Eltern

Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen

Inhalt:
Angespannt wartet die Familie am gedeckten Tisch auf den Vater. Mutter, Tochter und Sohn sitzen vor einem Berg Muscheln, die allein das Oberhaupt der Familie gerne isst. Um die zähe Wartezeit zu überbrücken, beginnen sie miteinander zu reden. Je mehr sich der Vater verspätet, desto offener wird das Gespräch, desto umbarmherziger der Blick auf den autoritären Patriarchen und desto tiefer der Riss, der die scheinbare Familienidylle schließlich zu zerstören droht. (Klappentext)

Rezension:
Das Hinterfragen und Durchbrechen von autoritären Strukturen geschieht zunächst leise. Kleine Risse, die ein jeder für sich ausmacht, die später größer, lauter und für alle anderen sichtbar werden, bis es zum unweigerlichen Bruch kommt. Bezugnehmend auf die Strukturen eines Staates, den es heute nicht mehr gibt, hat die deutsche Schriftstellerin Birgit Vanderbeke ihre Novelle „Das Muschelessen“, im Jahre 1990 veröffentlicht und damit ein literarisches Kammerspiel geschaffen, welches sich heute ebenso auf das Verhältnis zwischen Staat und Bürger übertragen lässt.

Oberflächlich begegnen wir einer am Tisch sitzenden Familie, die auf das Zurückkehren des Vaters wartet, dessen Lieblingsessen vor sich hinköchelt. Aus der Sicht der Tochter wird dies erzählt. Das Geräusch, der sich öffnenden Muscheln, die sonst niemand so recht mag, lässt ihr die Haare am Körper zu Berge stehen. In der kurzweiligen Erzählung, die mit einem heute selten gewordenen, verschachtelten und langwierigen Schreibstil daherkommt, was alleine schon den Gegensatz der Geschichte verkörpert, warten wir mit der Familie, deren Ängste die einzelnen Mitglieder zuerst zaghaft, dann immer lauter und entschiedener artikulieren.

Schon mit den ersten Zeilen wird die Aufgewühltheit der Protagonisten deutlich, die innere Unruhe, die wir erfahren, zunächst durch die Beschreibungen der erzählenden Personen, die ihre Umgebung, ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder, genau beobachtet. Nach und nach werden die Beweggründe der Figuren deutlich, für ihre Sichtweise auf die Vaterfigur. Das Erkennen, dass der Patriarch sie praktisch in eine emotionale Geiselhaft hält, die man auch als unsichtbare Mauer nehmen darf, braucht nur wenige Stunden. Die offene Auflehnung gegen den Antaogonisten, der nur durch die Betrachtung der Figuren in der Erzählung vorkommt, selbst jedoch nicht in direkter Erscheinung tritt, braucht dann nur ein zerbrochenes Glas.

Dabei stellen die Protagonisten alle Zustände des Lebens unter autoritären Strukturen dar. Mehr oder weniger offene Auflehnung, passiver Widerstand, Opportunismus treten hier innerhalb verschiedener Phasen der Handlung in Erscheinung, gewinnen und verlieren die Oberhand, bündeln sich schließlich zu einer finalen Szene, deren Ende offen bleiben muss. Wird der Kampf ausgefochten? Muss er überhaupt weitergeführt werden? Erledigt sich das Problem von selbst? Birgit Vanderbeke lässt ihre Leserschaft selbst denken. Die Fortführung des Szenarios findet in den Köpfen statt. Auch die Ausgestaltung der einzelnen Figuren gibt Raum zur Interpretation.

Zwar werden verschiedene Anekdoten aus dem Familienleben von der Erzählfigur hervorgeholt, alleine um die Handlung voranzutreiben, doch ergibt sich außer von ihr und von der Vaterfigur selbst, kein wirklich klares Bild. Die anderen zwei Figuren bleiben blass, so dass man zeitweilig das Gefühl hat, einem taktischen Spiel beizuwohnen, bei dem erst nach und nach sich ein jeder in die Karten schauen lässt. Sie alle haben ihre Schwierigkeiten, Probleme, Hoffnungen und Ängste. Zuweilen liest man fassungslos, was da geschieht.

Anfangs besonders im Sprachlichen gewöhnungsbedürftig, findet man doch schnell hinein in den Text, der sich immer rasanter lesen lässt. Es fühlt sich an, wie ein Strudel, in den man hineingerät und seinen Kräften dann nicht entkommen kann. Die Muscheln verkommen zum Symbol für den Wendepunkt. Ein Abschnitt endet, ein anderer beginnt. Das Kammerspiel selbst ist das Dazwischen.

Es gibt hier keinen Raum für unlogische Wendungen, aber Sprünge in der emotionalen Befreiung der Figuren von den Fesseln dieses Korsetts Familie, welches aufgebrochen wird. Das ständige Hin und Her, zwischen jetzt und vergangenen Ereignissen tut das Übrige für die Dynamik der Erzählung. Passieren tut da nicht viel, aber dafür eine ganze Menge.

Dieser Sog wirkt bis zum großen Knall, zudem auch das offene Ende passt, welches man wohl je nach Gefühlszustand und Erfahrungshorizont so oder so interpretiert. Beiwohnend kann man sich das alles bildlich vorstellen, als würde man einem Theaterstück beiwohnen. Es braucht ja nicht viel. Bis auf die Rückblenden spielt sich das alles in der Wohnung der Familie ab.

Aus der Novelle heraus lässt sich viel mitnehmen. Gedanken über Familienstrukturen, Widerstand, politische Strukturen, die durchaus eine Abbildung dessen sein können und das funktioniert bis in unsere Zeit, in der ein gewisser Bundeskanzler tut, was er tut und es in der Bevölkerung vor sich dahinbrodelt, man förmlich auf den großen Knall wartet oder ihn fürchtet. Je nach Lage und persönlicher Situation.

„Das Muschelessen“, ist damit eine zeitlose und doch hoch aktuelle Erzählung, deren zahlreiche Schichten es in sich haben. Damit das funktioniert, muss man nicht einmal die persönliche Geschichte der Autorin kennen, die einst selbst mit ihren Eltern kurz vor dem Mauerbau aus der DDR floh. Ein großartiger, gewaltiger kleiner Roman.

Autorin:
Birgit Margot Vanderbeke wurde 1956 in Dahme geboren und starb 2021 in Südfrankreich. Die spätere deutsche Schriftstellerin wuchs zunächst in der DDR, später in Frankfurt am Main auf, wo sie Jura, Germanistik und Romanistik studierte. Sie arbeitete beim Institut für Sozialforschung, seit 1993 zudem als freiberufliche Autorin. 2002 erschien der von ihr verfasste Band „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“. 1990 gewann sie mit einem Auszug aus dem Text „Das Muschelessen“, den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen Weiterlesen »

Anna Mendel/Jasmin Sturm: Verstehst du mich?

Inhalt:
„Verstehst du mich?“, ist ein Kartenset mit Begleitheft, bestehend aus 10 Motiven, unter anderem zu den Themen Essen, Erschöpfung und Schlaf. Die Ilustrationen werden auf der Kartenrückseite von kurzen Erzählungen begleitet, die sich zum Vorlesen und Innehalten eignen. Kinder und Erwachsene können aus diesen Texten lernen, wie unterschiedlich autistische Verhaltensweisen aussehen und wie vor allem Erwachsene in Familien damit umgehen können.

Im Begleitheft wird entlang der Erzählungen Hintergrundwissen zum Thema Autismus angeboten. Darin zeigen die Autorinnen zugewandte Handlungsstrategien, mit denen der Alltag für alle Familienmitglieder liebevoll und ausgeglichener gelebt werden kann. Ihr Fokus liegt dabei auf dem respektvollen Umgang mit autistischen Kindern. Dabei berücksichtigen sie auch immer die Perspektiven der Eltern und Bezugspersonen und deren Kapazitäten. (Klappentext)

Rezension:
Es gibt Bücher, die sind keine Bücher, sondern so viel mehr als das, vielmehr Material, welches besonderen Themen eine besondere Form verleiht. Denn, wenn wir Autismus sowohl als Behinderung als auch Behilflichkeit verstehen wollen, erfordert dies von der Mehrheit, die wir als neurotypisch bezeichnen, besondere Aufmerksamkeit, aber auch einen geeigneten Zugang zur Thematik, um mit Verständnis eionander zu begegnen. Und das auf der Ebene schon, etwa zwischen neurotypischen Geschwisterkindern und Autist:innen oder Erziehenden und Eltern, die plötzlich mit Kindern konfrontiert sind, deren Wahrnehmung der Welt eine ganz andere ist, als sie die allgemeine Erwartungshaltung vorgibt.

Wie damit umgehen? Wie gemeinsam Alltagssituationen verstehen und meistern, die so plötzlich zur Herausforderung werden? Die Autorin Anna Mendel und Illustratorin Jasmin Sturm haben eine Kombination von verschiedenen Formen gefunden, die sich einer komplexen Thematik niedrigschwellig und wohlgesinnt annähert, sich sowohl in der direkten Arbeit mit Kindern einsetzen lässt als auch Pädagogen und Eltern einen Zugang verschafft, der den Blick ungemein erweitert.

In einer kleinen metallenen Box finden sich ein Set von Karten, auf denen Themen grafisch aufbereitet werden, die einem mit autistischen Kindern in der einen oder anderen Form begegnen. Die im Vergleich zu neurotypischen Kindern besondere Form des Spielens etwa oder der Wahrnehmung von Essen anhand von Konsistenzen oder deren Zusammenstellung, Gefühlsregulation, die Wahrnehmung von Geräuschen wird einerseits bildlich dargestellt, auf der Rückseite anhand einer kleinen zugewandten Geschichte verdeutlicht.

Hauptfiguren dieser Geschichte, sind zwei Kindergartenkinder und Erwachsene, wie deren Eltern oder der Betreuer im Kindergarten, um auch diese Seiten aufzuzeigen. Mit Bild und Geschichte lässt sich so pädagogisch mit Kindern arbeiten, etwa in den man anhand der Bilder miteinander spricht oder eben über die kleinen Erzählungen, die liebevoll gestaltet sind. Das passende und erklärende Material findet sich dann im Begleitheft, in dem die fachliche Erläuterung zwar nicht zu kurz kommt, dennoch kompakt und verständlich gehalten wird. Diese Kombination ist es, die das Material sowohl im heimischen Kinderzimmer wertvoll macht, wie auch in der pädagogischen Arbeit im Kindergartenalltag und so übergreifend funktioniert.

Der Umgang mit dieser doch auf den ersten Blick so komplexen Thematik, die Zugewandtheit der beiden Autorinnen, ist hier besonders hervorzuheben, ebenso die behutsame Bearbeitung des Verlags, der den Texten und Material zudem mit einem Senstiv reading begegnet ist. So gelingt die Präsentation und Erarbeitung des Themenbereichs Autismus und Kinder in einer modernen Form, von der ich mir wünsche, dass sie in möglichst vielen Bereichen zum Einsatz kommt.

Leseprobe: Verstehst du mich?

Autorin und Illustratorin:
Anna Mendel ist Germanistin udn Anglistin, seit 2021 als freiberufliche Autorin, Speakerin und im Sensitivity Reading tätig. Ihre Schwerpunkte sind die verschiedenen Formen der Diskriminierung, Rassismus, Ableismus und Körperdiskriminierung. Neben eigenen Büchern hat sie bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Als Expertin gibt sie in Konferenzen und Workshops Impulse zu Gleichberechtigung, Inklusion und Empowerment alltagsorientiert und niederschwellig Impulse.

Jasmin Sturm ist Illustratorin und Autorin und arbeitet seit 2021 unter ihrem Kunstlabel „Farbflausen“ Mit ihrer Arbeeit positioniert sie sich für eine gerechtere und vielfältige Gesellschaft, Inklusion und Sichtbarkeit. Neben Bücher, sowohl für Text als auch Illustrationen, arbeitet sie an Printaufträgen und bestreitet Lesungen und Vorträge. Ihr Anliegen ist es, verschiedene Lebensrealitäten mitzudenken und Identifikationsangebote zu schaffen.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Anna Mendel/Jasmin Sturm: Verstehst du mich? Weiterlesen »

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Inhalt:
Jekabs ist ein Junge, der in einer ungewöhnlichen Familie geboren wurde. Aber er möchte gern wie alle anderen sein – mit dem Fahrrad herumfahren, Gameboy spielen, sich um sein Kätzchen kümmern, eine coole Jacke tragen, im See schwimmen und Liene liebevolle SMS schicken …

Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Rasa Bugavicute-Pece in ihrem preisgekrönten Jugendroman von Jekabs, der schon als Kind erwachsen sein soll, um seinen blinden Eltern im Alltag helfen zu können. Mit zunehmenden Alter will er sich aber auch von ihnen lösen, um eigene Wege gehen zu können. Seine Mutter hingegen versucht verzweifelt, alles zu tun, um ihr Kind nicht zu verlieren. (Klappentext)

Rezension:
Das vorliegende Jugendbuch der lettischen Autorin und Dramatikerin Rasa Bugavicute-Pece erzählt eine Geschichte von Veränderungen, Loslösung und einer Superkraft, die Jekabs vor allem vor Gleichaltrigen versucht, zu verbergen. Für seine Eltern und deren Freunde ist er der Junge, der im Dunkeln sieht. Doch diese Besonderheit birgt mit zunehmenden Alter Konfliktpotential zwischen deren und seiner Wahrnehmung der Welt. In der leichtgängigen und doch einfühlsamen Erzählung verfolgen wir Jekabs auf seinem Weg, der für seine Eltern schon als Kind erwachsen sein muss.

Wenn es eine Region verdient hat, mal wieder im Fokus der Buchmessen zu stehen oder eines deren Gastländer zu stellen, ist es das Baltikum, vom dem zuletzt Litauen 2017 in Leipzig und 2002 in Frankfurt, die gesamte Bandbreite seiner Literatur präsentieren durfte. Lettland dagegen bemüht sich seit Jahren darum, einmal das Gastland stellen zu dürfen und Bücher wie dieses hier würden die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient haben. In Lettland selbst ist die Autorin bekannt. Ihr zweites Buch liegt nun in der deutschen Übersetzung von Lil Reif im Mirabilis Verlag vor.

Jekabs ist der anfangs noch kindliche, später jugendliche Hauptprotagonisten, dessen Alltag wir verfolgen, der in der Umgebung eines Wohnheims für blinde Menschen aufwächst und schon früh lernen muss, mit den Gegebenheiten als einzig Sehender zurechtzukommen. Für ihn zunächst nichts besonderes, wird er sich der Situation mit zunehmenden Alter immer bewusst, aber auch den Einschränkungen, die es mit sich bringt, wenn die Eltern die Welt ganz anders wahrnehmen, als die beispielsweise seiner Klassenkameraden. Ein in die elterliche Ordnung tapsendes Kätzchen ist da nur einer der ersten von vielen Versuchen, Eigenständigkeit gegenüber den Eltern zu erlangen, deren Sicherheitsbedürfnis lange in eine Art Übervorsorglichkeit gegenüber ihren Sohn mündet.

