Leben

Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

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Takis Würger: Für Polina

Inhalt:
Als er vierzehn ist, verliebt sich Hannes Prager in das Mädchen Polina. Um ihr seine Liebe zu zeigen, komponiert der wundersam begabte Junge eine Melodie, die Polinas ganzes Sehnen und Wünschen umfasst. Kurz danach stirbt Hannes‘ Mutter bei einem Unfall, mit ihr stirbt seine Musik und Hannes‘ und Polinas Wege trennen sich. Nach Jahren, in denen er nichts als Leere fühlt, erkennt Hannes: Er muss Polina wiederfinden. Doch das Einzige, womit er sie erreichen kann, ist ihre Melodie. (Klappentext)

Rezension:
Diese Texte, in die man sich hineinstürzt, in sie versinkt und berührt zurückbleibt, deren Figuren man festhalten will, mit ihnen leidet und die einem auch nach dem Lesen nicht loslassen, sie gibt es selten. Doch wenn man nur einen von ihnen einmal erwischt, möchte man daran festhalten, diesen Moment nicht verlieren.

Der Roman „Für Polina“ von Schriftsteller Takis Würger gehört dazu, der nicht nur die Geschichte zweier Menschen erzählt, die ohne einander nicht können, ohne einander nicht sind, sondern auch, welche Bindung Musik zu schaffen vermag und wie sie unsere Herzen berührt. Hannes und Polina sind die Hauptfiguren dieses Kleinods, die beinahe wie Geschwister zusammen aufwachsen, nachdem sich ihre Mütter im Krankenhaus kennengelernt und miteinander befreundet haben.

Schon früh erkennen die Erwachsenen die Begabung des Jungen, den sonst nichts zu interessieren scheint, die tiefe echte Begeisterung für die Wirkung von Melodien, die sich fortan durch sein Leben ziehen werden.

Auf der anderen Seite Polina, lebenslustig, das Gegenteil von distanziert, für die die Menschen um sie herum immer greifbarer sind als für ihn. Charakterzüge zweier Persönlichkeiten, die sich fortan gegenseitig ergänzen, bis im späten Jugend-, dann jungen Erwachsenenalter die ersten von vielen Brüchen folgen, die Narben in beider Seelen hinterlassen werden.

Eingebetet ist die Coming of Age Geschichte in einem Text gleichsam einer Melodie, die wir über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgen, zumeist aus der Perspektive von Hannes, nur hin und wieder im Wechsel mit anderen, den Nebenfiguren, die als Handlungstreiber fungieren. Großteils genügt der Hauptprotagonist sich selbst, für den die Musik alles ist, alles andere nichts, der Abhängigkeiten lange zu ignorieren versucht, bis er lernt, damit umzugehen, und Konsequenzen zu ziehen, ohne teilweise darauf zu achten, wie das bei der Umgebung ankommt.

Diese Kompromisslosigkeit liest sich faszinierend und ist folgerichtig für die Glaubwürdigkeit der Figur, die so viele Ecken und Kanten hast, nichts an sich heranlässt, um im Inneren den Körper vor dem Zerreißen zu schützen. Mit wenigen Worten schafft es Takis Würger dennoch sehr gefühlvoll dies zur Sprache zu bringen, dem damit nicht nur die Ausgestaltung seiner Charaktere gelingt, sondern auch Orte sehr filmisch vor dem inneren Auge entstehen lässt.

Die Kraft des Textes, in dem einzelne Formulierungen die Lesenden immer wieder aufmerken lassen, liegt eben darin, dass man ihn wirken lassen muss. Vielleicht mit der Klaviermusik von Florian Christl im Hintergrund, dessen Stücke seit der szenischen Lesung unter dessen Begleitung für mich jetzt immer mit dieser Geschichte verbunden sein werden. Diese Verbindung von zwei Kunstrichtungen, Musik und Literatur, habe ich so vorher auch noch nicht erleben können, wie auch Hannes die Wirkung seiner eigenen Musik erst spät annehmen kann.

* U. a. dieses Stück hat Florian Christl tatsächlich bei der szenischen Lesung gespielt.

Es ist nicht nur die Neuinterpretation der klassischen unglücklichen Liebesgeschichte, sondern eben diese Verbindung, die hier Takis Würger gelingt, der mit „Für Polina“ beweist, dass es manchmal keinen großen Knalleffekt braucht, keine Wendung, die sich anfühlt, wie eine aus der Klavierheft gefallene Note. Manchmal reicht das in sich Hineinhorchen, das sich Treiben lassen.

Die Kraft von Literatur, die Kraft von Musik, die hier erzählt wird, lohnt sich mit jeder Zeile. Nicht nur deshalb ist Takis Würgers Roman eine unbedingte Empfehlung.

Autor:
Takis Würger wurde 1985 in Hohenhameln geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach einem Volontariant bei der Münchner Abendzeitung und dem Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete er ls Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2014 studierte er in Cambridge Human, Social and Politcal Science. Er berichtete u. a. aus Afghanistan, Mexiko und der Ukraine. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Ein Sachbuch von ihm erschien 2015, „Der Club“ war sein erster Roman, dem weitere folgten.

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Hannah Richel: Das Wochenende

Inhalt:
Zur Einweohung ihres luxuriösen Campingplatzes in Cornwall haben Max und Annie ihre Studienfreunde samt Kindern eingeladen: TV-Star Dominic, die Ärztin Kira sowie die Freigeister Jim und Suze. Doch schon am ersten Abend kommt es am lagerfeuer zu einem handfesten Streit.

Am nächsten Tag zieht von der zerklüfteten Küste her ein Unwetter auf. Als eines der Kinder nicht vom Strandausflug zurückkehrt, eskaliert die Situation. Inmitten des tosenden Sturms sind die Freunde auf sich allein gestellt. Alte Konflikte brechen auf, neue Geheimnisse kommen ans Licht, und irgendjemand spielt ein tödliches Spiel … (Klappentext)

Rezension:
Dem Sturm ausgeliefert, offenbaren sich schnell menschliche Fehler, all die Schwächen und das zwischen den Jahren Ungesagte, als vier befreundete Familien plötzlich festsitzen und die ländliche Idylle plötzlich zur trügerischen Falle wird, derer sie nicht ausweichen können. Ein Wiedersehen zwischen Freunden sollte es werden, ein neuer Lebensabschnitt vielleicht, doch wird aus einem Wochenend-Ausflug schnell ein Höllentrip, der alles zwischen ihnen verändert.

