Bergen-Belsen

Melissa Müller: Mit dir steht die Welt nicht still

Inhalt:
London, 1951. Für Nanette ist es eine Zufallsbegegnung, für John ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch John steht kurz vor seiner Auswanderung nach Brasilien. Ginge es nach ihm, würde er seinen Plan ändern, aber Nanette, die mit Anne Frank befreundet war und als Einzige ihrer Familie Bergen-Belsen überlebt hat, fürchtet sich vor dem Glück. Als sie einander Brief um Brief schreiben, gesteht sie sich langsam ein, dass sie mit ihm zurück ins Leben finden kann. Ein Buch über die rettende Kraft der Liebe. (Klappentext)

Rezension:
Entlang von Briefen erzählt Melissa Müller in ihrem neuen literarischen Sachbuch „Mit dir steht die Welt nicht still“ vom Überleben und Leben mit traumatischen Erfahrungshorizont, der Kraft der Liebe, sowie eine Geschichte von Hoffnung und Lebensmut. Dieser zuweilen schermütig melancholiche Bericht ist zugleich ein Buch der Erinnerung, eines gegen das Vergessen.

Briefe sind es gewesen, und eine Recherche über Anne Frank, deren Tagebuch nach dem Holocaust weltberühmt wurde, die die Autorin auf die Geschichte zweier Menschen brachte. Hintergrundinformationen, um ein umfassendes Bild zu bekommen, der Zeit und der Jugendlichen, die mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt, schließlich verraten wurde und schließlich Bergen-Belsen nicht überleben konnte, wollte die Autorin recherchieren und stieß dabei auf Nanette Blitz‘ und John Konigs Geschichte, die ebenso aufschlussreich und beachtenswert ist. Nun liegt sie vor, in dieser wunderbar dokumentarisch-biografischen Aufarbeitung und macht jene zu Hauptfiguren, die das Puzzle um Anne Frank mit hin vervollständigen.

Entlang des Schriftwechsels durch die Zeit werden die zwei Leben erzählt, die zunächst scheu einander umkreisen, bald jedoch trotz der Distanz eines Ozeans zwischen ihnen nicht mehr ohne einander können. Immer klarer werden die beiden Charaktere, je mehr man über ihre Zeit und den Gegebenheiten erfährt. Vor allem Nanette traut den aufkeimenden Glück zu Beginn nicht genug, waren die zuvor erlebten Jahre doch zu unzurechenbar und forderten vor allem von ihrer Familie Opfer. Wie kann man sich da noch positive Gefühle erlauben, wenn man gerade so dem Unheil entkommen ist und so viel Tod und Unmenschlichkeit erlebt hat? John ist es, der sie behutsam ins Leben zurückfinden lässt. Alleine, die Narben bleiben für immer.

Dies steht schnell fest, je mehr man in diese literarische Reportage hineinfindet, die aufgrund der Zeitsprünge zunächst nur schwer zugänglich bleibt. Die österreichische Journalistin und Autorin Melissa Müller stellt die Frage nach dem Überwinden, nach dem Überleben eines Traumas. Was macht das mit uns, mit unserer Umgebung, mit der Familie? Wie gehen wir damit um? Diesen philosophischen Überbau zu durchdringen, fällt nicht leicht und erzeugt streckenweise Längen. Verbindungslinien zwischen den einzelnen Briefen zu halten, ist im Angesicht der Sprünge schwer. Trotzdem ist durchaus zu spüren, in welche Richtung die Autorin wollte und wohin sie die Beschäftigung mit zweier Leben letztendlich führte. Diese Differenz ist spannend zu erfahren, aber für Außenstehende nur schwer zu begreifen.

So lässt mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Vielleicht hilft Lebenserfahrung, Abstand, vielleicht das fragmentarische Lesen einzelner Abschnitte, in denen sich Briefe und Verbindungslinien abwechselnd lesen, die Lektüre besser zu durchdringen. Eventuell war meine Erwartungshaltung auch eine andere, die in diesem Moment einfach nicht gepasst hat. Dennoch verdient auch diese dokumentarische Erzählung einen Platz im Regal der Bücher gegen das Vergessen. Der Stil alleine sollte nicht daran hindern, dies zu lesen.

Autorin:
Melissa Müller wurde 1967 in Wien geboren und ist eine österreichische Journalistin und Schriftstellerin. Zunächst studierte sie Germanistik und BWL, danach arbeitete sie für verschiedene Wirtschaftsredaktionen in Wien und München. Ihr Buch „Das Mädhcen Anne Frank wurde 1998 veröffentlicht und vielfach übersetzt. Danach wirkte Müller an einem Dokumentarfilm über Anne Frank mit. Bei Recherchen zu einem Folgeprojekt lernte sie Traudl Junge kennen, mit der sie sprach. Aus den gesprächen entstand ein Interview und eine Biografie. 2008 veröffentlichte sie ein Buch über jüdische Künstler und den Umgang mit ihnen, nach 1945.