Erst später, nachdem ich ein paar Mal bei Kriss, Klavs und Matisss gewesen war, habe ich verstanden, dass ihnen unsere Wohnung wie eine einzige Leere vorkommt, wie eine Wüste oder ein Gletscher – unglaublich exotisch, denn bei uns stehen hinter den Glasscheiben von der Schrankwand keine Massen von Glöckchen von Reisen, da sind keine unzähligen gerahmten Bilder, keine Bücherberge, Notizblöcke, Dokumentenmappen, keine bunten Musikkassetten, irgendwelche Kreisel, neun Kaffeeservices in verschiedenen Farben, Gläser in allen möglichen Größen, es gibt keinen bunten Haufen Hausschuhe im Flur, in dem man sich ein passendes Paar zusammensuchen muss und dazu mit dem Fuß darin herumwühlt. […] Wir haben keine Bilder. Es gibt einen Kalender, aber der zeigt meistens den falschen Monat.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Von diese Warte aus, sind die Handlungsweisen und Charakterzüge der Protagonisten nachvollziehbar, wobei vor allem jekabs als Hauptfigur alle Sympathien auf sich zieht. Sich seiner Sonderrolle bewusst, blitzt neben all den viel zu erwachsenen Verhalten, welches er an den Tag legen muss, immer wieder das Kindliche durch, nachvollziehbare Wünsche und Träume, aber auch das Bewusstsein für all die Einschränkungen der Erwachsenen, in deren Spannungsfeld er lebt und sich seine Freiheiten mühsam erkämpfen muss. Auch aus der Sicht seiner Mutter wird die Geschichte erzählt, so dass auch ihr Handeln verständlich ist, welches das spätere Potential für Konflikte begründet, welches der Erzählung ihre Ecken und Kanten gibt.

„Und, hast du eine an?“ Schon ist Mama in der Kabine und will mich abtasten. „Jetzt warte mal“, fauche ich und nehme die erste Jacke, sie ist mossgrün mit roten Streifen. […] „Jetzt zeig doch mal“, sagt Mama und tastet mich ab, den Vorhang hat sie aufgezogen, und über ihre Schulter hinweg sehe ich die Verkäuferin, die unauffällig versucht einzuschätzen, wie wir zurechtkommen. Na also, die Verkäuferin ist eine von denen, die genauer hinschauen, nachdem sie erst so tun, als gäbe es da nichts zum Schauen … […] Sie ist gut gelaunt – sie hat mir gerade eine Jacke gekauft, die mir gefällt. Ich greife nach Mamas Hand, die auf meinem rechten Ellbogen liegt, und drücke sie fest, danke. Kurz darauf ziehe ich dann aber meine Hand gleich wieder weg und stecke sie tief in meine Hosentasche – ein ganzes Stück weit entfernt kommen uns einige meiner Klassenkameraden entgegen. Sie gehören zu denen, die so tun, als würde ihnen gar nichts auffallen.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah

Dieses Spiel mit den Gegensätzen beherrscht Rasa Bugavicute-Pece genau so, wie sie es schafft, die inneren FGefühlswelten Jekabs‘ zu beschreiben und Orte lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Nicht zuletzt ist ihr das durch die Erwahrungswelt in ihrem eigenen Bekanntenkreis gelungen. Die Figuren sind liebevoll ausgestaltet, wie auch der Altag dargestellt, der vor allem zeigt, wie wichtig Ordnung und Organisation ist, in einer Welt, wo gerade der Sehsinn als sonst selbstverständlich erscheint. Auch, und das ist als jemand ohne diesen Erfahrungshorizont besonders spannend, werden Hilfsmittel für Blinde, um den Alltag zu bewältigen, ganz wie nebenbei beschrieben.

Das so einzuarbeiten, gleichzeitig einen Jungen auf der Suche nach seinem eigenen Weg zu beschreiben, ist die Stärke dieses kleinen Romans, den man nicht nur viele jugendliche Lesende wünscht. Auch für Erwachsene funktioniert das sehr gut, die sicher das beschriebene Spannungsverhältnis aus der elterlichen Perspektive nachvollziehen können. Der Autorin gelingt es den inneren Zwiespalt ihrer beider Hauptprotagonisten darzustellen. Andere Figuren dienen nur als Handlungstreibende. Der stete Perspektivwechsel zwischen Sohn und Mutter tut sein übriges dazu, diesem sehr besonderen Alltag gerne beizuwohnen, ohne dass es ins Klischeehafte abrutscht.

In sich schlüssig ist die „Der Junge, der im Dunkeln sah“ eine Erzählung, die berührt ohne Mitzleid mit ihren Figuren zu heucheln oder ins Voyeuristische abzugleiten. Auch verfolgen wir das Erwachsenwerden Jekabs ohne harte Brüche, bis zu einem gewissen Spannungsmoment, der eine klare Umkehr des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind aufzeigt. Das passt hier wunderbar hinein.

Rasa Bugavicute-Pece erzählt die Normalität in der Welt des für Ausstehende Besonderen und hat dabei etwas geschaffen, was nur wenigen Autoren und Autorinnen in dieser kompakten Form so schön gelingt. Die Übertragung ins Deutsche durch Lil Reif hat sicher das ihre dazu beigetragen, dass das Jugendbuch so wertvoll macht, ohne den pädagogischen Gürtel, Achtung: Anspielung, zu erheben.

„Der Junge, der im Dunkeln sah“, hilft, uns für Perspektiven zu öffnen und sich darauf einzulassen, erzählt von einem Spannungsverhältnis, Selbstfindung und auch von Liebe und Fürsorge, sei es für die eigene erste oder und vor allem zu den eigenen Eltern, ohne sich selbst zu verlieren. Das ist viel für ein Jugendbuch. Hierfür hat die Autorin ein richtiges Maß gefunden und mit Jekabs einen Protagonisten, den man in sein Herz schließt und gerne wachsen lässt.

Autorin:
Rasa Bugavicute-Pece wurde 1988 in Riga geboren und ist eine lettische Dramatikerin und Autorin. Sie studierte an der Lettischen Kulturakademie und machte ihren Bachelor in Theater-, Film- und TV-Dramaturgie, danach erhielt sie einen Abschluss in Kulturmanagement und studierte Kreatives Schreiben. 2011 wurde sie zur Vorsitzenden der Lettischen Dramatikergilde gewält. Vier Jahre später arbeitete sie im Liepaja Theater. Auch in anderen, wie dem Lettischen Nationaltheater wurden ihre Werke aufgeführt. 2016 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2020 wurde sie für ihren zweiten Roman „Der Junge, der im Dunkeln sah“, mit dem Janis Baltvilks Award ausgezeichnet.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Rasa Bugavicute-Pece: Der Junge, der im Dunkeln sah Weiterlesen »

Sara Mesa: Die Familie

Inhalt:
In dieser Familie gibt es keine Geheimnisse. Alle spielen Theater, verstellen sich, erfinden kleine Lügen. Sara Mesas Erkundung des Weltinnenraums Familie ist unerbittlich, beklemmend genau und so unheimlich vertraut wie die Schatten im nächtlichen Kinderzimmer. (Klappentext)

Rezension:
Angespannte Stille und die Suche nach Luft zum Atmen kennzeichnen die vorliegende Erzählung der spanischen Autorin Sara Mesa, in der ihre Protagonisten sich versuchen, der Kontrolle des Familienoberhaupts zu entziehen, die fast schon als psychologischer Terror zu bezeichnen ist.

Jeder Einzelne von ihnen hat seine kleinen Geheimnisse und entwickelt Strategien, sich der Gewalt des Gutgemeinten zu entziehen. Die so angespannte Atmosphäre schafft eine Sogwirkung, die einem den Atem anhalten und zugleich kalte Schauer den Rücken herunterjagen lässt. So entstehen aus verschiedenen Blickwinkeln heraus in „Die Familie“ ein psychologisches Kammerspiel Bilder, wie familiäre Beziehungen uns prägen und eine Geschichte davon ausgehender Ausbruchsversuche.

Eröffnet wird der Roman, der schon alleine durch die Distanziertheit des Tons eine Sogwirkung entfaltet, am Wohnzimmertisch, an dem sich alle Aktivitäten unter der Kontrolle der Vaterfigur abspielen müssen. Dieser arbeitet in einer Anwaltskanzlei, verehrt den Asket Gandhi und betrachtet jede Form von Individualismus und Geheimniskrämerei als gefährlich.

Das Tagebuch seiner Nichte Martina, die als Adoptivtochter in die Familie hineinkommt, genauer gesagt, das Schloss daran, ist Diskussionsgegenstand; die erste einer Vielzahl von Konfliktlinien, die sich wie Gräben zwischen den Protagonisten auftun, aus deren verschiedener Perspektive wir der Erzählung beiwohnen.

Martina, die die Unabhängigkeit, die Welt da draußen, auch durchaus ihren Schmerz bereits kennt, sieht innerhalb eines Abends ihr Tagebuch zu einem Ort für Aufsätze verkommen, deren einzelne Formulierungen ihr vorgegeben werden, natürlich mit einem entsprechenden Vortrag am Tisch als Überbau. Auch die anderen Figuren lernen wir so im Laufe der Erzählung kennen, deren unterschiedliche Charakterzüge die verschieden verfolgten Strategien kennzeichnen, dem Terror des Gutgemeinten zu entgehen. An ihnen schärfen sich ihre Ecken und Kanten. Diese Verschiedenheit der Figuren herauszuarbeiten, ist eine Meisterleistung Sara Mesas, die diesen Roman einer Familie trägt.

Sie widerspräche sich, sagte er. Sie widerspräche sich, wenn sie dem Schloss so wenig Bedeutung beimesse und es trotzdem benutze. […] Er führte das Notizbuch an seine Augen, runzelte die Stirn. Was für ein kleines Loch, sagte er wie zu sich selbst. Um erst gar nicht davon zu reden, dass sie das Tagebuch unter der Matratze aufbewahre – wie erkläre sie das? „Martina, Martina, wann wirst du uns endlich vertrauen? Irgendwann wirst du akzeptieren müssen, dass eine neue Phase deines Lebens begonnen hat. Eine bessere Zeit, ohne Dunkelheit, ohne Angst.“

Sara Mesa: Die Familie

Dabei handelt der Vater nicht einmal in böser Absicht. Die Erzählung braucht auch nicht den klassischen Antagonisten. Es ist das Spiel der Generationen, um die Deutungshoheit von allem, welches die Autorin hier auf die Spitze treibt. Immer wieder zeigt sich die Erbärmlichkeit und auch Hilflosigkeit dieser Figur in einzelnen Szenen, erst zwischen den Zeilen, dann immer deutlicher den heranwachsenden Kindern auch offener. Sara Mesa schafft dabei mit verhältnismäßig kurz gehaltenen und klaren Sätzen, im Wechsel mit kunstvoll psychologisch eingewobenen Szenen diese beklemmende Atmosphäre.

Über allem steht die Frage des Umgangs mit einer solchen Situation und hier nimmt die Handlung dann auch sehr schnell Fahrt auf. Dem Jüngsten, so merkt man schnell, wird dies am Ende am besten gelingen, die älteren Geschwister jedoch mit nicht nur psychologischen Schrammen aus den geschilderten Situationen herausgehen.

Mit sechs fertigte er einmal aus dem Stand eine Karikatur an, natürlich ohne zu wissen, was man unter einer Karikatur versteht. Es war ein Bild von Gandhi, aber mit dem Körper einer Gans. Er war auf der Zeichnung eindeutig zu erkennen – der kahle Schädel, die runde Nickelbrille und ein Zipfel seines Sari, der über die Schulter der, nun ja, Gans hing. Darunter stand in krakeligen Filzstiftbuchstaben: GANSI.
Stolz zeigte er Vater sein Werk, und der verpasste ihn eine Ohrfeige. […]
Aqui rieb sich die Backe. Na gut, auf seine kindliche Weise begriff er, dass er den Vater beleidigt hatte. Egal, das berührte weder die Qualität der Zeichnung noch ihn als Künstler. Das einzig Unangenehme an der Sache war seine brennende Wange. […]

Sara Mesa: Die Familie

Das bleibt den Lesenden von Beginn an nicht verborgen. Spannend allein ist der Weg der so unterschiedlich damit umgehenden Protagonisten. Davon lebt diese Erzählung, in der jeder einzelne von ihnen die ganze Zeit über nachvollziehbar bleibt und folgerichtig handelt. Man kommt nicht umhin, mit ihnen mitzuleiden. Andere Nebenfiguren dienen nur dazu, den Kontrast zu schärfen.

Die Dynamik entsteht durch den Wechsel an Szenen und den unterschiedlichen Perspektiven, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Hauptfigur bleibt dennoch vor allem Martina, die innerhalb der Familienkonstellation nochmal die Besonderheit der Hinzugekommenen aufweist.

Nach und nach ergeben die Puzzleteile unterschiedlicher Handlungsstränge so ein gesamtes Bild, welches zudem durch das Spiel mit Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive ergänzt wird. In solch kompakten Raum dies ohne Logikfehler oder absurde Sprünge zu schaffen, funktioniert hier wunderbar, was sicher zum Großteil auch an der Übersetzung von Peter Kultzen ins Deutsche liegt.

Das Spiel mit Atmosphäre und unterschiedlichen Perspektiven funktioniert auch deshalb so gut, da man sich die Figuren und die auf eine überschaubare Anzahl von Handlungsorten beschränkten Szenen gut vorstellen kann, da Sara Mesa teilweise sehr filmisch schreibt. Das Gefühl eines psychologischen Dramas lässt sich so leicht heraufbeschwören und hält sehr viel über den gesamten Handlungszeitraum von der Kindheit bis hinein ins Erwachsenenalter. Vor allem einzelne Szenen und Textpassagen werden dabei am Ende im Gedächtnis bleiben, da sie mit einer Präzision platziert sind, die ihres Gleichen sucht.

Es kam vor, dass man für eine kleine oder sogar gar nicht bestehende Verfehlung eine Riesenstrafe empfing, und umgekehrt: Man konnte ganz ohne Strafe davonkommen, obwohl man etwas Schlimmes oder sehr Schlimmes getan hatte. Er beschloss, dass er in dieser Richtung weitermachen müsse – Überleben durch Ausgleich.

Sara Mesa: Die Familie

Der 2022 in Spanien erschiene und drei Jahre auch hierzulande zu lesende Roman ist für alle geeignet, die eine nicht nur erzählerisch sondern auch psychologisch spannende Geschichte suchen. Besser als am nach außen hin heilen Bild der Familie, in deren Innerem sich Risse erst auf dem zweiten Blick zeigen, kann man dies kaum darstellen.

Autorin:
Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und ist eine spanische Schriftstellerin und Journalistin. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Sevilla, wo sie heute noch lebt. Sie studierte an der dortigen Universität Journalismus und spanische Literatur. Ihre schriftstellerische Karriere begann sie mit Gedichten, die ausgezeichnet wurden.

Später wechselte sie zum Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten, in denen sie sich mit dem Abweichen von Normen, Vereinzelung und der Scheinheiligkeit der Gesellschaft befasst. Ihr Roman „Liebe“ wurde von der spanischen Zeitung El Pais zum besten Buch des Jahres gekürt und 2021 mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels in Spanien ausgezeichnet. Ihre Werke werden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Sara Mesa: Die Familie Weiterlesen »

Anthony Passeron: Jacky

Inhalt:
Ende der Achtzigerjahre wachsen Anthony und sein Zwillingsbruder in einer engen Familie auf, in einem abgeschiedenen Tal im Hinterland von Nizza. Zusammen mit ihrem lebensfrohen Onkel vertreiben sie sich die Langeweile mit Videospielen – einer neuen Leidenschaft, die ihnen ihr Vater Jacky weitergibt. Nach und nach werden die Spiele zu einem Zufluchtsort für die Brüder, vor der Eintönigkeit ihres Alltags und vor den Schicksalsschlägen, die bald ihre Familie treffen. Bis zu dem plötzlichen, überraschenden Verschwinden ihres Vaters. (Klappentext)

Rezension:
Zunächst ist es nur eine einzelne Aktion, die man immer schneller ausführen muss, bis man unweigerlich scheitert, doch nach und nach werden die Konsolenspiele, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt, bald auch die französische Provinz erobern. Immer komplexer, so wie die Sicht des Kindes, welches nach und nach die Widersprüchlichkeit und auch harte Brutalität der Erwachsenenwelt erkennen muss, ohne sie gleich zu begreifen.

Mein Bruder und ich erstarrten vor unserer Mutter, die Augen vor Scham gerötet. Ich flehte sie mit Blicken an, unsere unüberlegte Frage nicht zu beantworten. Sie war kurz davor, ein Geheimnis zu verraten, eine Antwort zu geben, die unserer Kindheit ein Ende setzen könnte, und ich war noch nicht bereit dafür.

Anthony Passeron: Jacky

Für den französischen Autoren Anthony Passeron und seinem Zwillingsbruder waren diese Spiele die Rettung und zugleich ein Gleichnis dessen, für das, was mit ihrer Familie während der Kindheit passierte. Diese zwei Säulen bilden die Grundlagen seines autobiografischen Romans, mit dem der Autor versucht zu verarbeiten, was im Zeitraum des Lebenszyklus‘ dreier Spielkonsolen geschah.

„Jacky“ erzählt dabei gleich in mehrerer Hinsicht vom Verschwinden. Einerseits Verdrängungsprozess kleiner tradioneller Familienbetriebe und geübter Strukturen, in denen der eigene es immer schwerer hat, von der Vaterfigur am Laufen gehalten zu werden und schließlich aufgegeben werden muss, auf der anderen Seite der Wandel von Rollenbildern und Anforderungen an die nächste Generation, die Globalisierung, die schließlich in Form einer Seuche zwei Familienmitglieder das Leben kosten wird.

Zunehmend wird dabei für Anthony und seinem Zwillingsbruder die Welt der Videospiele zum Zufluchtsort, die nur zu Beginn zugleich das verbindende Element zur verschwindenden Vaterfigur ist. Neben dem Brüderpaar, Two Players Game, ist er die Hauptfigur dieses zweigliedrigen Romans, der parallel die Geschichte des Aufkommens der Spielekonsolen erzählt. Beginnend mit dem Atari 2600, der als erstes Dank des technisch begisterten Vaters in den Haushalt der Familie Einzug hält.

Dies erzählt der Autor in kompakt gehaltenen Kapiteln, in denen kein Wort zu viel verloren wird. Tatsächlich genügen wenige Sätze, um wie Nadelstiche Ereignisse schmerzvoll vor Augen erscheinen und Charaktere aufleben zu lassen. Es braucht nicht viel, Orte filmisch zu beschreiben, die Begeisterung für die anfangs aus nur einigen Pixel bestehenden Welten zu verdeutlichen, andererseits das Begreifen mit zunehmenden Alter, welches Anthony und sein Bruder gleichsam fortschreitender Spielelevel zur immer größeren Herausforderung werden wird. Wie viel kann ein Kind, wie viel eine Familie aushalten? Eine Frage, die sich mit zunehmender Seitenzahl immer vehementer in den Vordergrund schiebt und bald das handlungstreibende Element sein wird.

Unsere Eltern wollten, dass wir echte Schlägertypen waren und gleichzeitig diszipliniert genug, um in der Schule erfolgreich zu sein. Unweigerlich würden wir eine Seite enttäuschen müssen.

Anthony Passeron: Jacky

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des jungen Anthony, dem gegenüber der Vater steht, der immer weniger Verständnis für seine empfindsamen Sprösslinge zeigt, aber eben auch selbst nie gelernt hat, Worte zu finden, um den eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Diese Sprachlosigkeit durchzieht die Erzählung und sagt dennoch so viel. Man kann das alles nicht lesen, ohne davon berührt zu werden, gerade wegen des Spiels mit den Gegensätzen, welches der Autor meisterhaft beherrscht.

Das störte mich weniger für mich als für meinen Vater. […] Trotzdem schämte ich mich am Ende des Kurses, wenn er mit meinen Turnschuhen in der Hand auf mich wartete, ich schämte mich vor ihm. Es half nichts, es war wie ein Fluch, etwas absolut Unvermeidliches. […], wenn ich vor seinen Augen eine Niederlage einsteckte, beschmutzte ich seinen Namen.

Anthony Passeron: Jacky

Einerseits das Nebeneinander der Figuren, welches im Verlauf der Geschichte fast zu einem Gegeneinander wird, aus der Perspektive des einem, andererseits die ungewöhnliche Gliederung des Romans entfachen eine Dynamik, die selbst aus wenig viel werden lässt, ohne dabei zu verlieren. Lücken gibt es da nicht. Unausgesprochenes tönt sehr laut. Der Gang Richtung Abgrund nimmt mit zunehmender Seitenzahl entsprechend Fahrt auf. Gekonnt gesetzte Rückblenden ergänzen diese wunderbare kleine Erzählung, die die Dynamik einer Familie aufzeigt, die an ihre Grenzen gerät.

Der Schriftsteller Anthony Passeron verarbeitet nach seinem Debüt hier einen weiteren Aspekt seiner Familiengeschichte und setzt dabei auch den Anfängen einer Technologie ein Denkmal, die bis heute in ihren Ausprägungen Millionen beeinflusst und manchen sicherlich auch Zuflucht und Rettung bietet. Jeder, der selbst schon ein neues technisches Gerät angeschaltet und dem zugesehen hat, wie der Bildschirm zum Leben erwacht, kann das nachvollziehen. Auch alle anderen wird diese Geschichte voller Sehnsucht und Traurigkeit so schnell nicht loslassen, was sicherlich zu großen Teilen der hervorragenden Übersetzung Lena Müllers zu verdanken ist.

Wer sich für ungewöhnlich erzählte Familiendynamiken begeistern kann, zudem die Abgründe menschlicher Schicksalsschläge nachspüren, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ergründen will, dem ist „Jacky“ von Anthony Passeron zu empfehlen. Gleichwohl muss man sagen, dass es nicht zu empfehlen ist, ist man selbst gerade nicht in positiver Stimmung. Game Over.

Autor:
Anthony Passeron wurde 1983 geboren und ist ein französischer Schriftsteller. Er wurde in Nizza geboren und studierte nach der Schule französische Literatur, die er unterrichtete, bevor er selbst zum Autor wurde. Sein erster Roman erschien 2024 in der deutschen Übersetzung. „Jacky“ ist Passerons zweite Erzählung.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Anthony Passeron: Jacky Weiterlesen »

Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint

Inhalt:
Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauen Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern nächtlich belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen.

So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, auch noch, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Ein grandioser Roman über eine fast normale deutsche Familie.
(Klappentext)

Rezension:
Wie bewahrt man den Schein, wenn die Geschäfte schlecht laufen und das Geld in den Fingern zerrinnt? Wenn das Haus so löchrig ist wie ein Schweizer Käse und Klassenfahrt wie Konfirmation der Kinder anstehen? Daniels Eltern gelingt das zeitweilig ganz gut. Die Leidtragenden sind der Hauptprotagonist und seine Geschwister.

Christian Schünemann zeichnet in seinem Roman „Bis die Sonne scheint“, das Leben einer Familie im dauerhaften Ausnahmezustand nach und zeigt auf, was es bedeutet, wenn der Realitätsverlust der Eltern nicht nur zur wirtschaftlichen Instabilität führt.

Nachempfunden ist diese Erzählung krisenhafter Zeiten der Familiengeschichte des Autors, der anhand eines Stapel von Briefen, sowie den eigenen Erinnerungen, denen seiner Geschwister und Verwandter die Geschichte seiner Kindheit und Jugend festhält, zugleich jedoch auch der Frage nachgeht, woher das kommt. So wandelt der Roman zwischen den Zeiten. Zunächst lernen wir, innerhalb ser kompakt gehaltener Kapitel, den Hauptprotagonisten und seine Mutter kennen, die den ersten Riss in der Fassade erfahren, als auf der Bank nichts mehr geht, um wenig später bei der Geschichte von Daniels Eltern zu landen.