Dies ist die Geschichte „Das Wochenende“, eines Thrillers der britischen Schriftstellerin Hannah Richell, in denen die Protagonisten von ihrer Vergangenheit eingeholt werden und in einem Strudel geraten, dem sie sich nicht so einfach entziehen können, wie dies ihnen jahrelang zuvor in der Anonymität der Großstadt gelingt.

Dabei begegnen wir den Figuren als die Ereignisse sie längst überrollt haben, als die Polizei ihre Ermittlungen beginnt und sie ihre Sicht der Dinge erzählen. Nach und nach erfahren wir aus Sicht der verschiedenen Protagonisten von den Ereignissen der vergangenen drei Tage, deren Puzzleteile langsam ein immer klareres Bild ergeben.

Die Autorin schafft es trotz der Vielfalt an Protagonisten eine kompakte Erzählweise sowie alle Handlungsfäden bei sich zu bewahren. Der Charakter und die eigene Tonalität der jeweiligen Figuren bleibt durchweg erhalten, wobei das Tempo nach und nach anzieht. Zu Beginn ist es dabei schwer, den Überblick über das Ensemble zu bewahren, deren Stück einem Kammerspiel unter freiem Himmel gleicht, doch eine Personenliste, sowie eine Karte des Handlungsortes helfen, sich einzufinden und die Übersicht zu behalten.

Landschaftsbeschreibungen gelingen Hannah Richell ebenso wie ein Psychogram ihrer Figuren. Das eine hat man gleichsam wie ein Kinofilm vor Augen, während alle Protagonisten sowohl ihre hellen als auch ihre dunklen Seiten haben. Letztere spielen natürlich handlungstreibend die Hauptrolle in diesem Pageturner, der sich spannend liest, nur gegen Ende etwas vorhersehbar daherkommt.

Bei den Figuren mag ein jeder Anknüpfungspunkte finden, zudem die einzelnen Kapitel wechselseitig aus der jeweiligen Sichtweise erzählt wird. Immer wieder wird dabei zwischen Gegenwart und jüngster Vergangenheit hin- und hergewechselt, was den Spannungsmoment hochhält, zugleich jedoch Erklärungen für die innere Gefühlswelt der Protagonisten bietet.

Dieser stete Perspektiv- und Zeitenwechsel entfacht eine gut funktionierende Dynamik, besonders getrieben durch die inneren Gedankengänge der einzelnen Figuren. Die Erzählung ist dabei in sich schlüssig, die Wendung der Ereignisse nicht ganz so überraschend. Zumindest für geübte Thriller-Leser. Doch möchte man zumindest so weit dranbleiben, um die Auflösung zu erfahren. Immerhin gelingt es der Autorin zahlreiche Anknüpfungspunkte zu schaffen und im richtigen Moment zwischen Spannung und der sprichwörtlichen Ruhe vor dem Sturm zu wechseln.

Die Landschaftsbeschreibungen machen das ganze sehr filmisch. Die Handlungsorte sind greifbar. Man spürt jeden knackenden Ast, spürt die tosenden Wellen, wenn sie auf die Küste treffen, den sich verdunkelnden Himmel, der das Unheil verkündet. In anbetracht heutiger Thriller kommt Hannah Richell dabei mit erstaunlich wenig Gewalt aus. Die kommt zwar auch vor und wird dann treffend beschrieben, doch die inneren Gedankengänge der Figuren sind es vor allem, die hier handlungstreibend sind.

„Das Wochenende“, ist leichtgängige Lektüre, sobald man einmal in diese Dynamik eingefunden hat. Der große Überraschungseffekt bleibt zwar aus, doch liest man die Geschichte durchaus gern, zudem man in jeder Zeile merkt, dass die Autorin die Landschaft kennt, auch einen sehr viel friedlicheren Campingausflug dieser Art schon mal verbracht hat. Für jene, denen das ausreicht, ist dies durchaus eine lohnende Lektüre.

Autorin:
Hannah Richell ist eine britische Schriftstellerin. Sie schreibt Thriller und zudem für die Filmbranche. Nach ihremm Studium arbeitete sie in London und Sydney. Mittlerweile lebt Richell im Südwesten Englands. Ihre Werke sind internationale Bestseller, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

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Tanja Busse/Christiane Grefe: Der Grund

Inhalt:
Grund und Boden sind existentiell für Ernährung, Wasser, Wohnen, Klimaschutz. Und sie sind endlich. Neues Land wird nicht gemacht. Wie die begrenzten Flächen genutzt werden – für Ackerland, Beweidung, Wind- und Solarkraftwerke, Wohnungen und Gewerbegebiete, für den Naturschutz, die Wiederbelebung der Artenvielfalt – und wer darüber bestimmt: Das sind zentrale Zukunftsfragen. Wie können die Zielkonflikte im Sinne des Gemeinwohls gelöst werden? (Klappentext)

Rezension:
Wie werden wir künftig leben? Diese Frage entscheidet sich im Grunde direkt unter unseren Füßen. Der Boden auf den wir stehen, uns fortbewegen, unsere Städte und unsere Nahrung anbauen, uns mit Energie versorgen oder diesen der Natur überlassen, wurde viel zu lange sträflich behandelt und vernachlässigt. Zu viel Boden ist bereits beschädigt, zu viele widerstreitende Interessen gibt es weltweit, auch in Deutschland um die Nutzung dessen. Wie lassen sich diese Konflikte auflösen. In ihrem gut recherchierten Sachbuch „Der Grund“ gehen die Journalistinnen und Autorinnen Tanja Busse und Christiane Grefe diesen und anderen Fragen nach und zeigen, wie schwierig alleine schon für Deutschland diese Frage zu beantworten ist.

