Anja Tuckermann: „Denk nicht, wir bleiben hier!“

"Denk nicht, wir bleiben hier!" Book Cover
„Denk nicht, wir bleiben hier!“ Rezensionsexemplar/Sachbuch dtv/Hanser Taschenbuch Seiten: 303 ISBN: 978-3-42362682-8

Inhalt:

Hugo Höllenreiner wächst in München auf; sein Vater betreibt ein kleines Fuhrunternehmen. 1943 wird Hugo mit seinen Eltern und fünf geschwistern deportiert. Er ist erst neun und weiß nicht, wohin die Reise geht, die im Zigeunerlager von Auschwitz-Birkenau endet. Im April 1945 befreien ihn englische Soldaten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dazwischen liegen zwei Jahre, über die er erst der sechzigjährige zu reden vermag. In diesem Buch erzählt Hugo Höllenreiner vieles zum ersten Mal. Er möchte davon berichten, damit junge Menschen erfahren, wie es wirklich gewesen ist. (Klappentext).

Rezension:

In politisch schwierigen Zeiten sich zu erinnern und das Erlebte in Schriftform zu veröffentlichen ist ein mutiger Schritt, den die letzten jahre viele Menschen gegangen sind. Grausamkeiten, Schrecken jahrzehntelang her, kaum mehr wandelnde Täter unter uns, aber eine Gesellschaft im Umbruch, zumal die Zeitzeugen rar werden, welchen besseren Zeitpunkt gäbe es, als jetzt?

Hugo Höllenreiner erzählt die Geschichte von sich und seiner Familie. Herausgekommen dabei ist eine eindrückliche und nachdenklich machende Kindheitsbiografie.

Der Klappentext verrät genug vom Inhalt, daher muss man dazu nicht viel mehr sagen. Es ist schon bedrückend genug, den Text zu lesen. Die Grausamkeiten, die Höllenreiner und seine Geschwister durchmachen mussten, sind eigentlich unmöglich zu beschreiben. Wortgewandt ist es ihm dennoch gelungen.

Immer wieder eingewoben, Gesprächsfetzen und Gedanken, hat Anja Tuckermann die Interviews zu einem biografischen Roman verarbeitet, der es in sich hat. Fast kommt ein Leser sich so vor, als schaue er ein Dokuspiel mit eingeblendeten Interviews und Kommentaren, nur ist all das Beschriebene wirklich erlebt.

Höllenreiner erzählt von Ausgrenzung und Unterdrückung, von Mut und Verzweiflung, Überlebenswillen und Durchhaltevermögen. Wie gelang es ihm die tollwütigen Aufseher Bergen-Belsens zu überstehen, die Experimente Mengeles in Auschwitz?

Wie hält man Tage durch, ohne jedes Zeitgefühl, bestimmt von Hunger und Krankheiten, ausgesetzt der Willkür anderer? Welche Last muss ein Mensch ertragen, bis er zerbricht? Wie findet man wieder ins Leben zurück, nachdem man jahrelang nur als leblose Hülle agiert?

Es ist schwer, nicht emotional zu werden. Einfühlsam wird die Geschichte Höllenreiners erzählt, dem seine Kindheit genommen wurde, und der später versuchte, das Beste daraus zu machen. Sofern möglich.

Eine literarische Dokumentation des Überlebenswillen eines kleinen Jungen, und ein Zeichen dafür, was Menschen anderen Menschen antun können, so einmal eine bestimmte Schwelle überschritten ist. „Denk nicht, wir bleiben hier!“, ist ein Lehrstück dessen, was die Zukunft bringt, wenn wir nicht aufpassen. Solch ein Leid, wie hier beschrieben, darf nicht noch einmal passieren. Dafür dieses Buch.

Autorin:

Anja Tuckermann wurde 1961 in Selb/Bayern geboren und ist eine deutsche Autorin von Romanen, theaterstücken und Journalistin. In Berlin aufgewachsen veröffentlichte sie zuerst Texte in einer von ihr gegründeten Zeitschrift und arbeitete für einen Jugendverband. Dort organisierte sie Reisen für Kinder und Jugendliche.

Von 1988-1992 arbeitete sie als Redakteurin, bis 1997 freiberuflich für die Kinderfunkredaktion des RIAS. Seit 1993 leitet sie Schreibwerkstätten zum Schreiben von Prosa und Theaterstücken. Mehrere Romane schrieb sie über das Schicksal von Sinti-Kindern im Dritten Reich. Tuckermann ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller.

Zoni Weisz: Der vergessene Holocaust

Der vergessene Holocaust Book Cover
Der vergessene Holocaust Rezensionsexemplar/Sachbuch dtv Verlag Hardcover Seiten: 218 ISBN: 978-3-423-28164-5

Inhalt:

Im Nationalsozialismus wurde eine halbe Million Sinti und Roma von den Deutschen umgebracht. Zoni Weisz war sieben Jahre alt, als auch seine Familie deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurde. Er selbst konnte durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten auf einen anderen Zug springen. Nach dem Krieg erhielt er einen Ausbildungsplatz als Florist – Beginn einer erstaunlichen Karriere. (Klappentext)

Rezension:

Über die Geschichte der judenverfolgung im Dritten Reich, sowie in den besetzten Gebieten, ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben und berichtet wurden. Viele Archive wurden durchforstet. Erschreckende Erkenntnisse folgten daraus.

