Rezension

Hinderk Emrich: Welche Farbe hat der Montag?

Inhalt:

Blauer Wein oder Buchstaben, zu denen bestimmte Farben gehören, farbige Himmelsrichtungen oder Musik, die hörend auch in Formen und Strukturen erlebt wird. Wer solche Wahrnehmungen hat, gehört zu den Synästhetikern. Lange wurde dieses Phänomen von der Wissenschaft wenig beachtet. Das ist heute anders, auch dank Psychiatern wie Hinderk Emrich. Dieses Buch präsentiert nicht nur den Standpunkt der modernen Neurowissenschaft zum Rätsel Synästhesie; es wagt sich auch in philosophische Randgebiete. Wie sieht das Leben eines Synästhetikers aus und wie funktioniert unsere Wahrnehmung überhaupt? (Klappentext)

Rezension:
Schmeckt die Bratwurst blau und klingt der Montag rot, gehören die jenigen, die so wahrnehmen zu den Synästhetikern, eben so wie jene, die Musik in Formen vor sich ablaufen sehen oder Zahlreihen und gesprochene Wörter farbig vor den Augen ablaufen sehen. Vielleicht erzeugt aber auch das Wort Schokolade einen Geschmack nach Melone im Mund, während Kakao sich zitronengelb anfühlt?

Auch dann ist man nicht unbedingt verrückt, sondern lebt mit Sinnesverknüpfungen, die nur bei vergleichsweisewenigen Menschen vorkommen. Dieses Phänomen ist in Einzelheiten schon seit Jahrhunderten bekannt, wird jedoch erst seit wenigen Jahren ernsthaft erforscht. Nun wurde der aktuelle Wissensstand in diesem sehr detaillierten Sachbuch einmal zusammengefasst.

Zunächst einmal muss unterschieden werden zwischen dem, was Synästhesie ausmacht und Subjektivität bedeutet, bevor dann die Funktionialität der Sinne und einzelner Hirnregionen erklärt wird. Was ist angeborene Synästheie? Kann man sie erwerben und wieder verlieren? Das tun die Autoren im ersten Teil ihres kompakten Sachbuchs, welches zwar anspruchsvoll wirkt, jedoch auch für Laien verständlich beschrieben wird.

Unterstützt wird dies durch Grafiken zur Veranschaulichungen, nicht zuletzt auch Darstellungen, wie bestimmte Details von den betroffenen Personenkreis gesehen wird und warum eine Erforschung dessen lange Zeit nur schwer möglich war. Dabei werden sehr schnell einige Jahrzehnte Wissenschaftsgeschichte heruntergebrochen, immer mit Beispielen hinterlegt als Wegmarken.

Wer diesen teilweise doch trockenen Teil durchgestanden hat, kommt zu den Erfahrungsberichten von Synästhetikern, die die ganze Vielfalt des Spektrums darstellen und zeigen, wie sie, für die das Leben mit verknüpften Sinnen Alltag ist, eben diesen erleben und wo dies zu weilen zu Irritationen führt, zudem, wenn man selbst erst feststellen muss, dass Andere die Welt nicht so wahrnehmen. Gerade hier hätte ich mir noch mehr Texte gewünscht, da diese die Arbeit ungemein abrunden und Einblicke geben, in etwas, was die meisten Betroffenen als Bereicherung oder zumindest nicht als störend empfinden.

Für mich, der zumindest ein verstärktes Farbempfinden hat (Ein Rasen etwa hat für mich nicht nur einen Grünton. Ich denke, immer mehrere als gewöhnlich zu sehen. Ist das schon Synästhesie?) war dies hoch spannend zu lesen, wenn auch einige Schreibfehler hoffentlich mit den nächsten Auflagen korrigiert werden. Irgendetwas ist doch immer.

Nur eine Frage, welche Farbe hat nun für euch der Montag?

Autoren:

Hinderk Emrich wurde 1943 in der Nähe von Kassel geboren und war ein deutscher Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph. Als Wissenschaftler und Kliniker war er darum bemüht, geisteswissenschaftliche und neurobiologische Grundlagen seiner Disziplin zu integrieren und daraus Schlüsse für individuelle Therapien und gesellschaftliche Entwürfe zu ziehen. Emrich war Ordinarios für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover, 1992 bis 2008 und hielt verschiedene Lehraufträge an geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Er starb im Jahr 2018.

Markus Zedler studierte 1989 bis 1996 Medizin und schrieb seine Dissertation 1998. Danach arbeitete er mit Emrich an der Psychiatrischen Universitätsklinik, ist Oberarzt seit dem Jahr 2000. Er leitete das Heroin Behandlungszentrum von 2002 bis 2007 und studierte Gesundheitsmanagement. Zudem leitete er den Arbeitskreis Synästhesie in Hannover. Aktuell ist er an der Medizinischen Hochschule in Hannover tätig.

Udo Schneider, Co-Autor. Leider keine biografischen Informationen gefunden.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Inhalt:

Die 1960er Jahre. BRD. Im rheinischen Troisdorf betreiben die Eltern des Erzählers ein gutgehendes Fotoatelier. Häuser. Neues Auto. Sonntags Kirchgang. Doch hinter der gutbürgerlichen Fassade legen die Familienmitglieder verstörende Verhaltensweisen an den Tag. Was treibt die Eltern um, die während des Zweiten Weltkriegs bereits junge Erwachsene waren? Warum verabscheut die Oma, die zwei Weltkriege erlebte, ihren Enkel? Eine deutsche Familiengeschichte über 3 Generationen. Ein Kriegsenkelroman.

Rezension:

Mit „Die Königin von Troisdorf“, liegt hier vieles vor, nur kein Roman, wie es der Klappentext des Werks von Andreas Fischer behauptet. Beim Lesen wird man sich einmal mehr fragen, wie Verlage machmal zu ihren Einordnungen kommen. Viel mehr ist dieser Text eine Mischform aus literarischem Sachbuch, Tagebuch, Familien- und nicht zuletzt die Biografie einer Kindheit und Jugend in wirtschaftswunderlichen Zeiten.

Aus der Sicht des Kindes, des Erwachsenen, des Jugendlichen Andreas Fischer wird eine Chronik von Ereignissen aufgefächert, an die sich der Autor zu erinnern vermag, sprunghaft in Episoden erzählt, die erst nach und nach ein komplettes Bild mit all seinen Widersprüchen ergeben. praktisch in Form eines Tagebuch springt der Schreibende vom Erlebten zu Erlebten, versucht jene zu verstehen, die ihn in seiner Kindheit und Jugend umgaben und doch immer fern blieben.

Der Hass meiner Oma auf mich durchzieht das ganze Haus vom Keller bis zum Dach wie ein bestialischer Gestank, dessen Quelle nicht zu orten ist. Ich bin zu klein, um Überlegungen anzustellen, wo die Ursache liegen könnte. Der Gestank ist völlig normal, ganz selbstverständlich gehört er zu meiner Welt wie das Geschäft meiner Eltern, das weiße Schulgebäude und Vaters Schnapsflasche im Kühlschrank.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Mehrere Facetten versucht Andreas Fischer zu ergründen, nicht zuletzt den Kitt, der diese dysfunktioniale Familie über Jahrzehnte zusammenhält. Wie erklärt sich die Differenz zwischen dem Schein nach außen, der eine heile Welt vorgaukelt und den Kontrollwahn der Großmutter und ihrer Tochter, vom Erzählenden nicht umsonst Hindenburg und Ludendorff genannt, gegenüber dem Kind, welchs Halt sucht und kaum findet, weder dort, noch bei dem trunksüchtigen Vater, der der Nazi-Zeit hinterhertrauert oder dem schlagkräftigen Onkel mit seinem cholerischen Wutanfällen.

