Berlin

Wladimir Kaminer: Goodbye, Moskau – Betrachtungen über Russland

Godbye, Moskau Book Cover
Godbye, Moskau Wladimir Kaminer Erschienen am: 20.02.2017 Goldmann Hardcover ISBN: 978-3-442-15916-1

Inhalt:

„Ach, mein Russland, was ist aus dir geworden?“ Betrachtungen über ein Land auf der Suche nach seinem Platz in der Welt.

Wladimir Kaminer schaut in diesem Buch zurück in die Vergangenheit, aber er betrachtet auch die gegenwärtige Situation in Russland anhand von Geschichten und eigenen Erlebnissen.

Und er fragt sich, wie es weitergehen kann mit jenem Land, das er als junger Mann verließ und dass ihm mittlerweile so fremd erscheint. (Klappentext)

Rezension:

Über Russland wird inflationär berichtet. Waren es Ende der 90er/Anfang der 2000er Jahre sehnsuchtsvolle Reiseberichte, dominiert heute die Berichterstattung über die Demokratur Putins, die Besetzung der Krim und darauf folgende Saktionen das Bild des russischen Bären in der deutschen Öffentlichkeit, der aber eigentlich nur ein Bärkaninchen ist, wenn man der Argumentation Wladimir Kaminers folgt.

Doch, wohin strebt dieses Land, in dessen Geschichte Kühlschränke gebaut wurden, in denen Gurken wie bei uns Socken in der Waschmaschine verschwinden?

Wie konnten sich die altersschwachen Führer der Sowjetunion auf den Bühnen des Roten Platzes stundenlang halten und Paraden abnehmen, obwohl sie kaum selbst stehen konnten und den Kreml nur in Liegeposition mit den Füßen voran verließen?

Weshalb gibt es ein Gesetz gegen trampelnde Katzen und wie schafft man es, ein Leben lang kostenfrei ins flugzeug zu steigen?

Diese und viele weitere Fragen nimmt Wladimir Kaminer mit lachenden Auge auf und berichtet humorvoll über die Gegebenheiten in Russlands Vergangenheit, Gegenwart und wundert sich selbst darüber, wohin dieses Land momentan treibt.

Ohne zu viel Wodka, trotzdem immer wieder die russischen Gewohnheiten vornehmend, wie z.B. die sowjetische Art des Lottospielens und warum sterben eigentlich dem Präsidenten ständig seine Tiere weg? Was hat das zu bedeuten? Nicht viel aber eben auch nicht wenig.

So springt Kaminer mit den Leser durch die kurzweiligen Kapitel und läd zum Mitlachen und Augenreiben ein, über ein Land, dessen Faszination sich erst auf den zweiten Blick erschließen lässt.

Die Politik ausgeklammert, schließt man spätestens nach der Lektüre des Autoren die Russen als liebenswertes, manchmal größenwahnsinniges, geist- und lebenskünstlerisches Volk in sein Herz.

Kurzweilig beschriebene Begebenheiten, die sich im flüssigen Schreibstil so schnell lesen lassen, dass man nur einen Wimpernschlag benötigt, um mit Kaminer auf die Reise nach Tschnernobyl, der Krim und natürlich Moskau zu gehen, machen diesen Zustandsbericht zur unterhaltsamen Lektüre.

Berlinerisch-russischer Humor in jeder Zeile, dem man folgen kann und der einem mindestens zum Schmunzeln bringt. Die Türme des Kremls und diverser Kirchen mögen in Russland golden, die Metro in stalinistischem Prunk ein Kunstwerk für sich sein, Kaminer kratzt an der Oberfläche und schaut, was sich dahinter versteckt.

Dem Überlebenskünstler Russland auf den Puls gefühlt, läd der Autor ein, hinter die Fassaden zu schauen und abseits der großen Politik den Menschen zu begegnen. Ob nun an den Stränden des schwarzen Märchens oder gedanklich mit Kaminer auf Reisen, ganz egal. Es lohnt sich.

Autor:

Wladimir Wiktorowitsch Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Kolumnist russisch-jüdischer Herkunft. Von 19851987 leistete er seinen Wehrdienst bei der sowjetischen Flugabwehr ab und arbeitete danach in einer Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk.

Kaminer studierte Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut und bekam 1990 humanitäres Asyl in der DDR, deren Staatsbürgerschaft er noch vor der Wiedervereinigung erhielt. Zuvor verdiente er sich seinen Lebensunterhalt beim Veranstalten von Partys und Untergrundkonzerten in Moskau.

Er veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und organisierte die Veranstaltung „Russendisko“. Im Jahr 2000 erschien das gleichnamige Buch, seine Geschichte wurde auch verfilmt.

Bis dato hat Kaminer weitere Bücher und Kolumnen veröffentlicht, in denen er regelmäßig die russische Gesellschaft und Begegnungen seiner Familie auf’s Korn nimmt. Kaminer lebt mit seiner Familie in Berlin.

