Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Das Museum der Welt Book Cover
Das Museum der Welt Autor: Christopher Kloeble Verlag: dtv Erschienen am: 21.02.2020 Seiten: 528 ISBN: 978-3-423-28218-5

Inhalt:

Bartholomäus ist ein Waisenjunge aus Bombay, er ist mindestens zwölf Jahre alt und spricht fast ebenso viele Sprachen.

Als Übersetzer für die deutschen Brüder Schlagintweit, die 1854 mit Unterstützung Alexander von Humboldts zur größten Forschungsexpedition ihrer Zeit aufbrechen, durchquert er Indien und den Himalaya.

Bartholomäus verfolgt jedoch einen ganz eigenen Plan: Er selbst möchte das erste Museum seines großen und widersprüchlichen Landes gründen. Dafür riskiert er alles, was ihm etwas bedeutet, sogar sein Leben. (Klappentext)

Rezension:

Als das British Empire an seinen Rändern erste Auflösungserscheinungen zeigt, die Kolonien in Neuengland strebten Mitte des 19. Jahrhunderts nach Unabhängigkeit, begann man anderswo gerade erst, seine Vorherrschaft zu festigen.

Mit Hilfe von Pionieren, Glücksrittern und Entdeckern, dem Handel und starken Militär sicherte sich England den riesigen indischen Subkontinent im Spiel der Großmächte. Expeditionen wurden gefördert, um weiße Flecken von der Landkarte zu tilgen und Besitzanspruch zu markieren. Mittendrin drei Deutsche, deren Weg heute fast vergessen ist.

Unter Fürsprache des preußischen Königs und Empfehlung Alexander von Humboldts machten sich 1854 die Gebrüder Schlagintweit auf, Indien für das englische Königshaus und die britische East India Company zu ergründen. Die Bergsteiger und Wissenschaftler unternahmen eine bis dato beispiellose Expedition, erforschten mal gemeinsam, mal getrennt, von Bombay ausgehend, atemberaubende Landschaften, drangen bis nach Nepal und Tibet vor, um ihren in Europa gegebenen Auftrag zu erfüllen.

Unter all den Dingen, zu denen ich mitgewirkt, ist Ihre Expedition bzb eube der wichtigsten geblieben. Es wird mich dieselbe noch im Sterben erfreuen.

Alexander v. Humboldt, Brief an die Brüder Schlagintweit, im Roman abgedrucktes Zitat.

Der Schriftsteller Christopher Kloeble hat sich nun diesem historischen Stoff angenommen und daraus einen Abenteuer- und Expeditionsroman gewoben, der seines Gleichen sucht. Hauptfigur hier, der Waisenjunge Bartholomäus, der zunächst unwillig die drei Brüder begleitet, beobachtet und nicht nur die Ingrez, Indien und schließlich sich selbst kennenlernt.

Aus der Sicht des Hauptprotagonisten wird die Geschichte erzählt. Detailreich lässt der Autor das Indien der Kolonialzeit wieder aufleben, zeigt, wie erste zarte Sprosse einer Unabhängigkeitsbewegung wuchsen, die erst etwa hundert Jahre später zum Erfolg führen sollten.

Zugleich ist dem Autor ein wunderbarere Coming of Age Roman gelungen, der feinfühlig vom Aufwachsen in unklaren Verhältnissen, Ängsten berichtet, parallel Bartholomäus mit zunehmender Seitenzahl Erfahrung und Selbstsicherheit angedeihen lässt. Umgeben von Lüge und Verrat.

Werde ich den Verräter auch bald als Freund bezeichnen?

Der Hauptprotagonist Batholomäus in „Das Museum der Welt“ von Christopher Kloeble.

Die Spannung eines solchen starken Stoffes fehlt nicht. Tatsächlich hat Kloeble hier keine Längen entstehen lassen, sondern das richtige Maß gefunden, etwa zwischen ausführlicher Beschreibung von Handlungen und Landschaften, ohne in irgendeinem Bereich zu übertreiben oder seine Leser zu unterfordern. Auch kitschig wirkt das alles nicht.

Die Kapitelgliederung folgt der Expedition, deren Beschreibung nahe an der Wahrheit liegt, zumindest im Verlauf, und den Beobachtungen des jungen Bartholomäus‘. So werden nicht nur Orte und Gegenstände zu bemerkenswerten Objekten, auch die Protagonisten unter dem sensiblen Augenmerk des Hauptprotagonisten.

