Doris Lessing: Das fünfte Kind

Inhalt:
In ihrem Häuschen im Londoner Umland leben Harriet und David die perfekte Idylle, bis sie ein weiteres Kind bekommen. Bereits als Baby benimmt es sich äußerst seltsam beziehungsweise unangenehm grob. Harriet versucht verzweifelt, die zunehmenden Aggressionen auszugleichen. Es dauert eine Weile, bis sie sich eingesteht, dass sie Angst vor ihrem eigenen Kind hat. Welch unaussprechliche Ahnung! Eines der bekanntesten und beeindruckendsten Werke von Doris Lessing, das seine Figuren vor existentielle, schier unlösbare Aufgaben stellt. (Klappentext)

Rezension:
Selten wurde das Zerbrechen eines Familienidylls in einer Mischung aus englischem Schauerroman und klassischen Horrors so eindrücklich erzählt, wie hier in „Das fünfte Kind“, der englischen Schriftstellerin Doris Lessing. Der Roman, fast durchgehend gehalten in einer Art des klassischen Kammerspiels, hält einem fest in den Griff, wie der Archetyp selbst, der sich in die Figur des Hauptprotagonisten selbst manifestiert.

Für heutige Verhältnisse mutet der Schreibstil der Autorin beinahe altmodisch an. Doch da findet man mit der Zeit hinein, das angestaubte Familienbild ist da schon schwieriger zu fassen. Heraufbeschworen wird zunächst das glückliche Eheleben mit möglichst vielen Kindern, ganz im Sinne konservativer Ansichten, wenn auch Doris Lessings leichte Spitzen gegen die Schicht der Besserverdienenden von Beginn an ihren Platz finden und sich durch die gesamte Lektüre ziehen.

Denn die Hauptfiguren leben von Anfang an praktisch über ihre Verhältnisse. Das großzügige bald notwendige Haus kann überhaupt nur mit Unterstützung und viel Wohlwollen der zahlungskräftigen Eltern des jungen Paares unterhalten werden, die dem Wunschbild von der großen Familie jedoch nichts entgegensetzen können. Dies ist der erste von vielen Konfrontationspunkten, die die Autorin schafft, die ihren Höhepunkt im fünften Kind finden werden, an dem nicht nur die Kernfamilie letztendlich zerbrechen wird.

Diesem Szenario setzt Doris Lessing ihre Figuren aus und schafft damit eine ungeheure Dynamik, welche Fahrt aufnimmt, und dann ohne zu Bremsen gen Abgrund zu steuert. Die titelgebende Hauptfigur wird mit zunehmendem Alter immer mehr ihrer Kräfte bewusst, Harriet als dieser gegenüber später noch als Einzige wohlwollenden Protagonistin verfolgt ihr Familienbild beinahe bis zum bitteren Ende mit einer bis über das Ziel hinausschießenden Dummheit und Arroganz, welche nicht mehr mit Naivität schön zu reden ist. Wie kann ein Mensch so viele Nadelstiche, so viele schmerzhafte Stiche und auch Grobheiten und Gewaltakte gegen sich und ihre Lieben so schönreden und entschuldigen?

Um diese beiden Figuren wird ein Szenario geschaffen, in deren Mitte einige blinde Flecke erst kleine Risse, später ganze Gräben, sinnbildlich gesprochen, übersehen, über die die anderen Figuren zu Leidtragenden werden. Gegensätze brechen auf, unterschwelliges kommt immer wieder zu Tage und treibt die Handlung voran, deren Sturm im Zentrum Ben bildet, der den Ur-Archetyp des Menschen verkörpern mag.

Der Teufel im Inneren, mag einem da zu weilen in dem Sinn kommen. Vielleicht aber hat die Autorin auch ihre eigene Gefühlswelt in diese Figur manifestiert. In Kenntnis ihrer privater Familiengeschichte ist dies zumindest möglich.

Wie ein daneben stehender Beobachter begleiten wir die Geschichte, deren Szenen sich fast allesamt im Familienhaus der Lovetts abspielen und das Zerbrechen eines Idealbildes beiwohnen, welches schon damals zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem Harriet als Hauptprotagonistin selbst, leidet darunter, hat jedoch auch Scheuklappen gegenüber dessen, was sie vor allem ihren anderen Kindern gegenüber zumutet, in dem sie die Wahrheit verkennt. Immer wieder möchte man sie darauf stoßen. Immer wieder setzt die Autorin noch eines drauf, kaum kommen ihre Figuren einmal zu Atem.

Dieses Spiel mit Gegensätzen, Urgewalt gegen Kultur, Zusammenhalt gegen Einzelgängertum, Rohheit gegen Gefühl, wird bis ins Unerträgliche auf die Spitze getrieben, dass man beinahe schreien muss, um die Erzählung, die beiden Hauptprotagonisten auszuhalten. Dabei setzt die Autorin vor allem auf unterschwellige Spannungsmomente. Gewalt wird angedeutet oder kurz vor Geschehen unterbrochen. Immer wieder ist jedoch zwischen den Zeilen eine dunkle Ahnung von Angst zu lesen, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

Doris Lessing erzählt dies sehr bildhaft. Die Figuren kann man sich sehr gut vorstellen, die Handlungsorte vor dem inneren Auge entstehen lassen. Das Sprichwort vom „Grauen hinter der Fassade“ bekommt in diesem Roman eine ganz eigene Bedeutung. Für Fans klassischen Horrors, der mehr auf die psychologische Komponente setzt, ist diese Erzählung sicher geeignete Lektüre, wenn man nicht dazu neigt, sich zu sehr über einzelne Protagonisten aufzuregen.

Der Roman wurde 1988 erstmals im Original veröffentlicht und funktioniert mit diesen Elementen, natürlich in einem etwas anderen Tempo als das derzeit üblich ist, noch heute. Es ist jedoch schon länger her, dass mich Protagonisten so dermaßen herausgefordert haben. Wenn man so möchte, hat da Doris Lessing durchaus einen Punkt.

Autorin:
Doris May Lessing wurde 1919 in Kermanschah, Iran, geboren und war eine britische Schriftstellerin. 1950 erschien ihr erster Roman, der ihr zum literarischen Durchbruch verhalf, dem weitere folgten. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Den Nobelpreis für Literatur erhielt sie im Jahr 2007. Im Jahr 2013 verstarb die Autorin in London.

Der virtuelle Spendenhut

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich über eine virtuelle Spende. Vielen lieben Dank.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert