Rezension

Irene Vallejo: Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern

Inhalt:

Das Buch ist eine der schönsten Erfindungen der Menschheit. Bücher lassen Worte durch Zeit und Raum reisen und sorgen dafür, dass Ideen und Geschichten Generationen überdauern. Irene Vallejo nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise durch die faszinierende Geschichte des Buches, von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des römischen Reiches.

Dabei treffen wir auf rebellische Nonnen, gewiefte Buchhändler, unermüdliche Geschichtenerzählerinnen und andere Menschen, die sich der Welt der Bücher verschrieben haben. (Klappentext)

Rezension:

Bücher sollten noch lange nicht in der uns bekannten Form existieren, da schon machten längst Legenden die Runde durch die damals bekannte Welt, die sich wie der Plot eines spannenden Kriminalromans lesen. Agenten des Pharaos waren unterwegs um für die Bibliothek ihres Herrschers Schriftstücke zu sammeln, für die Ägypter teils mehr wert als Gold.

Da schon hatte das geschriebene Wort einen langen Weg hinter sich, der bis zu den ersten gebundenen Büchern dennoch langwierig anmuten sollte. Irene Vallejo erzählt sie, die Geschichten von Herrschern, die um die Macht des Wortes wussten, vom beschwerlichen Weg von Papyrus zu Papier und von der Strahlkraft erster Bibliotheken der Antike.

Wenn er durch Alexandria streifte, sah er unter der realen Stadt die abwesende Stadt pulsieren. Obwohl die Große Bibliothek verschwunden war, hingen ihr Echo, ihr Flüstern und Wispern weiter in der Luft.

Irene Vallejo: Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern

Die spanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Irene Vallejo reist mit uns in die Antike und erzählt von den Anfängen eines Gegenstandes, der sich unzählige Male gewandelt hat, heute gar als Hörbuch oder als elektronische Datei existiert und erst durch entsprechende Gerätschaften sichtbar gemacht werden muss.

Die Verbreitung des Lesens führte zu einem neuen Gleichgewicht der Sinne. Bisher hatte sich die Sprache ihren Weg durch die Ohren gebahnt, mit der Erfindung der Buchstaben aber wanderte ein Teil der Kommunikation zu den Augen ab.

Irene Vallejo: Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern

„Papyrus“ liest sich dabei nicht wie eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern wie ein Spannungsroman, zuweilen mit Krimi-Elementen. Wer liest, nimmt die Perspektive von erzählenden Philosophen ein, die um Worte rangen, und der Unveränderlichkeit dieser, waren sie einmal auf Papyrus oder Pergament festgehalten, misstrauten, von Herrschern im Größenwahn und vom Kampf der ersten Kopisten gegen den Verfall.

Von den meisten Werken gab es nur wenige Kopien, und dass ein bestimmter Text vollständig erlosch, war eine sehr reale Bedrohung. In der Antike konnte das letzte Exemplar eines Buchs jeden Augenblick aus einem Regal verschwinden, von Termiten zerfressen oder von der Feuchtigkeit unwiederbringlich beschädigt werden. Und während das Wasser oder die mahlenden Kiefer der Insekten ihre Arbeit taten, verstummte eine Stimme für immer.

Irene Vallejo: Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern

Vallejo legt dabei zum einen ihren Fokus auf hervorstechende Einzelpersonen, lässt jedoch auch tief ins Innere antiker Gesellschaften schauen, zeigt die Dramatik der ersten Zensur, aber auch warum das Buch an sich, in welcher Form auch immer, schon damals eine Erfolgsgeschichte gewesen ist. In kurzweiligen Kapiteln, die sich jeweils schwerpunktmäßig auf eine Biografie oder ein Ereignis konzentrieren, eröffnet die Autorin uns einige neue Blickwinkel auf die Anfänge und der Schicksale des Buches.

So lohnt es sich durchaus, auch dieses zu lesen.

Autorin:

Irene Vallejo wurde 1979 in Saragossa geboren und ist eine spanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Zunächst studierte sie klassische Literatur in Saragossa und Florenz und promovierte anschließend. Sie spezialisierte sich dabei auf die Antike. Für Tageszeitungen und Zeitschriften schreibt sie Kolumnen, veröffentlichte 2011 ihren ersten Roman.

2020 gewann sie den Literaturpreis Premio Nacional de Ensavo, 2021 den Premio Aragon, die höchste Auszeichnung, die die Regionalregierung der autonomen Region Aragon vergibt. „Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern“ ist ihr erstes Sachbuch.

Die Rezension wurde auf Grundlage eines Rezensionsexemplares geschrieben, welches ausgewählte Kapitel enthielt, um Übersicht und Eindruck von der Art des Textes zu geben.

Katrin Schumacher: Naturkunden – Füchse: Ein Portrait

Inhalt:

Welch ein Tier. Wo es auftaucht, verändert es die Spielregeln.

Geschmeidig und klug macht sich Katrin Schumacher in ihrem persönlichen Tierportrait auf einen natur- und kulturgeschichtlichen Beutezug durch Fuchsbaue und Hühnerställe, Pelzgerbereien und Stadtlandschaften, um den realen und imaginären, den ebenso listigen wie charmanten Güchsen auf den Pelz zu rücken. (Klappentext)

Einordnung:

Das Werk ist Teil der Reihe „Naturkunden“.