Nucht komplex erscheint die frage jenen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben, wie bestimmte Flächen zu nutzen sind, doch ist die Frage nach der Nutzung des Bodens so elementar wie vielschichtig. Dies zeigt alleine der Blick darauf, wie sich die Sicht auf den Grund unter unseren Füßen im Laufe der Zeit gewandelt hat, doch worum geht es da eigentlich? Tanja Busse und Christiane Grefe haben mit den Experten in Ministerien und Verwaltungen, Initiativen und Landwirten gesprochen und versucht, alle Sichtweisen so einfach verständlich wie möglich für uns Laien darzulegen. Dies vorangeschickt, wird jedoch zunächst der momentane Ist-Zustand erläutert und was Boden überhaupt ist, bevor kapitelweise sich den verschiedenen Themen von landwirtschaftlicher Nutzung bis hin zur städtebaulichen Planung gewidmet wird.

In kompakter Form, untermauert von einer gut recherchierten Quellenlage und zahlreichen Interviews, eröffnet sich die Vielschichtigkeit der Thematik, wobei beide Autorinnen aufzeigen, das noch immer einzelne Bereiche nebeneinander gedacht und gegeneinander ausgespielt werden, anstatt sie zusammen zu denken, um auch zukünftig eine gute Lebensgrundlage zu haben. Denn, wie soll die Wiedervernässung trockengelegter Moore funktionieren, wenn dies gleichzeitig weniger landwirtschaftliche Fläche bedeutet und damit nicht genug Lebensgrundlage für Landwirte mehr vorhanden ist?

Wo soll Naturschutz stattfinden, wo Flächen für Windräder oder Photovoltaikanlagen geopfert werden? Wie werden wir künftig die Entsiegelung der Städte mit immer mehr Menschen in Einklang bringen, die dort Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur beanspruchen, wie den immer höheren Grundstückspreisen und Mieten begegnen, die auch teilweise dadurch entstehen, dass unser Boden längst zur Handelsware geworden ist?

Das ist sehr kleinteilig und für viele von uns sehr abstrakt, gleichwohl jeder von uns wohl Beispiele aus eigener Betrachtung kennt, sei es die neue Umgehungsstraße in der eigenen Region oder das neue Wohngebiet, welches in Kindheitstagen noch Ackerland gewesen ist. Nicht nur deshalb haben Tanja Busse und Christiane Grefe sich vor allem auf Deutschland bei der Erläuterung der Thematik beschränkt und zeigen, wie sich unser Blick langsam wandelt, konkurrierende Themen gemeinsam zu denken, aber auch wo eben die Fallstricke liegen.

Vorsichtig positiv werden immer wieder auch zukunftsorientierte Beispiele für diese Zusammenarbeit etwa von Landwirten und Naturschützern gezeigt oder Stadtinitiativen, die das Leben im Großstadtdschungel neu denken. Nicht ohne aufzuzeigen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, den wir angesichts kommender Herausforderungen eigentlich schneller bewältigen müssten.

Ohne erhobenen Zeigefinger, doch mit viel Sensibilität machen beide Autorinnen eine hoch komplexe Thematik verständlich, die alle von uns angeht. Das liest sich oft genug ein wenig störrisch, zudem es zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder Überschneidungen gibt, die Vielschichtigkeit wird jedoch schnell mehr als deutlich. Wichtig und hochspannend ist es trotz alledem. An der einen oder anderen Stelle wären auch noch mehr Beispiele wünschenswert gewesen. So aber ist zumindest eine Grundlage gelegt.

Autorinnen:
Tanja Busse wurde 1970 in Eversen geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach dem Abitur studierte sie Journalismus an der Universität Dortmund sowie Philosophie in Bochum und Pisa. 1999 promovierte sie über Massenmedien und arbeitete darauf für mehrere deutsche Zeitungen. Zudem schreibt sie Bücher und beschäftigt sich mit Themen wie der Transformation der Landwirtschaft, Ernährung, Biodiversität und Nachhaltigkeit. Zusammen mit Christiane Grefe erhielt sie 2024 für „Der Grund“ die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres.

Christiane Grefe wurde 1957 in Lüdenscheid geboren und ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Nach der Schule studierte sie Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Amerikanistik an der Deutschen Journalistenschule in München. Von 1982 bis 1987 arbeitete sie als freie Autorin, danach war sie als Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit tätig, sowie für die Wochenpost als Reporterin. Nach verschiedenen Stationen arbeitet sie heute wieder als freue Autorin. Zu den schwerpunkten ihrer Arbeit zählen ökologische und soziale Themen, für Ihr Lebenswerk wurde sie 2024 mit dem Umweltmedienpreis ausgezeichnet. Für ihr Buch „Der Grund“ erhielt sie gemeinsam mit Tanja Busse die Auszeichnung Wissensbuch des Jahres, 2024.

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Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Inhalt:
Sese kann keinen Streich widerstehen, und seine Familie glaubt, der Teufel stecke ihm im Leib. Um ihrem Groll zu entgehen, flüchtet sich Sese in seine Fantasie – eine Welt, in der die Hühner zu wilden Panthern werden und ein kleiner Orangenbaum ihn zu Abenteuern überredet. Und wo ganz, ganz sicher der beste Mensch der Welt auf ihn wartet. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen fiktionalisierter Kindheitsbiografie und Coming of Age Geschichte schwankt die Erzählung des brasilianischen Schriftstellers Jose Mauro de Vasconcelos, die direkt nach Erscheinen 1968 Aufsehen erregte. Die kompakt gehaltene Novelle, in der beinahe durchgehend ein Orangenbaum der einzig positive Bezugspunkt für den kleinen jungen Protagonisten ist, verliert kein Wort zu viel und geht dennoch direkt unter die Haut.

Ich wollte nur noch in Liebesfilme gehen, wie die Großen sie nannten. Filme, in denen viele Küsse vorkommen und viel Zärtlichkeit und wo alle sich lieben. War ich selber nur dazu da, verprügelt zu werden, so konnte ich dort doch wenigstens sehen, wie andere Menschen sich gern mochten.

