Viveca Sten: Mörderisches Ufer

Mörderisches Ufer Book Cover
Mörderisches Ufer Thomas-Andreasson-Reihe (8) Viveca Sten Kriminalroman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 06.04.2017 Taschenbuch Seiten: 454 ISBN: 978-3-462-05190-2

Inhalt:

Jeden Sommer kommen Hunderte Kinder ins Segelcamp nach Lökholmen, der kleinen Insel gegenüber von Sandhamn, und verbringen dort ihre Ferien. Doch nicht alle, die am Camp teilnehmen, können ihre Zeit dort genießen, denn einige Kinder werden gemobbt und leiden unter den Gemeinheiten der anderen. Als eines von inen plötzlich verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit… (Klappentext)

Einordnung: Dies ist der achte Band der Thomas-Andreasson-Reihe.

Rezension:

Skandinavische Krimis kennzeichnen sich allzuoft durch Melancholie, die sich wie Mehltau durch die Bücher zieht, schönen Landschaftsbeschreibungen, aber gescheiterten Existenzen, denen man die Ermittlerrolle nur mit großem Wohlwollen abnehmen kann.

Nur hin und wieder sticht ein Fall, eine Geschichte oder gar eine Reihe wohltuend heraus und setzt ein Zeichen gegenüber dem Einerlei dieses sehr eigenen Genres. In diesem Sinne entführt Viveca Sten ihre Leser wieder einmal nach Lökholmen und Sandhamn, jener ländlichen idylle Schwedens, die tief im Inneren ihre Schattenseiten verbirgt. Zumindest, wenn man der feder der Autorin folgt.

Ein Handlungsstrang verfolgt den Weg des kleinen elfjährigen Benjamin, der gegen seinen Willen in ein Segelcamp auf der Schäreninsel verfrachtet wird und dort schnell das Ziel von älteren Jugendlichen wird, die in ihm das ideale Mobbingopfer sehen.

Ein parallel geführter Erzählstrang verfolgt ein, mit diesem Protagonisten lose verbundenen Gerichtsprozess, ein anderer dritter ist der verbindende Klebstoff zwischen den Zeilen.

Dies führt bei manchen Autoren dazu, dass sie sich verlieren und es nicht schaffen, eine vernünftige Lösung zur zusammenführung zu schreiben, doch mit Hilfe eines kontinuierlichen Spannungsaufbaus, der wellenförmig mal die eine Handlung hervorhebt, dann wieder andere Protagonisten fordert, schafft es die Autorin, was nur bei wenig Krimis so überzeugend gelingt.

Dies, in einer vergleichsweise ruhigen und fast unbrutalen schreib- und Erzählweise, die einem dennoch einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. Nicht umsonst wurde diese Geschichte, wie auch schon mehrere andere der Reihe, bereits für eine Miniserie verfilmt.

Man kann diesen Krimi ohne Kenntnis der Vorgängerbände lesen, sei jedoch gewarnt, wenn man den Trigger Kindesentführung vermeiden möchte. zwar gibt es gewalttätigere Geschichten in diesem Genre, jedoch selten so gut erzählt. Die Perspektivwechsel folgen logisch in kurzweiligen Kapiteln, die jeweils einem Protagonisten folgen, ohne unter den bereits erwähnten Krimi-Mehltau zu ersticken.

Der Handlungsstrang um die Mobber wurde zu Gunsten der Entführung und den entsprechenden Folgen wahrscheinlich vom Lektorat zusammengekürzt, doch liegt es nicht in der Natur der sache, dass man im Alltag einzelne Aspekte verfolgt und andere aus den Augen verliert? In diesem Sinne ist es dennoch ein gut abgerundeter Kriminalroman, der es sich zu lesen lohnt.

Autorin:

Viveca Sten wurde 1959 in Stockhilm, Schweden, geboren und ist eine skandinavische Schriftstellerin und Juristin. Nach der Schule entschied sie sich für ein Jura-Studium und arbeitete als Chefjuristin für die schwedische und dänische Post.

Nachdem sie mehrfach Fachliteratur und entsprechende Aufsätze publiziert hatte, veröffentlichte sie 2008 ihren ersten Kriminalroman, aus dem inzwischen eine mehrbändige Reihe geworden ist. Die Reihe wurde als Miniserie für’s Fernsehen verfilmt. Die Autorin verbringt mit ihrer Familie die Sommer weitestgehend in Sandhamn, Haupthandlungsort ihrer Bücher und lebt mit ihrer Familie bei Stockholm.

Filmblick: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Trailer: Capernaum – Stadt der Hoffnung
Regie: Nadine Labaki
Drehbuch: Jihad Hojeily (u.a.)
Schauspieler: Zain Al Rafeea
Länge: 120 Minuten
Land: Libanon, USA
FSK: 12 Jahre
Verleih: alamondefilm

Kaum ein Land nimmt, in Relation zur eigenen Bevölkerung so viele Flüchtlinge auf, wie der der Libanon. Der kleine Staat am Mittelmeer kann jedoch auch nicht viel mehr tun, als die Menschen, die von der syrischen Seite aus kommen, um Schutz zu suchen und Hoffnung zu finden, als sie in Lager mehr schlecht als recht unterzubringen, und so ist für die meisten hier schon Endstation. Ein Leben im reichen Europa liegt zwar in den Träumen, aber dennoch in weiter Ferne.

Die Bilder, die von dort in unsere Welt herüberschwappen, sind eindringlich. Gemeinnützige Organisationen, staatliche Organe stehen dem hilflos gegenüber. In den Lagern und den Städten regiert das Gesetz der Tradition und des Stärkeren. Arme Familien, an den Rand des Ruins gedrängt, verkaufen da schon einmal ihre Seelen oder die ihrer Kinder.

Zain, eindringlich gespielt vom gleichnamigen Zain Al Rafeea, ist einer von ihnen und gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Papiere gibt es nicht. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, die ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Er schildert dem Richter seine bewegte Geschichte. Wie es dazu kam, dass er von zu Hause weggelaufen ist, bei einer Frau aus Äthiopien Unterschlupf fand und sich mit ihrem Baby alleine und mittellos durch die Slums von beirut kämpfen musste. Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine ganze Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt.

Dies ist im Wesentlichen die Handlung, die abgesehen von Einblendungen aus dem Gerichtssaal, aus der Sicht des Jungen geschildert wird. Wackelnde und rasante Kamerabilder sind es, die das Leben auf den Straßen begleiten, die den Jungen folgen, warm das Licht, das Gefühl, jeden Moment in Deckung gehen zu müssen, in jeder Szene einfangend. Der Regisseurin Nadine Labaki ist hier ein einzigartiges Filmdokument gelungen, welches das Leid und die Verzweiflung der Menschen gerecht wird, die um jeden Preis überleben wollen, sich einem Schlepper ausliefern müssen und der Sinnlosigkeit der Ursachen, die dieses Leid verursachen, in den Fokus rückt.

Der Film selbst wird getragen durch einen hervorragenden Hauptdarsteller und ist gewissermaßen Referenz an ihm und zugleich sein Rettungsanker. Tatsächlich ist Zain selbst ein Flüchtlingskind, der mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist und praktisch von der Straße weggecastet wurde. Nicht einmal lesen und schreiben konnte der Junge zum Zeitpunkt der Dreharbeiten und so spielt sich ein kleiner Kämpfer praktisch selbst. In Cannes begeisterte sein Auftreten das Publikum, jetzt in Norwegen haben er und seine Familie die Chancen, die der Film-Zain von seinen Eltern einklagen will bzw. das Einräumen, dass er nie echte Chancen hatte.

Erdrückend ist die Atmosphäre, ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, und dennoch ein Gefühl der Verlorenheit und Ausweglosigkeit zu geben. Wie sinnlos ist das alles, was sich dort abspielt? Handlungstechnisch greifen viele dargestellte Schicksale ineinander stimmig über. Kein hier bekannter Name flimmert im Abspann über die Leinwand. Das tut der Thematik und dem Film sehr gut, genau so wie die Lösung des Endes, welches stimmig ist, hier aber nicht verraten werden soll.

Kann man am Anfang des noch jungen Jahres vom bereits wichtigsten Film des Jahres sprechen? In diesem Falle dürfte das funktionieren. Muss es funktionieren.

„Capernaum“ ist einfach zu wichtig, um unterzugehen.

John Grisham: Theo Boone und der große Betrug

Theo Boone und der grosse Betrug von John Grisham
Theo Boone und der grosse Betrug von John Grisham

Autor: John Grisham
Titel: Theo Boone und der große Betrug
Seiten: 252
ISBN: 978-3-453-26935-4
Verlag: Heyne / Heyne fliegt
Übersetzer: Imke Walsh-Araya

Inhalt:
Theo Boone, jüngster Anwalt aller Zeiten, riskiert alles für die Gerechtigkeit. Diesmal steht er vor einer ganz neuen Herausforderung: Er muss sich auf die Aufnahmeprüfung für die Highschool vorbereiten. Eine Riesensache, die ihm schlaflose Nächte bereitet. Denn die Tests gelten als unberechenbar.

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Ferdinand von Schirach: Terror

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Terror Ferdinand von Schirach Theaterstück-Drehbuch Piper Erschienen am: 07.12.2015 Hardcover Seiten: 176 ISBN: 978-3-442-71496-4

Inhalt:

Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt die Piloten, Kurs auf ein voll besetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben.

Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Theaterbesucher, sie müssen über Schuld oder Unschuld urteilen. Ferdinand von Schirachs »Terror« ist ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder für die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terroranschläge noch gilt? … (Verlagstext)

Rezension:

Ein Gedankenspiel als Theaterstück aufgeführt. Eine vollbesetzte Passagiermaschine wird entführt und von Terroristen auf ein Stadion gelenkt, in welchem sich 70.000 Menschen befinden. Die Verantwortlichen haben nur Sekunden, um sich zu entscheiden.

Entweder das Flugzeug abzuschießen und damit ein paar 100 Menschen zu töten oder das Leben von 70.000 Menschen zu riskieren. Die Verantwortlichen handeln, schießen die Maschine ab und stehen nun vor Gericht. Sicher ist, die Verfassung, das Grundgesetz verbietet es Menschenleben gegen Menschenleben aufzuwiegen. Egal, wie viele sterben und wie viele dagegen gerettet werden können.

Die Menschenwürde ist unantastbar. Sicher ist auch, keiner kann wissen, ob es den Passagierern nicht doch gelingt, in letzter Minute die Entführer zu überwältigen und das Flugzeug unter Kontrolle zu bringen. Oder ob es nicht zuerst gelingt, das vollbesetzte Stadion zu evakuieren.

Immerhin gibt es Evakuierungspläne. Es kann aber auch niemand mit Sicherheit sagen, ob die Verantwortlichen nicht richtig gehandelt und reagiert haben. Und der Theaterzuschauer muss am Ende entscheiden. Verurteilung oder Freispruch?

Ferdinand von Schirach stellt mit diesem Theaterstück die Grundsätze unseres Denkens und unserer Moralvorstellungen auf Probe und so entschieden die Zuschauer in den allermeisten Vorführungen, den Angeklagten Herr Koch, Major der Luftwaffe freizusprechen. Der Abschuss zwar nicht mit dem Grundgesetz vereinbar aber eben doch in dem Moment die richtige Option. Nur in einer Aufführung bisher wurde der Angeklagte von den Zuschauern frei gesprochen.

Im vorliegenden Buch, Drehbuch zum Theaterstück kann man, wenn man keine Chance hatte, das Theaterstück zu verfolgen, der Verhandlung beiwohnen und selbst entscheiden, ob man der Argumentation des Angeklagten und seines Verteidigers oder eher der staatsanwältin und der Nebenkläger folgt. Gute Argumente gibt es für beide Seiten.

Schirach hat dabei das Drehbuch so entworfen, dass man sich als Leser nicht vom Autor zu einer Antwort, die so einfach ja nicht ist, gedrängt fühlt, sondern nach dem Lesen erst einmal in Ruhe darüber nachdenken muss.

Das Für und Wider aller Beteiligten abzuwägen und dann eine Entscheidung zu treffen. Je nach dem, wie diese ausfällt, kann man dann entweder Freispruch oder Verurteilung lesen. Das Ende selbst bestimmen, gleichwohl es Bauchschmerzen verursacht. Egal, wie man sich entscheidet.

Der Schreibstil und der Wechsel, die aufgeführten Diskussionen lassen eine Gerichtsverhandlung sehr gut nachvollziehbar sein, auch für juristisch weniger versierte.

Technische und juristische Fachtermini, die auch mal vorkommen, letztere nicht so arg, werden für den Laien schnell geklärt, durch die Erklärungen der handelnden Personen. Das Drehbuch lässt sich als solches gut lesen. Man kann sich vorstellen, in der Gerichtsverhandlung zu sitzen. Ich habe mich nach langen Überlegungen für eine Verurteilung entschieden.

Autor:

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren und ist ein deutscher Strafverteidiger und Schriftsteller. Schirach besuchte das Jesuiten-Kolleg St. Blasien und stuiderte in Bonn Rechtswissenschaften. Nach seinem Referendariat ließ er sich 1994 als Rechtsanwalt nieder und spezialisierte sich auf Strafrecht.

Er vertrat dabei den BND-Spion Norbert Juretzko und u.a. Günter Schabowski, und machte sich damit einen Namen als „Prominentenanwalt“.

Mit 45 Jahren veröffentlichte er erste Kurzgeschichten und avancierte schnell zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Seine Bücher sind international Bestseller und erscheinen in über 40 Ländern.