Rezension:

Nicht allein einen wissenschaftlichen Blick gibt die Buchreihe „Naturkunden“ auf verschiedene Themen, immer auch wird der Mensch und sein Einwirken in Bezug zum Objekt gesetzt. So kommt es, das auch der Fuchs ins Visier genommen wird, dessen kulturgeschichtliche Bedeutung die Journalistin Katrin Schumacher einmal beleuchtet hat. Entstanden dabei ist ein kompakter Rundumblick.

Und mehr leider auch nicht. Die Biologie wird hier schmählich behandelt. Zwar werden einige Aspekte des Lebenszyklus‘ und Sozialverhaltens erläutert, hintenangestellt ein kleiner Überblick zu den verschiedenen Unterarten, doch dominiert in den Zeilen der Blick des Menschens.

Ein Wandel wird beschrieben, vor allem vom Pelzlierferanten und begehrten Jagdziels, welches nicht immer einfach zu erreichen ist, zum Kultobjekt, welches als grafisches Motiv auf allen möglichen Gegenständen prankt, zudem neben den Menschen inzwischen der zweite große Stadtbewohner ist. Der Blickwinkel bleibt, zu wenig erfährt man über Natur und Biologie, zu lange scheint die Autorin durch Pelzgerbereien und mit Jägerinnen umhergestreift zu sein. Wäre dies ein Film, würde man die obligatorische Texttafel vermissen, dass hierfür kein Tier zu Schaden gekommen ist.

Der wissenschaftliche Blick wird zu kurz gehalten. Biologinnen, wie etwa Adele Brand oder Sphia Kimmig liefern ein ausführlicheres und fundierteres Portrait und halten sich nicht mit Beschreibungen etwa auf, wie Pelzhandel früher wirkte und Gerbereien arbeiten. Wer jedoch an dieser historischen Komponente mehr interessiert ist, wird bei Katrin Schumacher an Informationen fündig. Es wirkt dennoch und vor allem deswegen irritierend, dass diese Art von Portrait so ihren Eingang in die Reihe „Naturkunden“ gefunden hat.

Wer zudem schon Grundlagenwissen besitzt, wird nichts neues mehr hier raus entnehmen. So bleibt den Fans von Meister Reineke nur, andere Literatur zu suchen.

Autorin:

Katrin Schumacher wurde 1974 in Lemgo geboren und ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, Journalistin, sowie Jurymitglied des Preises der Leipziger Buchmesse. Nach der Schule absolvierte sie in Bamberg, Antwerpen und Hamburg ein Studium der Germanistik, Journalistik und Kunstgeschichte und schreibt seit dem Literaturkritiken für den Hörfunk, moderierte für mehrere Radiosender und übernahm nach ihrer Promotion verschiedene Lehraufträge bis ins Jahr 2015.

Danach war sie Redaktionsleiterin im MDR für „Literatur, Film, Bühne“, seit 2020 für „Musik und Kunst“. Ab 2016 war sie Redaktionsleiterin des MDR-Ressorts „Literatur, Film, Bühne“, seit 2020 ist sie stellvertretende Redaktionsleiterin des Ressorts „Musik und Kunst“. Vorher arbeitete sie als Literaturredakteurin und ist zudem Mitglied des Buchzeit-Teams des Senders 3sat.

SAID: Ein vibrierendes Kind

Inhalt:

In seinem nachgelassenen Roman „Ein vibrierendes Kind“ erzählt SAID von seiner Kindheit und Jugend im Iran zwischen 1947 und 1965. Die Eltern sind geschieden und das Kind wächst beim Vater auf, der als Offizier viel unterwegs ist, sich aber liebevoll um seinen Sohn kümmert.

In seinem einfach gehaltenen, bildreichen Stil erzählt SAID von einer Welt und Gesellschaft, die so nicht mehr existiert, die ihn prägt und schützt, aber auch seinen Widerstand hervorruft, bis er das Land für immer verlässt – nicht zuletzt ermuntert durch seinen Vater. „Ein vibrierendes Kind“ ist ein ans Herz gehendes Buch. (Klappentext)

Rezension:

Das Manuskript schon fertig, suchte der Autor und Poet einen passenden Verlag dafür, fand ihn und starb kurz vor der Veröffentlichung seiner Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in einem längst vergangenen Land. SAID, so sein Künstlername, der sich für politisch Verfolgte einsetzte, sich immer auch über sein eigenes Werk hinaus für die Vermittlung persischer Literatur engagierte, wandelte hier zwischen den Welten.

Und so liegt mit seinem Text „Ein vibrierendes Kind“ eine Mischform vor, zwischen Epik und Lyrik, fast einem Langgedicht, dessen Abschnitte sich jedoch auch getrennt voneinander lesen lassen. In diesem Stil muss man erst einmal hineinfinden. Die ungewöhnliche Schreibweise, Großbuchstaben komplett außen vor zu lassen, tut ihr übriges, volle Konzentration denen abzuverlangen, die sich darauf einlassen, um dann in eine wundersame Welt der Erinnerungen einzutauchen.

ein kind für den samowar

jeden morgen wacht das kind mit seinem summen auf.
am abend arbeitet das kind für den samowar.
glühende kohle wird in einen kleinen drahtkorb gelegt, der korb hat
einen langen stiel, das kind greift zu seinem ende und rennt in den patio.
es dreht den kohlenkorb an seiner seite im kreis.
je schneller das kind ist, desto früher glüht die kohle.
dann rennt es ins haus und liefert die kohle für den samowar.‘
großmutter mault, die tätigkeit sei zu anstrengend.
doch das kind verteidigt jeden abend sein naturrecht auf das amt.
es ahnt nicht, daß bald die moderne gegen das kind siegt.
bald kommen samoware mit öl.
dann steht das kind da –
ohne auftrag, ohne würde.

