Rimantas Kmita: Die Chroniken des Südviertels

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Die Chroniken des Südviertels Rimantes Kmita Rezensionsexemplar/Roman Erschienen am: 01.10.2019 Mitteldeutscher Verlag Übersetzer: Markus Roduner Taschenbuch Seiten: 414 ISBN: 978-3-96311-180-8

Inhalt:
Siauliai, eine Stadt m Norden Litauens, in den 1990er Jahren. Rimants, alter Ego des Ators, wächst dort heran und spielt mit Leib und Seele Rugbys, sucht einen Platz im Wilden Osten der Nachwendezeit. Coole Trainingsanzüge, Rambo-Poster sind das Nonplusultra und natürlich die Liebe.

Der Jugendliche sucht nicht nur in der alternativen Musikszene nach sich selbst, begegnet der ersten Liebe und bald auch der zweiten. Schließlich führen ihn Freundin und Lehrerin in die Literatur hinein. Rimants beginnt zu schreiben und seinen Weg zu gehen. (eigene Inhaltsangabe).

Rezension:
Ich meine, einmal in einem Interview gelesen zu haben, man solle über das schreiben, was man kennt, dann gelingt einem auch ein Roman und so liegt in einer ersten Übersetzung nun ein litauischer Bestseller vor.

In „Die Chroniken des Südviertels“ erinnert sich Rimabntas Kmita an seine Jugend und am Aufwachsen in der Ungewissheit der Nachwendezeit ebenso, wie an Orientierungslosigkeit, Mode und Musik, Selbsfindung und der Entdeckung mehrerer Lieben.

Diese Mischung durchzieht den Roman, in dem die Leser den jungen Hauptprotagonisten begleiten, der aus der Enge seines Plattenbauviertels, wie es sie wohl in jeder osteuropäischen Großsstadt (und sicher auch in jeder westlichen) gibt, einen Ausweg und sich selbst sucht, verbunden mit all den Irrungen und Wirrungen, die die Pubertät bereit hält.

Rimants ist dieser alte Ego, der zwischen Trainingsanzügen und Schwarzmärkten den Sinn des Lebens sucht, bei Eltern und anderen Autoritäten aneckt und erst durch eine Freundin ruhigere fahrwasser entdeckt, ohne selbst ruhig zu bleiebn. Zu viele Möglichkeiten hält das Leben bereit, wenn auch der Sport zunächst an erster Stelle steht.

Die Bündelung der Handlungsstränge, die nach und nach unterschiedlich gewichtet werden, beherrscht der Autor, an dessen erzählerischen Rhythmus man sich erst gewöhnen muss. Schön, das ab und zu mal ein Vers die Geschichte auflockert, jedoch geschriebene Umgangssprache liest sich in manchen Teilen etwas merkwürdig.

Das Einfinden in Text und Sprache nimmt ein wenig Zeit in Anspruch. Zunächst ist langsames Lesen angesagt, Längen müssen überwunden werden. Ist jedoch auch in der Pubertät, im übertragenen Sinne, ja auch nicht anders. Nach dem Einfinden jedoch, ist man im Lesefluss und kann den Erlebnissen von Rimntas und seinen Freunden folgen. Doch, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Der Spruch gilt, irgendwie, auch hier.

Das Empfinden einer Generation, die Orientierungslosigkeit und Suche des Protagonisten nach Sinn haben mir zugesagt. Längen, die diese Erzählung jedoch hat, stellen einen Anspruch an das Durchhaltevermögen eines Lesers, den man sich erst einmal aussetzen muss. Das funktioniert nicht immer, zumal wenn die Vergleichsfolie fehlt.

Meine Jugend fand eine Generation später statt, unter anderen Bedingungen. So fehlt in manchen Punkten die Nachvollziehbarkeit, die es vielleicht gebraucht hätte. Für die unmittelbare Wendegeneration jedoch, kann ich mir gut vorstellen, dass der Roman sehr gut funktioniert und Rimants und seine Freunde einem ans Herz wachsen.

Wenn das Rimantas Kmita schafft, ist doch das Ziel erreicht.

Autor:
Rimantas Kmita wurde 1977 geboren und ist ein litauischer Schriftsteller, Lyriker und Literaturkritiker. Aufgewachsen in Siauliali studierte er in Kaipedia, Vilnius und in Greifswald, bevor er mehrere Gedichtsbände veröffentlichte.

Er leitet eine eigene Literatursendung im litauischen Nationalradio LRT. Sein Roman „Die Chroniken des Südviertels“ erschien in seiner Heimat 2016 und avancierte dort zu einem der größten Bestseller moderner litauischer Literatur.

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt

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Titel: Kein Teil der Welt Stefanie de Velasco Rezensionsexemplar/Roman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 10.10.2019 Hardcover Seiten: 432 ISBN: 978-3-462-05043-1

Inhalt:
Vom Aufwachsen in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas.

Mit unwiderstehlicher Kraft führt uns Stefanie de Velascos aufrüttelnder Roman in eine Welt, die mitten in der unsrigen existiert und dennoch kein Teil von ihr ist. Klug, rasant und herzzerreißend erzählt er vom Emanzipationsprozess einer jungen Frau, der sämtliche Fundamente zum Einstürzen bringt. (Klappentext)

Rezension:
Unser Grundgesetz legt fest, dass ein Jeder glauben darf, woran er oder sie möchte, so lange man seinem Gegenüber nicht schadet. Dies ist ein Privileg, zumal es noch genug Orte auf der Welt gibt oder es in der Geschichte gab, an denen die jenigen verfolgt wurden, die von den Meinungen der Mehrheitsgesellschaft abweichen oder ganz und gar ihre eigenen Wege gehen.

Doch, was ist, wenn sich die Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft zu sehr abschotten und sich selbst schaden? Stefanie de Velasco erzählt die fiktive Geschichte zweier Mädchen innerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas.

