Bericht

Peter Schaar: Schöne neue Stadt

Inhalt:
Der Traum von der idealen Stadt ist so alt wie die Stadt selbst. Die jüngste Ausprägung dieser Utopie ist die Smart City – die intelligente Stadt, vollgepackt mit modernster Technik und umfassend digitalisiert. Doch machen Flugtaxis und Hyperloops, allgegenwärtige Sensorik, Zugangskontrollsysteme und eine datengestützte Steuerung die Stadt der Zukunft wirklich zu einem lebenswerten Ort? Sind sie die Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen, vor denen die rasant wachsenden Metropolen heute stehen? Oder mutiert das vermeintliche Verwaltungsparadies am Ende nicht vielmehr zu einem digitalen Moloch?

Diesen Fragen geht Peter Schaar in seinem packenden Buch auf den Grund. Der langjährige Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit beleuchtet kenntnisreich aktuelle Fehlentwicklungen, zeigt aber auch, wie sich verhindern lässt, dass die smarte Stadt zu einem Überwachungsalbtraum wird. (Klappentext)

Rezension:
Hitzeinseln, das Müllproblem oder die Steuerung des Verkehrsflusses, Teilhabe an Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Anwendungsbereiche für Smart Technology gibt es genug, zumal zukünftig, wenn noch mehr Menschen als ohnehin schon in Metropolen und anderen Ballungsräzumen leben werden. Doch, was bedeutet das? Welche Vor- und Nachteile entstehen da durch und womit werden die Entscheidungsträger, nicht zuletzt wir, die dort leben, immer häufiger konfrontiert werden?

Der ehemalige Bundesbeauftragte für Datenschutz Peter Schaar hat dies für das vorliegende Sachbuch einmal verständlich aufbereitet und zeigt an existierenden Beispielen, vor welchen Herausforderungen und Problemen wir inmitten der Smart Cities konfrontiert werden, was es zu beachten gilt und wo unsere Chancen liegen können.

Aber, was ist eigentlich eine Smart City? Wie ist sie aufgebaut und welchen Stand haben Digitalisierung und digitale Transformation iin der Welt und in Deutschland? Welche Ansätze funktionieren schon und wie eigentlich, misst man die Intelligenz einer Stadt überhaupt? Mit dieser Einführung beginnt Peter Schaar seine Darlegung einer hoch komplexen Thematik, die hier jedoch so aufbereitet ist, dass sie für Laien über die gesamte Strecke verständlich bleibt. Kurze Unterkapitel lassen dabei keinerlei langatmige, allzu fachorientierte Ausführungen zu. Jeder abschnitt wird zudem gegen Ende noch einmal zusammengefasst.

So gelingt es, sich ohne Schwierigkeiten einen zwar kritischen Überblick über einen spannenden Bereich städtischer Entwicklung zu gelangen, aber auch welche Faktoren wie betrachtet werden müssen, um aller Facetten gewahr zu werden. An Beispielen rund um den Globus, von Kanada bis China zeigt er Fehlentscheidungen und Problemstellungen auf, erläutert, welche Projekte in Deutschland angestoßen wurden und wo in Europa eine Stadt zeigt, wie Transformation und Datenschutz gelungen im Einklang gebracht werden kann. Es ist dabei keine Buch, in welchem einseitig auf Smart Citys geschaut, sondern vielmehr allen Schattierungen Rechnung getragen wird. Diese Ausgewogenheit, so erfährt man hier, ist auch notwendig, so man sich mit der Materie beschäftigt.

Peter Schaar bietet Überblickswissen und lädt dazu ein, mit offenen Augen durch die eigene Stadt zu gehen, aber auch eigene Recherche zu betreiben. Fachkenntnis trifft hier auf eine umfassende Quellenlage, die gegen Ende des erhellenden Sachbuchs die einzelnen aufgeführten Punkte untermauert. Wer sich unvoreingenommen eine Meinung bilden und alle Seiten betrachtebn möchte, ist mit der Lektüre gut bedient.

Autor:
Peter Schaar wurde 1954 in Berlin geboren und ist ein deutscher Datenschutzexperte. Er studierte zunächst Volkswirtschaft in Berlin, Frankfurt/Main und Hamburg, bevor er in verschiedenen Funktionien in der Verwaltung Hamburgs tätig war. 1986 wurde er zunächst Referatsleiter, dann stellvertretender Datenschutzbeauftragter der Hansestadt. 2002 wechselte Schaar vorrübergehend in die Privatwirtschaft, bevor er 2003 das Amt des Bundesbeauftragten für Datenschutz ausübte, bis 2013.

Er war Mitglied der Artikel-29-Datenschutzgruppe der EU-Mitgliedstaaten, sowie in der Internationalen Datenschutzkonferenz tätig. Seit 2007 ist er zudem Lehrbeauftragter der Universität Hamburg, sowie seit 2016 in der Schlichtungsstelle der Telematikanwendungen der Gesundheitskarte tätig. Er engagiert sich in der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz und Autor mehrere Bücher. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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Marcus Bensmann/David Schraven: Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen

Inhalt:
Wladimir Putins Einfluss in Europa wächst. Damit er Russland wieder zu vergangener Größe und Macht führen kann, muss die Westbindung Europas fallen. Seinen Griff nach der Vorherrschaft auf dem Kontinent hat der russische Präsident lange vorbereitet: Über zweieinhalb Jahrzehnte hat Russland unter Putin seine Netzwerke in Europa ausgebaut und Deutschland abhängig gemacht von seinem Gas.

Desinformationskampagnen, Cyberattacken und Sabotageaktionen destabilisieren die Ordnung und den Frieden in der EU. Parteien wie AfD und BSW nähern sich ideologisch dem Kreml und vertreten dessen Positionen, während das transatlantische Bündnis zersetzt wird.

„Europas Brandstifter“ bündelt die Russland-Recherchen des gemeinnützigen Medienhauses Correctiv aus den vergangengen zehn Jahren. Wir haben alte Stasi-Akten zu Putins frühen Jahren in Dresden ausgewertet, das Lobbynetzwerk um Gazprom mit seinen Verstrickungen bis tief in die deutsche Politik transparant gemacht und über Russlands Verrohung berichtet, über die Korruption im Justizsystem, über die Gewalterziehung in der Armee und die Kriegsverbrechen russischer Soldaten. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jahrzehntelangen Angriffs. Europa muss sich ihm endlich stellen. (Klappentext)

Rezension:
Spätestens seit den Überfall auf die Ukraine, aber Cyberattacken, die ganze Verwaltungen im Westen zeitweise lahmgelegt haben, ist klar, das Russland unter Putin versucht mit vielfältigen Möglichkeiten eine Lücke zu schließen, die nach Ansicht Putins seit dem Zerfall der Sowjetunion bestand. Sei es geopolitischer Natur, aber auch gegen Kritiker eines Systems, welches spätestens seit der Machtübernahme Putins ganz und gar auf dem ersten Mann im Kreml zugeschnitten wird, unterstützt von einer Gesellschaft, deren Verrohungen der Gewalt von Soldaten und brachialer Methoden der russischen Geheimdienste kennzeichnend sind.