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Erzäht wird die Geschichte einer Kindheit, die einzig Trostlosigkeit in Hülle und Fülle zu bieten hat. Allen voran vor den Schlägen der Eltern und seiner älteren Geschwister flüchtet sich der kleine Hauptprotagonist in eine farbenfrohe Phantasiewelt, die ihn stets zu Streichen animiert, wofür es im nächsten Moment promt erneut Prügel hagelt, die den Jungen nach und nach seinen Glauben an sich selbst verlieren lässt, wobei auch nicht hilfreich ist, dass die stete Armut der Familie keine Perspektiven bietet. Selbst in Kinderaugen, die nur Wut und Verzweiflung in den Augen der Älteren sehen oder zu Weihnachten keine Geschenke.

„Ich weiß, warum. Weil ich wirklich gar nichts tauge. Ich bin so böse; weißt du, was Weihnachten passiert? Da kommt nicht das Jesuskind, da kommt das Teufelskind auf die Welt …!“
[…]
„Ich bin so schlecht, ich hätte gar nicht geboren werden dürfen. Das habe ich neulich auch schon zu Mama gesagt.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

In der Erzählung, die kein überflüssiges Wort enthält, begleiten wir die Hauptfigur durch die erste Zeit des bewussten Erlebens in der Kindheit, der mit wachen Augen seine Umgebung wahrnimmt, um darauf zu reagieren und dann fast immer den kürzeren zu ziehen. Fürsprecher hat er wehrlos kaum, von der Familie ist es beinahe allein eine ältere Schwester, ansonsten werden nach und nach nur wenige außenstehende Erwachsene zu positiven Bezugspunkten aufgebaut. Alle anderen Figuren sind im Gegensatz zu Sese, dessen Verbrechen es ist, Kind zu sein in einer kinderfeindlichen Umgebung, aus dessen Sicht klare Antagonisten.

„Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist.“

Jose Mauro de Vasconcelos: Mein kleiner Orangenbaum

Das macht den kleinen und intelligenten Jungen zu einem klaren Sympathieträger, der so sensibel wie mutig sich einer Welt entgegen stellt, die dem Kinde überdrüssig ist, allen voran die eigenen Eltern. Nicht nur der Wechsel zwischen realen Erleben und Phantasie kennzeichnet die Dynamik der Erzählung, auch Seses tiefgängige Gedanken, natürlich auch die Streiche in dichter Abfolge provozieren geradezu ein hohes Lesetempo, welches man nur gegen Ende stocken lässt, um an den entsprechenden Stellen innehalten zu können.

Diesen Tempowechsel so gekonnt hinzubekommen, ist hier wirklich gelungen. Erwähnenswert, die Erzählung verliert dadurch nichts, sondern gewinnt eher. Alle Figuren ohne Ausnahme, haben ihre Ecken und Kanten. Keine ist zu blass gezeichnet, als dass man sie sich nicht vor dem inneren Auge vorstellen könnte. Auch Orte, wobei diese überschaubar an der Zahl sind, werden sehr plastisch dargestellt. Die Schilderung der Gefühlswelt Seses tut ihr übriges. Zudem werden wichtige Themen wie Geldsorgen und Armut, aber auch Gewalt in der Familie thematisiert. Bemerkenswert, wenn man die Entstehungszeit des Romans betrachtet.

All dies überein zu bringen, ist Jose Mauro de Vasconcelos mit „Mein kleiner Orangenbaum“, in der einfühlsamen Übersetzung von Marianne Jolowicz vorliegend, so gut gelungen, dass die kleine Novelle sich in das Gedächtnis eingräbt, wie die Wurzeln besagter Pflanze in die Erde. Mehr kann man da gar nicht verlangen.

Autor:
Jose Mauro de Vasconcelos wurde 1920 in Rio de Janeiro geboren und war ein brasilianischer Schriftsteller. Bereits 1942 erschien seine erste von zahlreichen Erzählungen, deren bekannteste „Mein kleiner Orangenbaum“ 1968 veröffentlicht und ein Jahr später ins Deutsche übersetzt wurde. Der Schriftsteller studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, arbeitete als Lehrer, Bananenlader, Krankenpfleger und Fischer, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf machte. Vasconcelos starb 1984 in Sao Paulo.

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Inga Gaile: Der Geschmack von schwarzer Erde

Inhalt:
Drei Generationen von Frauen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts: „Der Geschmack von schwarzer Erde“ von Inga Gaile erzählt schonungslos von ihren Schicksalen im KZ Ravensbrück, im sowjetischen Lettland und nach dem Ende des Kalten Krieges.

Der Roman zeigt die Traumata, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, unabhängig von Nation und sozialer Stellung, und verwebt die Lebensgeschichten dieser Menschen miteinander. Eine KZ-Gefangene, eine traumatisierte Patientin, eine Deportierte, eine, die nach der Wahrheit über sich selbst sucht – sie alle sind die Schönen. Wie bleibt man menschlich im Angesicht des Unmenschlichen?
(Klappentext)

Rezension:
Es ist nicht nur die Geschichte dreier Frauen, deren Schicksale über die Generationen hinweg miteinander verwoben sind, die die lettische Schriftstellerin Inga Gaile hier entstehen lässt, sondern vor allem die eines Landes, welches über Jahrzehnte hinweg immer wieder vom Schicksal gebeutelt wurde. In „Der Geschmack von schwarzer Erde“ durchziehen Düsternis und Brutalität einen fast durchgehend blutroten Faden diese Erzählung, durchbrochen nur von wenigen Momenten der Hoffnung. Was macht das mit den Menschen?

Was gehen nachfolgende Generationen, in denen Täter und Opfer miteinander konfrontiert werden, mit den Schrecken der Vergangenheit um, die sich bis ins Mark ihrer Familien eingebrannt haben?

Die Beantwortung dieser Frage ist vielschichtig, darf man auch von dieser Erzählung vollständig nicht verlangen, doch offenbaren sich viele Scherben, die die Befindlichkeiten und das Denken im heutigen Baltikum verständlich machen. Der Weg dahin indes ist kompliziert. Das wird schon am Auftakt dieses Romans deutlich. Eine nicht benannte Erzählstimme führt in die Handlung ein, deren folgende Abschnitte zumindest namentlich benannt werden und im Verlauf dann mit Jahreszahlen überschrieben.

Die Tonalität verheißt nichts als Trostlosig- und Traurigkeit, war das Land doch lange ein Spielball der Mächtigen um sie herum. Deutsche, Russen. Immer ging es um Land, Einfluss und Macht. Die Schriftstellerin spürt diesen Griffen nach, fragt durch ihre Figuren, die zunächst kaum greifbar sind, wie Traumata entstanden, wie damit umgegangen wird und was vielleicht auch die lettische Identität, das Denken der Menschen dort ausmacht.

Kompakt gehalten sind die einzelnen Kapitel. Im Angesicht des Grauen wird sparsam mit Worten hantiert. Dadurch bleiben die Figuren zunächst unnahbar, beinahe kalt. Erst im Verlauf der Handlung kann zu einzelnen Protagonisten die Distanz überwunden werden. Erst nach und nach entstehen Sympathien. Hauptfiguren sind derer drei, deren Weg wir durch die Geschichte ihres Landes begleiten. Ein Familienroman vor dem Hintergrund einer Landesgeschichte, die zur ständigen Habacht-Stellung gemahnt.

Immer lauschen die Figuren nach Nuancen, die den nächsten großen Knall ankündigen. Die Autorin beschreibt körperliche und seelische Wunden teilweise so treffend, dass es förmlich beim Lesen wehtut. Was zwischen den Zeilen so steht, wirkt dabei noch heftiger.

Wir begleiten Violette, Magdalena und Duks. Die eine durchlebt die Schrecken des Konzentrationslagers, die andere den stalinschen Terror, die dritte das Ende des Kalten Krieges. Sämtliche prägende Epochen der jüngeren Geschichte Lettlands verdichten sich in den Figuren, denen die Autorin die Kraft des Überlebens in die Hand gegeben hat. Ihre Wege verfolgen wir, ihre Narben, die ihnen durch andere zugefügt werden, die wir ebenso kennenlernen. Die Protagonistinnen sind die Spielbälle, erkämpfen sich jeden Tag, jedes Jahr neu. So ist „Der Geschmack von schwarzer Erde“ auch eine Erzählung, was Überlebenswille zu leisten vermag.

Inga Gaile schafft es, seelische Grausamkeiten und Kälte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und deren Wirkung auf andere aufzuzeigen. Die Schriftstellerin offenbart, was das Denken und Handeln ihres Heimatlandes, vor allem gegenüber den übermächtigen großen Nachbarn und auch sonst, noch heute bestimmt, ohne manchen Schrecken wortwörtlich zu benennen. Anderer wird plastisch, beinahe filmisch dargestellt. Der Wechsel der Perspektiven erfolgt behutsam, ist dennoch so gesetzt, dass eine Dynamik daraus entsteht, derer man sich nicht entziehen kann. Wenn man sich in der Tonalität eingefunden hat, was nicht einfach ist und mehr als einen Moment benötigt.

Aus Sicht der verschiedenen Figuren werden die einzelnen Kapitel erzählt, deren Handlungsfäden langsam ineinander übergreifen. Mit ein wenig geschichtlichen Verständnis und auch Interesse daran, ist es leichter, dort hinein zu finden. Das Tempo der Erzählung ist vergleichsweise gemächlich. Mit der kompakt gehaltenen Form trägt die Autorin dem Rechnung. Immer wieder stechen einzelne Sätze hervor, nach denen man innehalten muss, da sie einem mehr als nachdenklich zurücklassen.

Schauplätze und Protagonisten vermag die Schriftstellerin filmisch zu beschreiben, ohne zu viele Worte zu verlieren. Und doch genügen sie. Schon lange war ein Generationenepos nicht mehr so kompakt wie dieser. Es ist ein behutsamer Text, der vieles klarer werden und uns innehalten lässt, der die Themen vereint, wie wir mit unserer Familiengeschichte umgehen und was Erlebnisse und Taten unserer Großeltern und Eltern mit uns machen?

Wie gehen wir damit um? Wofür sind wir verantwortlich? Wofür nicht? Was können wir für uns daraus ziehen? Was macht uns zu dem, was wir sind? Ziemlich viele Fragen, deren Beantwortung Inga Gaile anhand ihrer Figuren uns überlässt, vor dem spannenden Hintergrund eines Landes, welches heute sehr genau hinschaut, eben deshalb, was an seinen Grenzen und außerhalb passiert. In dieser kompakten Form ist das, etwas kantig zwar, gelungen.

Autorin:
Inga Gaile ist eine lettische Autorin und Verfasserin von Romanen, Theaterstücken und Gedichten. Die derzeitige Präsidentin des lettischen PEN thematisiert in ihrem Roman „Der Geschmack von schwarzer Erde“ die dunkelsten Seiten der lettischen und deutschen Geschichte.

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Ulrich Völkel: Der Mann mit dem Hut mit dem Hund wo bellt

Inhalt:
Da durchbricht jeden Morgen ein kläffender Terriermix, der einen Mann mit Hut an seiner Leine hinter sich herzieht, die Stille am Frühstückstisch. Ein Mann springt über seinen Schatten und fragt nach dem Weg. Und erfährt dabei nicht nur, wie er von A nach B kommt. Tante Paula schält jeden Tag Kartoffeln – und setzt auf das richtiige Pferd. Ein ungleiches Paar geht jeden Tag den selben Weg durch den Park und macht sich nichts aus den Blicken und Bemerkungen der anderen. Albert und Erna wiederum, ein ganz anderes Paar, sehen die Welt von ihrem Fenster aus vorbeiziehen. Tag für Tag. Und Frau Meier lächelt über die beiden. Tag für Tag.

Ein junger Literaturkritiker geht dem Geheimnis um die immer schlechter werdenden Kurzgeschichten des sonst stets brillianten Autors nach und erfährt, dass man schon einen Vogel haben muss, um ein guter Schriftsteller zu sein.

Solche und andere leicht skurrilen Geschichten sind in diesemBand zur Erheiterung der geneigten Leserschaft versammelt. Es darf auch geschmunzelt werden. (Klappentext)

Rezension:
Nichts ist wie es scheint. Es passiert ja auch nichts, doch eigentlich ganz schön viel, wenn man nur genauer hinsieht. Das tun die Protagonisten seiner immer nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten und werden selbst Gegenstand der Beobachtung durch andere, vor allem aber uns Lesenden. Der Schriftsteller Ulrich Völkel hat sie, Mensch und Tier, allesamt in wundersamen, erstaunlichen, manchmal doch urkomischen Miniaturen versammelt, die mitunter zu überraschen wissen. Alle sind sie hier, in diesem Band versammelt.

Sechszehn dieser sehr unterschiedlichen Kurzgeschichten erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven Alltagssituationen, die mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht werden. Wenige Sätze nur benötigt der Autor, um überraschende Wendungen entstehen zu lassen oder einer ernsten Situation eine glückliche Wendung anzufügen. Nicht immer funktioniert dies gleichermaßen gut. Wenige Worte sind nicht immer ausreichend, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Oft genug wünscht man den Figuren mehr Raum. So einige hätten es verdient, während andere ihre Geschichte ausreichend füllen und im Gedächtnis bleiben.

Völkels Sammlung wirkt wie eine Aneinanderreihung verschiedener Kurzfilme, so plastisch sind die Berschreibungen der Figuren, die klar vor dem inneren Auge stehen, auch deren Umgebung ist gut vorstellbar. Als würde man selbst durch die Straßen gehen, und mal aus dem Augenwinkel heraus, mal genauer Momente, einzelne Szenen, wahrnehmen. Manche stechen dabei heraus und bleiben im Gedächtnis, andere verschwinden mit dem Moment des Umblätterns, zudem kein wirklicher roter Faden, wenn überhaupt nur der Alltag an sich, als Verbindung erkennbar ist.

Trotzdem lohnt sich der Band für einzelne Geschichten, von denen alle Lesenden andere als herausstechend empfinden werden. Vielleicht entfalten diese jedoch auch ihre Wirkung um so mehr, je öfter man diese beiseite legt, und dann sich erneut zu Gemüte führt? Das Hintereinanderweglesen nimmt etwas von dem Charme dieser Miniaturen. Zwischen den Kurzgeschichten Pausen zu lassen, ist hier anzuraten, schon, um eine Lieblingsminiatur aus diesem Band für sich herauszufinden. Welche ist eure?

Autor:
Ulrich Völkel wurde 1940 in Plauen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach dem Wehrdienst war er als Bühnenarbeiter und Dramaturgie-Assistent in Putbus auf Rügen tätig und wurde 1962 Kultureferent Saßnitzs, wirkte ab 1962 in der Kulturarbeit Schwerins mit. Nach einem Studium in Leipzig, war er künstlerischer Mitarbeiter in Schwerin und Rostock, seit 1975 als freier Schriftsteller tätig. 1993 gründete er den Rhinoverlag, den er bis 2006 leitete. Er ist Verfasser zahlreicher Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke, arbeitet zudem als Lektor.

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Peter Schaar: Schöne neue Stadt

Inhalt:
Der Traum von der idealen Stadt ist so alt wie die Stadt selbst. Die jüngste Ausprägung dieser Utopie ist die Smart City – die intelligente Stadt, vollgepackt mit modernster Technik und umfassend digitalisiert. Doch machen Flugtaxis und Hyperloops, allgegenwärtige Sensorik, Zugangskontrollsysteme und eine datengestützte Steuerung die Stadt der Zukunft wirklich zu einem lebenswerten Ort? Sind sie die Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen, vor denen die rasant wachsenden Metropolen heute stehen? Oder mutiert das vermeintliche Verwaltungsparadies am Ende nicht vielmehr zu einem digitalen Moloch?

Diesen Fragen geht Peter Schaar in seinem packenden Buch auf den Grund. Der langjährige Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit beleuchtet kenntnisreich aktuelle Fehlentwicklungen, zeigt aber auch, wie sich verhindern lässt, dass die smarte Stadt zu einem Überwachungsalbtraum wird. (Klappentext)

Rezension:
Hitzeinseln, das Müllproblem oder die Steuerung des Verkehrsflusses, Teilhabe an Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Anwendungsbereiche für Smart Technology gibt es genug, zumal zukünftig, wenn noch mehr Menschen als ohnehin schon in Metropolen und anderen Ballungsräzumen leben werden. Doch, was bedeutet das? Welche Vor- und Nachteile entstehen da durch und womit werden die Entscheidungsträger, nicht zuletzt wir, die dort leben, immer häufiger konfrontiert werden?

Der ehemalige Bundesbeauftragte für Datenschutz Peter Schaar hat dies für das vorliegende Sachbuch einmal verständlich aufbereitet und zeigt an existierenden Beispielen, vor welchen Herausforderungen und Problemen wir inmitten der Smart Cities konfrontiert werden, was es zu beachten gilt und wo unsere Chancen liegen können.

Aber, was ist eigentlich eine Smart City? Wie ist sie aufgebaut und welchen Stand haben Digitalisierung und digitale Transformation iin der Welt und in Deutschland? Welche Ansätze funktionieren schon und wie eigentlich, misst man die Intelligenz einer Stadt überhaupt? Mit dieser Einführung beginnt Peter Schaar seine Darlegung einer hoch komplexen Thematik, die hier jedoch so aufbereitet ist, dass sie für Laien über die gesamte Strecke verständlich bleibt. Kurze Unterkapitel lassen dabei keinerlei langatmige, allzu fachorientierte Ausführungen zu. Jeder abschnitt wird zudem gegen Ende noch einmal zusammengefasst.

So gelingt es, sich ohne Schwierigkeiten einen zwar kritischen Überblick über einen spannenden Bereich städtischer Entwicklung zu gelangen, aber auch welche Faktoren wie betrachtet werden müssen, um aller Facetten gewahr zu werden. An Beispielen rund um den Globus, von Kanada bis China zeigt er Fehlentscheidungen und Problemstellungen auf, erläutert, welche Projekte in Deutschland angestoßen wurden und wo in Europa eine Stadt zeigt, wie Transformation und Datenschutz gelungen im Einklang gebracht werden kann. Es ist dabei keine Buch, in welchem einseitig auf Smart Citys geschaut, sondern vielmehr allen Schattierungen Rechnung getragen wird. Diese Ausgewogenheit, so erfährt man hier, ist auch notwendig, so man sich mit der Materie beschäftigt.

