Dynastie

Jörg Baberowski: Die letzte Fahrt des Zaren

Inhalt:
Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen die Proteste ausweiten und die staatliche Ordnung in Bedrängnis gerät. Doch weil der Innenminister glaubt, alles im Griff zu haben, verlässt der Zar mit seinem glamourösen Hofzug die Hauptstadt. Er sollte sie nie wieder betreten, denn jetzt geht alles ganz schnell, bricht eine unerschütterlich wirkende Herrschaft in wenigen Tagen zusammen. In einem alles mitreißenden Strudel geht das Zarenreich unter und mit ihm alle Alternativen, die Russland in eine andere Zukunft geführt hätten.

Die letzte Woche des Zarenreichs so lebensnah, als säße man im Kino. (Klappentext)

Rezension:
Die 300-jährige Dynastie der Romanows scheint auch in Kriegszeiten unerschütterlich mit beiden Beiden in der Gesellschaft des Riesenreichs verankert, in den man auf den Straßen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Unterschiede zwischen den Ständen merkt. Die einen leben in prächtigen Palästen in und im Umland von Petrograd, besuchen Opernstücke und Theateraufführungen, die anderen schufften in den Fabriken, die sich an der Newa teilweise in direkter Nachbarschaft wie bei einer Perlenkette aneinanderreihen. Die Differenzen zwischen den Lebenswirklichkeiten beider Welten, sie könnte nicht größer sein.

Schon länger brodelt es unter der Oberfläche der einen leise vor sich hin, von der alten Ordnung kaum beachtet oder ernst genommen. Doch innerhalb weniger Tage kehren sich die Verhältnisse um, versinkt Russland in Anarchie und Chaos und die Herren von einst müssen plötzlich um ihr Leben fürchten. Der Historiker Jörg Baberowski zeichnet in seinem hoch informativen und gut recherchierten Sachbuch das Bild eines Strudels, der sich immer schneller dreht und den sich keiner entziehen kann, sobald dieser die Betroffenen erfasst.

Vorangestellt ist Reflexion jener Tage zunächst ein Zitat von Hannah Arendt, über die Zersetzung de Staatsmacht und warum Revolutionen des Zepter von standhaft geglaubten Systemen übernehmen, welches bezeichnend ist für jene Tage, deren Spuren der Autor nachverfolgt. Dabei schafft Baberowski zunächst einen Überblick über die Situation in der glanzvollen Stadt der Zaren, in der das Leben auch in Kriegszeiten unbeirrt weiterzugehen scheint, zeigt aber auch den Kontrast zum übrigen Russland, der Frontgebiete auf, die für die Regierenden im Fokus stehen, dabei die Lebenswirklichkeiten der Menschen nicht ernstnehmend, was ihnen bald auf die Füße fallen wird.

Es ist ein Land voller Gegensätze, welches anhand der dargestellten Personen deutlich wird, derer wir auf Schritt und Tritt folgen, den weltfremden Komponisten einerseits, der einmal am gleichen Tag wie Stalin unbeachtet von der Welt sterben wird, einem Herrscher, der sich nicht für das Regieren oder gar für Entscheidungen eignet und das Volk, welches unter der sich mehr und mehr zuspitzenden Versorgungslage leidet, auf der anderen Seite.

Diese Gemengenlage ist es, die den Kessel innerhalb weniger Tage zum Explodieren bringen und einen Strudel der Gewalt und Willkür oder, dem bald ehemaligen Zaren zufolge „Lüge, Feigheit und Verrat.“, entfesseln wird und dieses hochspannend formulierte Sachbuch die Chronologie dieser Ereignisse. Auf reicher und vielschichtiger Quellenlage gestützt verfolgt Baberowski, wie Fehlentscheidungen der einen, wie Zufälle und Glücksgriffe, je nach Perspektive, zu den Zusammenbruch eines Systems führten, welches die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte und der dessen Verbündete in Zweifel stürzen sollte und ein Land in einen Bürgerkrieg, den schon zu Beginn Hunderte zum Opfer fallen sollten.

