Tara Westover: Befreit

Inhalt:
Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt – durch Bildung, durch Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war. (Klappentext)

Rezension:
Für diese Rezension habe ich mir zum ersten Mal des Effektes Willen überlegt, die Kurzbiografie einer Autorin wegzulassen. Vorab sich nämlich nicht über Tara Westover informieren zu können, macht die von ihr erzählte Geschichte noch brisanter, noch mächtiger und noch unglaublicher.

Tara Westover wächst als Kind in einer, von ihrem vater bestimmten Familie auf, die sich komplett von der Außenwelt abgrenzt. Hier geht es nicht nur um die Gegenüberstellung zweier parteipolitischer Ansichten, die heutzutage das medienbild der USA prägen, hier geht es um alles oder nichts.

Eine rechtschaffende, gläubige, Gott zugewandte Familie gegen den Rest der Welt. So sieht das zumindest Taras Vater, der sogar die strengen Vorschriften der Mormonen noch wörtlicher als die meisten Gläubigen nimmt und damit seinen Kindern alle Chancen nimmt.

Diese werden von den staatlichen Schulen genommen, müssen im Familienbetrieb arbeiten, selbst schwerste Verletzungen werden nicht im Krankenhaus behandelt, sondern auf dem heimischen Sofa, unter Zuhilfenahme pseudoätherischer Öle und natürlich Gebeten. Unter diesen Bedingungen wächst die immer größer werdende Kinderschar auf.

Je älter sie werden, um so mehr sehen Tara und, leider nicht alle, ihre Geschwister eine Zukunft, die ihnen verwehrt werden wird, wenn sie nicht ausbrechen. Zwei ihrer älteren Geschwister und sie selbst nehmen diesen Kampf jedoch auf und stellen sich damit gegen Glaube, Familie und vor allem ihrem Vater.

Wie weit muss man gehen, um den Kampf um Selbstbestimmung, Entwicklung und frieheit zu gewinnen? Manche offenbar sehr weit, wenn man Tara Westovers beeindruckende Bildungsbiografie liest.

Als Leser wird man kaum aus den Erstaunen herauskommen, welches Leid die Autorin unter der Tyrannei ihres Vaters zu erdulden hatte, dessen bipolare Störung zur Zerreißprobe für den gesamten Clan geworden ist, dessen beim Streit aufgeplatzte Wunden bis heute nicht verheilt sind.

Nach der Lektüre wird man den Faktor Bildung einen größeren Wert als bisher bemessen, innerlich die Autorin an manch beschriebenen Ereignissen in den Arm nehmen, dann wieder mit den Kopf gegen die Wand des Naheliegenden stoßen wollen.

Eindrucksvoll beschreibt Westover die ihr gestellten Hürden, die sie ohne Hilfe liebenswerter Menschen nicht hätte überwinden können. Tränen, Traurigkeit, Glücksgefühle, Wut. All das wechselt so schnell nacheinander, dass man innehalten muss, um zu Atem zu kommen.

Tara Westover beschreibt ihren Weg in Eigenständigkeit und Selbstwertgefühl, welcher steiniger nicht hätte sein können. Was muss es nur für eine Überwindung und Kraft gekostet haben, diese Zeilen zu Papier zu bringen?

Der Lehrer rief mich auf, und ich las den Satz vor. Als ich an das Wort kam, hielt ich inne. „Dieses Wort kenne ich nicht“, sagte ich. „Was bedeutet es?“

An manchen Stellen möchte man brechen. Für mich gehören Eltern, die krank oder nicht, so die Sicherheit ihrer Kinder gefährden wie Westovers dies getan haben, die ihre Kinder jede reelle Chance auf Bildung und damit Freiheit genommen haben, in Gewahrsam.

Um so größer die Bewunderung für Tara Westover, die dennoch einen Funken Liebe noch in sich bewahrt hat, für die zeit, in der ihre Eltwern und sie vielleicht eines Tages aufeinander zugehen können. Diese Biografie ist ein Mahnmal für das, was Zwänge anrichten und was Bildung bewirken kann. Grenzen zu überschreiten, benötigt Zeit.

Manchen macht die Geschichte Tara Westovers hoffentlich Mut genug, ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn das dieses Buch schafft, wäre viel gewonnen.

Autorin:
Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, geboren und lebt heute in Großbritannien. 2008 erwarb sie den Bachelor of Arts an der Bringham Young University, am Trinity College in Cambridge erhielt sie 2009 ihren Abschluss als Master of Philosophy und promovierte 2014, nach einem Abstecher in Havard in Geschichte. „Befreit“ ist ihr erstes Buch.

Tara Westover
Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss
Seiten: 444
ISBN: 987-3-462-05012-7
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

3 Kommentare zu „Tara Westover: Befreit

  1. Hey,
    dieses Buch hat mich auch sehr mitgenommen! Ich musste über vieles nachdenken, was Familie, Familienbande, Glaube usw. angeht. Ich bin sehr froh, dass die Autorin intelligent genug war, den Start in die „neue Welt“ durchs eigene Lernen zu beginnen und dann auch genug Mut hatte, ihren Weg, trotz Rückschlägen und Gewalt, nach vorne zu gehen. HIER kannst du in meine Meinung reinlesen, falls du magst.
    GlG, monerl

    Ich habe deinen Blog ganz neu entdeckt und er gefällt mir sehr! Wir haben einige Bücher, bei denen wir uns überschneiden. Mal sehen, ob ich deinen Blog per Mail abonnieren kann. Das ist für mich das Beste. Auf diese Art und Weise kann ich ganz bequem folgen.

    1. Hallo Monerl,

      habe mir auch deinen Blog markiert und werde das Wochenende nutzen, um darin zu stöbern.
      Danke, für dein Kommentar.

      Dieses Buch gehört, glaube ich, zu den ganz besonderen Juwelen auf den Büchertischen und hat für mich sogar das Potenzial zum besten Buch des Jahres.
      Die Autorin erzählt so, dass es nahe gehen muss. So eindrücklich, dass man ihre Geschichte lange nicht aus den Kopf und ins Grübeln kommt.

      Liebe Grüße,

      findo.

      1. Hallo findo,
        vielen Dank für deinen Kommentar bei mir. Freut mich sehr, dass du Zeit für einen Besuch gefunden hast.

        Ich stimme dir zu, das Buch ist wirklich ein Juwel und ich wünsche ihm sehr viel Erfolg und viele Leser! Die Geschichte gehört verbreitet, damit andere Menschen Kraft daraus ziehen können. Tara Westover hat quasi das Unmögliche wahr gemacht. Andere könnten das evtl. auch. Mich wird ihre Geschiche ganz bestimmt noch eine ganze Weile begleiten. Dieses Leben kann man selbst als Leser nicht so leicht abstreifen, geschweige denn als Betroffener.
        GlG, monerl

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