Gesellschaft

Marc Raschke: Du hast die Wahl

Inhalt:
Welche Partei soll ich wählen? Es macht doch eigentlich eh keinen Unterschied, wen ich wähle – oder? Was wir jetzt dringend brauchen, ist Orientierung und Haltung. Beides liefert der bekannte Publizist, Politik-Influencer und Kommunikator Marc Raschke mit dieser Edition des TaschenRaschke zur Bundestagswahl 2025.

Mit „Du hast die Wahl“ ist es Ihnen möglich, sich als Mitte der Gesellschaft in debatten klar gegen den Rechtsruck in Deutschland zu stellen. Entlarven Sie Fake-News und Populismus, entdecken Sie die Zusammenhänge – auf den Punkt gebracht, so dass am Ende klar ist: Rechts kann keine Alternative sein. (Klappentext)

Rezension:
Wie langlebig sind eigentlich politische Argumentationshilfen und Streitschriften? Die meisten von ihnen können bereits mit der nächsten Wahl als veraltet gelten, andere widerum beweisen eine erstaunliche Zähigkeit gegenüber den Geschehnissen auf.

Der Publizist Marc Raschke hat diesen, seinen Aufruf, wählen zu gehen, in Blick auf die letzte Bundestagswahl geschrieben, die damals noch anstand und aus der Friedrich Merz als Sieger hervorgehen sollte. Heute darf man fragen, welche Teile der Argumentation Raschkes sich bewahrheitet haben und welche so langlebig sind, dass wir dieses kleine Taschenbuch weiterhin als wichtigen Debattenbeitrag sehen dürfen.

Dabei ist der Autor klar in seiner Position, gegen Rechts natürlich, gegen eine Radikalisierung der Mitte, die bereits eingetreten ist und unter den jetzt an den Schalthebeln der Macht sitzenden Menschen vorangetriebenen Polarisierung der Gesellschaft, die eher zu mehr Spaltung führt als wirklich hilft, das Vertrauen in die Politik zurückzugewinnen. Ersteres ist bereits eingetreten, mit einer Regierung, die inzwischen auch immer mehr Teile ihrer Wählerschaft vor den Kopf stößt. Der Blick in die Kristallkugel hat also funktioniert.

Die Argumentationskette ist dabei klar. Zuerst stellt der Autor dar, warum man aus seiner Sicht überhaupt wählen sollte und warum Rechts keine Alternative sein kann, sowie wie es immer weniger Fakten schaffen, zu uns durchzudringen und statt dessen Fakenews viel zu oft die Oberhand erhalten. Mit klaren Punkten für seine Position nimmt er Bezug auf die Entwicklung der Medienlandschaft, die den Rechtsruck bereitwillig in die Bevölkerung hineintragen, um dann zu zeigen, wie mit Zahlen so lange falsch argumentiert wird, bis sie der eigenen Linie dienen.

Mit Hilfe kompakter und leichtgängig zu lesender Kapitel zieht sich so ein Faden durch das Sachbuch, welches man als Gegenstück zu all den Nuhrs oder Peter Hahnes sehen darf, die sich genau so wie eine gewisse Partei längst von mittigen Positionen verabschiedet haben. Letztere, den Gutteil der Geschichte der Bundesrepublik an der Macht, wird daher besonders betrachtet, weshalb zwangsläufig die Betrachtung der anderen politischen Kräfte kürzer aus-, wenn nicht gar ganz ausfallen muss.

Das ist schade, dient aber der Sache in sofern als mit Marc Raschke eine Stimme gegen Populismus und Konservatismus, sowie Lobbyismus rechtzeitig vor der Wahl zu hören gewesen ist. Zumindest das Kapitel über letzteres, sowie jenes über den Umgang mit Fakten und Zahlen, sowie die Polemisierung der Argumentation ist auch heute nach der Wahl noch hoch aktuell, weshalb dieses Sachbuch eben auch derzeit lesenswert und wichtig ist.

Es ist erfrischend, dass was rechtskonservative Kräfte mittlerweile auf den Buchmarkt schaffen, auch auf der anderen Seite gelinkt, mit Argumenten, die einer genaueren Betrachtung und Auseinandersetzung auch standhalten, passt ja auch gut zur Ausrichtung des Verlags, der sich für die Sichtbarkeit für Menschen mit körperlichen Einschränkungen einsetzt und damit wie kein anderer für diese Positionierung prädestiniert ist. Man wünscht sich mehr solche Stimmen und dass die vorhandenen öfter gehört werden. Das zumindest bleibt nach dem Lesen eines Autoren, der natürlich weiß, mit Argumenten zu spielen, damit umzugehen. Auch klar.

Aber eben faktensicher und folgerichtig. Wie wohltuend, auch und gerade heute.

Autor:
Marc Rascghke wurde 1976 geboren und ist ein deutscher Journalist, Politik- und Kommunikationswissenschaftler, sowie Historiker. Bekanntheit erlangte er als Populismus- und Radikalisierungsexperte, sowie in der Pandemie, als er in den sozialen Medien Studien, politische und gesellschaftliche Themen niederschwellig erklärte.

Er erhielt 2024 den Deutschen Preis für Wirtschaftskommunikation und wurde drei Jahre zuvor zum Forschungssprecher des Jahres gekürt. Raschke ist Autor mehrerer Argumentations- und Streitschriften.

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Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

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Alexander Graeff: Deine Revolution für Ungenauigkeit hat Zukunftswert

Inhalt:
In Deine Revolution für Ungenauigkeit hat Zukunftswert findet Alexander Graeff eine poetische, eine verbindende Sprache für die klima-, körper- und sozialpolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Was wäre eine geeignete Metapher, eine Lebensweise, ein Lebewesen, das aus dem Alltag von Raufasertapeten myzelische Fantasieimmobilien flicht? Irgendwann wird klar: Die Fantasieimmobilie ist eine Realitätsimmobilie. Diese Revolution ist keine Bilderstürmerei, sie ist ein sanftes Bevölkern der Gegenwart mit Bildern, die sich anschmiegen wie das Farbspiel des Oktopus an seine Umgebung. (Klappentext)

Rezension:
In Zeiten, in der immer mehr Menschen eine immer reduziertere Aufmerksamkeitsspanne besitzen, die Zündschnur kurz ist, sollten Gedichte wieder möglich sein. Vor allem, wenn sie kompakt sind und punktgenau treffen. Das tun sie, auf den Bühnen, auf denen Poetry Slam stattfindet, dieses moderne Vortragen von Gedichten, was das stille Lesen um Längen schlägt. Zumindest bei dieser literarischen Form. Doch, in vielen Bücherregalen, Buchhandlungen finden sie nicht mehr statt oder nur noch in sehr reduzierter Form.

Und deshalb möchte ich hier diesen kleinen Gedichtband vorstellen, in dem der Schriftsteller und Philosoph Alexander Graeff moderne und in unserer Gesellschaft viel diskutierte Themen aufgreift. Mehrere Gedichtzyklen und Einzelgedichte greifen hier politische und gesellschaftliche Ereignisse auf, Dinge, die uns alle berühren, zum Nachdenken und Handeln anregen sollten. Da wird der Klimawandel ebenso zum Gegenstand des Lyrischen wie das Zerplatzen des Aquadoms in Berlin als Symbol für die angespannte Stimmung in unserer Gesellschaft.

Persönliches berührt Politisches, doch wie dem Unaussprechlichen Worte verleihen? Wie umgehen, mit einer Welt, in der Kontraste immer stärker werden, immer mehr Menschen das suchen, was uns trennt, anstatt eint? Bei immer höheren Temperaturen, Wetterextremen und Radikalisierung? Der Autor versucht hier seinen Gedanken dazu Ausdruck zu verleihen, was manchmal verfängt, manchmal nur schwer zu greifen ist. Nicht bei jedem Text oder Gedicht funktioniert das gleichermaßen gut. Nicht immer erreicht die Sprache. Einige Male werden Bilder, Gleichnisse doch arg strapaziert.

Dennoch fliegt man durch das Büchlein. Die einzelnen Gedichte kann man sich unabhängig vioneinander vornehmen, aber auch hintereinander weg lesen. Irgendwann wird man schon gezwungen, innezuhalten. Durchzuatmen. Manchmal gar habe ich mich beim lautlesen erwischt. Und das ist doch auch mal ein interessanter Effekt.

Wie sich die Texte lesen, hier ein Beispiel:

Double Bind

Die Stars aufm Banner sind keine
Fantasien der Unsterblichkeit vielmehr
Steesternnachbarn aus dem Wasser
ozeanische Existenzen keine
Ängste Verstecke Löschungen
die Lösungen sind flexible Varianten.
Debatten über KI weil alle über KI debattieren
sortierende Programme einer
Herrschaft der Männer & ihre
Furcht vor der Herrschaft der
Maschinen. Dagegen deine
Anatomie ohne vorausgesetzte
Dynastie einfach bloß
tentakuläres Terraforming.

Ich tue mich hier schwer mit der Wertung und werde die irgendwann nachreichen müssen. Vielleicht müssen die Gedichte hier einfach eine Weile wirken.

Autor:
Alexander Graeff ist ein deutscher Schriftsteller und Philosoph. Er arbeitet als Dozent, Kurator und Literaturvermittler und wurde 1976 in Bad Kreuznach geboren. Er studierte Wirtschafts-, Ingenieur-, Erziehungswissenschaften und Philosophie in Karlsruhe und Berlin und promovierte zwischen 2008 und 2012. Danach unterrichtete er Kreatives Schreiben und übte Gastdozenturen an unterschiedlichen Hochschulen aus.

Seit 2013 ist er als Literaturvermittler und -kurator tätig und betreute bis 2019 als Initiator und Gastgeber die Lesereihe Literatur in Weißensee, seit 2016 ist er Programmverantwortlicher für Literatur in der Brotfabrik Berlin. Er schreibt philosophische wie belletristische Texte und engagiert sich kulturpolitisch für die Sichtbarkeit queerer Inhalte und Personen im Literaturbetrieb. Graeff ist Mitbegründer des PEN Berlin.

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Sara Mesa: Die Familie

Inhalt:
In dieser Familie gibt es keine Geheimnisse. Alle spielen Theater, verstellen sich, erfinden kleine Lügen. Sara Mesas Erkundung des Weltinnenraums Familie ist unerbittlich, beklemmend genau und so unheimlich vertraut wie die Schatten im nächtlichen Kinderzimmer. (Klappentext)

Rezension:
Angespannte Stille und die Suche nach Luft zum Atmen kennzeichnen die vorliegende Erzählung der spanischen Autorin Sara Mesa, in der ihre Protagonisten sich versuchen, der Kontrolle des Familienoberhaupts zu entziehen, die fast schon als psychologischer Terror zu bezeichnen ist.

Jeder Einzelne von ihnen hat seine kleinen Geheimnisse und entwickelt Strategien, sich der Gewalt des Gutgemeinten zu entziehen. Die so angespannte Atmosphäre schafft eine Sogwirkung, die einem den Atem anhalten und zugleich kalte Schauer den Rücken herunterjagen lässt. So entstehen aus verschiedenen Blickwinkeln heraus in „Die Familie“ ein psychologisches Kammerspiel Bilder, wie familiäre Beziehungen uns prägen und eine Geschichte davon ausgehender Ausbruchsversuche.

Eröffnet wird der Roman, der schon alleine durch die Distanziertheit des Tons eine Sogwirkung entfaltet, am Wohnzimmertisch, an dem sich alle Aktivitäten unter der Kontrolle der Vaterfigur abspielen müssen. Dieser arbeitet in einer Anwaltskanzlei, verehrt den Asket Gandhi und betrachtet jede Form von Individualismus und Geheimniskrämerei als gefährlich.

Das Tagebuch seiner Nichte Martina, die als Adoptivtochter in die Familie hineinkommt, genauer gesagt, das Schloss daran, ist Diskussionsgegenstand; die erste einer Vielzahl von Konfliktlinien, die sich wie Gräben zwischen den Protagonisten auftun, aus deren verschiedener Perspektive wir der Erzählung beiwohnen.

Martina, die die Unabhängigkeit, die Welt da draußen, auch durchaus ihren Schmerz bereits kennt, sieht innerhalb eines Abends ihr Tagebuch zu einem Ort für Aufsätze verkommen, deren einzelne Formulierungen ihr vorgegeben werden, natürlich mit einem entsprechenden Vortrag am Tisch als Überbau. Auch die anderen Figuren lernen wir so im Laufe der Erzählung kennen, deren unterschiedliche Charakterzüge die verschieden verfolgten Strategien kennzeichnen, dem Terror des Gutgemeinten zu entgehen. An ihnen schärfen sich ihre Ecken und Kanten. Diese Verschiedenheit der Figuren herauszuarbeiten, ist eine Meisterleistung Sara Mesas, die diesen Roman einer Familie trägt.

Sie widerspräche sich, sagte er. Sie widerspräche sich, wenn sie dem Schloss so wenig Bedeutung beimesse und es trotzdem benutze. […] Er führte das Notizbuch an seine Augen, runzelte die Stirn. Was für ein kleines Loch, sagte er wie zu sich selbst. Um erst gar nicht davon zu reden, dass sie das Tagebuch unter der Matratze aufbewahre – wie erkläre sie das? „Martina, Martina, wann wirst du uns endlich vertrauen? Irgendwann wirst du akzeptieren müssen, dass eine neue Phase deines Lebens begonnen hat. Eine bessere Zeit, ohne Dunkelheit, ohne Angst.“

Sara Mesa: Die Familie

Dabei handelt der Vater nicht einmal in böser Absicht. Die Erzählung braucht auch nicht den klassischen Antagonisten. Es ist das Spiel der Generationen, um die Deutungshoheit von allem, welches die Autorin hier auf die Spitze treibt. Immer wieder zeigt sich die Erbärmlichkeit und auch Hilflosigkeit dieser Figur in einzelnen Szenen, erst zwischen den Zeilen, dann immer deutlicher den heranwachsenden Kindern auch offener. Sara Mesa schafft dabei mit verhältnismäßig kurz gehaltenen und klaren Sätzen, im Wechsel mit kunstvoll psychologisch eingewobenen Szenen diese beklemmende Atmosphäre.

Über allem steht die Frage des Umgangs mit einer solchen Situation und hier nimmt die Handlung dann auch sehr schnell Fahrt auf. Dem Jüngsten, so merkt man schnell, wird dies am Ende am besten gelingen, die älteren Geschwister jedoch mit nicht nur psychologischen Schrammen aus den geschilderten Situationen herausgehen.

Mit sechs fertigte er einmal aus dem Stand eine Karikatur an, natürlich ohne zu wissen, was man unter einer Karikatur versteht. Es war ein Bild von Gandhi, aber mit dem Körper einer Gans. Er war auf der Zeichnung eindeutig zu erkennen – der kahle Schädel, die runde Nickelbrille und ein Zipfel seines Sari, der über die Schulter der, nun ja, Gans hing. Darunter stand in krakeligen Filzstiftbuchstaben: GANSI.
Stolz zeigte er Vater sein Werk, und der verpasste ihn eine Ohrfeige. […]
Aqui rieb sich die Backe. Na gut, auf seine kindliche Weise begriff er, dass er den Vater beleidigt hatte. Egal, das berührte weder die Qualität der Zeichnung noch ihn als Künstler. Das einzig Unangenehme an der Sache war seine brennende Wange. […]

Sara Mesa: Die Familie

Das bleibt den Lesenden von Beginn an nicht verborgen. Spannend allein ist der Weg der so unterschiedlich damit umgehenden Protagonisten. Davon lebt diese Erzählung, in der jeder einzelne von ihnen die ganze Zeit über nachvollziehbar bleibt und folgerichtig handelt. Man kommt nicht umhin, mit ihnen mitzuleiden. Andere Nebenfiguren dienen nur dazu, den Kontrast zu schärfen.

Die Dynamik entsteht durch den Wechsel an Szenen und den unterschiedlichen Perspektiven, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Hauptfigur bleibt dennoch vor allem Martina, die innerhalb der Familienkonstellation nochmal die Besonderheit der Hinzugekommenen aufweist.

Nach und nach ergeben die Puzzleteile unterschiedlicher Handlungsstränge so ein gesamtes Bild, welches zudem durch das Spiel mit Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive ergänzt wird. In solch kompakten Raum dies ohne Logikfehler oder absurde Sprünge zu schaffen, funktioniert hier wunderbar, was sicher zum Großteil auch an der Übersetzung von Peter Kultzen ins Deutsche liegt.

Das Spiel mit Atmosphäre und unterschiedlichen Perspektiven funktioniert auch deshalb so gut, da man sich die Figuren und die auf eine überschaubare Anzahl von Handlungsorten beschränkten Szenen gut vorstellen kann, da Sara Mesa teilweise sehr filmisch schreibt. Das Gefühl eines psychologischen Dramas lässt sich so leicht heraufbeschwören und hält sehr viel über den gesamten Handlungszeitraum von der Kindheit bis hinein ins Erwachsenenalter. Vor allem einzelne Szenen und Textpassagen werden dabei am Ende im Gedächtnis bleiben, da sie mit einer Präzision platziert sind, die ihres Gleichen sucht.

Es kam vor, dass man für eine kleine oder sogar gar nicht bestehende Verfehlung eine Riesenstrafe empfing, und umgekehrt: Man konnte ganz ohne Strafe davonkommen, obwohl man etwas Schlimmes oder sehr Schlimmes getan hatte. Er beschloss, dass er in dieser Richtung weitermachen müsse – Überleben durch Ausgleich.

Sara Mesa: Die Familie

Der 2022 in Spanien erschiene und drei Jahre auch hierzulande zu lesende Roman ist für alle geeignet, die eine nicht nur erzählerisch sondern auch psychologisch spannende Geschichte suchen. Besser als am nach außen hin heilen Bild der Familie, in deren Innerem sich Risse erst auf dem zweiten Blick zeigen, kann man dies kaum darstellen.

Autorin:
Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und ist eine spanische Schriftstellerin und Journalistin. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Sevilla, wo sie heute noch lebt. Sie studierte an der dortigen Universität Journalismus und spanische Literatur. Ihre schriftstellerische Karriere begann sie mit Gedichten, die ausgezeichnet wurden.

Später wechselte sie zum Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten, in denen sie sich mit dem Abweichen von Normen, Vereinzelung und der Scheinheiligkeit der Gesellschaft befasst. Ihr Roman „Liebe“ wurde von der spanischen Zeitung El Pais zum besten Buch des Jahres gekürt und 2021 mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels in Spanien ausgezeichnet. Ihre Werke werden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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Doris Lessing: Das fünfte Kind

Inhalt:
In ihrem Häuschen im Londoner Umland leben Harriet und David die perfekte Idylle, bis sie ein weiteres Kind bekommen. Bereits als Baby benimmt es sich äußerst seltsam beziehungsweise unangenehm grob. Harriet versucht verzweifelt, die zunehmenden Aggressionen auszugleichen. Es dauert eine Weile, bis sie sich eingesteht, dass sie Angst vor ihrem eigenen Kind hat. Welch unaussprechliche Ahnung! Eines der bekanntesten und beeindruckendsten Werke von Doris Lessing, das seine Figuren vor existentielle, schier unlösbare Aufgaben stellt. (Klappentext)

Rezension:
Selten wurde das Zerbrechen eines Familienidylls in einer Mischung aus englischem Schauerroman und klassischen Horrors so eindrücklich erzählt, wie hier in „Das fünfte Kind“, der englischen Schriftstellerin Doris Lessing. Der Roman, fast durchgehend gehalten in einer Art des klassischen Kammerspiels, hält einem fest in den Griff, wie der Archetyp selbst, der sich in die Figur des Hauptprotagonisten selbst manifestiert.

Für heutige Verhältnisse mutet der Schreibstil der Autorin beinahe altmodisch an. Doch da findet man mit der Zeit hinein, das angestaubte Familienbild ist da schon schwieriger zu fassen. Heraufbeschworen wird zunächst das glückliche Eheleben mit möglichst vielen Kindern, ganz im Sinne konservativer Ansichten, wenn auch Doris Lessings leichte Spitzen gegen die Schicht der Besserverdienenden von Beginn an ihren Platz finden und sich durch die gesamte Lektüre ziehen.

Denn die Hauptfiguren leben von Anfang an praktisch über ihre Verhältnisse. Das großzügige bald notwendige Haus kann überhaupt nur mit Unterstützung und viel Wohlwollen der zahlungskräftigen Eltern des jungen Paares unterhalten werden, die dem Wunschbild von der großen Familie jedoch nichts entgegensetzen können. Dies ist der erste von vielen Konfrontationspunkten, die die Autorin schafft, die ihren Höhepunkt im fünften Kind finden werden, an dem nicht nur die Kernfamilie letztendlich zerbrechen wird.

Diesem Szenario setzt Doris Lessing ihre Figuren aus und schafft damit eine ungeheure Dynamik, welche Fahrt aufnimmt, und dann ohne zu Bremsen gen Abgrund zu steuert. Die titelgebende Hauptfigur wird mit zunehmendem Alter immer mehr ihrer Kräfte bewusst, Harriet als dieser gegenüber später noch als Einzige wohlwollenden Protagonistin verfolgt ihr Familienbild beinahe bis zum bitteren Ende mit einer bis über das Ziel hinausschießenden Dummheit und Arroganz, welche nicht mehr mit Naivität schön zu reden ist. Wie kann ein Mensch so viele Nadelstiche, so viele schmerzhafte Stiche und auch Grobheiten und Gewaltakte gegen sich und ihre Lieben so schönreden und entschuldigen?

Um diese beiden Figuren wird ein Szenario geschaffen, in deren Mitte einige blinde Flecke erst kleine Risse, später ganze Gräben, sinnbildlich gesprochen, übersehen, über die die anderen Figuren zu Leidtragenden werden. Gegensätze brechen auf, unterschwelliges kommt immer wieder zu Tage und treibt die Handlung voran, deren Sturm im Zentrum Ben bildet, der den Ur-Archetyp des Menschen verkörpern mag.

Der Teufel im Inneren, mag einem da zu weilen in dem Sinn kommen. Vielleicht aber hat die Autorin auch ihre eigene Gefühlswelt in diese Figur manifestiert. In Kenntnis ihrer privater Familiengeschichte ist dies zumindest möglich.

Wie ein daneben stehender Beobachter begleiten wir die Geschichte, deren Szenen sich fast allesamt im Familienhaus der Lovetts abspielen und das Zerbrechen eines Idealbildes beiwohnen, welches schon damals zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem Harriet als Hauptprotagonistin selbst, leidet darunter, hat jedoch auch Scheuklappen gegenüber dessen, was sie vor allem ihren anderen Kindern gegenüber zumutet, in dem sie die Wahrheit verkennt. Immer wieder möchte man sie darauf stoßen. Immer wieder setzt die Autorin noch eines drauf, kaum kommen ihre Figuren einmal zu Atem.

Dieses Spiel mit Gegensätzen, Urgewalt gegen Kultur, Zusammenhalt gegen Einzelgängertum, Rohheit gegen Gefühl, wird bis ins Unerträgliche auf die Spitze getrieben, dass man beinahe schreien muss, um die Erzählung, die beiden Hauptprotagonisten auszuhalten. Dabei setzt die Autorin vor allem auf unterschwellige Spannungsmomente. Gewalt wird angedeutet oder kurz vor Geschehen unterbrochen. Immer wieder ist jedoch zwischen den Zeilen eine dunkle Ahnung von Angst zu lesen, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

Doris Lessing erzählt dies sehr bildhaft. Die Figuren kann man sich sehr gut vorstellen, die Handlungsorte vor dem inneren Auge entstehen lassen. Das Sprichwort vom „Grauen hinter der Fassade“ bekommt in diesem Roman eine ganz eigene Bedeutung. Für Fans klassischen Horrors, der mehr auf die psychologische Komponente setzt, ist diese Erzählung sicher geeignete Lektüre, wenn man nicht dazu neigt, sich zu sehr über einzelne Protagonisten aufzuregen.

Der Roman wurde 1988 erstmals im Original veröffentlicht und funktioniert mit diesen Elementen, natürlich in einem etwas anderen Tempo als das derzeit üblich ist, noch heute. Es ist jedoch schon länger her, dass mich Protagonisten so dermaßen herausgefordert haben. Wenn man so möchte, hat da Doris Lessing durchaus einen Punkt.

Autorin:
Doris May Lessing wurde 1919 in Kermanschah, Iran, geboren und war eine britische Schriftstellerin. 1950 erschien ihr erster Roman, der ihr zum literarischen Durchbruch verhalf, dem weitere folgten. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Literatur erhielt sie im Jahr 2007. Im Jahr 2013 verstarb die Autorin in London.

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Hanne Orstavik: Liebe

Inhalt:
Zwischen dem kleinen Jon und seiner Mutter besteht eine tiefe Verbindung, aber über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen sie nicht. Schweigen und Missverstehen lösen die Ereignisse in dieser feingesponnenen Geschichte aus. (Klappentext)

Rezension:
Ein Roman über das Nebeneinanderher, welches ohne das Miteinander nicht geht, ist diese feine Novelle der Schriftstellerin Hanne Orstavik, die ihre beiden Protagonisten und uns Lesende in die norwegische Provinz entführt. Dort, in einem kleinen Ort, hat Vibeke kürzlich eine Stellung als Kulturbeauftragte angetreten und mit ihren Sohn Jon ein kleines Haus bezogen. Innerhalb einer Nacht zeigt sich die innige Beziehung beider zueinander, die bestimmt ist, durch die Ferne, die durch all die zwischen beiden nicht ausgesprochenen Worte entstanden ist.

Mit diesem Gegensatz spielt die Autorin, deren Spezialität es ist, mit wenig Worten viel zu sagen und dabei ihren beiden Protagonisten nicht ganz unähnlich ist. Tatsächlich passen Schreib- und Erzählstil zu der Geschichte, in der man trotz des ungewöhnlichen Aufbaus leicht hineinfindet. Wörtliche Rede wird ebenso wenig vom restlichen Text abgegrenzt, wie auch die einzelnen Szenen, die aus der Sicht beider Protagonisten wechselnd erzählt werden. Alles scheint von Zeile zu Zeile miteinander zu verschwimmen. Mit diesen Stil muss man zurechtkommen, um die Erzählung annehmen zu können und all das Ungesagte zu erfassen.

Dabei scheinen die beiden Figuren auf ihre Art und Weise eine innige Beziehung zu pflegen, die nicht viele Worte benötigt und eher durch Gesten bestimmt ist. Wir lernen Vibeke und Jon so nach und nach kennen, die beide ihre Eigenheiten pflegen, anhand derer wir Ecken und Kanten erfahren, sie jedoch auch als Protagonisten dieser kompakten Erzählung kennenlernen. Vibeke, die Belesene, die sich in Wörtern wie die Beobachtungen von Menschen verlieren kann, ihren Sohn zwar liebt, aber immer eine gewisse Distanz zu ihm wart. Jon, der Achtjährige, der diese Art mit anderen umzugehen, bereits verinnerlicht und übernommen hat. Sein ständiges Blinzeln vielleicht nur Tick, vielleicht auch der winzige Vorbote dessen, was kommen wird.

Beide schweigen. Immer wieder vergisst er, dass man es sehen kann. Und dann wird er wieder daran erinnert, denkt er. Ständig wird man an etwas erinnert. Er würde sich wünschen, dass man es nicht sehen könnte, dass er seinen Makel unter der Kleidung verstecken könnte, oder in seinem Inneren.

Hanne Orstavik: Liebe

Kurze stackatohafte Sätze, dennoch kunstvolle Sprache, erzählen diese Geschichte und lassen die Stunden, in denen sich alles zuspitzt, zwischen den Fingern zerrinnen. Schnell nimmt das Erzähltempo Fahrt auf. Nur äußerlich bleibt alles ruhig. Das liegt auch daran, dass wir immer nur den Gedanken der beiden Figuren folgen, die keine wirklichen Gegenspieler haben, sondern selbst Handlungstreibende sind und zwei Begegnungen praktisch zu Kammerspielen innerhalb des Ortes werden, deren Parallelität fasziniert. Leidtragender ist der Jüngere. Die Szenen aus Vibekes Sicht verfolgt man dazu im Gegensatz zunehmend mit offenen Mund.

Ich überlasse ihn ein wenig sich selbst, denkt sie, zeige ihm damit, dass auch dafür Platz ist. In unserem Beisammensein gibt es genug Raum dafür, dass er neben mir auch Beziehungen zu anderen Menschen pflegen kann. Ich kann schließlich nicht alle seine Bedürfnisse erfüllen. Und er im Übrigen meine auch nicht. Indem ich ihn allein lasse, zeige ich ihm viel mehr über mich, als wenn ich bliebe.

Hanne Orstavik: Liebe

Mehr braucht es nicht, um einen in die Geschichte hineinzuziehen, die Figuren und Schauplätze vor dem inneren Auge entstehen lässt. Das geschieht immer mit den Fokus, den die Figuren auf das jeweilige Geschehen haben. Alles andere wird zwar wahrgenommen, bleibt aber verhältnismäßig blass, ist jedoch auch nicht weiter von Bedeutung. So konzentriert ist die Erzählung und doch hat man die gesamte Zeit über nicht das Gefühl, etwas zu verlieren. Vermissen tut man gleich gar nichts. Orstavik verzichtet auf haarsträubende Wendungen, arbeitet zielgerichtet auf das Finale hin, fordert jedoch von ihrer Leserschaft da dieses in Gedanken weiter zu spinnen.

Wer mit halboffenen Enden nicht zurechtkommt, die trauriges oder brutales zumindest möglich erscheinen lassen, sollte da vielleicht die Finger von diesem Roman lassen. Die Figuren meinen Wärme, leben jedoch Kühle, ein innerer Konflikt, den beide nicht benennen und bezeichnen können, hier aber als lautes Schweigen bezeichnet werden darf. Das so zu transportieren, ist großartig gelungen. Diese Art des Erzählens ist in der Form selten zu lesen, dass die Geschichte alleine der Form wegen im Gedächtnis bleiben muss und auch die beiden Figuren so leicht nicht vergessen werden können. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass man damit entweder damit zurechtkommt oder nicht. Wie für die Protagonisten, gibt es auch hier kein Dazwischen.

Autorin:
Hanne Orstavik wurde 1969 in Tana geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin. 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „hakk“, dem weitere folgten. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Havmannpris, 2000, sowie im Jahr 2002 Dobloug-Preis. Im deutschen erscheinen ihre Werke mehrheitlich im Karl Rauch Verlag.

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Gary Victor: Eine Violine für Adrien

Inhalt:
Port-au-Prince zu Beginn der Siebzigerjahre: Vor dem Hintergrund der Turbulenzen zur Zeit des Machtwechsels von Papa Doc zu Baby Doc träumt der vierzehnjährige Adrien davon, ein Violinenvirtuose zu werden. Voraussetzung dafür, dass er den Unterricht fortsetzen kann, ist allerdings eine eigene Geie. Da seine Eltern nicht die Mittel dafür haben, sucht er sich das Geld selbst zu beschaffen. Ein Offizier der Geheimpolizei macht ihn ein verlockendes Angebot. Adrien ahnt nicht, worauf er sich einlässt …

In seiner unverwechselbaren Handschrift erzählt Gary Victor davon, wie die Diktatur die unschuldigsten Träume und nobelsten Ziele pervertiert. Eine tragische Coming-of-age-Geschichte und zugleich ein Sittengemälde Haitis zu Duvalier-Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Welche Grenzen bist du bereit zu überschreiten, wenn es darum geht, deinen Traum zu verfolgen, zudem in einem System, welches auch den Jüngsten ihre Unschuld nimmt? Diese Frage schwelt zentral in der Novelle Gary Victors, in der in dieser vorliegenden Coming-of-age-Geschichte dem Hauptprotagonisten die ganze Brutalität und Korruption seines Heimatlandes entgegenschlägt und ihn zwingen wird, eine Entscheidung zu fällen.

Erzählt wird die Geschichte eines haitischen Jungen, der in Zeiten großer Unsicherheiten seines Landes aufwächst und sich nichts sehnlicher wünscht, als genau so ein weit angesehener Geigenspieler zu werden, wie sein Lehrer, der zwar als politisch unsicher gilt, aber dennoch als Aushängeschild sein Land im Ausland präsentieren darf. Doch dafür braucht es eine eigene Geige. Wie anstellen, in einem Land, in dem die Zukunft ungewiss, die Wirtschaft schwach ist und auch die Eltern kaum Möglichkeiten haben, Adriens Traum Wirklichkeit werden zu lassen? Die einzige Möglichkeit für den Jugendlichen besteht darin, sich auf ein gefährliches Spiel einzulassen, so dass ein Tanz mit den Teufel gen Abgrund beginnt.

Eine Coming-of-age-Geschichte vor dem Hintergrund eines Landes und seiner Gesellschaft im Wandel ist ein häufiges Szenario. Alleine das Setting liest man hierzulande nicht allzu oft. Mit den Augen eines Vierzehnjährigen erleben wir das Leben in der Hauptstadt Haitis, welches sich damals schon instabil zeigte und dennoch in den Fängen einer brutalen Diktatur befand, die sich unerbittlich mit ihren Gegnern zeigt. Mit wenigen Worten öffnet uns der Schriftsteller ein Portrait dieser Zeit und zeigt das Leben der Menschen und die Auswirkungen ihrer Entscheidungen.

Adrien lernt Willkür und Korruption der Mächtigen ebenso kennen, zumal in unmittelbarer Nähe, ebenso wie die Opportunisten, die versuchen das Spiel zu spielen, um zu überleben, und dennoch, dann jedoch brutal in deren Fänge geraten. Auf der anderen Seite verdeckte Opposition und der Kampf ums Überleben, in einer Welt, in der wenige alles haben und viele so gut wie nichts. Wie ordnet man sich ein, wenn der Blick des Kindes verloren geht und man diese Entscheidung treffen muss?

Vor dieser Frage im Hintergrund ist es Gary Victor gelungen, eine tragende Hauptfigur mit Ecken und Kanten zu schaffen, die einerseits unschuldig genug ist, anderseits sich ihre Schrammen holt, um die Spannweite eines Systems zu verdeutlichen, welches den Menschen zu viel abverlangt. Zugleich erfahren wir Adrien als Spielball verschiedener Interessen, die bis zum Ende hin teilweise nur angedeutet und zwischen den Zeilen sichtbar werden. Sehr kompakt gehalten ist die Erzählung, die dennoch ein unglaubliches Tempo vorweisen kann, in der Schlag um Schlag ein Ereignis dem nächsten folgt. Andere Figuren sind da Handlungstreibende. Gegenüber jeder muss sich der junge Protagonist positionieren und eine Entscheidung treffen, um sein Ziel zu erreichen. Alleine die Summe derer raubt einem während des Lesens den Atem.

Nicht nur der Hauptprotagonist, aus dessen Sicht diese Geschichte weniger Tage, seinen Weg, auch seine (Alp-)Träume erfahren, ist voller Gegensätze, auch nur kurz erwähnte Figuren sind so vielschichtig gezeichnet, dass ihre Beweggründe trotz dem sie mehrheitlich Antagonisten sind, in diesem Setting nachvollziehbar scheinen. Alleine Adrien, dessen Unschuld in mehrfacher Hinsicht korrumpiert werden wird, behält den gesamten Handlungsstrang alle Sympathien bei sich.

Eine schriftstellerische Meisterleistung ist die Verbindung zwischen Wirklichkeit und Traumsequenzen, die nahtlos ineinander zu übergehen scheinen. Die Darstellung der haitischen Unterwelt erinnert dabei fast an phantastische Elemente gewisser Stephen King Geschichten, nur dass sich in ihr das ganze Elend und alles schlechte der Oberwelt sammelt, vor allem vor dem Hintergrund des politischen Systems, welches der Autor sehr prägnant darstellt. Genau diese Momente sind es, die einem innehalten und zugleich atemlos werden lassen. Alleine die Auflösung der letzten Wendung passt da nicht ganz hinein. Das Ende wirkt unrund, ist zumindest nicht so ausgestaltet, wie der Rest dieser sonst sehr feinen Erzählung.

Gary Victor beschreibt ansonsten das Leben jener Zeit, in der Hauptstadt Haitis, in allen Farben. Jeder Handlungsort entsteht beinahe filmisch vor dem inneren Auge und innerhalb derer kommt jede einzelne Szene einem Kammerspiel gleich. Diese wechseln so schnell, dass man nicht umhin kommt, mit zu fiebern. Die einzelnen Kapitel ergeben zusammen ein sehr schlüssiges Bild, welches nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Einige Szenen wirken dabei wie Nadelstiche, direkt ins Herz.

Wer etwas mehr über das Leben Haitis, in dessen dunkelster Zeit, erfahren möchte, aber auch, was Macht mit den Menschen macht, die nichts anderes als deren Spielball sind und einmal in die Literatur dieses auch ansonsten fast nur mit negativen Schlagzeilen besetzten Landes werfen möchten, dem ist „Eine Violine für Adrien“ nur zu empfehlen, für die man weder Vorkenntnisse zu Violinen noch zur Geschichte des Inselstaates haben muss.

Autor:
Gary Victor wurde 1958 in Port-au-Prince geboren und ist ein haitianischer Schriftsteller. In seiner Heimat arbeitet er für Theater, Film, Rundfunk und Fernsehen. Im deutschsprachigen Raum ist er vor allem für seine Kriminalromane um Inspektor Azemar bekannt. Seine Schilderungen gesellschaftlicher Missstände stellen ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts. Er wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet. unter anderem mit dem Prix RFO. Zudem war er mehrfach auf der Krimibestenliste und der Litprom-Bestenliste Weltempfänger platziert.

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Achim Kinter: Ist das dein Ernst, Charlotte?

Inhalt:
Sie sind ein unzertrennliches Paar: der Erzähler Florian Hans und Charlotte, sein mittelgroßer schwarzer Hund. Gemeinsam gründen sie eine Detektei, spüren einem geheimnisvollen Krokodilzahn und einem Mord nach, sie beobachten die Menschen um sich herum und lassen die Leser an ihren Gesprächen und Überlegungen zu den großen Lebensfragen, zu Gut und Böse und ihrer Vorliebe für Kierkegaard teilhaben. – Eine hinreißende Erzählung, voller fantastischer Begebenheiten und gewürzt mit einer Prise allerfeinsten Humors.

Es gibt immer etwas Gutes in der Welt, meint der Erzähler – dieses Buch gehört auf jeden Fall dazu. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Eine Wundertüte voller Überraschungen steckt in manchen Romanen, besonders wenn sie von der Beziehung zwischen Haustieren und ihren Menschen erzählen. Diese meinen oft, sie zu besitzen, doch in Wahrheit sind die Tiere es, die auswählen und uns anschließend die Welt erklären. Das werden wohl fast alle Tierfreunde so unterschreiben können. Florian Hans und Charlotte jedenfalls können ein Lied davon bellen. Und so lassen uns die beiden Hauptprotagonisten an einer kuriosen Detektivgeschichte teilhaben, die zugleich eine philosophische Betrachtung scheint, vermischt mit Science Fiction zwischen vier Pfoten und zwei Beinen.

Träger dieser ungewöhnlichen Genrekombination, in die man sich zunächst Stück für Stück einfinden muss, um sie zu genießen, sind eben die zwei genannten Hauptprotagonisten, die zu einem Mord gerufen werden, bei dem mehr dahinter zu stecken scheint, als es sich zunächst darstellt. Auf Spurensuche werfen sich beide die Bälle zu und kommen aufgrund ihrer verschiedener Art der Wahrnehmung ihrer Umgebung der Rätsels Lösung immer näher, sowie der Beziehung zwischen sich selbst. Charlotte ist ja kein einfacher Hund. Immerzu spricht sie mit ihrem menschlichen Part und offenbart so mit jeder Seite mehr von sich selbst. Und Hans erklärt seinerseits die Sicht der Menschen auf ihre Umgebung. Gespräche, die der Umgebung verborgen bleiben sollen.

Diese Dialoge sind gespickt voller philosophischer Gedanken. Über das menschliche Handeln auf Erden, etwa wenn es um Gewalt und Kriege geht, aber auch die Unterschiede, die uns trotz allem miteinander verbinden und sogar zusammen stärker werden lassen. Gerade diese Parts sind die Stärken von Achim Kinters Roman, dessen Covermotiv die Künstlerin Martina Altschäfer so wunderbar lebendig gezeichnet hat. Aber auch die Betrachtungen zur Mensch-Tier-Beziehungen tragen einen Großteil der Erzählung, in der der phantastische Anteil damit leider etwas in den Hintergrund gerät. Dennoch kann diese Erzählung von jedem anders gelesen werden.

Der Balanceakt gelingt erst mit zunehmender Seitenzahl, wirkt zu Beginn etwas sperrig. Erst wenn man sich auf die Charaktere eingelassen hat, die der Autor so lebendig erzählen kann, wie er die Umgebung filmisch beschreibt, wird man Zugang dazu finden, dann jedoch macht die Dynamik dieser beiden ungleichen Protagonisten durchaus Spaß. Diese haben ihre Ecken und Kanten und ganz ehrlich, jeder von uns hat doch schon mal „Dialoge“ mit seinem Haustier geführt, oder? Nebencharaktere bringen zusätzlich Tempo und die eine oder andere Wendung in en Roman mit hinein, der zu weilen wie ein Kammerspiel wirkt.

Alleine die Perspektive eines Hundes ist schon ungewöhnlich. Charlotte folgt man gerne, durch die sonst schlüssige Erzählung, der an mancher Stelle ein Spannungsmoment mehr zu wünschen wäre. Aber wer weiß, vielleicht bekommen wir den noch? Ein zweiter Band aus der Feder von Achim Kinter ist bereits erhältlich. Der wird sicherlich genau so faszinieren, auch wenn man leider kein Tierbesitzer ist. Dem Autoren merkt man seine Liebe zu Tieren allgemein, zu Hunden im Besonderen in jeder Zeile an. Schön, dass er aber auch einen der Antagonisten vielsichtig zeichnet, so dass man sich all die Charaktere wie auch die Schauplätze wunderbar vor Augen führen kann.

Vielleicht ist die Geschichte an manchen Stellen etwas kitschig. Aber wo, wenn nicht in einer Erzählung mit Haustieren wäre denn Kitsch sonst erlaubt? Hier gehört eine Prise davon unbedingt dazu und so ist ein lieber kleiner Roman für zwischendurch entstanden, den man seine kleine Schwächen gerne verzeiht. Für Haustierbesitzende und Tierfreunde sollte das in jedem Fall gelten, wenn man keine Schwierigkeiten hat, Tiere bis zu einem gewissen Grade zu vermenschlichen. Dieser Balanceakt gelingt gut.

Nur, eine Frage am Ende bleibt: Wo führen Hans und Charlotte die Spuren als nächstes hin?

Autor:
Dr. Achim Kinter wurde 1959 in Oberhausen geboren. Er lebt mit Frau, Hunden und Hühnern in der Normandie. Er studierte Literatur und Philosophie und war danach viele Jahre lang Journalist, rezensierte Neuerscheinungen und schrieb Porträts von Schriftstellern. Als seine Töchter geboren wurden, begann er für Unternehmen zu arbeiten. Geschrieben hat er auch während dieser Zeit, allerdings Fachbücher. »Ist das dein Ernst, Charlotte?« ist Achim Kinters erste Erzählung. Damit hat er seine berufliche Aufgabe, seinen Lesern, Kunden und Kollegen die Welt zu erklären, endlich offiziell in weitaus berufenere Hände, genauer gesagt Pfoten, gelegt.

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Sarah Lorenz: Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken

Inhalt:
„Weißt du, Mascha, was ich schon immer hatte? Einen festen Willen und ganz viel Sehnsucht. Möchte ungern wie Novalis oder so ein Romantiker klingen, wenn ich von Sehnsucht spreche. Heute manifestiert sich meine Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit – du ahnst es – in kleinen Häusern, bevorzugt mit Reetdach. Eine Weile führte sie mich in besetzte Häuser, autonome Zentren, versiffte Wohnungen, Notschlafstellen und etliche Betten mir fast unbekannter junger Männer. Sie führte mich von der ersten Liebe zu der, die mich jetzt trägt. Sie ließ mich, die ich stets so dramatisch, traurig und bedürftig war, beinah kaputtgehen an den Lieben dazwischen. Mittlerweile bin ich an einem Punkt im Leben, den zu erreichen ich nicht erwartet hätte.“ (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Am Anfang ist es ein kleiner Gedichtband, der der Erzählerin Elisa, in die Hände fällt. Die Texte Mascha Kalekos faszinieren sie, ziehen sie in ihren Bann. Von ihr, der Dichterin, die so viele Schicksalsschläge erleiden musste, fühlt sie sich verstanden, tritt in einem inneren Dialog, erzählt von ihrem Leben. Dieser Monolog, unter dem Titel „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“, ist Sarah Lorenz‘ Debütroman.

Voller Traurigkeit ist dieser Text, der feingliedrig in Kapitel unterteilt, das Leben der Protagonistin offenbart. Nein, sie offenbart sich selbst, braucht das imaginäre Gegenüber, um ein Resümee zu ziehen, erzählt am imaginären Kaffeetisch von Schicksalsschlägen und Wendungen. Derer hat sie viele. Praktisch jedes Kapitel hält einen Schlag in die Magengrube bereit. Immer, wenn ein wenig Hoffnung glüht, ist das Unglück nicht weit.

In kurzen und kompakten Abschnitten ist der Monolog gegliedert und erzählt von vergehender Mutterliebe, steter Suche nach Ersatz und den Versuchen, Unabhängigkeit zu erlangen, dabei vom Regen in die Traufe zu geraten. Dabei umreißt die Erzählerin, von der wir nach und nach ein klareres Bild bekommen, ein halbes Leben. Stets sind es die großen Themen, die die Protagonistin bewegen und beinahe philosophische Fragestellungen aufwerfen.

Jedem Kapitel ist ein eindrückliches Gedicht von Kaleko vorangestellt, gibt die Tonalität vor. Der Roman selbst gibt ein langsames Erzähltempo vor, obwohl so viel passiert. Doch wird man förmlich gezwungen, sich auf diese Sätze voller Nadelstiche für die Protagonistin einzulassen oder man überfliegt sie, da die ganze Melancholie und Traurigkeit einem beim Lesen fast ins Trostlose abgleiten lassen.

Sarah Lorenz lässt hier jedoch auch eine unglaublich starke Figur zu Wort kommen, die immer wieder und hier, und dort auch ein klein wenig Kraft findet, sich immer wieder aufzuraffen, weiterzumachen, sich an das zu hängen, was lebenswert scheint. Einerseits fast nüchtern daherkommend, ist das in der darauffolgenden Zeile manchmal schon zu viel des Guten. Für diesem Text muss man sich in der richtigen Lesestimmung befinden. Zugänglich ist der nicht.

Dieses Monologisieren ist zuweilen nervig, ermüdend und lässt die Protagonistin jammernd erscheinen, was über solch langer Strecke einfach anstrengend ist. da hilft es auch nicht, dass sich Gegenwart und Rückblenden, auch auf das Leben von Mascha Kaleko selbst, abwechseln und durchaus eine gewisse Dynamik einbringen. Oder dies zumindest versuchen. Schauplätze werden gut beschrieben, sehr viele enervierende Wortwiederholungen inklusive.

Als Reminiszenz an eine große Dichterin, deren Texte so scheint es, zugänglicher sind, zumindest für mich, funktioniert dieser Roman durchaus. Das Gesamtpaket hat jedoch nicht die wohl von der Autorin gewünschte Wirkung bei mir erbracht. Vielleicht aber bei euch?

Autorin:
Sarah Lorenz wurde 1984 in Eckernförde geboren und ist eine deutsche Autorin und Kolumnistin. Sie ist gelernte Buchhändlerin und studierte Soziale Arbeit. Für die taz schrieb sie die Kolumne PMS-Ultras. „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“, ist ihr Debütroman.

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Alan Gratz/Syd Fini: Vor uns das Meer – Die Graphic Novel

Inhalt:
Drei verschiedene Kinder. Ein gemeinsames Schicksal: Die Flucht.

Josef ist ein jüdischer Junge, der in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen muss. Seine Familie und er gehen an Bord der St. Louis, das Schiff, welches sie in eine neue Welt bringen soll

Isabel ist ein kubanisches Mädchen, welches sich 1994 mit ihrer Familie angesichts der Unruhen und Aufstände auf einen Boot auf den Weg macht, in der Hoffnung, in den USA Sicherheit zu finden.

Mahmoud ist ein syrischer Junge, dessen Heimat 2015 von Gewalt und Zerstörung heimgesucht wird. Seine Familie und er begeben sich auf eine lange und gefährliche Reise nach Europa.

Erschütternde Reisen. Unvorstellbare Gefahren und die Hoffnung auf morgen. Und eine überraschende Wendung, die alle drei Geschichten miteinander verbindet. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Tatsächliche Geschehnisse erzählen die spannendsten Geschichten, zumal wenn sie sich thematisch miteinander verbinden lassen. So stand zurecht das Jugendbuch „Vor uns das Meer“ von Alan Gratz wochenlang nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten. Jetzt hat dieses wunderbare und eindrückliche Werk eine Adaption als Graphic Novel erfahren, die aufgrund ihrer Aufmachung eigenständig behandelt werden muss.

Erzählt wird die Geschichte dreier Jugendlicher, die in verschiedenen Jahrzehnten zu Hause sind und eben diese Heimat aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung verlassen müssen. Das bedeutet nicht nur, Vertrautes in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückzulassen, sondern auch ein Weg voller Gefahren und Entscheidungen, die das Ende der Kindheit markieren. Das ist es, was oft genug unterschlagen wird, wenn über Flüchtlinge berichtet wird. Die Grausamkeit der Endgültigkeit, die jeden Meter pflastert, den diese Menschen zurücklegen, wird so selten gesehen. Davon erzählt der Jugendbuchautor Alan Gratz und schafft es in seiner Geschichte sehr eindrucksvoll, dies lebendig vor Augen zu führen und seine Charaktere darzustellen und drei Schicksale miteinander zu verbinden.

Das funktioniert in Romanform schon sehr gut, basieren doch alle drei Geschichten auf realen Personen, auch nimmt der Autor Bezug auf tatsächlich verbürgtes, wenn es etwa um die Irrfahrt der St. Louis geht oder den Ereignissen im Jahr 2015. Eine Szene, im Jugendroman wie auch hier in der Graphic Novel ist zwar etwas over the top, in letzterer aber etwas besser umgesetzt. Und nun die Erzählung dieser wichtigen Thematik in grafischer Form. Hier ist dem Künstler Syd Fini ein wahres Meisterwerk gelungen.

Immer wieder wechseln wir zwischen den Geschichten der Kinder hin und her und halten uns damit getreu an die Buchvorlage. Klare Linien und kräftige Farben kennzeichnen die unterschiedlich großen Panels, die konzentriert die Schlüsselmomente der Geschichte zeigen, ohne etwas dabei zu verlieren. Schnell zieht man die Verbindung zwischen den drei Schicksalen, was zur DNA von „Vor uns das Meer“ gehört und einem nicht unberührt lassen kann. Hier tut vielleicht die Graphic Novel noch mehr als der Roman selbst. Die einzelnen Panels wirken dabei vergleichsweise düster, am Ende werden se zusammengeführt. Zudem geben Autor und Zeichner einen Überblick über die tatsächlichen Geschehnisse.

Diese Graphic Novel schafft eine noch festere Verbindung zu seiner Leserschaft und zeigt, wie sich die Schicksale einzelner über Jahrzehnte hinweg überkreuzen können, ohne das Leid dieser Menschen weichzuspülen oder der Thematik nicht gerecht zu werden. Da alles auf reale Geschichten beruht, gibt es keine überraschenden Wendungen, zumindest wenn man sich ein wenig mit Geschichte auskennt, doch gerade für Jugendliche, um sie mit der Thematik vertraut zu machen, ist diese Form der Aufbereitung sowohl nahbar als auch spannend erzählt. Auch gelingt es Syd Fini Rückblenden zeichnerisch gut einzubinden.

Diese Form des Erzählens hat etwas sehr filmisches und hilft, sich das alles vorzustellen. Vom Original geht dabei nichts verloren. Wer also nicht den Jugendroman zur Hand nehmen möchte, dem sei diese Graphic Novel unbedingt ans Herz gelehnt. Diese wird mitten ins Herz treffen und vielleicht einen neuen Zugang zu einer sehr schwer zu händelnden Thematik verschaffen. Und mehr kann man da nicht verlangen.

Autoren:
Alan Gratz wurde 1972 in Tennessee geboren und ist ein US-amerikanischer Autor im Kinder- und Jugendbuchbereich. Er studierte Kreatives Schreiben und arbeitete als Englischlehrer, bevor er seine ersten Werke veröffentlichte. 2024 wurde ein Werk von ihm in Schulbibliotheken verboten, welches sich mit dem Verbot bestimmter Bücher in den USA befasst. Seine Erzählung „Vor uns das Meer“ hingegen, konnte mehrere nationale und internationale Literaturpreise gewinnen. Zu diesem Werk werden in Deutschland Unterrichtsmaterialien angeboten, zudem wurden darüber mehrere wissenschaftliche Artikel verfasst.

Neben seinen Jugendbüchern schrieb er mehrere Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, Radiowerbespots und Episoden für verschiedene Fernsehserien, sowie Theaterstücke.

Syd Fini ist ein iranischer Künstler, der während des Iran-Irak-Krieges geboren wurde und als Animationsfilmregisseur, Illustrator und Comiczeichner arbeitet. Er lebt in Brooklyn, New York.

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