Gesellschaft

Willy Brandt: Krieg in Norwegen

Inhalt:
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kommen, leistet Herbert Frahm sofort Widerstand. Um sich vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen, benennt er sich um in Willy Brandt. 1933 verlässt er Deutschland und geht ins Exil nach Norwegen, um von dort aus den sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler zu organisieren. 1940 wird er Zeuge der Okkupation des Landes durch die Deutsche Wehrmacht. (Klappentext)

Rezension:
Die Besatzung Norwegens durch die Deutschen ist hierzulande ein beinahe vergessenes Stück Militärgeschichte, doch bereits während des Krieges erschien 1942 in der Schweiz ein Bericht darüber, wofür der Verleger von den Nationalsozialisten heftig kritisiert wurde. Geschrieben hat ihn kein anderer als Willy Brandt, der 1933 über Dänemark nach Norwegen fliehen musste, wo er einige Jahre später die Okkupation des Landes erleben musste. Dieser liegt nun, neu aufgelegt, im gleichnamigen Nachfolgeverlag vor und bringt damit auch ein hier beinahe vergessenes Stück Zeitgeschichte wieder ans Tageslicht.

Die Zeitspanne, über die da der spätere Bundeskanzler berichtet, ist nicht gerade groß. Tatsächlich sind es nur wenige Wochen, in denen die Land diesen Teil Nordeuropas angegriffen und sich untertan gemacht haben. Der Konflikt, der nur ein paar Jahre danach sich zum Weltkrieg ausweiten sollte, steht da noch am Anfang. Polen ist bereits überfallen, auch Dänemark schon besetzt. Der Krieg gegen Westeuropa steht noch bevor. Und mittendrin Herbert Frahm, der unter den Decknamen Willy Brandt versucht, von seinem Exil aus den sozialdemokratischen Widerstand zu organisieren, unter anderen Artikel für entsprechend politische Zeitungen schrieb.

Er ist der Beobachter dieser Tage, in denen ein militärisch ungenügend organisiertes Land mit seinen geringen Mitteln mancherorts erstaunlichen Widerstand leistet, an vielen Orten schlicht und ergreifend jedoch schnell gezwungen wird, eben jenen aufzugeben und zu kapitulieren. Er beschreibt dabei beide Seiten, insbesondere die der Norweger im Fokus. In sehr kompakter und nüchterner Form nähert er sich den Ereignissen und hat diese Beschreibungen nach den einzelnen Landesteilen und Regionen gegliedert.

In der neuen Ausgaben ergänzen hinten angestellte Anmerkungen den Text, sowie eine Karte zur Verdeutlichung diesen Bericht, der sehr nüchtern daherkommt, fast analytisch. Nur hin und wieder blitzen die Emotionen durch. Es ist die Arbeit eines Journalisten, die wir da lesen, der verstehen und verdeutlichen möchte, wie die Verteidigung trotz ungünstiger Umstände organisiert wurde, wo dies nicht klappte und welche Fehler dabei die Norweger machten, aber auch, dass die Topografie des Landes oft genug auch nicht den Deutschen in die Hände spielte.

Den Bericht muss man lesen, in dem Wissen, dass dieser nach damaligen Kenntnisstand verfasst und auch veröffentlicht wurde. Fakten, wie den späteren Verlauf des Krieges in Europa etwa, kann er noch nicht berücksichtigen. Auch über das Leben später unter der Besatzung konnte Willy Brandt zu diesem Zeitpunkt nicht berichten. Seinem Exil in Norwegen, musste kurz darauf Schweden folgen. Der Autor hat sich stattdessen auf diese wenigen Tage vom 09. April bis zum 09. Juni 1940 konzentriert und somit ein kleines, aber doch wichtiges Zeitdokument geschaffen.

Neben trockenen Tonalität jedoch, die nicht jedermanns Sache ist, muss man jedoch dieser Ausgabe leider eine mangelnde Überarbeitung ankreiden. Schreibfehler, Vertauschungen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie im Original des Textes vorkommen und von diesem ungeprüft übernommen wurden oder ob dies bei der Übertragung des Textes geschehen ist. Das fällt das eine oder andere Mal auf. Man stolpert regelrecht drüber. Ist das Willy Brandt anzulasten oder dem Verlag? So oder so schmälert es nicht die Wichtigkeit des Textes über diese Zeit, die sicher heute auch einen guten Teil des Selbstverständnisses Norwegens ausmacht.

„Krieg in Norwegen“ liest sich deshalb interessant, da über diesen Teil des Krieges zuweilen recht wenig berichtet wird. Bis heute. So ist der Bericht für zeitgeschichtlich Interessierte spannend zu lesen, auch für jene, die mal einen beinahe journalistischen Text von Willy Brandt lesen möchten. Den Ton heute populärer Sachbücher darf man jedoch nicht erwarten.

Autor:
Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren und war ein deutscher Politiker, sowie von 1969 bis 1974 der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner Außenpolitik richtete er die Ostpolitik des Landes neu aus. Vor seiner Zeit als Kanzler, war er als Regierender Bürgermeister West-Berlins tätig, sowie Außenminister und Vizekanzler unter Kiesinger. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundespolitik engagierte er sich für Frieden, Völkerverständigung und Abrüstung. Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis und starb 1992.

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Daniel Schulz-Vernholz: Der Ausbruch des Michael Schubert

Inhalt:
Michael Schuberts Leben ist ein angenehmes. Er hat keine finanziellen Sorgen, muss nicht um seinen Job bangen und hat eine Frau, die ihn so liebt, wie er ist. Außerdem hat er genug freie Zeit, um Dinge zu tun, die ihm Freude bereiten. Während er im Umgang mit seinen Mitmenschen oft zurückhaltend ist, genießt er es, seine alltäglichen Beobachtungen still und leise für sich zu interpretieren. Niemand würde auf die Idee kommen, dass es ihm an Etwas fehlen könnte. Und dennoch zerreißt es ihn innerlich, denn irgendetwas stimmt nicht mit seinem Leben. (Klappentext)

Rezension:
Trotz seiner Kompaktheit ist der Roman „Der Ausbruch des Michael Schubert“ eine wuchtiger Roman, ein Eindruck, der nur verstärkt wird, durch die im Kontrast dazu stehende leise Tonalität und der pointiert eingesetzten Sprache. Der Autor Daniel Schulz-Vernholz erzählt von der Suche eines Protagonisten nach dem Sinn des Lebens und sich selbst und führt durch einen Weg innerer Qualen.

Der Kurzroman des deutschen Autoren Daniel Schulz-Verholz verhandelt auf überschaubaren Raum die großen Themen. Im Verlauf der Handlung wird dies klar, wo doch zunächst alles in bester Ordnung scheint. Aus Sicht des titelgebenden Hauptprotagonisten bekommen wir eine Biografie vorgelegt, die ruhiger und geordneter nicht sein könnte. Haus, Partnerschaft, Job, in trockenen Tüchern. Bedrängnis sieht anders aus. Und doch ist da etwas, was die Figur im Inneren nicht ruhen lässt, sie nur ahnt, während es im Verlauf der Handlung immer offensichtlicher brodelt. Zumindest für seine Partnerin Astrid, mit der sich Michael das Leben eingerichtet hat. Sein Blick auf sie, auf andere Mitmenschen, ihre Sicht auf ihn, die wir nur in den umhertastenden Dialogen erfahren, charakterisieren ihn und legen nach und nach die einzelnen Schichten innerer Unruhe frei.

Erzählt wird dabei ein unbestimmter Zeitraum weniger Tage, vielleicht ein paar Wochen, nicht mehr. Zuweilen fließt die Handlung zäh wie Honig daher, um im nächsten Moment den Protagonisten durch die Finger zu rinnen. Schnell ist der Weg zur Katastrophe bereitet, die mehr die innere Persönlichkeit des Protagonisten berührt und zur Erkenntnis führen wird. Die Hauptfigur steht sich selbst im Weg. Antagonist und Protagonist kämpfen zugleich in seinem Inneren. Andere Figuren dienen nur dazu, die Handlung voranzutreiben, überhaupt ist deren Anzahl reduziert. Es braucht ja auch nicht viel, auch nicht an Worten, um Themen wie Depression und Mitlife Crisis zu erzählen. Das wird hier schnell klar. Spannend ist der Weg und was der Protagonist damit macht.

So fühlt man mit der Hauptfigur und seiner Partnerin, die irgendwann einen Ausweg suchen wird, über weite Strecke aber zur hilflosen Beobachterin verdammt ist. Wann ist der Punkt erreicht, an dem es kein Weg zurück ins gut sortierte Leben geben wird? Diese philosophisch anmutende Fragestellung ist hier Grundthema, dessen man sich langsam annähert. So liest man das denn auch, passt sein Tempo der Erzählweise an, saugt auf und spürt der Stimmung nach. Passieren tut nicht viel, aber dafür eine ganze Menge. Sprachlich ist das klug konstruiert. Kein Wort ist zu viel.

Wer schnellere Erzählweisen gewohnt ist, findet hier einen wahrhaft entschleunigenden Roman.

Der Protagonist nimmt seine Umgebung wahr und charakterisiert dadurch sich selbst, ordnet sein Leben, vergangene Ereignisse und setzt sie zu sich in Bezug. Das macht diese Figur sehr nahbar, im Inneren durchaus dramatisch. Michaels Beobachtungen werden zu denen der Lesenden, weshalb die unmittelbaren Handlungsorte gut vorstellbar sind, wobei auch diese von der Anzahl her reduziert sind. Trotzdem ist zwischen Michael und mir eine gewisse Distanz. Vor dem Punkt, so zu werden, wie der Protagonist, hätte ich Anst.

Vielleicht muss man noch eine Schippe älter sein, um hier vollkommenes Verständnis für den Protagonisten zu erlangen, der vor allem sich selbst nicht gut tut, nur um dann eine totale Wendung durchzuführen. Diesen Bruch braucht es schließlich auch, der spätestens dann den inneren Konflikt markiert. Hier ist der Autor Daniel Schulz-Verholz unglaublich stark in seiner Erzählung, was die eine oder andere Länge verzeiht. Gerne würde man erfahren, was sein Protagonist sonst noch daraus macht. Vielleicht ist es aber gut, dass dies offen bleibt.

Autor:
Daniel Schulz-Vernholz hat als Journalist viele Jahre fürs Fernsehen gearbeitet und für die Entwicklung neuer Film-, Fernseh- und Kinoproduktionen gewirkt. Den Ansatz dieser Konzepte, die das Publikum zu neuem Denken anregen sollen, verfolgt er in seinem Debütroman „Der Ausbruch des Michael Schubert“ nun auch literarisch.

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Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen

Inhalt:
Angespannt wartet die Familie am gedeckten Tisch auf den Vater. Mutter, Tochter und Sohn sitzen vor einem Berg Muscheln, die allein das Oberhaupt der Familie gerne isst. Um die zähe Wartezeit zu überbrücken, beginnen sie miteinander zu reden. Je mehr sich der Vater verspätet, desto offener wird das Gespräch, desto umbarmherziger der Blick auf den autoritären Patriarchen und desto tiefer der Riss, der die scheinbare Familienidylle schließlich zu zerstören droht. (Klappentext)

Rezension:
Das Hinterfragen und Durchbrechen von autoritären Strukturen geschieht zunächst leise. Kleine Risse, die ein jeder für sich ausmacht, die später größer, lauter und für alle anderen sichtbar werden, bis es zum unweigerlichen Bruch kommt. Bezugnehmend auf die Strukturen eines Staates, den es heute nicht mehr gibt, hat die deutsche Schriftstellerin Birgit Vanderbeke ihre Novelle „Das Muschelessen“, im Jahre 1990 veröffentlicht und damit ein literarisches Kammerspiel geschaffen, welches sich heute ebenso auf das Verhältnis zwischen Staat und Bürger übertragen lässt.

Oberflächlich begegnen wir einer am Tisch sitzenden Familie, die auf das Zurückkehren des Vaters wartet, dessen Lieblingsessen vor sich hinköchelt. Aus der Sicht der Tochter wird dies erzählt. Das Geräusch, der sich öffnenden Muscheln, die sonst niemand so recht mag, lässt ihr die Haare am Körper zu Berge stehen. In der kurzweiligen Erzählung, die mit einem heute selten gewordenen, verschachtelten und langwierigen Schreibstil daherkommt, was alleine schon den Gegensatz der Geschichte verkörpert, warten wir mit der Familie, deren Ängste die einzelnen Mitglieder zuerst zaghaft, dann immer lauter und entschiedener artikulieren.

Schon mit den ersten Zeilen wird die Aufgewühltheit der Protagonisten deutlich, die innere Unruhe, die wir erfahren, zunächst durch die Beschreibungen der erzählenden Personen, die ihre Umgebung, ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder, genau beobachtet. Nach und nach werden die Beweggründe der Figuren deutlich, für ihre Sichtweise auf die Vaterfigur. Das Erkennen, dass der Patriarch sie praktisch in eine emotionale Geiselhaft hält, die man auch als unsichtbare Mauer nehmen darf, braucht nur wenige Stunden. Die offene Auflehnung gegen den Antaogonisten, der nur durch die Betrachtung der Figuren in der Erzählung vorkommt, selbst jedoch nicht in direkter Erscheinung tritt, braucht dann nur ein zerbrochenes Glas.

