Geschichte

Anthony Beevor: Der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939

Der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939 Book Cover
Der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939 Autor: Anthony Beevor Pantheon Verlag Erschienen am: 18.01.2016 Seiten: 654
(inkl. Register, Karten usw.)
ISBN: 978-3-570-55147-9

Inhalt:

Der Spanische Bürgerkrieg wurde zum Trauma für das moderne Spanien und ist in der Gesellschaft bis heute spürbar. Im Kampf der Volksfront, die von großen Teilen der europäischen Intellektuellen ideell und militärisch unterstützt wurde, gegen die Nationalisten unter General Franco, hinter dem das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien standen, bekämpften sich die beiden großen Ideologien des 20. Jahrhunderts.

Antony Beevor erzählt die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs und seiner Folgen aus der Perspektive unserer Zeit. Meisterhaft entwirrt er die komplexen gesamtpolitischen und innerspanischen Ursachen des kreiges und zeigt den dramatischen Verlauf bis hin zur katastrophalen Niederlage der Republikaner 1939. (Klappentext)

Rezension:

Der Pantheon-Verlag zeichnet sich im deutschsprachigen Raum für die Herausgabe gut recherchierter geschichts- und populärwissenschaftlicher Werke aus, vor allem im Bereich Geschichte, Biografien und politischen Zusammenhängen und so ist folgerichtig auch dieses Sachbuch von Antony Beevor dort erschien.

Gut recherchiert, gestützt auf umfangreichen Karten- und noch dickeren Quellenmaterial, hat sich der Autor auf eine Zeitreise in das Spanien zur Zeit des Bürgerkriegs 1036-1939 begeben und schlüsselt detailliert auf, wie es zu diesem Vorspiel des Zweiten Weltkriegs kommen konnte, in dem zukünftige Kriegsgegner Techniken, Waffensysteme, Formationen und Ideologien testen konnten.

Zu Lasten der spanischen Bevölkerung, die getrieben von den Vorstellungen und Herrschaftswillen beider Kriegsparteien immer tiefer in Elend und Verzweiflung versank.

Antony Beevor gelingt dabei das Kunststück beiden Seiten gerecht zu werden, sich nicht auf die eine zu stellen und die andere zu vernachlässigen, sondern analysiert konsequent Ursachen und Wirkung der einzelnen Vorkommnisse des Krieges auf beiden Seiten, von denen hierzulande im Prinzip nur die Schlacht um Guernica einigermaßen bekannt ist.

Und so gelingt ein tiefer umfassender Einblick in das Spanien der 1930er Jahre, besonders erschreckend mit dem heutigen Wissen, was ein paar Länder weiter auf dem Kontinent in den Folgejahren passieren sollte. Antony Beevor ist mit dieser Ausarbeitung ein Standardwerk gelungen, welches in einer reihe gestellt werden kann, etwa mit Ian Kershaws Hitler-Biografie.

Wer um diese Zeitepoche sein Wissen umfassend erweitern möchte, sich für spanische Geschichte interessiert,wird nicht umhin kommen, sich das Sachbuch des britischen Historikers vorzunehmen und intensiv zu lesen.

Aufgelockert, so gut es eben geht, durch Karten- und Fotomaterial, sind die Zusammenhänge verständlich erklärt, wenn es auch nicht an Konzentration fehlen darf, sich damit zu beschäftigen. Man muss dabei bleiben, darf sich nicht ablenken lassen, um die teilweise ineinander-greifenden Ereignisse zu verstehen und nicht durcheinander zu geraten.

In dieser Gefahr gerät der Leser jedoch bei nahezu jedem ernstzunehmenden Werk, welches sich eines komplexen großen Themas annimmt. Dies kann man dem Autoren schlecht vorwerfen. Ansonsten ist es gut lesbar flüssig geschrieben, Begriffe wie etwas damalig politisch aktive Gruppierungen werden in einem Glossar am Ende nochmals erklärt und das Kartenmaterial tut ein Übriges, sich eine Übersicht verschaffen zu können.

Einzig dieses hätte ich mir an den entsprechenden Stellen gewünscht, wo die darauf abgebildeten Ereignisse auch beschrieben sind, doch da man es hier mit einem beinahe wissenschaftlichen Werk zu tun hat, befindet sich dieses „Zusatzmaterial“ eben im Anhang des Buches. Wer also nicht davor scheut, zwischendurch zu blättern, kein großer Akt, hält ein sehr gutes Werk historischer Aufarbeitung in den Händen.

Autor:

Antony James Beevor wurde am 14. dezember 1946 geboren und ist ein britischer Historiker. er besuchte das Winchester College und studierte an der Royal Military Academy in Sandhurst, nahm Unterricht bei dem Historiker John Keegan. Er diente als Berufsoffizier der britischen Armee, bevor er mit dem Schreiben begann und ist mit der Schriftstellerin Artemis Cooper verheiratet.

Beevor ist verantwortlich für die Recherche zu mehreren Dokumentationen der BBC und Verfasser histroischer Sachbücher zum Thema Stalingrad, Spanischer Bürgerkrieg oder der Schlacht um Berlin 1945. Seine Ausarbeitungen wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfson History Prize.

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Steffen Möller: Viva Warszawa

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Viva Warszawa Steffen Möller Malik Erschienen am: 01.08.2016 Seiten: 296 ISBN: 978-3-89029-459-9

Inhalt:

Lässige Strandbars am Flussufer, phantasievolle Biomärkte, eine kochende Klubszene und über 400 Kilometer Radwege, nicht zu vergessen der schönste Wolkenkratzer diesseits des Atlantiks! Steffen Möller, der sich vor gut zwanzig Jahren in Polen verliebte, lädt uns in seine Wahlheimat ein, die heute so attraktiv ist wie nie zuvor.