Eingerahmt zwischen einer Karte Russlands und Petrograds wechseln die Schauplätze der Handlungsorte jener Tage, wie auch das Tableau an Personen, die plötzlich zu Entscheidern werden, aber auch jenen, die nun in einem Scherbenhaufen stehen, den sie selbst verursacht haben. Der Geschichtswissenschaftler verfolgt dabei vielen Spuren, so dass ein spannendes Portrait dieser Zeit entsteht, welches dazu einlädt, selbstständig zu recherchieren, ob der Leben handelnder Personen oder Orten und Gebäuden, ihrer Historie. Dabei wird hier der Mechanismus eines Zerfalls dargestellt, der sowohl die Schwächen eines starren und nicht zur Wandlung fähigen Systems aufzeigt, andererseits Ausnahemzustand, aber auch, dass die Revolution auch dort nicht halt macht, vor jenen, die sie entfesseln.

Geschichte kann so spannend wie ein Krimi sein, ein Teppich voller Handlungsstränge, bei denen eines zum anderen führt. Klar wird, Revolution und Bürgerkrieg waren nicht gesetzt, nicht einmal der Fall der einst mächtigsten und größten Herrscherdynastie der Welt selbst. Das zeigt Jörg Baberowski in aller Deutlichkeit, ohne entscheidende Details auszulassen und dennoch so kompakt wie möglich uns in jene Tage eintauchen zu lassen. Am Ende wird dabei auf einzelne Akteure nochmals eingegangen, hier hätte ich mir jedoch noch ein kleines Personenregister mit biografischen Informationen gewünscht. Das jedoch fällt nicht wirklich weiter ins Gewicht.

Ansonsten ist die Lektüre allen zu empfehlen, die die Atmosphäre dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven heraus aufgreifen möchten. Man wünscht sich mehr Sachbücher jener Art.

Autor:
Jörg Baberowski wurde 1961 in Radolfzell am Bodensee geboren und ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Seit 2002 ist er Professort für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte zunächst Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Göttingen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/Main. In Tübingen habilitierte er, mehrere Forschungsaufenthalte u. a. in Finnland und Russland schlossen sich an.

Im Jahr 2001 übernahm er den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschhichte in Leipzig vertretungsweise, bevor er nach Berlin wechselte, von 2004-2006, sowie 2007-2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften. Er ist Autor mehrerer Bücher und Aufsätze zur russischen und sowjetischen Geschichte, sowie von Kolumnen in verschiedenen Zeitungen.

2012 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse, in der Kategorie „Sachbuch“.

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Victor Sebestyen: Lenin – Ein Leben

Lenin - Ein Leben Book Cover
Lenin – Ein Leben Victor Sebestyen Rowohlt Erschienen am: 18.08.2017 Seiten: 702 ISBN: 978-3-87134-165-0 Übersetzer: (u.a.) Norbert Juraschitz, Karin Schuler

Inhalt:

Wladimir Uljanow wurde Lenin. Doch, wer war der Mensch, der als junger Erwachsener begann, den Zaren zu hassen und schließlich half, eine Jahrhunderte alte Dynastie zu stürzen, ihre Vertreter zu ermorden? Wer war der Machtmensch, der skrupellos all jene beseitigte, die sich ihn und seinen höeren Zielen in den Weg stellten, gleichzeitig aber auch Hypnotiseur der Massen und vor allem, der ihn umgebenden Frauen?

Wer war der Revolutionsführer, dessen Ideen und Gedanken auch heute noch eine Rolle im Wirken der Politiker des größten Landes der Erde spielen, dessen Leichnam aufgebahrt eine Nachricht aus einer anderen Epoche ist.

Der Mann, der in Zeiten des Exils viele Namen hatte und schließlich mit Arbeitermütze bekannt, geliebt und gefürchtet wurde. Ein beeindruckendes Portrait, geschrieben von Victor Sebestyen. (eigene Inhaltsbeschreibung)

Rezension:

Nur wenigen ist es vergönnt, die politische Landschaft nachhaltig zu gestalten. Zum Glück, möchte man meinen. Für einige Protagonisten des vergangenen Jahrhunderts gilt dies ganz besonders. Lenin, was ursprünglich nur der Deckname von Wladimir Uljanow gewesen ist, gehört ganz sicher dazu. Doch, wer war er eigentlich?

