Gefühle

Anna Mendel/Jasmin Sturm: Verstehst du mich?

Inhalt:
„Verstehst du mich?“, ist ein Kartenset mit Begleitheft, bestehend aus 10 Motiven, unter anderem zu den Themen Essen, Erschöpfung und Schlaf. Die Ilustrationen werden auf der Kartenrückseite von kurzen Erzählungen begleitet, die sich zum Vorlesen und Innehalten eignen. Kinder und Erwachsene können aus diesen Texten lernen, wie unterschiedlich autistische Verhaltensweisen aussehen und wie vor allem Erwachsene in Familien damit umgehen können.

Im Begleitheft wird entlang der Erzählungen Hintergrundwissen zum Thema Autismus angeboten. Darin zeigen die Autorinnen zugewandte Handlungsstrategien, mit denen der Alltag für alle Familienmitglieder liebevoll und ausgeglichener gelebt werden kann. Ihr Fokus liegt dabei auf dem respektvollen Umgang mit autistischen Kindern. Dabei berücksichtigen sie auch immer die Perspektiven der Eltern und Bezugspersonen und deren Kapazitäten. (Klappentext)

Rezension:
Es gibt Bücher, die sind keine Bücher, sondern so viel mehr als das, vielmehr Material, welches besonderen Themen eine besondere Form verleiht. Denn, wenn wir Autismus sowohl als Behinderung als auch Behilflichkeit verstehen wollen, erfordert dies von der Mehrheit, die wir als neurotypisch bezeichnen, besondere Aufmerksamkeit, aber auch einen geeigneten Zugang zur Thematik, um mit Verständnis eionander zu begegnen. Und das auf der Ebene schon, etwa zwischen neurotypischen Geschwisterkindern und Autist:innen oder Erziehenden und Eltern, die plötzlich mit Kindern konfrontiert sind, deren Wahrnehmung der Welt eine ganz andere ist, als sie die allgemeine Erwartungshaltung vorgibt.

Wie damit umgehen? Wie gemeinsam Alltagssituationen verstehen und meistern, die so plötzlich zur Herausforderung werden? Die Autorin Anna Mendel und Illustratorin Jasmin Sturm haben eine Kombination von verschiedenen Formen gefunden, die sich einer komplexen Thematik niedrigschwellig und wohlgesinnt annähert, sich sowohl in der direkten Arbeit mit Kindern einsetzen lässt als auch Pädagogen und Eltern einen Zugang verschafft, der den Blick ungemein erweitert.

In einer kleinen metallenen Box finden sich ein Set von Karten, auf denen Themen grafisch aufbereitet werden, die einem mit autistischen Kindern in der einen oder anderen Form begegnen. Die im Vergleich zu neurotypischen Kindern besondere Form des Spielens etwa oder der Wahrnehmung von Essen anhand von Konsistenzen oder deren Zusammenstellung, Gefühlsregulation, die Wahrnehmung von Geräuschen wird einerseits bildlich dargestellt, auf der Rückseite anhand einer kleinen zugewandten Geschichte verdeutlicht.

Hauptfiguren dieser Geschichte, sind zwei Kindergartenkinder und Erwachsene, wie deren Eltern oder der Betreuer im Kindergarten, um auch diese Seiten aufzuzeigen. Mit Bild und Geschichte lässt sich so pädagogisch mit Kindern arbeiten, etwa in den man anhand der Bilder miteinander spricht oder eben über die kleinen Erzählungen, die liebevoll gestaltet sind. Das passende und erklärende Material findet sich dann im Begleitheft, in dem die fachliche Erläuterung zwar nicht zu kurz kommt, dennoch kompakt und verständlich gehalten wird. Diese Kombination ist es, die das Material sowohl im heimischen Kinderzimmer wertvoll macht, wie auch in der pädagogischen Arbeit im Kindergartenalltag und so übergreifend funktioniert.

Der Umgang mit dieser doch auf den ersten Blick so komplexen Thematik, die Zugewandtheit der beiden Autorinnen, ist hier besonders hervorzuheben, ebenso die behutsame Bearbeitung des Verlags, der den Texten und Material zudem mit einem Senstiv reading begegnet ist. So gelingt die Präsentation und Erarbeitung des Themenbereichs Autismus und Kinder in einer modernen Form, von der ich mir wünsche, dass sie in möglichst vielen Bereichen zum Einsatz kommt.

Leseprobe: Verstehst du mich?

Autorin und Illustratorin:
Anna Mendel ist Germanistin udn Anglistin, seit 2021 als freiberufliche Autorin, Speakerin und im Sensitivity Reading tätig. Ihre Schwerpunkte sind die verschiedenen Formen der Diskriminierung, Rassismus, Ableismus und Körperdiskriminierung. Neben eigenen Büchern hat sie bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Als Expertin gibt sie in Konferenzen und Workshops Impulse zu Gleichberechtigung, Inklusion und Empowerment alltagsorientiert und niederschwellig Impulse.

Jasmin Sturm ist Illustratorin und Autorin und arbeitet seit 2021 unter ihrem Kunstlabel „Farbflausen“ Mit ihrer Arbeeit positioniert sie sich für eine gerechtere und vielfältige Gesellschaft, Inklusion und Sichtbarkeit. Neben Bücher, sowohl für Text als auch Illustrationen, arbeitet sie an Printaufträgen und bestreitet Lesungen und Vorträge. Ihr Anliegen ist es, verschiedene Lebensrealitäten mitzudenken und Identifikationsangebote zu schaffen.