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Sebastian Fitzek: AchtNacht

AchtNacht Book Cover
AchtNacht Sebastian Fitzek Knaur Erschienen am: 14.03.2017 Seiten: 408 ISBN: 978-3-426-52108-3

Inhalt:

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Todeslotterie. Sie könnten den Namen eines verhassten Menschen in einen Lostopf werfen. In der „AchtNacht“, am 8.8. jeden Jahres, würde aus allen Vorschlägen ein Name gezogen.

Der Auserwählte wäre eine AchtNacht lang vogelfrei, geächtet. Jeder in Deutschland dürfte ihn straffrei töten – und würde mit einem Kopfgeld von zehn Millionen Euro belohnt.

Das ist kein Gedankienspiel. Sondern bitterer Ernst. Es ist ein massenpsychologisches Experiement, das aus dem Ruder lief. Und Ihr Name wurde gezogen!

(Verlagstext)

Rezension:
Wie weit würden Sie gehen, wenn auf eine Person ein Kopfgeld von zehn Millionen Euro ausgesetzt wäre? Was würden Sie tun, wenn dies Ihr Kopf wäre? Diese Fragen stellt Sebastian Fitzek und begibt sich mit dem Leser auf die Spuren Benjamin Rühmanns, dessen Name in der AchtNacht gezogen wurde.

Fortan ist der auf der Flucht und versucht zu überleben. Doch, wen kann er noch trauen? Wer hat seinen Namen überhaupt ins Spiel gebracht? Wer hast ihn so sehr, dass er ihn tot sehen möchte? Und wer hat überhaupt dieses perfide Spiel gestartet, welches immer ungeheurere Dimensionen annimmt?

Kaum ein paar Monate nach dem Paket bringt der Berliner Autor schon wieder die Bestsellerlisten durcheinander und spielt in „AchtNacht“ mit der Psyche seiner Leser. Angesiedelt irgendwo zwischen einem klassischen Psychothriller und einem Verschwörungsthriller packt Sebastian Fitzek die Leser in ihre Grundfesten und lässt Fragen aufkommen, denen wir uns hoffentlich nie in der Realität stellen müssen, die aber von der Wirklichkeit nicht allzuweit entfernt sind.

Wie schnell passiert es heute, dass eine von den Medien vorgegebene Meinung als wahrhaftig hingenommen wird, ohne einer ernsthaften Überprüfung standhalten zu müssen? Wie schnell verbreiten sich behauptungen im Netz und wer mag noch unterscheiden zwischen Recht und Unrecht in einer Welt, die sich immer schneller dreht.

Und wer mag den entfesselten Mob aufhalten, zumal als Opfer?

In gewohnt nervenzerfetzender Manier hat Fitzek ein grausames Szenario entworfen, deren Wendungen so zahlreich wie vielfältig sind. Kurze Kapitel, temporeich geschrieben und zahlreiche Cliffhanger, zumal aus der Sicht der verschiedenen Akteuere.

Stilmittel, die der Autor beherrscht und auch hier wieder gekonnt einsetzt. Der Fan, der zudem andere Werke von ihm kennt, wird wieder einige Figuren vergangener Bücher entdecken, und, wer ganz genau liest, dann auch einen Logikfehler, der aber für sich genommen, nicht weiter ins Gewicht fällt und auch nicht verraten wird.

Schließlich würde sonst gespoilert werden, was keiner wollen kann. Jeder Leser soll ja seine persönliche AchtNacht erleben dürfen, wenn er auch das Glück hat, als nahstehender Beobachter zu agieren und das Buch am Ende des Tages zuklappen zu dürfen. Denn, Gott sei Dank, sind wir (noch) nicht so weit, das Szenario Realität nennen zu müssen.

Fitzek hat hier wieder bewiesen, dass er zu den Großen der deutschen Krimi- und Psychothrillerliteratur gehört, wenn auch das Lesevergnügen, mit kalten Schauer über den Rücken, nur ein paar Stunden anhält. Zu schnell liest sich auch dieser Thriller wieder.

Man sollte sich ihn gut einteilen. Etwas, was den wenigsten aber gelingen wird. Ohne viel Blut, aber mit den Gefühlen seiner Protagonisten, ist „AchtNacht“ ein erstaunliches Experiment, dem wir hoffentlich nie ausgeliefert werden.

Oder, hätten Sie vielleicht einen Namen noch für den Lostopf?

Autor:
Sebastian David Fitzek wurde 1971 in Berlin geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er arbeitet in der Programmdirektion eines Berliner Radiosenders und studierte Jura bis zum ersten Staatsexamen. Er promovierte in Urheberrecht und arbeitete als Programmdirektor für verschiedene Radiostationen Deutschlands.

2006 erschien sein erster Psychothriller „Die Therapie“, welches promt ein Bestseller wurde und als bestes Krimi-Debüt für den Friedrich-Klauser-Preis nominiert wurde. 2012 wurde sein Roman „Das Kind“ verfilmt.

Merkmale seiner Bücher sind bestimmte Gimmicks zu seinen Büchern, wie wieder auftauchende Personen oder Extras in Form von Links oder Videos, auch sucht er Wege abseits der üblichen Wasserglas-Lesungen. 2016 feierte Fitzek zehnjähriges Autorenjubiläum.

