlich, die alle von uns angeht. Das liest sich oft genug ein wenig störrisch, zudem es zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder Überschneidungen gibt, die Vielschichtigkeit wird jedoch schnell mehr als deutlich. Wichtig und hochspannend ist es trotz alledem. An der einen oder anderen Stelle wären auch noch mehr Beispiele wünschenswert gewesen. So aber ist zumindest eine Grundlage gelegt.
Autorinnen:
Tanja Busse wurde 1970 in Eversen geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach dem Abitur studierte sie Journalismus an der Universität Dortmund sowie Philosophie in Bochum und Pisa. 1999 promovierte sie über Massenmedien und arbeitete darauf für mehrere deutsche Zeitungen. Zudem schreibt sie Bücher und beschäftigt sich mit Themen wie der Transformation der Landwirtschaft, Ernährung, Biodiversität und Nachhaltigkeit. Zusammen mit Christiane Grefe erhielt sie 2024 für „Der Grund“ die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres.
Christiane Grefe wurde 1957 in Lüdenscheid geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach der Schule studierte sie Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Amerikanistik an der Deutschen Journalistenschule in München. Von 1982 bis 1987 arbeitete sie als freie Autorin, danach war sie als Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit tätig, sowie für die Wochenpost als Reporterin. Nach verschiedenen Stationen arbeitet sie heute wieder als freue Autorin. Zu den schwerpunkten ihrer Arbeit zählen ökologische und soziale Themen, für Ihr Lebenswerk wurde sie 2024 mit dem Umweltmedienpreis ausgezeichnet. Für ihr Buch „Der Grund“ erhielt sie gemeinsam mit Tanja Busse die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres, 2024.
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