Rezension

Thomas Reinertsen Berg: Auf einem Blatt die ganze Welt

Auf einem Blatt die ganze Welt Book Cover
Auf einem Blatt die ganze Welt Thomas Reinertsen Berg dtv Erschienen am: 23.10.2020 Seiten: 351 ISBN: 978-3-423-28246-8 Übersetzung: Frank Zuber, Günther Frauenlob

Inhalt:

Von den geheimnisvollen Symbolen der Steinzeit bis zu Google Earth: Thomas Reinertsen Berg nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Landkarten. Etwa nach Antwerpen, dem Zentrum der Kartografie im 16. Jahrhundert, wo Abraham Ortelius 1570 den ersten modernen Atlas schuf.

Oder in die Arktis, wo Fridtjof Nansen während einer Expedition bislang unbekannte Gebiete kartierte. Er berichtet vom Versuch, den Meeresboden topografisch abzubilden, vom kampf um den Weltraum zwischen Amerikanern und Sowjets und von der Halbwertszeit digitaler Aufzeichnungen. Eine eindrückliche Erzählung über die menschliche Sehnsucht, den geografischen Raum zu erfassen und darzustellen. (Klappentext)

Rezension:

Der Erfolg des Menschen liegt in der Fähigkeit begründet, miteinander zu kommunizieren und sich zusammen zu schließen, jedoch auch mit anderen das Wissen um Nahrungsquellen, Gefahren oder Wasser zu teilen. Seit jeher spielte dabei die Verbildlichung, die Kartierung der Welt eine bedeutende Rolle, die bis heute anhält. Zunächst beschränkte sich die Visualisierung auf die unmittelbare Umgebung, die man auf Felswänden darstellte.

Von diesen ersten Karten bis zur Erweiterung des Radius‘ durch die Satellitentechnologie war es jedoch ein langer, manchmal abenteuerlicher Weg. Thomas Reinertsen Berg wirft mit seinem Lesepublikum einen Blick in diesen Teil unserer Geschichte.

Nach intensiver Recherche nimmt der Autor uns mit auf eine erstaunliche Reise, die faszinierender kaums ein könnte. Das Interesse des Autoren für die Thematik überträgt sich Zeile für Zeile auf die Lesenden, die gleichsam in das abgebildete und erläuterte Kartenmaterial versinken.

Anhand diesem wird im Spannungsfeld zwischen Überblicks- und Detailwissen nach intensiver Recherche ein Horizont eröffnet, so wie es sein müsste, würde man als Mensch sämtliche Epochen unserer Geschichte selbst erleben.

Karten sind Weltbilder – Bilder der Welt. Alle Karten in diesem Buch repräsentieren verschiedene Blickwinkel auf unsere Welt, von den Spekulationen der Griechen bis zum religiösen Blick des Mittelalters, von der proto-wissnschaftlichen, objektivereren Kartierung der Renaissance bis zur enormen Datensammlung im digitalen Zeitalter. Gemeinsam ist allen, dass ihr Blick auf die Welt aufzeigt, was man zu ihrer Zeit wichtig fand und was damals möglich war.

Thomas Reinertsen Berg „Auf einem Blatt die ganze Welt“

Das ist kurzweilig beschrieben, zugleich spannend, spart Reinertsen Berg nicht am reichhaltigen Erzählen, wenn es um die großen Polarexpeditionen auf der Suche nach Seewegen geht oder aber auch, viel früher, um die Konkurrenzkämpfe der Kartografen und Drucker im Antwerpen des 16. Jahrhunderts.

Er zeigt, welchen Einfluss Menschen von Beginn auf die Kartierung, damit die Wahrnehmung der Welt nahmen, spart jedoch auch die Eindrücke nicht aus, denen die Kartografen von Ortelius bis Blaeu unterlagen, sowie, was dies bis heute mit uns macht und wohin sich unsere Wahrnehmung der Karten in Zukunft entwickeln wird.

Kleinteilig ist dies zuweilen, jedoch so vielschichtig, wie die Männer und Frauen, die den Horizont der Karten durch ihre Theorien, Forschungen und Expeditionen und manchmal durch schieres Glück erweiterten, so dass hiermit ein spannendes Stück Geschichte gesammelt vorliegt, in welcher es sich lohnt, einzutauchen.

Die Herausforderungen der Kartierer vergangener Zeiten waren andere als die unsrigen, doch um Möglichkeiten und Nutzen der Kartografie für die Problemstellungen unserer Welt zu begreifen, lohnt der Blick zurück. So ist dieses kurzweilige und informativ gut recherchierte Werk nur zu empfehlen.

Leseprobe: Hier klicken. (Quelle: dtv)

Autor:

Thomas Reinertsen Berg wurde 1971 geboren und ist ein norwegischer Journalist und Autor für Sachbücher. Er studierte Literaturwissenschaften, sowie nahöstliche und nordafrikanische Kultur. Im Jahr 2003 war er Mitbegründer der zeitschrift „Babylon – nordische Zeitschrift für Nahost-Studien“, der er noch immer als Redakteur angehört. Seit 2007 schreibt er Kolumnen für die norwegische Zeitung Morgenbladet. Sein Buch „Verdensteater“ veröffentlichte er in seinem Heimatland 2017. Dafür erhielt er den Brage-Preis der Kategorie Sachbuch.

Sebastian Fitzek: Der Heimweg

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Der Heimweg Sebastian Fitzek Droemer Knaur Erschienen am: 21.10.2020 Seiten: 400 ISBN: 978-3-426-28155-0

Inhalt:

Wer das Datum seines Todes kennt, hat mit dem Sterben schon begonnen…

Samstag, kurz vor Mitternacht. Jules Tannberg sitzt am Begleittelefon, ein Service für Frauen, die nachts auf ihrem Heimweg Angst bekommen und eine beruhigende Stimme brauchen. So wie Klara. Die junge Frau glaubt, von einem Psychopathen verfolgt zu werden, der vor Wochen mit Blut ein Datum auf ihre Schlafzimmerwand malte: Klaras Todestag! Und dieser Tag bricht gerade an… (Klappentext)

Rezension:

Für seinen Freund übernimmt er die Schicht am Begleittelefon, einen ehrenamtlichen Service für Frauen, um diesen mit beruhigender Stimme Sicherheit auf ihrem Heimweg zu geben. Geübt, mit ruhiger Stimme, spricht Jules ihnen Mut zu. Seine Mission, ihnen Sicherheit zu geben. Komme, was da wolle. Mit diesem Anruf jedoch hat er nicht gerechnet und so gerät Jules zusammen mit Klara, die ihrem Leben anfangs selbst ein Ende setzen möchte, um den zuvor zu kommen, der ihr eine schreckliche Frist gesetzt hatte, in ein grausames Verwirrspiel.

Deutschlands meist gelesener Autor für Psychothriller nimmt wieder einmal eine Gegebenheit aus der realen Welt zum Anlass, um dieses mit den tiefsten menschlichen Abgründen zu verweben, die man sich nur denken kann. In kurzweiligen Kapiteln und stetig steigender Spannungslinie hat er eine Geschichte um eine real existierende Hotline geschrieben, die chaotischer nicht sein könnte.

Aus wechselnden Perspektiven wird „Der Heimweg“ erzählt, wobei beide Protagonisten ihre dunklen Seiten aufweisen, die nach und nach aufgedeckt werden, und die Lesenden förmlich dazu einladen, das aufgegebene Rätsel zu lösen. Zugänglich werden beide Figuren nicht wirklich zugänglich, zudem der Titel nur im übertragenen Sinne zu lesen ist und der Klappentext einmal mehr so viel wie wenig mit dem eigentlichen Inhalt zu tun hat.

Wer Fitzeks Erzählstil kennt, weiß jedoch, worauf man sich einlässt, rät mit, um am Ende doch noch überrascht zu werden. Sebastian Fitzek schreibt eben Unterhaltungsliteratur, ohne Ziel, Kriminalität realitätsnah abzubilden. Wer sich das wünscht, kann getrost jeden zweiten Krimi im Fernsehen und in Papierform für sich streichen.

Davon abgesehen ist die nervenzerrende Spannung dieses Werkes nichts für zarte Gemüter. Phasenweise ist die erzählte Geschichte brutal. Der deutsche Psychothriller-Autor nähert sich da sehr manchen britischen oder amerikanischen Kollegen an, wenn auch nicht ganz so absurd wie etwa Cody McFadyen, der kaum lesbar ist.

Hier bekommt Fitzek immer wieder die Kurve, auch wenn es dieses eine Mal hart an der Grenze ist und er immer wieder eine Zehe drüber setzt. Der Autor hat einmal gesagt, dass, um so schöner die Umgebung ist, in der er schreibt, um so erschreckender werden seine Geschichten. Fitzek hatte offenbar viel Zeit, sich eine entsprechende Schreibumgebung hierfür zu schaffen.

So fügt sich das Werk nahtlos in die Reihe der bisher geschriebenen ein und beweist einmal mehr, weshalb der Autor in schöner regelmäßig weiter oben auf den Büchertischen landet. Die Hotline existiert derweil in der Realität und ist anders als in der Geschichte ansonsten für jedem verfügbar, der sie benötigt.

In diesem Sinne darauf aufmerksam und den Service etwas bekannter zu machen, ist ja auch mal ganz schön, zumal Sebastian Fitzek durchaus viele Menschen erreicht. Schön ist auch, wer aufmerksam liest, entdeckt zudem einen Protagonisten in einer Erwähnung, aus einem der anderen Bücher.

Und wenn dies das Werk schafft, ist mit einer grausamen Rätselgeschichte auch einmal etwas Gutes getan worden.

Das reale Heimwegtelefon ist übrigens nicht nur ein Service für Frauen, sondern für alle, die eine beruhigende Stimme auf ihrem Weg brauchen.

Hier klicken.

Autor:

Sebastian Fitzek wurde 1971 geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. Mit seinem Debüt „Die Therapie“ war er so gleich erfolgreich und so landet seit 2006 beinahe jedes seiner Bücher auf den Bestsellerlisten. Mehrerer seiner Romane wurden bereits verfilmt, zudem für die Theaterbühne adaptiert.

Im Jahr 2018 erhielt Fitzek den Europäischen Preis für Kriminalliteratur und war damit der erste deutsche Autor, der damit ausgezeichnet wurde. Zusammen mit anderen Autoren ging Fitzek bereits mehrere Kooperationen ein. Kennzeichen seiner Erstauflagen sind immer besondere Gimmicks, die seine Werke von anderen auf den Büchertischen abheben. Sebastian Fitzek lebt in Berlin.

Anja Goerz: Wenn ich dich hole

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Wenn ich dich hole Anja Goerz Erschienen am: 23.10.2020 dtv Seiten: 256 ISBN: 978-3423-21833-7

Inhalt: Ein abgelegenes Haus in Nordfriesland.

Ein Schneesturm, der jedes Vorankommen unmöglich macht.

Ein kleiner Junge in größter Gefahr.

Eine ganze Familie wird von den Schatten der Vergangenheit eingeholt.

(Klappentext)

Rezension:

Familiengeschichten funktionieren in Kriminalromanen sehr gut, zumal, wenn die schreibende Person, die Handlungsorte gut kennt und so eröffnet sich gleich mit den ersten Seiten von „Wenn ich dich hole“, ein atmospärischer Krimi, der uns Lesende in die Gefilde Nordfrieslands einführt. Handlungsort ist die winterlische Idylle eines kleinen Ortes, in dem sich bei beginnender Dunkelheit Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Die Düsterheit der Handlung ist schon mit den ersten Zeilen zu spüren. Erzählt wird aus wechselnder Perspektive und mit Hilfe von Zeitsprüngen ein klassisches Familiendrama. Ein Geheimnis, ein sich darauf aufbauender, langsam hochschaukelnder Konflikt, vorangetrieben durch, leider, klischeehafte Figuren.

Die dörfliche Zusammensetzung ist gut dargestellt. Auch die Dynamik innerhalb einer kleinen, oberflächlich zusammenhaltenden Gemeinschaft ist fassbar, die mit zunehmender Anzahl der kurzweiligen Kapitel ihre Risse offenbahrt. Die Beschränkung auf wenige Hauptprotagonisten ist hier sehr gelungen, für die Kürze der Geschichte jedoch auch notwendig. Dazu ein wenig norddeutsches Platt. Fertig ist der wohlig-schaurige Provinzkrimi.

Die Kapitel vermögen das Lesepublikum bei Stange zu halten, jedoch vermag der kaum unerträglich werdende Nervenkitzel, der sonst in diesem Genre zu finden ist, kaum aufkommen. Die Autorin hat hier eine sehr ruhige Art, eine Geschichte zu erzählen, an den Tag gelegt, leider mit den zeitlichen Rückblicken der Gedankenwelt einer der Protagonisten sehr schnell die Auflösung verraten. Anja Goertz hat sich hier leider selbst gespoilert, was selbst unerfahrenen Krimi-LeserInnen ins Auge stechen dürfte.

Der Verlag ordnet die Geschichte, deren Ende durchaus eine Fortsetzung zulässt, als Thriller ein. Kriminalroman wäre wahrscheinlich das passendere Genre. Dennoch, wer gerne norddeutsch angehauchte Krimis liest, sich von manchem Klischee nicht stören lässt, für den der Weg zum Ziel, nicht die Auflösung selbst wichtig ist, der findet hier Lesestoff, wenn er auch den Spannungsbogen, nun ja, nicht überspannt.