Die Autorin, die selbst lange Zeit Mitglied der Zeugen Jehovas gewesen ist, erzählt nicht ihre oder eine andere klassische Aussteigergeschichte, sondern stellt dem Leser zwei klassische identifikationsfiguren an die Seite, deren Schicksal man von Zeile zu Zeile atemlos verfolgt.

Zum einen ist da das Mädchen, welches den Glauben mit einer Ernsthaftigkeit praktiziert, dass man als Leser nur den Kopf schütteln kann, dioe jedoch später nach ersten Zweifeln beginnt, zu hinterfragen. Die Erzählerin indes ist die andere Protagonistin, die einfach ihre Ruhe haben, keinen Wandel möchte, doch vom Zweifel ihrer Freundin mitgerissen wird.

Im Wechsel der Zeitebenen wird die Geschichte erzählt. Rückblenden und Gegenwartseindrücke gehen nahtlos ineinander über.

Das ist die Stärke des Romans und zugleich seine Schwäche. Zu Beginn weiß man nicht, wo diese Geschichte einem hinführen wird, welches Ziel die Protagonisten verfolgen. Auch das Lesetempo, welches die Autorin einfordert ist nicht gerade einladend.

Am Anfang fließt der Erzählstrom langsam, doch schon nach dem ersten Drittel wird klar, dass die Figuren sich in immer rasanteren Tempo dem Abgrund nähern. Dies widerum tut der Handlung gut, wenn auch im Mittelteil die Wendung zu abrupt kommt. Hier hätten fünfzig Seiten mehr der Geschichte gut getan.

Stefanie de Velasco erzählt eine nur in Ansätzen autobiografische Geschichte und doch eine, wie sie passieren könnte. Sie zeigt, wie wichtig es ist, auch auf die jenigen zu achten, die außerhalb unserer Gemeinschaft stehen, ohne erhobenen Zeigefinger natürlich, aber dennoch Hilfe anzubieten, wenn stille Zeichen dazu Anlass geben.

Die Autorin erzählt, dass es wichtig ist, auf diese Menschen einzugehen, gleich dem wie fremd die einstige Denkweise sein mag, aber auch wie wichtig es ist, größere Katastrophen zu verhindern, sind doch die Einschnitte ohnehin brutal genug.

Mit der Kraft des Erzählens zeigt „Kein Teil der Welt“ jedoch auch, wie nah Freud und Leid beieinander liegen und das Freundschaft auch dann noch eine Wirkung hat, wenn diese längst vergangen ist. Und da sind dann die Protagonisten dann doch nicht so anders als die Welt um sie herum.

Einige Längen und ein allzu abrupter Wechsel im handlungsverlauf zum Trotz, zieht einem der Roman in seinem Bann, lässt einige Fragen offen und im Leser arbeiten. Das halboffene Ende passt dazu, insgesamt hätten der Erzählung ein paar Seiten mehr Ausführungen gut getan. Im Großen und Ganzen jedoch, lesenswert.

Autorin:
Stefanie de Velasco wurde 1978 geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin. Aufgewachsen bei den Zeugen jehovas verließ sie die Religionsgemeinschaft im Alter von 15 Jahren. Nach der Schule studierte sie Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft in Bonn, Berlin und Warschau.

Für das Berliner Stadtmagazin Zitty, die FAS und Zeit Online schreibt sie regelmäßig Beiträge. Im Jahr 2013 erschien ihr Debütroman „Tigermilch“, der verfilmt und zahlreich übersetzt wurde. Ein Jahr später wurde sie dafür für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. „Kein Teil der Welt“, ist ihr zweiter Roman.

Michaela Küpper: Der Kinderzug

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Der Kinderzug Michaela Küpper Rezensionsexemplar/Roman Droemer Erschienen am: 01.10.2019 Hardcover Seiten: 348 ISBN: 978-3-426-28218-2

Inhalt:
Im jahr 1943 begleitet Barbara, Lehrerin, eine Gruppe Mädchen im Rahmen der sog. Kinderlandverschickung. Angst, gespannte Unruhe, begleitet die Gedanken der Kinder, die nicht wissen, was sie erwartet.

Eine Odyssee beginnt, die nicht nur die Kinder, sondern auch Barbara an ihre Grenzen führt. Immer mehr werden die Realität und die grausamen Methoden der Nationalsozialisten deutlicht. Schließlich verschwindet eines der Mädchen und ein polnischer Zwangsarbeiter wird verdächtigt. Barbara muss sich entscheiden. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Im Jahr 1943 bekamen die Deutschen entgültig die Auswirkungen des von ihnen verursachten Weltkrieges zu spüren. Städte wurden zerbombt, Lebensmittel waren schon längst rationiert, die Armeen an allen Fronten befanden sich auf den Rückzug.

Um Zugriff auf die Kleinsten zu haben, aber auch um sie zu schützen, wurden hunderte Kinder im Rahmen der sog. Kinderlandverschickung von ihren Eltern getrennt und beinahe schulklassenweise in vermeintlich sichere, zumeist ländliche, Gebiete verteilt. Ein großer Umbruch im Leben der Kinder und Jugendliche, die später diese als schönste oder schlimmste zeit ihres Lebens empfinden würde, ganz abhängig vom Erlebten.

So viel zur wahren Geschichte und zum Szenario, welches sich Michaela Küpper für ihren neuesten Roman „Der Kinderzug“ vorgenommen hat. Der Leser begleitet eine Gruppe von Kindern, doch vor allem eine ihr zugeteilte Lehrkraft quer durch die Lande und erlebt die Schrecken dieser Zeit praktisch hautnah mit.

Erzählt wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, in Form der Draufschau eines Tagebucheintrages etwa oder und vor allem durch die Ich-Erzählerin, die junge Lehrerin, Barbara, die als Identifikationsfigur dient.