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Sid Jacobson/Ernie Colon: Das Leben der Anne Frank – Eine Biografie

Inhalt:

Menschen in aller Welt kennen Anne Frank, die 1929 als Kind jüdischer Eltern in Deutschland geboren wurde und später mit ihrer Familie vor dem Terror der nationalsozialisten in die Niederlande emigrierte, wo sie sich schließlich über zwei Jahre in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte. Dort schrieb sie ihr bewegendes Tagebuch. Heute ist Anne Frank ein Symbol für Millionen von Juden geworden, die der rassistischen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

In Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Haus in Amsterdam verfassten Ernie Colon und Sid Jacobson diese umfassende Biografie. In Form einer Graphic Novel. Beginnend bei der Heirat der Eltern bis hin zu Annes tragischen Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

(geänderter Klappentext)

Rezension:

Ihre Aufzeichnungen sind ein Symbol dessen, welches Potenzial der Welt durch das menschenverachtende und todbringende Wirken der Nationalsozialisten in Deutschland und den von ihnen im Zweiten Weltkrieg besetzten Ländern, entrissen wurde. Welche Chancen hätten sich Anne und so vielen anderen Kindern und Jugendlichen ergeben, wären sie unter normalen Umständen aufgewachsen und nicht einer zerstörerischen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer gefallen?

Anne Franks Tagebuch gibt uns Einblick in die Seele einer Jugendlichen, die versteckt vor den Häschern der Nazis, in einem Amsterdamer Hinterhaus ausharren musste, so viele Hoffnungen und Träume hegte, aber auch Ängste ausstehen musste, bis das Schicksal auf’s Grausamste zuschlug. Ihr Leben endete kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

So viel zur Geschichte. Diese ist bekannt, nicht zuletzt durch verschiedene Versionen ihres Tagebuchs, welches 1947 erstmals in den Niederlanden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Verfilmungen folgten, inzwischen auch sekundärlektüre, die sich mit den Helfern etwa beschäftigt, Anne Franks Freundschaften aus Kindertagen oder den Verrat, den die Untergetauchten zum Opfer fielen. Auch dieses Werk reiht sich da ein, eine Graphic Novel, die die Zeit des Verstecktwerdens verbildlicht.

Da stellt sich natürlich zunächst die Frage, darf man das? Reicht nicht das Tagebuch in seiner ursprünglichen Form? Muss immer noch ein Medium genutzt werden, wo doch der Text des Mädchens, mit dem Wissen um ihr Schicksal, schon hart genug zu lesen ist? Kann eine Verbildlichung die Gefühle, das Denken der Portraitierten überhaupt annähernd und ausreichend transportieren? Muss das sein? Wie sehr kann man komprimieren, herausstellen und verdeutlichen, was schon zu lesen kaum zu fassen ist?

Die Zeichner Ernie Colon und Sid Jacobson haben diese Fragen für sich beantwortet und in jahrelanger Kleinarbeit dieses sehr sensible Projekt umgesetzt. Unterstützt durch das Anne Frank Haus in Amsterdam haben sie verdichtet einzelne Episoden, die die Jugendliche anne Frank in ihrem Tagebuch beschrieb zu einem Gesamtwerk grafisch aufbereitet, welches geeignet ist, neben Text und Verfilmungen zu wirken, nicht minder beeindruckend.

Die Farbgebung ist blass, doch wirkt sie gerade zu Beginn fröhlich, um dann kontrastreich in dunklere Töne zu wechseln. Schließlich war auch das Versteck von Annes Familie und ihren Freunden dunkel und beengt. Die Autoren haben dabei ihr Hauptaugenmerk zunächst allgemein auf das Familienleben, gelegt, danach nur noch aus der Perspektive von anne selbst erzählt, ihre inneren Konflikte, kleine Freuden und Hoffnungsschimmer jedoch ebenso dargestellt. Die Linienführung erinnert an alte Fotografien.

Wer das Tagebuch gelesen hat oder wem der Stoff in reiner Textform zu schwer erscheint, für den ist die Graphic Novel durchaus eine Variante, sich Zugang zur Thematik zu verschaffen. Die gefühle, die beim Lesen aufkommen, werden auch hier hervorgerufen, vielleicht sogar noch mehr, da natürlich einzelne Episoden, die Anne so ausführlich beschrieben hat, verdichtet werden mussten. Als Ergänzung zum tagebuch hat diese Graphic Novel somit in jedem Fall ihre Berechtigung und lohnt einer näheren Betrachtung.

Autoren:

Sid Jacobson wurde 1929 geboren und ist ein US-amerikanischer Comic-Zeichner. Zunächst war er Chefredakteur bei Harvey Comics und schuf verschiedene Figuren, u. a. Richie Rich oder Casper, danach arbeitete er für marvel Comics, ebenfalls als Chefredakteur. 2010 erschien seine grafische Biografie zu Anne Frank, zuvor über den Terroranschlag 9/11 und Amerikas Krieg gegen den Terror.