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Tim Krohn: Menschliche Regungen 3 – Julia Sommer sät aus

Julia Sommer sät aus Book Cover
Julia Sommer sät aus Reihe: Menschliche Regungen – 3 Rezensionsexemplar/Roman Galiani Berlin Hardcover Seiten: 474 ISBN: 978-3-86971-171-3

Inhalt:

Die große (Gefühls-)Welt, gespiegelt in der kleinen Welt eines Mehrfamilienhauses in Zürich. In „Julia Sommer sät aus“, geht es um Neuaufbau und das Arbeiten an Utopien. Tim Krohns Figuren erleben Gefühle aller Coleur, es wird gesät, gejätet, gestutzt und gepflegt: Pflanzen auf Fenstersimsen, Balkonen, im Garten – und Gedanken und Lebensentwürfe in den Köpfen vieler Menschen. (Klappentext)

Reihenfolge der Bücher:

Tim Krohn: Menschliche Regungen 1 – Herr Brechbühl sucht eine Katze

Tim Krohn: Menschliche Regungen 2 – Erich Wyss übt den freien Fall

Tim Krohn: Menschliche Regungen 3 – Julia Sommer sät aus

[Einklappen]

Rezension:
Manchmal schreiben Autoren die Geschichten ihrer alten Ego, manche einen Wälzer, der alles und doch nichts erzählt. Tim krohn widerrum macht etwas ganz anderes. Der Schweizer Autor nimmt die menschlichen Gefühlszustände und schmeißt sie in ein Topf und bringt daraus etwas sehr Abwechslungsreiches zu Papier.

So in etwa kann man sich den Entstehungsprozess der Romanserie „Gefühlswelt – Menschliche Regungen“ vorstellen, an denen neben dem Autoren auch seine Leser beteiligt waren. Worum geht es?

Auch im dritten Band verschlägt es den Leser in die Gemeinschaft eines bunt gemischten Züricher Mietshauses. Da gibt es den grantigen Alten, der seiner verstorbenen Frau hinterhertrauert und ansonsten mit seinen Launen die übrigen Bewohner des Hauses traktiert, die Alleinerziehende mit Kind, der frisch geewordene Rentner, das südländische wilde Ehepaar und das ebenso chaotische wie verträumte Studentenpärchen und alle leben sie ihr Leben, und dennoch irgendwie zusammen.

Ganz normale Alltagssituationen wechseln sich ab mit großen und kleinen Katastrophen und wirbeln die Tage der Protagonisten gehörig durcheinander. Das ist anrührend, beruhigend, aufwühlend und manchmal sehr komisch.

Der unaufgeregte Erzählstil des Autoren prägt auch den dritten Band, genau so wie die Ideen und Vorgaben seiner Leser. Diese hatten zuvor, wie auch für die Vorgänger, im Rahmen eines Corwdfundings die Kapitel finanziert, und mit jeweils drei Begriffen gefüttert, die der Autor in den jeweiligen Kapiteln unterbringen musste.

Dabei war vorher nicht klar, welche Gefühle sich die Leser als Thematik wünschen würden und so folgte Krohn den vorgegebenen Pfaden. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Kritik kommt da zum Tragen, wo einzelne Figuren schwächeln, wenn man auch das Gefühl hat, dass der Autor die Geschichten der Protagonisten aufzufächern beginnt.

Der Anfang ist gemacht, doch ahnt man die Gefahr, sollten noch mehr Handlungsstränge hinzukommen, sich zu verzetteln und so, wie sich die Geschichte seit Band Eins entwickelt, sieht es eben aus, Man kann sich nur wünschen, dass Krohn eben nicht das passiert, denn die Idee, die Leser an der Entstehung dieses Projekts und an den Figuren so teilhaben zu lassen, ist genial.

Schade, wenn dies in die Brüche gehen würde, aber noch ist es nicht so weit. Tatsächlich freut man sich schon auf weitere Werke im Rahmen dieser Reihe, so man die letzte Seite Züricher Leben umgeschlagen hat. Eine perfekte Sommerlektüre. Und, wer hat’s erfunden? Ein Schweizer.

Bemerkung:

Mittlerweile sieht es so aus, als würde die Reihe nicht fortgesetzt werden.

Autor:
Tim Krohn wurde 1965 in Wiedenbrück geboren und lebt in der Schweiz. In Glarus aufgewachsen, studierte er Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft, arbeitet er heute als freier Schriftsteller und Verfasser von Prosatexten, Dramen und Hörspielen. Er ist Mitglied des Verbands der Autorinnen und Autoren der Schweiz und war von 1998 bis 2001 Präsident der Vorgängerorganisation des Schweizerischen Schriftstellerverbandes.

1993 erhielt er den UNDA-Radiopreis, den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 1994, 2007 erhielt er den Preis für das beste Schweizer Buch. Weitere Preise folgten. Krohn schrieb die Bühnenvorlage für das Einsiedler Welttheater, 2013. Der Auftaktband seines „Menschliche Regungen“-Projektes stand 2017 in den Schweizer Bestsellerlisten.

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