Dabei stellen die Protagonisten alle Zustände des Lebens unter autoritären Strukturen dar. Mehr oder weniger offene Auflehnung, passiver Widerstand, Opportunismus treten hier innerhalb verschiedener Phasen der Handlung in Erscheinung, gewinnen und verlieren die Oberhand, bündeln sich schließlich zu einer finalen Szene, deren Ende offen bleiben muss. Wird der Kampf ausgefochten? Muss er überhaupt weitergeführt werden? Erledigt sich das Problem von selbst? Birgit Vanderbeke lässt ihre Leserschaft selbst denken. Die Fortführung des Szenarios findet in den Köpfen statt. Auch die Ausgestaltung der einzelnen Figuren gibt Raum zur Interpretation.

Zwar werden verschiedene Anekdoten aus dem Familienleben von der Erzählfigur hervorgeholt, alleine um die Handlung voranzutreiben, doch ergibt sich außer von ihr und von der Vaterfigur selbst, kein wirklich klares Bild. Die anderen zwei Figuren bleiben blass, so dass man zeitweilig das Gefühl hat, einem taktischen Spiel beizuwohnen, bei dem erst nach und nach sich ein jeder in die Karten schauen lässt. Sie alle haben ihre Schwierigkeiten, Probleme, Hoffnungen und Ängste. Zuweilen liest man fassungslos, was da geschieht.

Anfangs besonders im Sprachlichen gewöhnungsbedürftig, findet man doch schnell hinein in den Text, der sich immer rasanter lesen lässt. Es fühlt sich an, wie ein Strudel, in den man hineingerät und seinen Kräften dann nicht entkommen kann. Die Muscheln verkommen zum Symbol für den Wendepunkt. Ein Abschnitt endet, ein anderer beginnt. Das Kammerspiel selbst ist das Dazwischen.

Es gibt hier keinen Raum für unlogische Wendungen, aber Sprünge in der emotionalen Befreiung der Figuren von den Fesseln dieses Korsetts Familie, welches aufgebrochen wird. Das ständige Hin und Her, zwischen jetzt und vergangenen Ereignissen tut das Übrige für die Dynamik der Erzählung. Passieren tut da nicht viel, aber dafür eine ganze Menge.

Dieser Sog wirkt bis zum großen Knall, zudem auch das offene Ende passt, welches man wohl je nach Gefühlszustand und Erfahrungshorizont so oder so interpretiert. Beiwohnend kann man sich das alles bildlich vorstellen, als würde man einem Theaterstück beiwohnen. Es braucht ja nicht viel. Bis auf die Rückblenden spielt sich das alles in der Wohnung der Familie ab.

Aus der Novelle heraus lässt sich viel mitnehmen. Gedanken über Familienstrukturen, Widerstand, politische Strukturen, die durchaus eine Abbildung dessen sein können und das funktioniert bis in unsere Zeit, in der ein gewisser Bundeskanzler tut, was er tut und es in der Bevölkerung vor sich dahinbrodelt, man förmlich auf den großen Knall wartet oder ihn fürchtet. Je nach Lage und persönlicher Situation.

„Das Muschelessen“, ist damit eine zeitlose und doch hoch aktuelle Erzählung, deren zahlreiche Schichten es in sich haben. Damit das funktioniert, muss man nicht einmal die persönliche Geschichte der Autorin kennen, die einst selbst mit ihren Eltern kurz vor dem Mauerbau aus der DDR floh. Ein großartiger, gewaltiger kleiner Roman.

Autorin:
Birgit Margot Vanderbeke wurde 1956 in Dahme geboren und starb 2021 in Südfrankreich. Die spätere deutsche Schriftstellerin wuchs zunächst in der DDR, später in Frankfurt am Main auf, wo sie Jura, Germanistik und Romanistik studierte. Sie arbeitete beim Institut für Sozialforschung, seit 1993 zudem als freiberufliche Autorin. 2002 erschien der von ihr verfasste Band „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“. 1990 gewann sie mit einem Auszug aus dem Text „Das Muschelessen“, den Ingeborg-Bachmann-Preis.

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Kevin McAleer: L.A. Kid

Inhalt:
In den letzten einhundert Jahren war Los Angeles Projektionsfläche weltweiter Träume und Phantasien, zugleich popkultureller Hotspot. Doch wie ist es, dort aufzuwachsen? Kevin McAleers Roman erzählt vom Aufwachsen im Los Angeles der 1960er und 1970er Jahre, von Surfen und Bodybuilding, Filmsternchen und Erdbeben. Archetypen einer Stadt, Markenzeichen und einer ganzen Menge Melancholie. Eine Stadt im Umbruch, vor dem Hintergrund des Hintergrund des Vietnamkrieges und rapiden gesellschaftlichen Veränderungen, eine Kulturgeschichte der Männlichkeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die tiefe und manchmal urkomische Einblicke bietet. (sinngemäße Übersetzung des Klappentextes)

Rezension:
Experimente können durchaus spannend sein und so habe ich mich auf eines eingelassen und mir diese Erzählung aus dem Hause PalmArtPress vorgenommen, in der der amerikanische Schriftsteller Kevin McAleer Kindheit und Jugend in einer der Aggloromationen aufleben lässt, in der Umbrüche und Gegensätze ein sehr besonders und eigenes Lebensgefühl schaffen. Der Roman „L.A. Kid“ ist nur auf Englisch erschienen. Da ich jedoch das Genre Coming of Age im Allgemeinen gerne lese, habe ich mich darauf eingelassen und trotz eines mittelmäßgen Fremdsprache-Talents dennoch die Quintessenz aufnehmen können.

Dabei ist der Hauptprotagonist zugleich die Erzählfigur, aus deren Sicht wir die Geschichte erleben, die vom Leben in der typisch amerikanischen Vorstadtfamilie eben so berichtet, wie von der ersten Liebe oder amerikanischen Sportarten, die ein sehr eigenen Gemeinschaftssinn und das Gefühl von Verbundensein mit sich bringen, aber auch zur Herausforderung werden können, wenn man in dieser Welt aufwächst. In kompakt gehaltenen Kapiteln und klaren Sätzen nehmen der Protagonist und durch seinen Blick nach und nach auch die Nebenfiguren Gestalt an, wobei der Fokus klar beim ersteren bleibt. In dessen Gefühlswelt tauchen wir ein.