Er verrät, warum die Warschauer über ihre Einmachgläser lachen und in ganz Polen als trickreiche Kombinierer gelten. Wer schon einmal über die Grenze geschaut, aber außer Zigaretten eigentlich nichts mitgebracht hat, bekommt jetzt eine zweite Chance…

Rezension:

Es gibt wohl kaum ein Land im östlichen Europa, was bei uns Deutschen mit so vielen Vorurteilen zu kämpfen hat, wie Polen. Ich selbst kenne eine Geschichte, tatsächlich passiert, wo übernacht von einer Baustelle ein ganzer Baukran verschwand und auch dem polnischen Tourismusverband wird ja der Spruch angelastet: „Reisen Sie nach Polen.

Ihr Auto ist schon dort.“ Und so hat das Land an der Weichsel einen einigermaßen schweren Stand, zumal der Hauptgrund nach Polen zu fahren, jahrelang der günstige Handel an der Grenze war und nicht etwa die malerischen Strände und Buchten an der Ostsee oder die ursprünglichen Dörfer und Wälder im Landesinneren.

Auch die Städte Polens waren nicht unbedingt Reiseziel Nr. 1, doch dieses Land hat all das und vieles mehr zu bieten. Allen voran Warschau. Die quirlige Metropole erstaunt Touristen, verärgert nicht-hauptstädtische Polen, provoziert und begeistert, zeigt seine Facetten nicht gleich, sondern erst auf dem zweiten Blick.

Steffen Möller nimmt uns mit auf eine phantastische Führung in einer der verkanntesten Städte Europas. Der Autor gibt Ausflugs- und Geheimdienst, läd ein, sich mit der Geschichte der stadt zu beschäftigen und erläuert Kuriositäten.

Warum ist die Altstadt alles, nur nicht alt? Wo gibt es die besten Pfannkuchen in ganz Polen? Die Liebe zu Chopin und die Lieblingsfeindschaft Krakau-Warschau.

Der Unterschied zwischen Deutschen und Polen und warum man sich eigentlich ganz ähnlich ist und welche unbekannten Episoden der Geschichte jedes polnische Schulkind zu nennen weiß, von denen ein Deutscher keine Ahnung hat?

Warum ist der Koloss von Warschau so beliebt und weshalb wächst inmitten der stadt eine Palme? Bei diesem Klima.

Der Autor reiht Episode an Episode, nie langweilig, immer authentisch, manchmal spannend, oft witzig aneinander und hat mit „Viva Warszawa“ ein Buch für beide geschrieben. Polen und Deutsche, die sich näher sind als sie denken.

Früher führte man Kriege, heute pflegt man Kontakte und wirtschaftliche Beziehungen, lernt voneinander und kennt doch den Nachbarn nur wenig. Möller nimmt mit seinem Buch, welches man zur Unterhaltung, als Einstimmung auf den nächsten Städtetrip, Tippgeber, gar als Reiseführer lesen kann in diese pulsierende Stadt, die zu faszinieren vermag.

Dem Leser wird danach das Reisefieber packen und die Lust, all das selbst anzusehen und zu erleben.

Autor:

Steffen Möller wurde 1969 in Wolfhagen geboren und wuchs in Wuppertal auf. Er zog 1994 nach Warschau. Als Schauspieler und Entertainer ist er der bekannteste Deutsche in Polen, war vorher als Deutschlehrer tätig.

Für sein Wirken um die deutsch-polnische Verständigung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er ist Autor mehrerer Bücher und lebt seit 2010 teils in der deutschen, teils in der polnischen Hauptstadt.

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Günter Lucks: Der rote Hitlerjunge

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Der rote Hitlerjunge Günter Lucks Rowohlt Taschenbuch Erschienen am: 31.07.2015 Seiten: 234 ISBN: 978-3-499-62923-5

Handlung:

Ein Familienbild aus den Arbeiterbezirken des Hamburger Ostens in den 30er Jahren: Der Stiefvater ist Kommunist, der Vater gar im Rotfrontkämpferbund. Der eine Großvater ist Monarchist, der andere ein kommunistischer Schneider, der Onkel wiederum Sozialdemokrat. Die Stiefmutter aber schwärmt für Hitler.

Und plötzlich will der kleine Günter zum Schrecken seines Vaters in die Hitlerjugend. Günter Lucks erzählt die Geschichte seiner abenteuerlichen Kindheit, einer Kindheit zwischen den Extremen. Sie spielt in einem untergegangenen Großstadtmilieu, von dem aus erster Hand heute kaum noch ein Zeitzeuge berichten kann. (Klappentext)

Einordnung Genre:

Dieses Buch ist autobiographisch, weshalb ich es hier eingeordnet habe. Es könnte aber genau so gut bei Kinder- und Jugendbüchern stehen, da es das Erleben einer Zeitepoche aus Kindersicht erzählt.

Wenn man es als solche Literatur betrachtet, empfehle ich das Buch für 13- bis 14-jährige, die schon mit einigen Begriffen Kontakt hatten und damit umgehen können. Aufgrund der anderen Bücher des Autors, habe ich mich trotzdem für „Biographie“ entschieden.

Rezension:

Es ist eine sonderbare Welt in der der kleine Günter aufwächst. Die Wirtschaft kriselt, im armen Hamburger Arbeiterbezirk sowie so und seine Eltern verehren die KPD-Größen Etkar Andre oder Fiete Schulz. Seine Eltern streiten sich über den Sinn eines Weihnachtsfestes, was der Vater als entschieden zu bürgerlich ablehnt und die Regierungen wechseln schnell.

Doch, dann kommt Hitler an die Macht. Günter darf nicht mehr sagen, was er will, zumindest in der Öffentlichkeit nicht, überall werden jetzt Menschen „abgeholt“, die den neuen Machthabern nicht genehm sind.

Und der Junge beginnt sich zunehmend für die Hitlerjugend zu interessieren. Er bewundert die Uniform, die jetzt „alle“ in seinem Alter tragen, doch wird er bald erkennen, wie ernst der Spagat zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist. und so wird er schließlich Hitlerjunge, aber ein roter.

Ein kleines faszinierendes Büchlein über eine Kinder-Biografie, wie sie für Hamburg in dieser Zeit vielleicht nicht einmal so selten gewesen sein dürfte. Den Leser nimmt der Autor mit auf eine Reise durch eine heute nicht mehr existierende Welt, beschreibt einfühlend die Sorgen, den Zwiespalt, die Ängste und später auch den Hunger und die Katastrophe, unter die die Menschen litten.

