Orientierung

Rimantas Kmita: Die Chroniken des Südviertels

Die Chroniken des Südviertels Book Cover
Die Chroniken des Südviertels Rimantes Kmita Erschienen am: 01.10.2019 Mitteldeutscher Verlag Taschenbuch Seiten: 414 ISBN: 978-3-96311-180-8

Inhalt:
Siauliai, eine Stadt m Norden Litauens, in den 1990er Jahren. Rimants, alter Ego des Ators, wächst dort heran und spielt mit Leib und Seele Rugbys, sucht einen Platz im Wilden Osten der Nachwendezeit. Coole Trainingsanzüge, Rambo-Poster sind das Nonplusultra und natürlich die Liebe.

Der Jugendliche sucht nicht nur in der alternativen Musikszene nach sich selbst, begegnet der ersten Liebe und bald auch der zweiten. Schließlich führen ihn Freundin und Lehrerin in die Literatur hinein. Rimants beginnt zu schreiben und seinen Weg zu gehen. (eigene Inhaltsangabe).

Rezension:
Ich meine, einmal in einem Interview gelesen zu haben, man solle über das schreiben, was man kennt, dann gelingt einem auch ein Roman und so liegt in einer ersten Übersetzung nun ein litauischer Bestseller vor.

In „Die Chroniken des Südviertels“ erinnert sich Rimabntas Kmita an seine Jugend und am Aufwachsen in der Ungewissheit der Nachwendezeit ebenso, wie an Orientierungslosigkeit, Mode und Musik, Selbsfindung und der Entdeckung mehrerer Lieben.

Diese Mischung durchzieht den Roman, in dem die Leser den jungen Hauptprotagonisten begleiten, der aus der Enge seines Plattenbauviertels, wie es sie wohl in jeder osteuropäischen Großsstadt (und sicher auch in jeder westlichen) gibt, einen Ausweg und sich selbst sucht, verbunden mit all den Irrungen und Wirrungen, die die Pubertät bereit hält.

Rimants ist dieser alte Ego, der zwischen Trainingsanzügen und Schwarzmärkten den Sinn des Lebens sucht, bei Eltern und anderen Autoritäten aneckt und erst durch eine Freundin ruhigere fahrwasser entdeckt, ohne selbst ruhig zu bleiebn. Zu viele Möglichkeiten hält das Leben bereit, wenn auch der Sport zunächst an erster Stelle steht.

Die Bündelung der Handlungsstränge, die nach und nach unterschiedlich gewichtet werden, beherrscht der Autor, an dessen erzählerischen Rhythmus man sich erst gewöhnen muss. Schön, das ab und zu mal ein Vers die Geschichte auflockert, jedoch geschriebene Umgangssprache liest sich in manchen Teilen etwas merkwürdig.

Das Einfinden in Text und Sprache nimmt ein wenig Zeit in Anspruch. Zunächst ist langsames Lesen angesagt, Längen müssen überwunden werden. Ist jedoch auch in der Pubertät, im übertragenen Sinne, ja auch nicht anders. Nach dem Einfinden jedoch, ist man im Lesefluss und kann den Erlebnissen von Rimntas und seinen Freunden folgen. Doch, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Der Spruch gilt, irgendwie, auch hier.

Das Empfinden einer Generation, die Orientierungslosigkeit und Suche des Protagonisten nach Sinn haben mir zugesagt. Längen, die diese Erzählung jedoch hat, stellen einen Anspruch an das Durchhaltevermögen eines Lesers, den man sich erst einmal aussetzen muss. Das funktioniert nicht immer, zumal wenn die Vergleichsfolie fehlt.

Meine Jugend fand eine Generation später statt, unter anderen Bedingungen. So fehlt in manchen Punkten die Nachvollziehbarkeit, die es vielleicht gebraucht hätte. Für die unmittelbare Wendegeneration jedoch, kann ich mir gut vorstellen, dass der Roman sehr gut funktioniert und Rimants und seine Freunde einem ans Herz wachsen.

Wenn das Rimantas Kmita schafft, ist doch das Ziel erreicht.

Autor:
Rimantas Kmita wurde 1977 geboren und ist ein litauischer Schriftsteller, Lyriker und Literaturkritiker. Aufgewachsen in Siauliali studierte er in Kaipedia, Vilnius und in Greifswald, bevor er mehrere Gedichtsbände veröffentlichte.

Er leitet eine eigene Literatursendung im litauischen Nationalradio LRT. Sein Roman „Die Chroniken des Südviertels“ erschien in seiner Heimat 2016 und avancierte dort zu einem der größten Bestseller moderner litauischer Literatur.

Kurzblick: Berlin im Wandel

Alte Pläne faszinieren mich. Ich liebe es, Karten aufzuklappen und mit Augen und Fingern zu erkunden, Orte zu entdecken, die ich aus unserer Zeit heraus kenne oder noch aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung habe, historischen Ereignissen nachzuspüren und einzutauchen in eine Welt, die nicht die meine ist. Für Berlin ist das jetzt möglich. Die Metropole an der Spree ist bei Touristen ohnehin beliebt. Kunst, Kultur und Geschichte sind praktisch auf jeden Quadratmeter erlebbar. Vor kurzem feierte die Serie „Babylon Berlin“ die Zeit der 1920er Jahre so spannend wie nie zuvor, und überdies lassen sich an jeder Ecke spannende Geschichten nachempfinden. Jetzt geht das auch anhand von historischen Stadtplänen.

Kaum eine andere Stadt hat so viel erlebt, wie Berlin selbst und kaum ein ort so viele Veränderungen erfahren. Dies erlebbar zu machen, hat sich der Verleger Gerd Gauglitz, der mit seinem Stadtplänen nicht nur den modernen Berliner versorgt, sondern auch Historisches nachfühlbar macht. In zwei Mappen kommen die insgesamt acht Pläne daher, die eine Stadt im Wandel zeigen.

Titel: „Berlin – Vier Stadtpläne im Vergleich – 1742-1875-1932-2017“
Autor/Verleger: Gerd Gauglitz
4 faltbare Stadtpläne, ein beidseitig bedrucktes Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-44-5
Verlag: Edition Gauglitz

Die erste Mappe, etwas größer als A5 sind sie beide, enthält aufgeklappt die Stadtpläne der Spreemetropole von 1742, 1875, 1932 und 2017. Kommentiert in einem eingelegten Faltblatt, kann man die Entwicklung vom Dorf zur Großstadt beobachten. es wird erklärt, welche städtischen Merkmale und markanten Punkte damals geschaffen wurden, wichtig waren, um bereits ein knappes jahrhundert der Stadtplanung lästig zu werden. Es wird berichtet, was aus der zeit die Wendungen der Geschichte überlebt hat und welche Grundzüge der Stadt heute noch erkennbar sind. Die Stadtpläne lassen sich dabei einzeln aufklappen, leider noch nicht herausnehmen, wie in der zweiten Mappe. Macht aber nichts. Die Aufmachung ist sehr handlich. Eine umständliche Falterei, wie bei manch modernen Stadtplan, der das heutige Berlin zeigt, ist nicht notwendig.

Edition Gauglitz: „Berlin – Vier Stadtpläne im Vergleich – 1742-1875-1932-2017“

Die Stadtpläne sind, wer jetzt auch ein historisches Design erwartet, allesamt modern gehalten. Dies ermöglicht eine schnelle Orientierung und die Schaffung eines guten Überblicks. das moderne Auge muss sich an nichts anderes gewöhnen, als es es etwa von Google Maps kennt.

In der zweiten Mappe dagegen, finden sich die Stadtpläne aus den Jahren 1840, 1953, 1988 und ein Gedankenspiel, Hitlers „Germania“ um 1950. Das gleiche Spiel, bloß kann man die Karten komplett herausnehmen. Sie sind nicht an der Mappe selbst angeleimt und so ist das alles noch handlicher. Fast ist es so, als könnte man sich auf eine Zeitreise begeben und mit diesen Plan durch das Berlin des jeweiligen Jahres gehen. erlebbar wird die Geschichte, wenn man sich etwa an Erzählungen und Berichten über den Volksaufstand 1953 erinnert oder an das letzte Jahr des eingemauerten Westberlins. Auch  hier ist der moderne Look verknüpft mit den historischen Gegebenheiten ein Blickfang. Man bekommt ein Gefühl für die jeweilige Zeit und den Anforderungen der Stadtplanung.

Auch hier ist das ganze wieder in einem separaten Faltblatt kommentiert.

Besonderheit der Ergänzungspläne ist indes der vierte Plan. Der zeigt das Zentrum der Welthauptstadt „Germania“ um 1950, also jenes Hirngespinst Hitlers, welches nach den Plänen der Nazis nach dem Krieg verwirklicht werden sollte. Sogar ein Modell wurde in Teilen schon gebaut, zu sehen im Film „Der Untergang“ und heute in den Räumen des Vereins Berliner Unterwelten e.V. . Ein Großteil davon blieb, Gott sei Dank, unverwirklicht. Nur einzelne Gebäude aus dieser Zeit gibt es noch heute. Was die Nazis der historischen Bausubstanz Berlins angetan hätten, lässt sich hier nachvollziehen.

Titel: „Berlin Ergänzungspläne – Vier Stadtpläne im Vergleich -1840-1953-1988 und 1950 ‚Germania‘ „
Autor/Verleger: Gerd Gauglitz
4 herausnehmbare Stadtpläne, ein beidseitig bedrucktes Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-45-2
Verlag: Edition Gauglitz 

Gerd Gauglitz hat in dieser Edition Geschichte nachfühl- und erlebbar gemacht und zumindest gedanklich mit den Finger auf den Stadtplan eine Zeitreise ermöglicht. Vom Dorf zur Metropole, in all seinen Facetten und Wandlungen, wird nicht nur die Zeit des „Babylon Berlin“ erlebbar. Für Geschichtsfans und Liebhaber von alten Plänen und Interessenten an Architektur und historischen Ereignissen, sind diese beiden handlichen Mappen ein unbedingtes Muss. Viel Spaß also, bei der nächsten Zeitreise.

Ergänzung, vom 17.12.2019

Berlin – Geschichte des Stadtgebiets in vier Karten 1806-1920-1988-2020

Inzwischen wird diese interessante Reihe übrigens fortgeführt, so dass mir nichts anderes übrig bleibt, als den von mir geschriebenen Beitrag zu ergänzen, was ich natürlich gerne tue.

Die neue Ausgabe kommt ebenso wie ihre Vorgänger in einer Mappe mit eingebundenen Faltplänen daher, die wieder einmal die Metropole an der Spree in unterschiedlichen Entwicklungsstadien zeigen. Diesmal sind es eher Bezirks-Übersichtspläne als konkrete Stadtpläne, die die Entwicklung der Stadtgrenzen noch besser verdeutlichen. Vor allem, was das rasante Wachstum, die Eingemeindungen und die Industrialisierung für den Berliner Raum bedeuteten, sieht man hier, in dieser Zeitreise.

Beigelegt ist hier ein mehrseitiges Faltblatt mit Kommentaren zur Einordnung, wie auch schon bei den Vorgänger-Ausgaben.

Berlin – Geschichte des Stadtgebiets in vier Karten 1806-1920-1988-2020
Autor/Verleger: Gerd Gaugliz
4 eingebundene, faltbare Stadtpläne, ein beidseitig ausklappbares Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-46-9
Verlag: Edition Gauglitz

Inaam Katschatschi: Die amerikanische Enkelin

Die amerikanische Enkelin Book Cover
Die amerikanische Enkelin Inaam Kachachi Kolchis Verlag Erschienen am: 12.03.2018 Seiten: 274 ISBN: 978-3-9524800-0-7

Inhalt:

Als 13-jährige flüchtet Saina – auf Arabisch „Zierde“ mit ihren christlich-assyrischen Eltern vor den Folterschergen Sadam Husseins in die USA. Nach dem 11. September meldet sich die junge Frau mit frischen amerikanischen Pass als Übersetzerin zum Einsatz im Irak. Sie will helfen, ihre Heimat zu befreien.

Bei ihrer geliebten Großmutter findet sie aber kein Verständnis, diese will nichts wissen von den wilden Horden, die über ihr Land gezogen sind. Saina ist zerrissen zwischen zwei sich wesensfremden Kulturen. Ein spannender roman, der nebenbei verstehen lässt, weshalb die amerikanische „Befriedung“ Iraks so kläglich scheitern musste. (Klappentext)

Rezension:

Wer zu den Büchern des Kolchis-Verlages greift, weiß, dass er das Spannungsfeld der Kulturen bekommt. Auf den Tablett geliefert, fein seziert vor den Augen des Lesers, in diesem falle wohltuend ruhig, ohne Überheblichkeit, sehr einfühlsam erzählt.

Das ist Inaam Katschatschis Roman „Die amerikanische Enkelin“, die das Schicksal einer jungen Frau zum Thema macht, die glaubt Amerikanerin zu sein, und dennoch nie von ihrem Geburtsland loskommt, förmlich zerrissen wird, zwischen den erbarmungslos zurückschlagenden Amerika und dem Land von Euphrat und Tigris, welches selbst innerlich zerbrochen ist und eigentlich mit sich selbst genug zu kämpfen hat.

Ruhig beginnt die Erzählung, die immer in der Ich-Perspektive bleibt und ihren Ruhepunkt gleichsam in der Hauptprotagonistin findet.

Am Tempo ändert sich lange nichts, doch spürt man die drückende Last, die Saina zu bewältigen hat, immer mehr, wie sie ihr den Brustkorb zuschnürrt, nicht wissend wohin mit ihren Gefühlen für beide Länder, der Familie in Amerika und ihrer noch in Bagdad lebenden Großmutter, die ihr den Spiegel vorhält, ob den Auswirkungen des Einmarsches Amerikas und zugleich der langjährigen Indokrination der Schergen Husseins.

Im Verlauf der Handlung werden dafür mehrere Ansichten, Seiten bemüht, doch gewinnen nur die zwei Hauptfiguren saina und ihre Großmutter an Tiefe, die wie gleichgepolte Magnete sich abstoßen, aber dennoch nicht von einander lassen können. Alle anderen Protagonisten bleiben Nebenfiguren, die Autorin braucht sie auch nicht wirklich. Die Erzählung trägt sich so.

Es ist ein Roman über die Kraft verwandten Blutes, Zusammenhalt und Familienbande, aber auch die Frage, was wir , weiter unsere gesellschaft und die Politik mit unseren Handlungen für Wirkungen verursachen und dass wir einander vielleicht fremd werden, jedoch nicht vollständig von einander lösen können.

Am Beispiel des Zwiespaltes Sainas eindrucksvoll vorgeführt. Das Ende wird den Leser ratlos zurücklassen, verzweifelt vielleicht, aber es ist richtig so, in Anbetracht der Entwicklungen im Irak und was dies mit den Betroffenen macht. Soldaten, Amerikaner und solche, die beide Identitäten besitzen, die Bewohner des Iraks, die vom Regen in die Traufe gekommen sind.

Dazu kommt, dass Autoren immer über die Themen am besten schreiben können, die ihnen besonders nahe liegen. katschatschi stammt aus Bagdad, und das merkt man in jeder Zeile. Es ist nicht anders möglich, so viel Liebe in und zwischen und in den Zeilen zu diesen zerrüttelten Land Ein, auf den wenigen Seiten unterzubringen. Ein großer und großartiger Roman.

Autor:

Inaam Katschatschi wurde 152 in Bagdad geboren, wi sie Journalismus studierte und anschließend für das staatliche Radio arbeitete. 1979 wanderte sie nach Frankreich aus, schloss ihr Studium Islamischer zivilisation mit einem Doktorat ab.

Danach arbeitete sie als Korrespondentin für verschiedene arabische Medien. Ihr Roman wurde für den Arabic Booker Prize nominiert. 2016 erhielt Katschatschi den Arabischen Literaturpreis.