Ich habe zu gehorchen, nur ein gehorsames Kind ist ein gutes Kind. Ich habe nichts zu wollen und schon überhaupt nicht etwas nicht zu wollen. Ein Infragestellen der Befehlsgewalt bedeutet für Hindenburg und Ludendorff Hochverrat, eine Gefährdung der Herrschaftsstruktur an und für sich, und an dieser Stelle kennt die Oberste Heeresleitung kein Pardon.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Über allem schwebt die Frage, welche Nachwirkungen zwei Kriege noch über Jahre hinaus auf diese Familie gehabt haben, welche Konsequenzen vor allem jener zu spüren bekommt, der deren Schrecken, Gnade seiner Geburt, nicht erleben musste. Sprunghaft und fahrig wirkt dies zunächst. Mal wird eine Episode aus dem neunten Lebensjahr, dann wieder vom sechsten, zwischendurch vom dreizehnten des Autors aufgefächert, nur um dann einen Briefwechsel nachzuspüren, den der im Krieg gefallene Sohn der Großmutter hinterlassen hat.

Vergleichbar mit immer wieder mündlich erzählt werdenden Familienereignissen ist dies und entfaltet nach und nach eine ganz eigene Dynamik, derer der Autor sich nicht ganz entziehen kann und nicht verstehen wird. Wer tut das schon, selbst bei der eigenen Familie? So spürt Andreas Fischer „Der Königin von Troisdorf“ nach, die als Patriarchin versucht, alle Fäden Zeit ihres Lebens in den Händen zu halten und doch nicht verhindern wird können, dass der Enkel „tüchtig Sand ins Getriebe werfen“ wird, zu Zeiten, die weder sie noch die Eltern des später Schreibenden ganz verstehen werden.

Was wäre, wenn das Undenkbare stimmt?
Was wäre, wenn Vater nicht die Wahrheit sagt?
Kann mein Vater mich anlügen?

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Anstrengend zu lesen, für jene, die sich in diesem Stil nicht zurechtfinden, der mir jedoch auch bisher recht selten begegnet ist. Eine Art Tagebuch über Jahre, Rückblicke, Einstreusel, Zeitsprünge. Das muss man mögen. Der Autor beherrscht diese Kunst und vermag es, eine Art Film vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen. Vielleicht findet man sogar selbst ein Stück eigene Familiengeschichte wieder.

Andreas Fischer versucht mit „Der Königin von Troisdorf“ ein Stück Bewältigung der eigenen Kindheit, sowie der Traumen der Vergangenheit, die wie wiederkehrende Nadelstiche, die Familiengeschichte durchziehen. Es ist ein Versuch, zu verstehen, was kaum zu begreifen ist, literarisch in einer wunderbaren Form, zugleich das Psychogramm einer Familie, mit der der Autor erst im Erwachsenenalter einen wie auch immer gearteten Frieden machen wird, was sich nie ganz auflösen wird.

Ja, ich bin der Prinz.
Ich bin einziger Sohn, einziger Neffe, einziger Enkel.
Auf mich läuft alles zu.
Ich bin der Fluchtpunkt.
Ich werde sie alle beerben.
Ich spiele keine Rolle.
Ich bin unsichtbar.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Für jene, die Geschichte einmal in einer besonderen Form aufgearbeitet erleben möchten, eine unbedingte Empfehlung.

Autor:

Andreas Fischer wurde 1961 in Troisdorf geboren und ist ein deutscher Filmemacher und Autor. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Fotografen und studierte Filmwissenschaft, Ethnologie und Psychologie in Köln und Berlin. Von 1999 bis 2004 war er künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien Köln. 1983 erschien sein erster Kurzfilm, danach zahlreiche Dokumentaqrfilme u. a. „Contergan: Die Eltern“ (2004) oder „Söhne ohne Väter (2007). „Die Königin von Troisdorf“ ist sein erster Roman.

Herbert Heinrich Beckmann: Es sind Kinder

Inhalt:

Tine und Stefan sind ein Paar am Abgrund. Der dünne faden, der ihre Beziehung noch zusammenhält, ist ihr kleiner Sohn Leon. Doch als dieser beim gemeinsamen Urlaub auf einer Insel mitten in der Baltischen See plötzlich verschwindet, stehen die beiden vor einer ganz besonderen Belastungsprobe.

Mit psychologischen Feingefühl zeichnet Herbert Heinrich Beckmann das Psychogramm einer unglücklichen Beziehung in einer Atmosphäre unerklärlicher subtiler Bedrohung. Sprachlich genau erzählt er mit stetig steigender Spannung. Das Kind geht unterdessen seine eigenen Wege. (Klappentext)

Rezension:

Mit den ersten Zeilen werden Fronten geschaffen zwischen den beiden Hauptprotagonisten, was uns Lesende vor die Herausforderung stellt, mit unseren Sympathien, mal für die eine, dann für die andere Figur, umhergeworfen zu werden. Dennoch beginnt die Mischung aus Beziehungs- und Kriminalroman relativ harmlos, doch die Grundstimmung lässt gleich anfangs das Unheil erahnen. Doch schnell findet man hinein in Herbert Heinrich Beckmanns Strudel „Es sind Kinder“. Herauszufinden, ob des Gefühlschaos‘, dem man ausgesetzt wird hingegen schwer.

Im Zentrum der Geschichte steht zunächst die in Trümmern liegende Beziehung der beiden Figuren, die nur noch durch den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengehalten, jedoch nach und nach durch die Dringlichkeit der Suche überdeckt wird, die Verzweiflung förmlich zum Greifen nah. In kurzen Sätzen wird aus wechselnder Perspektive heraus erzählt, wie ein auf wackligen Füßen gebauter Urlaub sich zum elterlichen Horrortrip wandelt, der an den Grundfesten rüttelt.

Kompakt geschrieben ist diese Erzählung. Wenn man so möchte, liest man mit diesem Roman eine Art geografisches, sehr ernstes, Kammerspiel mit begrenzten Figurenensemble. Qualitativ tut dies der Geschichte gut, verliert der Autor so doch nie die Fäden und kann schön mit der Psyche seiner Protagonisten spielen, nicht zuletzt auch mit jenen, die die Erzählung lesen.

Dabei werden die Sympathien klar verteilt, was sich jedoch mit zunehmender Seitenzahl, wenn nicht wandelt, so dann zumindest ausgleicht. Jede Figur hat indes ihre Ecken und Kanten. Der Autor versteht es, damit zu spielen, nicht zletzt so ohne großen Aufwand oder Effekthascherei Wendungen zu schaffen. Der Erzählstil ist ruhig gehalten.