Wie sieht es aber mit der Aufarbeitung der Verbrechen an anderen Opfergruppen aus? In Bezug auf die Sinti und Roma etwa, ist noch nicht allzu viel geschehen. um so wichtiger und bedeutender dieser Erfahrungsbericht von Zoni Weisz, der nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Zoni Weisz ist Angehöriger der Sinto, eine Volksgruppe, die man landläufig mit den „fahrenden Volk“ in Verbindung bringt. Böse Zungen nennen sie Zigeuner. Doch, die Kultur dieser Menschen, die vor allem auf mündlichen Überlieferungen beruht, ist Grundlage einer geschlossenen Gemeinschaft. Jeder ist für jeden da, man hilft sich und doch stehen die Sinto in der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts vor einer Zeitenwende.

Unheil braut sich in Europa zusammen, der Vater von Zoni beschließt die traditionelle Lebensweise, im Wohnwagen umherzuziehen, aufzugeben und einen festen Wohnsitz anzunehmen. Er möchte dadurch weniger auffallen, außerdem erkennt seine Frau den wert schulischer Bildung, um ihren Kindern eine sichere Zukunft zu gewähren.

Dies funktioniert, zumindest für eine kurze Zeit. Doch, bald verfolgen die deutschen Besatzer auch in den Niederlanden ihr erbarmungsloses Werk und deportieren Hunderttausende, darunter auch die Eltern und Geschwister Zonis, in die Vernichtungslager des Reiches. Doch, der Siebenjährige hat Glück und schlägt sich mit Hilfe entfernter Verwandter durch.

Es ist der Überlebensbericht eines Autors, dem von jetzt auf gleich seine Kindheit geraubt wurde, aber auch ein Zeugnis, wozu einem der Wille zu Überleben und es allen zu beweisen, fähig machen kann. Im positiven Sinne. Zoni Weisz erzählt seine Geschichte, die nach all den Schrecken und Unwägbarkeiten, Grausamkeiten, hätte nicht erfolgreicher verlaufen können.

„Der vergessene Holocaust“ ist in jeder Zeile eine beeindruckende Biografie, die zeigt, dass die Schergen des NS-Regimes und seiner niederländischen Helfer ihn zwar zugesetzt und viel Leid angetan, ihn jedoch nicht kleinkriegen konnten. Ein Bericht, der Mut macht und nicht zuletzt eine niederländische Erfolgsgeschichte.

Aufgelockert und nahbar durch zahlreiche Fotografien aus dem Privatarchiv von Weisz beschreibt dieser seinen Weg gegen alle Widerstände, ob das nun Barrieren seines eigenen Volkes, psychische Schäden durch die Erlebnisse des Holocaust oder vom kleinen Auslieferungsboten bishin zum führenden und bekanntesten Floristen der Niederlande, nicht zuletzt Botschafter und Unterstützer der Sinti und Roma.

Jede Zeile geht einem beim Lesen nahe. oft möchte man schlucken, innehalten. Eine Biografie, die man nicht so leicht übergehen und vergessen kann und darf.

Zoni Weisz hat seinen Frieden mit der eigenen Geschichte gemacht, doch setzt er sich unermüdlich für sein Volk ein, welches in vielen Teilen Europas immer noch ausgegrenzt und chancenlos ist. Es gibt noch viel zu tun. Der Autor macht dies deutlich und spart nicht mit Kritik an dieser Situation, kämpft für Rechte, die eigentlich überall gang und gäbe sein sollten.

Er blickt zurück, wie so viele in seinem Alter, hat etwas besonderes Eindrückliches zu erzählen. Auf das sich diese Vorgänge nicht wiederholen. Dafür und gegen das Vergessen kämpft Zoni Weisz. Und dafür sei auch jedem dieses Buch ans Herz gelegt.

Autor:

Zoni Weisz wurde 1937 geboren und ist ein niederländischer Sinto, Überlebender des Holocaust und Florist. 1944 entging er durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten der Deportation, aufgrund derer fast seine gesamte Familie umkam.

Er versteckte sich und überlebte, begann nach den Krieg eine Ausbildung zum Mechaniker, leistete dann seinen Militärdienst in Surinam, nachdem er eine Gartenbau-Schule besuchte. Er studierte Ausstellungsarchitektur und Kunstgeschichte.

Mit seinen Ausstellungen international bekannt, wurde er als einer der führenden Floristen der Niederlande für das größte Blumenarrangement ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen, zudem arbeitete für mehrere Aufträge der niederländischen Königsfamilie.

Als Überlebender engagiert sich Weisz für die Sinti und Roma, und hielt eine vielbeachtete Rede im Deutschen Bundestag 2011. Für sein Engagement erhielt er mehrere niederländische Auszeichnungen und das Bundesverdienstkreuz.