Mit all den damit verbundenen Problemen und den Spagat, den die Menschen zu leisten hatten. Aus Kinder- und Jugendsicht einer Generation, die viel zu schnell erwachsen werden musste. Der Schreibstil klar und deutlich, kann das Buch auch von jüngeren Lesern gelesen werden, die an das Thema herangeführt werden wollen oder einfach nur erfahren möchte, wie Kinder ihres Alters diese Zeit erlebt haben.

Gleichwohl richtet sich Lucks nicht an eine bestimmte Zielgruppe und erzählt einfach nur aus seiner Sicht. Ohne irgendetwas zu beschönigen oder wegzureden. Es gibt da keine Längen. Mit „Der rote Hitlerjunge“ ist ein interessanter Zeitzeugenbericht entstanden, der es in sich hat und das Dilemma einer Kindheit beschreibt, die viel zu schnell beendet wurde.

Autor:

Günter Lucks wurde 1928 in Hamburg geboren und besuchte die Volksschule. Nach einer Ausbildung bei der Post arbeitete er bis zur Rente in der Druckerei und bei der Poststelle des Axel Springer Verlags.

In den Hamburger Bombennächten wehrend des „Feuersturms“ verlor er mehrere Familienmitglieder u.a. seinen Bruder. er veröffentlichte mehrere Bücher über seine Zeit als Kriegskind oder als Kindersoldat unter Hitler.

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Bo Lidegaard: Die Ausnahme

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Die Ausnahme Bo Lidegaard Blessing Verlag Seiten: 592 Hardcover ISBN: 978-3-89667-510-1 Übersetzerin: Yvonne Badal

Inhalt:

„Die Geschichte der Rettung der dänischen Juden ist nur ein winziger Teil der gewaltigen Geschichte der Shoah. Aber sie erteilt uns eine Lektion. Denn sie erzählt vom Selbsterhaltungstrieb, vom zivilen Ungehorsam und von der Hilfe, die fast ein ganzes Volk leistete, weil es sich empört und zornig gegn die Deportation seiner Landsleute auflehnte.

Somit ist es auch die Geschichte von einer Gesellschaft, die kein Jota von ihrem Rechts- und Unrechtsempfinden wich, und das, während sie der überlegenen Macht deutscher Besatzer unterstand.“ (Klappentext)

Rezension:

Eine der tragenden Säulen des NS-Regimes war die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas und um so deutlicher sich abzeichnete, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, um so grausamer und energischer wurde dieses Ziel verfolgt.

Und kostete schließlich über 6 Milionen Menschen das Leben. Doch nicht überall gelang dies den Häschern der Nazis, immer wieder gab es auch Menschen, die sich der kalten Ideologie entzogen und ihre ausgestoßenen Mitbürger schützten.

Unter Gefahr für ihr eigenes Leben. Bulgarien und Dänemark gelang es sogar fast die komplette jüdische Bevölkerung ihres Landes zu schützen, Ausnahme in Zeiten des Terrors.

Vom Sonderweg Dänemarks, dass winzig klein unter einem übermächtigen Gegner litt und ihn trotzdem Grenzen aufzeigte, berichtet Bo Lidegaard kenntnis- und detailreich anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Archivfunden.

Er stellt dar, wie es einem ganzen Land im Konsens gelang, und unter dem Auge der deutschen Besatzer, über 6000 Menschen in Sicherheit zu bringen. Praktisch über Nacht. Und wie das Rechtsbewusstsein und die Menschlichkeit einer Nation über Unmenschlichkeit und Grausamkeit triumphierte.

Der Sonderweg Dänemarks ist nur ein kleines aber bedeutendes Kapitel in der europäischen, vor allem aber in der dänischen Geschichte, welcher erst seit einigen Jahren beachtet und erforscht wird. Noch liegt vieles im Dunkeln.

Was waren die tatsächlichen Beweggründe der deutschen Besatzer wegzusehen als ein ganzes Land vor ihren Augen die jüdische Bevölkerung schützte? Warum funktionierte hier der NS-Terror nicht, der nur ein paar Landesgrenzen weiter etwa die Niederlande oder noch schlimer Polen in Griff hielt?

Weshalb hielten König, Politiker, Staatssekretäre, Beamte und nicht zuletzt ein Volk zusammen und rangen den Deutschen imer wieder Konzensionen gegenüber „ihren“ Juden ab?

Wieso lenkten selbst Männer wie Himmler und Eichmmann ein, der nach seiner Festnahme durch den israelischen Geheimdienst in Argentinien aussagte, dass Dänemark ihm die größten Probleme bereitet habe?

Diese Fragen stellt sich Bo Lidegaard und analysiert scharfsinnig die Gründe anzhand von Augenzeugenberichten und Tagebuchaufzeichnungen Betroffener.

Er zeigt dabei auf, dass ein Land keineswegs machtlos war gegenüber den übermächtigen Gegner NS-Deutschland und dass es durchaus gelingen konnte, unter der Besatzung zu leben ohne sich selbst zu verraten.

Gelungen ist dies aus einer Vielzahl von Gründen die freilich nur auf Dänemark zutrafen und auf keines der anderen besetzten Länder hätten Anwendung finden können. Gerade deshalb ist es jedoch wichtig daran zu erinnern. An den Funken Menschlichkeit, Glück und Hilfsbereitschaft einer ganzen Nation in einer dunklen Zeit.

Autor:

Bo Lidegaard wurde 1953 in Nuuk, Grönland geboren und studierte nach dem Abitur Geschichte. Nach seinem Abschluss des Studiums trat er in den Auswärtigen Dienst Dänemarks ein und übernahm zunächst die Leitung einer sektion des Außenministeriums.

Von 1987 bis 1990 arbeitete er bei der Ständigen Vertretung der Vereinten Nationen in Genf als Sekretär und wurde nach seiner Rückkehr nach Dänemark Forschungswissenschaftler der Dänischen Königlichen Bibliothek in Kopenhagen.

