Die Kinder der toten Stadt

Wir sind die Kinder der toten Stadt,

der Stadt, in der das Heute kein Morgen hat.

Hört ihr mich? Erinnert ihr mich?

Ich bin ein Kind der toten Stadt.

„Die Kinder der toten Stadt“ – Musikdrama gegen das Vergessen.

Lesen ist nicht immer gleich Begreifen, und so besuchte ich 2018 einen Ort, an dem sich so viel Leid abgespielt hatte, dass man es sich kaum vorstellen mag. Nachspüren wollte ich den Geschichten, die ich durch das Lesen des Tagebuchs von Petr Ginz erfahren hatte, den erschütternden Bericht von Michael Gruenbaum und Todd Hasak-Lowy „Wir sind die Adler“ oder von Hannelore Brenner Wonschick „Die Mädchen von Zimmer 28“.

Alleine, es ist mir nicht gelungen.Wie auch das unfassbare Grausame erklärbar machen? Ein Musikprojekt aus Frankfurt/Main und Paderborn versucht es nun.

Musikdrama gegen das Vergessen, unter Beteiligung von u.a. Iris Berben und Michael Schulte. (www.diekinderdertotenstadt.de)

Gegen das Vergessen, so lautet der Untertitel des als Hörspiel und Theaterstück konzipierten Projekts, welches mit Hilfe von Kindern und Jugendlichen, Musikern wie Michael Schulte unter der Schirmherrschaft von Iris Berben umgesetzt wird.

Erzählt wird die Geschichte der Kinder Terezins/Theresienstadt, die, um eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes zu täuschen, ein Theaterstück aufführen sollen. Die raue Wirklichkeit, Unmenschlichkeit, Tod und ständige Bedrohung sollen übertünscht werden, um der Welt Leben vorzugaukeln.

Der Ausgang der wahren Geschichte ist bekannt. Unter der Leitung ebenfalls deportierter Musiker und anderer Künstler wird das Stück, welches ursprünglich 1938 komponiert wurde, mehrmals im Ghetto aufgeführt. Die Rollen sind mehrmals besetzt. Schließlich fahren fast täglich Züge in den Tod der Konzentrationslager.

Auch in Terezin ist das Ende stehts nah.

Die Mehrheit der beteiligten Kinder und Jugendlichen wird das Ende des Krieges nicht erleben. In Gedenken an sie und all die anderen, die durch die Grausamkeit des Holocausts ums Leben kamen, wird dieses Stück, bassierend auf dem Hörspiel, widerum auf der eigentlichen Tereziner Kinderoper „Brundibar“ aufgeführt.

Making-of zum Musikprojekt – Die Kinder der toten Stadt

In unterschiedlicher Besetzung der Rollen, laufen das 2018 herausgegebene Hörspiel, ebenso eindringlich, wie das Schauspiel des Papageno-Musiktheaters in Frankfurt/Main. Beides geht nahe.

Man spürt die Hoffnung der Kinder, die diese in das Stück gesetzt haben, das Leid, die Traurigkeit, die Ängste in jeder einzelnen Stimme und doch auch den Mut, den Wille zu überleben. Die Uraufführung am 5. April 2019 zeigte das darstellerische und musikalische Können der Kinder und Jugendlichen auf ganzer Linie. Mit wenig Requisiten, vor einfacher Kulisse, mehr brauchte es gar nicht, um die Zuschauer zu berühren.

Und so laufern derzeit noch Zusatzvorstellungen in Frankfurt/Main, die es sich zu besuchen lohnt. Auch in anderen Städten hat man bereits gastiert. Es bleibt zu hoffen, dass klappt, was geplant ist, den Theatermitschnitt per DVD in diesem Jahr für die breite Masse zu veröffentlichen. Nach den Aufführungen selbst, kann man ihn bereits erwerben. Das Hörspiel gibt es schon, digital oder als Album mit zwei CDs. Klares Spiel, klare Stimmen.

Die Kinder der toten Stadt – Musikdrama gegen das Vergessen (Hörspiel auf 2 CDs)
Iris Berben, Peter Heppner, Jade Schulz, Michael Schulte, Esther Bejarano (u.a)
Leitung: Dr. Sarah Kass, Lars Hesse, Thomas Auerswald
Erzähler: Willi Hagemeier
Länge: 2h25min
LAVAJAM 2018

Wie die der der Kinder, die einst gezwungen wurden, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Euer findo.

Die Rezension beruht auf dem Hörspiel „Die Kinder der toten Stadt – Musikdrama gegen das Vergessen“, erzählt von Willi Hagemeier und dem Theatermitschnitt der Uraufführung, sowie Materialien, die von den Machern des Musikprojekts und der Leitung des Papageno-Theaters Lars Bürger freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde. Der Beitrag sei daher ausdrücklich als Werbung gekennzeichnet.

Alle Rechte liegen bei den Machern von „Die Kinder der toten Stadt“ und dem Papageno-Musiktheater Frankfurt/Main, sowie Fotos und Verlinkungen, Einbettungen von Inhalten.

Christian Goeschel: Mussolini und Hitler

Mussolini und Hitler - Die Inszenierung einer faschistischen Allianz Book Cover
Mussolini und Hitler – Die Inszenierung einer faschistischen Allianz Christian Goeschel Rezensionsexemplar/Sachbuch Suhrkamp Hardcover Seiten: 476 ISBN: 978-3-518-42891-7

Inhalt:
Öfter als jedes andere Duo westlicher Staatschefs jener Zeit trafen sich Mussolini und Hitler, die Diktatoren an der Spitze Italiens und des Deutschen Reichs.

Die Inszenierung der Freundschaft sollte nach außen Einheit und Macht demonstrieren, nach innen Volksnähe vermitteln, doch war sie nur wenig mehr als ein Zweckbündnis, welches sich verselbstständigte.

Beide Männer konnten sich persönlich nicht leiden, waren zunehmend aneinander gebunden, stürzten schließlich Europa und sich selbst in den Abgrund.

Christian Goeschel analysiert die choreographierte Diktatorenfreundschaft im Zeitalter der Massenmedien und zeigt, was geschehen kann, wenn in der Politik Performance und Macht miteinander verschmelzen. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Kaum ein Ereignis hat in Folge seiner Aufarbeitung so viel Literatur hervorgebracht, wie die größte aller Katastrophen unserer Geschichte.

Um so schwieriger ist es, einen neuen Ansichtspunkt zu finden, der die Betrachtung lohnt, doch ein Blick in die Archive, in private und öffentliche Korrespondenzen fördert auch heute noch Interessantes und Erschreckendes zu Tage.

Der Historiker Christian Goeschel hat einen solchen Ansatz zu einer an sich bekannten Thematik gefunden. Ergebnis seiner Recherchen ist vorliegendes Werk.

Kein anderer Krieg war so zerstörerisch und so mörderisch, wie dieser. Als Europa in Trümmern lag, hatte dieser Millionen von Menschen das Leben gekostet. Heraufbeschworen hatten ihn Diktatoren, in deren Ländern der Weltenbrand, den sie einst ausgelöst hatten, nach sechs Jahren zurückkehrte.

Einer der Männer wurde erschossen und seine Leiche in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt, der andere entzog sich der Verantwortung durch Selbstmord. Doch, wie konnte die Allianz von Hitler und Mussolini, die eine Freundschaft inszenierten, die es so nie gab, einen Kontinent in den Abgrund stürzen?

Welche Rolle spielten persönliche Sympathien, welche die Vorurteile der Diktatoren für dieses Bündnis, welches sich schnell außerhalb der Kontrolle beider verselbstständigen sollte?

In diesem Sachbuch stellt der Historiker Goeschel die Entwicklung eines Bündnisses dar, welches durch erstaunlich dünne Fäden zusammengehalten wurde.

Er analysiert die Gründe, welche die Diktatoren aneinander banden und gemeinsam in den Abgrund stürzten, wie auch sie ihre Länder und die halbe Welt in Schutt und Asche legten. Kühle Analyse trifft hier auf Logik, so dass die Thematik selbst dann zugänglich wird, wenn man sich nur rudimentär für diesen Teil der Geschichte interessiert.

Dennoch bekommt man durch die Lektüre eine Fülle von neuen Informationen oder anderen Blickwinkeln, die sich dann eröffnen.

Christian Goeschel weiß zu interessieren, beschränkt sich jedoch auf’s Wesentliche. Daran sollte man denken, wenn die unzähligen Treffen von Mussolini und Hitler in ihrer Ausführlichkeit detailliert beschrieben werden.

Gefühlt gibt dies Längen in der Lektüre, die jedoch die Komplexität der sich verselbstständigten Dynamik zweier Diktatoren aufzeigt und folgerichtig darstellt. Die Kapitel sind logisch gegliedert. Ein Bildteil dient der Veranschaulichung.

Grundlage bildet eine umfangreiche Recherche, wie das Quellenmaterial erschließen lässt und die Zusammenarbeit, der Austausch mit anderen renomierten Historikern. Diese trugen ungemein zum Gelingen bei.

Hitler und Mussolini im Hinblick ihrer inszenierten Freundschaft, die sich als Bild in den Köpfen der Menschen verselbstständigte und die Dynamik der daraus folgenden Prozesse, deren tödliche Spur sie noch gewollt verstärkten. Eine sehr interessante Analyse.

Autor:
Christian Goeschel wurde 1978 geboren und ist Historiker. Er lehrt an der Universität Manchester und forscht über Interaktion zwischen Politik, Kultur und Gesellschaft in der jüngeren Geschichte.

Zu seinem bemerkenswerten Arbeiten gehört die im Jahre 2011 erschiene Ausarbeitung „Selbstmord im Dritten Reich“. Er unterrichtet Europäische Geschichte.

Filmblick: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Filmtrailer „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl„.
Regie: Caroline Link
Drehbuch: Judith Kerr (Vorlage), Anna Brüggemann
Schauspieler: Riva Krymalowski, Justus v. Dohnanyi, Oliver Masucci, Marinus Hohmann (u.a.)
Jahr: 2019/20
Land: D, CH (u.a.)
Verleih: Warner Bros., Sommerhaus Filmproduktion (u.a.)
Release D: 25.12.2019

Wenn es eine Geschichte gibt, die nachdenklich und traurig stimmt, zugleich jedoch lebensbejahend und fröhlich daherkommt, trotzdem nachhallt, so hat sie viele Facetten in sich vereint und das Potenzial, über die Lese- oder Seherfahrung hinaus im Gedächtnis zu bleiben.

Die Kinderbuchillustratorin Judith Kerr wurde mit ihrem Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ international bekannt und so ist es nicht verwunderlich, dass auch diese Geschichte nun ihren Weg auf die Leinwand gefunden hat.

Dabei muss man Caroline Link als Regisseurin ihren Sinn für gute Vorlagen lassen, hatte sie schon im Jahr 2018 mit „Der Junge muss an die frische Luft“ einen wahren Glücksgriff gelandet, scheint ihr dies mit dieser Geschichte wieder zu gelingen.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Erzählt wird die Geschichte eines für seine Worte und deutlichen Äußerungen gefürchteten Theaterkritikers, der Hals über Kopf das Land verlassen muss, als die Nazis die Macht in Berlin 1933 übernehmen. Die Familie folgt schnell darauf. Nur wenige Habseligkeiten dürfen mit. Auch das rosa Kaninchen, geliebtes Stofftier der neunjährigen Anna, alter Ego der Autorin, muss zurückbleiben.

Gespielt wird Anna von Riva Krymalowski, die im gleichen Alter wie ihre Rolle, es schafft, den gesamten Film zu tragen, gleichzeitig Identifikationsfigur zu sein und nahezu sämtliche Erwachsene an die Wand zu spielen.