SAID: Ein vibrierendes Kind

SAID erzählt vom Aufwachsen zwischen den Frauen seines Vaters, Ausflügen und den feinen Geflogenheiten der Erwachsenen, die das Kind beobachtet, vom Zwischenspiel im Internat und dem Drang zur Kontrolle der Großmutter. Melancholie sticht durch, ebenso der kritische Blick, der schon dem kleinen Jungen und später dem Jugendlichen nicht fehlt, der seinen Weg sucht, finden und vom Vater gefördert wird. Schon aufgrund der Art des Textes, der sich nicht wirklich einer literarischen Gattung zuordnen lässt, der Verlag spricht vom Roman, ist dies etwas besonderes, wie auch der Autor zeit seines Lebens immer umtriebig war.

Autor:

SAID, eigentlich Said Mirhadi, wurde 1947 in Teheran geboren und war ein iranisch-deutscher Schriftsteller. Seit 1965 lebt er in München, ging 1979 für kurze Zeit in den Iran zurück, um dann entgültig nach Deutschland zurückzukehren. 2004 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und schrieb Prosa und Lyrik, war zudem an der Produktion von Hörspielen beteiligt. Der Schriftsteller war Mitglied des PEN-Zentrums, 1995-1996 Vizepräsident dessen und von 2000-2002 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Er wurde mehrfach für sein Werk ausgezeichnet, etwa 2006 mit der Goethe-Medaille und 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Er starb im Jahr 2021.

Laurent Petitmangin: Was es braucht in der Nacht

Inhalt:

Fus und Gillou, 10 und 7, sind sein ganzer Stolz. Doch dann stirbt seine Frau, und er steht allein da mit seinen Jungs. Die Arbeit als Monteur bei der Staatsbahn SNCF, Haushalt, Erziehung: Er gibt sein Bestes, bringt die Jungs zum Fußball, zeltet mit ihnen in den Ferien. Die ersten Jahre läuft alles einigermaßen glatt. Nur Fus wird in der Schule schlechter, sodass er schließlich nicht in Paris studieren kann. Der Vater tröstet sich damit, dass zwischen ihnen alles beim Alten bleibt – bis er entdeckt, dass der 20-Jährige mit einer rechtsextremen Clique rumhängt.

Wie fühlt man sich, wenn das eigene Kind in falsche Kreise gerät, die eigenen Werte verrät? Was kann man tun? Eine Tragödie zwingt den Vater zu einer Antwort. (Klappentext)

Rezension:

Eine Geschichte gleichsam eines französischen Films. okay, ganz so schlimm ist die Sache nicht. Vielmehr hat Laurent Petitmangin mit „Was es braucht in der Nacht“ ein bezeichnendes Autorendebüt vorgelegt. Hier erzählt er die Geschichte einer Entfremdung. Ein Schicksalsschlag entfernt, zunächst schleichend, den Vater von seinem ältesten Sohn, der haltsuchend in den Einfluss einer rechten Gruppe gerät und somit sich von den elterlichen Idealen immer mehr entfernt.

Der Vater sieht dies mit Sorge, doch, was soll, kann er tun? Im direkten Zusammenspiel ändert sich zunächst auch nichts. Schnell ist eine gemeinsame Ebene gefunden. Der Alltag muss funktionieren, nicht zuletzt auch des jüngsten seiner Söhne wegen. Das tut es, bis sich die Katastrophe Bahn bricht. Doch, was bleibt, was muss, wenn selbst Blut nicht mehr dicker als Wasser zu sein scheint?

Laurent Petitmangin beschreibt einfühlsam das Auseinanderbrechen einer Familie, deren Protagonisten sich immer weiter von einander entfernen und doch nicht ohne einander können. Das Unverständnis des Einen wird ebenso beschrieben, wie auch das Hineinschlittern in eine Gefahrenzone, die beide Protagonisten nicht sehen oder kontrollieren können.

Für Frankreich selbst ist dies eine hoch aktuelle Erzählung, ist sie doch bezeichnend für eine extreme Spaltung der gesellschaftlichen Sichtweisen, für deren in einem Teil eine Fundamentalisierung in Richtung Rechtsextremismus eine annehmbare Option erscheint. Ohne zu sehen, was dies für Folgen haben kann. In einer Zeit, in der eine rechtsextreme Präsidentschaft in Frankreich im Rahmen des Möglichen erscheint. Der Autor nimmt sich die Zeit jedoch auch für das Infragestellen einer Vater-Sohn-Beziehung. Wie weit reicht der Einfluss von Eltern und was tun, wenn dies einmal nicht der Fall ist, und sich alles auf den Abgrund hinzu bewegt?

Es ist ein erschütternder und zugleich nachdenklicher Roman, ruhig in seinen Beschreibungen, ohne lange Strecken vorzuweisen. Das gibt die kompakte Form einfach nicht her. Die Konzentration zudem, auf eine Perspektive, tut ihr übriges, diese Geschichte zu etwas Besonderen zu machen. An der einen oder anderen Stelle bin ich dabei mit der Übersetzung nicht wirklich glücklich. Hier wäre die Vorlage des französischen Originals interessant. Auch das Ende ist vielleicht etwas zu einfach. Ansonsten jedoch hat Petitmangin durchaus eine runde erzählung vorgelegt, für die man sich einen ruhigen Moment nehmen sollte.