Zum Greifen nah ist die Spannung der Ungewissheit sonderbarer Zeit und das Abwiegen zwischen der Notwendigkeit, einen gewissen Alltag zu leben und sich der sonderbaren Lage anzupassen. Letzteres vor allem, wenn Erwachsene und Kinder mit den Auswirkungen der großen Politik konfrontiert und von deren schlimmster Sorte zum Spielball degradiert werden.

Wie weit darf, muss man mitgehen, wann Haltung bewahren oder Kompromisse machen, um sich selbst und seine Schutzbefohlenen zu schützen? Michaela Küpper hat sich diesen Spannungsbogen vorgenommen und erzählt, zunächst langsam, was auch beim Lesen einige Längen verursacht, dann in einem immer schnelleren Tempo, die Geschichte.

Erzählt wird von den Auswirkungen einer menschenverachtenden ideologie auf das Leben der Jüngsten, die später einmal unsere Groß- und Urgroßeltern werden sollten, in Romanform.

Zur Geltung kommt aber auch das Engagement vieler Lehrkräfte, die sich für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche bis hinein in den letzten Kriegstagen einsetzten. In kurzweiligen Kapiteln, nur anfangs stört ein etwas flacher Erzählstil das gesamte Bild, gibt sich dann jedoch später, orientiert sich Michaela Küpper am roten Faden der Geschichte und erzählt die von ihr gesponnene.

Mit zunehmender Seitenzahl findet die Autorin mittel und Wege zu beschreiben, Emotionen aufkeimen und wirken zu lassen und wird von Zeile zu Zeile stärker.

Die große Politik und die Auswirkungen des Krieges, die die Welt in eine Katastrophe stürzte, wird hier geschickt in eine gut nachvollziehbare Romanhandlung verpackt. In allen Perspektiven.

Unterstützt wird der Roman durch ein starkes Nachwort der Autorin, ebenso wie ein Quellenverzeichnis, welches in Auszügen die Recherchearbeit im Vorfeld des Schreibens verdeutlicht. Bitte mehr von solchen Romanen und auch von Michaela Küpper, von der ich gespannt wäre, noch mehr zu lesen.

Autorin:
Michaele Küpper ist eine deutsche Autorin. Nach einer Jugend in Bonn, studierte sie in Marburg Soziologie, Psychologie, Politik und Pädagogik. Nach einem Volontariat war sie als Projektmanagerin für einen Verlag tätig. Heute arbeitet sie als freie Autori und Illustratorin.

Im Jahr 2011 wurde sie für den NordMordAward nominiert, ein Jahr zuvor erhielt sie die Nominierung für den Krimipreis der Stadt Frauenfeld (Schweiz). Neben Kurzgeschichten schrieb sie bereits mehrere Romane. Heute lebt sie wieder mit ihrer Familie im Rheinland.

Lesung: Robert Harris und „Der zweite Schlaf“

Es ist ja nachts durchaus etwas los in Berlin, gerade um diese Zeit. Neben den derzeit stattfindenden „Festival of Lights“, was an und für sich schon beeindruckend ist, fand gestern in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz eine Lesung der besonderen Art statt. Das Setting ist hier zu erwähnen, ein altehrwürdiges Gebäude, direkt an der Spree, direkt an der Allee „Unter den Linden“. An einem exklusiveren Ort für solch eine Veranstaltung war ich auch noch nicht. Und dann natürlich Robert Harris, der sein neuestes Werk vorstellte. „Der zweite Schlaf„.

Die Berliner Bertelsmann-Residenz, „Unter den Linden 1“.

Ich habe noch nicht viel von ihm gelesen, genauer gesagt nur „Vaterland“, aber auch andere Romane von ihm interessieren mich sehr. Dieses hier soll nun komplett aus den Rahmen fallen. Harris verarbeitet ja oft historische oder politisch-konfliktreiche Stoffe und vermischt sie mit fiktionalen Inhalten, hier hat er sich jedoch ausprobiert. Das vorliegende Szenario ist komplett erdacht.

Was wäre wenn unsere technologischen und zivilisatorischen Errungenschaften verschwinden würden und in Vergessenheit geraten, die Welt in eine Art Mittelalter zurückfallen und die Erforschung der Vergangenheit verboten wäre? Wie würden die Menschen dieser Zukunft mit Artefakten und Funden aus unserer Zeit umgehen? Welche Fragen würden sie sich stellen, wenn Fragen stellen ebenso verboten wäre? Klingt doch nach einem interessanten Szenario, oder?

Robert Harris, „Der zweite Schlaf“, Heyne Verlag, Seiten: 415, Hardcover.

Robert Harris machte auf mich den Eindruck eines Menschen mit einer sehr guten und differenzierten Beobachtungsgabe, Humor und vor allem Nähe. Überhaupt nicht abgehoben. er hat ein wenig erzählt über seine Schreibarbeit, speziell an diesem Buch und nach der Lesung blieb Zeit Fragen zu stellen, natürlich das Buch zu kaufen und signieren zu lassen. Ein Büffet mit diversen Häppchen und Getränken war auch aufgebaut.

Ich bin sicher, solch ein Autor hätte noch viel mehr Menschen interessiert, aber gerade für die, die es nicht so mit Menschenmassen haben, sind die Lesungen in der Bertelsmann-Repräsentanz eine gute Sache. Es gibt dort kein Gedränge, schon von der Raumaufteilung her und der Anzahl der Plätze. Das Einzige, was man tun muss, ist sich vorher online anzumelden, auf der Internetseite und bis auf das Buch, wenn man denn möchte, musste man auch nichts bezahlen. Nicht mal für Häppchen und Getränke.

Abwechselnd wurde mal Englisch, mal Deutsch gelesen. Gleich ein ganz anderer Sound.
Robert Harris spricht über die Arbeit an seinem Roman. Moderiert hat die Veranstaltung Dr. David Eisermann (l.), die deutschen Passagen hat der Schauspieler Denis Abrahams (r.) gelesen.