Autorin:

Anja Goertz wurde 1968 in Niebüll geboren und ist eine deutsche Hörfunkmoderatorin und Autoin. Nach ihrer Arbeit als Fotografin begann sie 1989 ein Praktikum bei Radio Schleswig-Holstein, arbeitete als Reporterin und Moderatorin für verschiedene Rundfunkformate. 1994 wechselte sie zu N-Joy, vier Jahre später zu Sat1.

Später erarbeitete sie Content für verschiedene Radiosender. Parallel ist Goertz als Sachbuch- und Romanautorin tätig. 2011 erschien ihr Debütroman, 2014 ihr Sachbuch „Der Osten ist ein Gefühl“. „Wenn ich dich hole“, ist ihr Krimi-Debüt.

Antoine Leiris: Danach, das Leben

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Danach, das Leben Antoine Leiris S. Fischer Erschienen am: 07.10.2020 Seiten: 192 ISBN: 978-3-10-397044-9 Übersetzerin: Doris Heinemann

Inhalt:

Fünf Jahre nach dem Tod seiner Frau im Pariser Bataclan erzählt Antoine Leiris, wie er ins Leben zurückfand. Für seinen Sohn und gemeinsam mit ihm.

Eines Morgens, ein Jahr danach: Antoine packt die Schätze, die ihm von Helene geblieben sind, in schwarze Säcke. Zusammen mit dem kleinen Melvil trägt er sie nach unten, um sie den Müllmännern zu übergeben. Keine Tränen – Melvil ist stolz, seinem Vater zu helfen. Für Antoine ein Akt der Befreiung, des Loslassens, ein Schritt zurück ins Leben.

Einer von vielen. So zieht sich der Schmerz Stück für Stück zurück, mit jedem Jahr, das vergeht. Doch obwohl die Trauer verblasst, wird Helene ihn nie verlassen. Sie bleibt wie ein guter Geist, die Erinnerung an eine einzigartige Liebe. Er aber ist ein anderer geworden. Ein liebender Vater, der wieder gelernt hat, unbeschwert mit seinem Sohn zu lachen. Gemeinsam sind sie stark, besiegen die Dunkelheit. Ein wahrhaftiges Buch über Trauer, die Liebe und das Leben. (Klappentext)

Rezension:

Plötzlich schien Frankreich für einem Moment still zu stehen. Unzählige Terroranschläge hatte es bereits in Europa gegeben. Am 13. November 2015 wurde die quirlige Stadt an der Seine mitten ins Herz getroffen. Terroristen töteten im Bataclan-Theater 89 Menschen. Unzählige weitere mussten in den umliegenden Cafes udn Restaurants sterben. Mit einem Mal wurden Menschen aus dem Leben gerissen, Familien zerstört. Auch Antoine Leiris‘ Glück endete schlagartig, als seine Frau dabei ums Leben kam.

Der Journalist und junge Familienvater tut das, was er am besten kann, schreibt sich seine Trauer von der Seele. Entstanden ist der Text „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, später daraus ein Theaterstück. Doch, kann es danach weitergehen? Zuerst nur unmerklich, dann mit immer größeren Schritten findet Leiris ins Leben zurück und beginnt vom Neuen. Für sich. Für seinen kleinen Sohn.

Zu Beginn liest er sich schleppend, der Text, der als Prosa daherkommt und dennoch als Sachbuch vermarktet wird. Literarisches Sachbuch ist das eher, diese Trauerarbeit in Schriftform. Man merkt den Text die anfängliche Schwere an, wenn sich Tage ziehen und sich jede noch so kleine Tätigkeit schwer anfüllt. Immer wieder schweifen die Gedanken des Autors zurück, an das was war.

Durchbrochen nur von den Launen, dem Lachen, dem Weinen seines kleinen Sohnes. Verbindungsglied zu einem vergangenen Leben, gleichsam Dreh- und Angelpunkt des Textes. Um Melvil dreht sich alles, muss sich drehen. Für den kleinen Sohn muss es weitergehen, darf der Vater nicht aufgeben und muss sich wieder ins Leben zurückfinden.

Hart zu lesen. Starker Tobak ist das, Zeile für Zeile. Doch, die harte Schale wird aufgebrochen. Immer sensibler werden die beschriebenen Momente. Der Blick des Trauernden, die Perspektive des Autoren beginnt die Vergangenheit zu nehmen und auf das Zukünftige zu fixieren. Förmlich spürt man es beim Lesen, wie das Schreiben leichter von der Hand ging, mit zunehmender Seitenzahl.

Es gibt nur diese eine Perspektive, andere umgebende Menschen werden beobachtet. Deren Leben dreht sich ja auch weiter. Der Sohn noch zu klein, um zu ahnen, dass auch ihn das alles betrifft. Bleibt nur die Frage, warum jemand anderes das lesen soll, lesen möchte? Einen solch persönlichen Text, der alles frei legt. Beinahe zu viel des Gutem?

Lesbar für all jene, die selbst etwas zu verarbeiten haben oder hatten, die versuchen, einen unbegreiflichen Schicksalsschlag irgendwie zu fassen, sich für sich selbst oder für andere wieder aufrappeln wollen, müssen. Dann funktioniert dieses kleine Werk, in dem viel Großes Steckt wunderbar. Alle anderen Lesenden ist „Danach, das Leben“ nur mit Vorsicht zu empfehlen.

Wer möchte sich schon freiwillig von melancholischer Schwere, zumindest zu Beginn, erdrücken lassen?

Autor:

Antoine Leiris wurde 1981 geboren und ist ein französischer Journalist. Zunächst arbeitete er für den Radiosender France Info, bevor er 2014 kündigte, um einen Roman zu schreiben.

Stattdessen veröffentlichte ernach dem Tod seiner Frau, die bei dem Anschlag auf den Pariser Bataclan ums Leben kam, seinen Text „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, der zu einem Theaterstück verarbeitet wurde. Seit 2018 arbeitet er als Redenschreiber für die Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Mit seinem Sohn lebt Leiris in Paris.

Rita Mielke: Atlas der verlorenen Sprachen

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Atlas der verlorenen Sprachen Rita Mielke Duden Verlag Erschienen am: 07.10.2020 Seiten: 240 ISBN: 978-3-411-70984-7

Inhalt:

Fremde Sprachen eröffnen überraschende Einblicke in die Lebenswelten von Völkern und Kulturen. Irokesisch, Tofalarisch, Sami, Bora, Quechua: Allein der Klang dieser Sprachbezeichnungen erinnert an die enorme kulturelle Vielfalt auf unserer Erde – und daran, dass viele dieser Sprachen bedroht oder bereits verloren sind. der „Atlas der verlorenen Sprachen“ reist einmal um die Welt und besucht 50 Sprachen auf fünf Kontinenten. (Klappentext)

Rezension:

Sprachen sind per Definition komplexe Systeme, sich auszudrücken und um sich zu verständigen. Unzählige gibt es auf unserem Planeten,allesamt Kulturgut. Wenige werden von vielen Menschen gesprochen, allzu viele sind dagegen vom Aussterben bedroht oder bereits für immer verschwunden. Das hat verschiedene Ursachen, die großteils in unserer Geschichte zu suchen sind.