Ernie Colon wurde 1931 geboren und ist ein US-amerikanischer Zeichner, arbeitete ebenfalls zunächst für Harvey Comics, anschließend für DC Comuics und Marvel.

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Anja Tuckermann: „Denk nicht, wir bleiben hier!“

"Denk nicht, wir bleiben hier!" Book Cover
„Denk nicht, wir bleiben hier!“ Rezensionsexemplar/Sachbuch dtv/Hanser Taschenbuch Seiten: 303 ISBN: 978-3-42362682-8

Inhalt:

Hugo Höllenreiner wächst in München auf; sein Vater betreibt ein kleines Fuhrunternehmen. 1943 wird Hugo mit seinen Eltern und fünf geschwistern deportiert. Er ist erst neun und weiß nicht, wohin die Reise geht, die im Zigeunerlager von Auschwitz-Birkenau endet. Im April 1945 befreien ihn englische Soldaten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dazwischen liegen zwei Jahre, über die er erst der sechzigjährige zu reden vermag. In diesem Buch erzählt Hugo Höllenreiner vieles zum ersten Mal. Er möchte davon berichten, damit junge Menschen erfahren, wie es wirklich gewesen ist. (Klappentext).

Rezension:

In politisch schwierigen Zeiten sich zu erinnern und das Erlebte in Schriftform zu veröffentlichen ist ein mutiger Schritt, den die letzten jahre viele Menschen gegangen sind. Grausamkeiten, Schrecken jahrzehntelang her, kaum mehr wandelnde Täter unter uns, aber eine Gesellschaft im Umbruch, zumal die Zeitzeugen rar werden, welchen besseren Zeitpunkt gäbe es, als jetzt?

Hugo Höllenreiner erzählt die Geschichte von sich und seiner Familie. Herausgekommen dabei ist eine eindrückliche und nachdenklich machende Kindheitsbiografie.

Der Klappentext verrät genug vom Inhalt, daher muss man dazu nicht viel mehr sagen. Es ist schon bedrückend genug, den Text zu lesen. Die Grausamkeiten, die Höllenreiner und seine Geschwister durchmachen mussten, sind eigentlich unmöglich zu beschreiben. Wortgewandt ist es ihm dennoch gelungen.

Immer wieder eingewoben, Gesprächsfetzen und Gedanken, hat Anja Tuckermann die Interviews zu einem biografischen Roman verarbeitet, der es in sich hat. Fast kommt ein Leser sich so vor, als schaue er ein Dokuspiel mit eingeblendeten Interviews und Kommentaren, nur ist all das Beschriebene wirklich erlebt.

Höllenreiner erzählt von Ausgrenzung und Unterdrückung, von Mut und Verzweiflung, Überlebenswillen und Durchhaltevermögen. Wie gelang es ihm die tollwütigen Aufseher Bergen-Belsens zu überstehen, die Experimente Mengeles in Auschwitz?

Wie hält man Tage durch, ohne jedes Zeitgefühl, bestimmt von Hunger und Krankheiten, ausgesetzt der Willkür anderer? Welche Last muss ein Mensch ertragen, bis er zerbricht? Wie findet man wieder ins Leben zurück, nachdem man jahrelang nur als leblose Hülle agiert?

Es ist schwer, nicht emotional zu werden. Einfühlsam wird die Geschichte Höllenreiners erzählt, dem seine Kindheit genommen wurde, und der später versuchte, das Beste daraus zu machen. Sofern möglich.

Eine literarische Dokumentation des Überlebenswillen eines kleinen Jungen, und ein Zeichen dafür, was Menschen anderen Menschen antun können, so einmal eine bestimmte Schwelle überschritten ist. „Denk nicht, wir bleiben hier!“, ist ein Lehrstück dessen, was die Zukunft bringt, wenn wir nicht aufpassen. Solch ein Leid, wie hier beschrieben, darf nicht noch einmal passieren. Dafür dieses Buch.

Autorin:

Anja Tuckermann wurde 1961 in Selb/Bayern geboren und ist eine deutsche Autorin von Romanen, theaterstücken und Journalistin. In Berlin aufgewachsen veröffentlichte sie zuerst Texte in einer von ihr gegründeten Zeitschrift und arbeitete für einen Jugendverband. Dort organisierte sie Reisen für Kinder und Jugendliche.

Von 1988-1992 arbeitete sie als Redakteurin, bis 1997 freiberuflich für die Kinderfunkredaktion des RIAS. Seit 1993 leitet sie Schreibwerkstätten zum Schreiben von Prosa und Theaterstücken. Mehrere Romane schrieb sie über das Schicksal von Sinti-Kindern im Dritten Reich. Tuckermann ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller.

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