Bernadette Conrad: Groß und stark werden

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Groß und stark werden Bernadette Conrad Cornelia Funke Rezensionsexemplar/Lebenshilfe btb Verlag Erschienen am: 25.03.2019 Hardcover Seiten: 304 ISBN: 9778-3-442-75803-6

Inhalt:

Wagen wir als Eltern zu wenig? Was ist wichtig für Kinder? Wo finden sie Orientierung angesichts einer immer komplexeren Welt?

Die Journalistin Bernadette Conrad geht mit der Starautorin Cornelia Funke ins Gespräch darüber, wie wir unsere Kinder fördern können, „groß und stark“ zu werden. Ein thematisch vielfältiger Austausch unter Müttern – und ein Streifzug durch die Erzählwelt von Cornelia Funke. (Klappentext)

Rezension:

Gespräche, die in eine völlig andere, als die geplante, Richtung verlaufen, sind oft genug die interessanteren. Dies musste auch die Journalistin Bernadette Conrad erfahren, die die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke eigentlich nur zu einem ihrer neuen Bücher interviewen wollte. Daraus wurde nichts. Doch, es entwickelte sich etwas anderes daraus.

Eine Freundschaft, ein Vertrauen und ein Gespräch über Kindheit und Jugend und, was uns zu dem macht, was wir sind. Cornelia Funke gab Antworten und ließ die Journalistin eintauchen in ihre Gedankenwelt. Ein Streifzug durch Kindheit früher und heute und durch phantastische Geschichten entstand und liegt nun im btb Verlag vor.

Bis auf „Gespensterjäger“ und auch hier nur das Buch zum Film, habe ich keines der Werke von Cornelia Funke gelesen, geschweige denn die Verfilmungen oder anders geartete Adaptionen mir zu Gemüte geführt. Um so interessanter war es für mich, dies in Streifzügen mit diesem Werk zu tun, welches sich nicht klar einordnen lässt. Ist es ein Interview, Lebenshilfe-Buch, Ratgeber, Weißheiten einer Autorin oder einfach nur ein facettenreicher Einblick in einen klugen Kopf?

Wohl ein wenig von allem, mag sich der Leser denken, wenn er in kurzweilige Kapitel eintaucht, die sich mit nachdenklichen Gesprächsnotizen abwechseln. Dies ist ein großer Pluspunkt, zumal hier weder Bernadette Conrad noch Cornelia Funke, deren Gedanken sich immer an kreativen Ideen und ihren geschaffenen literarischen Welten orientieren, den Zeigefinger erheben.

Herrlich unaufgeregt geht das vor sich. Zugleich entdeckt der gemeine Fan, wie viel dann doch hinter den einzelnen Geschichten steckt, welche Botschaften die Bestsellerautorin vermittelt wissen möchte und welche Sorgen, aber auch positiven Gedanken Funke antreiben.

Manchen Einblick, hier beginne ich dann Abstriche zu machen, hätte ich mir ausführlicher gewünscht, manchen Spoiler über Funkes Werke etwas weniger stark. Natürlich werden das Buch vor allem die Leser in die Hand nehmen, die Funkes Arbeiten kennen und schätzen, jedoch, wer noch ganz unbedarft herangeht, der sollte zuerst vielleicht einige ihrer Bücher lesen und dann diese interessante Muischung aus Gedankenkonstrukt, Gespräch und Leitfaden. Dann funktioniert das auch.

Anderenfalls kann man auch den Herrn der Diebe folgen.

Autorinnen:

Bernadette Conrad wurde 1963 in Stuttgart geboren und ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin. Nach der Schule studierte sie von 1983-1988 Germanistik und Romanistik in Bonn und Konstanz. 1991 machte sie ein Diplom als Sozialpädigung und arbeitete in der Alkohol- und Drogenberatung.

Ab 1995 arbeitete sie als freiberufliche Journalistin für den Rundfunk und verschiedenen Zeitungen. Von 2000-2003 arbeitete sie als Auslandsjournalistin in Italien, Zwischenstationen führten sie zudem in die USA. Seit 2016 lebt sie in Berlin. 2006 erschien ihr erstes Buch, seitdem veröffentlichte sie mehrfach und wurde vielfach ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Walliser Medienpreis.

Cornelia Funke wurde 1958 geboren und ist eine deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Diplompädagogin und arbeitete als Erzieherin. Parallel dazu studierte sie Buchillustration in Hamburg und kam durch Ihre Arbeit selbst zum Schreiben. Ihr internationaler Durchbruch kam 2002, als ihr Buch „Herr der Diebe“, welches zwei Jahre zuvor in Deutschland erschien, ins Englische übersetzt, in Amerika erschien.

Es folgten erfolgreiche Reihen, wie die Tintenherz-Bücher oder die Drachenreiter. Ein Großteil ihrer Bücher wurde von ihr selbst illustriert und nach Erscheinen verfilmt. 1979 zog sie mit ihrer Familie nach Los Angeles, von wo aus sie soziale und ökologische Projekte unterstützt. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in über 37 Sprachen übersetzt.

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer

Inhalt:

Drei Tanten, ein toter Onkel, ein Drittel-Life-Crisis-geplagter Neffe und eine tragikomische Reise durch die Jahrzehnte von Wien bis nach Montenegro.

Voller Witz, Verve und Herzenswärme erzählt Vea Kaiser in ihrem neuen großen Roman von einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel. Von drei ungleichen Schwestern, die ein Geheimnis wahren, von Bärenforschern, die die Zeit anhalten möchten, von glücklichen und tragischen Zufällen und davon, wie die Seelen der Verstorbenen die Lebenden auf Trab halten. In ihrer unnachahmlichen Art verwebt sie die Wahrheiten alter Mythen mit der Gegenwart und erschafft ein mitreißendes und unvergessliches Familienepos. (Klappentext)

Rezension:

Roadmovies sind weder auf der Leinwand noch zwischen zwei Buchdeckeln etwas wirklich Neues, um so mehr müssen sich die Schreiber solcher Werke anstrengen, um im Gedächtnis zu bleiben. Ob dies gelingt, weiß man oft erst nach der Lektüre, denn eine solche Erzählung wirkt, der Natur der Sache geschuldet, nur als Ganzes.

Dazu kommt, dass man dem Schreiber jede Zeile abnehmen können sollte und erst dann, wenn man ein solches stimmiges gesamtbild vorfindet, ist dies als gelungen zu bezeichnen. Vea Kaiser ist dies mit „Rückwärtswalzer“ gelungen.

Im Zentrum stehen vier liebevoll gezeichnete, im Laufe der Geschichte, sich vertiefende Protagonisten, die den Lesern Zeile für Zeile an’s Herz wachsen. Detailliert beschreibt die Autorin aus wechselnder Erzählperspektive den Werdegang ihrer Figuren durch die Zeitgeschichte vergangener Jahrzehnte, bis hinein ins heutige Wien, der Wandel auf den Weg zum Ziel mit inbegriffen.

Die Figuren hängen ihren Gedanken nach, jeder für sich allein, doch irgendwie zusammen und so ergibt sich aus vielen Einzelteilen ein stimmiges Gesamtbild.

Die Entscheidungen der einzelnen Figuren werden aus der Vergangenheit heraus begründet. Feinsinnig hat Vea Kaiser hier die Fäden gehalten; keinen verloren, was auch nicht jedem Autoren gelingt, und als Handlungsstränge letztendlich stimmig zusammengeführt.

Mit Wortwitz und einer gewaltigen Prise Humor treibt sie die Handlung fort und fast wirkt es so, als säße man mit im Wagen, nur um einen Verstorbenen seinen letzten Willen erfüllen zu können. Kurzweilige und vor allem handliche Kapitel tragen mit so manchen Cliffhanger die Handlung voran. Unterhaltung im besten Sinne.

Keine der Figuren geht auf die Nerven, vielmehr muss man über die schrulligen Eigenheiten der Protagonisten schmunzeln. Erwähnenswert sind hier die Referenzen zur römischen Mythologie, die zugleich titelgebend sind und auf diese immer wieder Bezug genommen wird. Manen sind die römischen Totengeister, denen man als Nachfahre der Verstorbenen nicht zu entkommen vermag. Das Studium der Autorin macht sich hier bemerkbar.

Dabei ist dieser Roman weder traurig oder so sehr melancholisch, dass es einem stimmungstechnisch mit hinunter zieht, sondern so witzig, dass man die eine oder andere Eigenschaft an sich und anderen Menschen wiedererkennen wird. Alleine, dafür schon ein großes Lob.

Vea Kaisers Roadtrip der Familie Prischinger ist Unterhaltung in Reinform und macht Lust auf mehr. Ob nun in Wien, Montenegro oder anderswo.

Autorin:

Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten geboren und ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie arbeitete zunächst als Übersetzerin und Fremdenführerin, studierte von 2007 an Klassische und Deutsche Philogie mit Schwerpunkt Altgriechisch in Wien.

Nachdem sie zudem Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studierte wurde 2014 ein von ihr geschriebenes Theaterstück in Wien uraufgeführt. 2012 erschien ihr erster Roman, zudem schreibt sie Kolumnen für verschiedene Zeitungen. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebt in Wien.

Vea Kaiser
Rückwärtswalzer
Seiten: 432
ISBN: 978-3-462-05142-1
Kiepenheuer & Witsch

Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist

Inhalt:

Der zwölfjährige Lorenzo soll bei seiner Tante in Siena unterkommen, bis der Krieg vorüber ist. Die Toskana gilt als sicher. Mit seinem neuen Freund Franco träumt Lorenzo vom glorreichen Triumph des faschistischen Italiens. Doch die Begegnung mit Daniele bringt seine Überzeugungen ins Wanken. Daniele ist Jude. Als die Stadt schließlich von den Deutschen besetzt wird, schweben er und seine Eltern in großer Gefahr. Und Lorenzo trifft eine folgenreiche Entscheidung. (Klappentext)

Rezension:

Es gibt Romane, deren Geschichten verschwinden, sobald man den Buchdeckel zugeklappt hat und andere, die bleiben und nachwirken. Zur letzteren Sorte gehört „Niemand weiß, dass du hier bist“ von Nicoletta Giampietro. Das Debüt der italienischen Autorin erzählt die Geschichte des kleinen Lorenzo, der vor den Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges in Afrika ins vermeintlich sichere Italien zu Verwandten gebracht wird und dort mit seinem neuen Freund Franco vom Siegeszug des Faschismus träumt.

Zunächst ist alles noch aufregend, auch wenn erste Anzeichen von der Grausamkeit und Bedingungslosigkeit auch den Kinderaugen des Zwölfjährigen nicht entgehen. Jüdische Mitschüler verschwinden aus dem Unterricht, immer schwieriger wird es, an Lebensmittel zu kommen, die Tante eckt mit allzu freier Meinungsäußerung an.

Im Szenario einer Kleinstadt, Siena, in der Toskana konzentrieren sich die Auswirkungen des Krieges. Viel packt die Autorin hinein. An historischen Gegebenheiten orierentierent, an realen Personen nur leicht angelehnt, hat sie einen Aufarbeitungsversuch eines Stückes italienischer Geschichte geschaffen, der fasst zu vergessen werden drohte.

Zunächst die Protagonisten, in deren Zentrum der anfangs zwölfjährige Lorenzo steht. Aufgewachsen in Tripolis, ist er der wache Charakter, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Zugleich außenstehender Beobachter und Beteiligter trägt der Protagonist die Geschichte.

Detailliert zeigt die Autorin den Zwiespalt auf, in dem Lorenzo sich befindet, vor allem in den gegensätzlichen Freundschaften, einerseits zum gleichaltrigen Franco, dessen Familie vom Faschismus profitiert, er selbst ist ganz der Ideologie verfallen, andererseits im späteren Verlauf zu Daniele, der nur knapp dem Unheil der Deportation entgeht. Beide Freundschaften bringen Lorenzo, auf die eine oder andere Art und Weise, in Gefahr.

Immer wieder fallen dabei bezeichnende Sätze, wie dieser:

Ich war an einem sicheren Ort gebracht und zurückgelassen worden. Aber Kriege sind unberechenbar. Und sichere Orte auch.

Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist

Die Geschichte entfaltet eine Sogwirkung, zunächst nur leicht, mit zunehmender Seitenzahl immer stärker, der man sich nicht entziehen kann. Dazu trägt ein kontinuierlicher Spannungsbogen bei und die Tatsache, dass die Autorin möglichst viele Themen gezielt untergebracht hat.

