Alex Michaelides: Die stumme Patientin

Die stumme Patientin Book Cover
Die stumme Patientin Alex Michaelides Übersetzerin: Kristina Lake-Zapp Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Erschienen am: 02.05.2019 Taschenbuch Seiten: 379 ISBN: 978-3-426-28214-4

Inhalt:

Blutüberströmt hat man die Malerin Alicia Berenson neben ihrem geliebten Ehemann gefunden – dem sie fünf Mal in den Kopf geschossen hat.

Seit Jahren sitzt die Malerin nun in einer geschlossenen psychiatrichen Anstalt. Und schweigt. Kein Wort hat sie seit der Nacht des Mordes verloren, lediglich ein Bild gemalt. Fasziniert von ihrem Fall, setzt der forensische Psychiater Theo Faber alles daran, Alicia zum Sprechen zu bringen. Doch will der Psychiater wirklich nur herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist? (Klappentext)

Rezension:

Krimis und Thriller zu rezensieren, fällt schwer. Wie leicht lässt sich hier spoilern oder verraten, dass es der Butler war oder der Gärtner der Mörder ist, doch ich bleibe bei der Inhaltsangabe laut Klappentext. Das ist in diesem Falle mal unverfänglich und verrät nichts. Wer möchte, kann also getrost weiterlesen, gleichwohl ich es schwierig finde, eine vernünftige Rezension zu schreiben.

Der Inhalt ist dann auch schnell ersichtlich, gehen wir also gleich zum Aufbau dieses einzigartigen Debüts über. Gegliedert ist das Buch in kurzweilige Kapitel aus der Sicht des Hauptprotagonisten, anfangs sehr einseitigen, später wandlungsfähigen Theo Fabers und Tagebucheinschüben eben jener stummen Patientin, Dreh- und Angelpunkt des Thrillers. Weitere Perspektiven gibt es nicht.

Alex Michaelides beschränkt sich hier auf das Notwendige. Andere Protagonisten dürfen und können hier auch bemerkenswert blaß bleiben, was auf den Leser sehr wohltuend wirkt. In ruhiger Erzählweise geht der Autor mit seinem Hauptprotagonisten, dieser ist anfangs nur wenig facettenreich, was sich im Verlauf der Handlung jedoch bessert, auf Spurensuche und lullt den Leser damit ein.

Das zu Beginn ruhig wirkende Debüt lässt dabei keine Spuren vom melnacholischen Mehltau skandinavischer Krimis zu. Der Autor hat dennoch die Geduld aufgebracht, eine klare Linie mit nicht allzu kaputten Protagonisten zu verfolgen und den Handlungsverlauf Stück für Stück im Spannungsbogen aufzubauen.

Am Anfang passiert nicht viel, trotzdem möchte man weiterlesen. Michaelides weiß, welche Stellschrauben er drehen muss, um seine Leser in den Bann zu ziehen. Ja, auch ruhige englische Krimis gibt es, die mit nur einem Mord auskommen. Blut fließt hier nicht gerade in Strömen. Vielmehr werden die psychologischen Komponenten ins Spiel gebracht.

Hier sieht man die Kenntnisse des Autors aus der Psychologie eingewoben. Eine Arbeit, deren Erfolge man etwa bei anderen Autoren, wie Sergej Lukianenko, in anderer Form beobachten kann. Gutes Autorenhandwerk ist eben nicht nur das Spiel mit der Sprache und das Lebendigwerdenlassen von Protagonisten, sondern eben auch das Einarbeiten von sonstigen Fachkenntnissen.

Auch merkt man die Erfahrungen des Drehbuchschreibens von Michaelides, der einen Film vor dem inneren Auge seiner Leser ablaufen lässt, der zu überraschen vermag.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ständig und nur Krimis oder Thriller lesen. Mich haben die, sparsam aber sehr gezielt wirkenden, Wendungen jedoch sehr überrascht. Tatsächlich habe ich fast bis zum Schluss nicht einmal ansatzweise geahnt, worauf die Handlung hinausläuft. Der große Knall kam unerwartet.

Das ist eine wunderbare Qualität und einer der vielen Punkte, die es wert macht, die Arbeit des Autoren zu verfolgen. Nicht nur Drehbücher kann Alex Michaelides nämlich schreiben, sondern auch in Buchform begeistern. Und das ist bei der Flut von Krimis sehr bezeichnend. Hoffen wir, dass „Die stumme Patientin“ nicht untergeht, sondern viel weiter oben auf dem Leserradar landet. Dieser Thriller hätte das verdient.

Autor:

Alex Michaelides wurde 1977 auf Zypern geboren. Er studierte zunächst in Cambridge und Los Angeles, schreibt Drehbücher für’s Fernsehen und Kino. Er ließ sich zum Psychotherapeuten ausbilden und arbeitete zwei Jahre in einer psychiatrichen Klinik für Jugendliche. Dies ist sein erster Roman, der zugleich in über 39 Ländern erschienen ist. Michaelides lebt in London.

Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019: Michael Tsokos und die Abgründe der Gerichtsmedizin

Michael Tsokos = MT, ich = NH

Das Interview enthält einen Spoiler, den ich als einen solchen gekennzeichnet habe. Dieser kann jedoch übersprungen werden; man muss ihn aufklappen, um ihn zu lesen. Wer dies nicht tut, bleibt spoilerfrei. Das Interview kann auch ohne diesen gelesen werden.

NH: In Ihrem neuen Thriller „Abgeschlagen“ geht es um einen Fall innerhalb der Kieler Rechtsmedizin und den Protagonisten Dr. Herzfeld. Wie viel Herzfeld steckt in Ihnen persönlich?

MT: Es steckt einiges Persönliches drinnen, dass ich natürlich, wie mein Protagonist das Problem habe, zu viel zu arbeiten, zu wenig zu Hause bin und zu wenig Zeit für die Familie zu haben. Das klingt ja immer wieder durch, sowie dass ich von Berufs wegen neugierig bin und es mir keine Ruhe lässt, wenn sich mir etwas nicht erschließt.

Was nicht auf mich zutrifft ist, dass ich nie diese Risiken eingehen und Alleingänge machen würde, die Herzfeld macht. Das muss man aber, der Dramaturgie geschuldet, machen. Wenn Sie jemanden haben, der 16 Uhr nach Hause kommt und bei jeder Kleinigkeit die Polizei ruft, haben Sie keine Hauptfigur.

NH: Sie können für sich auch das Dramaturgische und das, was fachlich vielleicht notwendig wäre, trennen?

MT: Das kann ich. Das ist der Vorteil der Belletristik. Im Sachbuch kann man das nicht, dort muss man bei den Fällen genau dranbleiben. In der Belletristik habe ich die Möglichkeit, einen echten Fall mehr auszuschmücken, mehrere Fälle zusammenfließen zu lassen und den Protagonisten Dinge tun lassen, die man sonst als Rechtsmediziner nicht machen würde. Die Möglichkeiten habe und nutze ich auch.

Autor: Michael Tsokos
Titel: Abgeschlagen
Seiten: 414
ISBN: 978-3-ä426-52438-1
Dromer Knaur

NH: Ist das Schreiben eines Thrillers für Sie eine Art „Ausgleich“ zur Wirklichkeit?

MT: Irgendjemand hat mich einmal gefragt, ob es eine Art „Therapie“ wäre. Vielleicht ist es das auch. Einmal macht es natürlich Spaß. Ich habe ansonsten relativ wenige Hobbys, aufgrund der fehlenden Zeit. Ich habe früher auch sehr viel Wissenschaftliches publiziert, in Fachzeitschriften überall auf der Welt, von der Idee bis zur Druckfahne und dem Erscheinen.

Das ist auch das, was bei einem Buch Spaß macht. Es ist sicherlich eine Art „Therapie“ zu wissen, ich schreibe etwas und irgendwann gibt es Leute, die lesen das, die finden es gut und es gibt Feedback. Das ist Erfolg, der einem auch positiv bestätigt.

NH: Wie war das Feedback zum neuen Thriller von Kollegen der Rechtsmedizin? Gab es da welches?

MT: Nein, bisher nicht. Das ist jedoch auch nichts, was ich jetzt erwarten würde. Ich habe einigen Arbeitskollegen das Buch geschenkt, da diese mich beraten und als Probeleser fungiert haben. Ansonsten gibt es da fachlich kein Feedback. Es macht jeder seines. Es interessiert einen Rechtsmediziner in Hamburg nicht, ob ich Rechtsmediziner in Berlin ein Buch schreibe.

Das war 2017. Michael Tsokos stellte damals einen anderen True-Crim-Thriller vor.

NH: Wie erklären Sie sich bei den einfachen Publikum und Lesern die Faszination für Thriller und Krimis?

MT: Der Tod als zentraler Bestandteil von Krimis und Thriller übt natürlich eine große Faszination auf die Menschen aus. Das ist etwas, was ich aus meinem Leben als normaler Bürger ausklammern möchte. Ich kann mir als Normalbürger nicht vorstellen, dass ich jeden Tag früh ins Büro gehe, zwölf Leichen auf den Tisch liegen habe, so wie ich, die aufgeschnitten und untersucht werden…

NH: Sind das so viele?

MT: Ja, wir machen jeden Tag so viele Obduktionen. Ich bin auch bei allen Obduktionen in Berlin dabei. Wir machen ca. 2200 Obduktionen pro Jahr. An regulären Arbeitstagen sind das schon zwölf.

NH: Auch der Thriller „Abgeschlagen“ hat einen wahren Hintergrund. Wo genau liegt der „wahre Kern“ hinter der Geschichte?

Spoiler

MT: Vor ungefähr 25 Jahren hat mein damaliger Chef in der Hamburger Rechtsmedizin mir erzählt, dass es einmal einen skandinavischen Rechtsmediziner gab, der Prostituierte getötet, zerstückelt und die Leichenteile in den Park versteckt hat. Als sie dann gefunden wurden, hat er die obduziert. Über diese Geschichte findet man so gut wie nichts im Internet, da das in den 70er und 80er Jahren passiert ist, aber sie hat mich fasziniert.

Das ist das zentrale Thema. Was ist, wenn ein Rechtsmediziner tatsächlich selbst der Täter ist? Wenn er sein spezielles Wissen ausnutzt, um der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Im Buch ist relativ schnell klar, um wen es sich handelt, aber der Weg bis zu seiner Überführung und zum Showdown ist sehr spannend. Das ist entscheidend bei „Abgeschlagen“.

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NH: Der Weg ist das Ziel. Kann man ja durchaus auf Ihre Arbeit übertragen. Wie kommt man zu diesen medizinischen Bereich? Gibt es so etwas wie Freude an dieser Arbeit?

MT: Mein Beruf bereitet mir auch Freude und Spaß. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, ob dem, was mich erwartet. Es gibt in der Medizin vieles, was ich nicht machen könnte. Wenn ich z.B. auf einer Kinderkrebsstation arbeiten würde und die kleinen Patienten sterben oder ich in einer Dialyse-Station, wo die Menschen zunehmend ins Nierenversagen rutschen, da sie keine Spenderniere bekommen, das wäre eine Sache, die ich nicht machen könnte.

Freude an beiden Berufen. Schriftsteller und Gerichtsmediziner Michael Tsokos.

MT: Ich weiß, dass es für viele unvorstellbar ist, den Job zu machen, den ich habe. Es gibt für mich jedoch genug andere, die ich nicht machen wollen würde. Ich war im Studium von der Rechtsmedizin total fasziniert. Das hat angehalten und deshalb habe ich mich auch dafür entschieden.

NH: Der Protagonist Dr. Herzfeld deckt im Laufe der Ermittlungen die Hintergründe der Tat auf. Wäre dies heute, in Anbetracht der Entwicklung von kriminalistischer Untersuchungsmethoden überhaupt noch so möglich? Ein unaufgeklärter und inszenierter Mord, dieses Schauspiel als Folge?

MT: Absolut. Das ist möglich, da wir natürlich genau wissen, wie Spuren verändert werden können. Wie legen wir falsche und verändern eigene Spuren? Das wäre absolut möglich.

NH: Gibt es den perfekten Mord?