Kurze klare Sätze, die ein Miteinander transportieren, welches in seinen Gegensätzen angelegt ist. Die Erde unter den Füßen der Bewohner bewegt sich zuweilen, doch das Leben geht weiter. Für die amerikanische Mittelschichtsfamilie, in der der Protagonist beheimatet ist, Schule und später das College besucht, ebenso wie die Stars und Sternchen, die zum Hintergrundrauschen der Region bestimmen und Bodybuilder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Wir folgen dieser Linie den gesamten Handlungsstrang über, in der Orte punktuell wo notwendig, beschrieben werden. Vollkommen ausreichend für die Erzählung, in der kein Wort zu viel vorkommt. Wenn man selten in einer anderen Sprache liest, merkt man bei der Lektüre gerade dieses englischsprachigen Romans, wie ausschweifend zuweilen die heimische Sprache sein kann. Ins Deutsche übersetzt hätte es sicher mehr gebraucht, um das gleiche Gefühl zu transportieren.

Es macht Freude, den Weg des Protagonisten zu verfolgen, zu sehen, wie der kindliche Blick dem des Erwachsenen weicht, der sich zunächst noch finden muss. Die Übergänge von ihrer Beschreibung her sind, soweit ich das verfolgen konnte, stimmig ausgestaltet. Wer Coming of Age mag, Großstadt-Vorstadt-Feeling in der amerikanischen Variante, dem sei diese Erzählung damit empfohlen. Von dem, was ich aufnehmen konnte, mochte ich dies, gerade wenn es dann aber zu sehr eigen wurde, habe ich aber leider doch gemerkt, dass mir an der einen oder anderen Stelle zu viele Vokabeln fehlten.

Außerhalb der Rezension sollte es damit für euch folglich noch genug zu entdecken geben.

Autor:
Kevin McAleer ist ein amerikanischer Schrifsteller, der in Deutschland lebt und zunächst in Kalifornien, San Diego, in Geschichte promoviert hat. Er arbeitet als Autor und freier Übersetzer. Eine Vielzahl seiner Werke sind bei PalmArtPress erschienen.

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Bertolt Brecht: Leben des Galilei

Inhalt:
Bertholt Brechts weltberühmtes Theaterstück erzählt die Geschichte des italienischen Universalgelehrten Galileo Galilei, eines Wissenschaftlichers im Gewissenskonflikt zwischen Wahrheitsanspruch und Autorität, Auflehnung und Anpassung. Im 17. Jahrhundert bewies Galilei, dass nicht die Erde Mittelpunkt des Universums ist und widersprach damit dem herrschenden ptolomäischen Weltbild. Dies führte zum Konflikt mit der katholischen Kirche. Aus Angst vor Inquisition und Folter widerrief Galilei schließlich seine Entdeckung.

Das Schauspiel stellt die bis heute zentrale Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaftler:innen und bleibt somit zeitlos aktuell. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
In Konflikt mit der katholischen Kirche musste der italienische Universalgelehrte Galileo Galilei einige Punkte seiner Entdeckungen widerrufen, da sie den damaligen herrschenden, vor allem dem ptolomäischen Weltbild, widersprachen. Er tat dies aus Angst vor Inqusitation und Folter. Erst 1992 wurde der Astronom von der Kirche formal rehabilitiert. 2008 distanzierte sich der Vatikan erneut von der Vorurteilung durch die päpstliche Inqusitation.

In den 1930er Jahren begann der Lyriker und Dramaturg Bertholt Brecht sich mit dem Leben Galileis zu beschäftigen, woraus in mehreren Fassungen später eines seiner bedeutenden Theaterstücke entstehen sollte. Die hier vorliegende Berliner Fassung entstand Mitte der 1950er Jahre. Zum 70. Todestag von Bertholt Brecht hat Suhrkamp mehrerer dieser Stücke neu aufgelegt.

Das vorliegende Werk gliedert sich in die Theaterfassung an sich, die natürlich wie ein Drehbuch für die Bühne gehalten ist und entsprechend mit einer kompakten Personenübersicht beginnt. Diese ist zwar nicht unbedingt notwendig, lernt man doch die handelnden Figuren Szene für Szene kennen, behutsam werden wir auch in die einzelnen Szenen eingeführt. Eine ausführliche Überschrift rahmt jede Szene ein, zudem eine Beschreibung des Handlungsortes, so dass man sich dies wunderbar vor Augen und als Bühnenstück, welches es ist, vorstellen kann.

Und das funktioniert noch heute. Das Theaterstück lässt sich gut lesen, die einzelnen Szenerien sind vorstellbar, auch die Sprache trägt die Handlung sehr schön. Brecht wusste unter der Mitarbeit von Margarete Steffin zu formulieren, um bestimmte Wirkmechanismen in Gang zu setzen, die den Spannungsbogen durchweg halten, gleichwohl natürlich man weiß, wie die Geschichte für den realen Galilei verlief. Der Weg dahin, ist feinsinnig ausgearbeitet, auch ist das Figurentableau nicht übermächtig. Der Überblick bleibt über die gesamte Länge erhalten.

Im Anschluss finden sich in der vorliegenden Ausgabe je eine Zeittafel zu Galilei selbst und zum Leben und der Arbeit Bertholt Brechts, ohne eine politische Wertung vorzunehmen. Für diese Ausgabe steht das Theaterstück für sich. Die Interpretation des Theaterstücks, die Bedeutung Bertholt Brechts im politischen Sinne muss man selbst vornehmen, wenn man nicht einfach nur sich der Form des Bühnenstücks hingeben möchte. Das Stück, stehend für sich, beeindruckt alleine schon im Umgang mit der Sprache, wurde bis heute mehrfach verfilmt und für die Bühne adaptiert. Das Lesen macht in jedem Fall Lust, das auch mal live zu erleben.

Leseprobe von Suhrkamp: Hier klicken.

Autor:
Bertholt Brecht wurde 1898 in Augsburg geboren und war ein deutscher Dramatiker, Librettist, Epiker und Lyriker, der das dialektische Theater mit begründet hat. Er starb 1956 in Ost-Berlin.

Margarete Steffin wurde 1908 in Rummelsburg geboren und starb 1941 in Moskau. Die Schauspielerin und Schriftstellerin war eine der engsten Mitarbeiterin Brechts.

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Joe R. Lansdale: Moon Lake

Inhalt:
Daniel Russell war erst 13 Jahre alt, als sein Vater versuchte, sich selbst und seinen Sohn zu töten. Er fuhr von einer Brücke direkt in die Fluten des Moon Lake in Ost-Texas. Doch wie durch ein Wunder überlebte der Junge. Jahre später, nachdem er neue Informationen über sein Kindheitstrauma erhalten hat, kehrt Daniel zurück an den Moon Lake. Er hofft, das Auto und die Knochen seines Vaters bergen zu können. Aber tief verborgen unter dem glitzernden Wasser des Sees entdeckt er etwas Schockierendes, das mit einer Reihe ungewöhnlicher Morde in Verbindung steht … (Klappentext)

Rezension:
Beinahe kingest erzählt der gefeierte Schriftsteller Joe R. Lansdale von menschlichen Abgründen, Seilschaften und düsteren Geheimnissen, die während einer Dürre zu Tage treten und Ereignisse in Gang setzen, die immer mehr Erschreckendes offenbaren. Der Roman „Moon Lake“ entführt uns mit seiner Mischung aus Krimi- und Thrillerelementen, Mystery und Horror in die amerikanische Provinz und beschreibt rasant Verbindungen, die ihre Figuren in einem ewigen Würgegriff zu halten scheinen. Die Fesseln einmal losgelöst, scheint es kein Zurück mehr zu geben. Eine Spirale, die unweigerlich in den Abgrund führen muss.

Der leichtgängig zu lesende und mit zunehmender Seitenzahl immer rasanter werdende Roman, erzählt einerseits dicht, andererseits ausschweifend die dichte Abfolge von Ereignissen, die einmal in Gang gesetzt, den Staub von den Straßen des Provinzortes gehörig aufwirbeln wird, an deren Ende nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Der Anfang der Handlung führt uns dabei in die Vergangenheit des Hauptprotagonisten, aus dessen Sicht die gesamte Geschichte erzählt wird. Daniel ist es, zunächst Teenager, später Journalist und angehender Schriftsteller, letzteres nur eine der Gemeinsamkeiten mit vielen Protagonisten vom amerikanischen Autoren Stephen King, der zunächst als Teenager dem Tod entkommen kann, um später im Erwachsenenalter an den Ort seiner Kindheit zurückkehren, nicht ahnend, welchen Ereignissen er auf den Grund gehen werden wird. Sprichwörtlich.

Gleich zu Beginn werden wenige Hauptfiguren eingeführt, auf die sich auch im späteren Verlauf die Erzählung konzentriert. Verschrobene und dem Ort Gesichter gebende Personen, die die Dynamik der Handlung bestimmen. Mit Daniel, aus dessen Sicht wir die gesamte Geschichte erleben, gibt es einen starken Protagonisten, auch Ronnie ist als Haupt-Nebencharakter durchweg positiv gestaltet, während andere Figuren Ecken und Kanten, durchaus mehrere Seiten und Interessen besitzen.

Dieses Spiel, welche da von die Oberhand gewinnen, ist einer der Handlungstreiber. Ohne dass es allzu absurd wirkt, hat man den Eindruck einer sich immer rasanter drehenden Spirale beizuwohnen, die man sowohl als Politthriller oder auch Gesellschaftskritik, Krimi lesen kann. So viel steckt tatsächlich zwischen den Zeilen, ohne dass man sich in der Interpretätion anstrengen muss. Popcornkino in Buchform ist das, aber vom feinsten, welches mit dem Hauptprotagonisten hoffen und bangen lässt. Das gelingt durch ausführliche Beschreibungen von Gefühlswelten, deren Änderungen gleichsam Aggregatszustände sehr detailliert geschildert werden. Ein anderes Plus sind die fast filmhaften Darstellungen der Handlungsorte, die so einem recht plastisch vor Augen geführt werden.

Der Leser deckt gemeinsam mit den Protagonisten die Geheimnisse der dunklen Vergangenheit und Gegenwart des Ortes auf, ist immer auf den gleichen Stand. Ungläubige Wendungen, irre Ausreißer wird man vergeblich suchen. Hier ist es dem Autoren gelungen, den richtigen Spagat zwischen stets weilender unterschwelliger Spannung und einem gewissen Logik zu bewahren, die zumindest gut vorstellbar ist. Figuren geben dabei der Handlung, sowie der Hauptfigur, immer weitere Impulse, die man gemeinsam mit ihr gerne verfolgt. Gefühlt steht dabei der Umfang der Erzählung im krassen Gegensatz zur tatsächlichen Anzahl von Worten. man hat eher den Eindruck eine dicht gepackte Novelle, tatsächlich mit einigen entsprechenden Elementen, vor sich zu haben, als einen ausschweifenden Mystery- und Politthriller.

Wer einerseits Erzählungen gerne liest, die sich auf wenige Handlungsorte konzentrieren, andererseits eine gute Mischung aus Krimi-, Thrillerelementen mit einem Hauch von Horror bereithalten, wird mit „Moon Lake“ sicher auf seine Kosten kommen. Es ist ein Roman, der gut unterhält, gar nicht den Anspruch hat, hohe Literatur zu sein. Für das, was Lansdale hiermit wollte, ist dies eine spannende Geschichte, die man Zeile für Zeile gerne verfolgt. Das ist doch auch ganz schön.

Autor:
Joe R. Lansdale ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er wurde 1951 in Texas geboren und schreibt Kriminal-, Horror und Science-Fiction-, sowie historische Romane, die bereits mehrfach Grundlage verschiedener Filme wurden. Lansdale erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen, wie den British Fantasy Award oder den American Horror Awarf, mehrfach auch den Bram Stoker Award. Seine Werke wurden bereits in mehreren Sprachen übersetzt.

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Wolfram Christ: Die merkwürdigen Abenteuer der Marina Casanova aus Köln

Inhalt:
Erinnern Sie sich an den Juwelenraub im Grünen Gewölbe in Dresden? Obwohl sich viele Fachleute damals sicher waren, eine solche Tollheit könne nur die Auftragsarbeit eines Sammlers gewesen sein, in dessen Tresor die unbezahlbaren Prezisen nun für immer verloren seien, tauchte ein Teil davon später wieder auf. Was war schiefgegangen?
Die Antwort, die der Autor in diesem Kriminalroman liefert, ist so einfach wie verblüffend: Die Gangster hatten nicht mit Marina Casanova aus Köln gerechnet!

Rückblende. Im Frühsommer 2020 gerät die junge Kunsthistorikerin in Italien zufällig in den Strudel jener Geschehnisse. Anders als in Deutschland vermutet, sind internationale Interessen im Spiel. Und selbst die ‚Ndrangheta will ein Wörtchen bei der Sache mitreden. Marina erkennt schnell, dass sie eingreifen muss. Wie ihre Lieblingsromanheldin, Agatha Christies Miss Marple, braucht sie dafür aber keine Waffe. Charme und gesunder Menschenverstand genügen vollkommen. Und gute Freunde.