Autor:

Laurent Petitmangin wurde 1965 in Lothringen geboren und studierte in Lyon, bevor er für die französische Fluggesellschaft Air France zu arbeiten begann. Nach verschiedenen Stationen rund um die Welt, lebt er heute in Paris. „Was es braucht in der Nacht“ ist sein erster Roman.

Christian Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs – Deutschland 1923

Inhalt:

Franzosen und Belgier besetzen das Ruhrgebiet. Tucholsky wirft hin und geht zur Bank. Hemingway wird nicht bedient. Das Rheinland will sich vom Reich abspalten. Anita Berber hat sie alle in der Hand, Joseph Roth steht vor dem Durchbruch. In Hamburg proben Kommunisten den Aufstand und Hitlers Bierkellerputsch scheitert in München blutig. Ein Brot kostet 399 Milliarden Mark.
(Klappentext)

Rezension:

Die neue Demokratie steht auf wackligen Beinen, akzeptiert wird sie nur von wenigen. Die Niederlage des Ersten Weltkriegs ist noch nicht zu lange her. Einen Weg zur Stabilisierung hat man noch nicht gefunden, gefundenes Fressen für radikale Kräfte. Das Geld verliert immer mehr an Wert. Bald schon wird der Lohn in Schubkarren ausgegeben werden müssen.

Für Banken arbeitende Druckereien suchen händeringend Angestellte. Auch ein späterer Propagandaminister, sowie ein kranker Schriftsteller finden sich hinter Bankschalter wieder. Es ist das Jahr 1923, kurz bevor der deutsche Staat sich zu stabilisieren beginnt und zugleich auch Risse bekommt, die ihn später mit zu Fall bringen sollten. Der Journalist Christian Bommarius hat sich mit der rührigen Zeitspanne von zwölf ereignisreichen Monaten beschäftigt.

Ein Sachbuch als historischer Kalender, dies ist die Aufmachung, in der jedem Monatskapitel zunächst eine Übersicht der zu den Zeitpunkt stattfindenden Ereignisse vorangestellt wird, eingeführt durch jeweils mehrere bezeichnende Fotos. Fast literarisch wird die Zusammenfassung danach aufgefächert. Wir begleiten Politiker und solche, die es einmal werden, Putschisten, Künstler und Literaten durch dieses flirrende Jahr und einen geschassten Monarchen, der von seiner Rückkehr träumt.

Die Fakten sind bekannt. Beiderseits der Grenze des Ruhrgebiets, welches von den Franzosen besetzt wird, nichts Neues. Trotzdem wirken die Texte zuweilen hölzern. Leichtgängig ist etwas anderes. Ein Lesefluss entsteht alleine nicht durch den vielseitigen Wechsel der beschriebenen Ereignisse, die zwar ausgiebig recherchiert wurden, aber für Sprunghaftigkeit wirken. Es gilt, Überblickswissen zu erlangen. Wer dieses bereits hat, sollte sich spezialisierter Lektüre zuwenden. Hier wird Grundlagenwissen aufgefrischt.

Eine gute Ergänzung ist das Personenverzeichnis hintenan, welches einen Ausblick auf den weiteren Verlauf der im Text aufgeführten Biografien gibt, deren Weichen auch und besonders im Jahr 1923 gestellt wurden.

Was sehr interessant dargestellt wird, sind die Auswirkungen der Inflation auf die einzelnen Wege der jeweiligen Personen, doch immer dort, wo es spannend wird, erfolgt der Wechsel zum nächsten Momentum. Dabei hat der Autor ein umfangreiches Detailwissen vorzuweisen. Vielleicht wäre hier die Konzentration auf einen Bereich, etwa Kunst und Kultur, nur Wirtschaft oder nur Politiker, vorteilhafter gewesen? Eine Einführung und Übersicht ist es jedoch allemal.

Autor:

Christian Bommarius wurde 1958 geboren und ist ein deutscher Journalist und Autor. Nach der Schule studierte er Rechtswissenschaften und Germanistik, bevor er als Korrespondent beim Bundesverfassungsgericht arbeitete. Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der „Berliner Zeitung“, anschließend Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“. Er arbeitet zudem als freier Autor und wurde bereits mit dem otto-Brenner-Preis (2018) und den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste, Berlin, ausgezeichnet.

Georg Thiel: Nachtfahrt

Inhalt:

Wien 1997. Markus, Matthäus, Lukas und Johannes kennen einander seit dem ersten Schultag und sind, obwohl sie von Temperament und Wesen unterschiedlicher nicht sein könnten, eng befreundet. Diverse Frauengeschichten, bewusstseinsveränderte Substanzen und eine Leiche später finden sie sich auf einem rasanten Roadtrip wieder, der allerdings ganz anders verläuft als geplant. (Klappentext)

Rezension:

„Die Katastrophe fängt damit an, dass man aus dem Bett steigt.“

Georg Thiel: Nachtfahrt

Im Grunde Alltag, der unberechenbar seine Protagonisten in ein kaum zu entwirrendes Chaos stürzt und die Leserschaft gleich mit. So könnte man diesen Roman zusammenfassen, in dem Georg Thiel seinen Protagonisten viel zumutet, gleichsam den Lesenden viel zutraut.