Der Text enthält kein Wort zu viel, beschränkt sich auf das Notwendige, doch hat Beckmann einen Detailgrad, wenn es um die Beschreibungen von Gefühlswelten geht, der die Figuren fassbar macht. Sehr schnell möchte man erfahren, wie es ausgeht, sollte dabei im Verlauf aufmerksam sein. Das Gefühl, etwas Wichtiges überlesen zu haben, könnte sonst gegen Ende eintreten.

Die Überschrift ist mehrdeutig, wie auch einige Begriffe verwendet und im Kontext, im Nachwort vom Autoren selbst notwendigerweise eingeordnet werden. Diese Abrundung ist hier notwendig, da sonst Beckmann leicht missverstanden werden würde, hier jedoch vorhanden.

Wenn man der Geschichte etwas vorhalten möchte, ist es, dass sie in Teilen zu ruhig erzählt wird.l großflächig funktioniert das, jedoch an einzelnen Punkten ist dies für das Aufrechthalten des Spannungsmoments gefährlich, wobei sich dies mit der Perspektive des oder der Lesenden relativeren könnte. Zudem, wer mit bestimmten Inhalten, siehe Klappentext, Schwierigkeiten hat, sollte vorsichtig an die Erzählung herangehen. Allen anderen sei dieser Beziehungs- mit leichtem Hang zum Kriminalroman durchaus empfohlen.

Autor:
Herbert Heinrich Beckmann wurde 1960 geboren und ist ein deutscher Schriftsteller und Psychologe. Er studierte in Berlin Psychologie und promovierte dort 1997, , bevor er sich zunehmend dem Schreiben widmete. Neben Fach- und Sachbüchern schrieb er Hörspiele, für den Rundfunk, sowie verschiedene Romane. Sein erstes Kinderbuch veröffentlichte er 1997, die erste Erzählung für Erwachsene im Jahr 2000. Zudem schreibt er unter verschiedenen Pseudonymen. 2010 stand er auf der Shortlist des Sir-Walter-Scott-Preises. zwei Jahre später auf der Top 5 Liste des Deutschen Kinderhörspielpreises mit seinem Hörspiel „Der Jesus von Kreuzberg“. Beckmann ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller.

Jürgen Meier: Wöbkenbrot und Pinselstrich

Inhalt:

Johannes Becker beginnt 1910 ein Ingenieurstudium in Chemnitz und heiratet kurz darauf. Als er zunehmend der völkischen Ideologie der Nationalsozialisten verfällt, wendet sich seine Frau von ihm ab. Ähnlich zerrissen ist die Familie Meyer in Ostwestfalen. Der Vater Karl nutzt die Machtübernahme der Nazis aus, um sich an jüdischem Eigentum zu berreichern. Sein Sohn Gottfried folgt ebenfalls seiner Begeisterung für die Nazis und zieht in den Krieg. Er lernt Ingeborg Becker kennen und heiratet sie. Aus Krieg und Hitlerzeit hat er nichts gelernt, sein Sohn Georg aber will es besser machen und schließt sich 1970 der Studentenbewegung an. (abgewandelte Inhaltsangabe).

Rezension:

So ausufernd wie einstweilen Thomas Mann muss man gar nicht schreiben, wenn man eine fiktive Familiengeschichte mit all ihren höhen und Tiefen, Wandlungen und innerer Zerissenheit zu Papier bringen möchte, auch nicht, wenn man den Personenkreis erweitert. Jürgen Meier zeigt in seinem Roman „Wöbkenbrot und Pinselstrich“ dass das auch anders geht und beschreibt so ganz nebenbei die Herausforderungen, Schrecken und Wandlungen des vergangenen Jahrhunderts.

Der leicht gängige Familienroman wechselt zwischen den Perspektiven und Generationen, beginnt 1910. Fortschrittsglaube manifestiert sich in den neuen Errungenschaften der Technik, Ingenieure werden gesucht. Hoffnungsvoll schaut der junge Johannes, ersterer einer interessanten Reihe von Protagonisten in die Zukunft, noch nicht ahnend, dass bereits dunkle Schatten über Deutschland heraufziehen. Eingenommen von der Figur, deren Enthusiasmus aber auch Unsicherheiten der Autor fein herausgearbeitet hat, steigen wir in die Geschichte ein, die zu einem wahren Wechselbad der Gefühle verkommt. Das Erzähltempo passt sich dem an. Sprünge wechseln sich ab mit nachdenklichem Innehalten.

Der Perspektivwechsel zwischen den Figuren aus den zwei Familien, deren Wege sich kreuzen werden, bringt die Dynamik einerseits, wie auch die beschriebenen Generationswechsel. Jürgen Meier versteht es, die Zeiten greifbar zu machen. Hervorzuheben sind besonders seine Beschreibungen des Konflikts und einzelner Abschnitte, wie etwa die unmittelbare Nachkriegszeit, das Nichtsehenwollen des geschehenen Unrechts, aber auch Anspielungen eben der im Klappentext anklingenden Bereicherung von deutschen Familien an jüdischem Besitz. Hier wirkt die Erzählung besonders bedrückend.

Dabei beschränkt sich der Autor nicht nur auf eine Sichtweise, sondern bringt mit einer Vielzahl an Figuren unterschiedliche Perspektiven hinein, die für eine gewisse Dynamik sorgen, nicht zuletzt für gewisse Exkurse in Kunst und Philosophie, die man vielleicht nicht unbedingt beim Aufschlagen des Romans erwartet. Hier kommt das künstlerische Schaffen des Schreibenden durch, der damit an den richtigen Stellen Ruhe einbringt.

Das kann man als Einlassung nehmen, jedoch auch als Meta-Ebene für die jeweils beschriebene Zeitepoche, muss man jedoch mögen. Hier wird wichtig, wie und als was man diesen Roman lesen möchte. Konzentriert man sich auf die Familiengeschichte, setzt den Fokus eher auf die Beschreibungen gesellschaftlichen Wandels oder hat Freude an Kunst und Philosophie? Für jeden ist etwas dabei. So klar habe ich das bisher jedoch nur selten gelesen.

Das Werk orientiert sich am historischen Verlauf der jüngeren Geschichte, so dass Wendungen allein durch das Denken und Handeln der einzelnen Figuren entstehen. Sprachlich wird man zudem über den Dialekt des Östwestfälischen Platts stolpern, in dem einzelne Sätze und Passagen formuliert sind. Sicher eine besondere Herausforderung für das Lektorat, welches wahrscheinlich jedes Wort nachschlagen musste. Für uns Lesende gibt es jedoch eine Art Glossar hintenan mit der Übersetzung ins Hochdeutsche.

Die Protagonisten, mit all ihren Ecken und Kanten, sind nachvollziehbar. Niemand ist hier durchgängig Sympathieträger. Perfektionismus gibt es im realen Leben nicht. Entscheidungen und Handlungen, oft genug die falschen, sind es, die uns zudem machen, was wir sind. Wusste schon Dumbledore aus den Romanen um Harry Potter. Hier gilt das auch. Nicht nur das macht Lust auf mehr. Man darf auf Fortsetzungen gespannt sein.

Ach so, was ist jetzt nun eigentlich Wöbkenbrot? Vielleicht so viel, eine Spezialität, unter der vor allem Menschen aus Ostwestfalen zu leiden haben. Aber hat nicht jede Region, die an kulinarischer Abstrusität kaum zu überbieten sind? Wer genießen möchte, bleibt vielleicht besser bei dieser Erzählung.