Rezension:
Neben all den gutgehenden internationalen Bestsellern scheinen die Werke hießiger Autorinnen und Autoren dieses Genres schon von Seiten der Verlage so viel Staub wie lokalen Mief mitzubringen, dass man sich unweigerlich fragt, wer diese Bücher überhaupt liest. Nur manchmal taucht unter ihnen ein kleiner Diamant auf, ein winziges Juwel. Nichts für die Karnevalistin Marina Casanova, die gerade mit ihrem Studium der Kunstgeschichte fertig ist, nach Italien reist, lieber einen Roman von Agatha Christie schmökert. Und sich unverhofft, in einem rasanten Spiel der Kräfte wiederfindet, in einer Zeit, als der Rest der Welt noch stillsteht. Lebendigwerden hat dieses wechselhafte Abenteuer der Schriftsteller Wolfram Christ. Nicht nur dessen Hauptprotagonistin weiß zu überraschen.

Der Krimanlroman „Die merkwürdigen Abenteuer der Marina Casanova aus Köln“ nimmt eine echte Nachricht als Grundlage, die zumindest die Welt der Künste seinerzeit erschütterte, würzt sie mit lokalem Hintergrundrauschen aus einer vollkommen anderen Ecke Deutschlands und verfrachtet das ganze in den Süden Europas. Ein Kriminalfall, der Grenzen sprengt, Feingefühl, Spürsinn und Reaktionsvermögen benötigt, wie geschaffen für die Hauptfigur dieser temporeichen Erzählung. Wolfram Christ zeigt sich dabei als Meister der Verknappung. Die Geschichte kommt nach wenigen Seiten Einführung schnell ins rollen. Die filmisch erzählten Kapitel sind kompakt gehalten. Trotzdem ist genug Raum vorhanden, der Entwicklung der Figuren nachzuspüren und sie lieben zu lernen.

Allen voran die titelgebende Hauptprotagonistin selbst, die mit einer Mischung aus Straßenschleue, viel Witz und Humor ihre Intuition zu nutzen und umzusetzen weiß, folgt man gerne. Schnell entstehen Bilder der Dynamik des Zwischenmenschlichen im Kopf, vor allem im Perspektivwechsel zwischen den Figuren, die allesamt ihre Ecken und Kanten aufweißen, deren Sichtweisen wir nach und nach immer detaillierter nachspüren. Keine ist das wirkliche Böse. Jede Figur hat für sein Handeln nachvollziehbare Gründe. Das Spiel mit den verschiedenen Schattierungen von Grautönen gelingt hier sehr gut, auch wenn eine Schippe weniger dem ganzen auch gut getan hätte. Tatsächlich mag man das eine oder andere Mal zusammenzucken, wenn sich noch eine weitere Ebene der Verflechtungen auftut. Krimineller Sammler, italienische Unterwelt, Korruption, alter und Öladel. Darf es auch etwas weniger sein, möchte man fragen.

Allein, es funktioniert sehr gut und hält das rasante Tempo aufrecht, welches den Handlungsstrang über die gesamte Länge trägt. Und das ist etwas, was man wohl kaum bei diesem dann doch für das Genre heute sperrigen Titel erwartet, der sich mehr an die alten Klassiker der Begründer der Kriminallieratur orientiert. Die Figuren, die Gegensätze sind nachvollziehbar, zudem aus wechselhafter Perspektive erzählt wird. Brüche sind nicht ganz so brachial vorhanden, wie man das zuweilen von Bestellerware kennt, der Autor hat es allerdings auch gekonnt vermieden, Gott sei Dank möchte man meinen, sich in Fallstricke zu verheddern oder unglasubwürdigen Wendungen zu begeben, die dann kaum aufzulösen sind. Es ist sehr wohltuend, dass es das in diesem Genre heute auch noch gibt. Nur das Hintergrundrauschen eines weltumspannenden Virus‘ hätte es nun wirklich, wirklich nicht gebraucht. Auch so das Getue um die Kölner Karnevalisten, ein Element, was man sich zumindest im Sinne der Geschichte erklären kann. Trotzdem, warum tut man so etwas?

Wolfram Christs Text merkt man dessen Fernseh- und Theatererfahrung an. Der Roman wirkt wie ein Kammerspiel, der seine Bühne Italien auszunutzen weiß. Schauplätze und Orte werden sehr plastisch beschrieben, auch die Figuren kann man sich gut vor dem inneren Auge vorstellen. Ein Krimi, der mehr kann als die Folge einer Vorabendserie und es durchaus mit den Klassikern aufnehmen kann, die einem unweigerlich als Vorbild in den Sinn kommen. Fast ohne Blut und ohne Beschreibung von allzu viel Gewalt um der Gewalt willen. Das geht also heute auch.

Für alle, die wieder einen Krimi lesen möchten, der sich mehr in Richtung der klassischen Vorbilder des Genres orientiert, ist diese Erzählung zu empfehlen, in der mehr die Ermittlung und die Beweggründe der handelnden Personen im Vordergrund stehen, als die sonst zu oft praktizierte Effekthascherei, auch wenn manches Element mir zumindest Augenrollen und genervtes Aufstöhnen verursacht hat. Zumindest innerlich. Der Weg zum Ziel ist hier das interssante, wenn gleich die Auflösung nicht von vorneherein feststeht. Der lose Bezug zu den wahren Geschehnissen um die Ereignisse im Grünen Gewölbe wurde hier zudem gelungen eingearbeitet. Wer für solch eine Mischung zu haben ist, dem sei dieses Werk empfohlen.

Autor:
Wolfram Christ ist ein deutscher Autor, Regisseur, Produzent und Verleger, wurde 1963 geboren Gelernt hat er beim Fernsehen der DDR und arbeitete nach der Wende für verschiedene Sender freiberuflich im Bereich Film- und Fernsehproduktion. Seit 2012 wirkt er zunehmend für die Theaterbühne. 2011 bis 2012 baute er die „comediantes“ zu einem Tournee-Theater um, ein Verlag für Hörbücher und Hörspiele folgte, der später um Lyrik und Belletristik erweitert wurde.

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Joslan F. Keller: Seefahrts-Mythen

Inhalt:
Wie konnte ein Schiff, das vor Bermuda dem Meer überlassen wurde, 5000 Kilometer entfernt an den Klippen Irlands zerschellen?

Warum löste ein mysteriöser Tanker, der in australischen Gewässern wie aus dem Nichts auftauchte, eine politische Kontroverse aus?

Und was steckt hinter der Legende, dass an der Küste Englands alle 50 Jahre aufgrund eines Liebesdramas ein geheimnisvoller Geisterschoner auftaucht?

