John Boyne: Cyril Avery

Inhalt:

Schon vor seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er keinen Platz in der konservativen Gesellschaft Irlands der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn bei sich auf, doch auch dort fühlt er sich nicht zu Hause. Bis eines Tages ein Junge im Hausflur steht – und mit ihm ein Abenteuer beginnt, das Cyril genau das finden lässt, wonach er immer gesucht hat: seinen Platz in dieser verrückten Welt. (Klappentext)

Rezension:

Irland war vor noch wenigen Jahrzehnten das Armenhaus Europas, in dem die katholische Kirche noch vor den staatlichen Politikern, mit all ihren veralteten Moralvorstellungen und Predigten das Sagen hatte und das Leben der Menschen, besonders in den Dörfern, bestimmte. Ohnehin zerrüttet durch die ständigen politischen Auseinandersetzungen, gab es nicht viel, woran sich die einfache Bevölkerung orientieren und halten konnte, doch die angespannte gesellschaftliche Situation ließ Abweichungen von der Norm nicht zu. John Boyne, einer der großen irischen Schriftsteller hat sich der Geschichte und vor allem den Wandel moralischer Vorstellungen angenommen und erzählt die Geschichte seines Heimatlandes und den gesellschaftlichen Wandel in großen Bildern.

Erzählen kann der Autor, wie er in unzähligen Romanen, allen voran „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und „Der Junge auf den Berg“ bewiesen hat und es ist eine Großtat, sich ebenso mit einem entscheidenden Aspekt der irischen geschichte auseinandergesetzt zu haben. Anhand des Protagonisten Cyril, der von der Mutter gezwungenermaßen weggegeben wird und bei Adoptiveltern aufwächst, die sich alles andere als solche verhalten, beschreibt Boyne die Leidensgeschichte derer, die nicht in das erzkonservative gesellschaftliche Bild passten, die katholische Kirche und Politik ihrer Bevölkerung aufzwangen.

John Boyne, der sich in seinen anderen Erzählungen durchaus auf das Beschreiben von Coming-of-age-Situationen versteht, misslingt hier der erste Teil des Romans, in sofern, dass dieser verhältnismäßig blass bleibt. Frank McCourt hat dies in den Romanen, die er über seine Lebensgeschichte verfasst hat, besser verstanden, berichtete jedoch von tatsächlich Erlebten, während Boyne Geschichte erdenken musste. Dieser Funke springt jedoch nicht über, was dann erst im zweiten Teil passiert.

Der Handlungsverlauf versteht sich erst im Mittelteil zu steigern, in einer Wucht, die den ersten Seiten nur am Anfang zu Gute kommt, dann jedoch eine ganze Weile abebbt. Doch, es scheint als habe der Autor erst nach mehreren hundert Seiten wirklich in die Geschichte eingefunden und so lohnt es sich für den Leser auch, durchzuhalten. Man ist gefangen von der Dynamik der Protagonisten, den Tragödien, kurzen Momenten des Glücks, bevor die Figuren dann wieder allzu hart auf den Boden der Tatsachen gedrückt werden.

Damit allein hätte der Roman das Zeug zu einem Meisterwerk, alleine der Schluss zeigt, dass „Friede, Freude, Eierkuchen“ und alle verstehen sich irgendwie, alle kommen miteinander aus oder machen eben ihren Frieden miteinander im wirklichen Leben zwar wünschenswert ist, aber wann passiert das schon so? Doch, nur in den wenigsten Fällen und gerade bei der bewegten Geschichte, die uns Boyne hier erzählt, nehme ich das ihn nicht ab. Eine Prise mehr Nachdenklichkeit, weniger Sentimentalität und eine Spur weniger Anlehnung an John Irving hätte der Handlung ganz gut getan. So ist es dennoch eine Geschichte mit Ecken und Kanten, die zwar nicht besonders aber dennoch irgendwie im Gedächtnis bleibt.

Autor:

John Boyne wurde 1971 in Dublin geboren und ist ein irischer Schriftsteller. Nach der Schule studierte er Englische Literatur am Trinity College in Dublin, sowie Kreatives Schreiben in Norwich. Zahlreiche seiner Romane wurden ins Deutsche übersetzt, bekannt wurde er einer größeren Menge mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2006), welcher zudem verfolt wurde. Boyne nimmt sich in seinen Romanen und Kruzgeschichten immer wieder gesellschaftlichen und kontroversen Themen an und war 2013 Jurymitglied im Kinder- und Jugendprogramm für „Das außergewöhnliche Buch“ beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Seine Werke wurden in über 46 Sprachen übersetzt. Boyne lebt in Dublin.

John Boyne
Cyril Avery
Seiten: 734
ISBN: 978-3-492-05853-7
Verlag: piper

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