Dies hält den Spannungsbogen, der von der klaren und dichten Sprache des Autoren bestimmt ist. Dieser Roman ist eine gelungene Mischung aus Expeditionsgeschichte, Abenteuer und Coming of Age, Gesellschaftskritik und Landesgeschichte, wie sie nur selten zu finden ist. Somit ist das Werk Teil des Museums der Welt, des ersten Museum Indiens, welches Bartholomäus zusammentragen möchte.

Ich kann nur jedem Leser empfehlen, es zu ergründen.

Autor:

Christopher Kloeble wurde 1982 in München geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er war Mitglied im Tölzer Knabenchor und besuchte bereits als Schüler den Manuskriptum-Kurs der Ludwig-Maximillians-Universität München.

Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und veröffentlichte in diversen Zeitschriften. Parallel dazu schrieb er diverse Drehbücher für Film und Fernsehproduktionen. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise. Kloeble lebt in Neu-Dehli und Berlin.

Zusatzinformationen:

Die Nachfahren der realen Gebrüder Schlagintweit haben hier Informationen und Hintergründe zur Geschichte ihrer Vorfahren zusammengestellt. Die abgebildete Karte findet sich auch im Roman wieder.

Nach TMG distanziert sich der Betreiber von den Inhalt fremder Verlinkungen und schließt die Haftung dafür aus. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurde der Inhalt und die Rechtmäßigkeit gewissenhaft geprüft.

Dietmar Rothermund: Geschichte Indiens

getimageAutor: Dietmar Rothermund
Titel: Geschichte Indiens – Vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Seiten: 128
ISBN: 978-3-406-71878-6
Verlag: C.H. Beck

Inhalt:
Indiens Vielfalt an Sprachen und Kulturen ist einzigartig, und doch konnte das riesige Land immer wieder politisch geeint werden. Dietmar Rothermund erzählt seine Geschichte vom Zerfall des antiken Guptareichs über die glanzvolle Zeit der Großmoguln bis zur Gegenwart.

Weiterlesen

Saroo Brierley: LION – Der lange Weg nach Hause

Titel:
Dieses Buch erschien 2014 auch unter den Titel „Der lange weg nach Hause“, wurde aber zu Gunsten des 2016 gedrehten Films marginal umbenannt.

Rezension:
Vergleichsweise wenige Geschichten vermögen zu Tränen zu rühren. Eine solche ist sicherlich die von Saroo Brierley. In den ärmlcihen Verhältnissen Indiens aufgewachsen, stromerte das Kleinkind Sheru zusammen mit seinen Brüdern durch die Straßen seines Ortes, um Essen zu erbetteln und so den karegn Speiseplan aufzubessern.

Die alleinerziehende Mutter schaffte es mit ihrer arbeit nicht, die Kinder zu versorgen. Bei einem dieser streifzüge, die der Junge zusammen mit seinem älteren Bruder unternahm, ging er verloren als er in einem leeren zug schlich und einschlief.

Einen halben Tag später erwachte er und fand sich auf den Bahnhof des Millionenmolochs Kalkutta wieder. Fortan schlug sich Sheru, so der richtige Name, den er jedoch immer falsch „Saroo“ aussprach, durch und landete schließlich in einem Waisenhaus, von wo er von einem Aaustralischen Ehepaar adoptiert wurde.

Wohl behütet und liebevoll umsorgt, hielt er die Erinnerungen an seine Heimat wach und machte sich als junger Erwachsener auf die Suche. Das Unglöaubliche passierte. Er fand seine Familie und lebt nun in beiden Welten.

Schnell erzählt ist sie, die Lebensgeschichte dieses faszinierenden Jungen Mannes, der in seiner Kindheit nicht nur den Schock des Verlorenseins sondern auch einen kompletten Wechsel der Kulturen verkraften musste.

Der Leser weiß auch von Anfang an um den positiven Ausgang, doch der Weg dorthin wird mit ebenso großem Enthusiasmus und Detailliebe erzählt, dass der Leser sich förmlich selbst als das Kind sieht, welches zuerst in ständiger Angst, dann Neugier und schließlich als suchender junger Mann seinen Weg bestreitet.

Und der ist wahrlich lang. Mehrere Jahrzehnte nach der Trennung begleiten wir Saroo beim Treffen mit seiner indischen Mutter aber erkennen auch, wie wichtig es ist, im Ersatz-Kulturkreis Liebe, Halt und Unterstützung zu haben.

Saroo Brierley hatte dieses Glück und teilt seine Geschichte, um anderen Mut und Hoffnung zu geben. Hunderttausende Kinder, so wird vermutet, die genaue Zahl kennt niemand, leben verwahrlost alleine ohne geringste Chancen auf den Straßen der Metropolen des indischen Subkontinents.