Ein besonderer Mensch, nur für besondere Zeiten oder schon vohrer, bevor er eine entscheidende Rolle in der russischen und der Weltpolitik spielte, ein großer, genialer aber auch brutaler Kopf?

Victor Sebestyen hat sich auf Spurensuche begeben. In der Schweiz, in Frankreich, den USA und Russland, hat er den Menschen zu ergründen versucht, dem es gelungen ist, die Welt poltiisch für lange Zeit zu prägen. Bis über seinen Tod hinaus.

Herausgekommen dabei ist ein eindrucksvolles Portraits eines konsequenten Menschens, ebenso genial wie erschreckend brutal in seinem Denken und seinen Entscheidungen.

Beginnend von der Kindheit an, verfolgt der Leser das Werden des Revolutionsführers und Diktators, dem ein noch schlimmerer folgen sollte, der Zehntausende auf den Gewissen hatte, der dennoch geistig hoch gebildet und Sinn für das Schöne hatte. Von Literatur, über Frauen bis hin zu Katzen.

Dicht recherchiert, bassierend auf unzähligen Tagebucheinträgen, Berichten von Zeitzeugen, die ihre Erinnerungen festgehalten hatten, Brief- und Schriftwechsel ist mit „Lenin – Ein Leben“ ein sehr gutes ausgewogenes Sachbuch erschienen, welches das Zeug hat, zur Standardliteratur im Bereich der Leninschen Personengeschichte zu werden.

Wenn schon nicht in Russland, dann zumindest in Europa.

Historische Zusammenhänge werden so einfach wie nötig, so detailreich wie möglich geschildert, so dass auch noch nicht Informierte damit beginnen können, sich mit diesem Teil der Geschichte zu beschäftigen.

Vorwissen oder zumindest Interesse sei aber empfohlen, anderenfalls erfordert die Lektüre sonst eine zu hohe Konzentration. Wobei davon abzuraten ist, weitere (auch verschiedene) Literatur parallel zu lesen. Doch, der Autor lädt dazu ein, sein Wissen zu erweitern.

Den Laptop oder das Handy sollte man vielleicht griffbereit haben, um verschiedenen Ereignissen näher auf die Spur zu kommen, Personengeschichte dort zu sichten, wo das dennoch sehr ausführliche Personenregister mit den hilfreichen Kurzbiografien nicht weiterhelfen kann.

Klar strukturiert, sind die Kapitel sehr faktenreich, dennoch kurzwelig, so dies in einem ernstzunehmenden Sachbuch möglich ist, und sehr dicht geschrieben. Vom Informationsgehalt und der Schrift her (besonders auf die Zitate, Übersetzungshinweise und Fußnoten bezogen).

Wer Probleme damit hat, sollte zum E-Book greifen. Alle anderen werden sich eine ansehnliche und lesenswerte Biografie ins Regal stellen können, die in jeder Hinsicht beeindruckt. Die Recherchearbeit des Autoren merkt man in jedem Satz.

Am Ende jedenfalls ist man schlauer als vorher, geht mit einer sehr viel kritischeren aber auch differenzierteren Sichtweise aus der Lektüre und mag spätere geschichtliche Abläufe in Russland bzw. das noch immer vorhandene Denken mancher Moskauer Politiker und auch sonst, besser nachvollziehen. Victor Sebestyen schafft dies bravourös.

Autor:

Victor Sebestyen wurde 1956 in Budapest geboren und ist ein britischer Journalist und Historiker. Seine Eltern emigrierten nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes nach England.

Sebestyen arbeitete als poltischer Journalist für verschiedene britische und amerikanische Zeitungen, bevor er 2006 sein erstes Buch veröffentlichte. Der Autor ist Mitglied des Think Tank Wilton Park. Er lebt in London.

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