Das journalistische Netzwerk Correctiv hat nun seine Reportagen der vergangenen Jahre aktualisiert und gebündelt, unter Federführung der Autoren Marcus Bensmann und David Schraven zusammengestellt. In „Europas Brandstifter – Putins Krieg gegen den Westen“ verfolgen sie die Spuren des KGB-Mann Putins von Dresden aus, bis in die höchsten Ebenen der russischen Politik und zeigen auf, wie Putin einerseits treue Gefolgsleute in Position gebracht und diese sich selbst lange Jahre danach erkenntlich zeigen, bis tief hinein in die deutsche Wirtschaft und Politik.

Wie funktioniert das Lobby-Netzwerk von politischen Entscheidungen im Kreml und der Geheimdienste bis hinein zu beinahe undurchsichtigen Firmengeflechten, die in Deutschland auch bis nach Beginn des Ukraine-Krieges abhängig machen sollen einerseits und gleichzeitig unsere demokratische Grundordnung destabilisieren? Durch Hackerattacken des FSB, bis hin zu Anschlägen auf missliebige Personen, die sich kritisch zeigen.

Correctiv schlüsselt auf, zeigt detailliert und genau diese Verstrickungen auf und zieht Linien von Putins Biografie bishin zu den brutalsten Auswirkungen im Ukraine-Krieg, der in Russland selbst nur Spezialoperation genannt werden darf, ohne auch die Mauern des Schweigens voller Erinnerungslücken zu verschweigen, auf die die Journalisten stoßen, wenn sie Personen zu bestimmten Lobby-Veranstaltungen, etwa in Sotchi, befragen oder dass sich Wehren von Politikern, die ihr Anteil an der Abhängigkeit von Moskau nicht gerne Schwarz auf Weiss sehen wollten. Dabei stellt sich mittendrin auch die Frage, wie umfassend oder für die Masse übersichtlich, kann Journalismus noch sein, wenn dies geschieht?

Die Autoren der Reportagen versuchen dies und schaffen es in einer Deutlichkeit ihr Anliegen an uns, und vor allem an die Politik mit klaren Worten zu formulieren. Das Russland-Bild, welches manche Entscheidungsträger hierzulande noch in sich tragen, ist gefährlich veraltet oder gar romantisiert, wenn auch einige wenige Stellschrauben seit Erscheinen des Buches nun anders gestellt wurden. Bündig klärt Correctiv hier die Fascette hinter dem auf, was gerade passiert und was Putin und seine Getreuen über Mittelsmänner und staatliche Organe versuchen zu erreichen.

Nichts weniger als die Zerstörung des Zusammenhalts der westlichen Gesellschaft und das Abhängigmachen zu Gunsten von Macht und Einfluss. Wer diese Verflechtungen verstehen möchte, ist daher mit der Lektüre bestens bedient, die einerseits dem Zeitstrahl der Biografie Putins und der russischen Aktivitäten folgt, andererseits Strategien, Gewalt und das politische System, sowie das Lobbynetzwerk im Einzelnen aufschlüsselt. Jede Thematik für sich würde ausreichen, ein eigenes Buch noch ausführlicher zu füllen. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt.

Autoren:
Marcus Bensmann wurde 1969 geboren und ist ein deutscher Journalist. Bekannt wurde er durch seine Augenzeugenberichte über die Unruhen in Usbekistan, 2005, wegen der er schließlich gezwungen wurde, das Land zu verlassen. Im Jahr 2014 untersuchte er die russische Urheberschaft des MH-17-Abschusses. Der Invesitigativjournalist arbeitete für verschiedene Zeitungen und Magazine und ist seit 2014 Mitglied des Recherchenetzwerks Collectiv. Dort recherchiert er zu Russland und zur AfD.

David Schraven wurde 1970 in Bottrop geboren und ist ein deutscher Journalist. Schon während des Studiums arbeitete er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine und war Mitgründer des Nachrichtenbüros Zentralasien/Kirgisien. 1996 wurde er Gründungsgeschäftsführer der taz-Redaktion Ruhr. Daneben arbeitete er mehrere Jahre als Dozent im Bereich Nachrichtenschreiben der Universität Essen. Nach verschiedenen Stationen leitet er seit 2014 das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv und gründete2017 zusammen mit Corndt Schnibben die Online-Journalistenschule Reporterfabrik. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet.

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Michelle Müller-Nagy: Hinter deinem Schatten

Inhalt:
Michelle ist fünfzehn und psychisch krank. Als sie sich bei einem renommierten Filmprojekt bewirbt, das labile Menschen porträtiert, trifft sie auf den verheirateten Alexander. Der gute Ruf des sozial engagierten Unternehmens trügt: Bald beginnt der Regisseur Grenzen zu übertreten und missbraucht Michelle auf subtile Weise über Jahre hinweg.

Die Jugendliche verfällt immer mehr in eine totale emotionale Abhängigkeit dem wesentlich älteren Mann gegenüber. Sie gerät in einen nicht enden wollenden Kreislauf aus Selbstzerstörung, um ihren Schmerz und die Einsamkeit zu betäuben, die Alexander in ihr hinterlässt.

Sie sieht nur noch einen letzten Ausweg, ihrer Abhängigkeit ein Ende zu setzen: Den eigenen Tod.
(Klappentext)

Rezension:
Wie viel Schmerz, wie viel Leid kann eigentlich ein Mensch tragen, ohne daran zu zerbrechen? Wie viel Mut braucht es, sich selbst zu erkennen, Hilfe anzunehmen, um mit Rückschlägen, die es, je heftiger das Erlebte, das Krankheitsbild ist, zwangsläufig gibt, umzugehen? Niemand weiß das besser als Michelle Müller-Nagy, deren Weg schon in jungen Jahren einem Pfad voller Scherben gleicht, auf dem sie mehrfach fällt und trotzdem weitergeht. Darüber erzählt sie in ihrem bedrückenden und doch irgendwie mutmachenden Buch „Hinter meinem Schatten“, erschienen bei Pinguletta.

In einer Mischung aus Biografie und Verarbeitungsbericht schildert die Autorin entscheidende Jahre ihres Leidenwegs in die emotionale Abhängigkeit. Falsche Vertrauenspersonen, Therapeuten ohne Verständnis für den Ballast eines jungen Menschen und ein steiniger Weg zur Selbsterkenntnis, kennzeichnen spätestens ihr Leben seit ihrem fünfzehnten Geburtstag. Ungeschönt erzählt sie davon, von ihren Kampf um einen Platz, den sie lange vergeblich versucht zu finden, der sie mehrfach in den Abgrund stürzen lässt. Hineingesogen wird man beim Lesen in eine Lebensgeschichte voller erdrückender Momente, die in rasend schneller Taktung aufeinander folgen. Atempausen hatte die Autorin kaum. Lichtblicke zerplatzten ihr so schnell wie Seifenblasen.

Diese Geschichte geht unangenehm unter die Haut. Liest man einen Abschnitt, mag man sich kaum vorstellen, was als nächstes passieren wird. Man leidet mit, wenn wieder ein Chatverlauf, wieder ein Aufeinandertreffen neue Wunden schafft und erkennt, wie verkettet und übergreifend psychische und körperliche Krankheitsbilder sind und auf Müller-Nagy eingewirkt haben müssen, ihr die Luft zum Atmen genommen haben. Wer sich darin auch nur punktuell wiedererkennt, dem zeigt die Autorin, dass kleinste Strohhalme reichen, sich daran zu klammern und sich immer wieder am Leben zu halten. Auch jeden anderen muss die Lektüre unbedingten Respekt abnötigen.