Um so wichtiger ist es, zu dokumentieren, was noch zu recherchieren ist, die wenigen verbliebenen Sprecher und Sprecherinnen aufzusuchen, um so viele Wortschöpfungen, grammatikalische Gegebenheiten für die Nachwelt zu bewahren, zumal in einer globalisierten Welt, in der kleinräumige Sprachen immer mehr drohen, auszusterben.

Manchmal gelingt das. Verschiedene Sprachen, die einst auszusterben drohten, werden heute wieder gepflegt. Andere sind bereits heute verloren. Die Duden-Redaktion hat sich aufgemacht und legt zum wiederholten Male ein buntes Sammelsurium vor, diesmal rund um den Globus, in fünfzig Sprachen um die Welt.

Wie viele Wortschöpfungen kennt eine Sprache für Regen? Was bedeuten Zahlen, wenn nach der Vier nur noch „Viele“ kommen und was wurde und wird bis heute getan, um Sprache zu bewahren? Kurzweilig ist dieses kuriose Lexikon, welches das Vorkommen der Sprache in schereschnittartiken Landkarten verdeutlicht, ebenso die Anzahl derer, die die jeweiligen Sprachen heute noch pflegen, damit kommunizieren können.

Auf den nachfolgenden jeweils zwei bis vier Seiten wird dann ein kleiner informativer, nicht trockener Abriss der Geschichte dieser Sprache dargestellt, Zusammenhänge gezeigt, die zum jeweiligen Zustand dieser führten, in der sich die erwähnten Sprachen heute befinden.

Das ist zum Teilen amüsant, oft genug traurig, doch wird hier gezeigt, dass Sprache durchaus lebendig gehalten werden kan, ob in Gegenständen der sie jeweilig verwendenden Kulturen oder durch die Übernahme von Begriffen in einer Sprache, die in noch größerer Anzahl gesprochen wird.

Wer dieses Werk, dieses kleine Lexikon zur Hand nimmt, wird darin versinken und über so herrliche Begriffe wie Humuhumunukunukuapua’a stoßen und herausfinden, was der Autor von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“mit einem Riesenfarn zu tun hat, wie kompliziert man in anderen Sprachen Verwandtschaftsbeziehungen ausdrücken kann, und das isolierte Sprachen den Hang zum Komplizierten besitzen.

Es wäre doch witzig, wenn aufgrund von solchen Werken nicht mehr nur Igel im Herbst unsere Wege kreuzen, sondern ein Stachelinus (Begriff aus dem Rotwelchem).

Für alle, die sich gerne mit Sprache beschäftigen, damit spielen und auch sonst Geschichte und Kultur einmal von einem anderen Blickwinkel betrachten möchten, ist dies eine wunderbare Zusammenstellung.

In der Hoffnung, dass es zumindest einige der Sprachen schaffen, zu überleben und aus anderen wenigstens ein paar Begriffe und Eigenheiten zu retten. Dieses nicht auf Vollständigkeit bestehende Werk ist schon einmal ein Anfang. Festzustellen bleibt, Sprache ist spannend.

Autorin:

Rita Mielke ist Autorin und Sprachwissenschaftlerin beim Duden-Verlag.

Und nun eine kleine Rätselfrage. ;-D

Was ist ein Humuhumunukunukuapua’a?

Lösung:

Der Diamant-Picassodrückerfisch in der Sprache Hawaiianisch. Das Tier ist der Staatsfisch von Hawaii.

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Klaus Brinkbäumer/Stephan Lamby: Im Wahn – Die amerikanische Katastrophe

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Im Wahn – Die amerikanische Katastrophe Klaus Brinkbäumer/Stephan Lamby C.H. Beck Verlag Erschienen am: 28.09.2020 Seiten: 389 ISBN: 978-3-406-75639-9

Inhalt:

Nach vier Jahren einer fatalen Präsidentschaft sind die USA eine wütende, nur noch im Hass vereinte Nation – und erleben in der gegenwärtigen Weltkrise eine mutible Katastrophe. Der ehemalige Chefredakteur des SPIEGEL Klas Brinkbäumer und der preisgekrönte Dokumentarfilmer Stephan Lamby berichten von den zahlreichen Fronten.

Ihr Buch ist eine investigative Reportage über ein zerfallendes Land, das seinen Kompass und seine Wahrheiten verloren hat. (Klappentext)

Rezension:

Einen Trümmerhaufen gleich, liegt die amerikanische Demokratie am Boden. Ein Scherbenhaufen, der in immer noch kleinere Teile zerstoßen wird und kaum mehr verbunden werden kann, zu dem, was dieses Land einst zur Weltmacht ersten Ranges gemacht hat.

Seit Jahrzehnten haben viel zu viele daran gearbeitet, dieses System zu zerstören, erst langsam, dann immer schneller und so ziehen sich heute kaum zu überwindende Gräben durch die amerikanische Gesellschaft, Medien und Familien.

Symptom dessen ist seit 2016 ein amerikanischer Präsident, der von Demokratie und Meinungsfreiheit nichts hält, Wissenschaftlern nicht traut und überdies nur seine eigene Sicht der Dinge gelten lässt, seine Bürger nach Strich und Faden belügt. Der Feind bestimmt den politischen Alltag. Ein Diskurs fast unmöglich. Die Journalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby haben sich auf Spurensuche begeben und fahnden nach einer Nation im Wahn..

So viele Bücher sind bereits von allen Fronten her erschienen, über die präsidentschaft Trumps, die nun wohl ein Ende findet. Der Scherbenhaufen, den der Immobilienmogul hinterlässt, gibt jedoch Anlass zur Sorge. Denen, die bis dato davon profitiert haben und Angst vor einer Zukunft nach einem Politikwechsel haben, denen, die sich dafür fürchten, was passiert, wenn das zerstörte System der amerikanischen Demokratie nicht mehr repariert werden kann.

Feinfühlig und dicht öffnen die beiden deutschen Journalisten ihren LeserInnen, was für Außenstehende kaum zu begreifen ist. Sie fragen nach, zu beiden Seiten der politischen Lager, die sich verfeindet gegenüber stehen, versuchen zu verstehen und dennoch fühlt man sich Zeile für Zeile einem kommenden Bürgerkrieg näher, den man kaum ausweichen kann. Als ausländischer Betrachter zum ratlosen Zuschauen verdammt.

Rechercheleistung durch die jüngere amerikanische Geschichte, die zeigt, welche Auswirkungen die Sklaverei noch heute führt, weshalb sich die Kolonialisatoren von einst heute bedroht fühlen und immer radikaler denken.

Das und dazu die Betrachtung einer politischen Welt, die sich ihre Feindbilder selbst schafft, dabei sich immer mehr vom Normalbürger entfernt, der dann unter Umständen sogar dazu bereit ist, Lügen eines Staatsoberhauptes zu akzeptieren. Denn, „die anderen lügen mehr als wir, also ist ein wenig Lügen in Ordnung“. Der neue Maßstab, der alles vorher Dagewesene ins Wanken bringt.

Die Journalisten zeichnen die Entwicklung der Präsidentschaft eines Menschen nach, der sich Autokraten näher fühlt als den Werten einer Nation, die er vertreten soll, von seinen Anfängen bis kurz vor der Wahl 2020, zeigen Weichenstellungen auf und Medien, die praktisch Amtshilfe zur Zerstörung der Demokratie geleistet haben, und heute auf wenige Leuchttürme zusammengeschrumpft, um die Deutungshoheit kämpfen.

Beidseitig ist der Blick, nach links und rechts. Voreingenommen nicht. So wird dann auch das Buch eines John Bolton durchaus kritisch gesehen, ebenso die Bücher der ganzen „in Ungunst Gefallenen“, Leichen auf den Weg des Präsidenten.

Erschütternd ist dieser Zustandbericht zu lesen. Nur klein sind die Hoffnungsschimmer, die die beiden Autoren entdecken. Zu wenig vielleicht, um noch zu retten, was die USA einst waren. Brinkbäumers und Lambys Buch sollte zugleich eine Warnung davor sein, was moderne Demagogen anrichten können, wovor auch in Europa kein Land gefeit ist.

Zeile für Zeile so zu analysieren, woran eine Gesellschaft krankt, dabei versuchen nicht zu einseitig zu werden, ist eine Leistung die hier durchaus erbracht wurde, die uns genug Denkanstöße zum Erhalt dessen geben sollte, was den transatlantischen Nachbarn so gar nicht gelungen ist.

Was bleibt? Wie wird es weitergehen? Wird der Nachfolger Trumps nur noch Verwalter eines Scherbenhaufens sein oder kann man der Zerstörung irgendwie Herr werden? Die Amerikaner sollten es versuchen, so die Autoren. Zu ihrem eigenen Schutz. Die Frage, die sich den diesen Bericht lesenden Publikum stellen wird, ist jedoch, ob sie das überhaupt wollen?

Autoren:

Klaus Brinkbäumer wurde 1967 in Münster geboren und ist ein deutscher Journalist. Zunächst arbeitete er bei den Westfälischen Nachrichten, studierte danach in Santa Barbara (Kalifornien) und in München, bevor er ein Volontariat bei Weltbild absolvierte.

Ab 1993 arbeitete er beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und wurde Chefredakteur (2018), sowie Herausgeber von Spiegel Online. Im jahr darauf wechselte er zur Zeitung „Die Zeit“, moderierte einen eigenen Podcast. Brinkbäumer ist Dozent an der Henri-Nannen-Schule und lebt in Hamburg.

Stephan Lamby wurde 1959 geboren und ist ein deutscher Journalist, Autor und Produzent. Zunächst studerte er in Marburg, später dann Hamburg, Germanistik und Anglistik, bevor er als freier Journalist in New York City arbeitete.

Nach einer Zwischenstation im Rundfunk wechselte er zum Fernsehmagatin der Zeitung „Die Zeit“ und veröffentlichte Dokumentationen zu u.a. Politik, Wirtschaft, Geschichte und Wissenschaft. 2018 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis, ein Jahr später die Goldene Kamera. Von zahlreichen Politikern fertigte er Fernsehporträts, u.a. Henry Kissinger und Fidel Castro.

Esther Safran Foer: Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind Book Cover
Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind Esther Safran Foer Kiepenheuer & Witsch Erschienen am: 05.11.2020 Seiten: 288 ISBN: 978-3-462-05222-0 Übersetzer: Tobias Schnettler

Inhalt:

Esther Safran Foer, die Mutter des Bestsellerautors Jonathan Safran Foer, begibt sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Familie, die in der schrecklichen Dunkelheit des Nationalsozialismus begraben wurde.

Nur mit einem Schwarz-Weiß-Foto und einer handgezeichneten Karte reist sie zusammen mit ihrem Sohn in die heutige Ukraine, um das Schtetl zu finden, in dem sich ihr Vater während des Krieges versteckt hatte. Ein Buch gegen das Vergessen und ein kleiner Triumph über den Faschismus.

Rezension:

Kaum eine Familie lebt ohne sie, diesen Anekdoten, denen man sich kaum entziehen kann. Diesen Ereignissen, die immer wieder zur Sprache kommen und so zur Wahrheit eines jeden einzelnen Familienmitgliedes werden, auch wenn dieses das Erzählte selbst nicht erlebt hat.

Es gibt aber auch die andere Form, die unausgesprochenen Ereignisse, Weichenstellungen, Schicksalsschläge, die kaum erzählt werden, nur beiläufig erwähnt oder in ganz besonderen Momenten in Worte gefasst werden.

Etwas, worüber nur selten in Ausnahmefällen gesprochen wird. Einem solchen Moment wohnt Esther Safran Foer bei, als ihre Mutter von der Vergangenheit ihres Mannes beiläufig erzählt. Darauf beginnt eine jahrelange Suche und das Aufbrechen der finstersten Jahre ihrer Familiengeschichte.

Es ist die Geschichte einer Familie, die man vielleicht nicht lesen würde, wenn nicht die Schreibende selbst Mutter eines erfolgreichen Autoren wäre, doch Esther Safran Foer nimmt sich beim Beschreiben dieser, ihres Vaters und ihrer Mutter, bewusst zurück. Die Autorin hält sich an Fakten, lässt die Emotionen dieser Bewältigungsarbeit behutsam einfließen und herausgekommen ist ein liebevolles erschütterndes Porträt.

Wie viel Leid, wie viel Ruhelosigkeit vermag eine junge Familie zu ertragen? Welchen unbewussten Einfluss hat die Geschichte auf das Schreiben ihrer Söhne und ist Verarbeitung ein generationsübergreifender Prozess, der nie beendet werden kann? Diese und andere Fragen stellt man sich unwillkürlich beim Lesen der Zeilen.

Sehr dicht, sehr schnell, fast gedrängt beschreibt die Autorin das Zusammenführen der Puzzleteile, die sie schließlich in das Land ihrer Vorfahren führt, um diesen nahe zu sein und einen, wie auch immer gearteten Abschluss zu finden.

Es ist ein Streifzug durch die Geschichte der Foers, der fiktionalisiert im Roman „Alles ist erleuchtet“ des einen Sohnes begann, sich über die Jahre immer wieder durch das Leben von Esther Safran Foer zieht. Wie ein Detektiv, der lose Fäden findet und zusammenfügen muss, beschreibt sie, wie eine Antwort zu unzähligen neuen Fragen führt, wie ihre Mutter eigentlich mit der Vergangenheit abschließen wollte, doch diese für die Tochter fast zur Obsession wurde.

Wie viel kann eine Familie ertragen? Wie groß müssen Abstände zum Unaussprechlichen sein, um weiterleben zu können? geht das überhaupt? wie groß ist der Einfluss, auf das, was nachfolgt, aquf das Leben weiterer Generationen?

Die Biografie einer Suche nach Antworten, fast so literarisch wie die Schreibarbeit von Jonathan Safran Foer selbst, erschütternd jedoch, wie so vieles, was in den Wirren der Zeit des Zweiten Weltkrieges geschehen ist, als die Nazis weite Teile Europas in Schutt und Asche legten, Millionen Menschen ermordeten, nicht zuletzt derer jüdischen Glaubens, wie Teile der Familie Safran, denen mit „Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ ein Denkmal gesetzt wurde.

Vielleicht kann diese Familienbiografie, die sich eine Episode herausgreift, zum Anlass genommen werden, einmal selbst in der Vergangenheit der eigenen Familie nachzuforschen? Um Klarheit zu schaffen, aber auch offene Fragen zu beantworten und andere aufzuwerfen.

Autorin:

Esther Safran Foer wurde 1946 in Lodz geboren und ist eine US-amerikanische Autorin und ehemalige Geschäftsführerin eines jüdischen Kulturzentrums. Nach dem Holocaust und einige Jahre in einem DP-Lager in Deutschland wanderte die Familie nach Amerika aus.

Sie studierte Politikwissenschaften und arbeitete 1972 für den Präsidentschaftskandidaten George McGovern und gründete 2002 eine PR-Agentur. Von 2007 bis 2016 leitete sie das jüdische Kulturzentrum „Sixth & I Historic Synagogue“.

2020 schrieb Foer ihre Suche nach der ersten Frau ihres Vaters und dessen Tochter nieder, die beide im Holocaust umkamen. Ihre Söhne sind der Schriftsteller Jonathan Safran Foer und die Journalisten Franklin und Joshua Foer.

Alma M. Karlin: Weltreise 2 – Im Banne der Südsee

Im Banne der Südsee Book Cover
Im Banne der Südsee Reihe: Weltreise – 2 Rezensionsexemplar/Reisebericht AvivA Verlag Hardcover Seiten: 346 ISBN: 978-3-932338-78-6

Inhalt:

Am 24.11.1919 bricht Alma M. Karlin zu ihrer Weltreise auf, die sie durch fünf Kontinente führen und schließlich acht Jahre dauern wird. Durch ihre Reisetagebücher, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli (slowenisch Celje) verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten Reiseschriftsteller*innen.

Im zweiten Band ihrer Weltreisetrilogie begleiten wir Alma M. Karlin von China über die Philippinen, Australien und Neuseeland bis nach Papua-Neuguinea. Von ihrer Schreibmaschine „Erika“ abgesehen, reist sie alleine und verdient sich ihren Lebensunterhalt komplett selbst – und auch sonst hat Alma M. Karlins Weltumrundung wenig mit anderen touristischen Reisen ihrer Zeit gemein. (Klappentext)

Bücher der Reihe:

Alma M. Karlin: Autobiografie – Ein Mensch wird

Alma M. Karlin: Weltreise 1 – Einsame Weltreise

Alma M. Karlin: Weltreise 2 – Im Banne der Südsee

Alma M. Karlin: Weltreise 3 – Erlebte Welt

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Rezension:

Das Ende der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kaum verdaut, entstanden in Europa neue Staaten, verschoben sich weltweit Grenzen, wandelten sich politische Ordnungen. Viele schauten wehmütig zurück, einige wenige nach vorn. Zur letzteren Kategorie gehört die Reiseschriftstellerin Alma M. Karlin.

Unabhängig und allein, versorgt mit Aufträgen zahlreicher zeitungen machte sich die Autorin im Jahr 1919 auf den beschwerlichen Weg einer Reise, die sie rund um den Globus führen sollte. Später geriet sie in Vergessenheit. Nach und nach wird ihr Werk nun neu aufgelegt und wieder entdeckt.

Hier liegt nun der eigentliche zweite Band, wenn man ihre Autobiografie als gesonderten ansieht, vor, der uns Lesende in die Gefilde der Südsee führt. Abenteuerlich ist der Weg dorthin auch heute noch, noch beschwerlicher damals, als Schiffspassagen das Mittel der Wahl waren, die sich die Journalistin Karlin nicht immer unbedingt leisten konnte.

Einmal angelangt, beobachtet sie mit scharfen Blick das Geschehen und bringt zu Papier die spannende Geschichte eines beeindruckenden Weges. In diesem Band von Asien bis nach Australien und Neuseeland, schließlich die Südsee. Sie beschreibt, was sie sieht, lässt nichts aus und versucht Kontakte zu knüpfen, zu geistlichen Missionaren, zu kolonialen Statthaltern, zur einheimischen Bevölkerung.

Entstanden ist so ein Zeitdokument von der anderen Seite des Erdballs, einer Frau, die nach ihrer Reise nie wieder wirklich irgendwo heimisch werden sollte.

Was zeigen uns die Reiseberichte vergangener Tage? Heute sind die Grenzen und Einschränkungen andere, wie auch die Abenteuer und Regeln, die mit einem solchen Trip einher gehen. Doch, der Text ist gut lesbar, nachzuvollziehen.

Mutig, der Verlag, der auch den Blick der Autorin zulässt, die gemäß ihrer Zeit zwar auf andere Völker und Rassen herabschaute, aber versuchte zu begreifen und zu verstehen. Die Differnez natürlich, offenbart sich erst viel später, als sie sich mit den Auswirkungen des Faschismus‘ konfrontiert sah. Bis zu dieser Zeit sollten jedoch ein paar Jahre vergehen.

Die Strapazen einer solchen Reise offenbaren sich indes in jeder Zeile. Die stetig brennende Sonne, ungewohntes Essen und sonderbare Bräuche, Leben, Tropenkrankheiten wie Malaria, die zusätzlich ihren Tribut fordern sollten. Minutiös schrieb Karlin, beinahe besessen von den so förmlich spürbaren Strapazen, jedoch auch Momenten des Glücks.

Die Journalistin war keine endeckerin, keine Forscherin, die etwa auf neue Tier- und Pflanzenarten stieß, doch erlebte sie etwas, was für viele ihrer Zeitgenossen zur damaligen Zeit oft unerreichbar war.

Eine Weltriese, wer macht die schon? Zumal als Frau, alleinstehend, selbstversorgend. Superlative der damaligen Zeit, gepackt in kurzweiligen Texten, die lose gelesen werden können, jedoch zusammenhängend einen spannenden Bericht abgeben.