Danach arbeitete er im außenpolitischen Ausschuss des Folketing und als Botschaftsrat in der Dänischen Botschaft in Paris. Nach verschiedenen weiteren außenpolitischen Stationen übernahm er 2011 die Chefredaktion der dänischen Zeitung Politiken.

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Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden

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Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden Selma Lagerlöf Verlag: Die andere Bibliothek Hardcover Seiten: 704 ISBN: 978-3-8477-1359-3 Übersetzer: Thomas Steinfeld

Handlung:

Endlich kann Nils Holgersson reisen, wie es sich Selma Lagerlöf gewünscht hat: der Welterfolg der Literaturnobelpreisträgerin liegt nun neu und erstmals vollständig in einer Übertragung von Thomas Steinfeld vor, die das wunderbare Schwedisch einer vergangenen Epoche bewahrt.

Bereichert ist diese Ausgabe mit den Zeichnungen von Bertil Lybeck aus dem Jahr 1962. (Klappentext)

Rezension:

Die Handlung dieses Werkes dürfte bekannt sein. Ein Junge, cholerisch, Streiche spielend, nur Unsinn im Kopf, ein Tierquäler und Faulpelz wird zur Strafe für seine Untaten auf Wichtelgröße geschrumpft und reist fortan mit der zahmen Hausgans Marten und einer Schar Wildgänse durch das weite Schweden.

Und lernt in Konfrontation mit neuen Feinden wie dem bösartigen Fuchs Smirre, einer Schar Krähen oder einer Horde Ratten, wie es ist, sich richtig zu verhalten, überlegt zu handeln und sich gut und achtsam anderen gegenüber zu verhandeln.

Eine Charakterwandlung die am Ende als Belohnung mit dem Wiedererlangen der normalen Körpergröße und der freudigen Zusammenkunft mit seinen Eltern belohnt wird.

Doch, wer bisher Übersetzungen aus dem Schwedischen in den Händen gehalten hat, hat nicht die gesamte Reise Nils Holgerssons mitbekommen, denn den meisten Übersetzungen lagen selbst gekürzte Ausgaben des Originals zu Grudne, von denen Selma Lagerlöf auch einige verfasste.

Ursprünglich war ihr Auftrag, ein Schulbuch zu schreiben, was umfassend über die geographischen Gegebenheiten des Landes informieren sollte. Zudem sollte es unterhaltsam sein und eine Sagensammlung aller Landesteile und wurde dabei schlicht zu umfangreich.

Also kürzte die Autorin selbst, schrieb eine neue Fassung für den Unterricht und auch heute noch wird an den schwedischen Vorlagen herumgeschraubt. Da werden Sätze, ganze Seiten zusammengestrichen, Handlungen und Landschaftsbeschreibungen gekürzt, teilweise gar etwas dazu geschrieben, was so niemals im Original drinnen stand.

So ist es auch nicht verwudnerlich, dass es zumindest eine deutsche Fassung früheren Datums gibt, die von sich behauptet, vollständig zu sein. Selbst da fehlt einiges. Nämlich an die 15 % des ursprünglichen Textes, wie im Nachwort zu lesen ist.

Und so liegt nun, mit der Übersetzung von Thomas Steinfeld, erstmals eine wirklich vollständige Ausgabe im deutschen Sprachraum vor, die dafür für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 nominiert war.

Der Übersetzer gibt vor, sich so nah wie nur irgend möglich am schwedischen Original von 1906 gehalten zu haben. Illustiriert ist das Werk mit den Zeichnungen von Bertil Lybeck, die dem schwedischen Druck von 1962 entnommen und dort inzwischen ebenfalls Allgemeingut geworden sind.

Im Nachwort meldet sich der Übersetzer selbst zu Wort, berichtet von der Entstehung des Originals und der Geschichte aller bisherigen Übersetzungen, die sich fast genau so spannend liest wie Nils Holgerssons Reise selbst.

Wer eine wunderschöne und vollständige, illustrierte und informative, unterhaltende und literarisch wertvolle Ausgabe dieser schwedischen Geschichte im Regal stehen haben oder, noch besser, lesen möchte, sollte sich diese Ausgabe unbedingt zulegen.

Autorin:

Selma Lagerlöf wurde 1858 auf Gut Marbacka, im heutigen Sunne, Värmland in Schweden geboren und starb 1940 am selben Ort. Die schwedische Schriftstellerin war zunächst Lehrerin an einer Mädchenschule und schlug damit einen für Frauen damalig ungewöhnliche fast akademischen Weg ein.

1909 erhielt sie als erste Frau den Nobelpreis für Literatur und wurde 1914 in die Schwedische Akademie aufgenommen. 1906 schrieb sie „Nils Hogerssons wunderbare Reise durch Schweden“, ihr Debut gab sie mit „Gösta Berling“, welches in Schweden 1891 erschien.

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Marie Ruth Krizkova: Ist meine Heimat der Ghettowall?

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Ist meine Heimat der Ghettowall? Marie Ruth Krizkova (u.a.) Aventium (dt. Dausien Werner) Seiten: 208 Seiten: 208 Hardcover Übersetzerin: Lenka Reinerova

Inhalt:

Gedichte, Prosa und Zeichnungen der Kinder von Theresienstadt. (Klappentext)

Rezension:

Terezin ist heute eine ganz normale Stadt, in dessen historischen Gebäuden wieder ein paar hundert Menschen leben. Es gibt eine Schule, mehrere kulturelle Einrichtungen, Läden und ein paar Gaststätten, ansonsten jedoch trieft jeder Quadratmeter Boden förmlich vor Geschichte, die grausamer nicht sein könnte.

Dort, wo heute wieder Tschechen, wie einst zu Gründungszeiten der Garnisonsstadt lebten, befand sich in der Zeit der Besetzung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg das Altersghetto und Durchgangslager Theresienstadt, welches für die meisten tschechischen Juden nur Zwischenstation auf dem Weg in den Tod war.