Gefallen hat mir, dass auch der Autor sich nach der Lesung zwischen die Besucher begeben hat, am Büffet war und zwischen den Tischen hin und her gegangen ist und sich unterhalten hat. Kein „Ich lese, signiere und dann verschwinde ich durch die Hintertür.“ Einmal mehr habe ich mein schlechtes Englisch bedauert. Aber ich habe mich mit einer anderen Besucherin der Veranstaltung rege unterhalten und das ist auch so etwas, was ich an solchen Lesungen liebe. Man kommt ins Gespräch.

Robert Harris und ich.

Am Ende war ich dann noch bei den Brennpunkten des anfangs erwäghnten „Festival oft Lights„. Ich rege mich ja oft über das Chaos in Berlin auf, aber in solchen Momenten liebe ich diese Stadt. Fotos liefere ich nach, sobald gesichtet.

Margaret Atwood: Die Zeuginnen

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Die Zeuginnen Margaret Atwood Übersetzerin: Monika Baark Rezensionsexemplar/Roman Piper/berlin Verlag Erschienen am: 10.09.2019 Hardcover Seiten: 576 ISBN: 978-3-8270-1404-7

Inhalt:
Fünfzehn Jahre nach „Der Report der Magd“ erzählt die Autorin Margaret Atwood die Geschichte weiter. Drei Zeugenaussagen dreier Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead zeigen, wie eines zum anderen führte und welchen Verlauf Desfreds Schicksal nahm. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Wenn ich von Verlagen offensichtliche Fortsetzungen von Erzählungen angetragen bekomme, erkundige ich mich danach, ob diese auch ohne Kenntnis des Vorgängerbandes zu lesen sind? Wenn dies der Fall ist, teste ich es gerne aus, mich in die Geschichte hinein zu finden, mit den Protagonisten Bekanntschaft zu schließen und ihren Weg zu verfolgen.

Nur dann macht ein vollständiges Eintauchen in das Geschehen Sinn. Auch hier hatte ich darum gebeten, mir nur dass Rezensionsexemplar zukommen zu lassen, wenn dies möglich sei. Ich bekam es.

Mit „Die Zeuginnen“ legt Margaret Atwood die von vielen Fans ersehente Fortsetzung zum „Report der Magd“ hin, deren Geschichte serienmäßig erfolgreich verfilmt wurde. fünfzehn Jahre nachdem die Buchdeckel zugeklappt sind, erfahren die Leser nun, was nach Handlungsende passierte. Der rote Faden aus dem totalitären theokratischen Phantasiestaat Gilead wird wieder aufgenommen und in Form von drei Zeugenaussagen, die einen stetigen Perspektivwechsel ergeben, weiter erzählt.

Das funktioniert für alle Leser von Beginn an, so sie mit dem Vorgänger-Werk vertraut sind, jedoch nicht für Leser, die erst jetzt auf das von Atwood geschaffene Konstrukt stoßen. Nur schwer gelingt dann der Einstieg, nur schwer die Zuordnung und Benennung, auch Einordnung der einzelnen Protagonisten. Erst im weiteren Verlauf gibt es eine kleine Auffrischung, für Neuleser Einführung in die Welt Gileads. Viel zu spät, auch im Vergleich mit anderen Fortsetzungsromanen.

Am ehesten liest sich „Die Zeuginnen“ noch als Parabel auf das Leben und Funktionieren einer theokratischen Diktatur, wie es sie in verschiedenen Formen in der realen Welt noch gibt. Die Autorin konstruiert eine Welt aus Lügen, Intrigen und Verrat und erzählt, was passieren kann, wenn einzelne Karten aus dem Kartenaus verschoben oder gar entfernt werden. Eine Lawine ungeahnten Ausmaßes wird losgetreten, die alles im Weg stehende mit sich reißt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die gibt es auch hier.

Der Perspektivwechsel trägt zur Verwirrung bei Erstlesern bei, denen unbedingt empfohlen sei, den Vorgängerband zuerst zu lesen. So, wie ich das getan habe, ist die Geschichte nicht zu konsumieren und dabei stellt sich dann auch kein Lesegenuss ein.

Ich kann praktisch nur auf die Beschreibungen der Diktatur als die von Atwood geschaffene Welt mich beziehen. Die Protagonisten indes blieben mir fremd und auch Hanndlungs- und Spannungsbögen, waren zwar erkennbar, doch für mich mit allzu großen Lücken durchsetzt.

Das reicht nicht aus, um mich bei Stange zu halten. Wahrscheinlich müssen jetzt erst einmal ein paar Jahre vergehen, ehe ich es wieder mit Margaret Atwood versuche. Vielleicht bleibt es aber auch nur bei diesem einen, erfolglosen Versuch. Andere Autoren teilen dieses Schicksal. Auch dafür gibt es Zeuginnen.

Autorin:
Margaret Atwood wurde 1939 in Ottawageboren und ist eine kanadische Schriftstellerin und Dichterin. Merfach ausgezeichnet, schrieb sie zahlreiche Romane, Essays und vielseitige Lyrik. „Der Report der Magd“ wurde vielfach ausgezeichnet und als Serie verfilmt. 2017 erhielt Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie Ist Mitglied des Schriftstellerverbandes PEN.

Aimee Carter: Animox – Das Heulen der Wölfe (1)

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Das Heulen der Wölfe Animox – Band 1 Autorin: Aimee Carter Kinderbuch/Jugendbuch Oetinger Erschienen am: 22.08.2016 Hardcover Seiten: 376 ISBN: 978-3-7891-4623-7

Inhalt:
Simon ist ein ganz normaler Junge – mit einem großen Geheimnis: er kann mit Tieren sprechen. Doch als ein Adler ihn vor den wilden Bestien des Tierreichs warnt und seine Mutter von einer Horde ratten entführt wird, verändert sich Simons Leben schlagartig.