Die meisten erreichen nicht das Erwachsenenalter, denn dort regieren Banden, Mord, Totschlag, Krankheiten und Hunger. Nicht wenige werden Opfer von Pädophilenringen oder gar Organhändlern.

Darauf aufmerksam zu machen, und dass es manchmal ausreicht, sich dem einen oder anderen Kind anzunehmen, sieht Brierley als wichtigste Aufgabe für die Verbreitung seiner Geschichte.

Zwar ist jede Adoption nur ein Tropfen auf den heißen Stein, genau so wie die Unterstützung von Hilfsprogrammen und Waisenhäusern, doch irgendwo muss man anfangen.

Brierley schildert ausdrücklich seine innere Zetissenheit zwischen der Liebe seiner Ersatzeltern und der Suche nach seiner richtigen Familie und gewinnt dabei die Herzen der Leser, ganz ohne zu übertreiben. Er erzählt und zieht den Leser in seinen Bann.

Erlebnisberichte bedürfen keiner Wertung, doch diese ist so eindrucksvoll, dass sie für die Leinwand adaptiert wurde. Sunny Pawar spielt hervorragend die Rolle des kleinen Saroo und man nimmt ihn anstandslos alle Emotionen ab, die auch beim Zuschauer durch die am Ende des Filmes laufenden realen Bilder geschürt werden.

Genau so im Bericht des wahren Saroo Brierley, auch dieses ist aufgelockert durch zahlreiche Fotos im Innenteil der Klappenbroschur und dem Bildteil in der Mitte des Buches.

Die Hoffnung nicht aufzugeben, das Unmögliche zu träumen und wahr werden zu lassen und darum zu kämpfen, ist die Botschaft Brierleys. Sie ist ihm sehr gut gelungen.

Autor:
Saroo Brierley wurde 1981 in Khandwa, Indien, geboren und lebt in Australien. Im Alter von fünf Jahren schlief er versehentlich in einem Zug ein und erwachte rund 14 Stunden später in der ihm fremden Stadt Kalkutta.

Wochenlang lebte er auf der Straße und hielt sich mit Bettelei über Wasser, bevor er in ein Waisenhaus kam. Da er nur ungenügende Angaben über seine Herkunft machen konnte, blieb die suche nach seiner Familie ergebnislos.

Schließlich wurde er von einem australischen Ehepaar adoptiert.

Als junger Erwachsener machte er sich mit Hilfe von Google Earth auf, Indien nach seinem Dorf aus den Erinnerungen zu durchsuchen. Er fand es 2012 und reiste nach Indien, wo er seine Familie wieder traf. Zwei Jahre später schrieb er seine Geschichte auf, die 2016 verfilmt wurde.

Saroo Brierley
LION – Der lange Weg nach Hause
Seiten: 255
ISBN: 978-3-548-37647-9
Verlag: ullstein

Filmblick: LION – Der lange Weg nach Hause

Regie: Garth Davis
Drehbuch: Saroo Brierley, Luke Davies
Original-Titel: Lion
Land: Australien, UK, USA, Indien
Schauspieler: u.a. Sunny Pawar, Abhishek Bharate, David Wenhem, Nicole Kidman
Länge: 118 min
Verleih: Universum
FSK: 12
IMDB.com

Die besten, mitunter anrührendsten und erstaunlichsten Geschichten schreibt immer noch das wahre Leben. Abseits der allgegenwärtigen, auch wunderbaren fantasy-Verfilmungen und so manchen Film-Kladderadatsch, der ebenso zu finden ist, sind es diese Filme, die es wirklich wert sind, angesehen zu werden. Filme, die auf einer wahren Geschichte beruhen, sei sie auch noch so unglaublich.

Garth Davis hat sich in einer bildgewaltigen Produktion der Geschichte von Saroo Brierley angenommen. Wir folgen letzteren als kleinen Jungen durch die indische Landschaft, der Umgebung seines Dorfes. Einem Elendsviertel, in der die Mutter die Kinder mehr schlecht als recht aufwachsen lassen kann und doch ihre ganze Aufmerksamkeit und Liebe den Kindern gibt.