Autor:

Jürgen Meier lebt in Hildesheim und ist ein deutscher Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Er schloss 1973 ein Studium „Intermedia“ in Bielefeld ab und arbeitete anschließend als PR-Werbechef am Stadttheater Hildesheim. Er gründete die Werbeagentur Aickele & Meier. Seit 1997 ist er selbstständiger Autor und Journalist. Von ihm liegen Theaterstücke, Buchveröffentlichungen und Theaterstücke vor.

Robert Jones Jr.: Die Propheten

Inhalt:

Als sie sich auf der Baumwollplantage zum ersten Mal begegnen, ist Isaiah fünf Jahre alt, halb verdurstet, und Samuel reicht ihm eine Kelle Wasser. Isaiah hat man den Eltern entrissen, Samuel kennt seine nicht. Die jungen Sklaven leben im Stall bei den Tieren, um die sich fortan kümmern. Trotz allen Elends finden die beiden zueinander, doch bald wird ihre Liebe von allen Seiten argwöhnisch beobachtet und als weiteres Mittel der Unterdrückung gegen sie verwendet.

Meisterlich erzählt Robert Jones, Jr. von Entwurzelung und dem Kampf um Würde – und von Menschlichkeit, die dem Terror trotzt und ire subversive Kraft entfaltet. (Klappentext)

Rezension:

Das Debüt aus der feder Robert Jones Jr., welches nun in der deutschen Übersetzung von Simone Jakob vorliegt, hätte ein wichtiges werden können, da gerade die Kombination der Themen so hierzulande noch kaum zu lesen ist. In seinem Roman entführt uns der Autor in die noch nicht allzuferne Vergangenheit seiner Heimat, als vor allem in den Südstaaten der USA auf endlosen Baumwollfeldern arbeitende Sklaven das Bild bestimmten. Doch während weiße Schreiberlinge pure Western- oder Landhausromantik aufleben lassen, legt der Son of Baldwin die Finger in die Wunde und zeigt die ganze Brutalität eines Klassensystems, welches in Teilen immer noch nicht überwunden ist.

Dreh- und Angelpunkt sind die beiden im Klappentext erwähnten Hauptprotagonisten, die ihren Ahnen entrissen aneinandergekettet auf einer Farm aufwachsen, um sich dort um die dort lebenden Tiere zu kümmern. Aufeinander angewiesen durchlebt und leiden die beiden die Qualen der Willkür der weißen Familie, die über das zu bewirtschaftende Land herrscht, entwickeln im Laufe der Jahre Zuneigungen einander, die anderen nicht lange verborgen bleibt. Isaiah und Samuel wissen, um wirklich frei zu sein, zu leben, was im halb Verborgenen stattfindet, müssen sie verschwinden. Der Weg von der Farm weg ist jedoch gefährlich und zumeist tödlich.

Alleine der historische Kontext und die Konzentration auf die Beziehung der beiden Figuren zueinander, die durchaus widersprüchlich agieren, birgt Sprengstoff mit Potenzial, nur nutzt Robert Jones Jr. dieses kaum, sondern hat sich zunächst über Gebühr auf den Aufbau seiner Erzählung konzentriert. In Teilen ist das gelungen, doch plätschert die Geschichte seitenweise nur so dahin, die Handlung dagegen kommt erst im letzten Viertel ins Rollen. Das dauert einfach zu lange, zumal der Autor mehr als einmal den Hauptfaden der Handlung verliert und wieder aufnehmen muss, was unheimlich beim Lesefluss stört.

Eingewoben sind durch Absätze gekennzeichnete Zeitsprünge in die Vergangenheit, aber auch Gegensätze zwischen den Figuren, wenn z. B. der Sohn des weißen Patriarchen durchaus Kenntnis davon hat, dass im Norden etwa alle Menschen frei sind, dann jedoch doch nicht wirklich aus seinem Denken herausfinden kann, um sich gegen ein ihn anerzogenen System wirklich aufzulehnen. Auch dieser Ansatz wird nicht zur Gänze verfolgt, der Autor hat überhaupt viele Ideen, die kaum formuliert schon wieder durch Neues abgelöst werden. Das ist anstrengend und ermüdend.

Die damalige Brutalität wird in der Geschichte Zeile für Zeile deutlich, doch Robert Jones Jr., der gut daran getan hätte, sich mehr auf die beiden Hauptfiguren zu konzentrieren, verschenkt mit einem ständigen Perspektivwechsel hier Potenzial. Es gelingt nicht einmal durchgängig, mit Samuel und Isaiah mitzufühlen, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass sich die Erzählung für amerikanische People of Colour durchaus anders liest. In der Übersetzung stechen zudem auch nur einige wenige Sätze wirklich hervor und bleiben im Gedächtnis.

Man kann sich diese Welt bildlich vorstellen, auch wenn sie nicht wirklich nahbar wird. In Amerika wird man die Geschichte denn wahrscheinlich auch anders lesen, aber auch dort wird Robert Jones Jr. so nicht die breite Leserschaft auch emotional erreichen und hat damit das Problem vieler dort lebender Schreibenden. Außerhalb der mehr als offensichtlichen Zielgruppe gerät man mehr als einmal ins Stolpern, was dem Werk nicht gut tut. Das geht sicher besser.

Autor:

Robert Jones Jr ist ein in New York lebender Schriftsteller. Seit 2008 engagiert er sich für Anti-Diskriminierung und soziale Gerechtigkeit. 2021 veröffentlichte er mit „Die Propheten“ seinen ersten Roman, der ein Jahr später in Übersetzung erschien. Sein Werk stand auf der Shortlist für den National Book Award 2021.

Sam Lloyd: Sturmopfer

Inhalt:

Kalt wie das Wasser. Dunkel wie der Meeresgrund.

Ein Haus auf den Klippen an der Südwestküste Englands. Auf Mortis Point, hoch über den sturmumtosten Atlantik, wurden früher Schmuggler und Diebe gehängt. Heute führen Lucy und Daniel hier ein beschauliches Leben mit ihren beiden Kindern – bis eines Tages Daniels Segelboot auf dem Meer treibend gefunden wird. Von ihm selbst fehlt jede Spur. Als Lucy erfährt, dass auch ihre Kinder verschwunden sind, gerät ihr Leben entgültig aus den Fugen. Offenbar befanden sich Billie und Fin ebenfalls auf dem Boot. Während sich über dem Meer ein Jahrhundertsturm zusammenbraut, versucht Lucy fieberhaft herauszufinden, was an Bord der Lazy Susan geschah. Je näher sie der Wahrheit kommt, desto klarer wird ihr, dass der eigentliche Albtraum gerade erst begonnen hat… (Klappentext)

Rezension:

Zwischen Krimi und Thriller schwankt Sam Llyods Werk „Sturmopfer“ und entführt uns an die vom Meer beherrschte Küste Englands, in der nur jene überstehen, die sich ein Standbein aufbauen, welches auch außerhalb der touristischen Saison funktioniert. Lucy und Daniel haben dies geschafft.