Endlich erfährt er die Wahrheit über seine Gabe: Er ist ein Animox – ein Mensch, der sich in ein Tier verwandeln kann! Wird auch er zum Wolf animagieren wie sein Onkel? Schon steckt Simon mitten in der erbitterten Schlacht der fünf Tierkönigreiche und erkennt bald seine wahre Bestimmung: Er muss die geheime Welt der Animox vor der Vernichtung retten… (Klappentext)

Zuordnung:
Dies ist der erste Band der Reihe „Animox“.

Rezension:
Die Fähigkeit, mit Tieren zu sprechen, ist für Simon Thorn, einen zwölfjährigen Jungen, Alltag und zugelich Handicap, gilt er dadurch zugleich als Sonderling in seiner Umgebung. Der Junge, der kaum Freunde hat und nahezu täglich in Konfrontation mit seinen Klassenkameraden gerät, möchte mit den Wechsel in die neue Schule nicht auffallen, was gar nicht so leicht ist, gerät er gleich zu Beginn in eine Auseinandersetzung. Zu allem Überfluss scheint auch noch die Tierwelt verrückt zu spielen.

Schnell kommt Simon einem Geheimnis auf die Spur. Er ist ein Animox, ein Gestaltwandler. Doch, in welches Tier er sich verwandeln kann, ist zunächst unklar und auch unwichtig, muss sich der Junge einer drängenden Frage stellen. Wer hat ihn, und warum, von seiner Mutter und seinem Onkel getrennt? Nur die Vertreter der Tierreiche können ihn jetzt noch helfen. Doch, wem soll Simon vertrauen?

Ein spannender Reihenauftakt und eines der ersten Bücher, der gerade in Mode zu scheinenden Reihen, die das Thema Gestaltwandlung zur Geltung bringen. Wieder einmal in Amerika spielend, wo die Mythen der Urbevölkerung genug Stoff für interessante Ansätze bieten, wird hier der Inhalt in den Großstadtdchungel übertragen und eine Auseinanderfigur zum Hauptptagonisten erwählt, mit dem sich junge Leser gut identifizieren können.

Dabei geht es gleich zum Auftakt rasanter zu als etwa in der Variante „Woodwalkers“ der deutschen Autorin Katja Brandis, was für erheblichen Schwung im Handlungsverlauf sorgt, der bis zum Ende des ersten Bandes auch durchgehalten wird. Nichts destotrotz hat „Das Heulen der Wölfe“ seine ruhigen Momente, wenn sie auch rar gesät sind.

Die Protagonisten sind feinfühlig ausgearbeitet und gerade zu Beginn nicht dem üblichen Gut-Böse-Schema leicht zuzuordnen, welches man heutzutage allzuoft in Kinderbüchern findet. Aimee Carter traut ihren Lesern offenbar zu, sich auch zwischen Graustufen zurecht zu finden, was sich sehr angenehm liest.

Ein weiterer Pluspunkt, mit den „Animox“-Büchern findet sich eine weitere Reihe in den Regalen, die auch das Interesse von Jungen weckt, eine für Verlage traditionell schwerer zu erreichende Zielgruppe, wenngleich es auch für Mädchen hier vielschichtige Protagonisten gibt, mit denen man sich identifizieren kann.

Kurzweilige und fassbare Kapitel mit zahlreichen Cliffhangern und überraschenden Wendungen tragen zum Lesegenuss bei. Der Spannungsbogen und klare Handlungsverlauf wird bis zum Ende zielgerichtet verwoben. Protagonisten mit vielschichtigen Charkterzügen und Absichten tragen das Ihrige dazu bei.

Es ist Urban Fantasy für Kinder oder junge Jugendliche, die spannender kaum ausgearbeitet sein könnte, so dass auch ältere Leser ihren Spaß an dieser Reihe haben können. Vorausgesetzt, Aimee Carter hält die spannende Erzählstruktur und klare Sprache bis zum Ende durch. Für den Auftakt gilt dies in jedem Fall.

Eine klare Leseempfehlung gibt es hierbei und auch gleich einmal kuriose Fakten zur Entstehung und Publizierung dieser Reihe. Die Autorin ist im englischen Sprachraum zu Hause und diese, ihre ersten Bücher, wurden in Amerika durchaus gut vom Publikum aufgenommen, waren erfolgreich.

Der amerikanische Verlag glaubte jedoch nicht an den weiteren Erfolg der Reihe und so warten die amerikanischen und englischen Kinder und Jugendlichen nach Band 3 händeringend auf die Fortsetzung der Reihe.

Deutsche Leser haben da mehr Glück, ein Verdienst des Verlages Oetinger, der sein Publikum nicht auf den Trockenen sitzen ließ und alle geschriebenen Bände auch publizierte. Meist ist es eher umgekehrt, doch hier können die deutschsprachigen Leser mit Simon Thorn den vollständigen Weg durch die Welten der Tierreiche beschreiten, wozu man nach diesem Band unbedingt Lust hat, diese Reihe weiter zu verfolgen.

Es lohnt sich.

Autorin:
Aimee Carter wurde 1986 geboren und ist eine amerikanische Jugendbuch- und Young-Adult-Schriftstellerin. Sie studierte an der Universität Michigan und schrieb mehrere Reihen für Kinder und Jugendliche. Sie wurde 2017 mit der Kalbacher Klapperschlange ausgezeeichnet, einen undotierten Literaturpreis, der durch eine Kinderjury vergeben wird.

Isabel Bogdan: Laufen

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Laufen Autorin: Isabel Bogdan Rezensionsexemplar/Roman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 12.09.2019 Hardcover Seiten: 200 ISBN: 978-3-462-05349-4

Inhalt:
Eine Frau glaubt nach einem erschütternden Verlust, am Ende ihrer Kraft zu sein. Dennoch beginnt sie zu laufen.