Peter Schaar bietet Überblickswissen und lädt dazu ein, mit offenen Augen durch die eigene Stadt zu gehen, aber auch eigene Recherche zu betreiben. Fachkenntnis trifft hier auf eine umfassende Quellenlage, die gegen Ende des erhellenden Sachbuchs die einzelnen aufgeführten Punkte untermauert. Wer sich unvoreingenommen eine Meinung bilden und alle Seiten betrachtebn möchte, ist mit der Lektüre gut bedient.

Autor:
Peter Schaar wurde 1954 in Berlin geboren und ist ein deutscher Datenschutzexperte. Er studierte zunächst Volkswirtschaft in Berlin, Frankfurt/Main und Hamburg, bevor er in verschiedenen Funktionien in der Verwaltung Hamburgs tätig war. 1986 wurde er zunächst Referatsleiter, dann stellvertretender Datenschutzbeauftragter der Hansestadt. 2002 wechselte Schaar vorrübergehend in die Privatwirtschaft, bevor er 2003 das Amt des Bundesbeauftragten für Datenschutz ausübte, bis 2013.

Er war Mitglied der Artikel-29-Datenschutzgruppe der EU-Mitgliedstaaten, sowie in der Internationalen Datenschutzkonferenz tätig. Seit 2007 ist er zudem Lehrbeauftragter der Universität Hamburg, sowie seit 2016 in der Schlichtungsstelle der Telematikanwendungen der Gesundheitskarte tätig. Er engagiert sich in der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz und Autor mehrere Bücher. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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Markus Veith: Die erste Bahn

Inhalt:
Kai Trollmann verpasst die letzte U-Bahn. Im bleibt nichts anderes übrig, als auf die erste Bahn des nächsten Morgens zu warten. Er bekommt Gesellschaft von Helen, einer älteren Frau.

„Ich bin deine Tochter. Ich komme aus der Zukunft. Und ich werde dich erschießen.“

Durch eine fatale Wendung werden sie gezwungen, die Zeit bis zur Ankunft der Bahn gemeinsam zu verbringen: Kai und seine mögliche Zukunft. Helen und das vergangene Leben mit ihrem Vater. Und eine Gegenwart, die alles verändern könnte. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Science Fiction, Tragödie und Kammerspiel entfaltet der Schriftsteller Markus Veith eine düstere Erzählung, in der Zukunft und Vergangenheit aufeinandertreffen und eine Entscheidung ein Leben beenden und viele andere retten könnte. Doch was ist, wenn sich der Lauf der Dinge gar nicht umkehren lässt?

Von Beginn an trieft Trostlosigkeit aus jeder Zeile. Eine U-Bahnstation bei Nacht, ebenso farb- und gesichtslos, wie der Protagonist, der schon mal bessere Tage gesehen hat. Kai Trollmann, der sich mit einem Gelegenheitsjob bei einem Bestatter über Wasser hält, ansonsten genau so grau wirkt, wie die regnerische Nacht, vor der er in diesen Nicht-Ort hinein flüchtet. Vom Nebel billigen Alkohols benebelt, beginnt das Warten auf die erste Bahn des Morgens, die letzte der Nacht hat er gerade verpasst. Zäh fließt die Zeit dahin, ohne sichtbar voranzuschreiten, bis sich die Rolltreppe nach unten erneut in Bewegung setzt und die Zukunft auf die Gegenwart treffen wird, um sich selbst zu verändern.

In dieses Szenario wird man lesend hinein geworfen, gleichsam wie ein Zuschauer eines Theaterstücks, der dem Zurollen der Katastrphe beiwohnt. Zu Beginn ist das gewöhnungsbedürftig, sind doch beide Hauptfiguren nicht gerade Sympathieträger, doch ziehen diese einem so in den Bann, dass man nicht umhin kann, neugierig darauf zu sein, wie die Erzählung beider Leben ausgehen wird.

Der eine wird dabei mehr Konturen bekommen als die andere, die trotzdem scharf gezeichnet ist, deren Vorhaben Risse bekommen und ins Wanken geraten wird. Dies geschieht auf relativ wenigen Seiten. Markus Veith braucht nicht viele Worte, um seine Geschichte zu entfalten und erzählt doch zwei ganze Biografien, die ohne einander nicht sind, nicht sein können, aber am liebsten ohneeinander sein wollen.

Der Versuch des Entfliehens als Motiv mit beinahe biblischen Anklängen. Doch, steht es uns zu, die Zeit zu verändern? Und können wir die Folgen dessen beherrschen? Diese Fragen bilden den Überbau und muten fadst philosophisch an, während der Autor mit den daraus sich ergebenden Gegensätzen zu spielen weiß. Dies tut er ruhig und behutsam, mit einer Präzension ohne der Versuchung erlegen zu haben, sich in einem rasanten Tempo und damit die Erzählstränge zu verlieren. Lesend kann man sich dabei zwischen Voyeurismus und dem sichtbar Unangenehmen nicht entscheiden, welches einem kalt den Rücken hinunterfährt.

Zwei Perspektiven, zwei Zeitebenen werden so weit miteinander verflochten, dass selbst die beiden Protagonisten unsicher in ihrer Einordnung der Rolle werden, die sie da spielen. Korrekturen gibt es von außen nicht. Andere Figuren werden allerhöchstens erwähnt und sind damit genug handlungstreibend, bleiben ansonsten jedoch blaß. Sie sind auch überflüssig. Markus Veith braucht nur wenig, um viel zu erzählen.

Anfangs gerät man ins Stocken. Erst muss man sich in die Geschichte einfinden, um deren Kniffe zu genießen. Das klappt nicht an allen Stellen gleichmäßig gut, doch verliert Markus Veith die Lesenden nie ganz, die einem Drama sondergleichen beiwohnen. Zeitsprünge, Rückblicke, Aussichten je nach Figur, treiben die Handlung voran.