Dabei beginnt alles zunächst mit einem Knall, gleichsam einer zufallenden Tür oder den Koffer mit Sachen, der einem der Protagonisten vor die Füße geworfen wird. Wohlgemerkt vom Balkon herunter, komplementiert aus der Wohnung von der ehemaligen Freundin. So wirr geht es zunächst weiter. In den Stil muss man erst einfinden und lernt so die Hauptfiguren kennen. Freunde seit Kindertagen zwischen Jobs, Beziehungen und dem einen oder anderen Joint, der da die Runde macht.

Das ganze Leben, die unterschiedlichsten Charaktere, verteilt auf den schmalen Schultern der Protagonisten. Johannes ist da der Ruhepol in der Runde, Lukas voller wilder Ideen und irgendwann auch im Besitz eines Spanferkels als Hauptpreis des Kartenspiels in der Dorfwirtschaft. Wer bis hierhin nicht folgen konnte, wird an diesen Text seine helle Freude haben. wer eine klare Linie erkennt, der sowie so. Mehr darf, kann man jedoch auch nicht verraten, ohne allzu viel vorweg zu nehmen.

Der Stil ist gewöhnungsbedürftig, die Ausgestaltung der Handlungsstränge ist es auch. Alles ist vorhanden, dann wieder auch nicht. Das Tempo ist rasant, wird mit zunehmender Seitenzahl immer schneller. Der „Nachtfahrt“ wohnt ein Zauber inne, aber Obacht. Dennoch, einige Lücken bleiben. Nicht alles wird auserzählt.

Ohne diesen speziellen Humor, den der Autor hier eingewoben hat, funktioniert das nicht, sondern wirkt wie jeder andere schon mehrfach geschilderte Roadtrip auch. Nur wer hier lachen kann, für den funktioniert die Geschichte. Für alle anderen wird der Text nicht wirken. Die Haupthandlung selbst hätte dabei gerne ausufernder sein dürfen. Auf die Spitze getrieben ist das nicht. Auch das Ende wirkt zu abrupt. Hier ein paar Zeilen mehr, dafür die Vorgeschichte etwas weniger ausführlich. Widerum passt es zum Motto des Romans. Darauf ein Spanferkel, bitte.

Autor:

Georg Thiel wurde 1971 geboren und ist ein österreichischer Schriftsteller und Ausstellungskurator.

Joachim Käppner: Soldaten im Widerstand

Inhalt:

Die „Strafdivision 999“ (1942-1945) ist bis heute von Mythen und Legenden umgeben. Wenig bekannt ist immer noch, dass viele ihrer Soldaten Kommunisten, Sozialdemokraten und andere waren, die gegen das Naziregime Widerstand geleistet hatten und dafür in Gefängnisse und Konzentrationslager gesteckt worden waren.

Aber dann, als der Wehrmacht 1942 an allen Fronten Soldaten zu fehlen begannen, zog sie diese zuvor als „wehrunwürdig“ abgestempelten Männer kurzerhand ein. Sie sollten nun für das Regime jenen Krieg führen, dem sie sich doch entgegengestellt hatten. Viele der Zwangssoldaten setzten ihren Kampf gegen die Schreckensherrschaft selbst in der verhassten Uniform fort. Dieses Buch erzählt ihre Geschichte. (Klappentext)

Rezension:

Es müssen Menschen übrig bleiben, die gegen das Furchtbare, das mit dem Namen Hitler über die Welt kam, kämpfen. Wenn auch mit der Hilflosigkeit von Zwergen, die vor einen rollenden Panzer Kieselsteine werfen, um ihn aufzuhalten. Die trotzdem nicht aufhören mit den Kieselsteinen.

Joachim Käppner: Soldaten im Widerstand

Es ist ein wenig beachtetes Kapitel der deutschen Geschichte, welches der Historiker und Journalist joachim Käppner in seinem neuen werk beleuchtet. Zeugenberichte sind rar, teilweise zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme wenig beachtet oder versucht und umgedeutet durch die neue vorherrschende Ideologie, je nachdem auf welcher Seite des nach dem Krieg hochgezogenen „Eisernen Vorhangs“ man suchte.

Wenige betroffene haben damit ihren frieden machen können und doch gab es sie, vor 1945, Soldaten, die eigentlich keine sein wollten und die auch das damals herrschende NS-Regime nicht wollte, aber spätestens mit den sich abzeichnenden Niederlagen in Stalingrad und in Nordafrika brauchte. Sozialdemokraten, Kommunisten und andere, die für ihre Überzeugungen vorher Zuchthausstrafen absitzen oder gar in die Konzentrationslager gebracht wurden, mussten nun kämpfen, im ständigen Zwiespalt auch mit sich selbst.

Ein erschütterndes, weil noch zu wenig beleuchtetes Stück Historie wird hier im rahmen von Personengeschichte betrachtet. Dies kann zuweilen problematisch werden, da diese Art von Begutachtung nur selten objektiv ist und zu wenig Fascetten Beachtung finden.

Wenn jedoch ein bestimmter Aspekt schon in der zeithistorischen Bearbeitung sträflich vernachlässigt wird, ist das durchaus legitim und so eröffnet Joachim Käppner eine neue Perspektive. Die verschiedenen Blickwinkel werden durch eine Auswahl von verschiedenen Personenbiografien hineingebracht, denen wir folgen, um so nach und nach uns ein ganzes Bild machen zu können.

Der Stil ist dabei so nüchtern, wie es nur geht, was zur Folge hat, dass auch Längen entstehen. Gleichzeitig wird Geschichte, da sie eben in diesem Werk nicht unpersönlich daher kommt, fassbar und im Großen und Ganzen spannend erzählt. Gestützt auf Zeitzeugenberichte, die teilweise erst ideologisch entfärbt oder überhaupt erst wiedergefunden werden mussten, berichtet der Historiker und zeigt eine bisher wenig betrachtete Seite des Zweiten Weltkriegs auf.

Nicht fehlen dürfen dabei Vor- und Nachbetrachtung, die gleichermaßen fundiert recherchiert erscheinen. Unterfüttert ist dies mit einer, für diese wenig beleuchtete Thematik, doch guten Quellenlage.

Wie sind diese Männer damit umgegangen, für ein Regime kämpfen zu müssen, dessen Gegner sie eigentlich waren? Welchen Zwiespalt mussten sie aushalten, in Uniform und später im umgang mit der Thematik in den beiden deutschen Nacvhfolgestaaten und wie beeinflussten einerserseits die täglichen Schrecken und Notwendigkeit des Krieges das Handeln, wie auch die eigenen Überzeugungen im Umgang mit inneren und äußeren Faktoren? War es möglich, Widerstand zu leisten, mit der Waffe in der Hand?

Nicht zuletzt in unserer Zeit sehr aktuell und diskutierenswert.

Joachim Käppner, über Soldaten, die lieber keine sein wollten.

Autor:

Joachim Käppner wurde 1961 in Bonn geboren und ist ein deutscher Journalist und Historiker. Nach der Schule studierte er Geschichte und Politische Wissenschaften in Bonn und Jerusalem und arbeitete 1982 als fester freier Mitarbeiter beim General-Anzeiger. Nach einem Praktikum in Johannesburg, besuchte er die Deutsche Journalistenschule in Mänchen und war ab 1987 als freier Journalist tätig.

Er arbeitete für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, 1998 an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 1999 begann er für die Süddeutsche Zeitung in München zu arbeiten und verfasste mehrere Sachbücher über militärische und politische Themen. 1999 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, 2011 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Inhalt:
Quagga, Elfenbeinspecht, Koalalemur und Riesenalk: Wer weiß heute noch, wie diese Tiere aussahen, wo sie lebten, wie sie klangen – ja dass sie überhaupt existiert haben? Anhand von historischen Illustrationen erinnert dieses Buch an die Schönheit von fünfzig ausgestorbenen Tierarten und verbindet biologisch und naturgeschichtlich Wissenswertes mit anekdoten und Kuriosem. Eindrücklich führt es uns auf diese Weise die Verluste vor Augen, die die Tierwelt bereits erlitten hat, und bewahrt heutzutage unbekannte Spezies vor dem Vergessen. (Klappentext)

Rezension:

Unser Planet unterliegt ständigen Veränderungen, damit auch die auf ihm existierende Flora und Fauna. Massenaussterben, wie dass der Dinosaurier oder globale klimatische Veränderungen, unterstützt von Ausbrüchen gewaltiger Vulkane, deren Asche für längere Zeit den Himmel über weite Strecken verdunkeln konnte, gab es schon immer und infolge dessen wandelte sich auch das biologische Gefüge auf unserer Erde.

Arten kamen und gingen. Wer sich nicht kurzfristig anpassen konnte, verschwand von der Bildfläche und hinterließ eine Lücke, die entweder frei blieb oder durch eine andere Tierart besetzt wurde. Tatsächlich ist jeder Art nur eine begrenzte Zeit auf unserem Planeten vergönnt, doch dass derzeitige immer schnellere Voranschreiten vom Verschwinden verschiedener Tierarten, hat oftmals nur eine Ursache, uns Menschen.

Der Biologe Bernhard Kegel hat stellvertretend fünfzig von ihnen aufgelistet und so geholfen, sie vor dem Vergessen zu bewahren. Er erzählt, wie es zum Verschwinden des Falklandfuchses kam, des Japanischen Seelöwens oder des Tasmanischen Beutelwolfs und beschreibt, wann eine Art eigentlich als ausgestorben gilt, wie Wissenschaftler versuchen, die Letzten ihrer Art zu retten oder auf der Suche, nach vielleicht doch überlebenden Populationen einer lang nicht mehr gesichteten Spezies, sich begeben.

Der Autor zeigt zudem auf, wie fragil manche Arten in Abhängigkeit voneinander existieren und was dies für extrem bedrohte bedeutet, was die Forschung jedoch auch mit Rückzüchtung oder Gentechnik versucht, zu erreichen.

Das so entstandene Lexikon, welches nur einen winzigen Ausschnitt der Thematik zeigen kann, ist ausreichend um zu verdeutlichen, was bereits verloren ging und was wir, geht das Aussterben der Arten, von uns befeuert, im gleichen Tempo voran, noch zu verlieren drohen.