Zwar nur haarscharf an der Überfrachtung vorbei, sind auch die Nebenfiguren so detailliert gezeichnet, dass sie fassbar werden, allen voran Figuren wie Matteo oder Zia Chiara, die durchaus zur Identifikation taugen. Lorenzo steht irgendwo dazwischen. Auch thematisch macht es Giampietro ihren Lesern nicht leicht. Geschont wird niemand.

Es werden die Auswirkungen des Krieges auf den Alltag, das Denken und Handeln der Partisanen, der Mitläufer und der Täter behandelt, aber auch dort immer wieder gezeigt, dass jede Geschichte zwei seiten hat, eine großer Stärke des Romans, unterstützt durch sprachlich wunderbare Bilder.

… fast verschmolzen mit der Wand, zitternd wie ein Pappelblatt im Wind, schmutzig und mit riesigen, angsterfüllten Augen, …

Nicoletta Giampietro: Niemand weiß, dass du hier bist

Geschichtliche Aufarbeitung kennen wir von deutscher, niederländischer oder von polnischer Seite, dieser Roman zeigt einen Versuch etwas Unfassbares fassbar zu machen aus italienischer Sicht. So gelungen, habe ich selten etwas gelesen und kann diesen Roman nur jeden Interessierten ans Herz legen.

In klarer verständlicher Sprache und nicht allzu langen Kapiteln verfolgt die Autorin das Handeln ihres Protgonisten über mehrere Jahre, in denen Lorenzo einen Prozess des zu schnellen Erwachsenwerdens durchmachen muss. Leben, damit der andere überlebt, dabei einen klareren Blick bekommen. Vielleicht kann man es so zusammenfassen?

Emotional, nicht kitschig, beschreibt die Autorin Lorenzos Weg und zeigt im Nachwort auf, welchen realen Gegebenheiten einzelne Elemente der Handlung und Beschreibungen entlehnt sind. Gerade dies macht „Niemand weiß, dass du da bist“ zu einem unglaublich starken Roman, dessen Geschichte sich so oder ähnlich tatsächlich hätte abspielen können. Manche Szenen sind der Realität entlehnt.

Wer diesen Roman liest, wird dies mit zunehmend offenen Mund tun und viel Stoff zum Nachdenken bekommen. Eine Geschichte mit Nachhall, die ihres Gleichen sucht, gegen das Vergessen und für das Erinnern. Eine unbedingte Empfehlung.

Autorin:

Nicoletta Giampietro wurde 1960 in Mailand geboren und wuchs in einer italienisch-französischen Familie auf. Sie studierte nach der Schule Politikwissenschaften und geschichte in Mailand und Tübingen, zog 1986 nach Deutschland. Seit 1995 lebt sie in mainz, nach Stationen in Köln und Rotterdam. Sie spricht mehrere Sprachen. „Niemand weiß, dass du hier bist“ ist ihr erster Roman.

Nicoletta Giampietro
Niemand weiß, dass du hier bist
Seiten: 416
ISBN: 978-3-492-05918-3
Verlag: Piper

Riad Sattouf: Der Araber von morgen 4

Inhalt:

Der Zeichner Riad Sattouf erzählt in dieser als Graphic Novel gehaltenen biografischen Reihe „Der Araber von morgen“ vom Aufwachsen zwischen der europäischen und der arabischen Welt. Der Leser begleitet Riad von Kindheit an durch die Heimat seiner Mutter, Frankreich, und des Landes seines Vaters, Syrien. In Band 4 erzählt Riad Sattouf von seinem leben als Teenager.

Seine Eltern leben sich immer mehr auseinander und streiten nur noch. Die Differenzen zwischen den Kulturen lassen die Risse zwischen ihnen immer größer werden. Riads Vater, einst arabisch modern, wird immer konservativer und entwickelt einen radikalen Plan. Währenddessen hat Riad mit den typischen Problemen eines Teenagers zu kämpfen. Schließlich kommt es zum großen Knall. (eigene Inhaltsangabe)

Einordnung:

Dies ist der vierte Teil der Graphic Novel Reihe „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf. Es ist erforderlich, zuerst die anderen Bände zu lesen.

Rezension:

Die Abstände zwischen dem Erscheinen der einzelnen Bände wurden mit Fortschreiten der Geschichte größer. Alleine, es hat sich gelohnt. Nun liegt ein neues Puzzleteil der hochinteressanten und künstlerisch brisanten Biografie von Riad Sattouf vor, der zuvor schon mit drei Bänden seine Leser begeistern konnte. Der Autor und Zeichner erzählt hierbei, wie gewohnt, aus seinen Erinnerungen heraus, episodenhaft vom Aufwachsen zwischen den Welten.

Zur Erinnerung, Sattouf stammt aus der Beziehung einer Französin und eines Syrers und lebte entsprechend zwischen den Kulturkreisen, kennt den Nahen Osten seiner Kindheit, sowie die Widersprüche, die sich daraus aus Begegnungen und Erlebnissen in Frankreich für ihn bildeten. Im Zentrum, immer dabei, Riads Familie.

Im vorliegenden Band, den man erst nach den anderen gelesen haben sollte, erzählt Sattouf von seinen Teenager-Jahren, die er vorwiegend in Frankreich verbrhhcte. Der einst so aufgeklärte Vater wendet sich immer mehr der Religion zu und verliert sich im Glauben an autoritäre Regime des Nahen Ostens, allen voran Saudi Arabiens und des Iraks unter Sadam Hussein, entfernt sich dabei immer mehr von seiner Frau, die zusehen muss, wie ihr das Familienleben entgleitet.

Selbst über Länderdistanzen streiten sich die Eltern zunehmend, wobei sein Vater einen immer größeren Spagat zwischen seinen Vorstellungen eines Familienlebens wahrnimmt, aber nicht wahrhaben will, Riads Mutter zwischendurch gegen eine schwere Krebserkrankung zu kämpfen hat. Als wäre das nicht genug, kommen für Riad die üblichen Probleme eines Heranwachsenden hinzu.

In diesem Band zeigt der Zeichner, wie er langsam die kindliche sicht auf die Geschehnisse ablegte und durch den Blick eines hinterfragenden Jugendlichen ersetzte. Distanzen und Differenzen werden sichtbarer, die Signalfarben, in denen die einzelnen Szenen gefärbt sind, gewinnen hier nochmals an Bedeutung.

Ein bestimmender Federstrich gibt den Stil vor und lässt die Protagonisten, Riad und dessen Familie, lebendig werden. Blau steht dabei für das Leben in Frankreich, helles Rosa und kontrastreiches Grün für Syrien, Rot für den eskalierenden Konflikt.

Von letzterem gibt es viele in diesem Band, in kürzeren Abständen als in den vorherigen. Harmonie, auch Melancholie, fast nur in den Szenen, in denen sich der Vater abwesend zeigt. Riad Sattoufs Erinnerungen führen den Leser derweil durch den Ersten Golfkrieg und der Ausweglosigkeit des Teenagers, der erkennen muss, dass die Beziehung seiner Eltern auf verlorenen Posten steht, ophne selbst sich in den Gruppen der Jugendlichen einordnen zu können. Egal, welcher Kulturkreis.

Es ist eine besondere Graphic Novel, die hier biografisch erzählerisch wirken kann und auf einen großen Knall am Ende zusteuert, der zudem kein größerer Cliffhanger hätte werden können. Dass funktioniert erstaunlich gut, wobei durch die ausufernde Seitenanzahl hier erstmals auch wirklich störende Längen entstanden sind, von denen man hofft, im nachfolgenden Band bitte verschont zu bleiben.

Wer jedoch die vorangegangenen Schriften und Zeichnungen mochte, wird dies auch mit Band 4 der Reihe tun, die zumindest einen größeren Spannungsbogen aufweisen kann, wie es nur eine Graphioc Novel in diesem Falle vermag, zumal viele Kinder zwischen den Kulturkreisen diese inneren Konflike in ähnlichen Varianten kennen dürften. Riad Sattouf versucht dies in seinen Zeichnungen zu verarbeiten. Mit „Der Araber von morgen – 4“ ist es ihm ein weiteres Mal gelungen.

Autor:

Riad Sattouf wurde 1978 in Paris geboren und ist ein französischer Comicautor, Zeichner und Filmregisseur. Bekannt wurde er durch seine Reihe „Der Araber von morgen“, in der über seine Kindheit in Libyen und Syrien berichtet, sowie durch mehrere Filme. Seine Kindheit verbrachte er zwischen den Ländern des Nahen Ostens, bevor er als Jugendlicher nach Frankreich zurückkehrte.

Nach seinem Abitur besuchte er die Schule für angewandte Künste in Nantes, studierte später Animation an der Ecole des Gobelins in Paris. Von 2004-2014 zeichnete er für das Satiremagazin Charlie Hebdo, von 2014 an arbeitete er an eine Comicserie, die als Fortsetzungsgeschichte in einer französischen Zeitschrift, später als Buch erschien. Er erhielt den Rudolph-Dirks-Award 2017 und den Max-und-Moritz-Preis, ein Jahr darauf. Sattouf lebt und arbeitet in Paris.

Riad Sattouf
Der Araber von morgen – 4
Seiten: 280
ISBN: 978-3-60102-9
Verlag: Penguin

Alexander Oetker: Zara & Zoe – Rache in Marseille

Zara & Zoe - Rache in Marseille Book Cover
Zara & Zoe – Rache in Marseille Alexander Oetker Rezensionsexemplar/Thriller Droemer Erschienen am: 01.04.2019 Taschenbuch Seiten: 328 ISBN: 978-3-425-30715-1

Inhalt:

Ein Zwilling, der keine Regeln brechen darf.

Ein Zwilling, der keine Regeln kennt.

Zusammen kämpfen sie gegen erbarmungslose Terroristen.

Gesetz und Gewalt – vereint in zwei Schwestern. Die eine Cop – die andere Mafiosa.

Um eine Katastrophe zu verfindern, müssen sie die Rollen tauschen.

Ihr Kampf gegen fanatischen Terror wird zum epischen Showdown zwischen Gut und Böse.

(Klappentext)

Rezension:

Thriller, die von der ersten Seite an, ein schnelles Tempo vorlegen, haben es zumeist in sich, so auch das vorliegende Szenario von Alexander Oetker. Der Frankreichkenner, Journalist und Schriftsteller entführt den Leser nach Marseille, in die Tiefen der Banlieues, grauer Vorstädte, die sich längst jeder staatlichen Kontrolle entzogen haben, Korruption, Drogenhandel und Terrorismus ihre Brutstätten haben.

Im vorliegenden Band ermitteln die scharf gezeichneten Protagonisten, die Europol-Beamten Zara von Hardenberg und ihr Kollege Isaakson. Was zunächst wie ein Mord mit Anhängsel aussieht, entwickelt sich jedoch schnell zu einem Fass ohne Boden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, für den Zara ihre ärgste Feindin einspannen muss. Ihre eigene Schwester.

So viel zur Handlung, von der man mehr nicht verraten sollte, die jedoch durchaus trägt und einen kontinuierlichen Spannungsbogen praktisch garantiert. Rasant geschrieben, hat der Autor hier genau das richtige Maß zwischen den wichtigen Details und unwichtigeren Geplänkel gefunden. Positiv auffallend ist dabei, dass alle Protagonisten verschiedene Fascetten aufweisen. Das reine Gut-Böse-Schema gibt es nur auf den ersten Blick.

Auch Orts- und Milieubeschreibungen gehören zu den Pluspunkten des Autoren. Man nimmt dies dem Autoren ab und verliert sich in die Gluthitze der Stadt am Mittelmeer, die anscheinend mehr Schatten- als Sonnenseiten vorzuweisen hat. Nichts rät eher ab, doerthin zu reisen, als dieser thriller. Kurze und prägnante Kapitel laufen in wechselnder Perspektive einem Showdown entgegen, der einen großen Knall schon früh erahnen lässt.

Dort wird es indes kritisch. Gerade das Endszenario kann ich dem Schriftsteller nicht abnehmen. Zu unglaubwürdig, zu schnell und zu kurz erzählt. Was am Anfang noch funktioniert, reicht mit Fortschreiten der Seitenzahl nicht aus, um gerade ständige Krimileser bei Stange zu halten und zu überzeugen. Die Geschichte wirkt dann wie ein Fernsehfilm, den man mal gesehen, dann jedoch schnell wieder verdrängt hat.

Das ist schade, da viele Themen aufgegriffen werden, die man detailliert hätte verarbeiten können. Die Chancenlosigkeit in den Vorstädten, Radikalisierung, Terrorismus, organisierte Kriminalität, das Drogenmilieu, Mafiabande, um nur einige zu nennen. Das wird alles angeschnitten und im Schnelldurchlauf zusammengefügt, reicht jedoch nicht. Vielleicht hätte man sich hier auf weniger konzentrieren, dies jedoch ausfühlicher verarbeiten können.

Im letzten Viertel fehlt der Biss, jedoch würde ich gerne mehr über die einzelnen Protagonisten erfahren und damit weitere Fälle lesen. Gegen den Auftakt als Reihe, hätte ich nichts. Dann könnte der Autor diese Schwächen mit einer stärkeren Fortsetzung wettmachen.

Autor:

Alexander Oetker wurde 1982 geboren und ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er begann Sozial- und Politikwissenschaften zu studieren und beendete dies jedoch nicht, arbeitete v on 1998 bis 2000 freiberuflich für die Berliner Zeitung. Danach arbeitete er für die Mediengruppe RTL und war von 2005-2007 Berlin-Korrespondent.

Von 2008 an, leitete er das Westeuropa-studio und berichtete für RTL/n-tv/Vox aus Paris. Seit 2012 ist er politischer Korrespondent in Berlin. 2017 erschien sein erster Kriminalroman. Oetker schreibt unter eigenen Namen, sowie unter Pseudonym und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Maxim Leo: Wo wir zu Hause sind

Inhalt:

Wenn vier Menschen um einen Tisch sitzen, dann ist Maxim leos Berliner Familie schon fast vollständig versammelt. Die vielen anderen Leos, die in den 30er-Jahren vor den Nazis flohen, waren immer fern, über den ganzen Erdball verstreut. Zu ihnen macht er sich auf, nach England, Israel und Frnkreich, und erzählt ihre unglaublichen Geschichten.

Die von Hilde, der Schauspielerin, die in London zur Millionärin wurde. Die von Irmgard, der Jura-Studentin, die einen Kibbuz in den Golanhöhen gründete. Die von Ilse, der Gymnasiastin, die im französischen Untergrund überlebte. Und die ihrer Kinder und Enkelkinder, die jetzt nach Berlin zurückkehren, in die verlorene Heimat ihrer Vorfahren. (Klappentext)

Rezension:

In Interviews mit Schriftstellern fällt öfter der satz, am besten schreibe man über das, was man kennt. Doch, schon bei der eigenen Familiengeschichte wird es schwierig, ist sie doch etwas, was meist episodenhaft in den Köpfen einzelner Familienmitgleider herumgeistert und zumeist nicht tiefgehender erläutert wird. Wer wagt es schon, alte Wunden aufzureißen, genauer nachzufragen?

Wie wirken sich Entscheidungen, die einzelne Familienmitglieder Generationen zuvor getroffen haben, auf ihre Nachfahren aus und gibt es so etwas, wie ein kollektives Familiengedächtnis? Maxim Leo meint ja, und begibt sich auf Spurensuche quer über den Erdball zu den Wurzeln seiner Familie.

Die Geschichte seiner Familie ist vor allem in der beginnenden Verzweigung der 30er-Jahre die Geschichte von Frauen, denen besonderes abverlangt wurde in besonderen Zeiten. Der Autor führte Interviews mit den Nachfahren, Kindern und Enkeln und findet sich plötzlich wieder im Strudel der Geschehnisse, die die Familie quer über den Erdball verteilten und nur ein paar Leos in Berlin zurückließen. Die Stadt, in der alles ihren Anfang nahm.

Einfühlsam und emotional müssen die langen Gespräche gewesen sein, die Maxim Leo mit unzähligen Mitgliedern geführt haben muss und so spürt er minutiös seiner eigenen Vergangenheit nach oder dem, was heute noch nachwirkt. Das ist beeindruckend und macht nachdenklich, aber auch Lust, die eigene Familiengeschichte mal etwas näher zu betrachten, mal etwas tiefgehender zu hinterfragen.

Ungemein spannend beschreibt er die Besonderheit der Zeit, der seine Vorfahren ausgesetzt waren, aber auch, dass die drei Frauen, deren Kinder, Enkel und Urenkel, heute in Wien, Haifa, London und im ländlichen Frankreich zu Hause sind, nicht zum Opfer werden wollten, sondern für sich und ihre Nachkommen ums Überleben gekämpft haben.

Er vollzieht die Geschichte nach und die Erkenntnis, dass wir vielleicht weniger selbst entscheiden als in unserem kollektiven Gedächtnis festgelegt ist, folgt auf den Fuße. Bleibt die Frage, warum man jemand anderes Familiensagen sich zu Gemüte führen sollte? Ganz einfach, weil Familie eben das ist, was man sich nicht aussuchen kann, was bleibt und was wir zu dieser machen. Zudem ist es interessant zu erfahren, wie ähnlich und doch verschieden sich manche Biografien verhalten und dass eben nicht alles so „warm und selbstverständlich“ ist, wie es zunächst scheint.

Autor:

Maxim Leo wurde 1970 in Ost-Berlin geboren und ist ein deutscher Journalisst, Drehbuchautor und Schriftsteller. Nach einer Ausbildung zum Chemielaboranten holte er 1990 das Abitur nach und studierte zunächst Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, sowie in Paris. Er war Nachrichtenredakteur bei RTL und seit 1997 ist er zudem Redakteur bei der Berliner Zeitung.

2002 bekam er für seine Arbeit den Deutsch-Französischen Journalistenpreis, 2006 den Theodor-Wolff-Preis verliehen. Er ist Autor mehrerer Spaß-Bücher, sowie 2011 eines biografischen Werkes, wofür er 2011 den Europäischen Buchpreis erhielt. 2018 erschien mit „Wo wir zu Hause sind“ ein weiteres biografisches Buch. Leo schreibt Drehbücher für die Serie „Tatort“ und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Maxim Leo
Wo wir zu Hause sind
Seiten: 368
ISBN: 978-3-462-05081-3
Kiepenheuer & Witsch

Leipzig liest und findo liest mit – Messetag 2 – 2019

Das letzte Jahr stand für mich und viele andere Blogger, auch für viele Booktuber, die Messe unter den Motto -Begegnungen-. Dieses Jahr eher unter den Motto -Zeit-. Das gilt widerum nur für mich, von anderen Menschen kann ich ja erst einmal schlecht sprechen, aber meinem Plan war es diesmal anzumerken.

Die Ruhe vor den Sturm. Bevor der große Andrang zum Messegelände kommt.

Viel Zeit für mich, für Standbesuche, Verlagsgespräche und überhaupt mehr Luft, um Lesungen anzusehen und Gesprächsrunden zu verfolgen, als im letzten Jahr. Insgesamt waren es trotzdem noch genug Termine, aber eben so, dass die Messe nicht in puren Stress ausartete und ich mich voll und ganz auch auf die Bücher konzentrieren konnte. So war mein Freitag in Leipzig dann auch überschau- und machbar.

Das erste Interview, welches ich mir an diesem Tag angehört hatte, ist eines, welches für mich inzwischen zu einem Muss auf der Buchmesse gehört. Nämlich eines mit Sebastian Fitzek, den ich selbst schon Fragen stellen durfte. In meinem Gespräch damals ging es damals um seinen Thriller „AchtNacht„.

Sebastian Fitzek „Fische, die auf Bäume klettern“

Sein neuestes Werk schlägt jedoch vollkommen aus dem sonst üblichen Schema und so ging es dann auch am Stand der ARD um „Fische, die auf Bäume klettern – Ein Kompass, für das große Abenteuer namens Leben„. Philosophisch die Frage, was man seinen Kindern auf den Weg geben soll oder kann, sicher amüsant und nachdenklich geschrieben, so ganz anders als sonst. Darauf freue ich mich ungemein, dies zu lesen. Natürlich musste das Buch gleich mit. Signiert hat Fitzek das Buch dann natürlich hinterher auch.

Danach ging es nach Österreich. Zumindest gefühlt. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hatte zum Bloggertreffen eingeladen und brachte die österreichische Autorin Vea Kaiser mit, die ihren neuen Roman „Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger“ vorstellte. Bewirtet mit Wein und Keksen und noch vielen anderen guten Sachen, bei denen einem das Wasser im Munde zusammenläuft (so funktioniert Marketing) habe ich die bisher amüsanteste Messeveranstaltung seit Jahren erlebt.

Vea Kaiser „Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger“

Es wurde gelacht, geschmunzelt und viel geredet. Vor allem die Autorin selbst. Wer so begeistert erzählen kann, die Lektorin (aber nett) konnte sich vollkommen zurücklehnen, und ein Buch näher brachte, was ich mir so vielleicht nie gekauft hätte, der verdient Interesse. ich freue mich jedenfalls schon auf den Moment, wo ich dazu komme, den Roman zu lesen. Wenn das Buch so ist, wie die Vorstellung war, dann kann das nur etwas werden.

Entlassen wurden wir mit vielen Ideen, vollen Magen und guter Laune und so stürzte ich mich dann wieder ins Messe-Getümmel. Verlagsstände besuchen und ein ganz besonderes Projekt. In den letzten Jahren wurde die Messe immer politischer unhd auch immer mehr zu einem Ort der Konfrontation. Im Vorfeld gab es auch dieses Jahr wohl wieder die eine oder andere geplante Aktion gegen rechte Verlage, die leider auf der Messe vertreten waren, aber diesmal blieb alles weitgehend friedlich. Wenigstens das.

Man sollte aber auch einmal davon sprechen, dass durchaus dagegen gehalten wurde. Viele entsprechende Werke wurden vorgestellt und auf der Messe selbst war ein ganz besonderes Projekt vertreten. Ein Fotograf hat sich aufgemacht, um die Orte der Bücherverbrennungen aufzusuchen und den damaligen Zustand anhand von historischen Aufnahmen und heutigen Aussehen zu dokumentieren. Herausgekommen dabei ist eine interaktive Karte, die nach und nach erweitert wird.

Wer möchte, kann ja mal bei verbrannte-orte.de schauen. Hinterlegt werden sollen künftig eine Aufnahme des heutigen Ortes, ein historischer Zeitungsbericht oder ähnliches und ein historisches Foto, um zu zeigen, dass eben nicht nur in Berlin damals die Werke zahlreicher Autoren geächtet wurden. Am Stand war auch ein Regal mit einer Auswahl an Büchern eben jener Schriftsteller zu finden. Dieses Projekt wird sich lohnen, es weiter zu verfolgen.

Großer Andrang überall, auch am Stand des Gastlandes Tschechien.

Danach ging es wieder durch die Hallen, denn bis zu meinen nächsten Termin hatte ich genügend Luft. Schlecht für mein Geldbeutel, weil ich auf der Messe dann zum Bücherkauf neige. So war es gut, dass ich zum Abschluss ein Gespräch mit der netten Blogger-Betreuerin von diogenes hatte, die mir das neue Programm des Verlages intensiv näher brachte.

Ich finde diese, fast immer einheitlichen, Cover ja ganz hübsch, auch wenn ich selten etwas aus den Verlag lese. Trotzdem das Programm ja ganz vielfältig ist, gehört diogenes für mich in die Kategorie -das besondere Buch-. Mal sehen, was ich daraus in Zukunft für mich mitnehmen kann?

Zuletzt entführte mich die Autorin Constanze John nach Georgien und stellte ihren Reisebericht vor, den ich bereits rezensiert habe. Live zu erleben, wie begeistert ein Mensch von einer Reise berichtet, ist für mich jedoch etwas besonderes und so hing ich an ihren Lippen, wie der Rest des Publikums und das war zahlreich erschienen. Wohlgemerkt zu einem Termin, der außerhalb des Messegeländes am Rande der Innenstadt stattfand.

Constanze John
40 Tage Georgien
Seiten: 412
ISBN: 978-3-7701-8293-0
Verlag: mairdumont

Ich glaube, nicht der Verlag und auch die Autorin selbst haben mit so viel Andrang gerechnet. Am Schluss nahm sich Frau John noch die Zeit für meine Fragen, was ebenfalls zu einem interessanten Gespräch führte. Ob ich das als solches oder als Artikel dann hier einstelle, muss ich mir noch überlegen, Bin noch nicht dazu gekommen, das Interview auszuwerten. Ihr werdet das aber mitbekommen, wenn’s so weit ist. Versprochen.

Damit endete dann auch der zweite Messetag für mich.

Fortsetzung folgt…

Fotos gehören, soweit nicht anders angegeben, den Autoren des Blogs, für Verlagsfotos gilt das Übliche. Vervielfältig ist nicht erlaubt und der Beitrag enthält unbeauftragte Werbung. Für externe Links wird nicht gehaftet und deren Inhalte auch nicht.


Katharina Greve: Das Hochhaus

Inhalt:

Was will die Familie von oben mit diesem irrsinnig großen Fernseher? Warum hat die Frau von unten ihre Tochter zur Castingshow angemeldet und der Mann nebenan nach dem Einbruch nicht die Polizei gerufen? Dieses Buch liefert 102 Antworten auf die Frage, welche großen und kleinen Dramen sich täglich hinter der anonymen Fassade eines Hochhauses abspielen. Vielleicht erkennen Sie Ihre Nachbarn wieder. Oder sich selbst. (Klappentext)

Rezension:

Einigen Zeitungslesern mag die Wahl-Berlinerin Greve ein Begriff sein, andere stolperten im Jahr 2013 vermutlich über ein Kalenderblatt, welches die Künstlerin schlagartig bekannt machte. Eher als Witz gedacht, hatte sie das Bild des damaligen Papstes Benedikt XVI. gezeichnet, der einen Lottoschein begutachtet und sechs Richtige getipp hatte, um daraufhin seinen Rücktritt zu verkünden: „Heiliger Strohsack! Morgen kündige ich!“ Der Rücktritt kam tatsächlich.

Doch, nicht nur eine prophetische gabe legt die Autorin und studierte Architektin an den Tag, sondern auch einen simplen und fast schon kühlen Zeichenstil, der in diesem Buch, welches ursprünglich einmal als Web-Projekt begann, zur Geltung kommt. Seite für Seite werden die Etagen eines Hochhauses freigelegt und man blickt in skurrile und manchmal allzu alltägliche Situationen derer Bewohner hinein. Hinter der grauen Fassade begegnen sich Dramen, wie ein jeder sie kennt oder auch nicht, muss so manches Mal schmunzeln, lachen oder bleibt nachdenklich zurück.

Eine Ansammlung von Marotten vereint auf wenigen Seiten zeigt, wie vielfältig Lebenssituationen sein können und welche Umstände sich daraus ergeben. Greve verknüpft dabei lose den Alltag der gezeichneten Figuren und so kann man von Etage zu Etage springen, von hinten nach vorne, „richtig herum“ lesen oder durcheinander. Das ist egal.

Katharina Greve: Das Hochhaus – 102 Etagen Leben, avant verlag

Besonders spannend aber wird es, wenn man versucht, den Situationen zu folgen. Vom fremdgehenden Ehemann aus dem unteren Stockwerk seiner Freundin etwa, zur betrogenen nichts ahnenden Ehefrau oder vom Einbrecher, der im Hochhaus lebt, zu den Wohnungen seiner Nachbarn, die von ihm geplündert worden. Das ist große Klasse und ein toller Humor der Zeichnerin, der sich auf jeder Seite wiederspiegelt.

Zugleich zeigt Greve auch, dass man als Autorin auch neue Wege gehen kann. So ist dieses Buch nicht zuerst da gewesen, sondern eben aus einer Internetpräsenz heraus entstanden, kann als Poster im Überformat bestellt werden, neuerdings sogar als Buchrolle, Schriftrolle, die man in beiden Richtungen rollen und lesen kann. Das bietet sich bei dieser Form von Comic an und ist sicher auch etwas für sonst Lesemuffel, in jedem Fall aber etwas für Komic- und Architekturfreunde. Zwar möchte ich selbst nicht in einem Hochhaus leben, mir reichen schon meine Nachbarn, aber selbst darunter erkenne ich ein paar wieder. Alleine dafür hat sich dieses Büchlein schon gelohnt.

Bauplan: Das Hochhaus Online

Autorin/Zeichnerin:

Katharina Greve wurde 1972 in Hamburg geboren und begann 1991 ein Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin, welches sie 1999 abschloss. Seit 2002 ist sie freiberuflich als Künstlerin, Autorin und Zeichnerin tätig und wurde für Ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet. Sie veröffentlichte bereits mehrere Comic-Romane und Graphic Novels.

Ihre Zeichnungen erscheinen zudem in verschiedenen Zeitungen und Magazinen. Bekannt wurde sie durch eine Zeichnung für einen Abreißkalender, in dem sie den Rücktritt des Papstes Benedikt XVI. prophezeite, der einen Tag später diesen tatsächlich bekannt gab. Katharina Greve lebt in Berlin.

Katharina Greve
Das Hochhaus – 102 Etagen Leben
Seiten: 56
ISBN: 978-3-94503-471-2
avant verlag

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Der Sommer meiner Mutter Book Cover
Der Sommer meiner Mutter Ulrich Woelk Rezensionsexemplar/Roman C.H. Beck Erschienen am: 25.01.2019 Hardci´over Seiten: 189 ISBN: 978-3-406-73449-6

Inhalt:

Sommer 1969. Der elfjährige Tobias fiebert am Standtrand von Köln der ersten Mondlandung entgegen, während sich seine eher konservativen Eltern mit den neuen, politisch engagierten udn flippigen Nachbarn anfreunden. Deren dreizehnjährige Tochter Rosa bringt Tobias nicht nur Popmusik und Literatur bei, und zwischen den Ehepaaren entwickelt sich eine wechselseitige Anziehung. Aber die Liebe geht andere Wege, als vermutet. Und so erleben Tobias und seine Mutter beide eine erotische Initiation… (Klappentext)

Rezension:

Auf je mehr Seiten eine Geschichte erzählt wird, um so größer sind die Chancen, dass das Gesamtbild stimmig ist. Einfach der Tatsache geschuldet, dass ein Autor bei einer umfangreichen Erzählung mehr Zeit und Platz hat, Handlungen und Protagonisten auszugestalten und Tiefe zu geben. Dann gibt es jedoch auch die Autoren, die es schaffen, auf wenigen Seiten viel und gut zu beschreiben, was den einzelnen Figuren passiert und Ulrich Woelk gelang mit „Der Sommer meiner Mutter“ genau dies.

Wir schreiben das Jahr 1969, das Jahr politischer Auf- und Umbrüche. Tobias, gerade erst elf Jahre alt geworden, lebt mit seinen Eltern in einem ländlichen Vorort von Köln und interessiert sich für Raumfahrt, zumal die erste Mondlandung kurz bevorsteht. Das Einzelkind, umsorgt von seinen Eltern, bekommt mit, wie sich diese immer mehr auseinanderleben, seine Mutter versucht für sich eine neue Rolle zu finden, der Vater hält noch an seinem althergebrachten Gesellschaftsbild fest und da kommt es gerade recht, dass im Nachbarhaus eine neue Familie einzieht. Das völlige Gegenteil von Tobias‘ Familie, deren Leben sich nun verändert.

Geschildert werden sanft die vorstädtisch ländliche Idylle, einhergehend mit sesiblen Charrkaterbeschreibungen und einem ziemlich unspektakulären Handlungsverlauf. Es passiert auf diesen wenigen Seiten nicht viel, aber es reicht vollkommen aus, um Tobi und Rosa lieb zu gewinnen und das Umfeld, welches sich aus Kindersicht immer schneller dreht, am Ende den Abgrund entgegen gehen wird, wie ein Schwamm aufzunehmen. Zudem ist nicht nur die Handlung oder das lieb zusammengestellte Protagonistenensemble zu erwähnen, sondern auch die Sprache, die solche tollen Sätze hervorbringt, wie:

Ich möchte nicht, dass du den Mond verlierst.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter // C.H.Beck Verlag

Das ist doch großartig. Der Autor hat, das merkt man diesen Roman an, auch Philosophie studiert, drängt dies seinen Lesern jedoch überhaupt nicht auf, hat dies fein in diese Geschichte eingewoben. Es geht hier jedoch nicht nur um Sprache, Philosophie oder der ersten Mondlandung selbst. Woelk hat es vielmehr fertig gebracht, so ganz nebenbei den gesellschaftlichen Wandel zu jener Zeit, Emanzipation und Rollenfindung, ja selbst den Coming-of-Age-Teil stimmig unterzubringen. Präzise und glaubwürdig. Auf so wenigen Seiten.

Aus den C.H. Beck Verlag ein Kleinod und kleiner großer Roman, dessen Komponenten so stimmig sind, wie die Teile des Raumfahrtprogrammes der NASA es waren, welche zur Mondlandung führten. Der Autor hat es nicht nur geschafft, seinen beiden Berufen, den des Schriftstellers und des Astrophysikers Respekt zu zollen, sondern eine vielschichtige und lesenswerte Geschichte vorgelegt, die sich zu lesen lohnt.

Autor:

Ulrich Woelk wurde 1960 in Bonn geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Von 1980-1987 an, studierte er physik und Philosophie an der Universität Tübingen. Er arbeitete bis 1995 an der Technischen Universität Berlin, sowie in Göttingen als Astrophysiker. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1990. 1991 promovierte er über Weiße Zwerge in engen Doppelsternsystemen. Seit 1995 lebt Woelk als freier Schriftsteller in Berlin. Er schreibt Theaterstücke, Romane und Hörspiele. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

Kent Haruf: Abendrot

Inhalt:

Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft in seinem verwahrlosten Trailer um ein Stückchen Würde und um seine Kinder. Ein elfjähriger Junge kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater. So hart das Schicksal auch zuschlägt – die Menschen in Holt sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzden. Und begegnen einander dabei neu. (Klappentext)

Rezension:

Die Geschichte ist, wie bei so vielen Romanen schnell erzählt, zumal genau betrachtet nicht gerade viel passiert. Verschiedene Protagonisten leben ihren Alltag in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt nebeneinander her, haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und Wege überkreuzen sich nur gelegentlich. Man kennt sich, trifft aufeinander, hat ansonsten nicht viel für einander übrig. Irgendwie ist das alles bekannt und schon einmal da gewesen. Warum also, sollte man diese Erzählung lesen?

Zunächst einmal sind die Protagonisten doch nicht so eintönig, wie es auf den ersten Blick scheint. Kent Haruf hat Typen geschaffen, die mit ihren Ecken udn Kanten den Leser bei Stange halten. Zudem schafft es der Spannungsbogen dann doch, das Interesse wachzuhalten. Was könnte interessanter sein, als das ganz normale Leben? Das wirkt um so mehr, als wir von allen Seiten mit Krimis im Fernsehen oder actionbeladener Literatur beworfen werden. Sehr schön, dass es da Autoren wie Kent Haruf gibt (in seinem Falle „gab“), die uns in eine vergleichsweise heile Welt entführen, die jedoch nur auf den ersten Blick ohne Risse erscheint.

Tatsächlich sind die dargestellten Gräben teilweise sehr tief. Auch Alltagsprobleme sind sehr schön dargestellt. Das wirkt besonders durch harufs unambitionierte und einfache Schreibweise, die nochmal das Setting unterstreicht, in dem sich der Roman bewegt. Die Charaktere wachsen einem ans Herz.

Sie haben dann auch übrigens schon einen Weg hinter sich. Der Roman ist Teil einer Reihe, die sämtlich im fiktiven Ort Holt spielt, was aber nichts zur sache tut. Zwar kann man an Kent Haruf sehr schön sehen, wie Übersetzungspolitik funktioniert, zugänglich gemacht wird zunächst das, was am ehesten auf den jeweiligen Markt funktioniert, dennoch ist „Abendrot“ auch so lesbar. Gefühlt steht die Geschichte für sich alleine, kann auch als Einzelband gelesen werden. Man findet schnell hinein, in die Geschichte und gewinnt die Charaktere lieb. Das ist schon ausreichend, um der Handlung zu folgen. Darum geht’s ja irgendwie. Dennoch möchte man mehr über Holt und seine Protagonisten erfahren. Vielleicht erbarmt sich ja Diogenes noch der restlichen Bücher.

Autor:

Kent Haruf wurde 1943 in Pueblo, Colorado geboren und war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er unterrichtete Englisch an einer Highschool wurde später Gastdozent an der Southern Illinois University. Sein erster Roman erschien 1984 und erhielt den Whting Award. Neben Kurzgeschichten, veröffentlichte er weitere Erzählungen um die fiktive Kleinstadt Holt. 1999 stand sein Werk auf der Shortlist des National Book Award for Fiction. Seine Romane wurden teils verfilmt, teils als Theaterstücke auf die Bühne gebracht. Zu Harufs Ehren findet in seiner Heimatstadt seit 2017 ein literarisches Festival statt. Er starb 2014 in Salida, Colorado.

Kent Haruf
Abendrot
Seiten: 415
ISBN: 978-3-257-07045-3
Diogenes