Das heißt aber nicht viel, denn der Cast ist hier ein weiterer Glücksgriff von Caroline Link, die mit Justus von Dohnanyi oder Carla Juri und Oliver Masucci hervorragende Charakterdarsteller gewonnen hat, aber auch bei der Auswahl sämtlicher anderer Rollen ein gutes Auge hatte.

Natürlich ist auch diese Geschichte gerafft, doch der Geist des Romans kommt sicher rüber, was, wenn das Gegenteil der Fall wäre, hier sicher auffallen würde.

Die Romanvorlage gibt es als Einzelband, sowie inzwischen, als Sammelband. Insgesamt umfasst die Geschichte von Judith Kerr drei Romane, die den Weg ihrer Protagonisten, aber im Prinzip ihren eigenen durch die Exilzeit beschreiben.

Das Kaninchen als Symbol für verloren gegangene Heimat und eine passende musikalische Untermalung, auch wenn die an einigen Stellen etwas zu dick auf die Tränendrüse drückt (Funktioniert!), sorgen für eine gute Verfilmung, die generationsübergreifend wirken dürfte.

Übertragen auf den heutigen Umgang mit Flüchtlingen lassen sich natürlich Parallelen finden.

Das Einfinden in das Neue, das Trauern um das Verlorene, werden ebenso nachvollziehbar dargestellt, wie die immer mal aufkommenden Momente der Verzweiflung, aber auch die des kleinen Glücks. In diesem Sinne ist es ein wertiger Film, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, aber dennoch zum Nachdenken anregt.

Niemand verlässt freiwillig und gerne seine Heimat. Es gibt immer Gründe, die Ungewissheit von Risiken auf sich zu nehmen. Für alle Beteiligten ist das schwer. Sollte man sich das eine oder andere Mal ins Gewissen rufen.

Dies kann der Film, der eine wahre Geschichte stilvoll erzählt und keine einzige Länge aufweißt. Die Strapazen der Flucht, der Suche merkt man den Schauspielern an, die, allen voran Riva Krymalowski und Marinus Hohmann, mit ihren Rollen für den Film eins wurden und so zum Gelingen beitrugen. In diesem Sinne, unbedingt ansehen.

Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache

Die Wunderkammer der deutschen Sprache Book Cover
Die Wunderkammer der deutschen Sprache Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.) Erschienen am: 01.09.2019 Verlag: Das kulturelle Gedächtnis Seiten: 300 ISBN: 978-3-946990-31-4

Inhalt:
Wenn es ein Wimmelbuch für Erwachsene gibt, so ist es wohl dieses. Gefüllt mit Geheimsprachen und Figurengedichten üben wir Zungenbrecher und Beschimpfungen.

Die Alchemie des Deutschen auf den Zahn gefühlt und Wortschätze mit Küchenlatein vermischt. Wo sagt man wie 6:15 Uhr und kennt ihr Schnadahüpfeln schon?

Die deutsche Sprache ist nicht nur nicht in gut dreißig Jahren zu lernen, sie steckt voller Geschichten und Wunder, die es zu entdecken gilt. Steigt ein, in diese Wunderkammer. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Wer eigene Kinder hat oder früher selbst eines gewesen ist (Einige erinnern sich.), kennt sie. Wimmelbücher. Bildgewaltig kommen sie daher und detailreich sowie so. Auf jeder Seite gibt es viel zu entdecken und zu bestaunen.

Nun gibt es dergleichen auch für Erwachsene, eine Art Wimmeltextbuch. Zusammengetragen und erstellt haben es Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer vom Verlag -Das kulturelle Gedächtnis-. Gestalterisch eine Wucht, in diesem kräftigen Blau und Orange gehalten, eröffnet sich zwischen den Buchdeckeln die Vielfalt der deutschen Sprache.

Abseits jeder zum Abgewöhnen stattfindenden Rechtschreibform tut sich Seite für Seite ein Füllhorn auf. Landkarten der Sprache gibt es, auf denen man mit dem Fingern zwischen Brötchen und Schrippen etwa entlangwandern oder für den nächsten Hamburg-Trip das Nachtjargon Sankt Paulis üben kann.

Vielleicht erklimmt ein Leser des Buches den babylonischen Turm der Kriechtiere, um dann bei den Polynomen zu landen? Was waren, gleich nochmal Homonyme? Hier wird all das und noch viel mehr erklärt und beispiel-, wie meisterhaft gezeigt.

Figurengedichte sind dort zu finden. Plötzlich kann ein Leser den Fontane-Code entschlüsseln. Deutsche Sprache, schwere Sprache, zumal nach nur dreißig Jahren in aller Gänze zu erlernen, sagte einst Mark Twain. Wie heißt wo die Stechmücke?

Wie koch man mit Teekesselchen im Fundus der Wörter und welche sind eigentlich Erik Fosnes Hansen liebste? Einen irren Spaß muss es gemacht haben, diese und andere Schätze zusammenzustellen. Schwer muss die Auswahl gefallen sein.

Intensive Recherche, Lust am Stöbern und eine „Gestaltungswut“, die ihres Gleichen sucht, haben zu diesem sprachlich bunten Feuerwerk geführt, in dem Namdeutsch ebenso eine Rolle spielt, wie Seemannsprache. Wenn man so will, ist dies die witzige Variante des trögen Deutsch-Buches aus Schulzeiten oder ein Duden für Humorvolle.

Schnadahüpfln wird ein Leser nach der Lektüre ebenso kennen, neu wissen, welche Wörter das Kosovo-Albanische aus dem Deutschen übernommen hat.

Wer bis hier hin den Überblick behalten hat, wird ihn spätestens nach der Lektüre verloren oder vertieft haben, in jedem Fall aber, eine Liebe zur deutschen Sprache neu entdecken.

Autoren:
Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer sind Herausgeber und Autoren für den Verlag -Das kulturelle Gedächtnis- und Liebhaber der deutschen Sprache. Ersterer wurde 1968 in Oberhausen geboren, lebt aber in Berlin und ist Literaturvermittler, Schriftsteller und Moderator.

Nach einer Mitarbeit für eine Literaturzeitschrift, für die er als Lektor und als Redakteur arbeitete, übernahm er die Programmleitung des Literaturhauses Köln, moderierte ein Literaturfestival, schreibt sich um Kopf und Kragen.

Carsten Pfeiffer ist Mitgesellschafter beim für das Buch verantwortlichen Verlag, war vorher bei Egmont tätig, sowie bei Cornelsen. Spezialgebiet, Marketing und Vertrieb.

Christopher R. Browning: Ganz normale Männer

Ganz normale Männer Book Cover
Ganz normale Männer Christopher R. Browning Rowohlt Erschienen am: 01.09.1999 Seiten: 331 Übersetzer: Jürgen Peter Krause ISBN: 978-3-499-60800-1

Inhalt:
Im Sommer 1944 wurde ein Batallion der Hamburger Polizeireserve, etwa 500 Männer, die zu alt zum Dienst in der Wehrmacht waren, nach Polen zu einem Sonderauftrag gebracht.

Dort wurde ihnen eröffnet, dass sie die jüdische Bevölkerung in den polnischen Dörfern aufzuspüren, Arbeitsfähige auszusondern und die Übrigen, Alte, Frauen und Kinder, auf der Stelle zu erschießen hatten. Vor ihren Einsatz machte der Kommandabr den Männern ein Angebot.

Wer sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne sein Gewehr abgeben und würde für eine andere eingesetzt. Nur etwa 12 Männer traten vor. Wie ist es zu erklären, dass „ganz normale Männer“ zu Massenmördern würden? (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Der Klappentext gibt genügend Auskunft über den Inhalt, so dass man darüber nicht weitere Worte verlieren muss. Eine, im Gegensatz zu anderen Einheiten, die an Massenmorden im Zweiten Weltkrieg beteiligt waren, dichte Quellenlage ist die Grundlage für das vorliegende Werk, welches jetzt nochmals als Taschenbuchversion aufgelegt wurde.

Detailliert schildert der Autor, der historischen Genauigkeit wegen, die Grausamkeiten des Krieges in Bezug auf ein Batallion der Hamburger Polizeireserve und behandelt damit die Frage, wie aus ganz normalen Männern, Massenmörder werden konnten.

Das teilweise sehr anstrengend kompliziert geschriebene Werk, keinesfalls leichte Lektüre, die man mal ebenso nebenher lesen kann, ist Gegensatnd eines Historikerstreits, der nach der Erstveröffentlichung folgte.

Goldhagen, der mit seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ für Aufmerksamkeit sorgte, kritisiert den Autoren des vorliegenden Werks in dem Punkt, dass Browning den Einfluss der deutschen Kultur auf den Holocaust missachten würde.

Browning wirft seinem Kollegen widerum Doppelbödigkeit und Inkonsequenz in der Schlussfolgerung aufgrund dessen eigener Thesen vor. Klingt nicht einfach? Ist es auch nicht und so müssen, um sich ein klares Bild zu verschaffen, wohl beide Werke parallel gelesen werden.

Mit der Neuauflage ist dies gut möglich, da zunächst das eigentliche Buch vorliegt, dann in einem speziellen Nachwort der Autor auf Goldhagens Thesen, Analysen und Schlussfolgerungen eingeht. Die Wahrheit wird dann wohl irgendwo in der Mitte liegen, jedoch ist die Historie allemal interessant und erschütternd.

Besondere Zeiten schaffen Voraussetzungen für besondere Menschen, leider auch im Schlechten und kehren unsere schlimmsten Eigenschaften hervor.

Dazu Druck, Indoktrination und Vereinnahmung und schon sind wir dazu fähig, anderen Dinge anzutun, die wir uns vorher nicht hätten vorstellen können. Browning zeigt auf, wie ganz normale Männer zunächst mit Abscheu auf ihren Auftrag des Regimes reagierten und nach und nach zu willigen Handlangern der Nazis wurden.

Dieses Werk zeigt exemplarisch an einer Einheit, wie das NS-Regime funktionieren und seine grausame Ideologie umsetzen konnte, ist jedoch keine Lektrüe für Zwischendurch.

Zahlreiche in jedem Satz geseteckte Informationen, machen das Buch eher Lesern zugänglich, die sich bereits entweder Goldhagens Werk zu Gemüte geführt haben, der sich teilweise auf die gleichen Quellen stützt oder sich von vornherein für die Thematik interessieren. Für Jemanden mit „Erstkontakt“ mit diesen Themen empfiehlt sich dieses Buch eher nicht.

Autor:
Christopher R. Browning wurde 1944 geboren und ist ein US-amerikanischer Historiker. Er ist emeritierter Professor der University of North Carolina. Zunächst studierte er Geschichte, deren Professort er 1999 iin North Carolina erhielt, welche er bis 2014 ausübte.

Im Jahr 2006 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Bekanntheit erlangte er in der Auseinandersetzung Daniel Jonah Goldhagens („Hitlers willige Vollstrecker“) mit seinem Werk „Ganz normale Männer“, welches 1992 errstmals veröffentlicht wurde.

Autorenkollektiv: Zu Tisch!

Zu Tisch! - Eine Reise zu den ausgefallensten Restaurants der Welt Book Cover
Zu Tisch! – Eine Reise zu den ausgefallensten Restaurants der Welt Autoren: Autorenkollektiv mairdumont Erschienen am: 10.12.2019 Seiten: 127 ISBN: 978-3-7701-8473-6

Inhalt:
Dinieren 50 Meter über dem Boden, im ewigen Eis oder auf einer Plattform im Hafen? Speisen auf Toiletten, zwischen Wipfeln oder in einer alten Kirche? Wie wär’s mit einem Gourmetmenü in einem Heißluftballon? Langweiliges Abendessen war gestern. Die ausgefallensten restaurants der Welt bitten zu Tisch!