MT: Den gibt es. Ich kann natürlich keine Beispiele nennen, jedoch gibt es gerade in Berlin den Fall eines verschwundenen Mädchens, dass sehr wahrscheinlich Opfer eines Tötungsdeliktes geworden ist. Die Polizei hat nicht den geringsten Anhaltspunkt, was passiert ist.

NH: Wenn Sie im „Schreibprozess“ sind, wie gehen Sie vor? Steht die Geschichte fest oder beginnen Sie zu schreiben und schauen, wohin dies führt?

MT: Der Grundblock steht von Anfang bis Ende fest. Man macht sonst den Fehler, sich zu verzetteln und nicht dort anzukommen, wo man hin möchte. Der Weg dahin ist flexibel. Ich habe den Protagonisten und habe die Rollen verteilt; bei dem, was dazwischen passiert, bin ich flexibel.

Zwischendurch kommen ja auch neue Ideen hinzu. Was von vornherein klar ist, ich brauch einen großen Showdown, ein Finale. Es ist jedoch zum Beginn des Schreibprozesses nicht unbedingt klar, wie das aussieht. In „Abgeschlagen“ war es das auch noch nicht, nur, dass es einen großen Abgang haben und quasi filmische Sequenzen haben muss.

NH: Wie gehen Sie mit der Realität in ihren Büchern um, z.B. im Gegensatz zu Sebastian Fitzek? (Die Frage habe ich ursprünglich anders gestellt, so dass es weder zum damaligen Interview mit Fitzek selbst gepasst hätte, noch hier zielführend gewesen wäre. Michael Tsokos hat jedoch, unbewusst, so geantwortet, dass ich nachträglich in der Abschrift die Frage umformulieren konnte. Jetzt passt es.)

MT: Im Gegensatz zu Fitzek muss ich die Realität abmildern, da sonst niemand das Buch lesen würde. Das würde kein Verlag drucken. Bei mir sind die Fälle aus dem wahren Leben.

Michael Tsokos und „Abgeschlagen“.

NH: Ihre Arbeit ist sehr zeitintensiv, in Berlin und auch im Ausland, wo Sie zu vielen Fällen hinzugezogen werden? Woher nehmen Sie die Zeit, zusätzlich Thriller zu schreiben?

MT: Ich habe es sehr komfortabel, da ich mir keine Fälle ausdenken muss. Die Geschichten kommen zu mir. Ich bearbeite so viele Fälle mit unfassbaren Details und Wendungen. Die Story zu bekommen, ist nicht schwierig. Eher noch die Umsetzung, ein Buch daraus zu formen, neben den sonstigen Pensum. Man muss sehr diszipliniert sein und seine freie Zeit nutzen, zu schreiben.

NH: Zuletzt wurde die Serie „Charite“ ausgestrahlt. Es gibt zwei neue Bücher über einen der prägenden Ärzte, Ferdinand Sauerbuch. Welchen Eindruck haben Sie davon?

MT: Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie sich Ärzte im Nationalsozialismus verhalten, zu Handlangern und willfährigen Henkern dieses Systems gemacht haben. Für mich erstaunlich, aber es ist natürlich ein Punkt, den ich für mich selbst kritisch hinterfrage. Wie würde ich mich in solch einer Situation verhalten? Mich hat die Serie total fasziniert.

NH: Wie wird es denn auch weitergehen mit Paul Herzfeld?

MT: Es wird eine Trilogie werden. Das nächste Buch heißt „Abgebrüht, um eben in dieser „Ab-“-Reihe zu bleiben. Es geht weiter.

NH: In diesem Sinne, vielen Dank für das Gespräch.

MT: Vielen Dank.

Wir danken Michael Tsokos und DroemerKnaur für die Gelegenheit, das Interview zu führen. Wie immer der Hinweis, dass das Interview Eigentum des Autoren, des Bloggers und des Verlages ist und nicht vervielfältigt, kopiert oder andersweitig verbreitet werden darf. Cover-Fotos werden nach Vorgaben des Verlags verwendet, Fotos des Autoren sind auf der Messe entstanden und gehören den Fotografen. Das Interview erfolgte ohne Gewinnerzielungsabsicht.

Autoren-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019: Veit Etzold und eine Verschwörung gegen den Staat

NH: Sind Sie ein optimistisch denkender Mensch?

VE: Jein. Ich bin langfristig schon optimistisch, da man ja ansonsten nicht existieren und langfristige Sachen machen würde, aber kurzfristig teilweise pessimistisch. Wenn man nicht immer das Schlimmste erwarten würde, könnte man auch keine Thriller schreiben, da passiert ja immer irgendetwas Negatives.

„Sind Sie ein optimistischer Mensch?“ Veit Etzold: „Jein.“

NH: Was hat Sie zu den Thriller „Staatsfeind“ inspiriert?

VE: Ich habe 2013 mit einem ehemaligen KSK-Kämpfer (Kommando Spezialkräfte) gesprochen. Der meinte, man könnte einen Umsturz in Deutschland mit dreihundert Elitekräften machen. Die würden ausreichen, um alles umzustürzen. Das erschien mir plausibel und ich habe mir überlegt, was ist, wenn dies wirklich der Fall wäre? Welche Kräfte würden sich bündeln? Wer würde so etwas machen? Wie würde das aussehen?

Ich habe dann immer weiter recherchiert, mit verschiedenen Leuten gesprochen und gerade jetzt gibt es eine große Unzufriedenheit bei den Sicherheitsbehörden, die mit der Regierung nicht einverstanden sind, die sich im Stich gelassen fühlen, wo vielleicht die Möglichkeit besteht, so etwas hinzubekommen, gar nicht mal so unrealistisch ist. Auf alle Fälle realistischer als vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren.

Veit Etzold „Staatsfeind„, Droemer, Seiten: 461, ISBN: 978-3-426-30668-0

NH: Dieses Ereignis, zuerst eines Terroranschlags und dann eines Umsturzes, setzen Sie auf ein historisches Ereignis. Den Mauerfall, der sich 2019 zum dreißigsten Mal jährt. Warum dieses Datum?