Beide Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt, ohne viele Worte zu verlieren. Eine ausschweifende Erzählung ist das nicht, doch bekommt man Zeile für Zeile Verständnis für das Handeln der erwachsenen Protagonisten einerseits, ist andererseits jedoch um so fassungsloser, wie es möglich ist, die Realität so gar nicht anzuerkennen. Das ist dann irgendwann auch nicht mehr mit Kurzschlusshandeln zu erklären.

Der Hauptprotagonist bleibt dabei die gesamte Handlung über einziger Sympathieträger der Geschichte. Als jüngste Figur leidet er am meisten darunter. Das bei der Konfirmation, die ohnehin lange auf der Kippe steht, ist schneller weg als er blinzeln kann, die Kursfahrt nach Frankreich ebenso fix obsolet.

Dazu das Spiel der Eltern, die gerade, wenn es besonders schlecht läuft, die Familie in teure Lokale und Restaurants ausführt. Wie hält man diesen Spagat nur aus, fragt man sich lesend, auch wenn sich wenigstens zum Teil das Handeln der Erwachsenen aus ihrer Vergangenheit heraus erklären lässt. Das herauszuarbeiten, ist dem Autoren gut gelungen, dessen Hauptprotagonist der letzte Rest kindlichen unbedingten Glaubens an die Eltern in diesen seinen Jugendjahren zwischen den Fingern zerrinnt. Die Eltern sind sozusagen der Gegenpart. Die Erwachsenenwelt als harte Realität mit all ihren Brüchen bildet dazu den starken Kontrast in dieser Erzählung, der man mehr und mehr fassungslos gegenüber steht.

Kurzweilig ist die Lektüre, die im Haupthandlungsstrang durch den Blick Daniels bestimmt wird, der das Unheil auf sich zukommen sieht und damit einen größeren Weitblick beweist, als die Erwachsenen, die sich als unfähig erweisen, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Dieses Spiel entfacht eine Dynamik, die der Handlung ihr Tempo gibt, deren Ende relativ offen gehalten wird.

Eingerahmt wird die Erzählung von viel Lokalkolorit, welche Schauplätze vor dem inneren Auge und einiges an Atmosphäre aufleben lässt. Zugleich gelingt es Schünemann nicht nur damit aber auch eine Erzählung zu schaffen, die versetzt in unsere heutige Zeit noch genau so funktionieren würde. Der Kampf ums Überleben, wenn einem die Felle drohen wegzuschwimmen, könnte so auch heute noch in der einen oder anderen Form passieren.

Nicht nur, wen diese Zeiten der westdeutschen 1980er Jahre noch sehr lebendig in Erinnerung sind, ist diese Lektüre zu empfehlen, sondern auch jenen, die ein Stück Zeitgeschichte erfahren wollen, die sonst nicht so häufig zur Sprache kommt. Schließlich wird die Geschichte der Bundesrepublik zumeist vom Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg her erzählt, die Krisenjahre danach aber vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre.

Autor:
Christian Schürmann wurde 1986 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Slawistik in Berlin und St. Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina. Bei Diogenes erschien seine Krimiserie, sowie verschiedene Krimiromane, verfasst zusammen mit Jelena Volic. Christian Schünemann lebt in Berlin.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folgt mir auf folgenden Plattformen:

Christian Schünemann: Bis die Sonne scheint Weiterlesen »

Elisabeth König: Tobias – Der kleine König

Inhalt:
Nur wenige Stunden nach seiner Geburt wurde der kleine Tobias mit dem Hubschrauber in die Kinderklinik geflogen. Es sollte der erste von vielen Krankenhausaufenthalten in seinem Leben werden. Elisabeth König beschreibt in ihrem Buch authentisch und berührend das Leben ihres schwerbehinderten Sohnes Tobias, den man in der Klinik immer „der kleine König“ nannte.

Rezension:
Mit einer Mischung aus Biografie, Lebensbericht und Lebenshilfe hat die Religionspädagogin Elisabeth König dem kurzen Leben ihres Sohnes Tobias ein beeindruckendes und berührendes Denkmal gesetzt. Aus Erlebnisberichten, geschrieben aus dessen Sicht, ursprünglich nur für dessen Ärzte und Therapeuten gedacht, ist das mutmachende Zeugnis eines jungen Lebens entstanden, welches hier gebunden zwischen Buchdeckeln vorliegt.

Bis zur Geburt scheint noch alles in Ordnung, als im Kreissaal plötzlich Hektik ausbricht. Sauerstoffmangel macht dringendes Handeln notwendig, als Tobias das Licht der Welt erblickt und eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, die die junge Familie fortan auf die Probe stellen wird, aber auch zeigen, wie sehr diese Menschen zusammenschweißen können. Der Alltag wird von nun an zur steten Herausforderung, ob beim Hausbau oder der Organisation von Therapien und Krankenhausaufenthalten. Eine Auswahl dieser schildert die Autorin in ihrem Buch. Steter Halt und strukturgebend für die Familie und nicht zuletzt für sie selbst, der Glaube.

Hierbei wird das Lesen zur Herausforderung, wenn man selbst dieses Fundament nicht hat, aufgrund anderer Sozialisation. Beeindruckend ist es, wie die Königs daraus Kraft gezogen haben, um schier Unmenschliches zu ertragen und zu leisten. Das geht unter die Haut, lässt einem nicht unberührt, trotzdem fehlt etwas beim Lesen oder wird einem nicht so erreichen, wie andere, die dieses Glaubensfundament nicht haben. Für die jenigen sind diese Passagen zuweilen sehr anstrengend zu lesen, trotzdem sind andere Passagen um so nahegehender.

Was hat da Tobias nicht alles an Klinikaufenthalten und Untersuchungen, Therapien, auf sich nehmen müssen? Elisabeth König schildert ein Leben im permanten Ausnahme-, wenn dieser zum Normalzustand wird. Der Weg durch die medizinischen Instanzen, der andere schon auf geringeren Stufen zerbrechen lässt, die Auseinandersetzung mit Krankenkassen, aber auch der familiäre Zusammenhalt, der trotzdem nicht unberührt bleibt, sind harter Tobak ohne Atempause. Und das geht sehr nah.

Hoffnunggebend ist die Geschichte vom „kleinen König“ aber auch, was nicht zuletzt mit dem Schreibstil und der gewählten Perspektive transportiert wird, wenn die wenigen glücklichen besonderen Momente hochgehalten werden, die zeigen wie kostbar jeder einzelne davon ist. Dies schafft Elisabeth König, die mit der Überarbeitung der Texte, die ursprünglich nur für einen engeren Personenkreis gedacht waren, sicher selbst ihre Herausforderungen hatte, sprachlich auf den Punkt zu bringen.

Und hat damit ihren Sohn ein wunderbares Vermächtnis geschaffen.

Media:

BR Podcast / Buchschnittchen: Elisabeth König im Gespräch

Autorin:
Elisabeth König ist Religionspädagogin und in der Erzdiözese Freiburg als Gemeindereferentin tätig. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im südlichen Oberschwaben.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Folgt mir auf folgenden Plattformen:

Elisabeth König: Tobias – Der kleine König Weiterlesen »

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Inhalt:
Am 7. Oktober 2006 wird die Journalistin Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung in Moskau ermordet. Es ist das tragische Ende einer jahrzehntelangen Verfolgung durch den russischen Staatsapparat. Auf einen Schlag wird Anna Politkowskaja zur weltweiten Symbolfigur für den Kampf um Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit. Bis heute gilt sie als eine der wichtigsten Kritikerinnen von Putins Russland. In diesem Buch erzählt ihre Tochter erstmals die ganze Geschichte ihrer Mutter: persönlich, bewegend und erschreckend aktuell. (Klappentext)

Rezension:

Meine Mutter war nie bequem. Weder für die russischen Behörden noch für den Durchschnittsbürger, der in einer Zeitung blättert und die Artikel liest.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Immer war sie Überbringerin schlechter Nachrichten, die Journalistin, die über die Wahrheit schrieb, über Soldaten, Banditen und gewöhnliche Menschen, die im Fleischwolf des Krieges gelandet waren. Sie sprach von Schmerz, Tod, zerfetzten Körpern und ahnte früh, dass sie dafür womöglich einen hohen Preis bezahlen müssen würde. Zwei Jahre nach einem Mordanschlag während eines Fluges nach Beslan wurde Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung schließlich ermordet. Genau an dem Geburtstag des Mannes, dessen schärfste Kritikerin sie war. Wladimir Putin.