Emanzipatorisch sind die heute nach und nach wiederentdeckten Reisetagebücher wichtig, wenn auch an Kritik nicht gespart werden darf. Diese ist jedoch aus unserer Sicht zu verstehen, die wir wissen, welche Folgen Alltagsrassismus haben kann. Ein wichtiges, spannendes und gut lesbares Zeitdokument bleibt „Im Banne der Südsee“ dennoch.

Ein wenig Robinson Crusoe, gemischt mit Abenteuertum und Durchhaltevermögen. Was will man denn mehr?

Autorin:

Alma Maximiliane Karlin wurde 1889 in Cilli, Österreich-Ungarn, heute Slowenien, geboren und war eine Journalistin, sowie zwischen den Weltkriegen eine der meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen. Bekannt wurde sie durch ihre mehrjährige Weltreise und ihre darüber veröffentlichen Bücher.

Ihren Lebensunterhalt verdiente sich die Autorin mit ihren Beiträgen für verschiedene Zeitungen, sowie Übersetzungsarbeiten, da Karlin neben ihrer eigenen, noch elf weitere Sprachen beherrschte. 1941 wurden ihre Bücher von den Nationalsozialisten verboten, da sie sich bereits sehr früh gegen den faschismus aussprach. Karlin starb 1950. Erst nach und nach werden irhe Werke wieder entdeckt.

Yuval Noah Harari: Sapiens – Der Aufstieg

Sapiens - Der Aufstieg Book Cover
Sapiens – Der Aufstieg Yuval Noah Harari Rezensionsexemplar/Graphic Novel C.H. Beck Hardcover Seiten: 246 ISBN: 978-3-406-75893-5
Übersetzer: Andreas Wirthensohn

Inhalt:

Der Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ als Graphic Novel.

Schon bevor die Menschen sesshaft wurden, hatten sie der Erde ihren Stempel aufgedrückt. Wie konnte ein eigentlich so schwaches Tier wie der Mensch sich den Planeten untertan machen? In Sapiens, der Graphic Novel, tritt Yuval Noah Harari selbst auf und geht zusammen mit seiner Nichte Zoe diesem Rätsel auf den Grund – mit Hararis unvergleichlichem Witz, viel Charme und einer Menge an schrägen Ideen.

Noch zugänglicher, noch unterhaltsamer, aber genauso intelligent und lehrreich wie sein Kultbuch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“.

Rezension:

Der Historiker Yuval Noah Harari ist sicherlich einer der gefragten Vordenker unserer Zeit. Seine Expertisen sind sowohl in der großen Politik gefragt, als auch beim Publikum und so landen seine Überblickswerke regelmäßig auf verschiedenen Bestsellerlisten.

Nur eine Frage der Zeit also, bis sein Werk auch jüngeren Lesern zugänglich gemacht werden sollte und einem breiteren Publikum nun als Graphic Novel vorgelegt wird. Herausgekommen ist dabei das vorliegende Werk „Sapiens – Der Aufsteig“.

Im Großformat ist nun die Adaption seines Weltbestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ fällig, welche schon vom Titel her irreführend ist. Es handelt sich keineswegs um eine Überblicksgeschichte, die hier geliefert wird, viel mehr um eine Konzentration auf die Entwicklung der ersten Menschen, worauf ein Bogen in die heutige Zeit gespannt und große Teile der Menschheitsgeschichte ausgelassen werden. Der Mut zur Lücke in allen Ehren, hier wird er zu großzügig ausgelegt.

Farbenfroh und sehr detailliert werden die ersten Schritte des Menschen dargelegt, Einschübe der heutigen Zeit, die sich oft auf Harari selbst beziehen, der im Austausch mit anderen Vordenkern und Wissenschaftlern, aber auch mit der nachfolgenden Generation in Gestalt seiner Nichte, gzeigt wird. Dies lockert die eigentlich dargestellte Thematik auf, zumal auch die beiden Illustratoren es nicht lassen konnten, Hararis erhobenen Zeigefinger bildlich umzusetzen. Das ist sehr detailreich, aber unglaublich anstrengend zu lesen. Eine Graphic Novel sollte dem Leser zugänglicher sein.

Viel Geplänkel um nichts, ein halb verfehlter Titel und eine Art des Erzählens, als würde man seine Leserschaft mit einem Brett auf die Buchseiten drücken, sind nicht gerade dazu angetan, einen neuen Zugang zur Thematik zu schaffen. Die Fingerzeige auf die Graphic Novel selbst sind dabei witzige Einschübe, die sich jedoch nicht wirklich im Gesamtbild einfügen wollen.

Hätte man sich wirklich auf die Frühzeit des Menschen ohne Zeitsprünge ins Heute konzentriert und auf Harari als selbst hin und her springenden Protagonisten verzichtet, wäre die Graphic Novel als Ergänzung zum Sachbuch eine runde Sache gewesen. Momentan ist dies jedoch ein Werk, was so nicht funktioniert und nicht gerade Lust macht, die schriftlichen Werke Hararis näher kennen zu lernen.

Der Zeichenstil schwankt zwischen feingliedrigen Comicstrips und groben Übersichten und setzt die handelnden Protagonisten bewusst divers in Szene, wird doch auf der ganzen Welt zur Thematik geforscht, finden sich auf den Planeten überall Hinweise auf den schon frühzeitigen Einfluss des Menschen auf Flora und Fauna des Planeten. Wenigstens dem hat diese Adaption Rechnung getragen.

Autor:

Yuval Noah Harari wurde 1976 in Kiryat Ata, haifa, geboren und ist ein israelischer Historiker. Seit 2005 lehrt er an der Hebräischen Universität Jerusaelm und forscht zur Militärgeschichte und zu diversen universalhistorischen Themen. 2013 veröffentlichte er „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, vier Jahre später den Nachfolgeband „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“, die beide zu einem internationalen Bestseller avancierten.

Seine Bücher wurden mehrfach übersetzt und ausgezeichnet. 2017 erhielt er den Preis für das Wissensbuch des Jahres. Im Jahr 2019 wurde ein Asteroid nach ihm benannt. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für die Tageszeitung Haaretz.

Adaption, Text und Illustration:

Daniel Casanave wurde 1963 geboren und ist ein französischer Karikaturist, Schriftsteller und Bühnenbildner. Er studierte zunächst an der School of Fine Arts in Reims und arbeitete anschließend für verschiedene Theater im Bereich Bühnenbild, Poster und Grafikdesign. Hauptsächlich zeichnet er Pressekarikaturen und Illustrationen für Kinderbücher.

David Vandermeulen wurde 1968 geboren und ist ein belgischer Designer und Drehbuchautor. Zunächst studierte er an der Königlichen Akademie der Künste in Brüssel, anschließend am Königlichen Institut für Geschichte und Archäologie 1997 gründete er seinen eigenen Verlag. Verschiedene Themen verarbeitete er zu Comic-Adaptionen und Graphic Novels.

Peter Dausend/Horand Knaup: Alleiner kannst du gar nicht sein

Alleiner kannst du gar nicht sein - Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst Book Cover
Alleiner kannst du gar nicht sein – Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst Peter Dausend/Horand Knaup dtv Erschienen am: 18.09.2020 Seiten: 463 ISBN: 978-3-423-28249-9

Inhalt:

Im Wahlkreis sind sie Könige, in Berlin oft nur Hinterbänkler. Und dennoch bilden die Abgeordneten des Deutschen Bundestages das Rückgrat unserer Demokratie. Sie beschließen Gesetze, verteilen die Milliarden des Bundeshaushalts und schicken deutsche Soldaten in gefährliche Auslandseinsätze. Wer sind die Frauen und Männer, die alle vier Jahre neu gewählt werden?

Wie arbeiten sie? Welche Mittel setzen sie ein um aufzusteigen? Wie bewältigen sie den Spagat zwischen den zwei Leben in Wahlkreis und Berlin? Wie gehen sie um mit Konkurrenz, Druck, Einsamkeit – und wie mit den Versuchungen? Wie ertragen sie Hass und Morddrohungen?

Wie ist das mit dem Lobbyismus, und wie frei sind sie wirklich in ihren Entscheidungen? Mehrere Dutzend Abgeordnete aus allen Fraktionen, Ehemalige und Mitarbeiter, Angehörige und Aussteiger haben sich geöffnet und umfassend erzählt. Das erste intime Porträt der Menschen, die unsere Politik bestimmen. (Inhaltsangabe des Verlags)

Rezension:

Kaum eine Berufsgruppe hat in den letzten Jahren einen so herben Vertrauensverlust zu verzeichnen gehabt, wie unsere Politiker, die wir mit unserer Stimme alle vier Jahre in den Deutschen Bundestag entsenden.

In einer Welt, in der es immer weniger einfache Antworten gibt, die Fragestellungen immer komplexer und undurchsichtiger werden, müssen die Abgeordneten des Bundesparlaments Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls treffen, Weichen für die Zukunft stellen und die große Politik aus Berlin hinein in ihren Wahlkreis tragen und dort, so verständlich wie möglich, ihren Wählerinnen und Wählern erklären.

Das wird immer schwieriger.

Nicht nur die erosion der sog. „Volksparteien“ zeigt dies deutlich. Doch, wie wird zwischen der Hauptstadt und dem wahlkreis Politik betrieben? Wie verläuft der Alltag der Abgeordneten? Welche Entscheidungen müssen die jenigen treffen, die nicht Minister oder Staatssekretäre sind, sondern sich in der zweiten, dritten und vierten Reihe der Rangordnung im Bundestag befinden? Welchen Zwängen und Grenzen unterliegen sie?

Welche Freiheiten nutzen die Gewählten? Wie entstehen Gesetze? Welche Erfolge und Misserfolge sind es, die unsere Abgeordneten antreiben oder verzweifeln lassen? Wo sind die Grenzen der kleinen großen Politik? Wo Druck und Bedrohungen, seitens anderer Abgeordnete, Konkurrenten, Gegenern und Wählern?

Aufgedrößelt haben dies zwei Journalisten, die in monatelangen Recherchen den Berliner Politikbetrieb quer durch alle Fraktionen beobachtet haben und verschiedene Abgeordnete zur Sprache kommen lassen.

Herausgekommen dabei ist ein nun vorliegendes, kurzweiliges und spannendes Sachbuch, welches vor allem für die jenigen lesenswert ist, welchen bisher unverständlich geblieben ist, wie Entscheidungen zustande kommen, die für uns täglich getroffen werden. Ohne Wertung, jedoch unter Hilfenahme vieler Interna wird dargestellt, wie Politik funktioniert und dass nicht nur die Politik selbst daran schuld hat, den Typ Volksvertreter heranzuzüchten, den die Bevölkerung immer mehr verachtet.

Vom ersten Tag an im Bundestag, nein, bereits vom Wahlkampf an, wird das Leben eines abgeordneten dargestellt, bis hin zur Abwahl und der Zeit danach. Intime Einblicke geben Größen wie Wolfgang Schäuble, aber auch Abgeordnete, von denen außerhalb des eigenen Wahlkreises bisher kaum jemand gehört haben dürfte.

Geschönt wird nichts, vielmehr bekommt man als Lesende/r Respekt vor dem Aufgabengebiet, in das sich die Gewählten einfinden müssen, den Zwängen und der Unberechenbarkeit.

Es geht hierbei nicht nur um die politischen Erfolge, Niederlage und Intrigen, die durchaus auch zur Sprache kommen, vielmehr erläutern die Autoren auch Zusammenhänge im politischen Gefüge und damit auch die Arbeit derer, die ebenso wichtig ist, für das Gelingen unserer Demokratie, wie etwa der Bundestagsverwaltung oder der Stenographen, die jede Rede wortwörtlich, inklusive Zwischenrufe, mitschreiben müssen.

Ein vielschichtiges Porträt mit bezeichneten Titel liegt hiermit vor, welches rein als Unterhaltung, aber mit hohem Informationsgewinn gelesen werden kann. Kurzweilig wird der politische Prozess des deutschen Bundestags dargestellt. Viele Entscheidungen, die für uns getroffen werden, erscheinen danach in einem anderen Licht.

Es ist kein Enthüllungsbuch, gibt jedoch einen Einblick hinter die Kulissen, der nachdenklich macht. Politik ist kein Selbstläufer und unsere Entscheidungsträger keine Menschen mit Heiligenschein, mit Schwächen und Stärken und einem unberechenbaren Arbeitsalltag, keineswegs in jedem Fall so bezahlt, wie es angemessen wäre.

Kritisch der Blick auf dem Lobbyismus in Berlin, den Umgang der Führungsebene der Fraktionen mit Abweichlern und der sich für die Abgeordneten immer mehrerende Druck aufgrund der Radikalisierung innerhalb des hohem Hauses und auf Wahlkreisebene.

Ohne diesen kritischen Blick zu verlieren und natürlich dem Führen von Diskussionen, das vielleicht als Quintessenz, sollten wir vielleicht in manchen Punkten etwas wohlwollender auf die Entscheidungen der Abgeordneten schauen. Beim Lesen mag oft genug der Gedanke kommen, an deren Stelle nicht stehen zu wollen. Andererseits, zum Glück gibt es Menschen, die genau das tun.

Autoren:

Peter Dausend arbeitet seit 2008 als Hauptstadtkorrespondent und Kolumnist für die Wochenzeitung Die Zeit. Davor er für die Zeitung Die Welt tätig.

Horand Knaup kam 1995 für die Badische Zeitung nach Bonn, wo er 1998 zum Spiegel wechselte. Viele Jahre begleitete er für das Nachrichtenmagazin das politische Geschehen in Berlin. Zuvor war er Korrespondent in Nairobi. Seit 2017 ist er freier Journalist und Autor.