VE: Dies ist ein historisches Datum und die Separatisten wollen Deutschland spalten, in einem nationalistischen und einem islamischen Staat und bedienen sich dann auch Islamisten, die ihnen dabei helfen. In sofern wäre es eine völlige Ironie, dass am dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung dann wieder alles auseinander gerissen wird. Der eine Teil Deutschland wäre dann nationalistisch, der andere islamisch und jeder der beiden Staaten ist für den anderen da, um ein abschreckendes Beispiel zu geben.

NH: Sie hatten diese Idee und daraus die Geschichte formuliert? Wie haben sie diese entwickelt? Gibt es einen Schreibplan, der Anfang und das Ende stehen vorher fest oder schreiben Sie und schauen, wo die Idee hinführt?

VE: Der Anfang steht und das Ende steht auch, genau so wie die ganze Story vorab. Es ändern sich vielleicht nur noch ein paar Sachen, auf einige bin ich erst zum Ende hin gekommen, die sich noch ganz gut einfügen ließen, aber bei Thrillern steht normalerweise die gesamte Geschichte gleich zu Beginn. Ich schreibe ein Expose, gliedere teilweise per Excel einzelne Szenen.

Wenn man einfach los schreibt, können logische Brüche entstehen und man kann vielleicht alles nochmal schreiben. Es ist unheimlich schwer, dies wieder hinzubekommen, während man nach einem Expose genau weiß, hier muss ein Charakter öfter auftauchen, hier ist der Bösewicht zu wenig präsent. Es ist um Einiges klarer und strukturierter. Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.

Veit Etzold: „Ein Thriller versucht ja auch, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.“

NH: Neben den Schreiben halten Sie Vorträge und Seminare, arbeiten im Bereich der Unternehmensberatung. Hilft dies beim Schreiben?

VE: Vor allem mache ich viel über Kontakte, Storytelling und Unternehmensberatung und da gibt es natürlich immer Leute, die sagen, wenn Sie mal eine spannende Idee brauchen, melden Sie sich bei mir. Menschen, die im Bereich Sicherheitstechnologie, IT, Banken arbeiten, haben immer spannende Geschichten zu erzählen, würden selbst vielleicht gerne schreiben, haben aber vielleicht nicht die Zeit dafür oder schaffen es nicht.

Das ist ein tolles Netzwerk, welches man immer kontaktieren kann. Es gibt natürlich Leute in den Sicherheitsbehörden, in der Armee, bei Elitetruppen, ein Netzwerk, welches Geschichten liefern kann, aber oft sagen sie natürlich auch, sie wollen nicht namentlich erwähnt werden.

NH: Gibt es für die Protagonisten in Ihrem neuen Buch solche realen Vorbilder oder Menschen mit entsprechenden Charaktereigenschaften?

VE: Cohagen, zum Beispiel ist ein Mensch von Typ Horst Mahler. Horst Mahler war Gründungsmitglied der RAF, hat RAF-Terroristen als Anwalt verteidigt und ist dann Mitglied der NPD geworden. Vom Links- zum Rechtsradikalen, sehr beweglich.

Da geht es wahrscheinlich nur um Umsturz und neue Gesellschaftsformen, die er möchte, egal was da jetzt drauf steht und so ähnlich ist Cohagen, der einer der Hauptverschwörer ist. Es sind schon einige Personen, die an reale angelehnt sind. Das wäre jetzt mit Horst Mahler eine prominente Figur. Es gibt aber viele andere, die ich kenne, die jedoch nicht erwähnt werden möchten.

NH: Für wie realistisch halten Sie dieses Szenario?

VE: Ich halte die Grundsaat, die Möglichkeit ist relativ hoch. Heute höher denn je als in der Geschichte der Bundesrepublik. Hoffe, dass es dann nicht dazu kommen wird und am Ende alles gut ausgeht.

Es ist jedoch eine Sache, die sehr nah an der heutigen Situation ist, die entsprechende Auswirkungen hätte, wenn sie passiert und nicht komplett unwahrscheinlich ist. Ich wünsche es mir nicht, aber ich glaube, dass es in unserer Zeit eher wahrscheinlich ist als zuvor.

Veit Etzold: „Die Möglichkeit ist relativ hoch.“

NH: Polarisiert der Thriller?

VE: Ich habe schon Kritiken gehört, E-Mails bekommen, wo es hieß, dass wäre zu krass und verachtend gegenüber dem etablierten System. Wobei ich ja nicht sage, dass ich das System verachte, nur sage, was kann passieren, wenn das etablierte System nicht aufpasst. Ich möchte, dass Demokratie und Freiheit weiter bestehen, es ist jedoch nicht Gott gegeben. Wenn man es nicht immer wieder verteidigt, wird es vielleicht irgendwann abgelöst. Das müssen wir verhindern.

NH: Trotzdem endet ihr Thriller jetzt nicht gerade mit einem Happy End.

VE: Teilweise. Es muss ja ein Ende haben. Hier liegt die Bestie am Boden, ist aber noch nicht tot. Man weiß nicht, wie es weitergeht. Es könnte auch eine Richtung eingeschlagen werden, die man gar nicht möchte.

NH: Das heißt, Fortsetzung folgt?

VE: Vielleicht. Könnte man überlegen. Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein. Vielleicht aber auch nicht.

Veit Etzold: „Dass es eine Fortsetzung gibt, könnte durchaus sein.“

NH: Wie muss die Umgebung sein, um solche Bücher zu schreiben?

VE: Ruhig. Lärm nervt mich, wenn ich konzipiere, plotte und schreibe, ansonsten habe ich da keine großen Anforderungen. Ein wenig Platz.

NH: Sebastian Fitzek sagte mal, um so schöner die Umgebung, um so schrecklicher werden die Szenarien.

VE: Es muss eine schöne Umgebung sein. Schöner Ausblick, zum Beispiel am Meer. Aber bei mir kann das auch das Hotel sein oder im Flugzeug. Wichtig ist, dass man seinen Gedanken ungestört Raum geben kann. Ansonsten stimmt das natürlich. Je schöner die Umgebung, desto schlimmer die Themen. Jedenfalls, wenn man Thriller schreibt.

NH: Was macht die Faszination für Thriller aus? Gerne gelesen, im Feuilleton kommt er fast nicht vor.

VE: Sie werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann. Der Mensch möchte sich gruseln, jedoch in sicherer Umgebung und nicht wirklich solchen Leuten begegnen, einerseits. Andererseits behandeln Thriller ganz oft den Tod und dieses Thema ist in unserer Gesellschaft völlig ausgelagert worden. Man sieht kaum mehr Tote. Früher hat man die auf den Schlachtfeldern gesehen. Tote werden nicht mehr zu Hause aufgebahrt.

Veit Etzold: „Thriller werden gerne gelesen, da sie Themen behandeln, womit man sich in sicherer Atmosphäre gruseln kann.“

Es gibt eine Lifestyle-Industrie und wir glauben alle, wir sind für immer jung und unsterblich. Sind wir nicht, aber glauben wir. Religiös gibt es eigentlich auch keine Beschäftigung mit einem Leben nach dem Tod. Danach ist es vorbei. Der Tod ist ausgeklammert worden, aber immer noch präsent. Eine Art Underdog, der durch die Hintertür wieder hereinkommt, nachdem er durch die Vordertür hinaus geschmissen wurde.

Der Thriller behandelt den Tod und die Phänomene, die wir ausklammern, die aber für den Menschen trotzdem interessant sind. Warum der Feuilleton das nicht möchte, keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil es irgendwie massentauglich oder nicht intellektuell genug ist. Wir haben in Deutschland als einzigem Land die Unterscheidung zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur.

Ernsthaft kommt ins Feuilleton, aber nicht auf die SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei Unterhaltung ist es umgekehrt. In anderen Ländern werden auch Thriller in der New York Times, Washington Post, Financial Times besprochen, hier nicht. Ich verstehe es auch nicht.

NH: In Ihren Büchern kommen oft Antihelden vor, bei denen man nicht weiß, wie man sich eigentlich zu ihnen positionieren soll. Warum?

VE: Ich glaube, diese ganz klaren Helden, die man zuordnen kann, haben ausgedient. Die Leute wollen ambivalente Figuren, was man auch zunehmend an Serien sieht, in denen die Protagonisten nicht klar zuzuordnen sind. Die meisten Menschen sind ähnlich. Ein Mensch, der sagt, er würde nie töten. Wenn es aber darum geht, die eigene Frau, die eigenen Kinder zu retten, würde man vielleicht schon zum Mörder werden. Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.

Veit Etzold: „Die Grenzen, was man machen würde und was nicht, sind immer fließend.“

Jeder Held, jeder normale Mensch ist auch teilweise ein Antiheld. Das ist näher an den potenziellen Lesern dran als ein Held, der völlig glatt gebügelt ist und weiß, was er will. Wir wissen oft nicht, was wir genau wollen und wie wir in Extremsituationen reagieren.

Das kommt auf die Situation an und in solche werden die Helden hinein geschmissen. Das sind Menschen, keine Superhelden, die eine gewisse Sache vielleicht gut können, ansonsten genau so verletzlich und überfordert sind, wie vielleicht auch der normale Leser in einer ähnlichen Situation.

NH: Dieses Szenario haben wir als Leser und vor allem der Protagonist jetzt überstanden. In welches werden wir uns als nächstes begeben?

VE: Als nächstes kommt wieder ein Clara-Vidalis-Thriller, mittlerweile der siebte Band der Reihe, in der Clara Vidalis einen Serienmörder jagt. Mehr kann ich noch nicht verraten, es ist aber Bewährtes mit neuem Setting und neuen Charakteren und einer ziemlichen Überraschung am Ende.

NH: Dann lassen wir uns überraschen. Vielen Dank für das Gespräch.

VE: Vielen Dank.

Ohne Genehmigung darf das Interview nicht verbreitet oder vervielfältigt werden. die Rechte liegen beim Blog-Betreiber, dem Interviewpartner und den Verlag. Cover-Fotos werden mit Genehmigung des Verlages verwendet. Sonstige Bildrechte liegen beim Fotografen. Wir danken dem Autor und dem Verlag.

Alexander Oetker: Zara & Zoe – Rache in Marseille

Zara & Zoe - Rache in Marseille Book Cover
Zara & Zoe – Rache in Marseille Alexander Oetker Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Erschienen am: 01.04.2019 Taschenbuch Seiten: 328 ISBN: 978-3-425-30715-1

Inhalt:

Ein Zwilling, der keine Regeln brechen darf.

Ein Zwilling, der keine Regeln kennt.

Zusammen kämpfen sie gegen erbarmungslose Terroristen.

Gesetz und Gewalt – vereint in zwei Schwestern. Die eine Cop – die andere Mafiosa.

Um eine Katastrophe zu verfindern, müssen sie die Rollen tauschen.

Ihr Kampf gegen fanatischen Terror wird zum epischen Showdown zwischen Gut und Böse.

(Klappentext)

Rezension:

Thriller, die von der ersten Seite an, ein schnelles Tempo vorlegen, haben es zumeist in sich, so auch das vorliegende Szenario von Alexander Oetker. Der Frankreichkenner, Journalist und Schriftsteller entführt den Leser nach Marseille, in die Tiefen der Banlieues, grauer Vorstädte, die sich längst jeder staatlichen Kontrolle entzogen haben, Korruption, Drogenhandel und Terrorismus ihre Brutstätten haben.

Im vorliegenden Band ermitteln die scharf gezeichneten Protagonisten, die Europol-Beamten Zara von Hardenberg und ihr Kollege Isaakson. Was zunächst wie ein Mord mit Anhängsel aussieht, entwickelt sich jedoch schnell zu einem Fass ohne Boden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, für den Zara ihre ärgste Feindin einspannen muss. Ihre eigene Schwester.

So viel zur Handlung, von der man mehr nicht verraten sollte, die jedoch durchaus trägt und einen kontinuierlichen Spannungsbogen praktisch garantiert. Rasant geschrieben, hat der Autor hier genau das richtige Maß zwischen den wichtigen Details und unwichtigeren Geplänkel gefunden. Positiv auffallend ist dabei, dass alle Protagonisten verschiedene Fascetten aufweisen. Das reine Gut-Böse-Schema gibt es nur auf den ersten Blick.

Auch Orts- und Milieubeschreibungen gehören zu den Pluspunkten des Autoren. Man nimmt dies dem Autoren ab und verliert sich in die Gluthitze der Stadt am Mittelmeer, die anscheinend mehr Schatten- als Sonnenseiten vorzuweisen hat. Nichts rät eher ab, doerthin zu reisen, als dieser thriller. Kurze und prägnante Kapitel laufen in wechselnder Perspektive einem Showdown entgegen, der einen großen Knall schon früh erahnen lässt.

Dort wird es indes kritisch. Gerade das Endszenario kann ich dem Schriftsteller nicht abnehmen. Zu unglaubwürdig, zu schnell und zu kurz erzählt. Was am Anfang noch funktioniert, reicht mit Fortschreiten der Seitenzahl nicht aus, um gerade ständige Krimileser bei Stange zu halten und zu überzeugen. Die Geschichte wirkt dann wie ein Fernsehfilm, den man mal gesehen, dann jedoch schnell wieder verdrängt hat.

Das ist schade, da viele Themen aufgegriffen werden, die man detailliert hätte verarbeiten können. Die Chancenlosigkeit in den Vorstädten, Radikalisierung, Terrorismus, organisierte Kriminalität, das Drogenmilieu, Mafiabande, um nur einige zu nennen. Das wird alles angeschnitten und im Schnelldurchlauf zusammengefügt, reicht jedoch nicht. Vielleicht hätte man sich hier auf weniger konzentrieren, dies jedoch ausfühlicher verarbeiten können.

Im letzten Viertel fehlt der Biss, jedoch würde ich gerne mehr über die einzelnen Protagonisten erfahren und damit weitere Fälle lesen. Gegen den Auftakt als Reihe, hätte ich nichts. Dann könnte der Autor diese Schwächen mit einer stärkeren Fortsetzung wettmachen.

Autor:

Alexander Oetker wurde 1982 geboren und ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er begann Sozial- und Politikwissenschaften zu studieren und beendete dies jedoch nicht, arbeitete v on 1998 bis 2000 freiberuflich für die Berliner Zeitung. Danach arbeitete er für die Mediengruppe RTL und war von 2005-2007 Berlin-Korrespondent.

Von 2008 an, leitete er das Westeuropa-studio und berichtete für RTL/n-tv/Vox aus Paris. Seit 2012 ist er politischer Korrespondent in Berlin. 2017 erschien sein erster Kriminalroman. Oetker schreibt unter eigenen Namen, sowie unter Pseudonym und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Leipzig liest und findo liest mit – Messetag 3 – 2019

Dieses Jahr hat es sich ergeben, dass zwar der Freitag von den Veranstaltungen her, die ich besuchen wollte, überschaubar blieb, das Wochenende jedoch nicht. So hatte ich dann auch am Samstag wieder ein volles Programm und machte mich früher als sonst zum Messegelände auf. Die Tram war trotzdem voll. Umfallen konnte man nicht. Luft zum Atmen blieb dennoch. Irgendwie.

Nach einem Kaffee im Pressebereich ging ich direkt zur ersten Buchvorstellung des Tages und lauschte dem Gespräch am Stand von MDR Kultur in der Glashalle. Dort stellte Julia Finkernagel ihren Reisebericht „Ostwärts – oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne sich nachher umziehen zu müssen“ vor.

Julia Finkernagel (links) über ihr neues Buch „Ostwärts“.

Dort beschreibt sie ihre ersten Erfahrungen als Moderatorin einer Reisereportage für den MDR und dies, wie ich inzwischen bestätigen kann, auf eine sehr humorvolle Art und Weise. Wer des Untertitel Rätsels Lösung erfahren möchte oder auch, wie man in der Steppe auf#s Klo geht ohne gesehen zu werden, der sollte dieses Buch lesen. Auch die anderen, dort beschriebenen, Episoden lohnen übrigens einen Blick hinein.

Danach wurde es mörderisch. Zumindest für mich, denn ich hatte bereits Wochen vor der Buchmesse zwei Interview-Termine vereinbart. Der eine mit Michael Tsokos, deutschlands wohl bekanntesten Rechtsmediziner und der andere mit Veit Etzold. Unternehmensberater, Thriller-Autor. Die Interviews werde ich alle beide noch verschriftlichen, zumal zumindest letzterer fast ins Wasser gefallen wäre und deswegen kurz gehalten musste. Veit Etzold stand nämlich zunächst im Stau. Es wurde dann aber doch noch ein sehr interessantes Gespräch. Dafür danke ich den Droemer Knaur Verlag und den beiden Autoren. Ich war so nervös.

Ob Michael Tsokos erleichtert war, als wir das Interview beendet hatten?
Veit Etzold und ich.

Hat dann jedoch alles ganz gut geklappt.

Tschechien war das diesjährige Gastland auf der Buchmesse und so bestimmten auch viele Themen die Lesungen und Gersprächsrunden mit tschechischen Autoren, die unsere Nachbarn bewegen. In einer Gesprächsrunde ging es u.a. um die Aufspaltung der damaligen Tschechoslowakei in die zwei Staaten Tschechische Republik und Slowakei und die politischen entwicklungen seit diesen Zeitpunkt.

Erkenntnis, die Spaltung in zwei Staaten war wohl eher dem Gockelverhalten der Politoberen geschuldet als dem Willen des Volkes, welches anders entschieden hätte, hätte man ihn berücksichtigt. Wusste ich so auch noch nicht und lässt sich doch auf viele andere Situationen in unserer Gesellschaft übertragen, oder? Ich werde dabei die Diskussion um den derzeit im Umlauf befindlichen Artikel 13 nicht als beispiel nennen. Ups. 😉

Danach ging es zum traditionellen Bücherforen-Blogger-Booktuber-Bookstagramer-Treffen, was seit einigen Jahren irgendwie immer parallel und am gleichen ort stattfindet. Bei der Messebuchhandlung in Halle 4, hinter den viel zitierten ominösen schwarzen Vorhang. Wir werden dabei jedes Jahr immer mehr Leute. Es ist einfach schön, mit so vielen Menschen das gleiche Interesse zu teilen, fern aller Ansichten und Denkweisen, die uns voneinander unterscheiden.