Joslan F. Keller geht 30 spannenden Legenden und Mythen der Seefahrt auf den Grund – vom Fliegenden Holländer über die berühmte Mary Celeste bis hin zu jüngeren Geisterschiffen wie der Joan Seng. Dabei liefert er nicht nur Antworten auf rätselhafte Fragen, sondern lässt Raum für Fantasie und Geheimnisvolles. (Klappentext)

Rezension:
Rau und unerbittlich können die Weiten der Ozeane sein, die zum Großteil immer noch unerforscht sind. Doch einiges, was man noch vor wenigen Jahren als Seemannsgarn abgetan hat, ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen. Riesenkalmare von über 13 Meter Länge hat man schon gefunden, auch die Existenz von Monsterwellen mehrerer Meter Höhe nachgewiesen. Dagegen spuken Legenden von Geisterschiffen, mysteriösen Wracks und Schiffen, die auf hoher See ohne Besatzung daher treiben vornehmlich in Form von Geschichten in unseren Köpfen. Die meisten dieser Erzählungen besitzen zumindest einen wahren Kern. Der TV-Moderator und Historiker Joslan F. Keller versucht in seinem Buch „Seefahrtsmythen“ diesen auf den Grund zu gehen.

Verschiedene Legenden von Geisterschiffen beflügeln seit Generationen rund um den Globus unsere Phantasie und sind inzwischen ein Bestandteil der Populärkultur, Inspiration zahlreicher Romane und Filme. Doch hier liegt die Herausforderung. Wo beginnt und endet der wahre Kern einer dem zu Grunde liegenden Geschichte, wo haben wir im Laufe der Geschichte Dinge hinzugefügt, ergänzt und ausgeschmückt. Diese Waagschale zu halten, gelingt in diesem Genre nicht oft. Meist entscheiden sich Autorinnen und Autoren für die eine oder andere Seite, sei es, da sie selbst daran glauben (wollen) oder dies vollständig als Scharlatanerie abtun und nicht einmal dem wahren Kern Beachtung schenken, so sich der ergründen lässt.

Wie ordnet man folglich solch eine Kuriositätensammlung ein, die Sachbuch sein soll, gleichzeitig jedoch Kuriositätensammlung sein soll und bei der sich der Autor merklich nicht entscheiden konnte, entweder rein sachlich zu bleiben und seine Begeisterung für die Thematik zurückzustecken oder vollends aufzugehen in die Welt des Spekulativen? Der Autor schwankt in Folge dessen immer im Schreib- und Erzählstil, der mal trocken und informativ, mal erzählerisch daherkommt.

Auch die kompakte Form, die fast eine Art ausführlicheres Nachschlagewerk entstanden lassen hat, trägt da zur Verwirrung bei. Etwa vier Seiten, nur manchmal mehr, wird je einer Legende eingeräumt, so dass eine Auswahl von dreißig Stück zwischen den Buchdeckeln Platz finden. Erzählt wird dabei von klassischen Geisterschiffen, herumtreibende Wracks als eigene Kategorie, verschwundenen Besatzungen und noch einmal herausgestellt, besonders grausame Entdeckungen. Wenigstens diese dramaturgische Steigerung wurde hier bis zum Ende durchgehalten.

Hätte man sich in der sachlichen Ausgestaltung für die eine oder andere Seite vollends entschieden, Legenden ausführlicher erzählt und nicht nur angeschnitten, hätte diese Zusammenstellung eine ganz andere Wirkung. So bleibt das Gefühl, etwas halbgares in den Händen zu halten, was nur als Einführung in die Thematik taugt. Und das ist zumindest ein wenig schade.

Autor:
Joslan F. Keller wurde 1966 geboren und ist ein französischer Autor und Moderator, der regelmäßig in Frankreichs führenden Web-TV-Sender für Mysterien und Unerklärliches auftritt.

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Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei

Inhalt:
Tomi Ungerer ist neun Jahre alt, als deutsche Truppen 1940 das Elsass besetzen. Deutsch wird die offizielle Sprache, Französisch bei Androhung strenger Strafen verboten, aus Jean-Thomas, von allen Tomi genannt, wird Hans. Tomi Ungerer erzählt vom Alltagsleben unter der Nazibesatzung, vom Krieg, von der liberation – und von den ganz normalen Streichen, Freuden und Erlebnissen eines heranwachsenden Jungen. Dank unzähliger Zeichnungen aus Tomi Ungerers Kindheit und seinem grenzenlosem Humor ein ungemein lebendiges Erinnerungsbuch. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Witz und Humor, das Talent sich auszudrücken und die Dinge aus einem besonderen Blickwinkel heraus zu betrachten, ist dem späteren Zeichner und Kinderbuchillustratoren Tomi Ungerer schon in seiner Kindheit gegeben, die dieser in turbolenten Zeiten durchlebt hat. Als die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges den Elsass besetzten, wächst er in einem Vorort Colmars auf, als behütetes Nesthäkchen und ohne Vater. So betrachtet er die Widrigkeiten des Krieges, die in den Alltag der Familie hineinragen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nun postum neu aufgelegt wurden.

Nicht nur Tagebuch, autobiografische Erzählung oder, wie man es sich vielleicht bei einem Illustratoren denken würde, eine Ansammlung von Zeichnungen und Karikaturen ist diese hier vorliegende Sammlung, sondern eine Wundertüte, die uns in eine wundersame Zeit eintauchen lässt, in der der Alltag im schlechtesten Sinne auf den Kopf gestellt war. Tomi Ungerer hat hier tief gegraben in seine Erinnerungskiste und Fotos sowie Kinderzeichnungen zusammengestellt, die den Humor des späteren Künstlers und vor allem dessen Stil schon früh zu Tage treten lassen. Aus den zahlreichen Puzzleteilen ergibt sich ein buntes Portrait aus Familienalltag, Einschränkungen durch Krieg und Besatzung, aber auch kindlichen Übermut, der nicht nur einen Schädelbruch zur Folge hatte.

Die Tonalität der Sprache ist geprägt von Leichtigkeit, vom ungetrübten Blick des Kindes, der alles als ein großes Abenteuer sieht, doch durchaus den Ernst der Lage erkennt, wenn er in der Rückschau betrachtet, wie die Mutter etwa sich einerseits wie eine Löwin schützend vor die Kinder stellt, andererseits aber auch er selbst Widerstand leistet, und sei es nur mit Karikaturen von Lehrern im Schulheft und Tagebuch. Tomi Ungerer ist es hier gelungen, das Leben unter einem Besatzungsregime nachzuzeichnen, welches sich natürlich von dem im Osten, aber auch dem im geteilten Frankreich selbst unterschied, ein Aspekt der bis dato viel zu wenig Beachtung fand.