Ihre Runden werden von Woche zu Woche länger und was als Davonlaufen beginnt, wird schließlich ein Weg zurück ins Leben. Immer an ihrer Seite: ihre Freundin, ihre Wut, ihre Liebe zur Musik und ein Humor, der es mit der Verzweiflung aufnehmen kann. (Klappentext)

Rezension:
Zwischen all den Romanen mit aufmerksamkeitsheischenden Klappentexten und noch mehr schreienden Covern kommt die neueste Novelle von Isabel Bogdan sehr unscheinbar daher, hat es jedoch gewaltig in sich. Der Leser taucht zunächst ein, in die Gedankenwelt einer Frau, derene Leben vor kurzer Zeit eine unumkehrbare Wende genommen hat.

Düster ist der Beginn und so folgt man der Ich-Erzählerin Schritt für Schritt durch die Hamburger Innenstadt, entlang der Alster. Sie läuft, um ihr Leben und um zu leben, doch, was zunächst nur ein Ausweichmanöver scheint, wird zu einem Ritual und schließlich zu einer Passion.

Hochkonzentriert ist der Handlunsstrang. Nebenprotagonisten sind auf das Wesentliche reduziert. dadurch lässt sich der innere Monolog der namenlösen Protagonistin sehr gut nachvollziehen und verfolgen. Einatmen, ausatmen. Das Lauftempo bestimmt den Verlauf der Geschichte. Um so mehr Schritte gelaufen und Seitenzahlen gezählt sind, um so mehr helle Flecken mischen sich unter die Düsternis, was dem Leseempfinden ganz gut tut.

Der Schreibstil ist den umherschwirrenden Gedanken der Protagonistin angepasst. Ein Monolog in Schachtelsätzen, vom Kleinen ins Große und wieder zurück, ohne Punkt und Komma. Dies ist gewöhnungsbedürftig und als Leser muss man erst in die Geschichte hineinfinden. Die nötige Konzentration sollte man schon mitbringen.

Wer sich fallen und berieseln lassen möchte, ist mit dieser Erzählung defintiv falsch bedient. Das produziert ein paar Längen, die jedoch zu verschmerzen sind, da die Kapitel logisch aufeinander aufbauen, wie gelaufene Kilometer. Höhen und Tiefen, sowohl im Sport als auch im Leben.

Isabel Bogdan, die seit Jahren in der Hamburger Bloggerszene vernetzt, als Autorin und Übersetzerin tätig ist, zeigt hier, dass sie neben humorvollen Texten auch mit ernsthaften jonglieren kann. Eben auch eine Art von Laufen.

Autorin:
Isabel Bogdan wurde 1968 in Köln geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin, Übersetzerin und Bloggerin. Zunächst studierte sie Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokio, erhielt 2006 den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung, 2011 den für Literatur.

Seit 2012 schreibt sie selbst Bücher, nachdem sie u.a. Jonathan Safran Foer, Megan Abbott und Jane Garden übersetzte. Sie ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und im Verband deutschsprachiger Übersetzer VdÜ. 2016 erschien ihr erster Roman, nachdem sie zuvor jahrelang bloggte. Bogdan ist Vorsitzende des Vereins zur Rettung des „anderthalb“.

Dirk Kummer: Alles nur aus Zuckersand

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Alles nur aus Zuckersand Dirk Kummer Kinderbuch Carlsen Erschienen am: 30.08.2019 Hardcover Seiten: 139 ISBN: 978-3-551-55390-4

Inhalt:
Für Fred und seinen besten Freund Jonas ist jeder Tag ein Abenteuer. Am liebsten spielen sie in der verlassenen Fabrik, ganz in der Nähe der Grenze zu West-Berlin. Doch als bekannt wird, dass Jonas‘ Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hat, werden die beiden aus ihrem unbeschwerten Alltag gerissen.

Ab sofort dürfen sie sich nicht mehr treffen. Aber die Freunde haben einen Plan: Heimlich fangen sie an, einen Tunnel in den Brandenburger Sand zu graben. Auch wenn Jonas die DDR verlässt, werden sie sich wiedersehen. Ganz sicher. (Klappentext)

Rezension:
Das Leben könnte so einfach sein, wenn die Erwachsenen nicht immer so kompliziert wären. Und wenn dann noch die blöde Politik dazu kommt, ist alles aus. Was also tun? Auf diese Formel könnte man diesens Kleinod der jüngeren Kinderliteratur aus dem Carlsen-Verlag herunterbrechen, die von zwei Jungen erzählt, die um ihre Freundschaft kämpfen. Identifikationsfiguren sind Jonas und Ernst, beste Freunde, die alles zusammen unternehmen.

Man stromert durch die Gegend, auf den Schulhof und durchlebt einen wunderschönen Sommer, bis zu dem Tag, an den für Ernst die Welt zusammenbricht. Jonas‘ Mutter hat doch tatsächlich einen Ausreiseantrag gestellt. Was das heißt, begreift Jonas sofort.

Nie wieder werden sie zusammen spielen können, denn Ende der 1970er Jahre ist die Welt noch in zwei Teile getrennt, durch Zäune, Mauern, Stacheldraht. Doch die beiden Freunde entwickeln einen Plan, man müsste nur einen Tunnel graben, dann könnte man sich treffen. In der zwischenzeit könnte man es ja per Telepathie versuchen, wie die Ureinwohner in Australien. Daran würden Ernst auch nicht seine systemtreuen Eltern oder die Sportschule hindern. Gesagt, getan.

Man beginnt zu graben. Unweit der Grenze, in einem verlassenen Fabrikgebäude. Doch, nicht nur der brandenburgische Sand bereit den beiden Jungen Probleme.

So viel zum Inhalt, der allen bekannt sein dürfte, die den Film „Zuckersand“ 2017 im Fernsehen geschaut haben. Der Film war gut, die Schauspieler noch besser und so stellt man sich die Jungen gleich einmal bildlich vor, wie sie da fassungslos vor der Entscheidungsgewalt der Erwachsenen stehen und einer Politik, die sie noch niht verstehen.

Warum sollte man ausgerechnet ihnen die Freundschaft zueinander verbieten? Warum fallen nachts manchmal Schüsse an der Grenze und wie erhält man eine Freundschaft, die auseinander gerissen wird? Fragende Kinderaugen inklusive.

Dirk Kummer hat als Regisseur des Filmes gezeigt was er kann und dies in einer für gerade jüngere Kinder freundlicheren Variante abgewandelt nun zwischen zwei Buchdeckeln verpackt. Trotzdem oder gerade deswegen funktioniert dieser kleine Roman gerade für die Zielgruppe sehr gut, da hier Werte wie Freundschaft, Mut und Zusammenhalt dem gegenüber gestellt werden, was man durchaus als Erwachsenenverhalten bezeichnen kann, sich unbedingt zu einer Seite bekennen zu müssen. Erwachsene machen die Welt kompliziert. So einfach ist das.

Einfühlsam baut Dirk Kummer mit wenigen Sätzen, das Werk ist nicht sehr umfangreich, die Charaktere auf, die man sofort mag. Für Kinder bieten beide Jungen Identifikationsfiguren und so ganz nebenbei erklärt man ein aus Kinderaugen sicherlich unverständliches Stück Geschichte. Dicht ist der Schreibstil, temporeich die Erzählweise, auch wenn Ernsts Gedanken mal wieder zu den Aborigines nach Australien reisen.

Dort kann Jonas ja bald sein, er selbst müsste entweder Reisekader des Olympiateams werden oder später Rentner. Interessenten sei empfohlen, jedoch nicht so lange zu warten. Ihr solltet das Buch gleich lesen. Vielleicht nachdem ihr den Film gesehen habt. Aufgrund der Erarbeitung des Stoffes funktioniert das auch.

Autor:
Dirk Kummer wurde 1966 geboren und ist ein deutscher Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Nach Kindheit und Jugend in Falkensee und Ost-Berlin, spielte Kummer als 13-jähriger in seiner ersten Fernsehrolle und leistete nach seinem Abitur drei Jahre Wehrdienst bei den Grenztruppen. Danach studierte er Darstellende Kunst.

1992 ging er in die Schweiz, arbeitete ab 1993 nur noch sporadisch als Schauspieler, hauptsächlich als Regie-Assistent und erhielt 2002 ein Autorenstipendium der Drehbuchwerkstatt Nürnberg und des Bayerischen Rundfunks. Ein Jahr später arbeitete er fast ausschließlich asl Drehbuchautor und Regisseur. Sein Film „Zuckersand“ erhielt 2017 u.a. den 3sat-Zuschauerpreis und 2018 den Grimme-Preis.

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

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Das Genie Klaus Cäsar Zehrer Rezensionsexemplar/Roman Diogenes Erschienen am: 28.08.2019 (TB) Taschenbuch Seiten: 651 ISBN: 978-3-257-24475-1

Inhalt:
Boston, 1910: Der elfjährige William James sidis wird von der Presse als „Wunderjunge von Harvard“ gefeiert. Sein Vater triumphiert.

Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Doch als william erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit und weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. (Klappentext)

Rezension:
Manchmal muss sich ein Schriftsteller nicht einmal eine Geschichte ausdenken, um etwas interessantes erzählen zu können. oft genug sind tatsächliche Geschehnisse hundertfach interessanter. So, hier, das Leben eines Mannes, der wohl das letzte Universalgenie der jüngeren Vergangenheit gewesen sein dürfte.

Klaus Cäsar Zehrer erzählt die Geschichte eines Kindes ukrainischer einwanderer, die vom Ehrgeiz getrieben, dieses nach strikten psychologischen Gesichtspunkten und einem speziellen Lernprogramm erzogen, welches so zum Genie mit allen Vorzügwen und Fallstricken wurde, die heute dem echten William James Sidis zugeschrieben werden.

Von normalen Kinderspielen ferngehalten, lernte er bereits im Kleinkindesalter lesen, entwickelte eine hohe mathematische Begabung und ein Interesse für Naturwissenschaften, schrieb bis zu seinem achten Lebensjahr bereits mehrere Bücher. Er war das „Wunderkind von Harvard“, von den eigenen Eltern getriezt, von der Presse gefeiert und gejagd. Doch was passiert, wenn ein Genie einfach nur leben möchte?

Viele Ebenen und Fragestellungen ziehen sich durch den sehr detailreich erzählenden Roman, in dem nur kleine Abweichungen vom leben des realen Vorbildes zu finden sind. Was macht uns zu dem, wer wir sind? Sind es unsere Eltern, die Gesellschaft, unsere Umgebung? Wozu führt es, wenn eine Komponente überwiegt oder eine andere vorenthalten wird? Kann man seine Kinder zu Genies erziehen? Wozu ist Wissen gut? Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen?

Es sind solche und noch viel mehr Fragen, die zwischen den Zeilen auftauchen und die ein Lesender nur schwer wird eindeutig beantworten können. Zu komplex das vorliegende beispiel, zu turbulent diese feinsinnige Romanbiografie, die einem in den Bann zieht.

Die Protagonisten, allen voran die drei Hauptprotagonisten, sind fassbar. Fast ist es so, als stünde man neben ihnen und taucht ein in die sich entwickelnde Metropolregion an der amerikanischen Ostküste und lebt, leidet förmlich mit, wenn Sidis seine größten Triumphe, aber auch seine größten Niederlagen erfährt.

Sprunghaft spielen die Protagonisten mit Sympathien, die sie beim Leser schnell erlangen, jedoch ebenso fix verlieren. Keine Figur ist dauerhaft einer Seite zu zu ordnen. So schnell habe ich selten schon Protagonisten geliebt und verstanden, dann wieder schlagen können. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Trifft die Gesamtheit der Handlungsstränge, der Figuren hier ganz gut. Ein Roman über hohe Aufstiege und tiefes Fallen, darüber, was Eltern anrichten und Kinder daraus machen können und die großen Fragen des Lebens.

Vielleicht hätte der echte William James Sidis sie gar beantworten können. Ob er es gewollt hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Autor:
Klaus Cäsar Zehrer wurde 1969 in Schwabach gebohren und ist ein deutscher Schriftsteller. Zunächst studierte er Kulturwissenschaften in Lüneburg, war Praktikant der Satirezeitschrift Titanic und wurde 2002 mit einer Dissertation zur Dialektik der satire in Bremen promiviert. Als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer lebt er in Berlin. „Das Genie“, ist sein erster Roman.

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

Ein Hummerleben Book Cover
Ein Hummerleben Erik Fosnes Hansen Rezensionsexemplar/Roman Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 22.08.2019 Hardcover Seiten: 384 ISBN: 978-3-462-05007-3

Inhalt:
Ein grandios erzählter Roman, der vor wunderschöner Kulisse den Niedergang eines einstmals mondänen Hotels in den norwegischen Bergen beschreibt, und eine Geschichte über Lügen, Geheimnisse, falsche Erwartungen und großelterliche Liebe. (Klappentext)

Rezension:
Mehr gibt der Klappentext nicht her und man braucht im Grunde auch nicht mehr zu wissen, doch zum Zwecke der Rezension, einige Ausführungen ohne zu spoilern. Ein neues Jahrzehnt bricht an, welches viele Veränderungen mit sich bringen wird, die auch vor der tiefen norwegischen Provinz nicht Halt machen.

Dies macht sich besonders im verhalten der Touristen bemerkbar, die nicht mehr länger im eigenen Land, sondern lieber weiter weg ihre Ferien verbringen möchten und so herrscht im Ort Favnesheim, in den norwegischen Bergen, gähnende Leere im ortsansässigen Hotel, welches Sedds Großeltern in nachfolgender Generation betreiben. Zunächst den Schein wahrend, beginnt mit dem Ausbleiben der Gäste der schleichende Niedergang.

Zunächst noch unbemerkt von Sedd, den geliebten Enkel, der schon früh gelernt hat, mitzuhelfen, dreht sich die Abwärtsspirale spätestens seit einem unglücklichen Abendessen, bei dem der ortsansässige Bankdirektor stirbt, immer schneller. Doch, der Schein muss sein. Was nicht ausgesprochen wird, passiert auch nicht. Wie lange geht das gut? Sätze, wie folgende, nehmen dies vorweg.

Das Schaben von Hummerscheren verfolgte mich die ganze Nacht.

Erik Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“

Dies ist die Ausgangslange eines familiären Romans, mit dem Fosnes Hansen nichts weniger gelungen ist als eine Antwort auf die hierzulande hinlänglich bekannten Buddenbrooks zu geben. Den schleichenden Verfall in so einfühlsamen Worten zu packen und mit so liebenswerten Protagonisten zu besetzen, gelingt dem Autoren über den gesamten Spannungsbogen des Buches hinweg.

Die Handlung wird aus der Perspektive des potenziellen Hotelerben und Enkels beschrieben, der alle Sympathie ob seiner Blauäugigkeit, Starrköpfigkeit, seines Witzes und seiner Intelligenz, auch Naivität bekommen kann, aber auch so sich seine ganz eigenen Gedanken macht. Er ist der genaue Beobachter, der den beginnenden Untergang zunächst nur ahnt.

Auch die anderen Protagonisten sind allesamt nicht unsympathisch, wenn auch der Einstieg in den Roman durch deren Art und Weise teilweise etwas schwierig ist. Man braucht als Leser ein wenig, um in die Handlung hinein zu finden, was Schreib- und Erzählstil von Fosnes Hansen geschuldet ist, bekommt jedoch dann eine wunderbare Erzählung, in der norwegische Natur und Familientradition auf die Unerbittlichkeit des wirtschaftlichen Überlebens treffen.

„Und ebenso“, führ ich fort, „muss es sich auch mit Argentinien und den Engländern verhalten. Entweder kamen die zuletzt Genannten zuerst und die zuerst Genannten zuletzt, oder die zuerst Genannten kamen zuerst und die uletzt Genannten zuletzt, falls nicht noch eine dritte Partei im Spiel sein sollte, die…“

Erik Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“

Solche sprachlichen Feinheiten, durchsetzt immer wieder mit einer Prise Nachdenklichkeit und manchmal auch unerbittlichen Humor durchziehen das gesamte Schriftstück und machen den Roman zu einem wahren Lesegenuss. Heruntergebrochen passiert dabei nicht mehr als im Klappentext ersichtlich, dies ist jedoch vollkommen ausreichend, wenn man auch von der einen oder anderen Länge absieht, die eine solche Geschichte mit sich bringt.

Manche Ausführungen des Hauptprotagonisten wirken zu lang, zu ausschweifend, doch Fosnes Hansen fängt sich hier immer wieder, so dass es trotzdem eine insgesamt runde Sache bleibt. Ob der Roman endet, wie das große Vergleichsstück von Thomas Mann, muss der Leser selbst herausfinden. Mit einer Prise norwegischer Gelassenheit ist dies jedoch möglich. Humor sollte jedoch nicht fehlen.

Auf unseren Friedhof stehen die Gräber dicht,
doch ist da noch Platz für eine ganze Herde.
Willkommen sei uns jede Seele, bei der erlischt das Licht.
Je mehr, desto besser, wir bringen euch unter die Erde.

Erik Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“

Ist das nicht toll?