Nur einen Nachteil gibt es vielleicht. Es findet eben in der Nähe der Messebuchhandlung statt. Mein armes Portemonaie, was die Tage über schon genug zu leiden hatte. Nun ja, Messe ist ja schließlich nur einmal im Jahr (Ja, ich weiß um die Frankfurter Messe, aber auf der war ich bisher noch nicht zugegen und werde es auch dieses Jahr wieder nicht schaffen, dorthin zu fahren.).

Es folgte eine Lesung in China, genauer gesagt mit Stephan Orth, der sein Buch „Couchsurfing in China“ vorstellte, nachdem er zuvor schon den Iran und Russland nach dieser Methode bereist hatte. Nur so viel sei gesagt, genau ein Hund hat diesen Trip wohl nicht überstanden. Wer mehr wissen möchte, muss den Reisebericht lesen. Wurde bereits kurz vor Messebeginn gekauft. Ich freue mich schon darauf, das zu lesen.

Stephan Orth „Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht“

Danach war Free Flow und ich habe den Messetag ausklingen lassen. So langsam hatten sich nämlich meine Füße bemerkbar gemacht. So viel laufe ich sonst nie am Stück. Zur Signierstunde von Katja Brandis konnte ich mich noch bewegen, ebenso wie zur Kinderbuchlesung von Salah Naoura, der aus seinem Roman „Matti und Sami“ las, und auch, wenn dies ein Kinderbuch ist und ich längst nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, Erwachsene wie Kinder haben gleichermaßen und ausgiebig lachen müssen. Ich auch. Sehr witzig war das und wird in jedem Fall irgendwann einmal gelesen werden. Nur, nicht heute. Vorgemerkt ist es jedoch.

Salah Naoura „Matti und Sami“

Der Rest des Tages war Familienzeit. Ist immer schön. In Leipzig kann ich wunderbar beides miteinander verbinden und so habe ich den Abend noch auf einer Geburtstagsfeier verbracht und war am Ende des Tages voller abwechslungsreicher Eindrücke. So soll es ja auch sein, oder?

Fortsetzung folgt…

Der Bericht enthätl unbezahlte Werbung. Fotos gehören dem Bloginhaber und dürfen weder vervielfältigt noch weiter verbreitet werden. Für Verlagscover gilt das Übliche.



Veit Etzold: Staatsfeind

Staatsfeind Book Cover
Staatsfeind Veit Etzold Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Erschienen am: 01.03.2019 Taschenbuch Seiten: 461 ISBN: 978-3-426-30668-0

Inhalt:

Was wäre, wenn: Der ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick wird von seinem alten Kameraden Philipp kontaktiert, der als Politiker Karriere macht. Philipp braucht Iwos Hilfe bei einem Vorhaben, das die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland für alle Zeiten verändern soll. Was sich da zwischen Dubai, Berlin und New York zusammenbraucht, ist so ungeheuerlich, dass es selbst Iwos schlimmste Albträume übersteigt. Doch die Verschwörung reicht bis in die allerhöchsten kreise von Finanzwesen, Politik und Sicherheitsdiensten, und wenn Iwo sie stoppen will, muss er sich entscheiden: Opfere ich mich selbst, oder opfere ich alle anderen? (Klappentext)

Rezension:

In Zeiten, in denen die Demokratie von mehreren Seiten der Gesellschaft auf den Prüfstein gestellt wird, nicht nur im benachbarten oder weiter entfernten Ausland, sondern auch hier im deutschsprachigen Raum kommt dieses Szenario gerade recht. Zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls soll in Deutschland, vorbereitet durch Terrorakte ein Umsturz geschehen, der die Welt aus den Angeln heben soll.

So zumindest der Plan. Fortan soll es wieder zwei deutsche Staaten unterschiedlicher Prägung geben und die Welt, so wie wir sie kennen, nicht mehr existieren. In mitten dieses Szenarios befindet sich plötzlich, mehr als ihm lieb ist, der zweifelnde und unzufriedene ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick, der bald darauf sich entscheiden muss, zu welcher Seite er gehören möchte. Doch, wie er sich auch entscheidet, wird er den Showdown aufhalten können?

Es ist das Szenario eines politischen Albtraumes oder, besser formuliert, politischen Erdbebens, welches uns der Autor hier aufzeigt und in Teilen vielleicht nicht einmal so unrealistisch ist.

Wie viel Wert ist uns heute noch die Demokratie als Staatsform, unsere Sicherheit gegenüber freiheitlichen Grundsätzen und an welchen Ecken und Enden beginnen die offensichtlichen sicherheitstechnischen Fehler der Entscheidungen unserer Politiker einen Weg in die falsche Richtung einzuschlagen? Stellt sich der Leser diese Fragen, einhergehend mit allen Folgen, ist man von der Variante Etzolds nicht einmal so weit entfernt.

Detaillier ausgearbeitet, lernt man nach und nach die Protaqgonisten der verschieden agierenden Seiten kennen. Es gibt hierbei kein absolut Gutes und Böse, sondern zahlreiche Grautöne, die gegeneinander ankämpfen, um mal in Farben zu sprechen. Das ist sehr schön gemacht, zumal man so die Handlung aller Beteiligten nachvollziehen kann, auch und gerade die des Antihelden.

Der Autor stellt in kurzweiligen Sätzen die Zusammenhänge eines großen Spiels um Macht und Intrigen dar, so dass es einem kalt über den Rücken laufen wird. Kurze Kapitel und zahlreiche Cliffhanger runden die Geschichte ab, so dass sich „Staatsfeind2 schon nach wenigen Seiten zu einem Pageturner mit kontinuierlichen Spannungsbogen entwickelt, der sich in einem großen Knall entlädt.

Als Essenz bleiben die Fragen, was für eine Gesellschaft wollen wir? Was müssen wir dafür tun? Wo sind rote Linien, die wir nicht überschreiten dürfen oder wo wir verhindern müssen, dass andere sie überschreiten? Sehr schön dargestellt und verpackt in einer spannenden Geschichte, die zudem Anknüpfungspunkte bietet zu anderen Romanen des Autoren, den man danach einen kritischen Blick auf das sicherheitspolitische Geschehen in Deutschland unterstellen darf.