Seine Bücher werden für’s Theater adaptiert, eine weitere Verfilmung ist in Arbeit. Fitzek wird in 24 Sprachen übersetzt.

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Veit Etzold: Skin

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Skin Thriller Bastei Lübbe Taschenbuch Seiten: 415 ISBN: 978-3-404-17375-4

Inhalt:

Ein Schlüssel, der dich zu einem grausigen Fund führt. Ein Video, dessen Bilder du niemals vergessen wirst. Ein Mörder, der deine dunkelsten Ängste kennt… (Klappentext)

Rezension:

Christian König steigt schnell auf in der Tretmühle Unternehmensberatung ECC, bei der er seinen neuen Job beginnt. Von Termin zu Termin, unter Zeitdruck arbeiten er und seine Kollegen am nächsten Großprojekt, einer stauchelnden Bank aus der Krise zu helfen.

Doch, dass ist nicht so einfach. Als einer von seinen Kollegen an der Programmierung einer Excel-Tabelle scheitert, übernimmt Christian diese Aufgabe, meistert sie mit mehr Glück als Verstand und rückt damit auf dessen Platz. Doch, mit dem Erfolg kommt das Grauen. In Form einer E-Mail, einem Link, einem Video. Dieses zeigt eine verwesende Leiche. Erschrocken wendet sich Christian an die Polizei und setzt damit Ereignisse in Gang, die ihn immer näher in den Kreis der Verdächtigen rücken.

Am Ende ist sich der junge Unternehmensberater selbst nicht mehr sicher. Hat er diesen Menschen ermordet?

Abgesehen davon, dass wohl alle Berliner Psychothriller-Autoren Kontakt zu dem Rechtsmediziner Michael Tsokos haben, ist Veit Etzold mit „Skin“ ein interessanter Thriller gelungen, der es in sich hat. Zunächst ziemlich leise dahinplätschernd, wird der Leser in die Karriereschleuder Unternehmensberatung eingeführt, die bei Versagen ein sofortiges Karriere-Aus für die Betroffenen bedeutet.

Anschaulisch beschreibt der Autor diese sehr eigene Welt zwischen Flügen, Bonus-Meilen, ständigen Terminen, schwindender Konzentration und Überstunden, Beruf vor Privatleben und bettet darin eine Geschichte ein, die es in sich hat.

Mit der ersten Kontaktaufnahme Christians mit dem Grauen in Form von zunächst Bildern und Videos, dann immer mehr real Fassbaren (im wahrsten Sinne), gewinnt der Thriller an Tempo. Der Leser wird gleichsam den Protagonisten in einem Strudel gerissen, der kaum durchatmen lässt.

Der Autor weiß vor allem auf den ersten Seiten, von was er schreibt. Der Leser merkt, wie tief Etzold mit dem Thema Unternehmensberatung verbunden ist ubnd für alles andere hat sich der Autor die richtigen Leute zur Beratung geholt.

Man sollte Rechtsmediziner in der Familie und im Bekanntenkreis nutzen und der Leser gewinnt so einige grausige medizinische Kenntnisse in diesem Bereich, die den Nervenkitzel noch einmal erhöhen.

Kurz und prägnant ist der Schreibstil, mit zunehmender Seitenzahl steigt das Lesetempo und die Spannung obwohl die Cliff-Hanger rarer gesät sind als z.B. bei Fitzek. Das Ende ist dafür nicht ganz so verdreht, erst auf den letzten Seiten bekommt man eine Ahnung, wer der Täter ist. Einzig die Figur des ermittelnden Polizisten ist klischeehaft nervig, gerade so an der Grenze, bevor es ins Unerträgliche kippt.

Abgehalftert, durch seine Arbeit desillusioniert und nah dran, die Grenzen dessen, was an Ermittlungstätigkeit überhaupt erlaubt ist, sich zu schnell auf einen Täter fokussierend, wobei in Deutschland immer zuerst die Unschuldsvermutung gilt, findet Etzold immer noch einen Weg, den Polizisten Deckhard gerade so positiv erscheinen zu lassen, dass man schon froh darüber ist, keine ermittelnde skandinavisch-alkohlisierte Fahne vor sich zu haben.

Die Auflösung kommt dann jedoch ein wenig zu schnell. Es hätten der Geschichte noch fünfzig zusätzliche Seiten sicher gut getan. Trotzdem ist „Skin“ ein Thriller, der unter die Haut geht und uns den nächsten E-Mail-Link und das nächste Schließfach mit größter Vorsicht öffnen lässt.

Autor:

Veit Etzold wurde 1973 in Bremen geboren und ist ein deutswcher Schriftsteller. Er studierte Anglistik, Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und General Management in Oldenburg, London und Barcelona. Seine Dissertation beendete er im Jahr 2005. Während des Studiums arbeitete er für Medienkonzerne, Banken und Unternehmensberatungen, war zugleich in der Management-Ausbildung tätig.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er weiterhin als Vortragsredner und Unternehmensberater tätig. 2009 veröffentlichte er zusammen mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos sein erstes Sachbuch, ein Jahr darauf seinen ersten Roman. Er lebt mit seiner Frau, Rechtsmedizinerin, in Berlin.

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