Doch konnte sich dort, wenn auch zumeist im Verborgenen, kulturelles Leben entfalten. In der Hoffnung, weiterzuleben, aus Angst und Verzweiflung und gegen die Widerstaände ihrer Unterdrücker.

Besonders den Kleinsten und Schwächsten, den Kindern und Jugendlichen, wollten die Erwachsenen so viel Normalität wie möglich geben und vor allem Möglichkeiten und Fähigkeiten für eine Zeit nach dem Krieg.

Eine Gruppe von zwölf- bis vierzehnjährigen Jungen schrieb in dieser Zeit, in der ihre Zukunft im Ungewissen lag, eine beeindruckende Sammlung von Texten und Gedichten, schrieb und zeichnete förmlich um ihr Leben, welches für die meisten all zu schnell gewaltsam beendet werden sollte.

Übrig blieben manche ihrer Werke, die die Jungen handschriftlich festhielten, in der Untergrundzeitung „Vedem“ („Wir führen“) bündelten und unter der Hand weiterreichten, bis sie jeder gelesen hatte und die nächste Ausgabe erschien.

In jeder ihrer Zeilen sind die Ängste und Hoffnungen, die Verzweiflung aber auch kleine und große Ereignisse im Ghetto-„Alltag“ spürbar. Man möchte weinen, ob der Zukunft, um die jungen wie Petr Ginz oder Hanus Hachenburg etc. betrogen wurden.

Berührt von den Zeichnungen und den Gedichten dieser im Übermaß begabten Jungen, die nichts anderes verbrochen hatten als in der falschen Zeit zu leben und einen anderen Glauben zu haben, hält man inne und denkt über die Schicksale und die kurzen Leben nach.

Und auch über die Leben, die die Kinder hätten führen können, hätte man sie gelassen. Es ist den wenigen Überlebenden des Terrors zu verdanken, dass die Texte ihrer Kinderfreunde und Kameraden der Nachwelt erhalten geblieben und veröffentlicht wurden sind.

Jeder einzelne ist dabei erstaunlich qualitativ hochwertig, besonders wenn man das Alter der Verfasser berücksichtigt.

Zu schade, um in Vergessenheit zu geraten, zu schade, um nur in den Souvenirshops Prags und Terezins, wo man heute verschiedene Museen zur Kriegs- und zur Geschichte des Ghettos besichtigen kann, erhältlich zu sein, gibt es diese Sammlung von Lyrik und Prosa-Texten auch in deutscher Sprache.

Nicht nur im Gedenken an die Opfer Theresienstadts, auch sonst lohnt sich das Lesen dieses Werkes.

Autorin:

Marie Ruth Krizkova wurde 1936 in Milicin geboren und lebt seit 1972 in Prag. 1968 schloss sie ihr Pädagogik-Studium ab und spezialisierte sich auf Literaturgeschichte. Sie promovierte 1991.

In den sechziger Jahren arbeitete sie u.a. als Lehrerin und Postsortiererin und war Mitunterzeichnerin der Charta 77 gegen Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei.

Ihr Augenmerk gilt der redaktionellen Aufarbeitung der schriftlichen Werke, die aus dem Ghetto Theresienstadt heraus entstanden sind, welche sie bis 1989 nicht publizieren durfte. Sie leidet einen tschechischen Literatur-Wettbewerb für junge Dichter und arbeitet eng mit Theatern und Kulturbühnen Tschechiens zusammen.

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Fredy Gareis: 100 Gramm Wodka

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100 Gramm Wodka Fredy Gareis Rezensionsexemplar/Reisebericht Malik Seiten: 252 ISBN: 978-3-89029-457-5

Inhalt:

Was hat es mit dem geheimnisvollen Himbeersee auf sich, an dem Fredy gareis‘ Großmutter in einem Straflager war? Und wieso trägt seine Mutter den Geburtsort „Soda Kombinat“ im Pass? Als Kind von Russlanddeutschen wächst Fredy gareis mit vielen offenen Fragen auf.

Um endlich Antworten zu finden, macht er sich auf den Weg. Drei Monate fährt er quer durch Russland und versucht zu ergründen, was es mit diesem Land auf sich hat, von dem es heißt, dass man es nicht mit dem Verstand fassen kann, sondern nur mit dem Herzen. (Klappentext)

Rezension:

Blut ist dicker als Wasser und so macht sich der Journalist Fredy Gareis auf Spurensuche nach der Vergangenheit seiner Familie und fährt dabei Russland einmal quer durch. Mit nicht vertrauenswürdig aussehenden ausrangierten Militärfahrzeugen, russischen PKW oder auf Schienenspur der Transibirischen Eisenbahn.

Vorbei am Moskauer Vorort-Villenviertel, wo sich Politiker und Oligarchen die Klinke in die Hand geben oder auf die Straße des Todes. Mit Hilfe von Freunden und fernen Verwandten und Bekannten bringt er Stück für Stück Licht ins Dunkel seiner Vergangenheit, der Vergangenheit seiner Familie, die ihm seine Eltern und Großeltern nicht erklären konnten oder wollten.

Dabei entstand eine eindrückliche Momentaufnahme des vergangenen und des heutigen Russlands, in dem sich die Älterern ihrer Vergangenheit beraubt und einer unsicheren Zukunft ausgesetzt sehen und die Jungen gegen die zunehmende Einengung des putinschen Systems ankämpfen. Zumeist, in dem sie zwei Leben leben. Ein öffentliches und ein privates. Oder ins Ausland gehen.

Der Autor legt hier ein wunderschönes Länder-Portrait und eine berührende Familiengeschichte vor, wie sie vielleicht nicht wenige Russlanddeutsche haben und lässt dem Leser an seine Gefühlswelt wehrend der Reise teilhaben.

Ein ständiges Auf und Ab, Zweifel an der Reise, Entdeckungen, Seltsames und immer wieder die Geschichten der Menschen auch vor Ort. Wie sie leben, was sie denken. Und er zeigt, wie schnell der russische Staat alle „notwendigen“ Informationen zusammenhat, um über jeden der im Land lebt und durch das Land reist im Bilde zu sein.