Der erhobene Zeigefinger bleibt dabei stecken, vielmehr setzt Bernhard Kegel den ausgewählten, von unserem Planeten verschwundenen Arten und ihren letzten Vertretern, wie etwa Lonesome George, der letzten Pinta-Riesenschildkröte, die 2012 auf Galapagos starb, ein würdevolles Denkmal. Er beschreibt ihre Entdeckung und zugleich ihren Untergang. Historische Illustrationen, von Menschen, die noch nicht wussten, dass sie Arten portraitieren, die einmal nicht mehr existieren würden, ergänzen diesen Band.

Das Aussterben geht derweil weiter voran. Zahlreiche Insekten sind heute kaum mehr zu hören, die uns noch vor wenigen Jahrzehnten umschwirrten. In einigen Städten verschwinden gar „Allerweltstiere“ wie der Sperling. Doch zeigt der Autor, dass es auch Hoffnung gibt. So manche Art wird durch intensiven Schutz und speziell ausgerichteten Aufzuchtprogrammen vor dem Schicksal vieler anderer bewahrt.

Doch, eines wird beim Lesen dieses ansonsten sehr nüchtern gehaltenen Bandes schnell klar. Die Liste ausgestorner Tiere ist lang und wird täglich größer, ohne dass viele Arten genauer erforscht oder beschrieben sind. Wir sind dafür verantwortlich, denn zu viele andere Arten hätten es ebenso verdient, hier ebenso aufgeführt zu werden.

Autor:

Bernhard Alexander Kegel wurde 1953 geboren und ist ein deutscher Autor. Zunächst studierte er Chemie und Biologie an der Freien Universität Berlin, danach war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. 1991 arbeitete er mit Freiland- und Laboruntersuchungen zur Wirkung u. a. von Herbiziden. Seit 1996 ist er zudem schriftstellerisch tätig und Autor mehrerer biologischer und ökologischer Sachbücher, 1993 veröffentlichte er zudem seinen ersten Roman.

Tete Loeper: Barfuß in Deutschland

Inhalt:

Mutoni, eine junge, gebildete Frau aus ruanda, beschließt nach dem Tod ihrer Mutter auszuwandern. Über eine ehemalige Mitschülerin erhält sie das Angebot, nach Hamburg zu ziehen und dort einen Mann zu heiraten. Voller Zuversicht und Hoffnung auf ein besseres Leben begibt sie sich auf den Weg nach Deutschland. Entgegen ihren Erwartungen findet sie sich jedoch schon bald in unterdrückenden, teils gewaltvollen Arbeitsverhältnissen wieder. Die Erfahrungen, die sie als Schwarze Migrantin in Deutschland alltäglich macht, führen sie schließlich zu einer unerwarteten Entscheidung… (Klappentext)

Rezension:

Als alle Fäden in ihrer Heimat förmlich zerreißen, entschließt sich die junge und lebensfrohe Mutoni ihr Heimatland Ruanda zu verlassen. In der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, hält sie nichts mehr, nachdem mehrere Familienmitglieder ebenfalls den Schritt in die Ferne gewagt haben, die Mutter gestorben ist und das Bild, welches sie von Europa im Kopf hat, immer verführerischer wird.

Ein Angebot, in Deutschland einen Mann zu heiraten, den sie kaum kennt, zu arbeiten und Fuß zu fassen, kommt da gerade recht. Doch, nicht nur Temperaturen und Kleidung sorgen schnell für einen Kulturschock. Mutoni erkennt schnell, dass sie unter falschen Versprechungen hergelockt wurde. Ihr gelingt es, sich davon zu befreien, doch auch alltäglichere Nadelstiche setzen ihr zu, gerade wenn den Verursachern contra gegeben wird.

Sie stoppte augenblicklich in ihrer Bewegung und warf mir einen skeptischen Blick zu. Es hatte ihr wohl die Sprache verschlagen, denn wortlos verließ sie die Küche und schloss demonstrativ die Wohnzimmertür hinter sich.

Tete Loeper: Barfuß in Deutschland

So beginnt die Geschichte, die die Autorin und Journalistin Tete Loeper anhand ihrer und die Anderer Erfahrungen entlang aufgeschrieben und zu einem berührenden Roman gewoben hat, der einen nachdenklich zurücklassen wird. In kompakter Form schafft sie es, all die Hoffnungen und Enttäuschungen, die Gewalterfahrungen unterzubringen, seien sie nun physischer oder psychischer Natur, dass es einem beim Lesen kalt den Rücken hinunter laufen wird. Unweigerlich wird man sich zudem fragen, wie viel Härte das Lektorat herausnehmen musste, gerade zu Beginn, damit der Text gerade zu Beginn noch für Lesende zu verarbeiten ist.

Dieses Gefühl wird nach und nach durch zwar immer kleinere aber auch spür- und sichtbare Nadelstiche ersetzt, die die Protagonistin verspürt, ob nun durch ihre Umgebung ungewollt oder gewollt hervorgerufen. Loeper gibt hier einen Ansatz von Vorstellungen weiter, die niemand aktiv erleben möchte, der leider jedoch immer noch Alltag für viele ist. Gleichzeitig ist es der Autorin in prägnanter Sprache gelungen, auf wenigen Seiten ihrer Protagonistin eine gewisse Wandlungsfähigkeit angedeien zu lassen, die weit über das hinaus geht, was sich anfangs erahnen lässt.

Das setzt dann auch eine gewisse Fähigkeit beim Lesenden voraus, sich selbst zu hinterfragen. Wie bestimmen Klischees unser Denken und Handeln, auch unbewusst? Wie kommentieren und beobachten wir, wie wirkt dies nach außen und wie ist es gemeint, im Guten oder auch im Schlechten? Was macht das mit jenen, die dann im Fokus stehen? Was macht es mit uns, als Gesellschaft? Wenn man sich diese Punkte einmal nach dem Lesen des Romans durch den Kopf gehen lässt, hat dieser sehr viel erreicht.

Autorin:

Divine Gashugi Umulisa, bekannt unter ihrem Pseudonym Tete Loeper, wurde 1990 in Ruanda geboren. Sie lebte während des Völkermords an den Tutsi in Burundi und im Kongo im Exil. Nach ihrem Studium des Journalismus arbeitete sie in verschiedenen Forschungsprojekten mit gefährdeten Mädchen und jungen Frauen, leitete Workshops für Kreatives Schreiben. Seit 2016 lebt sie in Deutschland und arbeitet als Autorin, Schauspielerin, Bildungsreferentin für interkulturellen Austausch und globales Lernen.

Francis Seeck: Zugang verwehrt

Inhalt:

Eine bislang weitgehend ignorierte Diskriminierungsform prägt das Leben vieler Menschen fundamental: Klassismus. Die Diskriminierung aufgrund von sozialer Herkunft und Position spaltet unsere Gesellschaft, in der die Schranken zwischen den Klassen immer unnachgiebiger werden. Soziale Unterschiede spitzen sich dramatisch zu. Und Francis Seeck zeigt ganz klar: Eine gerechte Gesellschaft können wir nur erreichen, wenn wir uns mit Klassismus auseinandersetzen! (Klappentext)

Rezension:

Eine der großen Gefahren für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist verglichen mit anderen Punkten, die ebenfalls zu deren Spaltung beitragen, vergleichsweise unsichtbar oder, genauer, vor allem sichtbar für jene, die es betrifft. Klassismus ist der Oberbegriff dieses Phänomens, welches das Leben einer immer größeren Gruppe von Menschen bestimmt und dies von Geburt an. Die Kulturanthropologin und Antidiskriminierungstrainerin Francis Seeck hat nun eine zugängliche Diskussionsgrundlage verfasst, die zum Anlass genommen werden darf, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Wenn immer mehr Einkommen für Miete aufgewendet werden muss, Parkbänke so gestaltet werden, dass sich wohnungslose Menschen nicht länger dort aufhalten mögen und können, gleichzeitig die Lücke zwischen Arm und Reich immer unüberwindbarer wird, ein Aufstieg sowohl materiell als auch sonst gesellschaftlich kaum mehr möglich ist, ist dies nichts anderes als sich eine immer stetiger zeigende Festigung von Unterschieden. Damit ist dies Grundlage einer Ideologie, die nicht nur allein als Diskriminierungsform, sondern fast immer auch in Verbund mit anderen daherkommt.

Die Autorin, als Eine, die sich selbst durch Klassenschranken kämpfen musste, erklärt die Entstehung des Begriffs und seine Fascetten, die historische Dimension und ihre heutigen Ausprägungen, zugleich Verknüpfungspunkte und Lösungsmechanismen, über die zumindest nachgedacht werden sollte.

Dieses Buch soll zeigen, wie die oft ignorierte Diskriminierungskategorie Klassismus unsere Gesellschaft umfassend prägt. Mein Ziel ist, Menschen für Klassismus zu sensibilisieren, damit wir gemeinsam für eine sozial gerechtere Gesellschaft kämpfen. Es reicht nicht, über Klassismus zu reden und neue Theorien zu entwickeln, wir sollten auch ins klassismuskritische Handeln kommen.

Francis Seeck: Zugang verwehrt – Keine Chance in der Klassengesellschaft

Das klingt zunächst sehr technisch, doch anhand von Beispielen, die sie immer wieder einbringt, beleuchtet Seeck beide Seiten unserer und vergangener klassistischer Gesellschaften, derer die danach streben und derer, die dagegen ankämpfen. Gleichzeitig verliert sie jedoch nicht den Blick auf jene, die als Opfer dieses Systems so stark darin gefangen sind, dass sie Hilfe brauchen, um sich da raus zu kämpfen. Dies aus Perspektiven, die heute immer noch zu wenig eingenommen werden.

Wie auch den Schreibenden der bereits erschienenden Streitschriften der Reihe „Zündstoff“ gelingt es ihr in kompakter Form Grundlagenwissen zu einer wenig bisher differenziert beleuchteten Thematik zu vermitteln, dass zwangsläufig neue Perspektiven gewonnen werden, ohne dass man zugleich mit allen genannten Lösungsvorschlägen einverstanden muss.

Schnell wird man jedoch feststellen, wie sehr man selbst vielleicht im klassistischen Denken verhaftet und wie schwer es angesichts unserer Gesellschaft ist, dauerhaft umzudenken. Diesen Prozess anzustoßen, ist ein Kraftakt, der mit dem Lesen der Denkschrift und der Diskussion die folgen sollte, der Francis Seeck gelungen ist.

Autorin:

Francis Seeck wurde 1987 geboren und ist eine deutsche Kulturantropologin und Antidiskriminierungstrainerin. Sie studierte zunächst Kulturwissenschaften an der Europa Universität Viadrina und Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität Berlin, an der sie auch promovierte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. Antidiskriminierung und Gender, qualitative Sozialforschung und soziale Gerechtigkeit.