Allen voran den beiden Kleinsten, der große Bruder Saroos hilft mit die Familie zu versorgen. Und nimmt den kleinen Saroo mit auf seinen Streifzügen, organisiert Essen und Milch, klaut Kohlen von den Güterzügen und bekommt dafür Geld. Indien unaufhaltsam, rasantes Wirtschaftswachstum und Bevölkerungsexplosion. Alleine, die meisten der Menschen bleiben auf der Strecke.

mv5bmja3njkznjg2mf5bml5banbnxkftztgwmdkymzgzmdi-_v1_uy268_cr00182268_al_

Guddu, so heißt der große Bruder nimmt den Kleinen auch widerwillig in die benachbarte Stadt mit als er sich Nachtarbeit sucht, doch da passiert das Unglück. Saroo gruselt sich alleine auf den Bahnsteig, kraucht in einem stehenden Zug, schläft ein und merkt nicht, wie das Schienenfahrzeug sich in bewegung setzt.

Die Familie wird auseinander gerissen und der Junge landet auf den Straßen Kalkuttas. Ein Moloch, doch Saroo schlägt sich durch. Findet Kontakt zu anderen Menschen, reißt aus als das Kind Böses ahnt und landet schließlich in einem ärmlichen Waisenhaus.

Mehr Aufbewahrungsstätte als helfende Institution, finden die nun Verantwortlichen ein australisches Ehepaar, was den Jungen adoptiert. Der Junge bekommt die Chance auf ein besseres Leben, nutzt dies auch. Slumdog Millionär in Neu.

Doch die Sehnsucht nach der richtigen Familie schwelt unter den nun priviligierten westlichen Leben in dem später jungen Mann. Der begibt sich auf die Suche. Mit Google Earth sucht der Erwachsene die Nadel im Heuhaufen, bis er sie schließlich entdeckt. Doch, was wird er in Indien vorfinden?

Sunny Pawar stahl, wie letztes Jahr Jacob Tremblay, den etablierten Schauspielern auf der diesjährigen Oscar-Verleihung die Show. Er spielt die Rolle des Kindes Saroo, bezaubernd, anrührend und vollkommen glaubwürdig. Man sieht in jeder einzelnen Szene seine Traurigkeit, den Hunger, dann wieder Abenteuer- und Lebenslust und möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen, gleichwohl man weiß, dass alles gut ausgehen wird.

Doch, bis dahin ist es ein wirklich langer Weg und so bekommt der kleine Pawar auch genug Screentime eingeräumt. Erwachsenenleben, die Suche und Kindheit, das Verlorensein teilen sich die Minuten gerecht untereinander auf und Regie und Produktion haben gut daran getan.

Natürlich spielt auch Dev Patel den erwachsenen Saroo ganz hervorragend. Innerliche Zerissenheit, gepaart mit dem Streben nach Zusammenhalt der Adoptivfamilie und dem Glück, vielleicht irgendwo da draußen noch eine andere, eine wirkliche Familie zu haben. Eingestreut immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit, die seelisch nicht nur Saroo an die Nieren gehen, auch den Zuschauern.

Sehr leise erzählt, durchbrochen vom hektischen Treiben der Metropole Kalkutta, Gegensatz von Wohlstand und Armut und das Pendeln zwischen Welten, von dem Saroo nicht weiß, ob er noch ein familiäres Standbein in Indien hat oder nicht, atemberaubende Landschaftsaufnahmen, eine Mischung die diesen Film besonders nahe gehen lassen.

Sehenswert sind schon alleine die Fotos am Schluss des wirklichen Saroos, die Aufnahmen des Aufeinandertreffens der wiedergefundenen Mutter mit der Adoptiv-Mutter und man wird da sitzen und weinen. Freudetränen, dass es immer noch so wunderbar ausgehende Geschichten gibt, in einer Welt, die scheinbar nur schlechte Nachrichten zu bieten hat. Die positiven muss man suchen, doch es gibt sie.

Sarros‘ ist eine von ihnen.

Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch 1 & 2

9783958290495_1-jpgAutor: Rudyard Kipling
Titel: Das Dschungelbuch 1 & 2
Seiten: 523
ISBN: 978-3-95829-049-5
Verlag: Steidl
Übersetzer: Andreas Nohl

Inhalt:
Da die Mogli-Geschichte am weitesten verbreitet sein dürfte, hier ein kurzer Umriss.

Ein Kind wächst unter Dschungeltieren, großgezogen von Wölfen auf. Sie nennen es Mogli, was so viel heißt, wie „Frosch“. Doch, die Anwesenheit des Menschenwelpen bedroht die Sicherheit des Wolfsrudels, denn Shir Khan, der Tiger ist in der Gegend und dieser sieht in Mogli den großen Menschen, zu dem er heranwachsen wird.

Weiterlesen