Zwar ist dies nur ein kleiner Teil, eine Episode dieser Tour von Sankt Petersburg bis nach Magadan aber die Ereignisse reihen sich auf einer solchen Reise wie die Perlen einer Kette aneinander.

Der Schreibstil lässt einen ruhigen Lesefluss zu und nur den. Man hat den Eindruck als wolle der Autor den Leser bewusst an sein gemächliches Reisetempo anpassen, was aber eben schnell ermüdend sein kann.

Denn, nicht für jeden mag dessen Familiengeschichte interessant sein oder zumindest nicht alle Aspekte. So sind dann Längen vorhanden, die der Autor nicht verschuldet hat, da für ihn natürlich diese Reise und die Familiengeschichte eine ganz andere Bedeutung hat.

Kann man aber ganz gut und gerne mit 100 Gramm Wodka überprüfen. Denn, obwohl Alkoholismus im Riesenland ein Problem darstellt, heißt es, dass es sogar wohltuend ist, 100 ml Wodka täglich zu trinken. Wer mehr konsumiert ist ein Säufer.

Autor:

Fredy Gareis wurde 1975 in Alma-Ata geboren und ist in Rüsselsheim aufgewachsen. Nach Nebenjobs als Putzmann, Taxifahrer und Barkeeper stieg er in den Journalismus ein, nachdem er die Münchener Journalistenschule besucht hatte.

Als freier Reporter schrieb er für die Zeitung „Die Zeit“, den Tagesspiegel und war unterwegs für Deutschlandradio. Von 2010 bis 2012 berichtete er aus Israel und dem Nahen Osten.

Für seine Reportage „Ein Picasso in Palästina“ wurde er mit dem Journalistenpreis des Deutschen Kulturrats ausgezeichnet. Im Sommer 2015 machte er sich für eine Reportage auf der Suche nach Raubkunst (kunstjagd.de).

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Jona Oberski: Kinderjahre

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Kinderjahre Jona Oberski Rezensionsexemplar/Roman Diogenes Hardcover Seiten: 149 ISBN: 978-3-257-06962-4

Inhalt:

Die Kinderjahre von vier bis sieben, die am soglosesten sein sollten, erlebte Jona Oberski im Grauen von Bergen-Belsen. Mit seiner einzigartigen, ergreifenden Schilderunmg nimmt er die Perspektive des Kindes ein, das nichts begreift, doch alles Geschehen registriert und einzuordnen versucht. Ein existentielles Buch. (Klappentext).

Rezension:

Jona ist vier Jahre alt und wird eines Tages aus dem Schlaf geschreckt. Laut schreiende Männer sind in der Wohnung und befehlen den Eltern, Sachen zu packen und der Junge begreift in der Hektik nur eines, dass sie auf eine Reise ins Ungewisse gehen werden.

Für Jona eher ein Abenteuer, aber die Angst seiner Eltern, die ihn dennoch immer versuchen abzulenken, färbt auf ihn ab und so beginnt für den Jungen eine Irrfahrt, erst nach Westerbrok, später nach Bergen-Belsen. Dort ist er in aller Deutlichkeit mit der Grausamkeit des Krieges konfrontiert.

Der Hund vom deutschen Wachmann wirkt auf den Kleinen wie der Wolf von Rotkäppchen. Jona versucht dennoch den Schrecken als Alltag wahrzunehmen, hängt sich an seiner Mutter, die er bald als nur noch einzige Bezugsperson haben wird, „spielt“ mit den anderen Kindern im Lager und entkommt dennoch nicht dem Schrecken, der sich in Tod und Krankheit zeigt.

Nicht zuletzt für ihn unmittelbar bei seinen Eltern. Das Kind, welches äußerlich noch klein ist, wird im Innersten schnell zum Erwachsenen und begreift mehr als die selbigen für gut und ausreichend halten. Jona lernt in seiner kindlichen Art und Weise zu überleben.

Dies ist die wahre Geschichte des Autoren, der mit „Kinderjahre“ die wichtigste und egreifenste Lebenststation in Buchform vorgelegt hat. Und das bereits 1973.

Warum dies so lange gedauert hat, bis es diese wahre Geschichte, die so ergreifend und bedrückend ist, wie die von Anne Frank, nach Deutschland geschafft hat, mag man sich bei der Lektüre fragen und ist dennoch froh, dass sie überhaupt erzählt werden kann. Schluießlich hat es der Autor geschafft, zu überleben.

Umsorgt von seinen Eltern und von gutmeinenden Menschen, schafft er es der Hölle des Lagers zu überstehen, um später in der Nachkriegszeit der Niederlande seinen Weg fortzusetzen.

Die eindrückliche, fast erdrückende Schreibweise nimmt den Leser auf den Weg durch eine Kindheit mit, die eigentlich zur schönsten Zeit des Lebens zählen sollte. Tatsächlich ist diese Geschichte schön, weil man weiß, dass es diese des Autoren ist, er überlebt hat, doch das Szenario um ihn herum ist erschütternd und einfach nur schrecklich.

Eine Art „Das Leben ist schön“ auf Niederländisch und aus Kindersicht geschrieben, die doch mehr begreift als die Erwachsenen, die alle selbst kämpfen, wahrhaben wollen. Ein wichtiges, interessantes Buch, welches noch nach dem Lesen beschäftigen wird. Auf, dass kein Kind mehr solch eine Hölle erleben muss.

Autor:

Jona Oberski wurde 1938 in Amsterdam geboren und war als Physiker an einem Forschungsinstitut für Nuklear- und Teilchenphysik tätig. Sein autobiographischer Roman „Kinderjahre“ erschien in den Niederlanden erstmals 1978 und erzählt aus der Sicht seiner Kindheit über sein Erleben von Krieg, Deportation und Konzentrationslager. Das Werk wurde später verfilmt, 2016 ins Deutsche übersetzt.

