Kent Haruf: Abendrot

Inhalt:

Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft in seinem verwahrlosten Trailer um ein Stückchen Würde und um seine Kinder. Ein elfjähriger Junge kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater. So hart das Schicksal auch zuschlägt – die Menschen in Holt sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzden. Und begegnen einander dabei neu. (Klappentext)

Rezension:

Die Geschichte ist, wie bei so vielen Romanen schnell erzählt, zumal genau betrachtet nicht gerade viel passiert. Verschiedene Protagonisten leben ihren Alltag in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt nebeneinander her, haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und Wege überkreuzen sich nur gelegentlich. Man kennt sich, trifft aufeinander, hat ansonsten nicht viel für einander übrig. Irgendwie ist das alles bekannt und schon einmal da gewesen. Warum also, sollte man diese Erzählung lesen?

Zunächst einmal sind die Protagonisten doch nicht so eintönig, wie es auf den ersten Blick scheint. Kent Haruf hat Typen geschaffen, die mit ihren Ecken udn Kanten den Leser bei Stange halten. Zudem schafft es der Spannungsbogen dann doch, das Interesse wachzuhalten. Was könnte interessanter sein, als das ganz normale Leben? Das wirkt um so mehr, als wir von allen Seiten mit Krimis im Fernsehen oder actionbeladener Literatur beworfen werden. Sehr schön, dass es da Autoren wie Kent Haruf gibt (in seinem Falle „gab“), die uns in eine vergleichsweise heile Welt entführen, die jedoch nur auf den ersten Blick ohne Risse erscheint.

Tatsächlich sind die dargestellten Gräben teilweise sehr tief. Auch Alltagsprobleme sind sehr schön dargestellt. Das wirkt besonders durch harufs unambitionierte und einfache Schreibweise, die nochmal das Setting unterstreicht, in dem sich der Roman bewegt. Die Charaktere wachsen einem ans Herz.

Sie haben dann auch übrigens schon einen Weg hinter sich. Der Roman ist Teil einer Reihe, die sämtlich im fiktiven Ort Holt spielt, was aber nichts zur sache tut. Zwar kann man an Kent Haruf sehr schön sehen, wie Übersetzungspolitik funktioniert, zugänglich gemacht wird zunächst das, was am ehesten auf den jeweiligen Markt funktioniert, dennoch ist „Abendrot“ auch so lesbar. Gefühlt steht die Geschichte für sich alleine, kann auch als Einzelband gelesen werden. Man findet schnell hinein, in die Geschichte und gewinnt die Charaktere lieb. Das ist schon ausreichend, um der Handlung zu folgen. Darum geht’s ja irgendwie. Dennoch möchte man mehr über Holt und seine Protagonisten erfahren. Vielleicht erbarmt sich ja Diogenes noch der restlichen Bücher.

Autor:

Kent Haruf wurde 1943 in Pueblo, Colorado geboren und war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er unterrichtete Englisch an einer Highschool wurde später Gastdozent an der Southern Illinois University. Sein erster Roman erschien 1984 und erhielt den Whting Award. Neben Kurzgeschichten, veröffentlichte er weitere Erzählungen um die fiktive Kleinstadt Holt. 1999 stand sein Werk auf der Shortlist des National Book Award for Fiction. Seine Romane wurden teils verfilmt, teils als Theaterstücke auf die Bühne gebracht. Zu Harufs Ehren findet in seiner Heimatstadt seit 2017 ein literarisches Festival statt. Er starb 2014 in Salida, Colorado.

Kent Haruf
Abendrot
Seiten: 415
ISBN: 978-3-257-07045-3
Diogenes

Michael Tsokos: Sind Tote immer leichenblass?

Sind Tote immer leichenblass? Book Cover
Sind Tote immer leichenblass? Michael Tsokos Sachbuch Droemer Knaur Erschienen am: 01.03.2018 Taschenbuch Seiten: 187 ISBN: 978-3-426-78824-0

Inhalt:

Werden Mordopfer tatsächlich von den Angehörigen in der Rechtsmedizin identifiziert? Sind Rechtsmediziner wirklich bei der Verhaftung eines Verdächtigen dabei? Nehmen sie gar an der Vernehmung von Zeugen teil? Szenen wie diese gehören zum Standardrepertoire von Fernsehkrimis. Doch mit der Realität haben sie nichts zu tun. Professor Michael Tsokos, Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner, nimmt die bizarrsten Irrtümer aufs Korn. Er erläutert die teils groben Fehler und informiert so spannend wie realitätsnah über die Mittel und Methoden der Rechtsmedizin. (Klappentext)

Rezension:

Wer gerne sich von Krimis im Fernsehen berieseln lässt oder zur Entspannung einen Thriller in die Hand nimmt, sollte dieses Sachbuch, geschrieben von Deutschlands populärsten Rechtsmediziner, nicht lesen. Danach nämlich, wird man dieses Genre mit ganz anderen Augen und vor allem kritischer betrachten. Tatsächlich strotzen Sendungen wie CSI oder der Tatort nur so vor Fehlern und im Laufe der Zeit wurden dort dargestellte Szenen beinahe zu Tatsachen.

Zumindest für die jenigen, die wirklich nur per Bildschirm mit diesen doch sehr eigenwilligen Berufszweig in Berührung kommen. Doch, wie sieht es hinter den Kulissen wirklich aus? Was ist etwa der Unterschied zwischen der oftmals gleichgesetzten Pathologie und Rechtsmedzin? Sind tote immer leichenblass? Ist die Todesursache bei Erhängen immer Genickbruch? Diese und andere Fragen hat sich Michael Tsokos gestellt und klärt in kurzweiligen Kapiteln auf.

In kurzen Abschnitten werden jeweils vierzig Irrtümer aufgeklärt, die im Laufe der Zeit durch die Medien und durch das Halbwissen der Menschen entstanden sind. In einfacher Sprache, leicht verständlich, gibt der Autor Einblick in seine Arbeit, oft mit einem Augenzwinkern. Von wegen, Rechtsmediziner haben keinen Humor. Häppchenweise kann man sich der einen oder anderen Frage entledigen. Wer bisher gerne Krimis geschaut hat, für den ist das auch alles nicht zu starker Stoff. Allen Anderen sei Vorsicht geraten.

Witzig illustriert, der Tod hat Humor, ist dieses kleine Büchlein auch noch und so ergibt sich ein buntes Lexikon mit Fragen rund um die Rechtsmedizin, jedoch mit den Nachteil, dass man danach das, was uns täglich im Abendprogramm suggeriert wird, nicht mehr ernstnehmen kann. Dazu ist das Thema zu ernst und unterschätzt, ohnehin, gleichwohl der Autor zugibt, zugunsten der Dramaturgie so manche Szene als zulässig zu betrachten.

In vielen Punkten möchte Tsokos jedoch Verständnis und Wissen für seine Arbeit verschafen, was ihn hier zweifellos gelingt. In anderen Dingen hätte man sich manchmal sogar einen noch tieferen Einblick in die Rechtsmedizin gewünscht. Das, als einziger Kritikpunkt.

Autor:

Michael Tsokos wurde 1967 in Kiel geboren und ist ein deutscher Rechtsmediziner und Professor an der Charite in Berlin. Er leitet seit 2007 das dortige Institut für Rechtsmedzin, gleichzeitig das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berrlin-Moabit. Zudem ist er Leiter der Gewaltschutzambulanz der Charite.

1998-99 nahm er an der Exhuminierung und Identifizierung von Leichen aus Massengräbern des Bosnienkrieges und im Kosovo teil, 2004-05 war er im Auftrag des Bundeskriminalamtes zur Identifizierung der Tsunami-Opfer in Thailand täig. Er ist Autor mehrerer Fachzeitschriften, populärer Sachbücher und Mitautor mehrerer Thriller. Seit 2014 ist er Botschafter des Deutschen Kindervereins. Tsokos lebt mit seiner Familie in Berlin.

Reprint: Deutscher Schulatlas von 1910

Titel: Deutscher Schulatlas – Reprint der deutschen Originalausgabe von 1910
Seiten: 56 + herausnehmbarer Stadtplan von Berlin
ISBN: 978-3-9612-8356-7
Verlag: Delphin

Kurzblick: Berlin im Wandel

Alte Pläne faszinieren mich. Ich liebe es, Karten aufzuklappen und mit Augen und Fingern zu erkunden, Orte zu entdecken, die ich aus unserer Zeit heraus kenne oder noch aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung habe, historischen Ereignissen nachzuspüren und einzutauchen in eine Welt, die nicht die meine ist. Für Berlin ist das jetzt möglich. Die Metropole an der Spree ist bei Touristen ohnehin beliebt. Kunst, Kultur und Geschichte sind praktisch auf jeden Quadratmeter erlebbar. Vor kurzem feierte die Serie „Babylon Berlin“ die Zeit der 1920er Jahre so spannend wie nie zuvor, und überdies lassen sich an jeder Ecke spannende Geschichten nachempfinden. Jetzt geht das auch anhand von historischen Stadtplänen.

Kaum eine andere Stadt hat so viel erlebt, wie Berlin selbst und kaum ein ort so viele Veränderungen erfahren. Dies erlebbar zu machen, hat sich der Verleger Gerd Gauglitz, der mit seinem Stadtplänen nicht nur den modernen Berliner versorgt, sondern auch Historisches nachfühlbar macht. In zwei Mappen kommen die insgesamt acht Pläne daher, die eine Stadt im Wandel zeigen.

Titel: „Berlin – Vier Stadtpläne im Vergleich – 1742-1875-1932-2017“
Autor/Verleger: Gerd Gauglitz
4 faltbare Stadtpläne, ein beidseitig bedrucktes Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-44-5
Verlag: Edition Gauglitz

Die erste Mappe, etwas größer als A5 sind sie beide, enthält aufgeklappt die Stadtpläne der Spreemetropole von 1742, 1875, 1932 und 2017. Kommentiert in einem eingelegten Faltblatt, kann man die Entwicklung vom Dorf zur Großstadt beobachten. es wird erklärt, welche städtischen Merkmale und markanten Punkte damals geschaffen wurden, wichtig waren, um bereits ein knappes jahrhundert der Stadtplanung lästig zu werden. Es wird berichtet, was aus der zeit die Wendungen der Geschichte überlebt hat und welche Grundzüge der Stadt heute noch erkennbar sind. Die Stadtpläne lassen sich dabei einzeln aufklappen, leider noch nicht herausnehmen, wie in der zweiten Mappe. Macht aber nichts. Die Aufmachung ist sehr handlich. Eine umständliche Falterei, wie bei manch modernen Stadtplan, der das heutige Berlin zeigt, ist nicht notwendig.

Edition Gauglitz: „Berlin – Vier Stadtpläne im Vergleich – 1742-1875-1932-2017“

Die Stadtpläne sind, wer jetzt auch ein historisches Design erwartet, allesamt modern gehalten. Dies ermöglicht eine schnelle Orientierung und die Schaffung eines guten Überblicks. das moderne Auge muss sich an nichts anderes gewöhnen, als es es etwa von Google Maps kennt.

In der zweiten Mappe dagegen, finden sich die Stadtpläne aus den Jahren 1840, 1953, 1988 und ein Gedankenspiel, Hitlers „Germania“ um 1950. Das gleiche Spiel, bloß kann man die Karten komplett herausnehmen. Sie sind nicht an der Mappe selbst angeleimt und so ist das alles noch handlicher. Fast ist es so, als könnte man sich auf eine Zeitreise begeben und mit diesen Plan durch das Berlin des jeweiligen Jahres gehen. erlebbar wird die Geschichte, wenn man sich etwa an Erzählungen und Berichten über den Volksaufstand 1953 erinnert oder an das letzte Jahr des eingemauerten Westberlins. Auch  hier ist der moderne Look verknüpft mit den historischen Gegebenheiten ein Blickfang. Man bekommt ein Gefühl für die jeweilige Zeit und den Anforderungen der Stadtplanung.

Auch hier ist das ganze wieder in einem separaten Faltblatt kommentiert.

Besonderheit der Ergänzungspläne ist indes der vierte Plan. Der zeigt das Zentrum der Welthauptstadt „Germania“ um 1950, also jenes Hirngespinst Hitlers, welches nach den Plänen der Nazis nach dem Krieg verwirklicht werden sollte. Sogar ein Modell wurde in Teilen schon gebaut, zu sehen im Film „Der Untergang“ und heute in den Räumen des Vereins Berliner Unterwelten e.V. . Ein Großteil davon blieb, Gott sei Dank, unverwirklicht. Nur einzelne Gebäude aus dieser Zeit gibt es noch heute. Was die Nazis der historischen Bausubstanz Berlins angetan hätten, lässt sich hier nachvollziehen.

Titel: „Berlin Ergänzungspläne – Vier Stadtpläne im Vergleich -1840-1953-1988 und 1950 ‚Germania‘ „
Autor/Verleger: Gerd Gauglitz
4 herausnehmbare Stadtpläne, ein beidseitig bedrucktes Informationsblatt
ISBN: 978-3-933502-45-2
Verlag: Edition Gauglitz 

Gerd Gauglitz hat in dieser Edition Geschichte nachfühl- und erlebbar gemacht und zumindest gedanklich mit den Finger auf den Stadtplan eine Zeitreise ermöglicht. Vom Dorf zur Metropole, in all seinen Facetten und Wandlungen, wird nicht nur die Zeit des „Babylon Berlin“ erlebbar. Für Geschichtsfans und Liebhaber von alten Plänen und Interessenten an Architektur und historischen Ereignissen, sind diese beiden handlichen Mappen ein unbedingtes Muss. Viel Spaß also, bei der nächsten Zeitreise.

JR Moehringer: Tender Bar

Inhalt:

Eine Kindheit in Long Island, in einer verrauchten Bar voller liebenswürdiger Gestalten, eine Mutter, die mit lebensklugen Lügen die Moral aufrechterhält, und mittendrinn der kleine Junge JR, der lernt, dass zwischen Bier und Whisky manchmal Weltenliegen. Ein abwechselnd anrührender und witziger Roman über tapfere Kinder, mitfühlende Männer, starke Mütter und die Kraft von Träumen. (Klappentext)

Rezension:

Romane, in denen jede Zeile ein zu lesender Genuss ist, gibt es einige. Geschichten, in der man die protagonisten lieb gewinnt und gespannt ihren Weg verfolgt, viele und Handlungen, die überraschen und nachdenklich machen, werden auch oft genug beschrieben. Gott sei Dank. Hin und wieder aber wird dem Leser auch ein Schriftstück schmackhaft gemacht, was sich bei genauerer Betrachtung nur in Begleitung von schlechten Rotwein oder abgestandenen Bier ertragen lässt.

Mit „Tender Bar“ legt J.R. Moehringer den Versuch eines Coming-of-Age-Romans vor, der in all seinen Facetten gründlich misslingt. Schon die Handlung lässt sich auf wenige Zeilen reduzieren, so dass eine Kurzgeschichte noch viel zu gut gemeint wäre. Alleine der Klappentext ist schon zu viel. Die Fast-Säufer-Autobiografie, die ständig um das eigene Scheitern und das seiner Mitmenschen kreist, davon jedoch nicht loskommt, liest sich dröge und eintönig, genau so wie die sich in ständigen Variationen wiederholenden Charakterbeschreibungen von Protagonisten, über die man allesamt nur die Augen rollen kann.

Beinahe religiös verehrt der Autor die Bar und ihre Anhängsel, muss er vielleicht sogar, nachdem die eigenen Eltern, getrennt, sich in verschiedener Hinsicht als unfähig erweisen, wenn dis auch bei der Mutter rein durch ihre finanzielle Stellung geschuldet ist. Ansonsten nimmt der Leser vielleicht noch aus diesem Werk mit, wie schädigend Wetten udn Alkohol sind, und nutzt das nächste Mal den Buchdeckel als Unterlegscheibe für das frisch Gezapfte. Dann hätte das Aufschreiben der Geschichte wenigstens Sinn gehabt. Wie kann man nur seine eigene Geschichte so langweilig erzählen?

Der Roman hielt sich mit Erscheinen länger in den Bestsellerlisten. An den Werken großer amerikanischer Schriftsteller wie Jonathan Safran Foer oder Hanya Yannigihara, die für mich den Maßstab in Bezug auf amerikanischer Literatur bilden, kommt Moehringer nicht heran. Leider.

Autor:

J.R. Moehringer wurde 1964 in new York City geboren und ist ein amerikanischer Autor und Journalist. Nach der Schule studierte er in Yale und arbeitete zunächst als Volontär bei der New York Times, bevor er bei den Rocky Mountain News und der los Angeles Times anfing. Er gewann den Pulitzer-Prize 2000, für den er zwei Jahre zuvor bereits nominiert war und veröffentlichte mehrere Romane. Er arbeitete als Co-Autor für Agassis Autorbiografie, nachdem dieser bei ihm angefragt hatte.

JR Moehringer
Tender Bar
Seiten: 459
ISBN: 978-3-596-17515-1
Fischer Verlag


Filmblick: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Trailer: Capernaum – Stadt der Hoffnung
Regie: Nadine Labaki
Drehbuch: Jihad Hojeily (u.a.)
Schauspieler: Zain Al Rafeea
Länge: 120 Minuten
Land: Libanon, USA
FSK: 12 Jahre
Verleih: alamondefilm

Kaum ein Land nimmt, in Relation zur eigenen Bevölkerung so viele Flüchtlinge auf, wie der der Libanon. Der kleine Staat am Mittelmeer kann jedoch auch nicht viel mehr tun, als die Menschen, die von der syrischen Seite aus kommen, um Schutz zu suchen und Hoffnung zu finden, als sie in Lager mehr schlecht als recht unterzubringen, und so ist für die meisten hier schon Endstation. Ein Leben im reichen Europa liegt zwar in den Träumen, aber dennoch in weiter Ferne.

Die Bilder, die von dort in unsere Welt herüberschwappen, sind eindringlich. Gemeinnützige Organisationen, staatliche Organe stehen dem hilflos gegenüber. In den Lagern und den Städten regiert das Gesetz der Tradition und des Stärkeren. Arme Familien, an den Rand des Ruins gedrängt, verkaufen da schon einmal ihre Seelen oder die ihrer Kinder.

Zain, eindringlich gespielt vom gleichnamigen Zain Al Rafeea, ist einer von ihnen und gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Papiere gibt es nicht. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, die ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Er schildert dem Richter seine bewegte Geschichte. Wie es dazu kam, dass er von zu Hause weggelaufen ist, bei einer Frau aus Äthiopien Unterschlupf fand und sich mit ihrem Baby alleine und mittellos durch die Slums von beirut kämpfen musste. Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine ganze Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt.

Dies ist im Wesentlichen die Handlung, die abgesehen von Einblendungen aus dem Gerichtssaal, aus der Sicht des Jungen geschildert wird. Wackelnde und rasante Kamerabilder sind es, die das Leben auf den Straßen begleiten, die den Jungen folgen, warm das Licht, das Gefühl, jeden Moment in Deckung gehen zu müssen, in jeder Szene einfangend. Der Regisseurin Nadine Labaki ist hier ein einzigartiges Filmdokument gelungen, welches das Leid und die Verzweiflung der Menschen gerecht wird, die um jeden Preis überleben wollen, sich einem Schlepper ausliefern müssen und der Sinnlosigkeit der Ursachen, die dieses Leid verursachen, in den Fokus rückt.

Der Film selbst wird getragen durch einen hervorragenden Hauptdarsteller und ist gewissermaßen Referenz an ihm und zugleich sein Rettungsanker. Tatsächlich ist Zain selbst ein Flüchtlingskind, der mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist und praktisch von der Straße weggecastet wurde. Nicht einmal lesen und schreiben konnte der Junge zum Zeitpunkt der Dreharbeiten und so spielt sich ein kleiner Kämpfer praktisch selbst. In Cannes begeisterte sein Auftreten das Publikum, jetzt in Norwegen haben er und seine Familie die Chancen, die der Film-Zain von seinen Eltern einklagen will bzw. das Einräumen, dass er nie echte Chancen hatte.

Erdrückend ist die Atmosphäre, ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, und dennoch ein Gefühl der Verlorenheit und Ausweglosigkeit zu geben. Wie sinnlos ist das alles, was sich dort abspielt? Handlungstechnisch greifen viele dargestellte Schicksale ineinander stimmig über. Kein hier bekannter Name flimmert im Abspann über die Leinwand. Das tut der Thematik und dem Film sehr gut, genau so wie die Lösung des Endes, welches stimmig ist, hier aber nicht verraten werden soll.

Kann man am Anfang des noch jungen Jahres vom bereits wichtigsten Film des Jahres sprechen? In diesem Falle dürfte das funktionieren. Muss es funktionieren.

„Capernaum“ ist einfach zu wichtig, um unterzugehen.

Constanze John: 40 Tage Georgien

40 Tage Georgien Book Cover
40 Tage Georgien Constanze John Reisebericht Mairdumont Erschien am: 02.04.2019 Taschenbuch Seiten: 441 ISBN: 978-3-7701-8293-0

Inhalt:
„Italien des Ostens“. „Balkon Europas“. Die Kaukasus-Republik Georgien hat sich seit ihrer Unabhängigkeit 1991 viele Namen gemacht. Doch welches Land verbirgt sich dahinter? Und welche verborgenenen Reize hält es für Reisende bereit? Constanze John erkunden Georgien von seiner Hauptstadt Tiflis aus in alle Himmelsrichtungen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch mal zu Fuß. Sie reist zu Klöstern und Kathedralen, sucht das Gespräch mit alteingesessenen Einheimischen und Schulklassen. Eine faszinierende Reise auf der Suche nach der Seele Georgiens. (Klappentext)

Rezension:

Wir sind Gäste in dieser Welt der Minute,

Wir vergehen, und die Nächsten bleiben hier.

Was wir miteinander tun,

all diese freundlichen und angenehmen Dinge –

das ist es doch, wofür wir leben, oder?

Was, außer dem, werden sie mit in unsere Gräber legen?

Nur drei Meter Leinwand, nur“

Zutisopeli oder Die Minutenwelt

Zitat „Zutisopeli oder Die Minutenwelt“, abgedruckt in C. John: „40 Tage Armenien“.

Georgien ist die wahrhafte Minutenwelt. Nicht zuletzt deswegen kennt fast jeder Georgier dieses kleine Gedicht, welches die Geisteshaltung der Menschen spiegelt, die dort leben. Georgien, dass ist ein kleines Land an der Grenze zwischen Europa und Asien, das zweite offiziell christliche der Welt. Es ist die Heimat guten Weines, ja, vieler Weine, einer großen Kultur, aber auch Geburtsland Stalins und ort schwelender Konflikte.

Das kleine gebeutetelte Land zu entdecken, Künstlern, Schriftstellern und den Menschen nachspüren, die dort leben, dies hat sich Constanze John zur Aufgabe gemacht, als sie das Land, welches viele kirchen und Klöster, aber auch eine dramatische Landschaft vorzuweisen hat. Herausgekommen dabei ist ein Reisebericht über die Seele Georgiens.

Wie schon im Bericht zuvor, über Armenien, begegnet die Autorin den Menschen, die sie trifft, voller Neugier und Sympathie und berichtet von einer Vielfalt, die man so als Leser nicht erwartet, wenn man überhaupt schon eine Vorstellung von diesem kleinen Land hatte. Diese Gedanken kann man dann auch gleich wieder über Bord werfen. Vierzig Tage lässt sich Constanze John mal in die eine, mal in die andere Richtung treiben. Zufälle und Verabredungen bestimmen den Weg, auf dem sie der „Minutenwelt“ auf die Spur kommen möchte.

Mit literarischen Geist und Gespür für die Menschen trifft sie auf Künstler, Schriftsteller, Weinbauern, die versuchen, in den von Konflikten gebeutelten Land ihr Auskommen zu finden, lässt sich von den Auswirkungen des schwelenden Konfliktes mit Russland erzählen, aber auch von großen und kleinen Erfolgen, und den Umgang mit Georgiens jüngerer Geschichte. So vielfältig der Reisebericht, fast literarisch die Erzählweise, so sachlich nimmt sie Ideen und Eindrücke auf und schafft so ein komplexes Bild, welches ein Land im Wandel zeigt.

Gerade, wenn man mit georgischer Literatur nicht besonders vertraut ist, bietet der Bericht einen interessanten Ansatz, das Land zu entdecken. Die Autorin erzählt von Dichtung und Autoren großer Romane, von Künstlern, die diesem kleinen unbedeutenden Land Achtung verschaffen, von den Alten, die von der Geschichte gebeutelt sind und den jungen Menschen, die ihr Glück suchen.

Der Blick auf dramatische Bergdörfer fehlt nicht, ebenso wenig wie die Betrachtung quicklebendiger und wandlungsfähiger Städte. Wer in Georgien zu Gast ist, wird freundlich aufgenommen und verliebt sich sofort, wenn auch meist erst auf den zweiten Blick.

Streckenweise etwas anstrengend zu lesen, ergibt sich dennoch ein interessantes Bild, welches man so von Georgien nicht hatte und der Wunsch, eben dies selbst zu entdecken, schält sich heraus. Die Autorin schafft es hier, wie auch zuletzt in „40 Tage Armenien“, dass man praktisch als nebenstehende Figur mit ihr dieses Land bereist, mal mit ernsten Blick, dann wieder mit großem Humor. Mehr gibt es dabei nicht zu sagen, es ist eben ein Reisebericht. Jedoch einer, der besonderen Sorte. So besonders, wie Georgien selbst.

Autorin:

Constanze John wurde 1959 in Leipzig geboren und ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie studierte nach der Schule Germanistik, Geschichte und Pädagogik an der Universität zu Leipzig, lebte zeitweilig in Rostock und absolvierte ein Fernstudium am Literaturinstitut Leipzig von 1984-1987. Seit 1998 ist sie freiberufliche Schriftstellerin, veröffentlichte jedoch seit 1987 Gedichte, sowie ein Werk über Sagen der Region Zwickau.

Seit 2012 leitet die Autorin die Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche im Haus des Buches Leipzig. Für Deutschlandfunk und Deutschlandradio erarbietete sie mehrere Reisereportagen. Mehrere Auslandsreisen bildeten die Grundlage für ihre Veröffentlichungen im DuMont-Reiseverlag über Armenien und Georgien. Die Autorin wurde mehrfach ausgezeichnet.

Katja Brandis: Woodwalkers – Tag der Rache (6)

Inhalt:

Es ist so weit! In den Rocky Mountains beginnt der Sommer und mit ihm die Abschlussprüfungen für Carag. Doch das Lernen fällt dem Pumajungen schwer, denn Millings Großer Tag der Rache steht unmittelbar bevor. Verzweifelt versuchen Carag und seine Freunde, die Menschen vor Millings Verbündeten zu schützen. Schnell steht für Carag, seine Menschenfamilie und die Clearwater Hogh alles auf dem Spiel. Wird es den Verteidigern gelingen, rechtzeitig hinter Millings Geheimnis zu kommen und die gefährlichen Gegner zu stoppen? (Klappentext)

Einordnung:

Dies ist der sechste Band und damit Abschluss der Reihe „Woodwalkers“. Es ist unabdingbar, zuvor die anderen Teile gelesen zu haben.

Rezension:

Fernab aller Gender-Debatten muss man in den Regalen der Buchhandlungen so manches Mal suchen, wenn man gute Bücher, Romane für Jungen finden möchte. Zwar gibt es auch in diesem Bereich immer mehr, aber gefühlt gegenüber der für die Zielgruppe der Leserinnen ausgelegte Literatur immer noch zu wenig und so stechen neue Buchreihen, wie die „Woodwalkers“ der Münchener Autorin Katja Brandis wohlwollend heraus. Davon abgesehen können sie natürlich dennoch von beiden Geschlechtern gelesen werden.

„Woodwalkers – Der Tag der Rache“, ist der Finalband dieser abenteuer- und actiongeladenen Serie, in der die jungen Gestaltwandler, Carag und seine Freunde, nicht nur den Abschlussprüfungen des Jahrgangs entgegen bibbern, sondern sich zudem auf den kommenden Schlag ihres Erzfeindes Andrew Milling vorbereiten müssen. Mehr sei vom Inhalt kaum verraten, nur, dass es auch hier wieder zu dramatischen Entwicklungen und Wendungen kommt, die so einige Stunden fesselnden Lesestoff versprechen. Der über die Bände hinweg kontinuierlich aufgebaute und konsequent gehaltene Spannungsbogen, aus der Ich-Perspektive Carags erzählt, die feinen Charakterzeichnungen, die sich hier als durchaus wandlungsfähig, nicht nur im Sinne ihrer zwei Gestalten, zeigen, tun ihr übriges, um als runde Sache gelten zu können.

Carag, Holly, Brandon und die anderen sind den Lesern ans Herz gewachsen und so fern man gerade nicht altersgemäß zur Zielgruppe gehört, ahnt man während des Lesens zwar, wohin das alles führen und wie die Geschichte enden wird, für die jüngere Leserschaft aber, ist es ein Lesegenuss ohne geringste Abstriche. Gestützt auf die Legenden der amerikanischen Urvölker, hat die Autorin hier kunstvoll die Idee der Gestaltwandler augfgegriffen, so dass man zwangsläufig die Welt Carags und seiner Freunde liebgewonnen hat. Wer darin noch ein wenig verweilen möchte, kann mitgewachsen, dies in der demnächst erscheinenden Jugendbuchreihe „Seawalkers“, es wird nass, tun.

Alles in allem hat mich diese Reihe von Anfang an überzeugt. Besonders auffällig ist hier vielleicht zu erwähnen, dass an sich keiner der Zwischenbände schwächelt und man nicht mit dem Gefühl zurückgelassen wird, dass irgendetwas fehlen würde. Ohne erhobenen Zeigefinger hat die Münchener Autorin Themen wie Charaktereigenschaften verarbeitet und gezeigt, dass auch gerade auf den deutschen Kinderbuchmarkt sich Perlen verstecken können, die mitunter auch über Altersgrenzen hinweg funktionieren.

Es hat Spaß gemacht, den Weg Carags auf Puma- und anderen Fährten zu folgen, von denen man nach diesem letzten Band gerne Abschied nimmt. Wer die Autorin bis dato nicht auf den Schirm hatte, sowie ihre zahlreichen Pseudonyme, der sollte dies spätestens mit diesen Band. Davon abgesehen lohnt es sich vielleicht, sein Haustier mal etwas genauer zu beobachten. Vielleicht ist das ja mehr Mensch als man denkt.

Autorin:

Katja Brandis, geb. 1970, studierte Amerikanistik, Anglistik und Germanistik und arbeitete als Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und hat inzwischen zahlreiche Romane für junge Leser veröffentlicht. Sie lebt mit Mann, Sohn und drei Katzenin der Nähe von München.

Katja Brandis
Woodwalkers – Tag der Rache (Band 6)
Seiten: 341
ISBN: 978-3-401-50397-1
Arena-Verlag



Kurzblick: Harry Potter weltweit

„Harry Potter nervt.“, beschwerte sich kürzlich einer der jüngeren deutschen Booktuber in einem seiner Videos und bemängelte die Praxis des Carlsen-Verlages, schon wieder eine neue Edition der Geschichte um den jungen Zauberlehrling aus Joanne K. Rowlings Feder herausgegeben zu haben, und ein wenig hat er recht.

Der Buchtoaster: „Harry Potter nervt.“

Das Portemonaie der Fans ist es, was der Verlag seit 20 Jahren  zu melken vermag, immerhin werden wieder und wieder neue Auflagen gedruckt, Zusatzbücher gedruckt, nicht zuletzt die Drehbücher zu den im Potter-Universum spielenden „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, die sowie so schon als Filme durchschlagen.

Das kann man finden, wie man möchte, den ganzen Quatsch sein lassen oder als Fan dem nachgeben und immer weiter kaufen. Letztendlich bleibt das jeden selbst überlassen. Ich habe mich inzwischen darauf ausgelegt, den Blick über den Tellerrand schweifen zu lassen und geschaut, wie das in anderen Ländern gehandhabt wird, auch wenn dafür andere Literatur fast zwangsweise untergeht.

Offen gestanden, genau so. Kein Verlag lässt sich diese sichere Einnahmequelle entgehen, andere Verlage ziehen mit Kochbüchern und ähnlichen Getue nach. Es funktioniert ja auch. Und ergibt ganz nebenbei ein erstaunliches Sammelgebiet, womit wir wieder bei den freiwillig gemolkenen Kühen wären, zu denen ich offengestanden leider auch gehöre.

Ich habe mich mit den Blick auf’s Ausland ans Sammeln gemacht, wie man seit kurzem auf der Seite „Meine HP-Sammlung“ beobachten kann, und bin dabei, mir nach und nach die Sprachfassungen des ersten Bandes „Harry Potter und der Stein der Weisen“ in die Wohnung zu holen. Es ist faszinierend, eine Geschichte zu wissen, die auf der ganzen Welt gelesen werden kann, in der eigenen Sprache und auch sonst. Zudem kann man vergleichen, wie wirkt sich die Druckqualität und die der Bindung aus, welche Unterschiede gibt es in der Schrift und Sprache und was hat das überhaupt für Auswirkungen auf das Gesamtwerk.

Und, wo wir schon bei der Haptik des Buches sind, kommen wir gleich einmal zu Optik. Wie wirkt sich die Covergestaltung auf das Gesamtwerk aus? Wer diese und andere Fragen beantwortet haben und zugleich etwas über verlegerisches Verhalten lernen möchte, kann also gut und gerne die Harry Potter Geschichte als Vergleichsmaterial nehmen. Vom Inhalt her ist sie ja überall gleich.

Ausgangsmaterial muss dabei das Original-Werk, sprich hier die englische Ausgabe des britischen Bloomsbury-Verlages sein, der Joanne K. Rowlings Geschichte zu allererst veröffentlichte und gefühlt alleine vielleicht von den Lizenzen leben kann, die er in der ganzen Welt verkauft. Auch auf der Insel gibt es inzwischen mehrere Auflagen im Taschenbuch- oder Hardcover-Format. Hörbücher. Braille-Fassungen und Sondereditionen kommen auch noch dazu.

Die Papierqualität, zumindest der Taschenbuchausgaben ist meinem Gefühl nach schlechter als was man in Mitteleuropa bekommt, von der Schriftgröße her ähnelt es sich und auch sonst gibt es keine großen Unterschiede, wenn man mal von der Gestaltung absieht. Die britischen Cover wurden von einigen Verlagen verschiedener Länder unverändert (oder nur in Bezug auf die Schrift und Sprache) übernommen, andere, wie eben Carlsen, legten mit eigenem Cover vor.

Der britische Band ist bei mir übrigens sehr schnell gerissen. Entweder habe ich eine Montagsausgabe erwischt oder es war Magie im Spiel. Sei’s drum. Irgendwann hole ich mir einen der Bloomsbury-Schuber.

Auf der anderen Seite des Erdballs ist der erste Band vom Umfang her größer. Die japanische Ausgabe ist größer vom Format her und hat zudem ein aufwendiges Cover, welches sich aus europäischer Sicht auf der Rückseite befindet. Wie ein Manga muss diese Geschichte, die in traditioneller Schreibweise von oben nach unten geschrieben ist, von hinten nach vorne gelesen werden. da die Schrift sehr groß, die Zeichenabstände ebenfalls und die Ränder nicht unbeachtlich sind, muss die Geschichte in Japan ab Band 4 auf mehrere Bücher verteilt werden. Wer will schon einen Ziegelstein mit sich herumschleppen? Japanische Kinder haben also mehr Bücher in ihrem Zimmer stehen oder greifen gleich zum E-Book. Ob da allerdings diese tolle Zeichnung aus Pastellkreide (?) zu sehen ist, weiß ich nicht.

In Spanien und Italien ähneln sich vom Umfang her die Ausgaben des ersten Bandes sehr, da Schriftgröße und -art fast gleich sind, man außerdem zur gleichen Sprachfamilie gehört. Man fragt sich zwar, was sich der italienische Zeichner bei den Mäusehut gedacht hat (Ich muss diese Stelle bei Gelegenheit nochmal lesen, ob der wirklich vorkam.), aber insgesamt sind das beides sehr schön verarbeitete Ausgaben. Etwas dünner als die deutsche Ausgabe, werden die Bücher beider Länder durchnummeriert, der spanische bekommt pro Band einen unterschiedlich eingefärbten Rahmen.

Das italienische Harry Potter 1 Cover.

Unter den Sprach-Übertragungen finden sich verschiedene Kuriosa. So könnten Latein-Lehrer ihren Unterricht mit der Bloomsbury-Ausgabe „Harrius Potter“ aufpeppen. Wer des Plattdeutschen mächtig ist, findet die ersten zwei Bände auch in dieser Übersetzung, muss dafür inzwischen aber auch eine ganze Menge Geld hinblättern. Diese Ausgaben kann man nur noch antiquarisch und gebraucht erwerben, womit wir wieder bei den gemolkenen Kühen wären. