Leben

Anthony Passeron: Jacky

Inhalt:
Ende der Achtzigerjahre wachsen Anthony und sein Zwillingsbruder in einer engen Familie auf, in einem abgeschiedenen Tal im Hinterland von Nizza. Zusammen mit ihrem lebensfrohen Onkel vertreiben sie sich die Langeweile mit Videospielen – einer neuen Leidenschaft, die ihnen ihr Vater Jacky weitergibt. Nach und nach werden die Spiele zu einem Zufluchtsort für die Brüder, vor der Eintönigkeit ihres Alltags und vor den Schicksalsschlägen, die bald ihre Familie treffen. Bis zu dem plötzlichen, überraschenden Verschwinden ihres Vaters. (Klappentext)

Rezension:
Zunächst ist es nur eine einzelne Aktion, die man immer schneller ausführen muss, bis man unweigerlich scheitert, doch nach und nach werden die Konsolenspiele, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt, bald auch die französische Provinz erobern. Immer komplexer, so wie die Sicht des Kindes, welches nach und nach die Widersprüchlichkeit und auch harte Brutalität der Erwachsenenwelt erkennen muss, ohne sie gleich zu begreifen.

Mein Bruder und ich erstarrten vor unserer Mutter, die Augen vor Scham gerötet. Ich flehte sie mit Blicken an, unsere unüberlegte Frage nicht zu beantworten. Sie war kurz davor, ein Geheimnis zu verraten, eine Antwort zu geben, die unserer Kindheit ein Ende setzen könnte, und ich war noch nicht bereit dafür.

Anthony Passeron: Jacky

Für den französischen Autoren Anthony Passeron und seinem Zwillingsbruder waren diese Spiele die Rettung und zugleich ein Gleichnis dessen, für das, was mit ihrer Familie während der Kindheit passierte. Diese zwei Säulen bilden die Grundlagen seines autobiografischen Romans, mit dem der Autor versucht zu verarbeiten, was im Zeitraum des Lebenszyklus‘ dreier Spielkonsolen geschah.

„Jacky“ erzählt dabei gleich in mehrerer Hinsicht vom Verschwinden. Einerseits Verdrängungsprozess kleiner tradioneller Familienbetriebe und geübter Strukturen, in denen der eigene es immer schwerer hat, von der Vaterfigur am Laufen gehalten zu werden und schließlich aufgegeben werden muss, auf der anderen Seite der Wandel von Rollenbildern und Anforderungen an die nächste Generation, die Globalisierung, die schließlich in Form einer Seuche zwei Familienmitglieder das Leben kosten wird.

Zunehmend wird dabei für Anthony und seinem Zwillingsbruder die Welt der Videospiele zum Zufluchtsort, die nur zu Beginn zugleich das verbindende Element zur verschwindenden Vaterfigur ist. Neben dem Brüderpaar, Two Players Game, ist er die Hauptfigur dieses zweigliedrigen Romans, der parallel die Geschichte des Aufkommens der Spielekonsolen erzählt. Beginnend mit dem Atari 2600, der als erstes Dank des technisch begisterten Vaters in den Haushalt der Familie Einzug hält.

Dies erzählt der Autor in kompakt gehaltenen Kapiteln, in denen kein Wort zu viel verloren wird. Tatsächlich genügen wenige Sätze, um wie Nadelstiche Ereignisse schmerzvoll vor Augen erscheinen und Charaktere aufleben zu lassen. Es braucht nicht viel, Orte filmisch zu beschreiben, die Begeisterung für die anfangs aus nur einigen Pixel bestehenden Welten zu verdeutlichen, andererseits das Begreifen mit zunehmenden Alter, welches Anthony und sein Bruder gleichsam fortschreitender Spielelevel zur immer größeren Herausforderung werden wird. Wie viel kann ein Kind, wie viel eine Familie aushalten? Eine Frage, die sich mit zunehmender Seitenzahl immer vehementer in den Vordergrund schiebt und bald das handlungstreibende Element sein wird.

Unsere Eltern wollten, dass wir echte Schlägertypen waren und gleichzeitig diszipliniert genug, um in der Schule erfolgreich zu sein. Unweigerlich würden wir eine Seite enttäuschen müssen.

Anthony Passeron: Jacky

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des jungen Anthony, dem gegenüber der Vater steht, der immer weniger Verständnis für seine empfindsamen Sprösslinge zeigt, aber eben auch selbst nie gelernt hat, Worte zu finden, um den eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Diese Sprachlosigkeit durchzieht die Erzählung und sagt dennoch so viel. Man kann das alles nicht lesen, ohne davon berührt zu werden, gerade wegen des Spiels mit den Gegensätzen, welches der Autor meisterhaft beherrscht.

Das störte mich weniger für mich als für meinen Vater. […] Trotzdem schämte ich mich am Ende des Kurses, wenn er mit meinen Turnschuhen in der Hand auf mich wartete, ich schämte mich vor ihm. Es half nichts, es war wie ein Fluch, etwas absolut Unvermeidliches. […], wenn ich vor seinen Augen eine Niederlage einsteckte, beschmutzte ich seinen Namen.

Anthony Passeron: Jacky

Einerseits das Nebeneinander der Figuren, welches im Verlauf der Geschichte fast zu einem Gegeneinander wird, aus der Perspektive des einem, andererseits die ungewöhnliche Gliederung des Romans entfachen eine Dynamik, die selbst aus wenig viel werden lässt, ohne dabei zu verlieren. Lücken gibt es da nicht. Unausgesprochenes tönt sehr laut. Der Gang Richtung Abgrund nimmt mit zunehmender Seitenzahl entsprechend Fahrt auf. Gekonnt gesetzte Rückblenden ergänzen diese wunderbare kleine Erzählung, die die Dynamik einer Familie aufzeigt, die an ihre Grenzen gerät.

Der Schriftsteller Anthony Passeron verarbeitet nach seinem Debüt hier einen weiteren Aspekt seiner Familiengeschichte und setzt dabei auch den Anfängen einer Technologie ein Denkmal, die bis heute in ihren Ausprägungen Millionen beeinflusst und manchen sicherlich auch Zuflucht und Rettung bietet. Jeder, der selbst schon ein neues technisches Gerät angeschaltet und dem zugesehen hat, wie der Bildschirm zum Leben erwacht, kann das nachvollziehen. Auch alle anderen wird diese Geschichte voller Sehnsucht und Traurigkeit so schnell nicht loslassen, was sicherlich zu großen Teilen der hervorragenden Übersetzung Lena Müllers zu verdanken ist.

Wer sich für ungewöhnlich erzählte Familiendynamiken begeistern kann, zudem die Abgründe menschlicher Schicksalsschläge nachspüren, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ergründen will, dem ist „Jacky“ von Anthony Passeron zu empfehlen. Gleichwohl muss man sagen, dass es nicht zu empfehlen ist, ist man selbst gerade nicht in positiver Stimmung. Game Over.

Autor:
Anthony Passeron wurde 1983 geboren und ist ein französischer Schriftsteller. Er wurde in Nizza geboren und studierte nach der Schule französische Literatur, die er unterrichtete, bevor er selbst zum Autor wurde. Sein erster Roman erschien 2024 in der deutschen Übersetzung. „Jacky“ ist Passerons zweite Erzählung.

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Jörg Baberowski: Die letzte Fahrt des Zaren

Inhalt:
Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen die Proteste ausweiten und die staatliche Ordnung in Bedrängnis gerät. Doch weil der Innenminister glaubt, alles im Griff zu haben, verlässt der Zar mit seinem glamourösen Hofzug die Hauptstadt. Er sollte sie nie wieder betreten, denn jetzt geht alles ganz schnell, bricht eine unerschütterlich wirkende Herrschaft in wenigen Tagen zusammen. In einem alles mitreißenden Strudel geht das Zarenreich unter und mit ihm alle Alternativen, die Russland in eine andere Zukunft geführt hätten.

Die letzte Woche des Zarenreichs so lebensnah, als säße man im Kino. (Klappentext)

Rezension:
Die 300-jährige Dynastie der Romanows scheint auch in Kriegszeiten unerschütterlich mit beiden Beiden in der Gesellschaft des Riesenreichs verankert, in den man auf den Straßen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Unterschiede zwischen den Ständen merkt. Die einen leben in prächtigen Palästen in und im Umland von Petrograd, besuchen Opernstücke und Theateraufführungen, die anderen schufften in den Fabriken, die sich an der Newa teilweise in direkter Nachbarschaft wie bei einer Perlenkette aneinanderreihen. Die Differenzen zwischen den Lebenswirklichkeiten beider Welten, sie könnte nicht größer sein.

Schon länger brodelt es unter der Oberfläche der einen leise vor sich hin, von der alten Ordnung kaum beachtet oder ernst genommen. Doch innerhalb weniger Tage kehren sich die Verhältnisse um, versinkt Russland in Anarchie und Chaos und die Herren von einst müssen plötzlich um ihr Leben fürchten. Der Historiker Jörg Baberowski zeichnet in seinem hoch informativen und gut recherchierten Sachbuch das Bild eines Strudels, der sich immer schneller dreht und den sich keiner entziehen kann, sobald dieser die Betroffenen erfasst.

Vorangestellt ist Reflexion jener Tage zunächst ein Zitat von Hannah Arendt, über die Zersetzung de Staatsmacht und warum Revolutionen des Zepter von standhaft geglaubten Systemen übernehmen, welches bezeichnend ist für jene Tage, deren Spuren der Autor nachverfolgt. Dabei schafft Baberowski zunächst einen Überblick über die Situation in der glanzvollen Stadt der Zaren, in der das Leben auch in Kriegszeiten unbeirrt weiterzugehen scheint, zeigt aber auch den Kontrast zum übrigen Russland, der Frontgebiete auf, die für die Regierenden im Fokus stehen, dabei die Lebenswirklichkeiten der Menschen nicht ernstnehmend, was ihnen bald auf die Füße fallen wird.

Es ist ein Land voller Gegensätze, welches anhand der dargestellten Personen deutlich wird, derer wir auf Schritt und Tritt folgen, den weltfremden Komponisten einerseits, der einmal am gleichen Tag wie Stalin unbeachtet von der Welt sterben wird, einem Herrscher, der sich nicht für das Regieren oder gar für Entscheidungen eignet und das Volk, welches unter der sich mehr und mehr zuspitzenden Versorgungslage leidet, auf der anderen Seite.

Diese Gemengenlage ist es, die den Kessel innerhalb weniger Tage zum Explodieren bringen und einen Strudel der Gewalt und Willkür oder, dem bald ehemaligen Zaren zufolge „Lüge, Feigheit und Verrat.“, entfesseln wird und dieses hochspannend formulierte Sachbuch die Chronologie dieser Ereignisse. Auf reicher und vielschichtiger Quellenlage gestützt verfolgt Baberowski, wie Fehlentscheidungen der einen, wie Zufälle und Glücksgriffe, je nach Perspektive, zu den Zusammenbruch eines Systems führten, welches die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte und der dessen Verbündete in Zweifel stürzen sollte und ein Land in einen Bürgerkrieg, den schon zu Beginn Hunderte zum Opfer fallen sollten.

Eingerahmt zwischen einer Karte Russlands und Petrograds wechseln die Schauplätze der Handlungsorte jener Tage, wie auch das Tableau an Personen, die plötzlich zu Entscheidern werden, aber auch jenen, die nun in einem Scherbenhaufen stehen, den sie selbst verursacht haben. Der Geschichtswissenschaftler verfolgt dabei vielen Spuren, so dass ein spannendes Portrait dieser Zeit entsteht, welches dazu einlädt, selbstständig zu recherchieren, ob der Leben handelnder Personen oder Orten und Gebäuden, ihrer Historie. Dabei wird hier der Mechanismus eines Zerfalls dargestellt, der sowohl die Schwächen eines starren und nicht zur Wandlung fähigen Systems aufzeigt, andererseits Ausnahemzustand, aber auch, dass die Revolution auch dort nicht halt macht, vor jenen, die sie entfesseln.

Geschichte kann so spannend wie ein Krimi sein, ein Teppich voller Handlungsstränge, bei denen eines zum anderen führt. Klar wird, Revolution und Bürgerkrieg waren nicht gesetzt, nicht einmal der Fall der einst mächtigsten und größten Herrscherdynastie der Welt selbst. Das zeigt Jörg Baberowski in aller Deutlichkeit, ohne entscheidende Details auszulassen und dennoch so kompakt wie möglich uns in jene Tage eintauchen zu lassen. Am Ende wird dabei auf einzelne Akteure nochmals eingegangen, hier hätte ich mir jedoch noch ein kleines Personenregister mit biografischen Informationen gewünscht. Das jedoch fällt nicht wirklich weiter ins Gewicht.

Ansonsten ist die Lektüre allen zu empfehlen, die die Atmosphäre dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven heraus aufgreifen möchten. Man wünscht sich mehr Sachbücher jener Art.

Autor:
Jörg Baberowski wurde 1961 in Radolfzell am Bodensee geboren und ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Seit 2002 ist er Professort für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte zunächst Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Göttingen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/Main. In Tübingen habilitierte er, mehrere Forschungsaufenthalte u. a. in Finnland und Russland schlossen sich an.

Im Jahr 2001 übernahm er den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschhichte in Leipzig vertretungsweise, bevor er nach Berlin wechselte, von 2004-2006, sowie 2007-2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften. Er ist Autor mehrerer Bücher und Aufsätze zur russischen und sowjetischen Geschichte, sowie von Kolumnen in verschiedenen Zeitungen.

2012 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, in der Kategorie „Sachbuch“.

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Nicht jede Geschichte hat zwei Seiten.

Janis V. Montreau „Ohnmacht“

Manche Formen von Gewalt sind laut.
Andere sind so leise, dass sie niemand hört – außer dem, der sie selbst erlebt.

Ohnmacht erzählt von einer solchen Geschichte.
Von einem Vater, der zusehen muss, wie ihm alles genommen wird.
Von einer Wahrheit, die sich immer weiter verschiebt, bis sie nicht mehr greifbar ist.
Und von einem Kind, das erfahren muss, dass Liebe auch immer Schmerz bedeutet.

Dieses Buch fordert keine schnellen Urteile.
Es stellt Fragen.
Und es schaut dorthin, wo es wehtut.

Erscheint am: 5. Mai 2026 im Kapitel II Verlag (Forward Verlag Imprint), ISBN: 978-3-91242-700-4, 776 Seiten, Taschenbuch.

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Manfred Koch: Rilke – Dichter der Angst

Inhalt:
Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei „Dinge machen aus Angst“, schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salome. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Rilke, für den Dichtung alles war, kann man vielleicht als einen der ersten wirklichen Europäer bezeichnen, der er dies zu einer Zeit gewesen ist, als der Nationalismus um sich greifen und den ersten Weltenbrand entfachen sollte, der den Kontinent erschütterte. Bis dahin und in der danch folgenden kurzen Zeit der Stabilisierung hatte der Dichterfürst nicht nur die Schweiz gesehen, auch in Ländern wie Frankreich, Russland oder Spanien und Italien war er auf der Suche nach sich selbst gewesen, nach Inspiration und Unterstützung. Diesen Weg zum einen, zum anderen über Rilkes Texte folgt der Literaturwissenschaftler und Essayist Manfred Koch.

Entstanden ist dabei eine in mehreren Aspekten bezeichnende Biografie.

Lesefreundlich gegliedert sind die einzelnen Lebesstationen überschriebenen Kapiteln in kompakte Abschnitte, in denen wir über das Werk Rainer Maria Rilke kennen, dessen Kindheit prägende und komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung bezeichnend sein sollte für die Entstehung und den Zugang des Dichters zu seinen Texten selbst, sowie zu den späteren Beziehungen zu seinen Mitmenschen. In seiner Form handlich, lernt man so einen Großteil des Schaffens Rilkes kennen, was die Biografie zur empfehlenswerten Lektüre macht, kennt man vorher nur ein wenig davon. Zugleich schildert der Autor so viel Zeitgeschehen und gibt hier auch, was sich bei einem solch umtriebigen Menschen anbietet, einen guten Überblick über den Kulturbetrieb Europas jener Jahre.

Manfred Koch beschönigt jedoch nichts, sondern zeigt auch auf, wie problematisch die Beziehungen Rilkes vor allem zu den von ihnen umschwärmenden und umschwärmten Frauen gerade für diese selbst werden konnten, aber auch, den psychischen Leidensdruck auf, der Rilke zu meisterhaften Texten befähigte, jedoch Zeit seines Lebens ihn selbst und seine Umgebung auch schadete, und dies nicht zu knapp. Es ergibt sich dabei in vielen Fascetten absolut kein symphatisches Bild, welches man wohl in anderen Biografien suchen muss, doch eine umfassende Analyse eines Schaffens, welches Grenzen vieler Art zu durchbrechen vermochte.

Den Weg zu gehen, einmal umgedreht vom Werk zu den einzelnen Lebensstationen, ist eine mal andere Variante, ein Leben zu betrachten und darf als gelungen bezeichnet werden, zudem hier wirklich auf viele Texte eingegangen wird, die Rilke im Laufe der Jahre geschaffen hat. Auch die Kompliziertheit und fast krankhafte Unerbittlichkeit des Dichters gegenüber sich selbst und seiner Arbeit herauszustellen, dies in einer kompakten und doch hinreichend detaillierten Form zu packen, hat Manfred Koch geschafft, dessen Fachkenntnis und Anerkennung für Rilkes Werk in jeder Zeile zu spüren ist, denen eine jahrelange Recherchearbeit vorausging.

Eine umfangreiche Quellenlage, sowie ein ausgewählter Bildteil ergänzen die Lektüre. Nur die ist zu bewerten. Würden wir dies nach Umschlagen der letzten Seite auf Rilke als Person ausweiten wollen, müssten für ihn selbst so einige Abzüge gemacht werden.

Autor:
Manfred Koch wurde 1955 in Stuttgart geboren und ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Essayist. Er studierte zunächst in Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte, bevor er ebenda promovierte. Von 1988 an arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Thessaloniki, derer sich eine wissenschaftliche Assistenzstelle in Gießen anschloss. Von 2001 bis 2003 hatte er eine Vertretungsprofessor in Tübingen inne, von 2004 an war er Mitorganisator der Poetik-Dzentur. Von 2009 bis 2021 lehrte er in Basel als Privatdozent und unterrichtete anschließend in Vermond. Er schrieb Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung, publizierte und verfasste Radio-Essays für den SWR2.

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Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

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Takis Würger: Für Polina

Inhalt:
Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Kurz danach stirbt Hannes‘ Mutter bei einem Unfall, mit ihr stirbt seine Musik und Hannes‘ und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Doch das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Klappentext)

Rezension:
Diese Texte, in die man sich hineinstürzt, in sie versinkt und berührt zurückbleibt, deren Figuren man festhalten will, mit ihnen leidet und die einem auch nach dem Lesen nicht loslassen, sie gibt es selten. Doch wenn man nur einen von ihnen einmal erwischt, möchte man daran festhalten, diesen Moment nicht verlieren.

Der Roman „Für Polina“ von Schriftsteller Takis Würger gehört dazu, der nicht nur die Geschichte zweier Menschen erzählt, die ohne einander nicht können, ohne einander nicht sind, sondern auch, welche Bindung Musik zu schaffen vermag und wie sie unsere Herzen berührt. Hannes und Polina sind die Hauptfiguren dieses Kleinods, die beinahe wie Geschwister zusammen aufwachsen, nachdem sich ihre Mütter im Krankenhaus kennengelernt und miteinander befreundet haben.

Schon früh erkennen die Erwachsenen die Begabung des Jungen, den sonst nichts zu interessieren scheint, die tiefe echte Begeisterung für die Wirkung von Melodien, die sich fortan durch sein Leben ziehen werden.

Auf der anderen Seite Polina, lebenslustig, das Gegenteil von distanziert, für die die Menschen um sie herum immer greifbarer sind als für ihn. Charakterzüge zweier Persönlichkeiten, die sich fortan gegenseitig ergänzen, bis im späten Jugend-, dann jungen Erwachsenenalter die ersten von vielen Brüchen folgen, die Narben in beider Seelen hinterlassen werden.

Eingebetet ist die Coming of Age Geschichte in einem Text gleichsam einer Melodie, die wir über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgen, zumeist aus der Perspektive von Hannes, nur hin und wieder im Wechsel mit anderen, den Nebenfiguren, die als Handlungstreiber fungieren. Großteils genügt der Hauptprotagonist sich selbst, für den die Musik alles ist, alles andere nichts, der Abhängigkeiten lange zu ignorieren versucht, bis er lernt, damit umzugehen, und Konsequenzen zu ziehen, ohne teilweise darauf zu achten, wie das bei der Umgebung ankommt.

Diese Kompromisslosigkeit liest sich faszinierend und ist folgerichtig für die Glaubwürdigkeit der Figur, die so viele Ecken und Kanten hast, nichts an sich heranlässt, um im Inneren den Körper vor dem Zerreißen zu schützen. Mit wenigen Worten schafft es Takis Würger dennoch sehr gefühlvoll dies zur Sprache zu bringen, dem damit nicht nur die Ausgestaltung seiner Charaktere gelingt, sondern auch Orte sehr filmisch vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Die Kraft des Textes, in dem einzelne Formulierungen die Lesenden immer wieder aufmerken lassen, liegt eben darin, dass man ihn wirken lassen muss. Vielleicht mit der Klaviermusik von Florian Christl im Hintergrund, dessen Stücke seit der szenischen Lesung unter dessen Begleitung für mich jetzt immer mit dieser Geschichte verbunden sein werden. Diese Verbindung von zwei Kunstrichtungen, Musik und Literatur, habe ich so vorher auch noch nicht erleben können, wie auch Hannes die Wirkung seiner eigenen Musik erst spät annehmen kann.

* U. a. dieses Stück hat Florian Christl tatsächlich bei der szenischen Lesung gespielt.

Es ist nicht nur die Neuinterpretation der klassischen unglücklichen Liebesgeschichte, sondern eben diese Verbindung, die hier Takis Würger gelingt, der mit „Für Polina“ beweist, dass es manchmal keinen großen Knalleffekt braucht, keine Wendung, die sich anfühlt, wie eine aus der Klavierheft gefallene Note. Manchmal reicht das in sich Hineinhorchen, das sich Treiben lassen.

Die Kraft von Literatur, die Kraft von Musik, die hier erzählt wird, lohnt sich mit jeder Zeile. Nicht nur deshalb ist Takis Würgers Roman eine unbedingte Empfehlung.

Autor:
Takis Würger wurde 1985 in Hohenhameln geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach einem Volontariant bei der Münchner Abendzeitung und dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er ls Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2014 studierte er in Cambridge Human, Social and Politcal Science. Er berichtete u. a. aus Afghanistan, Mexiko und der Ukraine. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ein Sachbuch von ihm erschien 2015, „Der Club“ war sein erster Roman, dem weitere folgten.

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Hannah Richel: Das Wochenende

Inhalt:
Zur Einweohung ihres luxuriösen Campingplatzes in Cornwall haben Max und Annie ihre Studienfreunde samt Kindern eingeladen: TV-Star Dominic, die Ärztin Kira sowie die Freigeister Jim und Suze. Doch schon am ersten Abend kommt es am lagerfeuer zu einem handfesten Streit.

Am nächsten Tag zieht von der zerklüfteten Küste her ein Unwetter auf. Als eines der Kinder nicht vom Strandausflug zurückkehrt, eskaliert die Situation. Inmitten des tosenden Sturms sind die Freunde auf sich allein gestellt. Alte Konflikte brechen auf, neue Geheimnisse kommen ans Licht, und irgendjemand spielt ein tödliches Spiel … (Klappentext)

Rezension:
Dem Sturm ausgeliefert, offenbaren sich schnell menschliche Fehler, all die Schwächen und das zwischen den Jahren Ungesagte, als vier befreundete Familien plötzlich festsitzen und die ländliche Idylle plötzlich zur trügerischen Falle wird, derer sie nicht ausweichen können. Ein Wiedersehen zwischen Freunden sollte es werden, ein neuer Lebensabschnitt vielleicht, doch wird aus einem Wochenend-Ausflug schnell ein Höllentrip, der alles zwischen ihnen verändert.

Dies ist die Geschichte „Das Wochenende“, eines Thrillers der britischen Schriftstellerin Hannah Richell, in denen die Protagonisten von ihrer Vergangenheit eingeholt werden und in einem Strudel geraten, dem sie sich nicht so einfach entziehen können, wie dies ihnen jahrelang zuvor in der Anonymität der Großstadt gelingt.

Dabei begegnen wir den Figuren als die Ereignisse sie längst überrollt haben, als die Polizei ihre Ermittlungen beginnt und sie ihre Sicht der Dinge erzählen. Nach und nach erfahren wir aus Sicht der verschiedenen Protagonisten von den Ereignissen der vergangenen drei Tage, deren Puzzleteile langsam ein immer klareres Bild ergeben.

Die Autorin schafft es trotz der Vielfalt an Protagonisten eine kompakte Erzählweise sowie alle Handlungsfäden bei sich zu bewahren. Der Charakter und die eigene Tonalität der jeweiligen Figuren bleibt durchweg erhalten, wobei das Tempo nach und nach anzieht. Zu Beginn ist es dabei schwer, den Überblick über das Ensemble zu bewahren, deren Stück einem Kammerspiel unter freiem Himmel gleicht, doch eine Personenliste, sowie eine Karte des Handlungsortes helfen, sich einzufinden und die Übersicht zu behalten.

Landschaftsbeschreibungen gelingen Hannah Richell ebenso wie ein Psychogram ihrer Figuren. Das eine hat man gleichsam wie ein Kinofilm vor Augen, während alle Protagonisten sowohl ihre hellen als auch ihre dunklen Seiten haben. Letztere spielen natürlich handlungstreibend die Hauptrolle in diesem Pageturner, der sich spannend liest, nur gegen Ende etwas vorhersehbar daherkommt.

Bei den Figuren mag ein jeder Anknüpfungspunkte finden, zudem die einzelnen Kapitel wechselseitig aus der jeweiligen Sichtweise erzählt wird. Immer wieder wird dabei zwischen Gegenwart und jüngster Vergangenheit hin- und hergewechselt, was den Spannungsmoment hochhält, zugleich jedoch Erklärungen für die innere Gefühlswelt der Protagonisten bietet.

Dieser stete Perspektiv- und Zeitenwechsel entfacht eine gut funktionierende Dynamik, besonders getrieben durch die inneren Gedankengänge der einzelnen Figuren. Die Erzählung ist dabei in sich schlüssig, die Wendung der Ereignisse nicht ganz so überraschend. Zumindest für geübte Thriller-Leser. Doch möchte man zumindest so weit dranbleiben, um die Auflösung zu erfahren. Immerhin gelingt es der Autorin zahlreiche Anknüpfungspunkte zu schaffen und im richtigen Moment zwischen Spannung und der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm zu wechseln.

Die Landschaftsbeschreibungen machen das ganze sehr filmisch. Die Handlungsorte sind greifbar. Man spürt jeden knackenden Ast, spürt die tosenden Wellen, wenn sie auf die Küste treffen, den sich verdunkelnden Himmel, der das Unheil verkündet. In anbetracht heutiger Thriller kommt Hannah Richell dabei mit erstaunlich wenig Gewalt aus. Die kommt zwar auch vor und wird dann treffend beschrieben, doch die inneren Gedankengänge der Figuren sind es vor allem, die hier handlungstreibend sind.

„Das Wochenende“, ist leichtgängige Lektüre, sobald man einmal in diese Dynamik eingefunden hat. Der große Überraschungseffekt bleibt zwar aus, doch liest man die Geschichte durchaus gern, zudem man in jeder Zeile merkt, dass die Autorin die Landschaft kennt, auch einen sehr viel friedlicheren Campingausflug dieser Art schon mal verbracht hat. Für jene, denen das ausreicht, ist dies durchaus eine lohnende Lektüre.

Autorin:
Hannah Richell ist eine britische Schriftstellerin. Sie schreibt Thriller und zudem für die Filmbranche. Nach ihremm Studium arbeitete sie in London und Sydney. Mittlerweile lebt Richell im Südwesten Englands. Ihre Werke sind internationale Bestseller, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

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Tanja Busse/Christiane Grefe: Der Grund

Inhalt:
Grund und Boden sind existentiell für Ernährung, Wasser, Wohnen, Klimaschutz. Und sie sind endlich. Neues Land wird nicht gemacht. Wie die begrenzten Flächen genutzt werden – für Ackerland, Beweidung, Wind- und Solarkraftwerke, Wohnungen und Gewerbegebiete, für den Naturschutz, die Wiederbelebung der Artenvielfalt – und wer darüber bestimmt: Das sind zentrale Zukunftsfragen. Wie können die Zielkonflikte im Sinne des Gemeinwohls gelöst werden? (Klappentext)

Rezension:
Wie werden wir künftig leben? Diese Frage entscheidet sich im Grunde direkt unter unseren Füßen. Der Boden auf den wir stehen, uns fortbewegen, unsere Städte und unsere Nahrung anbauen, uns mit Energie versorgen oder diesen der Natur überlassen, wurde viel zu lange sträflich behandelt und vernachlässigt. Zu viel Boden ist bereits beschädigt, zu viele widerstreitende Interessen gibt es weltweit, auch in Deutschland um die Nutzung dessen. Wie lassen sich diese Konflikte auflösen. In ihrem gut recherchierten Sachbuch „Der Grund“ gehen die Journalistinnen und Autorinnen Tanja Busse und Christiane Grefe diesen und anderen Fragen nach und zeigen, wie schwierig alleine schon für Deutschland diese Frage zu beantworten ist.

Nucht komplex erscheint die frage jenen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben, wie bestimmte Flächen zu nutzen sind, doch ist die Frage nach der Nutzung des Bodens so elementar wie vielschichtig. Dies zeigt alleine der Blick darauf, wie sich die Sicht auf den Grund unter unseren Füßen im Laufe der Zeit gewandelt hat, doch worum geht es da eigentlich? Tanja Busse und Christiane Grefe haben mit den Experten in Ministerien und Verwaltungen, Initiativen und Landwirten gesprochen und versucht, alle Sichtweisen so einfach verständlich wie möglich für uns Laien darzulegen. Dies vorangeschickt, wird jedoch zunächst der momentane Ist-Zustand erläutert und was Boden überhaupt ist, bevor kapitelweise sich den verschiedenen Themen von landwirtschaftlicher Nutzung bis hin zur städtebaulichen Planung gewidmet wird.

In kompakter Form, untermauert von einer gut recherchierten Quellenlage und zahlreichen Interviews, eröffnet sich die Vielschichtigkeit der Thematik, wobei beide Autorinnen aufzeigen, das noch immer einzelne Bereiche nebeneinander gedacht und gegeneinander ausgespielt werden, anstatt sie zusammen zu denken, um auch zukünftig eine gute Lebensgrundlage zu haben. Denn, wie soll die Wiedervernässung trockengelegter Moore funktionieren, wenn dies gleichzeitig weniger landwirtschaftliche Fläche bedeutet und damit nicht genug Lebensgrundlage für Landwirte mehr vorhanden ist?

Wo soll Naturschutz stattfinden, wo Flächen für Windräder oder Photovoltaikanlagen geopfert werden? Wie werden wir künftig die Entsiegelung der Städte mit immer mehr Menschen in Einklang bringen, die dort Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur beanspruchen, wie den immer höheren Grundstückspreisen und Mieten begegnen, die auch teilweise dadurch entstehen, dass unser Boden längst zur Handelsware geworden ist?

Das ist sehr kleinteilig und für viele von uns sehr abstrakt, gleichwohl jeder von uns wohl Beispiele aus eigener Betrachtung kennt, sei es die neue Umgehungsstraße in der eigenen Region oder das neue Wohngebiet, welches in Kindheitstagen noch Ackerland gewesen ist. Nicht nur deshalb haben Tanja Busse und Christiane Grefe sich vor allem auf Deutschland bei der Erläuterung der Thematik beschränkt und zeigen, wie sich unser Blick langsam wandelt, konkurrierende Themen gemeinsam zu denken, aber auch wo eben die Fallstricke liegen.

Vorsichtig positiv werden immer wieder auch zukunftsorientierte Beispiele für diese Zusammenarbeit etwa von Landwirten und Naturschützern gezeigt oder Stadtinitiativen, die das Leben im Großstadtdschungel neu denken. Nicht ohne aufzuzeigen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, den wir angesichts kommender Herausforderungen eigentlich schneller bewältigen müssten.

Ohne erhobenen Zeigefinger, doch mit viel Sensibilität machen beide Autorinnen eine hoch komplexe Thematik verständlich, die alle von uns angeht. Das liest sich oft genug ein wenig störrisch, zudem es zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder Überschneidungen gibt, die Vielschichtigkeit wird jedoch schnell mehr als deutlich. Wichtig und hochspannend ist es trotz alledem. An der einen oder anderen Stelle wären auch noch mehr Beispiele wünschenswert gewesen. So aber ist zumindest eine Grundlage gelegt.

Autorinnen:
Tanja Busse wurde 1970 in Eversen geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach dem Abitur studierte sie Journalismus an der Universität Dortmund sowie Philosophie in Bochum und Pisa. 1999 promovierte sie über Massenmedien und arbeitete darauf für mehrere deutsche Zeitungen. Zudem schreibt sie Bücher und beschäftigt sich mit Themen wie der Transformation der Landwirtschaft, Ernährung, Biodiversität und Nachhaltigkeit. Zusammen mit Christiane Grefe erhielt sie 2024 für „Der Grund“ die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres.

Christiane Grefe wurde 1957 in Lüdenscheid geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach der Schule studierte sie Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Amerikanistik an der Deutschen Journalistenschule in München. Von 1982 bis 1987 arbeitete sie als freie Autorin, danach war sie als Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit tätig, sowie für die Wochenpost als Reporterin. Nach verschiedenen Stationen arbeitet sie heute wieder als freue Autorin. Zu den schwerpunkten ihrer Arbeit zählen ökologische und soziale Themen, für Ihr Lebenswerk wurde sie 2024 mit dem Umweltmedienpreis ausgezeichnet. Für ihr Buch „Der Grund“ erhielt sie gemeinsam mit Tanja Busse die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres, 2024.

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Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Inhalt:
Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.

Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.

„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“
[…]
„Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.

„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.

Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.

All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.

Autor:
Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.

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Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Inhalt:
Drei Generationen von Frauen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts: „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile erzählt schonungslos von ihren Schicksalen im KZ Ravensbrück, im sowjetischen Lettland und nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der Roman zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung, und verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander. Eine KZ-Gefangene, eine traumatisierte Patientin, eine Deportierte, eine, die nach der Wahrheit über sich selbst sucht – sie alle sind die Schönen. Wie bleibt man menschlich im Angesicht des Unmenschlichen?
(Klappentext)

Rezension:
Es ist nicht nur die Geschichte dreier Frauen, deren Schicksale über die Generationen hinweg miteinander verwoben sind, die die lettische Schriftstellerin Inga Gaile hier entstehen lässt, sondern vor allem die eines Landes, welches über Jahrzehnte hinweg immer wieder vom Schicksal gebeutelt wurde. In „Der Geschmack von schwarzer Erde“ durchziehen Düsternis und Brutalität einen fast durchgehend blutroten Faden diese Erzählung, durchbrochen nur von wenigen Momenten der Hoffnung. Was macht das mit den Menschen?

Was gehen nachfolgende Generationen, in denen Täter und Opfer miteinander konfrontiert werden, mit den Schrecken der Vergangenheit um, die sich bis ins Mark ihrer Familien eingebrannt haben?

Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig, darf man auch von dieser Erzählung vollständig nicht verlangen, doch offenbaren sich viele Scherben, die die Befindlichkeiten und das Denken im heutigen Baltikum verständlich machen. Der Weg dahin indes ist kompliziert. Das wird schon am Auftakt dieses Romans deutlich. Eine nicht benannte Erzählstimme führt in die Handlung ein, deren folgende Abschnitte zumindest namentlich benannt werden und im Verlauf dann mit Jahreszahlen überschrieben.

Die Tonalität verheißt nichts als Trostlosig- und Traurigkeit, war das Land doch lange ein Spielball der Mächtigen um sie herum. Deutsche, Russen. Immer ging es um Land, Einfluss und Macht. Die Schriftstellerin spürt diesen Griffen nach, fragt durch ihre Figuren, die zunächst kaum greifbar sind, wie Traumata entstanden, wie damit umgegangen wird und was vielleicht auch die lettische Identität, das Denken der Menschen dort ausmacht.

Kompakt gehalten sind die einzelnen Kapitel. Im Angesicht des Grauen wird sparsam mit Worten hantiert. Dadurch bleiben die Figuren zunächst unnahbar, beinahe kalt. Erst im Verlauf der Handlung kann zu einzelnen Protagonisten die Distanz überwunden werden. Erst nach und nach entstehen Sympathien. Hauptfiguren sind derer drei, deren Weg wir durch die Geschichte ihres Landes begleiten. Ein Familienroman vor dem Hintergrund einer Landesgeschichte, die zur ständigen Habacht-Stellung gemahnt.

Immer lauschen die Figuren nach Nuancen, die den nächsten großen Knall ankündigen. Die Autorin beschreibt körperliche und seelische Wunden teilweise so treffend, dass es förmlich beim Lesen wehtut. Was zwischen den Zeilen so steht, wirkt dabei noch heftiger.

Wir begleiten Violette, Magdalena und Duks. Die eine durchlebt die Schrecken des Konzentrationslagers, die andere den stalinschen Terror, die dritte das Ende des Kalten Krieges. Sämtliche prägende Epochen der jüngeren Geschichte Lettlands verdichten sich in den Figuren, denen die Autorin die Kraft des Überlebens in die Hand gegeben hat. Ihre Wege verfolgen wir, ihre Narben, die ihnen durch andere zugefügt werden, die wir ebenso kennenlernen. Die Protagonistinnen sind die Spielbälle, erkämpfen sich jeden Tag, jedes Jahr neu. So ist „Der Geschmack von schwarzer Erde“ auch eine Erzählung, was Überlebenswille zu leisten vermag.

Inga Gaile schafft es, seelische Grausamkeiten und Kälte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und deren Wirkung auf andere aufzuzeigen. Die Schriftstellerin offenbart, was das Denken und Handeln ihres Heimatlandes, vor allem gegenüber den übermächtigen großen Nachbarn und auch sonst, noch heute bestimmt, ohne manchen Schrecken wortwörtlich zu benennen. Anderer wird plastisch, beinahe filmisch dargestellt. Der Wechsel der Perspektiven erfolgt behutsam, ist dennoch so gesetzt, dass eine Dynamik daraus entsteht, derer man sich nicht entziehen kann. Wenn man sich in der Tonalität eingefunden hat, was nicht einfach ist und mehr als einen Moment benötigt.

Aus Sicht der verschiedenen Figuren werden die einzelnen Kapitel erzählt, deren Handlungsfäden langsam ineinander übergreifen. Mit ein wenig geschichtlichen Verständnis und auch Interesse daran, ist es leichter, dort hinein zu finden. Das Tempo der Erzählung ist vergleichsweise gemächlich. Mit der kompakt gehaltenen Form trägt die Autorin dem Rechnung. Immer wieder stechen einzelne Sätze hervor, nach denen man innehalten muss, da sie einem mehr als nachdenklich zurücklassen.

Schauplätze und Protagonisten vermag die Schriftstellerin filmisch zu beschreiben, ohne zu viele Worte zu verlieren. Und doch genügen sie. Schon lange war ein Generationenepos nicht mehr so kompakt wie dieser. Es ist ein behutsamer Text, der vieles klarer werden und uns innehalten lässt, der die Themen vereint, wie wir mit unserer Familiengeschichte umgehen und was Erlebnisse und Taten unserer Großeltern und Eltern mit uns machen?

Wie gehen wir damit um? Wofür sind wir verantwortlich? Wofür nicht? Was können wir für uns daraus ziehen? Was macht uns zu dem, was wir sind? Ziemlich viele Fragen, deren Beantwortung Inga Gaile anhand ihrer Figuren uns überlässt, vor dem spannenden Hintergrund eines Landes, welches heute sehr genau hinschaut, eben deshalb, was an seinen Grenzen und außerhalb passiert. In dieser kompakten Form ist das, etwas kantig zwar, gelungen.

Autorin:
Inga Gaile ist eine lettische Autorin und Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Gedichten. Die derzeitige Präsidentin des lettischen PEN thematisiert in ihrem Roman „Der Geschmack von schwarzer Erde“ die dunkelsten Seiten der lettischen und deutschen Geschichte.

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