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Henry Winterfeld: Timpetill – Die Stadt ohne Eltern

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Timpetill – Die Stadt ohne Eltern Roman Heyne Taschenbuch Seiten: 288 ISBN: 978-3-4535-3440-7

Inhalt:

Die beschauliche Kleinstadt Timpetill ist fest in der Hand der Piraten, einer Bande wilder Jungs und Mädchen, die alles durcheinander bringen. Eines Tages allerdings treiben sie es zu bunt.

Als Kater Peter, dem die Piraten einen Wecken an den Schwanz binden, halb Timpetill verwüstet, haben die Erwachsenen entgültig genug: Sie verlassen die Stadt – und ihre nervenaufreibenden Kinder. Die müssen nun selbst schauen, wie sie klarkommen. Es werden die aufregendsten Tage ihres Lebens.

Rezension:

Henry Winterfelds Erstlingswerk muss schon etwas ganz besonderes sein, wenn auf den antiquarischen Markt Preise von 250,00 Euro aufwärts erzielt werden, ohne das zum Verkauf angebotene Exemplar vorher mal in den Händen halten zu können.

Tatsächlich wurde der Roman in den 50er und 60er Jahren der Bundesrepublik noch verlegt, verschwand dann lange Zeit in der Versenkung und erst seit Juli 2013 ist dieses Werk wieder zu einen erschwinglichen Preis zu erwerben.

Gesorgt dafür, hat RandomHouse, genauer gesagt der Heyne-Verlag und natürlich musste ich zugreifen, zumal hier ja schon seit längeren davon geschwärmt wurde. Nun also, konnte ich mir selbst ein Bild machen.

Welches Kind gerät nicht einmal in Situationen, in denen es sich seine Eltern sonst wohin wünscht, ist aber dennoch froh, dass dieser Fall dann doch nicht eintritt, doch genau das passiert den jüngsten Bewohnern des kleinen Städtchens Timpetill.

Allerdings nicht freiwillig. Die Eltern, entnervt von den Streichen der „lieben Kleinen“, ziehen die Konsequenz und fortan sind die Sprösslinge ganz auf sich allein gestellt. Mit allen Konsequenzen. Vermeintlich Positive, wie „keine Schule“ oder „keine Aufgaben“, aber eben auch ohne Wasser, Strom und Essen.

Schuld daran sind die Piraten, berüchtigte Kinderbande, die es wieder einmal zu weit getrieben haben und ganz froh darüber sind, nun ohne Eltern leben zu können, während der mutige Thomas und sein Freund Manfred der Erfinder „Geheimrat“ das sich anbahnende Chaos kommen sehen und mit aller Kraft die Stellung halten wollen, bis die Eltern wiederkommen.

Zwei Lager, die sich spinnefeind sind und fortan um die Oberhand in Timpetill kämpfen, mal „nur“ verbal, aber auch mit harten Bandagen. So entwickelt sich eine spannende Kindergeschichte, aufgelockert durch aufwendige Zeichnungen der beschriebenen Szenen, die sich sehr gut lesen lässt, von Kleinen wie von Großen.

Man fiebert mit den Protagonisten mit, freut und ärgert sich, schüttelt den Kopf um im nächsten Moment der einen, wie auch der anderen Figur insgeheim Recht zu geben und versinkt in diese Welt als würde man selbst zu den Piraten oder den Kindern um Thomas, Manfred und Marianne gehören. Und alleine des Effektes willen, lohnt es sich schon, den Roman zu lesen.

Doch, nicht nur deshalb. Winterfeld schreibt vielschichtig. Über seine Zeit, der aufkommenden Umwälzungen in Deutschland, die genau so mit Chaos und Straßenschlachten begannen und schließlich in die Katastrophe führten und auch die Alltagserlebnisse seines Sohnes Thomas‘ bindet er mit ein.

Für den hatte er ursprünglich diese Geschichte entwickelt und ihn hiermit zumindest in seiner Phantasie gleichsam zu einen Helden gemacht. Vielleicht gab es auch im Leben des echten Thomas eine Kinderbande, die ihm das Leben schwer machte? Wer weiß dass schon?

Vielleicht interessierte sich Thomas schon in seiner Kindheit für Technik, wie die Figur des Manfred, im Buch sein bester Freund? Möglich wäre es, Thomas wurde später Ozeanograph. Insofern ist diese Geschichte gleichsam ein mehrfaches Juwel, Eine gelungene Mischung aus Autobiographie und Phantasie, aus real Erlebten, Wünschen und Ängsten.

Nur einen Unterschied gibt es. In der Geschichte gelingt es „Thomas“ die Ordnung, die die Kinder durcheinander gebracht hatten, auf friedliche Weise binnen Tagen wieder herzustellen. In Europa tobte der Krieg noch bis Mitte 1945.

In der Neuausgabe existiert zudem noch ein Nachwort von Boris Koch. Unbedingt wirklich erst danach lesen. Es lohnt sich.

Autor:

Henry Winterfeld wurde 1901 in Hamburg geboren als Sohn des Dirigenten und Künstlers Jean Gilbert (eigentlich Max Winterfeld). Giberts Söhne studierten ebenfalls Musik, emigrierten während der Machtübernahme Hitlers in die USA. Henry Winterfeld lebte bis zu seinem Tod als Jugendschriftsteller und Filmautor in Maine, USA, wobei er seine Werke hauptsächlich in deutscher Sprache verfasste.

Im Jahre 1933 erfand Winterfeld für seinen damals zehnjährigen an Scharlach erkrankten Sohn Geschichten mit täglich einer Episode. So entstand sein erstes Buch „Timpetill – Die Stadt ohne Eltern“ welches er mit eigenen Scherenschnitten illustrierte. Verlegt wurde es erstmals 1937 unter den Pseudonym Manfred Michael.

Danach musste er aus den bedrohten Frankreich fliehen und zog zu Verwandten in die USA, deren Staatsbürgerschaft er 1946 annahm. 1953 erschien sein zweites Buch „Caius ist ein Dummkopf“. Sein Werk „Timpetill – Die Stadt ohne Eltern“ ist Pflichtlektüre an französischen Schulen und wurde 2007 verfilmt.