Letzterer ist Unternehmer und Lucy selbst betreibt eine Bar, die am Hafen sowohl die Fischer bedient, als auch Touristen und Einheimische, zudem kleinen Bands und Musikern einen Auftrittsort bietet. Beide scheinen in der Gemeinschafft von Skentel gut integriert zu sein, haben zwei wohlgeratene Kinder, doch es kommt, wie es kommen muss. Zur Katastrophe. Das Boot samt Mann und Kinder verschwinden. Nur Daniel wird aus dem Wasser gefischt und steht bald im Zentrum der Ermittlungen von DI Abraham Rose, der bald hinter die Fassade des perfekten Ehepaares blicken muss und so einiges ans Tageslicht kehren wird.

In ruhiger Tonalität baut der Autor hier einen Spannungsbogen, der vor allem im Wechsel der Erzählperspektiven funktioniert und einen Sog entwickelt, den man sich kaum entziehen kann. Nicht nur die Sicht der ermittelnden Hauptfigur, die zudem mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat, kommt zum tragen und so ergibt sich aus einem zunächst unübersichtlichen und verwirrenden Puzzle erst spät ein Gesamtbild, welches gegen Ende zudem noch gut funktionierende Wendungen aufweisen kann. Die sind stimmig, manchmal sehr vorhersehbar, was jedoch ausgeglichen wird, durch die Atmosphäre, die Sam Lloyd hier aufzubauen weiß. Man kann sich all die Figuren mit ihren Ecken und Kanten bildlich vorstellen, wenn auch so manche Szene hart an der Grenze einer ARD-Vorabendkrimi-Serie vorbeischrammt.

Für einen durchschnittlichen Krimis fast schon zu ausführlich, sind die Kapitel dennoch handlich, auch mit Cliffhangern wird nicht gespart, ebenso wenig mit gegensätzlichen Charakteren, für die die Sympathien im Laufe des Lesens wechseln werden. Positiv ist zu nennen, dass die Protagonisten verschiedene Seiten aufweisen, was diese Geschichte positiv von so vielen anderen abhebt. Rückblenden und Zeitsprünge werden ebenso als Elemente effektvoll eingesetzt. Warum jedoch Ermittler scheinbar grundsätzlich einen Knacks haben müssen, wird sich mir nie erschließen.

Es wird nicht schwerfallen, in diese zu anderen Werken im Vergleich ruhig wirkende Geschichten, die durchaus manche Länge aufweist, hineinzufinden. Wer jedoch Probleme hat, mit, angedeutetem Druck oder beschriebener Gewalt gegenüber Kindern sollte sich überlegen, diesen Thriller zur Hand zu nehmen, gleichwohl die Stellen an den Fingern einer Hand abzuzählen sind. Merken tut man jedoch, dass der Autor sich insbesondere mit den technischen „Konstrukten“ vorher beschäftigt hat. Wie funktioniert ein kleines Motorboot eigentlich? Welchen Spielraum habe ich dort für eine Handlung, für Stauraum? Wie laufen Rettungsmissionen bei im Meer vermissten oder im offenen Wasser entdeckten Personen ab? Das ist alles sehr durchdacht.

Dieser Thriller ist ein Stand Alone, wenn auch die Hauptfigur sich anbietet für weitere Geschichten und eine Empfehlung, die Arbeiten des Autoren Sam Lloyd weiter zu verfolgen. Fans des englischen Krimis, die nicht immer auf pure Gewalt setzen, wobei die durchaus dort vorkommt, wenn sie für die Geschichte sinnvoll ist, sind hier gut bedient, wenn auch für Vielleser sich einiges Vorhersehbares ergibt. Für andere kann ich mir diesen Thriller auch gut als Einstieg in das Genre vorstellen. Dafür eine Empfehlung.

Autor:

Sam Lloyd ist ein britischer Schriftsteller, dessen Debüt „Der Mädchenwald“ 2020 erschien. Dies ist sein zweites Werk.

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren

Inhalt:

Der Theologiestudent Nils Straatmann reist mit einem alten Schulfreund in den Nahen Osten, um der Route des historischen Jesus zu folgen: vom vermeintlichen Geburtsort Bethlehem bis auf den Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze. Voller Neugier erkundet er, was von den Ideen des einstigen Erlösers im Heiligen Land geblieben ist, und räumt mit weitverbreitetem Halbwissen auf. Und als er bei Beduinen auf Harry Potter trifft, am Lagerfeuer im Golan die Gefechte jenseits der Grenze hört und beim Barbier im Westjordanland für einen Spion gehalten wird, ist klar, dass dies keine Reise auf den Spuren der Vergangenheit bleiben wird. (Klappentext)

Rezension:

Bereits vor ein paar Jahren schon einmal veröffentlicht, hat jetzt der brisante Reisebericht von Nils Straatmann eine Neuauflage erfahren. Damals Theologiestudent begab sich der Autor mit einem Freund einmal kreuz und quer durch das Heilige Land. Israel und Palästina wollten beide erkunden, genauer gesagt, die Wirkungsstätten und Stationen des historischen Jesus‘ oder das, was man heute dafür hält. Was haben die Orte heute noch für eine Bedeutung? Wie viel ist von den ursprünglichen Ideen geblieben, zumal in einer konfliktbeladenen Region, deren Kontroversen heute kaum mehr zu entwirren sind? Nils Straatmann suchte den Kontakt und das Gespräch, um Antworten zu bekommen. Zurück kam er mit vielen Fragen.

Als ich mich auf diese Reise vorbereitete, dachte ich, ich würde mich mit Jesus und seiner Geschichte als etwas Vergangenem beschäftigen. Ich hätte nicht gedacht, wie gegenwärtig das alles ist, wie politisch. Nach unseren Erfahrungen […] ist eine naive, leichte Sicht auf die Region nicht mehr möglich. Wir haben so viele Ungerechtigkeiten gesehen und es ist zu ahnen, dass diesen Ungerechtigkeiten andere Ungerechtigkeiten vorausgingen, die wiederum aus anderen Ungerechtigkeiten hervorgingen, deren Wurzeln wir nicht kennen. Wir dürfen nicht versuchen, sofort alles zu verstehen. Wir müssen sehen, erleben, verarbeiten. Und deshalb wird diese Reise ein ständiger Prozess sein. Vielleicht ist das bereits eine unserer größten Erkenntnisse.

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren

Wie beschreibt man das Erleben einer Region, die nach normalen Maßstäben kaum zu fassen ist, taucht der Nahe Osten doch oft genug nur in unserer Wahrnehmung auf, wenn einmal mehr ein Anschlag, egal auf welcher Seite des Konflikts, seine Opfer fordert? Zumal, wenn man sich eigentlich auf eine historische Dimension davor konzentrieren möchte?

Das versucht der Autor zu Beginn seiner Reise und so öffnet sich zunächst Straatmann und seinem Begleiter eine Region voller Geheimnisse und Widersprüche, die aufgeteilt nach Reiseetappen beschreibt. Immer mit den Blick auf die historischen Vorgaben versucht er das Erlebte mit dem Gelernten aus dem Theologiestudium in Einklang zu bringen, um nach und nach festzustellen, dass zum Einen einige Wirkungsstätten, ob historisch begründet oder vermeintlich, in quasi kirchliche Freizeitparks mit Eventcharakter und angeschlossenen Souvenirshops verwandelt wurden, zum anderen der politische und religiöse Konflikt zwischen Israel und Palästina alle anderen Fragen des Lebens dort überlagert.

Die Menschen von Nablus scheinen gut und gütig zu sein, doch eine unterschwellige Spannung liegt in der Luft. Misstrauen und Frist. Die Stadt drängt nach Leben und scheitert an ihren Grenzen. Zu viele Leute auf zu wenig Platz mit zu wenig Möglichkeiten. Ein Sinnbild des Landes.

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren

So überlagern auch die Fragen des Heute schnell die des eigentlichen Reisegrundes. Wer hier also eine hauptsächlich historisch-religiöse Spurensuche vermutet, wird enttäuscht werden, auch wenn sich Straatmann das sicherlich auch zu Beginn seines Trips anders vorgestellt hat. Stattdessen bekommt man einen messerscharfen Blick, wie Religion heute ist bzw. sein könnte und was der Konflikt mit den Menschen gerade dort macht, die oft im Kleinen sehr pragmatisch vorgehen, selbst jedoch an den Hürden der großen Politik verzweifeln.

Dieser Kontrast schält sich besonders heraus, wenn Straatmann in seinen tagebuchartigen Einträgen seine Erlebnisse wie Momentaufnahmen festhält und dem gegenüber das Denken und die Aussagen seiner Gesprächspartner stellt. Immer dann wirkt der Resebericht besonders stark, auch wenn der Autor sich zurücknimmt, um dann doch etwas über die jüngere Geschichte zu erläutern. Dabei gelang es Straatmann während der Reise vor allem, zuzuhören und in seinem Buch, sich nicht dafür oder dagegen zu positionieren, was eine Leistung ist, wo einem dieser Konflikt quasi ständig dazu zwingt.

Wie soll ein Land Frieden finden, in dem man schon mit 15 Jahren lernen muss, wie man eine Waffe zu gebrauchen hat?

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren

So ist „Auf Jesu Spuren“ kein klassischer Reisebericht, aber auch keine Reportage in Reinform oder aber ein Sachbuch zur Historie, eher aus letzterer heraus eine Momentaufnahme des Heute. Zudem tut hier die Entscheidung gut, sich zurückzunehmen, keine Lösungsvorschläge bieten zu wollen, aber einige Konfliktursachen zu benennen und sie dem Gegenüber zu stellen, was sich mit den Orten Jesus‘ in Verbindung und mit dessen Zielen im Einklang bringen lässt. Wer dies so liest, wird einiges für sich aus der Lektüre ziehen können. Alle anderen sollten eher zur Sekundärliteratur greifen.

Neben den Taufhemden werden abgefülltes Jordanwasser und Erde aus dem Heiligen Land angeboten. Oder Frühstücksbrettchen mit der Aufschrift: „God is my pilot. I am only the co-pilot.“

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren

Ergänzt wird der Bericht durch einen Fototeil und zwei Karten, einmal der Route auf einer modernen Landkarte und einmal so, wie sie ausgesehen hat, zu Lebzeiten Jesus‘. Alleine für diese Gegenüberstellung lohnt sich das schon.

Autor:

Nils Straatmann wurde 1989 in Geesthacht geboren und ist ein deutscher Autor und Poetry-Slamer. Er studierte in Leipzig Theologie und schreibt Beiträge für verschiedene Zeitungen und Magazine. 2008 gewann er die deutschsprachigen U20 Poetry Slam Meisterschaften in Zürich, 2013 die deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich.

Ein Jahr später veröffentlichte er sein erstes Reisetagebuch. Er moderiert verschiedene Shows und Rundfunksendungen und spielt als Teil der Autoren-Nationalmannschaft des DFB. 2017 veröffentlichte er seinen Reisebericht „Auf Jesu Spuren“, der nun neu aufgelegt wurde. 2019 als Co-Autor, zusammen mit Robby Clemens „Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst“.

Yara Nakahanda Monteiro: Schwerkraft der Tränen

Inhalt:

Was löst es aus, in einen Kampf hineingeboren zu werden, der nicht der eigene ist – und der doch alles beeinflusst?

Vitorias Leben besteht aus Erinnerungen. Aus Bildern, Gerüchen, dem Geschmack von saurer Milch. Da sind die Säulen eines Traumas, das sie nicht überwinden kann. Vitoria flieht während des Kriegs für die Unabhängigkeit Angoas mit ihren Großeltern nach Portugal, lernt ihre Mutter nie wirklich kennen. Jahre später bricht Vitoria aus, entdeckt die Einzigartigkeit, aber auch Zerrissenheit dieses, ihres Landes, von sich selbst. Ihrer Familie auf die Spur trifft sie in Huambo auf die Geister einer fremden Vergangenheit und muss lernen, dass es Risse gibt, die vielleicht zu tief sind, um noch geflickt zu werden. (Klappentext)

Rezension:

Der Krieg ist überall gleich, macht uns Menschen zu Monstern und bringt in Einigen von uns das beste zum Vorschein, in anderen alles schlechte. Manche der daraus entstandenen Wunden heilen nie. Sinngemäß könnte dies der Untertitel des vorliegenden Romans „Schwerkraft der Tränen“ sein, mit dem sich die portugiesische Autorin Yara Nakahanda Monteiro der Geschichte ihres Geburtslandes Angola und nicht zuletzt ihrer Familie fiktionalisiert annähert.

Im Zentrum der Erzählung steht die junge Vitoria, deren Großeltern kurz nach ihrer Geburt mitsamt der Enkelin nach Portugal fliehen, vor den Grausamkeiten des Unabhängigkeitskrieges in ihrer Heimat und den sich anbahnenden Bürgerkrieg. Nun, Jahre später, möchte die nun Erwachsene mehr über ihr Geburtsland erfahren, nicht zuletzt, über Beweggründe ihrer Mutter, die Tochter zu Gunsten eines ungewissen und brutalen Kampfes zu verlassen. Vitoria öffnet sich ein wirres gesellschaftliches Gefüge und entdeckt Wunden, die nie vollständig verheilt sind.

Beinahe in der Form einer begleitenden Reportage erzählt, eröffnet die Autorin ihrer Leserschaft den Blick auf eine Welt, der zumindest im westlichen Gefüge viel zu selten Beachtung und erst in letzter Zeit verdienende Aufmerksamkeit bekommt. Welche Folgen hatten Loslösungsbestrebungen von den Kolonialmächten in Afrika, darauf folgende Kriege und Bürgerkriege nicht nur für einzelne Regionen, sondern auch für die betroffenen Menschen, die von den Ereignissen überrollt und oft auf Generationen hinaus gezeichnet wurden? Aus Sicht der Protagonistin werden diese Risse nach und nach deutlich, wenn sich Vitoria im Verlauf der Geschichte ein immer schärferes Bild ihrer eigenen familiären Vergangenheit bietet.

Dabei bleiben andere Figuren reichlich blass. Monteiro gibt nur wenigen Charakteren Ecken und Kanten, was jedoch dem Erzählstil zu Gute kommt. Die Autorin konzentriert sich auf die innere Gefühlswelt Vitorias und nähert sich dabei ein Stück weit ihrer eigenen Geschichte an. Auch sie hat ähnlich der Hauptfigur als Kleinkind das Land verlassen. Besonders beindruckend wirkt der Text immer dann, wenn die junge Frau sich auf kleine Details, die sie beobachtet, fokussiert. Einzelne Passagen stechen hervor.

Doch, die Autorin verliert sich nicht in Belanglosigkeiten. Das Erzähltempo steigt mit zunehmender Seitenzahl. Kleinere Rückblicke und Konfrontationen erweitern den Blickpunkt der Lesenden, strahlen jedoch immer wieder auf die Protagonistin zurück. Die weiß immer genau so viel, wie auch die jenigen, die dieses Buch in den Händen halten. Übergänge sind sehr harmonisch gezeichnet.

Man fühlt die innere Zerrissenheit der Protagonistin, die die Geschichte ihrer Familie, deren Landes nachspürt, zugleich mittendrin ist und doch außen vor steht. Das chaotische Treiben, Willkür, Korruption, Armut und doch Lebensfreude der Menschen dort, schafft Monteiro sehr plastisch wirken zu lassen. Die Autorin leistet damit einen wertvollen Beitrag der Vergangenheitsbewältigung der mit ihr verbundenen Länder. Erzählt wird dabei die Tragik einer ganzen Epoche in einem Zeitabschnitt aus wenigen Wochen. Vorkenntnisse indes braucht man als Lesender nicht. Monteiros Erzählung steht für so viele Familienschicksale Afrikas im Zeichen der Wende von der Kolonialherrschaft zur Unabhängigkeit, mit all den bekannten Folgen, die dort noch heute zu spüren sind.

Die eine oder andere Konfrontation mehr, in manchen Abschnitten eine noch stärkere Fokussierung hätten der sonst sehr eingängigen Geschichte gut getan, welche dennoch empfehlenswert ist. Vom Erzähl- und Schreibstil, den nachverfolgten und klaren Handlungssträngen und den Spannungsmomenten her, ist dies eine der ersten Geschichten aus der Feder einer portoguiesischen Autorinnen, die mir wirklich gefällt. Ergänzend dazu sei gesagt, angolanische und portugiesische Begriffe werden in einem ergänzenden Glossar erklärt.

Warum man aber die Triggerwarnung, wenn man schon eine schreibt, jedoch in Winzschrift in den hinteren Seiten des Romans versteckt, bleibt wohl Geheimnis des Verlags. Die werden die meisten wohl erst entdecken, nachdem sie das Buch gelesen haben. Dann ist es jedoch zu spät.

Autorin:

Yara Nakahanda Monteiro wurde 1979 in Huambo, Angola, geboren und wuchs in Portugal auf, wo sie schon früh mit dem Schreiben begann. Sie schrieb Drehbücher, Kurzgeschichten und für Podcasts, bevor sie mit „Schwerkraft der Tränen“ ihr erstes Buch veröffentlichte, welches in mehreren Sprachen übersetzt wurde.Nach Stationen rund um die Welt lebt sie heute wieder in Portugal.

J. M. G. Le Clezio: Bretonisches Lied

Inhalt:

Der französische Nobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clezio erinnert sich in zwei autobiografischen Erzählungen an seine Kinder- und Jugendzeit. An die urlaube mit der Familie in der Bretagne der 1950er-Jahre und an seine frühe Kindheit im besetzten Süden Frankreichs. (Klappentext)

Rezension:

Der französische Schriftsteller nähert sich den Orten seiner Kindheit, vermeidet dabei in Erinnerungen zu stöbern. Ihnen misstraut er, vermischen sie sich doch allzu oft mit Erzählten und dadurch als wahr Empfundenen, ohne wahrhaftig zu sein.

So stellt er zwei Episoden seines Lebens einander gegenüber, die nicht nur geografisch entgegengesetzt zu einander liegen. Le Clezios „Bretonisches Lied“ ist dann auch keine Kindheitsbiografie. Den Lesenden liegt mit diesem Werk eine Art romanhafte Geschichtsstunde vor, deren Sog man sich kaum zu entziehen weiß.

In umgekehrter Reihenfolge beschreibt der Autor zunächst sehr sachlich den Wandel einer Region, ohne nostalgisch daherzukommen. Der Blick für das Vergangene ist geschärft durch das, was die Jahre über hinzukam oder verschwandt. Bilder ungezähmter Natur, archarisch wirkender Landwirtschaft und einer Gegend werden heraufbeschworen, die den Anschluss an die Moderne erst noch finden wird, mit all den Vor- und Nachteilen. Der beschriebene Landstrich spielte erst in Le Clezios späteren Kinderjahren eine Rolle. Die heraufbeschworenen Bilder sind absoluter, haben festere Konturen als die nachgestellten des Krieges.

Damit gemeint ist die zweite Erzählung, die biografisch gesehen, der zunächst ausgeführten vorangestellt hätte sein müssen. Diese Umkehr bricht das gewohnte Schema, wie auch der Ort nicht gegensätzlicher sein könnte. Vom Norden folgt der Lesende dem Erzählenden, der vermeidet, sich zu erinnern, an etwas, was er nur unbewusst erlebt haben kann.

Die Betonung liegt auf die Stimmung der Erwachsenen, die sich auf die Empfindungen der Kinder wiederspiegelt. Diese kennen nichts anderes als den Zustand des Jetzt, wissen nicht, wie es anders hätte sein können, ein Leben ohne Krieg. Gefühle lässt Le Clezio hier nicht an sich heran, wirkt auch nicht kalt, nur nüchtern. Die Auswirkungen des Krieges zeigten sich erst später. Der Gegensatz der zwei Erzählungen, die von einander getrennt sind, aber doch nicht losgelöst betrachtet werden können, wirkt hier um so stärker.

Wörtliche Rede findet sich in beiden Texten kaum. Die gleichen eher einer Zustandsbeschreibung, einem betrachtenden Monolog. Der Autor betrachtet sein früheres Ich oder eher das um das frühere Ich herum Geschehene. Aus Kindersicht passiert nicht viel, die Wucht der Ereignisse wird dem Erzählenden erst später bewusst.

Das Nüchterne wirkt poetisch, stark in der Übersetzung. Wie viel präsenter muss erst der Originaltext drängen? Die Kompaktheit tut ihr übriges. Kein Wort ist zu viel, zu wenig. Es ist ja auch nur ein überschaubarer Zeitraum, der beschrieben wird. Für das Kind, was später den Nobelpreis erlangen wird, gibt es an diesem Punkt nur das Hier und Jetzt.

Der Erzählende ist Dreh- und Angelpunkt der eigenen Geschichte. Andere Figuren spielen kaum eine Rolle, sind zu vernachlässigen und doch immer präsent. Immer wieder gibt es Sprünge zwischen den Hier und Jetzt. Der Wechsel stört nicht. Lesend steht man neben den Protagonisten, ist dieser selbst. Landschaften, Häuser, beschriebene Orte sind beinahe greifbar. Es ist so, als wäre man dort, zu dieser Zeit.

In diesen Texten können sich viele verlieren. Die Sprache ist karg, wie zuweilen die Region und die beschriebenen Jahre. Das muss man jedoch mögen. Wer gerne gewöhnliche Erinnerungen, Biografien liest, für den ist das nichts. Auf die Form muss man sich einlassen, sie auf sich wirken lassen.

Ein französischer Film ohne Handlung, jedoch mit Aussage und ganz viel Inhalt. Nur eben zwischen Buchdeckeln. Das funktioniert hier wunderbar. Die Melancholie wird kleingehalten. Aus anderen Regionen hat man über diese Zeit schon viel lesen können. Nach meinem Empfinden ist unser Nachbarland hier unterrepräsentiert. Es ist zu hoffen, dass es künftig noch mehr solche Erzählungen geben wird. Le Clezio hat hier ein interessantes Puzzleteil gesetzt.

Autor:

Jean-Marie Gustave Le Clezio wurde 1940 in Nizza geboren und ist ein französisch-mauritischer Schriftsteller. Er hat beide Staatsbürgerschaften und studierte nach der Schule zunächst in Bristol und London, während er gleichzeitig Französisch unterrichtete. In Nizza begann er ein Studium der Philosophie und Literatur, beendete dies 1964 und arbeitete im Rahmen seines Militärdienstes als Entwicklungshelfer. 1963 veröffentlichte er eine erste Erzählung, der weitere folgten. Im Jahr 2008 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Jules Valles: Jacques Vingtras 1 – Das Kind

Inhalt:

In diesem großen Klassiker der französischen Literatur erzählt Jules valles die durchaus autofiktionale Geschichte eines kleinen Jungen, der von seiner Bauernmutter und seinem Lehrervater ständig zum Sündenbock gemacht und emotional und körperlich missbraucht wird. Sein größtes Anliegen ist es, den sozialen Status der Familie zu verbessern.

Allen geschilderten sozialen Abgründen und menschlichen Bösartigkeiten zum trotz ist Das Kind doch voller Ironie und Humor und gilt vielen gar als eines der witzigsten Bücher der französischen Literatur überhaupt. In Christa Hunschas leichtfüßiger Übersetzung erstrahlt der Roman so modern, als sei er aus dem Herzen der Gegenwart geschrieben. (Klappentext)

Einordnung der Reihe:

Jules Valles: Jacques Vingtras 1 – Das Kind
Jules Valles: Jacques Vingtras 2 – Die Bildung
Jules Valles: Jacques Vingtras 3 – Die Revolte

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Rezension:

Einerseits historischer Roman aus heutiger Sicht, in jedem Fall gesellschaftliches Porträt, autobiografische Erzählung, entführt der Schriftsteller Jules Valles uns in ein Frankreich, welches es so nicht mehr gibt. Unter den Eindruck der Zeitenwende, das Experiment der Pariser Kommune sollte rst Jahre später scheitern, erzählt er von seiner Kindheit, die in Nuancen an die psychische Verlorenheit erinnert, die man später auf der anderen Seite des Kanals in der Figur des Oliver Twists wiederfinden wird.

Doch der Autor hatte Eltern, was es hier nicht besser macht. Deren einzige Erziehungsmaßnahmen schien darin zu bestehen, dem Kind seine Unvollkommenheit, das Kindsein selbst vorzuwerfen. Entlang der eigenen Biografie entwirft der Autor das Bild eines Aufwachsens unter Qualen, eines Kindes, welches um so ungezwungener ist, je weiter es der Recihweite der Eltern entkommt.

Wenn man so möchte, liegt mit „Das Kind“, hier in einer wunderbaren Übersetzung von Christa Hunscha, ein aus heutiger Sicht historischer Coming of Age Roman vor, der sich flüssig lesen lässt. Die Sprache ist klar und ohne Schmirkel. Wo französische Begriffe auftauchen, hilft ein nachgestelltes Glossar. Die Sympathien werden sofort verteilt, vereint der Erzähler doch alle auf sich.

Für die umgebenden Protagonisten ist die Figur des Jacques‘ oft mehr, mal weniger ein lästiges Übel. Frei fühlt sich der Junge. Die größte Freude der Mutter ist es, das Kind zu piesacken. Der Vater gibt Jacques die Schuld für den fehlenden Karriereaufstieg. Von beiden Seiten setzt es Schläge.

So zusammengefasst wirkt das deprimierend, doch Jules Valles bewahrt seinem Protagonisten Neugier und Beobachtungsgabe, Traum und Phantasie, vor allem Hoffnung. So überlebt der Junge den Tag, so alle Lesenden die Seiten, die sonst nur erdrückend wären. Um so bedeudungsvoller erscheinen kleinere Erfolge Jacques‘, die am Ende Früchte tragen, um so witziger wirken einzelne Szenen.

So liest sich schnell, was sonst nur schleppend zu ertragen wäre, auch wenn der Zeitraum eine ganze Kindheit und Jugend, die zu damaliger Zeit, 19. Jahrhundert, schneller zu Ende ging als heute, umfasst.

Das Unglück ist da!

Jules Valles: Jacques Vingtras 1 – Das Kind

Wer liest hangelt sich entlang der Schilderungen aus der Sicht des Protagonisten, Sinnbild für das Gute und Reine.

Die Eltern sind der klare Gegenpol, mit überkommenen und aus der Zeit gefallenen Vorstellungen, die den Betrachtungen des Jungen nicht Stand halten können. Jules Valles lässt Jacques die Stationen seiner Kindheit durchlaufen, erzählt schlüssig. Lücken und unlogische Brüche existieren in diesem Format nicht. Die Erzählung kommt kompakt daher. Ausschweifungen werden vergleichsweise sparsam eingesetzt, dann jedoch besonders betont. Einzelne Sätze stechen heraus.

Man fühlt die Verlorenheit, Hilflosigkeit, später die Entschlusskraft der Hauptfigur, dessen Geschichte so übersetzt, auch gut ins Heute zu übertragen wäre. Jede historische Staubschicht oder Melancholie wurde hier zu Gunsten der Erzählung entfernt.

Das funktioniert, hinterlässt Eindruck. Wer liest, der steht, sitzt neben Jacques, erleidet, erträgt Schläge und psychische Erniedrigung, den kram, den Hass der Eltern, die diesen über das eigene Kind ausschütten. Zart besaite müssen die Lektüre vielleicht das eine oder andere Mal unterbrechen. Lichtblicke für den Jungen gibt es dennoch zur Genüge.

Ein Coming of Age Roman aus einem wechselhaften Epoche in moderner Übersetzung, biografisch angehaucht und Missstände kritisierend, viel steckt in diesen doch überschaubaren Seiten. Doch Valles hat es hier geschafft, das unterzubringen, ohne sich zu vertun. Lesenswert allemal. Kleinere Schwächen ergeben sich aus der Distanz der heute Lesenden heraus.

Wie hätten Erwachsene, wie Kinder in vergleichbaren Situationen heute handeln können? Man ertappt sich dabei, den Protagonisten ein ums andere Mal schütteln zu wollen, als würde das Kind nicht genug körperlich gedemütigt werden, aus damaliger Perspektive ist das jedoch folgerichtig. Macht neugierig auf die weiteren Teile.

Autor:

Jules Valles wurde 1832 geboren und war ein französischer Journalist, Romaschriftsteller und Publizist, sowie Sozialkritiker. Unter den Eindrücken des Deutsch-Französischen Kriegs wurde er 1871 Mitglied der Pariser Kommune, des revolutionären Stadtrats, der gegen den Willen der Zentralregierung versuchte, Paris nach sozialistischen Vorstellungen zu verwalten.

Nach Niederschlagung dieser gelang es ihm nach London zu fliehen. 1880 kehrte er schließlich nach Frankreich zurück, um fortan von seiner publizisitischen Arbeit zu leben. Er starb 1885 in Paris.