biografie

Tomi Ungerer: Die Gedanken sind frei

Inhalt:
Tomi Ungerer ist neun Jahre alt, als deutsche Truppen 1940 das Elsass besetzen. Deutsch wird die offizielle Sprache, Französisch bei Androhung strenger Strafen verboten, aus Jean-Thomas, von allen Tomi genannt, wird Hans. Tomi Ungerer erzählt vom Alltagsleben unter der Nazibesatzung, vom Krieg, von der liberation – und von den ganz normalen Streichen, Freuden und Erlebnissen eines heranwachsenden Jungen. Dank unzähliger Zeichnungen aus Tomi Ungerers Kindheit und seinem grenzenlosem Humor ein ungemein lebendiges Erinnerungsbuch. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Witz und Humor, das Talent sich auszudrücken und die Dinge aus einem besonderen Blickwinkel heraus zu betrachten, ist dem späteren Zeichner und Kinderbuchillustratoren Tomi Ungerer schon in seiner Kindheit gegeben, die dieser in turbolenten Zeiten durchlebt hat. Als die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges den Elsass besetzten, wächst er in einem Vorort Colmars auf, als behütetes Nesthäkchen und ohne Vater. So betrachtet er die Widrigkeiten des Krieges, die in den Alltag der Familie hineinragen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nun postum neu aufgelegt wurden.

Nicht nur Tagebuch, autobiografische Erzählung oder, wie man es sich vielleicht bei einem Illustratoren denken würde, eine Ansammlung von Zeichnungen und Karikaturen ist diese hier vorliegende Sammlung, sondern eine Wundertüte, die uns in eine wundersame Zeit eintauchen lässt, in der der Alltag im schlechtesten Sinne auf den Kopf gestellt war. Tomi Ungerer hat hier tief gegraben in seine Erinnerungskiste und Fotos sowie Kinderzeichnungen zusammengestellt, die den Humor des späteren Künstlers und vor allem dessen Stil schon früh zu Tage treten lassen. Aus den zahlreichen Puzzleteilen ergibt sich ein buntes Portrait aus Familienalltag, Einschränkungen durch Krieg und Besatzung, aber auch kindlichen Übermut, der nicht nur einen Schädelbruch zur Folge hatte.

Die Tonalität der Sprache ist geprägt von Leichtigkeit, vom ungetrübten Blick des Kindes, der alles als ein großes Abenteuer sieht, doch durchaus den Ernst der Lage erkennt, wenn er in der Rückschau betrachtet, wie die Mutter etwa sich einerseits wie eine Löwin schützend vor die Kinder stellt, andererseits aber auch er selbst Widerstand leistet, und sei es nur mit Karikaturen von Lehrern im Schulheft und Tagebuch. Tomi Ungerer ist es hier gelungen, das Leben unter einem Besatzungsregime nachzuzeichnen, welches sich natürlich von dem im Osten, aber auch dem im geteilten Frankreich selbst unterschied, ein Aspekt der bis dato viel zu wenig Beachtung fand.

In der Aufreihung der Bücher gegen das Vergessen ist dieses hier schon aufgrund der Zusammenführung des Materials durch Autor und Zeichner in Personalunion etwas besonderes, zudem es die Wurzeln des späteren Künstlers aufzeigt. Dabei sind es nicht nur die pointierten Zeichnungen, sondern auch punktuelle Formulierungen, Beschreibungen von Personen, die den kindlichen Scharfsinn vor Augen führen. Auch nicht die große Politik, die nur in sofern eine Rolle spielt, sofern sie in den Alltag des Heranwachsenden hinein greift. Das besondere liegt in der Beschreibung alltäglicher Dinge in einer nicht alltäglichen Situation, die nur mit Vorsicht, Angst und in seinem Falle mit einer großen Portion Witz, auch Galgenhumors, zu ertragen gewesen ist.

Für alle, die staubtrockene Ausführungen scheuen, Zugang zu diesen sehr besonderen Künstler finden möchten und die Zeit der Besatzung des Elsass durch das NS-Regime nachspüren wollen, ist dieses wichtige Buch eine geeignete Lektüre.

Website: tomiungerer.com

Tomi Ungerer Museum: Hier klicken.

Autor:
Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren und war ein französischer Grafiker, Schrifsteller und Illustrator von Büchern für Kinder und Erwachsene. Erste Zeichnungen veröffentlichte er im Simplicissimus, er arbeitete in New York, kurzzeitig in Hamburg und lebte eine Zeit lang in Irland auf einer Farm, bevor es ihn wieder in den Elsass zurückzog. Er starb 2019 in Cork, Irland.

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Melissa Müller: Mit dir steht die Welt nicht still

Inhalt:
London, 1951. Für Nanette ist es eine Zufallsbegegnung, für John ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch John steht kurz vor seiner Auswanderung nach Brasilien. Ginge es nach ihm, würde er seinen Plan ändern, aber Nanette, die mit Anne Frank befreundet war und als Einzige ihrer Familie Bergen-Belsen überlebt hat, fürchtet sich vor dem Glück. Als sie einander Brief um Brief schreiben, gesteht sie sich langsam ein, dass sie mit ihm zurück ins Leben finden kann. Ein Buch über die rettende Kraft der Liebe. (Klappentext)

Rezension:
Entlang von Briefen erzählt Melissa Müller in ihrem neuen literarischen Sachbuch „Mit dir steht die Welt nicht still“ vom Überleben und Leben mit traumatischen Erfahrungshorizont, der Kraft der Liebe, sowie eine Geschichte von Hoffnung und Lebensmut. Dieser zuweilen schermütig melancholiche Bericht ist zugleich ein Buch der Erinnerung, eines gegen das Vergessen.

Briefe sind es gewesen, und eine Recherche über Anne Frank, deren Tagebuch nach dem Holocaust weltberühmt wurde, die die Autorin auf die Geschichte zweier Menschen brachte. Hintergrundinformationen, um ein umfassendes Bild zu bekommen, der Zeit und der Jugendlichen, die mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt, schließlich verraten wurde und schließlich Bergen-Belsen nicht überleben konnte, wollte die Autorin recherchieren und stieß dabei auf Nanette Blitz‘ und John Konigs Geschichte, die ebenso aufschlussreich und beachtenswert ist. Nun liegt sie vor, in dieser wunderbar dokumentarisch-biografischen Aufarbeitung und macht jene zu Hauptfiguren, die das Puzzle um Anne Frank mit hin vervollständigen.