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Winterberg, Yury/Sonya: Kleine Hände im Großen Krieg – Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg

Kleine Hände im Großen Krieg Book Cover
Kleine Hände im Großen Krieg Sachbuch Aufbau Verlag Hardcover Seiten: 368 ISBN: 978-3-351-03564-8

Thema:

„Was nützt es, ein Kind zu sein, wenn Krieg ist …“ Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, der Erste Weltkrieg, hat die Menschheit in einen Ausnahmezustand versetzt. Dazu gehörte auch die Generation der Kinder, deren Schicksale in diesem Buch erstmals erzählt werden. Kindersoldaten kämpften im Ersten Weltkrieg zu Tausenden in fast allen Armeen.

Allein in England waren es etwa 250 000. Aber es gab auch die minderjährigen Kriegskrankenschwestern und viele Kinder, die die Grausamkeiten der Besatzung erleben mussten: 100 Jahre nach seinem Beginn wird die Geschichte des Ersten Weltkrieges anhand ihrer Tagebücher und Briefe völlig neu erzählt.

Dabei kommen auch Prominente zu Wort, die im Ersten Weltkrieg heranwuchsen, unter ihnen Simone de Beauvoir, Marlene Dietrich, Heinz Erhardt, Alfred Hitchcock und Anaïs Nin. (Amazon.de)

Rezension:

Als das hundertste Gedenkjahr näher rückte, machte sich ein Autorenteam daran, anhand von Tagebüchern ddie Schicksale Beteiligter am Ersten Weltkrieg nachzuspüren und stieß auch auf drei schriftliche Zeugnisse aus Kinderhänden. Diese sollten mit in die Fernsehserie „Tagebücher des ersten Weltkrieges“ eingeflochten werden, doch würde das funktionieren?

Wären solche Schriften überhaupt eine ernstzunehmende und stichhaltige Grundlage für eine ernsthafte Aufarbeitung? Die Redakteure hatten Bedenken und die beteiligten Senderanstalten auch, trotzdem stieß man nach und nach auf weitere Tagebücher von Kindern und Jugendlichen, so dass man schließlich beschloss, diesen eine eigene Serie zu widmen.

Die kam dann auch, acht Folgen auf ARTE. Doch das Material gab viel mehr her als dass man es hätte unbeachtet lassen können und so entstand unter Federführung von Sonya und Yury Winterberg dieses Buch. Treffender hätte der Titel nicht sein können. Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, der nicht auf einem eng begrenzten lokal wahrnehmbaren Raum stattfand sondern Länder überall in einem Strudel der Gewalt riss und mit ihnen auch eine ganze Generation von Kindern.

Für diese sollte nichts mehr so sein, wie vorher. Egal, ob sie in Serbien oder in den Gebieten Belgiens lebten, wo später Franzosen und Deutsche praktisch in Schützengräben kämpften oder in den riesigen Weiten des Russischen Reiches lebten.

Einige von ihnen kämpften sogar, obwohl minderjährig, an forderster Front mit und von diesen und jenen berichten die Winterbergs nur aufgrund von Tagebüchern eben dieser Kinder. Trotzdem bewahren sie, wo sich die Schreiber irrten, historische Richtigkeit und blicken zudem über den Tellerrand.

Keine Seite des Krieges wird ausgespart, Tagebücher von Kindern aus aller Welt zu Rate gezogen. Spannender und zugleich erdrückender kann Geschichte kaum sein. Egal, ob von dem damaligen Londoner Schuljungen Alfred Hitchkock die Sprache ist oder vom russischen Zarewitsch Alexej oder von einfachen ellsässischen Bauern- oder belgischen Dorfkindern.

Die Kinderschicksale, die in der Serie erzählt werden, kommen im Buch nicht vor, dieses berichtet dafür ausführlicher, vielseitiger und kritischer.

Es hinterfragt die Tagebücher, sucht Verknüpfungspunkte zwischen den Kindern, die sich nicht einmal kannten und zeigt, dass ein jedes dieser Jungen und Mädchen den Ersten Weltkrieg auch ein klein wenig mit beeinflusst hat und der Krieg umgekehrt und um so mehr natürlich die Kinderseelen.

Gerade heute, wo es wieder viele Kindersoldaten (Über 250.000 Kinder waren es im Ersten Weltkrieg in der Britischen Armee. Eine Tatsache, die erst spät aufgearbeitet wurde.) überall auf der welt gibt, wo viele Kinder vor den von den Erwachsenen geführten Kriegen flüchten müssen, ist dieses Buch sehr aktuell.

Denn, durch Krieg gewinnt man nicht unbedingt etwas, zerstört aber auf jeden Fall. Und als erstes und am längsten sind immer Kinder davon betroffen.

Autoren:

Yury Winterberg wurde 1965 in Radebeul geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Psychologie an der TU Dresden und arbeitete dort eine Zeit lang als wissenschaftlicher Assistent. In den 1980er Jahren veröffentlichte er erstmals eigene Texte und nach der Wende arbeitete er als Zeitungsredakteur bei den späteren „Dresdner Neueste Nachrichten“.

Für kurze Zeit war er außerdem für den MDR-Hörfunk tätig sowie für die SPD als Kulturreferent im Sächsischen Landtag. 1993 machte er sich selbstständig und schrieb Drehbücher für Dokumentationen und Dokudramen der Öffentlich-Rechtlichen Sender. Sein Schwerpunkt ist das Thema „Zeitgeschichte“.

Sonya Winterberg wurde 1970 geboren und machte 1989 ihr Abitur auf dem Schwedischen Gymnasium Borga in ihrer Geburtsstadt Provoo/Finnland. Später zog sie nach Deutschland um Skandinavistik, Germanistik und Philosophie in Freiburg/Breisgau zu studieren. Nachdem sie für eine Umweltorganisation arbeitete, folgte ein mehrjähriger Aufenthalt in den USA.

In zweiter Ehe ist sie mit Yury Winterberg verheiratet. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich sozialer Arbeit für mehrere Organisationen und in der Fotografie. Sie ist eine Vertreterin des sog. Slow Jouernalism, der sich der sorgfäktig echerchierten langfristigen Auseinandersetzung mit Themen widmet.

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