Rezension:
Sich von Robortern bedienen lassen, sein Essen vor der Zubereitung selbst fangen oder für eine Mahlzeit ins Gefängnis gehen. Es gibt viele Arten, ein Abendessen zu genießen. Das Standardrestaurant um die Ecke oder der eingedeutschte Stammitaliener haben das Nachsehen, wenn es um die außergewöhnlichsten Restaurants der Welt geht.

Ein Kollektiv aus Autoren und Fotografen hat zusammengetragen, welche außergewöhnlichen Lokale rund um den Globus besuchenswert, alleine ihrer Besonderheit nach, verteilt sind. Entstanden ist ein etwas ungewöhhnlicher kulinarischer Reiseführer.

Kompakt wie ein Reiseführer, zahlreich bebildert, kommt dieses kleine Büchklein daher und entführt seine hungrigen leser zu den ungewöhnlichsten Restaurants weltweit.

Mit kurzer Beschreibung versehen, sind die nach im Inhaltsverzeichnis Kontinenten sortierten Lokale aufgelistet, jeweils mit ihrer Besonderheit. Und, was es da nicht alles gibt. Essen im Flugzeugrumpf oder vor ehemaligen Filmkulissen, wie zwischen Gräbern oder in umgenutzten Kirchen. Nichts ist unmöglich.

Wer schwindelfrei ist, genießt sein essen etwa im Heißluftballon oder am Rande einer Schlucht, mit Blick in den abgrund. dabei gilt, ungewöhnlich nicht immer gleich teuer.

Vielreisende finden so rund um den Globus immer wieder das Besondere, aber auch Deutschland und Europa können mit Speiselokalen punkten, die von einer Teestube bis zur U-Bahn-Atmosphäre alles bieten.

Einige kuriose Geschichten gibt es dazu zu erzählen. Leider reicht der Text nur kaum für mehr als einen ersten Eindruck. Erkunden, besser essen, muss man dort dann schon selbst.

Ein nettes kurzweiliges Coffee-Table-Buch, nicht mehr und nicht weniger.

Freunde großer oder kleiner Küche haben daran sicher Spaß, auch wenn manchmal gar nicht gesehen wird, was da auf den Tellern landet. In anderen Fällen ist das Essen wiederum sprichwörtlich für’s Klo. Das nächste Mal einfach hinschauen, was denn genau als Sitzfläche dient. In diesem Sinne, guten Appetit.

Autoren:
Große Internetplattformen nennen einen Autorennamen, auf der Verlagsseite steht nichts und im Buch selbst etwas anderes. Es ist wohl am ehesten ein Autorenkollektiv gemeint. Immerhin handelt es sich beim vorliegenden Band um ein Sammelsurium, welches erst einmal zusammengetragen und abfotografiert werden musste.

Alexandra Endres: Niemand liebt das Leben mehr als wir

Niemand liebt das Leben mehr als wir Book Cover
Niemand liebt das Leben mehr als wir Alexandra Endres Verlag: mairdumont Erschienen am: 08.10.2019 Seiten: 330 ISBN: 978-3-7701-8249-7

Inhalt:
Mexiko – ein unglaublich vielfältiges Land, landschaftlich und kulturell. Und vom Drogenkrieg gezeichnet. Alexandra Endres durchquert das Land, welches oft für viele nur eine Durchgangsstation ist.

Ein Land voller Gewalt, in dem täglich Menschen spurlos verschwinden, aber auch ums Überleben kämpfen, um die Natur und ihr kulturelles Erbe. Alexandra Endres trifft auf das indigene Erbe der Maya ebenso, wie auf traditionelle Mezcal-Brenner und engagierte Umweltschützer.

Sie lernt Menschen kennen, die sich unerschütterlich für ihr Heimatland einsetzen und von einer besseren Zukunft träumen. (abgewandelter Klappentext)

Rezension:

Niemand liebt das Leben mehr als wir, weil für uns der Tod so sehr präsent ist.

Guillermo del Toro

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro fand einst diese Worte, um das Lebensgefühl seiner Landsleute zu umschreiben. Doch, wie sieht es aus, das heutige Mexiko, welches, wenn überhaupt, hierzulande nur in die Schlagzeilen gerät, wenn mal wieder ein hochrangiger Drogenboss den Behörden ins Netz geht oder die Dramen an der Grenze zu den USA nicht mehr von den Nachrichten-agenturen ignoriert werden könne?

Alexandra Endres, Redakteurin, u.a. von ZEIT Online, hat sich aufgemacht, auf Spurensuche durch ein faszinierendes und vielfältiges Land.

Von Süd nach Nord hat die Autorin den mittelamerikanischen Staat durchquert, der für so viele nur eine Durchgangsstation zum Traum von einem besseren Leben sein soll, der jedoch spätestens im Norden für allzu viele zerplatzt.

Endres nimmt sich Zeit für die Begegnungen mit Menschen, denen ihre Heimat nicht egal ist, die etwas für sich und Andere bewegen wollen, die Abwärtsspirale aus Korruption und Drogenhandel, Umweltverbrechen, nicht akzeptieren.

Aufgrund vermittelter Kontakte begab sie sich auf eine Reise, die ihres Gleichen sucht, zumal als Frau alleine in dieser Gegend zuweilen nicht ganz ungefährdet. Der Blick geschärft für Details schildert sie lebendig das Leben der Menschen, die sie daran teilhaben lassen und zeichnet so ein vielschichtiges Bild.

Kurzweilig sind die Kapitel, immer entsprechend ihrer gewesenen Reiseabschnitte gegliedert, doch beginnt die kurzweilige Reisereportage mit einer Beobachtung, die fast gegen Ende der Reise selbst stattfand. Um so beeindruckender sind die nachfolgenden Schilderungen.

Die Autroin schafft es ihre Bedenken, ihre Zweifel, vor allem aber auch ihre Neugier auf das Unbekannte und ihre Zugewandtheit den Menschen gegenüber lebendig werden zu lassen. Ein Reisebericht kann dabei immer nur einen Ausschnitt aus einem Land zeigen, dessen ist sich die Autorin bewusst.

Sie versucht dennoch einen Rundumblick zu bekommen. Wo stehen Mexiko und seine Menschen heute? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen und was heißt es, dort zu überleben, wo einem der Tod so nahe ist?

Alexandra Endres schildert all dies nicht nüchtern. In lebendigen Farben gibt sie wieder, was sie gesehen hat und herausgekommen ist der nachhallende Zustandsbericht eines Landes, welches mit keinem anderen zu vergleichen ist.

Durchgangsstation und Endpunkt langer, beschwerlicher Reisen, unfreiwilliger Schmelztigel und indigene Völker auf der Suche nach ihrer Identität, vermischt mit christlichen Traditionen. All dies zusammen führt zu einer besonderen Mischung, die man mit Zeile zu Zeile als Lesender zu verstehen versucht, jedoch immer noch mehr Fragen bekommt.

Aufgelockert durch zahlreiche Skizzen, die Wege markieren, Kartenmaterial im Inneren der Umschlagseiten, sowie einem Fototeil, zeigt die Autorin die Vielfältigkeit dessen, was sonst nur einseitig in unseren Medien dargestellt wird.

Mit jedem Wort wird klarer, wie nah Freude, Zuversicht, Mut und Verzweiflung beieinander liegen, gerade wenn sie mit Umweltschützern, Frauenrechtlerinnen oder Indigenen spricht, die sich für ihre Interessen, nicht ohne Gefahr für sich selbst, einsetzen. Beeindruckend, um nur ein Wort zu nutzen. Bewundernswert in jedem Fall.

Mexiko, so bleibt festzustellen, ist ein unerschrocken unermüdliches Land mit Menschen, die an sich glauben, an ihr Leben hängen. Es lohnt sich, dies zu beobachten und zu verfolgen. Alexandra Endres ist dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten gelungen. Wünschenswert, wenn es in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit für die Menschen gibt, die das Leben so sehr lieben.

Autorin:

Nachd er Schule studierte Alexandra Endres in Köln Volkswirtschaft in Kombination mit Realpolitik, bevor sie Redakteurin bei der FAZ wurde und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wirtschaftsgeographischen Institutes der Uni Köln. Seit 2006 arbeitet sie für ZEIT Online und unternimmt immer wieder Reisen nach Südamerika.

2014 arbeitete sie als Gastredaktuerin für eine kolumbianische Zeitung. Die südamerikanischen Länder (die sie immer wieder bereist), ihre Rohstoffe und Ressourcen, sowie Entwicklung und Menschenrechte gehören zu ihren Hauptthemen. 2016 bereiste sie Kolumbien erneut. Ihre Erlebnisse veröffentlichte sie auf ihren Blog und ausführlich in Buchform.

Hans Richard Fischer: Unter den Armen und Elenden Berlins

Unter den Armen und Elenden Berlins Book Cover
Unter den Armen und Elenden Berlins Hans Richard Fischer Verlag: Walde+Graf Seiten: 128 Hardcover ISBN: 978-3-946896-44-9

Inhalt:
Ende des 19. Jahrhunderts sorgte ein schmales Büchlein für Aufsehen unter der bevölkerung. darin beschrieben, das Leben der untersten Schichten der Berliner Bevölkerung, der Ärmsten der Armen.

Ein junger Journalist erkundet verdeckt das Obdachlosenasyl, besichtigt Waisen- und Siechenhäuser, schreibt darüber beinahe wertfrei und begründet einen neuen Reportagestil, wie es ihn vorher noch nicht gegeben hat. Hans Richard Fischer lenkte damit das Interesse der Öffentlichkeit auf die Menschen am Rande der Gesellschaft. Nun wurde sein Buch wieder neu aufgelegt. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Jede neue Sozialstudie warnt heute davor, dass die sprichwörtliche Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klappt, und das in einem so reichen Land, wie Deutschland.

Um so beeindruckender, um so wichtiger sind Dokumente, wie dieses Werk, welchs, so unscheinbar daher kommt und um so größer der Verdienst eines kleinen Verlages, der es sich getraut, den sprichwörtlichen Finger in die Wunde zu legen.

In einfachen, fast schmucklosen Einband wird den Lesern hier „Unter den Armen und Elenden Berlins – Streifzüge durch die Tiefen einer Weltstadt“ vorgelegt, der genau das ist, was der Titel verrät. Eine investigative Reportagereihe, die es in sich hat und es schon einmal gab.

Das Buch selbst, sorgte 1887 für Aufsehen, als Deutschland noch ein Kaiserreich war und sich inmitten der Industrialisierung befand. Mit all seinen Auswirkungen für die Ober-, die Mittelschicht, getragen auf den Rücken der Ärmsten der Bevölkerung.

Über diese wollte der Journalist Hans Richard Fischer berichten, seinen Lesern die Augen für die jenigen öffnen, die ganz am Rande der gesellschaft standen. Er tat dies beinahe wertfrei, behutsam und mit den Blick für besondere Momente, begründete damit einen unpolitischen und unaufgeregten Reportagestil, wie man ihn sich heute oft genug wünschen würde, der jedoch nur von wenigen Journalisten beherrscht wird.

Kurzweilig sind seine Reportagen, trotz der zeitlichen Distanz immer noch gut zu lesen. Ergänzt werden sie durch vom Verlag ergänzte Fußnoten, die den heutigen Lesern es erleichtern, den Ausführungen des Autoren zu folgen. der Streifzug durch Berlin ist auch in heutiger zeit nachvollziehbar, das beschriebene Elend erschreckend nah geschildert, ohne die unfreiwilligen Protagonisten vorzuführen.

Natürlich, das Frauenbild von Fischer ist nicht modern im heutigen Sinne, jedoch gefälliger als das der meisten seiner Zeitgenossen und so ist die Neuauflage vor allem als eindrückliches zeithistorisches Dokument zu verstehen, welches leicht die Zustände der Unterschichten Berlins zu Zeiten der Industrialisierung vor Augen führt.

Was bleibt ist ein geschärfter Blick auf das, was damals schon für die Ärmsten der Armen getan wurde und wie froh wir heutzutage sein können, über das soziale netz, welches auch durch solche aufmerksamen Reportagen mit geschaffen wurde.

Die Neuauflage zeigt aber auch die Wirkung eines ruhigen Reportagestils, der heute wahrscheinlich vielfach im Geschrei der Revolverblätter untergehen würde, den sich heute nur noch die großen Zeitungen und Zeitschriften erlauben können, es jedoch viel zu selten tun.

Nicht zuletzt ist „Unter den Armen und Elenden Berlins“ ein zustandsbericht aus vergangener Zeit, welches sonst in Vergessenheit geraten wäre und alleine deshalb schon lesenswert ist. So weit entfernt von den Dramen und Ängsten der Ärmsten heute, ist es schließlich nicht.

Autor:
Hans Richard Fischer wurde 1863 geboren und war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Selbst als Waise in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, schrieb er später für verschiedene Zeitungen über die ärmlichen Verhältnisse Berliner Bevölkerungsschichten und begründete dabei einen, damals völlig neuen, investigativen Reportagestil.

Drei Bücher veröffentlichte er, gefüllt mit den Inhalten seiner Zeitungsartikel, die er u.a. für den Hannoverschen Kurier und den Westfälischen Anzeiger schrieb. Als Chefredakteur leitete er einige Zeit die Westfälischen Volksblätter. Zudem arbeitete er als freier Autor.

Edward Brooke-Hitching: Der Goldene Atlas

Der Goldene Atlas Book Cover
Der Goldene Atlas Edward Brooke-Hitching Verlag: dtv Erschienen am: 25.10.2019 Seiten: 256 ISBN: 978-3-423-28207-9 Übersetzer: Lutz-W. Wolff

Inhalt:
Das Zeitalter der großen Entdeckung reichte von der Antike bis hinein ins vergangene Jahrhundert. Die Erkundungsfahrten von arabischen und persischen Flotten trugen ebenso zu unserem Verständnis von der Welt bei, wie die der Schatzsucher und Glücksritter, bis hin zu den zum Scheitern verurteilten Polarreisenden, die das arktische Eis verschlang.

Dieser Band versammelt Bekanntes und Unbekanntes voller überraschender Fakten und bislang unveröffentlichten Karten. Unterhaltsam berichtet der Autor davon, wie die weißen Flecken der Welt langsam verschwanden. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Das Zeitalter großer Entdeckungen ist noch gar nicht so lange her, schon muten die Geschichten darüber an, wie Legenden oder Märchen. Doch waren verlustreiche Fahrten und Expeditionen nötig, um in Zeiten vor Google Maps und satellitengestützter Geografie, sich einen Überblick über die bestehenden Verhältnisse zu verschaffen.

Wagemut, Glück und Unglück, Gier oder Machtstreben lagen nah bei einander, sehr viel später sollte reine Entdeckerlust oder gar Reisefreude ausschlaggebend sein, um die letzten weißen Flecken auf den Landkarten mit Informationen zu füllen.

Der englische Autor Edward Brooke-Hitching fühlt anhand von Karten- und Archivmaterial den Werdegang der großen Expeditionen und Forschungsreisen nach, die unseren Blick auf die Welt für Jahrhunderte schärfen sollten.

Schon mit den Vorgänger-Band hat der Autor unter Beweis gestellt, dass anhand von Kartenmaterial die erstaunlichsten Geschichten zu erzählen sind. Dies führt er in gewohnter Weise mit seinem neuesten Werk „Der Goldene Atlas“ fort.

Sind es diesmal nicht Pseudo-Inseln oder andere geografische Phänomene, die es an sich gar nicht gibt, spielen diesmal die großen Erkundungsfahrten der Seefahrer die Hauptrolle.

In kurzweiligen Kapiteln, immer ergänzt und grafisch aufbereitet mit ausgiebigen Karten- und anderen Bildmaterial, erzählt Brooke-Hitching von den Polarexpeditionen Amudsens und Scotts, aber auch von den Reisen Marco Polos, der Wikinger und noch zahlreichen weiteren, mit deren Hilfe unsere Vorfahren sich die Welt erschlossen.

Einem Zeitstrahl folgend, bewegt sich der Autor von der Antike bis hinein ins zwanzigste Jahrhundert und stellt dabei nicht nur die genannten, schon bekannteren Expeditionen vor, sondern auch jene wagemutigen Männer, später auch Frauen, die bei diesen Unternehmungen manchmal mehr als Kopf und Kragen riskierten.

Wieder ist dies kein tröger Geschichtsunterricht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern eine Einladung, zumindest gedanklich diese Abenteuer mit zu erleben. Auch zahlreiche, überwiegend unbekannte Entdeckerfahrten sind in diesem Band aufgelistet, dessen Aufmachung schön, wie Informationsgehalt berauschend ist.

Auch für dieses Werk hat der Autor wieder seine ganze Leidenschaft und eine unglaubliche Menge an Archiv- und Recherchearbeit einfließen lassen, so dass das Zeitalter der Entdeckungen förmlich greifbar ist. Eine Hand voll Seiten pro Expedition, mehr braucht es da nicht.

Wer die Augen schließt oder in die Betrachtung der Karten versinkt, kann förmlich die Strapazen der Expeditionen Humboldts, Magellans oder Berings auf der eigenen Haut spüren. Edward Brooke-Hitching zeigt, wie nah oft Erfolg und Misserfolg bei einander lagen und was auch gescheiterte Unternehmungen zum Verständnis unserer Welt beitrugen.

Die Hartnäckigkeit etwa, mit der nach Wasserstraßen und Wegen rund um den Erdball gesucht wurde, ist zu bewundern. Die Motive und Erfolge der Teilnehmer solcher Reisen mögen unterschiedlich gewesen sein, Brooke-Hitching zollt diesem jeden einzelnen Unternehmen großen Respekt.

Sicher ist nur eines. Immer noch gibt es genug Flecken auf der Erde, die es zu erkunden gilt.

Autor:
Edward Brooke-Hitching ist Sohn eines Antiquars und arbeitete bei mehreren Zeitungen und am Theater, bevor er einen Abschluss in Filmwissenschaft an der University of Exeter machte. Als Dokumentarfilmer gewann er mehrere Preise. Im Jahr 2016 wurde seine „Enzyklopädie der vergessenen Sportarten“ veröffentlicht.

Ausgangspunkt zu seiner Recherche geografischer Phänomene war eine alte Landkarte im Familienbesitz. Brooke-Hitching sammelt Werke über englische Forscher und Entdecker und lebt in London.

Rimantas Kmita: Die Chroniken des Südviertels

Die Chroniken des Südviertels Book Cover
Die Chroniken des Südviertels Rimantes Kmita Erschienen am: 01.10.2019 Mitteldeutscher Verlag Taschenbuch Seiten: 414 ISBN: 978-3-96311-180-8

Inhalt:
Siauliai, eine Stadt m Norden Litauens, in den 1990er Jahren. Rimants, alter Ego des Ators, wächst dort heran und spielt mit Leib und Seele Rugbys, sucht einen Platz im Wilden Osten der Nachwendezeit. Coole Trainingsanzüge, Rambo-Poster sind das Nonplusultra und natürlich die Liebe.

Der Jugendliche sucht nicht nur in der alternativen Musikszene nach sich selbst, begegnet der ersten Liebe und bald auch der zweiten. Schließlich führen ihn Freundin und Lehrerin in die Literatur hinein. Rimants beginnt zu schreiben und seinen Weg zu gehen. (eigene Inhaltsangabe).

Rezension:
Ich meine, einmal in einem Interview gelesen zu haben, man solle über das schreiben, was man kennt, dann gelingt einem auch ein Roman und so liegt in einer ersten Übersetzung nun ein litauischer Bestseller vor.

In „Die Chroniken des Südviertels“ erinnert sich Rimabntas Kmita an seine Jugend und am Aufwachsen in der Ungewissheit der Nachwendezeit ebenso, wie an Orientierungslosigkeit, Mode und Musik, Selbsfindung und der Entdeckung mehrerer Lieben.

Diese Mischung durchzieht den Roman, in dem die Leser den jungen Hauptprotagonisten begleiten, der aus der Enge seines Plattenbauviertels, wie es sie wohl in jeder osteuropäischen Großsstadt (und sicher auch in jeder westlichen) gibt, einen Ausweg und sich selbst sucht, verbunden mit all den Irrungen und Wirrungen, die die Pubertät bereit hält.

Rimants ist dieser alte Ego, der zwischen Trainingsanzügen und Schwarzmärkten den Sinn des Lebens sucht, bei Eltern und anderen Autoritäten aneckt und erst durch eine Freundin ruhigere fahrwasser entdeckt, ohne selbst ruhig zu bleiebn. Zu viele Möglichkeiten hält das Leben bereit, wenn auch der Sport zunächst an erster Stelle steht.

Die Bündelung der Handlungsstränge, die nach und nach unterschiedlich gewichtet werden, beherrscht der Autor, an dessen erzählerischen Rhythmus man sich erst gewöhnen muss. Schön, das ab und zu mal ein Vers die Geschichte auflockert, jedoch geschriebene Umgangssprache liest sich in manchen Teilen etwas merkwürdig.

Das Einfinden in Text und Sprache nimmt ein wenig Zeit in Anspruch. Zunächst ist langsames Lesen angesagt, Längen müssen überwunden werden. Ist jedoch auch in der Pubertät, im übertragenen Sinne, ja auch nicht anders. Nach dem Einfinden jedoch, ist man im Lesefluss und kann den Erlebnissen von Rimntas und seinen Freunden folgen. Doch, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Der Spruch gilt, irgendwie, auch hier.

Das Empfinden einer Generation, die Orientierungslosigkeit und Suche des Protagonisten nach Sinn haben mir zugesagt. Längen, die diese Erzählung jedoch hat, stellen einen Anspruch an das Durchhaltevermögen eines Lesers, den man sich erst einmal aussetzen muss. Das funktioniert nicht immer, zumal wenn die Vergleichsfolie fehlt.

Meine Jugend fand eine Generation später statt, unter anderen Bedingungen. So fehlt in manchen Punkten die Nachvollziehbarkeit, die es vielleicht gebraucht hätte. Für die unmittelbare Wendegeneration jedoch, kann ich mir gut vorstellen, dass der Roman sehr gut funktioniert und Rimants und seine Freunde einem ans Herz wachsen.

Wenn das Rimantas Kmita schafft, ist doch das Ziel erreicht.

Autor:
Rimantas Kmita wurde 1977 geboren und ist ein litauischer Schriftsteller, Lyriker und Literaturkritiker. Aufgewachsen in Siauliali studierte er in Kaipedia, Vilnius und in Greifswald, bevor er mehrere Gedichtsbände veröffentlichte.

Er leitet eine eigene Literatursendung im litauischen Nationalradio LRT. Sein Roman „Die Chroniken des Südviertels“ erschien in seiner Heimat 2016 und avancierte dort zu einem der größten Bestseller moderner litauischer Literatur.