Entlang des Schriftwechsels durch die Zeit werden die zwei Leben erzählt, die zunächst scheu einander umkreisen, bald jedoch trotz der Distanz eines Ozeans zwischen ihnen nicht mehr ohne einander können. Immer klarer werden die beiden Charaktere, je mehr man über ihre Zeit und den Gegebenheiten erfährt. Vor allem Nanette traut den aufkeimenden Glück zu Beginn nicht genug, waren die zuvor erlebten Jahre doch zu unzurechenbar und forderten vor allem von ihrer Familie Opfer. Wie kann man sich da noch positive Gefühle erlauben, wenn man gerade so dem Unheil entkommen ist und so viel Tod und Unmenschlichkeit erlebt hat? John ist es, der sie behutsam ins Leben zurückfinden lässt. Alleine, die Narben bleiben für immer.

Dies steht schnell fest, je mehr man in diese literarische Reportage hineinfindet, die aufgrund der Zeitsprünge zunächst nur schwer zugänglich bleibt. Die österreichische Journalistin und Autorin Melissa Müller stellt die Frage nach dem Überwinden, nach dem Überleben eines Traumas. Was macht das mit uns, mit unserer Umgebung, mit der Familie? Wie gehen wir damit um? Diesen philosophischen Überbau zu durchdringen, fällt nicht leicht und erzeugt streckenweise Längen. Verbindungslinien zwischen den einzelnen Briefen zu halten, ist im Angesicht der Sprünge schwer. Trotzdem ist durchaus zu spüren, in welche Richtung die Autorin wollte und wohin sie die Beschäftigung mit zweier Leben letztendlich führte. Diese Differenz ist spannend zu erfahren, aber für Außenstehende nur schwer zu begreifen.

So lässt mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Vielleicht hilft Lebenserfahrung, Abstand, vielleicht das fragmentarische Lesen einzelner Abschnitte, in denen sich Briefe und Verbindungslinien abwechselnd lesen, die Lektüre besser zu durchdringen. Eventuell war meine Erwartungshaltung auch eine andere, die in diesem Moment einfach nicht gepasst hat. Dennoch verdient auch diese dokumentarische Erzählung einen Platz im Regal der Bücher gegen das Vergessen. Der Stil alleine sollte nicht daran hindern, dies zu lesen.

Autorin:
Melissa Müller wurde 1967 in Wien geboren und ist eine österreichische Journalistin und Schriftstellerin. Zunächst studierte sie Germanistik und BWL, danach arbeitete sie für verschiedene Wirtschaftsredaktionen in Wien und München. Ihr Buch „Das Mädhcen Anne Frank wurde 1998 veröffentlicht und vielfach übersetzt. Danach wirkte Müller an einem Dokumentarfilm über Anne Frank mit. Bei Recherchen zu einem Folgeprojekt lernte sie Traudl Junge kennen, mit der sie sprach. Aus den gesprächen entstand ein Interview und eine Biografie. 2008 veröffentlichte sie ein Buch über jüdische Künstler und den Umgang mit ihnen, nach 1945.

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Eva Szepesi/Stephanie Lunkewitz: Ich war Eva Diamant

Screenshot

Inhalt:
Eva Diamant ist zwölf Jahre alt, als die Sowjetarmee sie im Januar 1945 in Auschwitz befreit. Zusammen mit der Illustratorin Stephanie Lunkewitz und begleitet von ausdrucksstarken Bildern erzählt sie in diesem Buch ihre bewegende Überlebensgeschichte: Es ist die Geschichte einer behüteten Kindheit in einer bürgerlich-jüdischen Familie in Budapest, von ersten Ausgrenzungen in der Schulzeit, ihrer Flucht aus Ungarn, dem Verlust von Vater, Mutter und Bruder und schließlich der Deportation ins Konzentrationslager Auschwitz. Es ist aber auch eine Geschichte der Liebe, der Freundschaft und des Beistands. (Klappentext)

Rezension:
Die jüngere Leserschaft ernst zu nehmen, ohne zu verschrecken, die Wahrheit und auch Schattenseiten unserer Geschichte zu zeigen, ohne bis zum äußersten zu gehen, dieser Aufgabe widmet sich der Ariella-Verlag mit einem sorgsam kuratierten Kinder- und Jugendbuchprogramm, welches einerseits die jüdische Kultur zugänglich macht, andererseits erste Berührungspunkte zu den Ereignissen der Vergangenheit bietet. Ein gelungener Baustein hierfür, ein Buch gegen das Vergessen, ist mit der Visualisierung der Kindheitsgeschichte Eva Szepesis gelungen, welcher sich die Illustratorin Stephanie Lunkewitz angenommen hat.

In kompakter Form, dafür mit großflächigen Illustrationen wird die Geschichte des Mädchens erzählt, welches in einer liebevollen Umgebung aufwächst und plötzlich erleben muss, wie sie, andere jüdische Kinder und ihre Familie aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden. In der Klasse muss sie sich plötzlich nach hinten setzen, der Vater kommt in ein Arbeitslager, der gelbe Stern macht die Ausgrenzung aus dem Alltag noch leichter. So beginnt ein Spießrutenlauf, dessen unheilvolle Ereignisse in immer dichterer Taktung hintereinander folgen. Doch immer wieder gibt es Menschen, die sich ihrer annehmen. Irgendwann schließlich schwört sie sich, am Leben zu bleiben.

Dies ist die Grundtonalität des Kinderbuches, während dessen erster Seiten man sich fragt, wie überhaupt ein Kinderbuch zu dieser Thematik, die zweifelsohne wichtig ist, gelingen kann? Der Umgang damit ist schon in der Erwachsenenliteratur ein Drahtseilakt und mit Fingerspitzengefühl zu führen, aber Szepesi und Lunkewitz zeigen, wie dies funktioniert. Es ist eine Geschichte des Überlebens. Zwar wird der Tod erwähnt, aber weder gezeigt noch detailliert geschildert.

So hat man hier vermieden, zu verschrecken, gibt dennoch Anknüpfungspunkte für ältere Kinder und Jugendliche zur Diskussion. So ist die Altersempfehlung hier vom Verlag ab 12 Jahre veranschlagt, einem Alter etwa, in denen man schon genug durch Medien, vielleicht Diskussionen zu Hause oder Ausgrenzung im Klassenzimmer mitbekommen hat. Ein Glossar rundet dieses feine Büchlein zudem ab, da doch einige Begriffe gerade für diese Altersgruppe neu sein dürften.

Ein ernstes Kinderbuch zur Einführung in die Thematik, welches auch gut Ältere lesen können, ziehen einen doch die kräftigen Illustrationen tief in die Geschichte hinein, ist „Ich war Eva Diamant“, dem man ganz viele Lesende wünschen darf.

Frankfurter Buchmesse, 2025:

Frankfurter Buchmesse, 2025, Kurt-Wolff-Stiftung, Myriam Halberstam (Verlegerin, Ariella Verlag) und Stephanie Lunkewitz. (Quelle: Kurt-Wolff-Stiftung)

Autorin:
Eva Szepesi wurde 1932 in Budapest geboren und ist eine Holocaust-Überlebende, Als Zeitzeugin berichtet sie in Vorträgen und Büchern über ihr Leben. Als Kind wächst sie in Budapest auf und erlebt erste Ausgrenzungen und wie ihr Vater zum Arbeitsdienst gezwungen wird. Im Alter von elf Jahren flüchtet sie mit ihrer Tante in die Slowakei, das Versteck wird jedoch verraten, so dass sie zunächst nach Sered, schließlich nach Auschwitz deportiert wird. Dem Todesmärschen entgang sie, da sie sich zwischen Leichen versteckt hielt und wurde am 27. Januar 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit.

Nach einer Zeit im Lazarett kehrte sie nach Budapest zurück, wo sie bei Onkel und Tante aufwuchs und eine Lehre zur Schneiderin absolvierte. Später zog sie mit ihrem Mann nach Frankfurt/Main. Fünfzig Jahre sprach sie nicht über ihre Erlebnisse, erst nach der Veröffentlichung des Films Schindlers Liste, und einen Besuch der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sprach sie vor Jugendlichen über ihre Zeit im Konzentrationslager. Fortan engagierte sie sich als Zeitzeugin. 2011 veröffentlichte sie ihre Autobiografie, Jahre später erlangte sie Klarheit über das Schicksal ihrer Mutter und ihres Bruders, die in Auschwitz ums Leben kamen. 2017 erhielt sie die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt/Main, zudem das Bundesverdienstkreuz am Bande. 2024 sprach sie anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Deutschen Bundestag.

Illustratorin:
Stephanie Lunkewitz wurde 1977 in Köthen, Sachsen-Anhalt, geboren und ist eine deutsche Illustratorin und Autorin. Ihre Großeltern waren Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler der DDR und illustrierten mehr als 50 Kinderbücher. Stephanie Lunkewitz studierte nach ihrem Diplom in Design Kunstgeschichte in Frankfurt/Main, schließlich in den USA Book Writing and Business in Los Angeles, Kalifornien, wo sie mit ihrer Familie lebt.

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Timm Radt: Men in Blech

Inhalt:
Timm Radt begibt sich auf die Spur von 26 Rittern in Mitteleuropa. Es sind keine Könige oder Berühmtheiten, sondern ‚ganz normale‘ Ritter, von denen ein authentisches Abbild, in der Regel die oft erstaunlich realistische Grabplatte, existiert. Anhand dieser Porträts entsteht in Rekonstruktionszeichnungen, Objekten und historischen Abbildungen ein detailgenaues Bild der Rüstung und Bewaffnung vom Hoch- und Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit. (Klappentext)

Rezension:
Es sind mythische Figuren, die seit Generationen die Phantasie anregen und ihren Platz in unzähligen Geschichten gefunden haben, heute mitunter aus ihrem historischen Kontext gerückt. In Filmen und Videospielen treten sie eindrucksvoll ausstaffiert auf. Die Macher bedienen sich dabei sämtlicher Epochen , Kulturen, der Kunst- und Kostümgeschichte. Die historische Realität sieht anders aus. Timm Radt und der Plattnerexperte Christian Wiedner haben sich daher auf Spurensuche begeben und zeigen die Entwicklung der Rüstung und Helme anhand ihrer Träger. So ist eine kompakte und für alle Interessierte zugängliche kleine Historienkunde entstanden.

Diese portraitiert sechsundzwanzig Ritter aus Mitteleuropa und spürt den einzelnen Biografien chronologisch geordnet nach, wobei dieser Teil zumeist nicht mehr als eine halbe Seite einnimmt, der andere Teil ist der Rüstungskunde vorbehalten, die durch reichlich Bildmaterial historischen Ursprungs oder Rekonstruktionsgrafiken ergänzt wird, so dass das Gelesene zugleich visualisiert wird. Kompakt geht Timm Radt auf die Entwicklung der Bestandteile ein, die einmal eine ganze Rüstung ergeben werden, zeigt von den Anfängen bis zum Niedergang des Rittertums auf, wie sich Merkmale wie Wappenrock oder Helm, auch typische Waffen entwickelten und präzisiert kurz die dafür ausschlaggebenden Punkte.

Eingerahmt werden die Portraits durch eine geografische Karte und mehrerer grafische Schemata, sowie einen umfangreichen Glossar, welches dieses unscheinbare Werk zu einem gut sortierten und kompakt handlichen Nachschlagewerk macht, welches für Laieninteressierte leicht verständlich geschrieben ist. Als kleines zu vielen anderen bereits existierenden Material existierendes Lexikon ist es sowohl in Bezug auf Personengeschichte, wie eben als Rüstungskunde zu lesen und kann hintereinander weg gelesen oder häppchenweise gelesen werden, da jeder Abschnitt nicht mehr als ein paar Seiten umfasst, die jedoch vollkommen genügen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Nicht nur für Mittelalter- und Ritterfans ein unbedingtes Muss und eine klare Empfehlung.

Autor:
Tim Radt ist Architekt und promovierte im Fach Baugeschichte. Seine Schwerpunkte sind historische Bauforschung, Bautechnikgeschichte, sowie die Burgenforschung, über die er zum Thema Ritter und Schutzbekleidung kam. Daneben betätigt er sich als Illustrator und Grafiker.

Christian Wiedner ist Experte für Plattnerkunst und als selbstständiger Plattner tätig. Er rekonstruiert historische Harnische und zählt dafür zu den Besten seines Fachs.

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Christoph Kramer: Das Leben fing im Sommer an

Inhalt:
Der wärmste Sommer aller Zeiten, die erste große Liebe, eine Nacht, die alles verändert. Christoph Kramers Debüt katapultiert uns zurück in die Zeit im Leben, in der alles möglich schien und in der das größte Glück und die größte Verzweiflung ganz nah beieinanderlagen. Eine wunderbar melancholische Hommage an den Zauber aller Anfänge, die Magie der ersten Liebe und nicht zuletzt an die Freundschaft – die Geschichte eines Sommers, an den man sich immer erinnern wird. (Klappentext)

Rezension:
Mit einer Mischung aus Streiflichtern aus fiktionalisierten biografischen Details in Form, beinahe eines Jugendromans mit Roadtrip-Elementen nimmt uns der ehemalige Fußballer Christoph Kramer mit und lässt uns mit seinem Protagonisten einen unvergesslichen Sommer erleben, der für diesen gleich mehrere Sommermärchen bereithält. Melancholisch nachdenklich geschrieben, ist dieser Roman dennoch sehr zugänglich gehalten und nicht nur eben für Fans des Fußballs gedacht, einzutauchen und sich selbst an diese flirrende Zeit, auch die des letzten unbeschwerten Jahres der eigenen Jugend zu erinnern.

Es ist der Sommer eines Wechsels, den wir aus der Sicht des dem Autoren ähnlich gezeichneten Protagonisten erleben. Der letzte Sommer der Kindheit, der für Chris entscheidende Weichen stellt und viele offene Fragen bereithält, für den Jungen, der nur auf den Platz selbstsicher agiert, wobei auch dies in Frage gestellt wird.

Doch nur im Nebenstrang geht es um den Sport. Den 15-jährigen beschäftigen ganz normale Dinge, wie die Frage, wer möchte ich sein, werde ich eine Freundin bekommen. Wird sich jemand je für mich interessieren? All die Sachen halt, die einem so umtreiben, bis man sie dann zum ersten Mal erlebt. In diesem Roman, in dem Christoph Kramer so wohltuend ruhig von diesem flirrenden Sommer erzählt, dass man meint jeden einzelnen Sonnenstrahl, wie auch manch bittere Enttäuschung auf der Haut zu spüren, verbindet sich all dies zu einer kompakten Erzählung.

Der Protagonist vor allem und sein Freund Johnny sind detailliert gezeichnet und führen uns durch die Handlung, die aus der Sicht des ersteren erzählt und greifbar wird. Zugänglich ist die Sprache, die sowohl die Figuren mit all ihren Ecken und Kanten zeichnet, als auch Orte so nahe bringt, als würde man zum Beobachter der Handlung in derer direkten Umgebung.

Immer dann, wenn mehrere Stränge aufeinander treffen, verdichtet sich die Geschichte, die man auf weiter Strecke wie in Zeitlupe erlebt, nur um dann kopfüber in die chaotische Gefühlswelt eines Teenagers geworfen zu werden, der in vielen Dingen einfach noch nicht weiß, wohin mit sich. Dabei wird diese Zeit komprimiert auf wenige Tage, diese dafür fast momentgenau erzählt. Eigentlich passiert so gesehen nicht viel, dafür jedoch eine ganze Menge.

Die beiden Protagonisten sind umgeben von weiteren Figuren, die zumindest sprichwörtlich einander die Bälle zu spielen, und die Handlung vorantreiben. Stechende Charaktereigenschaften werden nur insofern herausgearbeitet, sofern sie der Handlung nützlich sind.

Wirkliche Antagonisten gibt es nicht, wie auch, wenn sie, wie man gleich von Beginn an annehmen darf, einer realen Dorfgemeinschaft entnommen sind, die zusammenhält, in der jeder jeden kennt. Christoph Kramer schafft es aber auch, diese in Kontext eines für ihn bedeutenden Jahres darzustellen und so Beständigkeit, Veränderung und Aufbruch zusammen zu bringen. Man hat das Gefühl so den beiden Hauptfiguren, vor allem Chris nahe zu sein, den Stimmungen nachspüren zu können.

Es gibt keinen wirklichen Perspektivwechsel, immer wieder aber treffende Charakterbeschreibungen, gekennzeichnet durch die melancholische und doch lebensfrohe Beschreibungen des Teenagers, der einen Sommer beschreibt, dessen Tage endlos scheinen. Die Erzählung besticht nicht durch absurde Wendungen, sondern durch die Tonalität und Nachvollziehbarkeit, auch durch die Sprünge zwischen den Tagen, denen jeder ein zu weilen sehr kompaktes Kapitel eingeräumt ist, welches die Haupthandlung einrahmt.

In die Erzählung findet man sich gut ein, da ein jeder zumindest in Teilen ähnliche Erinnerungen an den letzten Sommer seiner Jugend hat, auch wenn der weitere Verlauf der Geschichte des echten Chris‘ natürlich ein sehr besonderer ist. Die gezeichneten Parallelen lassen auf einen dabei sehr bodenständigen und besonnenen Menschen schließen, was man glaubwürdig nur so schreiben kann, wenn man charakterlich nicht zu weit davon entfernt ist.

Die Geschichte, in der einzelne Szenen vom Kammerspiel bis zum inneren Monolog und großem kleinen Drama irgendwie alles bereithalten, wirkt dadurch rund. Schauplätze wie Figuren entstehen so gekonnt vor dem inneren Auge. Manche Szene hätte ich mir dabei noch ausführlicher gewünscht und über andere Figuren gerne mehr erfahren. Christoph Kramer wäre das sicher auch gelungen. Dass es ein Debütroman und kein rein biografisches Werk ist, darf hier als Glücksfall bezeichnet werden. Ich würde gerne noch mehr in dieser Art von ihm lesen wollen.

Es ist ein Fußballroman ohne zu viel Fußball, ein fiktionalisiertes Stück Erinnerung, welches ein Stück hinter die Fassade schauen lässt, nicht nur für jene, die sich an das Jahr 2006 zurück erinnern möchten, sondern vielleicht genau so zurückblicken auf den letzten Sommer der eigenen Jugend und kann dabei von Erwachsenen wie Jugendlichen gleichermaßen gut gelesen werden. Das schafft ja auch nicht jede Erzählung.

Eine Erzählung, die eine Sinnsuche beschreibt, die Liebe zum Leben, zur Familie, die erste Liebe und eine besondere Freundschaft. Große Themen sind das, gekonnt komprimiert. Die Stimmung des Romans ist sehr besonders und es darf die Empfehlung ausgesprochen werden, sich davon einfangen zu lassen.

Autor:
Christoph Kramer wurde 1991 in Solingen geboren und ist ein ehemaliger Fußballspieler, TV-Experte und Schriftsteller. Von 2014 bis 2016 war er deutscher Nationalspieler und wurde 2014 Weltmeister. Er wurde in Solingen zum Sportler des Jahres 2ß14 und 2015 gewählt und lebt in Düsseldorf. 2025 veröffentlichte er seinen ersten Roman.

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Uwe Wittstock: Karl Marx in Algier

Inhalt:
Am 18. Februar 1882 besteigt Karl Marx in Marseille den Dampfer Said und verlässt zum ersten Mal Europa. Den Tod seiner Frau Jenny drei Monate zuvor hat er nicht verwunden. Er ist krank und hofft auf Genesung in Algier. Während er dort die Eindrücke der neuen Kultur auf sich wirken lässt, zieht er unsentimental eine Art Resümee seines Daseins und Wirkens. Uwe Wittstock erzählt lebendig und fesselnd von der letzten großen Reise des großen Denkers und blickt mit ihm zurück auf sein außergewöhnliches Leben. (Klappentext)

Rezension:
Elf Monate vor seinem Tod ließ sich Karl Marx in Algier von Bart und Mähne befreien. Ob wegen des Wetters oder ob er ein Zeichen setzen wollte, ist nicht überliefert. Davor jedoch hatte der einstige sozialistische Untergrundkämpfer elf Monate in Algier verbracht, um zu genesen, was nicht gut gelang, ebenso wenig wie die weitere Arbeit an seinen Werken. Der Schriftsteller und Journalist Uwe Wittstock schaut zurück auf eine Zeit des selbst gewählten politischen Abseits, wie auch auf ein ebenso polarisierendes und bewegtes Leben und Wirken.

Noch vor der Betrachtung des Niedergangs des Kulturbetriebs, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1930 und der großen Flucht der Literatur, mit der französischen Hafenstadt Marseille als Sammelpunkt, 1940, widmete sich Uwe Wittstock den letzten Monaten im Leben Karl Marx und versuchte sowohl der Atmosphäre Algiers jener Zeit nachzuspüren, auch eine kompakte Beschreibung des Wirkens dieser bis heute streitbaren Figur. Nun wurde das Sachbuch einmal überarbeitet und liegt jetzt ebenfalls bei C. H. Beck vor.

Die Struktur dieses informativen und teilweise auf bis dato neu recherchierten Quellen basierenden Werkes, gibt dessen Tonalität vor. Immer im Wechsel wird einerseits von Karl Marx‘ Aufenthalt in der nordafrikanischen Stadt berichtet, die zur damaligen Zeit noch Bestandteil des französischen Kolonialreiches gehörte, andererseits dessen Leben und Werk, mit all ihren Facetten und auch Widersprüchen beleuchtet. Das liest sich noch nicht ganz so flüssig, wie die unter Wittstocks Feder erschienen neueren Werke, doch auch hier ist die Form die eines literarischen Sachbuchs, welcher hervorragend geeignet ist, Geschichte spannend und lebendig zu erzählen.

Dargelegt werden nicht nur entscheidende Weichenstellungen und Begegnungen im Leben des Intelektuellen, wie mit Julius Fröbel oder Karl Liebknecht,der stets die gut bürgerliche Fassade wahren, diese jedoch nur aufrecht erhalten konnte, da vor allem Friedrich Engels ihn einen Großteil seines Lebens unterstützte, und ständig auf die Revolution der unteren Klassen hoffte, die nie so eintreten sollte, als auch sein ideologisches Wirken, welches ihn mehrfach zum Staatenlosen machte. Persönliche Feinde inklusive.

Seine Beweggründe wie auch das Werk werden in kompakter Form analysiert, ohne zu sehr ins Detail oder Theoretische zu gehen, zudem der Kontrast dieser Jahre zu seinem letzten Lebensabschnittes, dieses vor allem auch privat gebeutelten Mannes. Dabei ist nicht nur das Portrait einer streitbaren Figur, sondern auch eines Kontinents im Wandel jener Jahre entstanden, die da abgerundet durch ein umfangreiches Quellenverzeichnis und ein wenig Fotomaterial nun neu aufgelegt zur Verfügung steht. Wer mal einen ganz anderen Ansatz der Herangehensweise erlesen möchte, sich mit Karl Marx zu beschäftigen, der greife zu diesem Werk.

Autor:
Uwe Wittstock wurde 1955 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Literaturkritiker, Lektor und Autor. Zunächst arbeitete er als Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er von 1980 bis 1989 der Literaturredaktion angehörte, danach wirkte er als Lektor beim S. Fischer Verlag.

Zur gleichen Zeit war er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Neue Rundschau. Im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Feuilletonchef der Tageszeitung Die Welt, zwei Jahre später Kulturkorrespondent in Frankfurt/Main. Bis 2017 arbeitete er als Literaturchef des Magazins Focus. Zu seinen Werken zählen mehrere Sachbücher. 1989 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis für Journalismus.

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Jörg Baberowski: Die letzte Fahrt des Zaren

Inhalt:
Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen die Proteste ausweiten und die staatliche Ordnung in Bedrängnis gerät. Doch weil der Innenminister glaubt, alles im Griff zu haben, verlässt der Zar mit seinem glamourösen Hofzug die Hauptstadt. Er sollte sie nie wieder betreten, denn jetzt geht alles ganz schnell, bricht eine unerschütterlich wirkende Herrschaft in wenigen Tagen zusammen. In einem alles mitreißenden Strudel geht das Zarenreich unter und mit ihm alle Alternativen, die Russland in eine andere Zukunft geführt hätten.

Die letzte Woche des Zarenreichs so lebensnah, als säße man im Kino. (Klappentext)

Rezension:
Die 300-jährige Dynastie der Romanows scheint auch in Kriegszeiten unerschütterlich mit beiden Beiden in der Gesellschaft des Riesenreichs verankert, in den man auf den Straßen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Unterschiede zwischen den Ständen merkt. Die einen leben in prächtigen Palästen in und im Umland von Petrograd, besuchen Opernstücke und Theateraufführungen, die anderen schufften in den Fabriken, die sich an der Newa teilweise in direkter Nachbarschaft wie bei einer Perlenkette aneinanderreihen. Die Differenzen zwischen den Lebenswirklichkeiten beider Welten, sie könnte nicht größer sein.

Schon länger brodelt es unter der Oberfläche der einen leise vor sich hin, von der alten Ordnung kaum beachtet oder ernst genommen. Doch innerhalb weniger Tage kehren sich die Verhältnisse um, versinkt Russland in Anarchie und Chaos und die Herren von einst müssen plötzlich um ihr Leben fürchten. Der Historiker Jörg Baberowski zeichnet in seinem hoch informativen und gut recherchierten Sachbuch das Bild eines Strudels, der sich immer schneller dreht und den sich keiner entziehen kann, sobald dieser die Betroffenen erfasst.

Vorangestellt ist Reflexion jener Tage zunächst ein Zitat von Hannah Arendt, über die Zersetzung de Staatsmacht und warum Revolutionen des Zepter von standhaft geglaubten Systemen übernehmen, welches bezeichnend ist für jene Tage, deren Spuren der Autor nachverfolgt. Dabei schafft Baberowski zunächst einen Überblick über die Situation in der glanzvollen Stadt der Zaren, in der das Leben auch in Kriegszeiten unbeirrt weiterzugehen scheint, zeigt aber auch den Kontrast zum übrigen Russland, der Frontgebiete auf, die für die Regierenden im Fokus stehen, dabei die Lebenswirklichkeiten der Menschen nicht ernstnehmend, was ihnen bald auf die Füße fallen wird.

Es ist ein Land voller Gegensätze, welches anhand der dargestellten Personen deutlich wird, derer wir auf Schritt und Tritt folgen, den weltfremden Komponisten einerseits, der einmal am gleichen Tag wie Stalin unbeachtet von der Welt sterben wird, einem Herrscher, der sich nicht für das Regieren oder gar für Entscheidungen eignet und das Volk, welches unter der sich mehr und mehr zuspitzenden Versorgungslage leidet, auf der anderen Seite.

Diese Gemengenlage ist es, die den Kessel innerhalb weniger Tage zum Explodieren bringen und einen Strudel der Gewalt und Willkür oder, dem bald ehemaligen Zaren zufolge „Lüge, Feigheit und Verrat.“, entfesseln wird und dieses hochspannend formulierte Sachbuch die Chronologie dieser Ereignisse. Auf reicher und vielschichtiger Quellenlage gestützt verfolgt Baberowski, wie Fehlentscheidungen der einen, wie Zufälle und Glücksgriffe, je nach Perspektive, zu den Zusammenbruch eines Systems führten, welches die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte und der dessen Verbündete in Zweifel stürzen sollte und ein Land in einen Bürgerkrieg, den schon zu Beginn Hunderte zum Opfer fallen sollten.

Eingerahmt zwischen einer Karte Russlands und Petrograds wechseln die Schauplätze der Handlungsorte jener Tage, wie auch das Tableau an Personen, die plötzlich zu Entscheidern werden, aber auch jenen, die nun in einem Scherbenhaufen stehen, den sie selbst verursacht haben. Der Geschichtswissenschaftler verfolgt dabei vielen Spuren, so dass ein spannendes Portrait dieser Zeit entsteht, welches dazu einlädt, selbstständig zu recherchieren, ob der Leben handelnder Personen oder Orten und Gebäuden, ihrer Historie. Dabei wird hier der Mechanismus eines Zerfalls dargestellt, der sowohl die Schwächen eines starren und nicht zur Wandlung fähigen Systems aufzeigt, andererseits Ausnahemzustand, aber auch, dass die Revolution auch dort nicht halt macht, vor jenen, die sie entfesseln.

Geschichte kann so spannend wie ein Krimi sein, ein Teppich voller Handlungsstränge, bei denen eines zum anderen führt. Klar wird, Revolution und Bürgerkrieg waren nicht gesetzt, nicht einmal der Fall der einst mächtigsten und größten Herrscherdynastie der Welt selbst. Das zeigt Jörg Baberowski in aller Deutlichkeit, ohne entscheidende Details auszulassen und dennoch so kompakt wie möglich uns in jene Tage eintauchen zu lassen. Am Ende wird dabei auf einzelne Akteure nochmals eingegangen, hier hätte ich mir jedoch noch ein kleines Personenregister mit biografischen Informationen gewünscht. Das jedoch fällt nicht wirklich weiter ins Gewicht.

Ansonsten ist die Lektüre allen zu empfehlen, die die Atmosphäre dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven heraus aufgreifen möchten. Man wünscht sich mehr Sachbücher jener Art.

Autor:
Jörg Baberowski wurde 1961 in Radolfzell am Bodensee geboren und ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Seit 2002 ist er Professort für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte zunächst Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Göttingen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/Main. In Tübingen habilitierte er, mehrere Forschungsaufenthalte u. a. in Finnland und Russland schlossen sich an.

Im Jahr 2001 übernahm er den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschhichte in Leipzig vertretungsweise, bevor er nach Berlin wechselte, von 2004-2006, sowie 2007-2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften. Er ist Autor mehrerer Bücher und Aufsätze zur russischen und sowjetischen Geschichte, sowie von Kolumnen in verschiedenen Zeitungen.

2012 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, in der Kategorie „Sachbuch“.

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Manfred Koch: Rilke – Dichter der Angst

Inhalt:
Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst sei „Dinge machen aus Angst“, schreibt er im Juli 1903 seiner ehemaligen Geliebten Lou Andreas-Salome. Manfred Koch zeigt in seiner neuen, Leben und Werk gleichermaßen in den Blick nehmenden Biographie Rilke als hochsensibles Echolot und geschlechtlich fluidesten Dichter der heraufziehenden Moderne. So entsteht die mitreißende Erzählung eines radikalen Lebens, das ganz Kunst sein will und dadurch eine Wahrnehmungssensibilität entfaltet, die erschreckend nah in Berührung kommt mit den Abgründen in ihm selbst und in seiner Zeit. (Klappentext)

Rezension:
Rilke, für den Dichtung alles war, kann man vielleicht als einen der ersten wirklichen Europäer bezeichnen, der er dies zu einer Zeit gewesen ist, als der Nationalismus um sich greifen und den ersten Weltenbrand entfachen sollte, der den Kontinent erschütterte. Bis dahin und in der danch folgenden kurzen Zeit der Stabilisierung hatte der Dichterfürst nicht nur die Schweiz gesehen, auch in Ländern wie Frankreich, Russland oder Spanien und Italien war er auf der Suche nach sich selbst gewesen, nach Inspiration und Unterstützung. Diesen Weg zum einen, zum anderen über Rilkes Texte folgt der Literaturwissenschaftler und Essayist Manfred Koch.

Entstanden ist dabei eine in mehreren Aspekten bezeichnende Biografie.

Lesefreundlich gegliedert sind die einzelnen Lebesstationen überschriebenen Kapiteln in kompakte Abschnitte, in denen wir über das Werk Rainer Maria Rilke kennen, dessen Kindheit prägende und komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung bezeichnend sein sollte für die Entstehung und den Zugang des Dichters zu seinen Texten selbst, sowie zu den späteren Beziehungen zu seinen Mitmenschen. In seiner Form handlich, lernt man so einen Großteil des Schaffens Rilkes kennen, was die Biografie zur empfehlenswerten Lektüre macht, kennt man vorher nur ein wenig davon. Zugleich schildert der Autor so viel Zeitgeschehen und gibt hier auch, was sich bei einem solch umtriebigen Menschen anbietet, einen guten Überblick über den Kulturbetrieb Europas jener Jahre.

Manfred Koch beschönigt jedoch nichts, sondern zeigt auch auf, wie problematisch die Beziehungen Rilkes vor allem zu den von ihnen umschwärmenden und umschwärmten Frauen gerade für diese selbst werden konnten, aber auch, den psychischen Leidensdruck auf, der Rilke zu meisterhaften Texten befähigte, jedoch Zeit seines Lebens ihn selbst und seine Umgebung auch schadete, und dies nicht zu knapp. Es ergibt sich dabei in vielen Fascetten absolut kein symphatisches Bild, welches man wohl in anderen Biografien suchen muss, doch eine umfassende Analyse eines Schaffens, welches Grenzen vieler Art zu durchbrechen vermochte.

Den Weg zu gehen, einmal umgedreht vom Werk zu den einzelnen Lebensstationen, ist eine mal andere Variante, ein Leben zu betrachten und darf als gelungen bezeichnet werden, zudem hier wirklich auf viele Texte eingegangen wird, die Rilke im Laufe der Jahre geschaffen hat. Auch die Kompliziertheit und fast krankhafte Unerbittlichkeit des Dichters gegenüber sich selbst und seiner Arbeit herauszustellen, dies in einer kompakten und doch hinreichend detaillierten Form zu packen, hat Manfred Koch geschafft, dessen Fachkenntnis und Anerkennung für Rilkes Werk in jeder Zeile zu spüren ist, denen eine jahrelange Recherchearbeit vorausging.

Eine umfangreiche Quellenlage, sowie ein ausgewählter Bildteil ergänzen die Lektüre. Nur die ist zu bewerten. Würden wir dies nach Umschlagen der letzten Seite auf Rilke als Person ausweiten wollen, müssten für ihn selbst so einige Abzüge gemacht werden.

Autor:
Manfred Koch wurde 1955 in Stuttgart geboren und ist ein deutscher Literaturwissenschaftler und Essayist. Er studierte zunächst in Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte, bevor er ebenda promovierte. Von 1988 an arbeitete er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Thessaloniki, derer sich eine wissenschaftliche Assistenzstelle in Gießen anschloss. Von 2001 bis 2003 hatte er eine Vertretungsprofessor in Tübingen inne, von 2004 an war er Mitorganisator der Poetik-Dzentur. Von 2009 bis 2021 lehrte er in Basel als Privatdozent und unterrichtete anschließend in Vermond. Er schrieb Beiträge für die Neue Zürcher Zeitung, publizierte und verfasste Radio-Essays für den SWR2.

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Can Dündar/Mohamed Anwar: Erdogan

Inhalt:
Mit der gezeichneten Biografie von Recep Tayyip Erdogan legen der Journalist Can Dündar und der Zeichner Mohamed Anwar einen Meilenstein der Graphic Novel Literatur vor.

Für jeden Menschen wird klar, wie der türkische Präsident Erdogan den Berg der Macht bestieg, was seine Interessen sind und wie er sie verfolgt. Die Entwicklungen in der heutigen Türkei werden nachvollziehbar, die Herausforderungen der türkischen Gesellschaft und die Schwierigkeiten im Umgang mit einem autoritären Machthaber, der sich in den Augen des italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi, zu einem Diktator wandelte.

Das Buch erklärt, es verurteilt nicht. Es ist ein Beitrag zur Aufklärung über die politische Türkei. Das Werk überrascht, fasziniert und ernüchtert. (Klappentext)

Rezension:
Einen ungewöhnlichen Weg, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der inzwischen ein Land auf sich selbst und seine Gefolgsleute ganz und gar auf sich selbst zugeschnitten hat, haben der Zeichner Mohamed Anwar und der Journalist Can Dündar gewählt. Daraus entstanden ist eine Biografie über dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Form einer Graphic Novel. Die Hintergründe minutiös recherchiert zeigt sie wie das Land den Menschen formte, der später sich zum autoritären Herrscher entwickeln sollte und wie Erdogan die dem Staat zugrunde liegenden Mittel nutzte, um auf den Gipfel der Macht zu gelangen.

Spätere Jahre ausgelassen, haben sich die Macher ganz auf den Weg zur Ernennung Erdogans zum türkischen Ministerpräsidenten konzentriert, wie dieser die politischen Mechanismen zu nutzen wusste und vor allem, den richtigen Riecher für bestimmte Stimmungen im politischen Establishment zu wahren, aber auch den Willen zur Macht zu portraitieren. Can Dündar und Mohamed Anwar zeigen auf, wie der frühe Erdogan mit Rückschlägen und Widersachern umging und zeigen den Wandel eines politischen Chamäleons, welches er ist.

Die dargestellten Ereignisse sind dabei belegt, anhand von Recherchen innerhalb einer Vielzahl schriftlicher Quellen, Berichte von Erdogan selbst als auch von langjährigen Wegbegleitern verschiedener biografischer Stationen und manchem Foto, welches Ereignisse festhält, an dem der so Porträtierte später überhaupt nicht gerne erinnert werden möchte. Diese wurden innerhalb der Geschichte im gleichen grafischen Stil gezeigt, welches die Graphic Novel einnimmt. Verschieden große Panels zeigen im Kontrast von Schwarz Weiß diesen Menschen, über den am Ende so vieles klar zu sein scheint. Ohne zu werten. Gezeigt wird, was war.

Dies ist die Stärke dieser eindrucksvollen und sehr besonderen Biografie, in der Schlüsselmomente durchaus auch eine ganze Seite einnehmen, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist zugleich eine Graphic Novel, die zum Recherchieren einlädt, ohne dass man von zu viel Sachinformation erschlagen werden würde. Mit dieser Biografie erhält man dennoch ein gewichtiges Stück Geschichte, deren Fortsetzung ein noch größeres Politikum wäre, auch wenn Erdogan beiden Schaffenden schon genug zürnen dürfte. Trotzdem oder vor allem deshalb wäre eine weitere, ebenso ernsthafte wie neutrale Auseinandersetzung mit den weiteren Stationen dieses Mannes wünschenswert.

Autoren:
Can Dündar wurde 1961 in Ankara geboren und ist ein türkischer Journalist, Autor und Dokumentarfilmer. 1979 unternahm er erste Schritte in Richtung Journalismus, bis er 1988 zum Fernsehen wechselte und dort u. a. die Hauptnachrichten moderierte. Zudem betätigte er sich als Autor und schrieb über 40 Bücher in der Türkei. Nach einem Bericht für die renommierteste Zeitung des Landes wurde er nach einem Bericht verhaftet, im Zuge eines Revisionsverfahren jedoch freigelassen. 2016 wurde ein Schusswaffen-Attentat auf ihn ausgeübt. 2016 reiste er nach Deutschland aus, dort schreibt er regelmäßig für DIE ZEIT und andere Zeitschriften und Magazine. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und leidet das gemeinsam mit Correctiv geründete Online-Magazin und Webradio #ÖZGÜRÜZ.

Mohamed Anwar ist ein ägyptisch-sudanesischer Comiczeichner und politischer Karikaturist. 2007 begann er seine Laufbahn als Zeichner für eine ägyptische Tageszeitung, während seines Studiums der Biomedizintechnik. Er schrieb für mehrere ägyptische und arabische Zeitungen und Zeitschiften und wechselte 2010 zu der auflagestärksten in Ägypten, in der er noch immer Cartoons veröffentlicht. 2017 wurde Anwar mit einem der renommiertesten Preisen des ägyptischen Journalismus ausgezeichnet. Nach Revision der Reformen wurde Anwar 2019 verhaftet und aus Ägypten deportiert. Nach Station im Libanon ließ er sich in Berlin nieder.

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Gregor Eisenhauer: Emigrant des Lebens – Erich Kästners letzte Jahre

Inhalt:
Erich Kästner (1899-1974), dessen Todestag sich 2024 zum 50. Mal jährt, war ein deutscher Kinderbuchautor. Bücher wie „Pünktchen und Anton“ (1931) oder „Das doppelte Lottchen“ (1949) wurden geliebt, millionenfach verkauft, vielfach verfilmt – und sind noch immer nicht vergessen. Kästners Leben Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre lässt sich als Komödie erzählen. Er schrieb in kurzer Zeit drei Gedichtsbände, die ihn zum Liebling der Leser und vor allem der Leserinnen machten. Er wurde mit „Emil und die Detektive“ (1929) über Nacht weltberühmt. Und er verdiente sehr viel Geld.

Was in Vergessenheit geriet, Erich Kästner war in seinen letzten Lebensjahren ein tieftrauriger mensch, der zusehends versteinerte. Davon handelt dieses Buch. Es erzählt, wie es dazu kam: dass einer, der allen Grund hatte, glücklich zu sein, einsam starb. (Klappentext)

Rezension:
Die Figuren seiner Bücher unterscheiden sich. Trennlinien lassen sich ziehen, zwischen denen, die in seinen Büchern für Erwachsene und für Kinder eine Rolle spielen, noch mehr Unterschiede zwischen den Zeilen entdeckt man, wenn man die Texte des berühmten Schriftstellers in jene unterteilt, die dieser vor und nach Kriegsende geschrieben hat. So erfährt man viel, jedoch nicht all das, warum ihn, der geblieben war, um Zeitzeuge zu sein, nach 1945 zu sehr die Worte fehlten. Der Schriftsteller Gregor Eisenhauer begibt sich auf Emils Spuren und folgt dem Idol seiner Kindheit. Daraus entstanden ist diese Biografie Erich Kästners letzter Jahre.

Es ist eine ungewöhnliche Annäherung an eine große Persönlichkeit. Viele biografische Schriften weisen eine weit nüchterne Tonalität auf, als diese, die sehr individuell daherkommt. Der Autor nähert sich über seine eigene Gefühlswelt für die Texte, für die Person Kästners und seiner Werke einem Leben, welches von Glück durchdrungen schien. Gregor Eisenhauer aber blickt hinter die Fassade.

Diese bekommt erste Risse, so erfahren wir, bereits zu Beginn seiner journalistischen und später schriftstellerischen Laufbahn, die rein karriertechnisch die Erfolgsspur lange nicht verlässt. Über diese Risse wird er erst später Andeutungen verlauten lassen. Erdrückende Mutterliebe, die ihn bis über deren Tod hinaus, die Luft zum Atmen nimmt.

Diese Fakten und all das, was da kommt, sind bereits bekannt, neu ist jedoch die Einordnung und auch Gegenüberstellung gegenüber den Personen, ohne die Erich Kästner nicht sein konnte, aber auch, die ohne ihn nicht sein wollten. Auch die Inbezugnahme Kästners literarischer Arbeiten im Blick auf dessen letzter Jahre ist so bisher noch nicht zu lesen. Immer wieder schimmert der persönliche Bezug des Autoren zu Erich Kästner hindurch, der sich einer fundierten Quellenlage bedient hat und erläutert, wie und warum Schaffenskraft in den Hintergrund trat oder auch, dass eine große Buch, welches alle nach dem Krieg von ihm erwartet hatten, von Kästner nicht geschrieben werden konnte.

In kurzen übersichtlichen und kompakten Kapiteln verfolgt Gregor Eisenhauer mehrere Möglichkeiten der Annäherung und die Frage, was Erwartungen mit einem der Großen gemacht haben, die dieser nicht erfüllen konnte, zudem nachdem immer mehr Ursachen sich mit den Jahren ihn in den Vordergrund geschoben haben. Wer gleich Emil sich auf diese Spurensuche begeben möchte, ist mit der Lektüre hier gut bedient.

Autor:
Gregor Eisenhauer wurde 1960 in Mosbach geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er studierte zunächst Germanistik in heidelberg und promovierte anschließend in Berlin in Philosophie. Er ist verfasser von Romanen und Erzählungen, sowie Rundfunk-Features und erhielt 1996 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Für den Berliner Tagesspiegel schreibt er regelmäßig Nachrufe zu verstorbenen Menschen.

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