Jahre nach den Mord, der aus westlicher Sicht bis heute nicht als vollständig aufgeklärt gilt, ist die Journalistin, die wie keine andere für den Kampf umd Wahrheit und Meinungsfreiheit in ihrem Heimatland vergessen, doch ihr Schaffen wirkt nach im Leben ihrer Kinder, deren Abstammung erneut zum Lebensrisiko wird, als Russland einen neuen Krieg vom Zaun bricht. Kurz nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der in Russland nur „Spezialoperation“ genannt werden darf, sieht sich die Tochter der Journalistin gezwungen, mit ihrer Tochter außer Landes zu fliehen und beginnt zu erzählen. Vom Leben ihrer Mutter, journalistischer Größe und dem Verschwinden der Freiheit schreibt die Autorin und setzt damit Anna Politkowskaja ein Denkmal.

Die Menschen, über die in ihren Artikeln sprach, waren nicht bloß „Quellen“, flüchtige Kontakte, die ihr lediglich dazu dienten, die für ihre Arbeit notwendigen Aussagen zu sammeln. Sie nahm Anteil an ihrem Schmerz, ihrem Unglück.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Beginnen tut sie in der Gegenwart und spannt dabei den Bogen zur Geschichte ihrer Familie, die immer wieder aufgegriffen wird und verrät, wie Anna Politkowskaja zu den Menschen wurde, den wir kennen und lässt zudem hinter die Fassade blicken. An Kritik sparen tut sie dabei nicht, an ihrer Mutter, die die Gefahren, die eine Arbeit wie diese, in einem zunehmend autoritärer werdenden Staat mit sich bringt, durchaus richtig einschätzen konnte und dennoch bis zur physischen Erschöpfung sich Themen und Protagonisten ihrer Texte zu eigen machte, als auch an sie als Privatmensch, der nie ein einfacher gewesen ist.

Aber auch und natürlich das System, innerhalb dessen sie Journalismus in Reinform betrieb wird nicht ausgespart. Wie gestaltete sich journalistische Arbeit gegen den Strom, gegen politischen Druck, in einem Land, welches einer zunehmend gleichgeschalteten Medienlandschaft erlag? Auch dieser Frage geht Vera Politkowskaja nach, immer nach der Suche nach dem Antrieb ihrer Mutter und einer Erklärung für etwas, was nicht zu erklären ist.

Die Mehrzahl der Kollegen hatte […] eine ziemlich distanzierte, wenn nicht sogar offen kritische Haltung meiner Mutter und ihrer Arbeit gegenüber. Auch wenn sie sich nach ihrem Tod zu Lobeshymnen aufschwangen und ihre Verbundenheit beteuerten.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt

Auch wenn dies unpassend klingen mag, diese Lebensgeschichte, im Kontext des gesellschaftlichen und politischen Geschehens im Russland Politkowskajas liest sich ungemein spannend. Die Journalistin, der es immer darum ging, die Wahrheit zu beschreiben, den Menschen eine Stimme zu geben, und den Hintergründen nachzuspüren, bekommt hier klare Konturen. Eindrucksvoll werden hier die Differenzen zwischen der Privatperson und der Politkowskaja dargestellt, die die Welt kannte, aber auch, wie Journalismus unter den Druck von Extrembedingungen funktionierte. In klaren Sätzen zeigt sich der Versuch, der als gelungen zu bezeichnen ist, einem Leben nachzufühlen und zugleich, Parallelen zu sich selbst zu ziehen. Gleichwohl die Autorin einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat.

Wie viel Druck verträgt ein Mensch? Welchen Preis verlangt die Wahrheit? Fragen, die zwischen den Zeilen gestellt werden. Andere dagegen bleiben komplett unbeantwortet. In Russland ist der Journalismus, wie ihn Anna Politkowskaja betrieben hat, die diese beantwortet hätte können, mit ihr gestorben. Mit ihren Texten und diesem Buch aber bleibt zumindest hier ihr Denkmal gewart.

Autorin:
Vera Politkowskaja wurde 1980 in Moskau geboren und ist die Tochter der weltbekannten Journalistin Anna Politkowskaja. Nach Aubruch des Ukraine-Krieges floh sie zusammen mit ihrer Tochter an einem sicheren Ort.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Vera Politkowskaja: Meine Mutter hätte es Krieg genannt Weiterlesen »

Jessica Lind: Kleine Monster

Inhalt:
Pia und Jakob sitzen im Klassenzimmer der 2B, ihnen gegenüber die Lehrerin ihres Sohnes. Es habe einen Vorfall gegeben, mit einem Mädchen. Pia kann zunächst nicht glauben, was ihrem siebenjährigen Kind vorgeworfen wird. Denn Luca ist ein guter Junge, klug und sensibel. Sein Vater hat daran kein Zweifel. Aber Pia kennt die Abgründe, die auch in Kindern schlummern, das Misstrauen der anderen erinnert sie an ihre eigene Kindheit.

Also lässt sie ihren Sohn nicht mehr aus den Augen und sieht einen Menschen, der ihr von Tag zu Tag fremder wird. Bis Pia bei dem Versuch, ihre Familie zu schützen, schließlich mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Ein fesselndes psychologisches Drama über die Illusion einer heilen Kindheit. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Die Abgründe in unser engsten Umgebung scheinen tiefe Gräben zu sein. Zugeschüttet, vernarbt sind sie, doch gibt es Ereignisse, die sie wieder schmerzlich aufbrechen lassen. In Jessica Linds Erzählung „Kleine Monster“ treten die Dämonen vergangener Tage hervor und scheinen sich in der Gegenwart zu spiegeln.

Doch hält eine Eltern-Kind-Beziehung dies aus, wenn dem eigenen Nachwuchs scheinbar nicht mehr zu trauen ist und noch weniger, sich selbst?

Feine Risse bekommt das Idyll in dem kompakt gehaltenen Roman, als die Hauptfiguren zu einem Gespräch in der Schule ihres Sohnes geladen werden. Ein Vorfall hätte es gegeben, genaues wisse man nicht. Der kindliche Protagonist schweigt sich darüber aus, währenddessen Fragen sich im Kopfe der Hauptfigur zu bilden beginnen und die Geschichte ins Rollen bringen.

Vieles spielt sich im Inneren von Pia ab, die durch ihre Gedankenwelt Konturen bekommt und zur Handlungstreibenden der Erzählung wird. Nach und nach bekommen sie und die anderen Figuren somit ihre Konturen. Eine ganz eigene Dynamik entfacht sich durch das Hinzuziehen weiterer Protagonisten und Pias Reaktionen darauf, die schon bald die Dämonen der eigenen Vergangenheit zu Tage treten lassen.

Zunächst hat sie damit alle Sympathien auf ihrer Seite, entwickelt sich jedoch nach und nach zu einer Protagonisten, die in ihrem Reagieren immer distanzierter wirkt und so auch handelt. Die Liebe von Eltern zu einem Kind hat bedingungslos zu sein. Doch was, wenn dieses Ideal in Frage gestellt wird. Dieses Gedankenkonstrukt wird sowohl anhand einer Vergangenheits- und auch einer Gegenwartsebene erzählt. Besonders die Hauptfigur ist damit doppelt belastet, aber auch ihre Umgebung ist davon nicht unbedingt unberührt.

Man leidet mit den Kind, den Eltern innerhalb dieser kompakten Erzählung, die über einen Zeitraum von wenigen Wochen spielt und durch zusätzlich beschriebene Ortswechsel noch kontrastreicher wirkt. Auch die Handlungsorte werden so zum Spiegelbild der Figuren, die allesamt ihr Gepäck zu tragen haben. Pias Perspektive bleibt jedoch die hauptsächliche, doch verursacht gerade diese Beibehaltung im Mittelteil für ein Absenken des Spannungsbogens, der nicht konsequent bis zum Ende durchgehalten wird.

Überraschende Wendungen sucht man in diesem Roman vergebens. Trotz teilweise fast filmischer Beschreibungen, den Hauptberuf der Autorin merkt man durchaus die gesamte Zeit über, liest man ein durchdachtes Konstrukt, was nur hin und wieder für einen gewissen Aha-Effekt sorgt. Dennoch ist eine gewisse Sogwirkung dem Text nicht abzustreiten, auch wird man sich manche Abschnitte atemlos zu Gemüte führen.

Je nach Erfahrungswerte und Stellung innerhalb eigener Familienkonstellationen kann dabei die Positionierung zu den einzelnen Figuren durchaus unterschiedlich sein. Die Handlungsorte dabei sind sehr plastisch geschildert, nachvollziehbar dargestellt, auch wenn sich ein gewisser Mehltau wie ein Schleier über die Erzählung legt.

Das Ende wirkt dabei nicht ganz rund. Halboffen ist hier der richtige Weg gewesen. Nicht alle offenen Fragen werden geklärt. Einiges findet im Kopf der Lesenden statt, doch irgendwie scheint das richtige Maß nicht getroffen worden zu sein. Zudem stößt man während des Lesens auch auf sprachliche Gegebenheiten, die eventuell regional verschieden gehandhabt werden. Kleinere Stolperfallen also, die aber nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Die Schwächen einmal außer Acht gelassen, ergibt sich jedoch eine durchaus interessante Lektüre.

Autorin:
Jessica Lind wurde 1988 in St. Pölten geboren und ist eine österreichische Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Zunächst studierte sie an der Filmakademie Wien Drehbuch und Dramaturgie, bevor sie mit einem Literaturstipendium zu Schreiben begann. 2010 erhielt sie einen Förderpreis der Stadt St. Pölten, sowie 2012 das BMUKK Startstipendium für Literatur. Nach einer Teilnahme in einer Schreibwerkstatt erschienen einige ihrer Texte in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2021 erschien ihr Autorinnendebüt. Zudem ist sie Autorin des Films „Rubikon“.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Jessica Lind: Kleine Monster Weiterlesen »

Zora del Buono: Seinetwegen

Inhalt:

Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Autounfall starb. Der tote Vater war die große Leerstelle der Familie. Wie kann jemand, der fehlt, ein Leben dennoch prägen? Die Tochter macht sich auf die Suche und fragt, was der Unfall bedeutet hat: für die, die mit einem Verlust weiterleben, für den, der mit einer Schuld weiterlebt. Seinetwegen erzählt Zeitgeschichte als Familiengeschichte – detailgenau, raffiniert komponiert, so präzise wie poetisch. (Klappentext)

Rezension:

Wir wirken Lücken auf uns, die praktisch immer schon existieren, wenn Verlust Dauerzustand ist und was macht dieser mit jenen, die ihn verursacht, aber ansonsten kaum Berührungspunkte haben? Vor allem nicht mit den Betroffenen, die darunter dann Zeit ihres Lebens leiden müssen. Die Schweizer Journalistin und Autorin Zora del Buono geht diesen und damit zusammenhängenden Fragen in ihrer biografischen Reportage „Seinetwegen“ nach und entdeckt anhand eines Teils der Familiengeschichte auch ein Stück ihrer Selbst.

Der Erzählton des vorliegenden Textes ist ruhig und doch spürt man das Drängen, mit dem die Schriftstellerin den letzten Stunden ihres Vaters nachgeht, welchem sie im Alter von acht Monaten bei einem Autounfall verlor. Die Mutter im Heim, längst in die Demenz abgeglitten, Zeit ihres Lebens hatte sie nicht darüber gesprochen, vom Verursacher des Unfalls existiert zunächst nur ein Name und ein kleiner Zeitungsartikel über den nachfolgenden Prozess.

Wenig für diejenige, die begreifen und ergründen möchte, doch del Buono spürt der Geschichte des Moments nac, der das Leben der Familie für immer verändern sollte. Ihr Bild des Unfallfahrers verschiebt sich dabei ebenso, wie jenes von der Schweizer Gesellschaft, von den 1960er Jahren bis heute.

So unaufgeregt das kompakte Werk daherkommt, so aufgewühlt ist im Inneren der Autorin zugegangen, die mit ihrer Recherche eine große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Die rastlose Suche, die zwischen den Zeilen daherkommt und immer wieder an Glasdecken stößt, ergibt nur langsam ein vielschichtiges Bild, zunächst vor allem von einer Gesellschaft im wandel. Erst später wird sie beiden Personen nahekommen. Dem Verursacher, dessen Leben vom Wandel der Gesellschaft erzählt und ihrem Vater, der einst als Fremder in die Schweiz kam und sich dort ein neues Leben zu aufbauen versuchte.

Die Zeitstrahlen einerseits der vergangenen Jahrzehnte, andererseits der wochenlangen Suche laufen schließlich zusammen, doch sind es die Figuren selbst, die diese biografische Reportage zu etwas Besonderen machen. Dabei beschränkt sich die Autorin, die damit auch zum Gegenstand ihres Schreibens wird, auf wenige Personen. Nach und nach kann man sogar dem Unfallverursacher nachspüren. Jede Geschichte hat zwei oder mehr Seiten. So verarbeitet Zora del Buono das, was ihre Mutter nie so wirklich konnte. Braucht es also, zu der Erkenntnis könnte man gelangen, manchmal nur eine Generation Abstand?

Kurze prägnante Sätze wechseln sich mit ausschweifenden Gedankengängen ab, kulminierend in den Treffen der Freunde der Autorin, die im Verlust zu geliebten Menschen vereint sind. Rückblenden in die Kindheit durchbrechen den Text, der auch dadurch nahbar wird. Schauplätze werden zu Bildern. Del Buono lässt sie vor dem inneren Auge entstehen.

Es ist der Versuch der Verarbeitung etwas Unbegreiflichen. Ob dieser gelungen ist, kann nur die Autorin selbst entscheiden, er macht jedenfalls ordentlich Eindruck. Natürlich stellt sich die Frage, was dabei gewonnen ist, einem Menschen auf dieser sehr persönlichen Suche zu begleiten? Vielleicht können jene die Frage beantworten, welche selbst solch einen Verlust erlitten haben.

Für alle anderen bleibt die Erzählung des gesellschaftlichen Wandels. Dafür aber braucht es jetzt nicht unbedingt diesen Rahmen. Dieser kleine biografische Bericht lässt einem dennoch für einen Moment innehalten und nachdenklich zurück. Letztlich muss wohl jeder für sich entscheiden, ob dies genügt.

Autorin:

Zora del Buono wurde 1962 in Zürich geboren und ist eine Schweizer Architektin, Journalistin und Autorin. Zunächst studierte sie Architektur in Zürich und Berlin, wo sie bis 1995 als Architektin tätig war. Danach absolvierte sie ein Studium für Szenografie. 1996 war sie Mitgründerin der Zeitrschrift Mare, welche sie von 2001 bis 2008 als stellvertretende Chefredakteurin begleitete.

2008 erschien ihr Debütroman, dem weitere Werke folgten. Del Buono ist Mitglied des Schweizer PEN, erhielt 2024 den Schweizer Buchpreis und 2012 den ITB Buch Award.

Zora del Buono: Seinetwegen Weiterlesen »

Follow by Email451
Instagram2.17k
BLUESKY