Immer wieder innehalten muss man, um selbst den Kopf freizubekommen. Zu unfassbar ist das, was die Autorin da schildert, die ungeschönt kritisch mit sich selbst umgeht und uns ihr Innerestes offenbahrt. Wut kommt dabei hoch. Warum hast du nicht gleich gesehen, was dich kaputt macht, aber noch viel mehr, warum habt ihr da draußen nicht gesehen, wie jemand kaputtgeht? Die Autorin hält sich selbst und vor allem allen anderen den Spiegel vor und gibt damit Einblick in eine Welt, die man kaum begreifen kann, steht man außen. Und wird damit zur wichtigen Stimme derer, die in unserer lauten tosenden Welt fast nicht zu hören sind. Mit Krankheitsbildern, für deren Gewalt kaum Worte zu finden sind.

Dieser Erfahrungsbericht ist so viel Michelle Müller-Nagy, deren offener Umgang mit ihren Erfahrungen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, wie auch Pinguletta, dessen Verlagsprogramm wie kaum eines sonst Menschen ins Blickfeld rücken lässt, die sonst keine Bühne haben. Auf Augenhöhe. Die Autorin nimmt sich dafür Zeit, ihren Blickwinkel zu erörtern, dass eine Fortsetzung dieses Buch ergänzen muss, die sich direkt daran anschließt. Schon mit den ersten Seiten wird die Aufteilung auf zwei Bücher verständlich. Alleine diesen ersten Teil niederzuschreiben, muss ein unglaublicher Kraftakt gewesen sein.

Bitte mehr dieser grundehrlichen Lektüre und bitte mehr Sichtbarkeit solcher Menschen.

Autorin:
Michelle Müller-Nagy wurde 1995 in Erfurt geboren und leidet seit der Pubertät an Depressionen, selbstverletzenden Verhalten und Suzidalität. Ohre Erfahrungen zwischen behandlungen und Therapien, in den Bereichen Sucht, Borderline, emotionaler Abhängigkeit und Trauma verarbeitet sie auf einem eigenen Instagramkanal @talkingboutshadows. Sie ist Autorin mehrerer Kinderbücher und Gesellschaftsspiele.

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Kate Conger/Ryan Mac: Elon Musk und die Zerstörung von Twitter

Inhalt:
In einer Zeit, in der gute Narrative viral gehen und soziale Medien Wahlen entscheiden können, kauft sich der reichste Mann der Welt Twitter, um selbst darüber zu bestimmen, welche Inhalte die über 200 Millionen täglichen User weltweit zu sehen bekommen.

Die preisgekrönten New-York-Times-Journalisten Kate Conger und Ryan Mac haben auf Basis exklusiver Interviews, unveröffentlichter Dokumente und interner Twitter-Kommunikation ein bahnbrechendes Buch vorgelegt, das Twitter im schwierigen Kampf gegen Desinformation zeigt und in cineastischer Dichte den Ablauf eines unvergleichlichen Deals schildert, der alles änderte und eine neue Epoche einläutete.

Während sich der Online-Diskurs auch auf X, wie Twitter nun heißt, weiter radikalisiert und sich die Gräben zwischen den politischen Lagern vertiefen, ist es wichtiger denn je, darüber nachzudenken, wie die Demokratie gegen Menschen, die sich alles kaufen können, geschützt werden kann. (Klappentext)

Rezension:
Vor wenigen Jahren schlug die Nachricht des Kaufs eines der bedeutenden Plattformen unseres Planeten durch eine einzelne Person ein, wie eine Bombe. Für 44 Milliarden Dollar hatte der Unternehmer Elon Musk den Mikroblogging-Dienst Twitter erworben, den Musk, seinerzeit der reichste Mann der Welt, selbst regelmäßig nutzte, unter den Deckmantel, freie Meinungsäußerung schützen zu wollen.

Vorausgegangen war dem eine längere Schlacht, um den kriselnden Konzern, dessen Kinderkrankheiten sich zu potenzieren begannen, als Musk und seine Vertrauten in die Mechanismen des Unternehmens eingriffen, einen Großteil der Belegschaft entließen und rechte und verschwörungsgläubige Accounts wieder zuließen.

Die New-York-Times-Journalisten Kate Conger und Ryan Mac haben mit ihrem Sachbuch „Elon Musk und die Zerstörung von Twitter“ eine Biografie des Niedergangs vorgelegt und ergründen in ihr auch, was dies über uns aussagt.

Das Silicon Valley und das Universum der Tech-Bosse, zugleich derer der Superreichen ist eine Welt für sich. Unternehmerisches Geschick, Glück und Likes sind ihre Währung. Aufmerksamkeit um jeden Preis, der sich in barer Münze auszahlt. Auch damit ist es Elon Musk gelungen, zeitweise der reichste Mensch des Planeten zu sein. Welche Gefahr dies birgt, hat sich im Jahr 2022 gezeigt, als dieser Twitter übernahm und nicht nur in dessen Firmenzentrale in San Francisco kein Stein auf den anderen beließ.

Doch die Recherchen der beiden Autoren setzen früher an. In den Anfangsjahren der Social Media Plattform sind bereits die Fallschnüre angelegt, über die zunächst ihre Gründer stolpern werden und schließlich die Geschäftsführung, die in Hoffnung auf Modernisierung den Deal einst vorbereitete.

Schon damals gab es unternehmensintern Disskusionen, welche Art von Meinung in wie weit zulässig sein sollte und welches System von Kontrollmechanismen gerecht wäre, um z. Bsp. zwischen Regierungsstellen und Usern zu jonglieren. Kleinteilig entschlüsseln Kate Conger und Ryan Mac auf Basis zahlreicher Interviews und interner Kommunikation die Mechaniken des Tech-Konzerns und geben später so auch einen Einblick in das Weltbild eines Mannes, der als selbstzerstörerischer Egomane wie die Axt im Serverraum agiert.

Nach der Übernahme beinahe wortwörtlich.

Sehr ausführlich wird ein Wirtschafts- und Rechtskrieg beschrieben, sowohl nach außen als auch unternehmensintern ist dies als nichts anderes zu bezeichnen. Dabei verlieren sich die Journalisten in Details, was jedoch so rasant erzählt wird, dass die lektüre keinesfalls trocken daherkommt. Die einzelnen Abschnitte sind dabei kompakt gehalten.

In ihnen kommen die jeweils zu der Zeit eine maßgebliche Rolle um Twitters Übernahme und Wandel spielenden Personen zu Wort. Auch wird gezeigt, was daraus folgte. Eine diversere Aufsplittung der sozialen Medien und ein Sprachrohr für Fanatiker und Radikale.

Ein Bildteil lockert das auf Jahre heraus recherchierte Sachbuch auf, dessen Grundlagen tiefe Kenntnis der Mechanismen des Silicon Valley bilden. Selbst muss man diese nicht haben. Die Autoren wissen verständlich zu veranschaulichen und haben damit eine fesselnde Biografie über Macht und soziale Medien, über den Niedergang eines Unternehmens geschaffen, dessen Gründern es nicht gelungen ist, dieses rechtzeitig vor falschem Zugriff zu bewahren und vor dem Wolf im Schafspelz zu beschützen.

Autoren:
Kate Conger wurde 1989 geboren und ist eine US-amerikanische Journalistin und Autorin. Sie begann ihre Karriere beim Schreiben für die SF Weekly und den San Francisco Examiner und arbeitete von 2016 bis 2017 als Reporterin für TechCrunch, wo sie über Tech-Politik und Cybersicherheit berichtete.

Mit ihren Reportagen über Google erlangte sie größere Bekanntheit, auch nachdem sie 2018 zur New York Times wechselte. Zudem berichtete sie über Neuralink und Uber, sowie Googles geheime Forschung an KI-getriebenen Kriegsdrohnen für das Militär, was den Ausstieg des Unternehmens aus dem Deal nach sich zog.

Ryan Mac ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Während seines Studiums begann er Geschichten für die Stanford Daily zu schreiben und arbeitete als Reporterpraktikant für verschiedene Zeitungen und Magazine.

Von 2011 an arbeietete er als Mit-Autor für das Forbes Magaziine und wechselte 2017 zu Buzzfeed News, wo er sich mit seinen Technologie-Reportagen einen Namen machte. Im Jahr 2018 berichtete er über Verunglimpfungen eines britischen Höhlentauchers durch Elon Musk, der bei der Tham Luang Höhlenrettung eine maßgebliche Rolle spielte. Für seine Recherchen zu Facebook erhielt er den Mirror award und den George Polk Award.

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Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Inhalt:
Der Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der in der internationalen Öffentlichkeit als einer der Hauptverantwortlichen für die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ in Europa galt, fand 1961 in Jerusalem statt. Unter den zahlreichen Beobachtern war auch Hannah Arendt.

Ihr 1964 auf Deutsch veröffentlichtes Buch Eichmann in Jerusalem brachte, wie die im Jahr zuvor publizierten fünf Artikel im New Yorker, Lawinen ins Rollen: Arendts „Bericht von der Banalität des Bösen“ löst seit seinem Erscheinen bis heute weltweit Kontroversen aus – und wurde zu einem Klassiker wie kaum ein Werk zur Zeitgeschichte und ihrer Deutung. (Inhalt lt. Verlag)

Rezension:
Noch als das Blatt des Krieges sich längst gewendet hatte, rollten die Deportationszüge. Organisiert von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Seine Aufgabe will er zu Ende führen. Vom Schreibtisch aus organisiert er die Fahrten in den Tod. Fünfzehn Jahre später entdeckt und entführt der Geheimdienst Mossad den Organisator des Holocausts nach Israel. Dort wird ihn 1961 der Prozess gemacht. Für die Zeitschrift New Yorker beobachtet die politische Theoretikerin Hannah Arendt den Prozess, liest den Polizeibericht. Die darauf aufbauende Artikelserie und das darauf folgende Buch werden vom Erscheinen an, kontrovers diskutiert.

Der Bericht selbst ist zunächst vor allem eines, eine Reportage über einen Prozess, der versuchte, die Taten eines Mannes im Gesamtgeschehen des Holocausts einzuordnen. Kein reines Sachbuch, frei von Meinung, verfolgt die Autorin hier die Verhandlung, die sich über mehrere Wochen hinzieht und zeigt auf, was das Gericht zu Tage gefördert hat und wo es an Grenzen stößt, wo auch die Rolle Eichmanns, im Gefüge des NS-Regimes eingeordnet werden muss. Verwaltungstechnisch und geografisch.

Daß in dieser Mordmaschine jeder auf diese oder jene Weise an einen Platz gezwungen ist, auch wenn er nicht direkt in den Vernichtungslagern tätig ist, macht das Grauen aus.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Hannah Arendt zeigt, wie der Verwaltungsmassenmörder, wie eine riesige und komplexe Bürokratie den Holocaust am Laufen hielt. Und stößt mit ihren Formulierungen und ihrer Tonalität bereits bei der Veröffentlichung so manchen vor den Kopf.

Es ist wichtig zu wissen, was an welchen Orten seinen Platz hat und was wohin gehört. In einem Strafverfahren gegen einen Nazi-Verbrecher steht nicht die Geschichte vor Gericht, weder […] des Antisemitismus noch die Geschichte der deutschen Vernichtungspolitik. Auf der Anklagebank sitzt immer noch ein einzelner, ein Mensch aus Fleisch und Blut, und nur das, was eine nachvollziehbare und benennbare Verbindung mit der Frage seiner Schuld oder Unschuld hat, ist im Gerichtssaal von Relevanz.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Nach kurzer Einleitung beschreibt sie das Werden und die Zusammensetzung des Gerichtshofs, und verfolgt sogleich die Biografie von Adolf Eichmann, über die sich auch die Verhandlungen ihren Weg bannen und versuchen, ein Bild des NS-Bürokraten zu bekommen. Hannah Arendt schildert Eichmanns erste Aufgaben als Judenreferent, zunächst für Wien und schließlich als Protokollführer der Wannseekonferenz, schildert, wie die Psyche eines sich selbst überschätzenden Theoretikers seine Karriere beeinflusste, sowie später das Prozessgeschehen.

Die einzelnen Phasen des Holocausts werden anschließend geschildert, bevor die unterschiedliche Machtfülle Eichmanns in den von den Nazis besetzten Ländern beleuchtet wird. Arendt folgt auch hier den Verhandlungen, zeigt im Anschluss wie auch die Rolle und Aufgaben eines Gerichts eingeordnet werden können, bevor nach Abschluss der Politwissenschaftler Helmut König die Debatte um Arendt selbst analysiert.

Damit geht der generelle Befund einher, dass das gesamte NS-System nicht als klassische Befehlshierarchie beschrieben werden kann, in der die nachgeordneten Instanzen immer nur das ausführen, was die übergeordneten befehlen, sondern eher als ein Durcheinander, in dem sich viele Ressorts und Institutionen darin übertrumpfen wollen, den Führerwillen […] in die Wirklichkeit umzusetzen.

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Hierbei setzt dieser vor allem Augenmerk auf die Wortwahl Hannah Arendts. Gerade Zeitgenossen waren von der „Banalität des Bösen“ als Formulierung so wenig überzeugt wie aufgebracht über die zur Sprache gebrachte Rolle der Judenräte, die dem NS-Regime als billige Helfer ausgeliefert ihre ihnen durch die Diktatur zugedachte Rolle versahen.

Mit grausamer Effektivität. Das Nachwort istfür sich alleine schon interessant und diskutabel genug zu lesen, der Bericht Arendts noch viel mehr. Minutiös zeichnet die Beobachterin feinsinnig die Brutalität einer emotionslosen Haltung nach, die um so erschreckender wirkt, je mehr man sich das Wirken Eichmanns vor Augen führt. Sie zeigt, wie eine ganze Gesellschaft von solchen Bürokraten zum Tode von Millionen von Menschen führte, ohne dabei selbst unbedingt zum Mörder geworden zu sein.

Treffsicher zeigt sich Arendt auch in der Analyse des Gerichts, dessen Bild von seiner Aufgabe, aber auch der polittheoretischen Grenzen, in denen es agierte. So trocken wie spannend, oft mit einem beinahe ironischen, manchmal regelrecht flapsigen Ton, zeigt die Beobachterin, die sich selbst nicht zuordnen lässt, auch ein von ihren Kritikern benannter Punkt, wie Adolf Eichmann seine Rolle ausfüllte.

Man liest das einigermaßen fassungslos, spürt die Kühle dieses Mannes, welche schaudern lässt, dieses Opportunisten par excellence, neigt der Formulierung Hannah Arendts von einem „Hans Wurst“ zuzustimmen, um im nächsten Moment die kalte Berechnung des Verwaltungsmassenmörders dahinter zu erkennen. Dies beides überein zu bringen, zu verdeutlichen, ist der Autorin gelungen. Schon damals, heute wieder ist „Eichmann in Jerusalem“ ein wichtiger Zeitzeugenbericht. Vor allem aber eine Warnung.

Autorin:
Hannah Arendt ist eine politische Theoretikerin und Publizistin. 1906 in Hannover geboren, studierte sie Philosophie und promovierte, bevor sie 1933 nach Paris emigirierte, anschließend nach New York. Von 1946 biw 1948 arbeitete sie als Lektorin und als freie Autorin, sie war Gastprofessorin in Princeton und Chicago, bevor sie ab 1967 in New York lehrte. Für die Zeitschrift New Yorker beobachtete sie den Eichmann-Prozess in Jerusalem, 1961.

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Stephan Orth: Couchsurfing 6 – Couchsurfing in der Ukraine

Inhalt:
Stephan Orth hat den Krieg Russlands gegen die Ukraine von Beginn an intensiv miterlebt. Durch seine ukrainische Freundin Julija verbindet ihn ein besonderes Band mit dem Land. Wie sieht der Alltag der Menschen aus, die geblieben sind, was lässt sie durchhalten? Und was hat das alles mit uns zu tun? Mit diesen Fragen reist er Tausende Kilometer zwischen Kyjiw und Kramatorsk, zwischen Charkiw und den Karpaten. Er wohnt bei den Einheimischen, ist beeindruckt von ihrem Mut. Und liefert uns einen packenden Bericht über das Leben im Ausnahmezustand, die Macht starker Geschichten und eine große Liebe. (Klappentext)

Rezension:
Die Form des Reisens bestimmt den Zugang zu den Menschen vor Ort. Beim Couchsurfing ist die Ebene eine ganz persönliche. Den geschützten Raum eines Hotels, eines Rückzugsortes gibt es nicht, ist man doch immer bei Einheimischen zu Gast. Der Journalist Stephan Orth nutzt dies, um Länder zu erkunden, die ganz andere Bedingungen, etwa aufgrund ihrer politischen Systeme, aufweisen, als wir diese aus West- und Mitteleuropa kennen. Ohne die Machthabenden, deren Meinung man nicht unbedingt teilt, zu unterstützen. Wie sieht dies jedoch aus, wenn diese Unternehmung noch eine weitere persönliche Ebene bekommt? Nicht nur dies möchte Stephan Orth erfahren, als er von der ukrainischen Hauptstadt aus das Land im Krieg erkundet.

Die ungewöhnliche Reisereportage beginnt zunächst mit einer philosophischen Frage. Darf man ein Land im Krieg überhaupt bereisen? Was macht es mit den Menschen dort, die womöglich traumatisiert sind und sich drängenderen Herausforderungen stellen müssen, als einem Journalisten Unterkunft zu gewähren, von dessen Wirken sie vielleicht nicht unmittelbar, vielleicht überhaupt nicht profitieren werden? Ist es zu vertreten, gegenüber Freunden und Familie, gegenüber sich selbst, sich selbst in Gefahr zu bringen, sich dorthin zu begeben, wo man die Kontrolle komplett aus der Hand geben muss? Und wurde nicht eh alles schon beobachtet, erzählt und aufgeschrieben? Und wie beginnt man überhaupt einen Text mit solcherlei Brisanz?

Der Autor nimmt zunächst die KI zu Hilfe. ChatGPT ist ja schließlich in aller Munde. Im literarischen Bereich wird über die Nutzung geradezu heftig diskutiert. Und scheitert dann am Eingangstext, humorvoll und mit zwinkernden Auge. Also doch der Feldversuch? Kontakte werden über die Couchsurfing-Plattform geknüpft, angeschrieben. Wenn die KI keinen ordentlichen Text zustande bringt, stellt sich ja wieder die Frage, darf, kann, soll man das? Rückmeldungen aus der Ukraine sind da positiv und die Koffer schnell gepackt. Zudem lebt doch die Freundin in der ukrainischen Hauptstadt. Einen Rückzugsort gäbe es also. Doch, was ist ein Rückzugsort der ebenso wie alle anderen Orte im Land zur Zielscheibe werden könnte?

Und so bereist Stephan Orth von dort aus sternenförmig das Land und trifft ständig auf Gegensätze. Innerhalb einer Stadt ist es da möglich, irgendwo Rotwein zu trinken, während einige Viertel weiter, Lücken zwischen Plattenbauten klaffen. Resultate und Mahnmale des letzten Raketenangriffs. Wie gehen die Menschen mit diesem Wechselbad um? Mit Verlust, der unterschwelligen Anspannung? Welche Unterschiede ergeben sich da im Osten zum Westen des Landes, von Nord nach Süd? Der Autor fragt nach und entdeckt Durchhaltewillen, Lebensfreude, Verlust und Hoffnung, Menschen, die sich engagieren, die Pläne und Träume haben oder einfach nur kämpfen, da sie schlicht keine andere Wahl haben.

Wie prägt dies das Bild der Ukrainer im Land? Was dringt davon nach außen? Was müssen vor allem wir uns vergegenwärtigen, wenn wir über den Krieg, Waffenlieferungen oder die Aufnahme von Flüchtlingen sprechen? In seiner Reisereportagae fängt Stephan Orth diese Fragen ein und stellt einzelne Punkte heraus, woraus sich neue Fragen ergeben? Schnell wird klar, der Konflikt ist so komplex wie vielschichtig. Wenn er zum Beispiel nach den Reaktionen der Menschen hierzulande gefragt wird oder er sich die Kommunikation mit seinen Kontakten aus Russland in Erinnerung ruft, wenn also Linien des Konflikts plötzlich in der eigenen WhatsApp-Liste zu Tage treten.

Im vorliegenden Sachbuch kommt dies alles zur Sprache. Nichts wird ausgespart, zudem diesmal auch die persönliche Komponente von Freundschaft und Beziehung hinzu kommt. Das ergibt ein vielschichtig komplexes Puzzle. Immer wieder werden Gegensätze herausgestellt, um zu zeigen, dass eben nichts so einfach ist, wie uns dies aus- und inländische Populisten weißmachen möchten, dass der größte Fehler jedoch ist, nichts zu tun. Dieser andere Blickwinkel ist erhellend.

Kurzweilig in klaren Sätzen weiß Stephan Orth Geschichten zu erzählen, ohne dass dies eine voyeuristische Komponente hätte. Vielmehr einfühlsam versucht der Journalist zu ergründen, worin die Ukrainer ihren Mut und Durchhaltewillen nehmen. Durchsetzt immer wieder mit Fotos, einen großen Farbbildteil und, wie in seinen anderen Reportage-Büchern auch, mit einer stilisierten Landeskarte, ist so eine lesenswerte Reportage von einem Land im Ausnahmezustand entstanden. Alle sollten sie lesen.

Autor:
Stephan Orth wurde 1979 in Münster geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Zunächst studierte er Anglistik, Wirtschaftswissenschaften in Wuppertal, anschließend Journalismus in Brisbane, Australien. Von 2007-2008 absolvierte er ein Volontariat bei Spiegel Online und arbeitete anschließend als Redakteur. 2012 begab er sich auf eine Inlandeis-Expedition nach Grönland und veröffentlichte 2015 seinen Reisebericht „Couchsurfing im Iran“. Seit 2016 ist er freiberuflicher Autor. Stephan Orth lebt in Hamburg.

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Zora del Buono: Seinetwegen

Inhalt:

Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Autounfall starb. Der tote Vater war die große Leerstelle der Familie. Wie kann jemand, der fehlt, ein Leben dennoch prägen? Die Tochter macht sich auf die Suche und fragt, was der Unfall bedeutet hat: für die, die mit einem Verlust weiterleben, für den, der mit einer Schuld weiterlebt. Seinetwegen erzählt Zeitgeschichte als Familiengeschichte – detailgenau, raffiniert komponiert, so präzise wie poetisch. (Klappentext)

Rezension:

Wir wirken Lücken auf uns, die praktisch immer schon existieren, wenn Verlust Dauerzustand ist und was macht dieser mit jenen, die ihn verursacht, aber ansonsten kaum Berührungspunkte haben? Vor allem nicht mit den Betroffenen, die darunter dann Zeit ihres Lebens leiden müssen. Die Schweizer Journalistin und Autorin Zora del Buono geht diesen und damit zusammenhängenden Fragen in ihrer biografischen Reportage „Seinetwegen“ nach und entdeckt anhand eines Teils der Familiengeschichte auch ein Stück ihrer Selbst.

Der Erzählton des vorliegenden Textes ist ruhig und doch spürt man das Drängen, mit dem die Schriftstellerin den letzten Stunden ihres Vaters nachgeht, welchem sie im Alter von acht Monaten bei einem Autounfall verlor. Die Mutter im Heim, längst in die Demenz abgeglitten, Zeit ihres Lebens hatte sie nicht darüber gesprochen, vom Verursacher des Unfalls existiert zunächst nur ein Name und ein kleiner Zeitungsartikel über den nachfolgenden Prozess.

Wenig für diejenige, die begreifen und ergründen möchte, doch del Buono spürt der Geschichte des Moments nac, der das Leben der Familie für immer verändern sollte. Ihr Bild des Unfallfahrers verschiebt sich dabei ebenso, wie jenes von der Schweizer Gesellschaft, von den 1960er Jahren bis heute.

So unaufgeregt das kompakte Werk daherkommt, so aufgewühlt ist im Inneren der Autorin zugegangen, die mit ihrer Recherche eine große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Die rastlose Suche, die zwischen den Zeilen daherkommt und immer wieder an Glasdecken stößt, ergibt nur langsam ein vielschichtiges Bild, zunächst vor allem von einer Gesellschaft im wandel. Erst später wird sie beiden Personen nahekommen. Dem Verursacher, dessen Leben vom Wandel der Gesellschaft erzählt und ihrem Vater, der einst als Fremder in die Schweiz kam und sich dort ein neues Leben zu aufbauen versuchte.

Die Zeitstrahlen einerseits der vergangenen Jahrzehnte, andererseits der wochenlangen Suche laufen schließlich zusammen, doch sind es die Figuren selbst, die diese biografische Reportage zu etwas Besonderen machen. Dabei beschränkt sich die Autorin, die damit auch zum Gegenstand ihres Schreibens wird, auf wenige Personen. Nach und nach kann man sogar dem Unfallverursacher nachspüren. Jede Geschichte hat zwei oder mehr Seiten. So verarbeitet Zora del Buono das, was ihre Mutter nie so wirklich konnte. Braucht es also, zu der Erkenntnis könnte man gelangen, manchmal nur eine Generation Abstand?

Kurze prägnante Sätze wechseln sich mit ausschweifenden Gedankengängen ab, kulminierend in den Treffen der Freunde der Autorin, die im Verlust zu geliebten Menschen vereint sind. Rückblenden in die Kindheit durchbrechen den Text, der auch dadurch nahbar wird. Schauplätze werden zu Bildern. Del Buono lässt sie vor dem inneren Auge entstehen.

Es ist der Versuch der Verarbeitung etwas Unbegreiflichen. Ob dieser gelungen ist, kann nur die Autorin selbst entscheiden, er macht jedenfalls ordentlich Eindruck. Natürlich stellt sich die Frage, was dabei gewonnen ist, einem Menschen auf dieser sehr persönlichen Suche zu begleiten? Vielleicht können jene die Frage beantworten, welche selbst solch einen Verlust erlitten haben.

Für alle anderen bleibt die Erzählung des gesellschaftlichen Wandels. Dafür aber braucht es jetzt nicht unbedingt diesen Rahmen. Dieser kleine biografische Bericht lässt einem dennoch für einen Moment innehalten und nachdenklich zurück. Letztlich muss wohl jeder für sich entscheiden, ob dies genügt.

Autorin:

Zora del Buono wurde 1962 in Zürich geboren und ist eine Schweizer Architektin, Journalistin und Autorin. Zunächst studierte sie Architektur in Zürich und Berlin, wo sie bis 1995 als Architektin tätig war. Danach absolvierte sie ein Studium für Szenografie. 1996 war sie Mitgründerin der Zeitrschrift Mare, welche sie von 2001 bis 2008 als stellvertretende Chefredakteurin begleitete.

2008 erschien ihr Debütroman, dem weitere Werke folgten. Del Buono ist Mitglied des Schweizer PEN, erhielt 2024 den Schweizer Buchpreis und 2012 den ITB Buch Award.

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Sascha Lübbe: Ganz unten im System

Inhalt:

Unzählige Arbeitsmigrant*innen arbeiten unter teils menschenunwürdigen Bedingungen auf deutschen Baustellen, in Schlachthöfen, als LKW-Fahrer*innen oder als Reinigungskräfte in Hotels und Firmen. Viele von ihnen werden systematisch ausgebeutet. Sascha Lübbe entlarvt das krakenartige Geflecht aus teils kriminellen Firmen, eine Schattenwelt, in der die Grenze zwischen Legalität und Illegalität verschwimmt.

In einem aufrüttelnden Buch zeigt er, wie sich ein Parallelsytem in der deutschen Arbeitswelt etabliert hat. Er lässt Betroffene zu Wort kommen, zeigt, wie sie leben, aber auch, wie sie Widerstand leisten. Und er geht der Frage nach: Wie konnte es so weit kommen? (Klappentext

Rezension:

Gerade verschärft sich die Tonlage, doch kommen Debatten um die für immer mehr Branchen notwendige Migration zur Unzeit. Heute schon sind Migrant*innen in einigen Bereichen eine tragende Säule. In der Bauwirtschaft etwa, der Logistik oder in der Fleischindustrie.

Doch, einmal angekommen, heute zumeist aus Rumänien oder Polen, liegt für jene, die eigentlich nur ein gutes Auskommen suchen, vieles im Argen. Der Journalist und Autor Sascha Lübbe hat sich auf Spurensuche begeben und die Schattenwirtschaft systematischer Ausbeutung ergründet und mit den Betroffenen gesprochen, und jenen, die ihnen versuchen, zu helfen.

In ihren Ländern haben sie keine Zukunft. Jobs sind kaum vorhanden. So versuchen zumeist Männer wie Eugen und Dejan, die Namen sind in diesem aufrüttelnden und erschütternden Bericht zumeist zum Schutze derer geändert, die bereit sind, zu reden, ein Auskommen in Deutschland zu finden.

Mit falschen Versprechen in die Fremde gelockt, finden sie sich in einem System der Abhängigkeiten von dubiosen Firmengeflechten wieder, müssen körperliche Schwerstarbeit verrichten, werden drangsaliert und systematisch um einen Großteil ihres Lohnes betrogen. Dabei bilden die obersten Firmen nur die Spitze des Eisberges. Gut vernetzt auf allen Ebenen der Politik, reichen sie die Verantwortung an Subunternehmen weiter. Einmal darin verfangen, ist es für die Menschen, die oft kaum des Deutschen mächtig sind, schwer, sich zur Wehr zu setzen und zustehende Rechte einzufordern.

Der Autor geht anhand von drei Branchenbeispielen der Frage nach, wie funktioniert dieses System der Schattenwirtschaft überhaupt, wie ist es entstanden und was macht es mit den Menschen? Wie können Gesellschaft und Politik, die Betroffenen selbst dieses durchbrechen und was müsste sich ändern, damit auch die Menschen, profitieren, die die Jobs übernehmen, die niemand sonst machen möchte?

Anhand der Biografien und infolge von Gesprächen mit denen, die für die meisten Augen unsichtbar bleiben, zeigt der Autor auf, auf welchen menschnverachteten Grundlagen verschiedene Bereiche unserer Wirtschaft fußen, nicht ohne Auswege aufzuführen oder auch erste Schritte auf den Weg zur Besserung zu schildern, die es durchaus seitens Verbänden und Organisationen und auch der Politik gab, was jedoch immer noch zu wenig ist, angesichts der bestehenden Problematiken.

Nur selten kommen Menschen wie Samid und Umid zu Wort. Ihnen gibt der Autor eine Stimme und die Aufmerksamkeit, die es braucht, um ein Bewusstsein für ihre Situation zu schaffen. Er versucht dabei mit allen Ebenen ins Gespräch zu kommen, trifft dabei nicht nur auf Trostlosigkeit und Verzweiflung, sondern auch auf jene, die dagegen ankämpfen. Oder es zumindest versuchen.

Aufgrund der Nähe zu den einzelnen Personen ist der Bericht, der das fortsetzt, was Günter Wallraff einst angestoßen hat, sehr nahbar. Sascha Lübbe zeigt, dass sich am Umgang mit den Menschen, die für unseren Wohlstand arbeiten, unter anderen Vorzeichen nicht viel geändert hat. Zudem hat er eine ausführliche Quellenlage für seine Recherchen verwendet, die verschiedene Aspekte der Thematik aufgreifen tut. So unterbleibt eine zu theoretische Aufarbeitung. Man kann nicht anders, als davon berührt zurückzubleiben.

Abseits von den bloßen Zahlen, um die vor allem in der großen Politik diskutiert werden, sind die in diesem Werk aufgeführten Aspekte zu wichtig, um sie zu unterschlagen. Wie gehen wir mit den Menschen um? Wie müssen wir uns und das System ändern, damit auch sie gerecht und menschenwürdig teilhaben können? Sascha Lübbes Debattenbeitrag gibt dazu wichtige Denkanstöße.

Autor:

Sascha Lübbe wurde in Berlin geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Zunächst studierte er Publizistik und Nordamerikastudien, sowie Soziologie in Berlin und Lissabon, bevor er Redakteur für die drehscheibe, dem Magazin der Bundeszentrale für Politische Bildung wurde, danach war er unter anderem tätig für die Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung und bis 2021 als Redakteur für den Mediendienst Integration.

Er schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und wurde 2022 für den Deutschen Reporter:innen-Preis, ein Jahr später für den Alternativen Medien- und den Deutschen Journalistenpreis nominiert. Sein Buch „Ganz unten im System“ wurde 2024 für den NDR-Sachbuchpreis nominiert.

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Limor Regev: Der Junge von Block 66

Inhalt:

1944 wird der 13-jährige Moshe Kessler mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. An der Rampe in Birkenau von seiner Familie getrennt, ist er von nun an auf sich allein gestellt. Er entgeht den Tod in den Gaskammern, überlebt monatelange Zwangsarbeit und die Todesmärsche im eisigen Winter, bevor er im Konzentrationslager Buchenwald ankommt. Doch auch dort kann er nur dank der Kühnheit und Entschlossenheit der Untergrundorganisation, der es es gelang, vor Eintreffen der US-Truppen mit gestohlenen Waffen die Wachmannschaft des Lagers zu überwältigen und gefangenzunehmen, im Kinderblock 66 den sicheren Tod zu entkommen.

Dr. Limor Regev hat den anschaulichen Bericht Moshe Kesslers festgehalten und so der Nachwelt ein Zeugnis über den Triumph eines ungebrochenen Lebenswillens vermittelt. (Klappentext)

Rezension:

Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt. Fast 14 Jahre alt ist Moshe Kessler als er in Zeiten der Unmenschlichkeit und des Terrors zusammen mit anderen unter Aufsicht von Antonin Kalina kommt, der zusammen mit anderen KZ-Häftlingen mit den Mut zur Verzweiflung unzähligen Kindern und Jugendlichen das Leben rettete, ausgerechnet im Konzentrationslager Buchenwald, einer der letzten Stationen des Leidenwegs. Zuvor hatte der Junge bereits Todesmarsch und Auschwitz überlebt.

Dies ist die Geschichte eines ungarischen Jungen, dessen Erinnerungen im hohen Alter aufflackern, bei der Bar Mizwa seines jüngsten Enkels, der umgeben ist von seiner ihn lebenden Familie. Moshe Kesslers Bar Mizwa fand dagegen zu einem Zeitpunkt statt, als das Donnergrollen kaum noch zu überhören war und längst einige Familienleben gefordert hatte. Nach Jahrzehnten erinnert und beschreibt Kessler die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, die man ihn und unzähligen anderen raubte. Dieses Stück biografischer Erinnerung liegt hier mit „Der Junge von Block 66“ übersetzt vor.

Solche Stücke Erinnerung bilden einen wichtigen Zweig innerhalb der Bücher gegen das Vergessen, als Mahnmal vor allem, wenn sie ohne erhobenen Zeigefinger, sondern nur durch ihre Schilderungen wirken. Diese sind eindrücklich. In klarer, eindeutigiger Sprache schildert die Autorin die Erlebnisse des Kindes, welcher ihr diese Geschichte sehr viel später anvertrauen wird. Dabei wird deutlich, wie sehr Sekunden der Entscheidung über Leben und Tod bestimmen konnten und dass es selbst in unmenschlichen Orten gerade so viel Menschlichkeit gegeben hat, die einigen wenigen geholfen hat, Schreckliches zu überstehen.

In kompakten Kapiteln fügen sich die einzelnen Stationen des Leidensweges zu einem Band zusammen, welches bis ins Mark erschüttert, ergänzt durch ein anschauliches Personenregister, ein Begriffsglossar, welches vor allem dann hilfreich ist, wenn man lesend nicht mit Begrifflich- und Gegebenheiten des jüdischen Glaubens im Einzelnen vertraut ist, sowie einen Fototeil. So eignet sich die Lektüre für Geschichtsinteressierte, aber auch für Jugendliche, zumindest wenn man einige Fußnoten überliest.

Diese wurden zum besseren Verständnis durch die Herausgeberin angefügt, wirken an manchen Stellen wertend und relativierend. Hannah Arendt wird da z. B. als „allgemein etwas überschätzt“ bezeichnet. Solche und andere Meinungen kann man ja durchaus haben, doch gehören sie nicht in den biografischen Bericht eines anderen hinein. Ob der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung über 90-jährige Moshe Kessler um diese Kommentare weiß, sie teilt, die von der Herausgeberin und Übersetzerin stammen, bleibt zwangsweise offen.

Wenn gleich andere Informationen, die in den Fußnoten erscheinen, akribisch recherchiert und behutsam ergänzt worden sind, und es erst einmal überhaupt bemerkenswert ist, einen solchen Bericht für die Nachwelt erhalten zu dürfen, können einen solche Schnitzer eines eigentlich lesenswerten Berichts verhageln. Es bleibt hier also die Empfehlung, den Bericht zu lesen und die Fußnoten einer Überprüfung zu unterziehen. Alles was Augenzeuge und Autorin jedoch zusammengetragen haben, ist es aber wert, gesehen zu werden.

Autorin:

Limor Regev wirkt an der Hebrew University of Jerusalem im Institut für Internationale Beziehungen und hat zuvor über die Auswirkungen des territorialen Rückzugs in Israel geforscht. Ihre weiteren Forschungsarbeiten befassen sich mit territorialen Austritten, Konfliktlösung, internationaler Mediation und israelischer Bedrohungswahrnehmung.

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Anthony Bale: Reisen im Mittelalter

Inhalt:

Ob Pilgerinnen oder Kaufleute, Ritter, Mönche oder Spione – die Leidenschaft für das Reisen packte die Menschen bereits im Mittelalter. Getrieben von Fernweh und Abenteuerlust die einen, auf der Suche nach religiöser Erleuchtung oder Ruhm auf dem Kreuzzug die anderen. Für alle war der Weg lang und gefährlich, gute Vorbereitung und Reiseführer mit Tipps für Rast und Übernachtung und Hinweisen auf Gefahren waren unerlässlich.

Anthony Bale nimmt uns mit auf eine Reise nach Nürnberg und Aachen, nach Paris und Rom, in das von Touristen bevölkerte Venedig und nach Rhodos. Wir erkunden Konstantinopel und Jerusalem und gelangen bis in die sagenhaften Länder der Amazonen, Riesen und Fabelwesen, nach China, Äthiopien und Indien. Ein farbiges Panorama der mittelalterlichen Welt, gesehen durch die Augen derer, die sie bereisten. (Klappentext)

Rezension:

Als Martin Behaim, Kaufmann und Seefahrer, einen der ersten europäischen Versuche präsentierte, die ganze Welt auf einem physischen Globus darzustellen, war dieser bereits überholt, doch konnte sich damit Nürnberg als prosperierender Handelsplatz präsentieren. Heute noch erhalten und im Germanischen Nationalmuseum von Nürnberg zu besichtigen, zeigt der Globus uns die mittelalterliche Welt als Produkt dieser besonderen Konstellation von Zeit und Ort. Ein Blick darauf offenbart die Sicht auf die Welt, in der die Menschen schon damals im regen Austausch zueinander standen. Der Historiker Anthony Bale folgt ihren Spuren und nimmt uns mit auf eine ebenso spannende, wie abenteuerliche Zeitreise.

Entlang historischer Reiseberichte entfaltet der Autor eine Welt, in der Reisen noch mit Abenteuer verbunden, dennoch nicht weniger durchorganisiert war, als heute. Auf unterschiedlichen Pfaden und Handelsrouten begegnen wir dabei Menschen, die Handel trieben und zu einer der ersten Vernetzungen der Welt beitrugen, Pilger, Missionare, Ritter und Kämpfer für ihren Glauben und entdecken die ersten Touristen, die nur für sich selbst unterwegs waren und dabei auf allerhand Erstaunliches stießen.

Damals, so erfahren wir, in den nach Routen und Zielen unterteilten Kapiteln, war Reisen mit zahlreichen Schwierig- und Unwägbarkeiten verbunden. So konnte eine Flaute auf See die Menschen zum Innehalten zwingen, Brief und Siegel eines Königs jedoch dabei helfen, Grenzen zu überwinden. Der Historiker zeigt anhand zahlreicher Beispiele die sich verändernden Sichtweisen Fremder auf Gegenden und Orte, die sie bereisten, aber auch, dass Reiseberichte von damals immer eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion, sowie politischer und religiöser Standpunkte waren.

Anhand gleichsam philosophischer Überlegungen erläutert Bale Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Reiseetappen damals und heute. Warum reisen wir? Was macht dies mit uns? Welche Ziele haben wir? Was bleibt nach der Reise selbst? Die Gedanken dazu bilden das tragende Konstrukt nebst zahlreicher historischer Überlieferungen für dieses spannende Sachbuch, welches zudem nicht nur die Sichtweise damaliger Reisenden erläutert, sondern auch jener, die sie besuchten. Dabei bleibt Bale nicht eurozentrisch verhaftet, erläutert auch das Unterwegssein aus anderen Teilen der Welt heraus.

Spannend vermischen sich historische Reiseberichte, philosophische Überlegungen, die ergänzt werden mit einer ausführlichen Quellenangabe und Personenregister zu einem bunten Portrait des Unterwegssein in damaliger Zeit. Auf den Spuren von venezianischen Kaufleuten wie Marco Polo, ehrwürdigen Mönchen und doch zahlreichen Frauen wie Margery Kempe, für die das Reisen noch ganz andere Herausforderungen bereithielt, bewegt sich dieses kurzweilige Sachbuch, welches sprachlich schön, sowohl von an der Historie als auch am philosophischen Aspekt des Reisens Interessierten gelesen werden kann.

Autor:

Anthony Bale wurde 1975 geboren und ist ein britischer Historiker. Er lehrt Mittelalterstudien am Birkbeck College der University of London und erhielt 2011 den Philip Leverhulme Prize für herausragende junge Wissenschaftler. 2019 war er Fellow der Harvard University. Für sein Buch ist er den Routen mittelalterlicher Globetrotter gefolgt.

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