In der Aufreihung der Bücher gegen das Vergessen ist dieses hier schon aufgrund der Zusammenführung des Materials durch Autor und Zeichner in Personalunion etwas besonderes, zudem es die Wurzeln des späteren Künstlers aufzeigt. Dabei sind es nicht nur die pointierten Zeichnungen, sondern auch punktuelle Formulierungen, Beschreibungen von Personen, die den kindlichen Scharfsinn vor Augen führen. Auch nicht die große Politik, die nur in sofern eine Rolle spielt, sofern sie in den Alltag des Heranwachsenden hinein greift. Das besondere liegt in der Beschreibung alltäglicher Dinge in einer nicht alltäglichen Situation, die nur mit Vorsicht, Angst und in seinem Falle mit einer großen Portion Witz, auch Galgenhumors, zu ertragen gewesen ist.

Für alle, die staubtrockene Ausführungen scheuen, Zugang zu diesen sehr besonderen Künstler finden möchten und die Zeit der Besatzung des Elsass durch das NS-Regime nachspüren wollen, ist dieses wichtige Buch eine geeignete Lektüre.

Website: tomiungerer.com

Tomi Ungerer Museum: Hier klicken.

Autor:
Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren und war ein französischer Grafiker, Schrifsteller und Illustrator von Büchern für Kinder und Erwachsene. Erste Zeichnungen veröffentlichte er im Simplicissimus, er arbeitete in New York, kurzzeitig in Hamburg und lebte eine Zeit lang in Irland auf einer Farm, bevor es ihn wieder in den Elsass zurückzog. Er starb 2019 in Cork, Irland.

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Melissa Müller: Mit dir steht die Welt nicht still

Inhalt:
London, 1951. Für Nanette ist es eine Zufallsbegegnung, für John ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch John steht kurz vor seiner Auswanderung nach Brasilien. Ginge es nach ihm, würde er seinen Plan ändern, aber Nanette, die mit Anne Frank befreundet war und als Einzige ihrer Familie Bergen-Belsen überlebt hat, fürchtet sich vor dem Glück. Als sie einander Brief um Brief schreiben, gesteht sie sich langsam ein, dass sie mit ihm zurück ins Leben finden kann. Ein Buch über die rettende Kraft der Liebe. (Klappentext)

Rezension:
Entlang von Briefen erzählt Melissa Müller in ihrem neuen literarischen Sachbuch „Mit dir steht die Welt nicht still“ vom Überleben und Leben mit traumatischen Erfahrungshorizont, der Kraft der Liebe, sowie eine Geschichte von Hoffnung und Lebensmut. Dieser zuweilen schermütig melancholiche Bericht ist zugleich ein Buch der Erinnerung, eines gegen das Vergessen.

Briefe sind es gewesen, und eine Recherche über Anne Frank, deren Tagebuch nach dem Holocaust weltberühmt wurde, die die Autorin auf die Geschichte zweier Menschen brachte. Hintergrundinformationen, um ein umfassendes Bild zu bekommen, der Zeit und der Jugendlichen, die mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt, schließlich verraten wurde und schließlich Bergen-Belsen nicht überleben konnte, wollte die Autorin recherchieren und stieß dabei auf Nanette Blitz‘ und John Konigs Geschichte, die ebenso aufschlussreich und beachtenswert ist. Nun liegt sie vor, in dieser wunderbar dokumentarisch-biografischen Aufarbeitung und macht jene zu Hauptfiguren, die das Puzzle um Anne Frank mit hin vervollständigen.

Entlang des Schriftwechsels durch die Zeit werden die zwei Leben erzählt, die zunächst scheu einander umkreisen, bald jedoch trotz der Distanz eines Ozeans zwischen ihnen nicht mehr ohne einander können. Immer klarer werden die beiden Charaktere, je mehr man über ihre Zeit und den Gegebenheiten erfährt. Vor allem Nanette traut den aufkeimenden Glück zu Beginn nicht genug, waren die zuvor erlebten Jahre doch zu unzurechenbar und forderten vor allem von ihrer Familie Opfer. Wie kann man sich da noch positive Gefühle erlauben, wenn man gerade so dem Unheil entkommen ist und so viel Tod und Unmenschlichkeit erlebt hat? John ist es, der sie behutsam ins Leben zurückfinden lässt. Alleine, die Narben bleiben für immer.

Dies steht schnell fest, je mehr man in diese literarische Reportage hineinfindet, die aufgrund der Zeitsprünge zunächst nur schwer zugänglich bleibt. Die österreichische Journalistin und Autorin Melissa Müller stellt die Frage nach dem Überwinden, nach dem Überleben eines Traumas. Was macht das mit uns, mit unserer Umgebung, mit der Familie? Wie gehen wir damit um? Diesen philosophischen Überbau zu durchdringen, fällt nicht leicht und erzeugt streckenweise Längen. Verbindungslinien zwischen den einzelnen Briefen zu halten, ist im Angesicht der Sprünge schwer. Trotzdem ist durchaus zu spüren, in welche Richtung die Autorin wollte und wohin sie die Beschäftigung mit zweier Leben letztendlich führte. Diese Differenz ist spannend zu erfahren, aber für Außenstehende nur schwer zu begreifen.

So lässt mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Vielleicht hilft Lebenserfahrung, Abstand, vielleicht das fragmentarische Lesen einzelner Abschnitte, in denen sich Briefe und Verbindungslinien abwechselnd lesen, die Lektüre besser zu durchdringen. Eventuell war meine Erwartungshaltung auch eine andere, die in diesem Moment einfach nicht gepasst hat. Dennoch verdient auch diese dokumentarische Erzählung einen Platz im Regal der Bücher gegen das Vergessen. Der Stil alleine sollte nicht daran hindern, dies zu lesen.

Autorin:
Melissa Müller wurde 1967 in Wien geboren und ist eine österreichische Journalistin und Schriftstellerin. Zunächst studierte sie Germanistik und BWL, danach arbeitete sie für verschiedene Wirtschaftsredaktionen in Wien und München. Ihr Buch „Das Mädhcen Anne Frank wurde 1998 veröffentlicht und vielfach übersetzt. Danach wirkte Müller an einem Dokumentarfilm über Anne Frank mit. Bei Recherchen zu einem Folgeprojekt lernte sie Traudl Junge kennen, mit der sie sprach. Aus den gesprächen entstand ein Interview und eine Biografie. 2008 veröffentlichte sie ein Buch über jüdische Künstler und den Umgang mit ihnen, nach 1945.

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