Den Buch zugrunde liegen nach eigenen Angaben Recherchen und Befragungen von Sicherheitskräften, die ein eher schlechtes Bild über deren eigenen Zustand zeichnen, was man auch dem vorliegenden Thriller entnehmen kann. Hoffen wir nur, dass dieses Szenario so oder so ähnlich nie Wirklichkeit werden wird.

Autor:

Veit Etzold wurde 1973 in Bremen geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Nach einer Ausbildung studierte er zunächst in Oldenburg, London und Barcelona und promovierte 2005 im Bereich Medienwissenschaften. Er arbeitete für Medienunternehmen, Banken und Unternehmensberatungen, sowie in der Management-Ausbildung. Seit 2010 veröffentlicht er zudem Romane und Thriller, sowie Sachbücher zum Thema -Storytelling-. Als Unternehmensberater integriert er die Erkenntnisse der Thrillerstrategie in die Geschäftswelt, etwa in Bezug auf Veränderungsprozesse durch die Methodik des Storytelling darzustelleb, Er ist Professor an der Hochschule Aalen und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Sebastian Fitzek: Der Insasse

Inhalt:
Um die Wahrheit zu finden, muss er seinen Verstand verlieren. Der Insasse. Vor einem Jahr verschwand der kleine Max Berkhoff. Nur der täter weiß, was mit ihm geschah. Doch der sitzt im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie und und schweigt. Max‘ Vater bleibt nur ein Weg, um endlich Gewissheit zu haben. Er muss selbst zum Insassen werden. (Klappentext)

Rezension:
Vorweg, zählt eure Kinder noch einmal durch.

Es ist der wohl schrecklichste Zustand für Eltern, zu wissen, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich nicht mehr am Leben ist und dennoch keine endgültige Gewissheit zu haben. Till Berkhoff lebt genau in einem solchen und will sich dieses Wissen verschaffen. Doch der, der ihm verraten könnte, was mit Max, seinem kleinen Sohn, geschehen ist, sitzt in der geschlossenen Abteilung einer Berliner Psychiatrie und schweigt.

Wie also mehr erfahren? Till Berkhoff fast einen geradezu absurden Plan. Er will sich in die Anstalt einschleußen lassen, was auch gelingt, um den Täter nahe zu sein. Kaum dort, laufen die Dinge aus den Ruder und Till ist in einem Verwirrspiel gefangen welches ihn um den Verstand bringt. Und dem Tod zu nahe.

So viel zur Geschichte, von der man auch gar nicht mehr verraten kann, ohne den Handlungssträngen vorweg zu greifen, die Deutschlands erfolgreichster Autor für Psychothriller wieder um eine interessante Idee herumwebt. Der Grundgedanke, eine Urangst von Eltern zu nehmen und daraus einen solchen Spannungsbogen zu entwickeln, kann man im Prinzip nur als genial bezeichnen, zumal in dieser Ausführung.

Der Autor spielt hier mit all den Facetten, die auch seine anderen Thriller zu Bestsellern werden ließen, greift hier jedoch noch mehr dort, wo es weh tut. Ein Wohlfühl-Buch ist dies nicht, eher ein Thriller, mit dem sich Sebastian Fitzek selbst übertrifft.

Nicht zahlreich ist das Figurenensemble, dafür gibt es um so mehr kurzweilige Kapitel mit kaum zu fassenden Cliffhangern, bei denen man in Gefahr läuft, als leser selbst irre zu werden. Wieder gibt es doppelte Böden und eine Auflösung, die total überrascht, ohne ins Verschwörungstechnische zu gleiten, was den einen oder anderen Leser bei jüngeren vorangegangenen Werken Fitzeks abgeschreckt haben mag.

Hier haben wir jedoch wieder einen mehr klassischen Psychothriller, in dem der Autor sich etwas traut und seinen Lesern auch etwas zutraut. Auch, wenn’s weiß Gott keine leicht verträgliche lektüre ist. Ein Pageturner ist es dennoch.

Die Ausarbeitung der Protagonisten ist gelungen und auch der kontinuierliche Spannungsaufbau hat es in sich. Selbst an der Auflösung habe ich, psychologisch nicht irgendwie vorgebildet oder so, kein Haar in der Suppe gefunden und war noch gegen Ende völlig ahnungslos.

Wie so oft bei Fitzek. Es gibt einfach Thriller, die funktionieren und Fitzeks Werke gehören für mich immer dazu. Dieses Mal jedoch noch mit einer Steigerung, die unter die Haut ging.

In einer Rezension zu einem Werk von Fitzek gehört es sich schon fast, die Danksagung nicht zu vergessen, denn was passiert, wenn man das tut, weiß der Autor aus eigener Erfahrung. Dieses Mal in der Form einer Kurzgeschiche, sozusagen als Bonus. Auch sehr lesenswert.

Hinzunehmend die haptische Gestaltung, die an eine Gummizelle erinnert, muss man auch den Verlag Respekt vor solch ein Ideenreichtum einräumen. Eben ein Thriller, der nicht spurlos am Leser vorrübergeht. In jeder Hinsicht. Man sollte sich nur fragen, ob man noch bei Verstand ist.

Autor:
Sebastian Fitzek wurde 1971 in Berlin geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Zunächst arbeitete er nach dem Jura-Studium, welches er bis zum ersten Staatsexamen verfolgte, als Chefredakteur und Programmdirektor verschiedener Radiostationen, bevor er 2006 seinen ersten Psychothriller „Die Therapie“ veröffentlichte.

In mehreren Sprachen übersetzt avancierte Fitzek zu einem der meist gelesenen Psychothriller-Autoren, der den Europäischen Preis für Kriminalliteratur 2016/2017 erhielt. Einige seiner Werke wurden für das Theater adaptiert oder verfilmt. Seit 2013 engagiert er sich zudem ehrenamtlich als Schirmherr für den Verein -Das frühgeborene Kind-. Fitzek lebt mit seiner Familie in Berlin.

Sebastian Fitzek
Der Insasse
Seiten: 378
ISBN: 978-3-426-28153-6
Verlag: Droemer