Manchmal muss man einen Moment innehalten, um Zeitebenen, Perspektiven für sich zu sortieren. Doch beide Protagonisten hinterlassen ein klares Bild von sich. Dem Autor gelingen hier stechende filmische Beschreibungen. Zu weilen fühlt man sich an „Der Gott des Gemetzels“ von Yasemina Reza erinnert, nur noch düsterer und humorloser. Der wäre hier fehl am Platz.

Wer Kammerspiele und Novellen mag, wird in die Erzählung gut hineinfinden, vorausgesetzt man kann damit umgehen, an manchen Stellen die Figuren nicht immer greifen zu können oder diese durchgehend distanziert gegenüber zu stehen. Wenn das der Fall ist, hat man mit „Die erste Bahn“ von Markus Veith mehr als ein interessantes Leseerlebnis.

Autor:
Markus Veith wurde 1972 in Dortmund geboren und ist ein deutscher Theater-Schauspieler und Schriftsteller. Er produziert Hörbücher und wurde für seine vielseitige Arbeit mit mehreren Preisen und Nominierungen geehrt. Er inszenierte für die Landesbühne Oberfranken. Seine Theaterstücke werden landesweit gespielt.

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Can Dündar/Mohamed Anwar: Erdogan

Inhalt:
Mit der gezeichneten Biografie von Recep Tayyip Erdogan legen der Journalist Can Dündar und der Zeichner Mohamed Anwar einen Meilenstein der Graphic Novel Literatur vor.

Für jeden Menschen wird klar, wie der türkische Präsident Erdogan den Berg der Macht bestieg, was seine Interessen sind und wie er sie verfolgt. Die Entwicklungen in der heutigen Türkei werden nachvollziehbar, die Herausforderungen der türkischen Gesellschaft und die Schwierigkeiten im Umgang mit einem autoritären Machthaber, der sich in den Augen des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi, zu einem Diktator wandelte.

Das Buch erklärt, es verurteilt nicht. Es ist ein Beitrag zur Aufklärung über die politische Türkei. Das Werk überrascht, fasziniert und ernüchtert. (Klappentext)

Rezension:
Einen ungewöhnlichen Weg, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der inzwischen ein Land auf sich selbst und seine Gefolgsleute ganz und gar auf sich selbst zugeschnitten hat, haben der Zeichner Mohamed Anwar und der Journalist Can Dündar gewählt. Daraus entstanden ist eine Biografie über dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Form einer Graphic Novel. Die Hintergründe minutiös recherchiert zeigt sie wie das Land den Menschen formte, der später sich zum autoritären Herrscher entwickeln sollte und wie Erdogan die dem Staat zugrunde liegenden Mittel nutzte, um auf den Gipfel der Macht zu gelangen.

Spätere Jahre ausgelassen, haben sich die Macher ganz auf den Weg zur Ernennung Erdogans zum türkischen Ministerpräsidenten konzentriert, wie dieser die politischen Mechanismen zu nutzen wusste und vor allem, den richtigen Riecher für bestimmte Stimmungen im politischen Establishment zu wahren, aber auch den Willen zur Macht zu portraitieren. Can Dündar und Mohamed Anwar zeigen auf, wie der frühe Erdogan mit Rückschlägen und Widersachern umging und zeigen den Wandel eines politischen Chamäleons, welches er ist.

Die dargestellten Ereignisse sind dabei belegt, anhand von Recherchen innerhalb einer Vielzahl schriftlicher Quellen, Berichte von Erdogan selbst als auch von langjährigen Wegbegleitern verschiedener biografischer Stationen und manchem Foto, welches Ereignisse festhält, an dem der so Porträtierte später überhaupt nicht gerne erinnert werden möchte. Diese wurden innerhalb der Geschichte im gleichen grafischen Stil gezeigt, welches die Graphic Novel einnimmt. Verschieden große Panels zeigen im Kontrast von Schwarz Weiß diesen Menschen, über den am Ende so vieles klar zu sein scheint. Ohne zu werten. Gezeigt wird, was war.

Dies ist die Stärke dieser eindrucksvollen und sehr besonderen Biografie, in der Schlüsselmomente durchaus auch eine ganze Seite einnehmen, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist zugleich eine Graphic Novel, die zum Recherchieren einlädt, ohne dass man von zu viel Sachinformation erschlagen werden würde. Mit dieser Biografie erhält man dennoch ein gewichtiges Stück Geschichte, deren Fortsetzung ein noch größeres Politikum wäre, auch wenn Erdogan beiden Schaffenden schon genug zürnen dürfte. Trotzdem oder vor allem deshalb wäre eine weitere, ebenso ernsthafte wie neutrale Auseinandersetzung mit den weiteren Stationen dieses Mannes wünschenswert.

Autoren:
Can Dündar wurde 1961 in Ankara geboren und ist ein türkischer Journalist, Autor und Dokumentarfilmer. 1979 unternahm er erste Schritte in Richtung Journalismus, bis er 1988 zum Fernsehen wechselte und dort u. a. die Hauptnachrichten moderierte. Zudem betätigte er sich als Autor und schrieb über 40 Bücher in der Türkei. Nach einem Bericht für die renommierteste Zeitung des Landes wurde er nach einem Bericht verhaftet, im Zuge eines Revisionsverfahren jedoch freigelassen. 2016 wurde ein Schusswaffen-Attentat auf ihn ausgeübt. 2016 reiste er nach Deutschland aus, dort schreibt er regelmäßig für DIE ZEIT und andere Zeitschriften und Magazine. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und leidet das gemeinsam mit Correctiv geründete Online-Magazin und Webradio #ÖZGÜRÜZ.

Mohamed Anwar ist ein ägyptisch-sudanesischer Comiczeichner und politischer Karikaturist. 2007 begann er seine Laufbahn als Zeichner für eine ägyptische Tageszeitung, während seines Studiums der Biomedizintechnik. Er schrieb für mehrere ägyptische und arabische Zeitungen und Zeitschiften und wechselte 2010 zu der auflagestärksten in Ägypten, in der er noch immer Cartoons veröffentlicht. 2017 wurde Anwar mit einem der renommiertesten Preisen des ägyptischen Journalismus ausgezeichnet. Nach Revision der Reformen wurde Anwar 2019 verhaftet und aus Ägypten deportiert. Nach Station im Libanon ließ er sich in Berlin nieder.

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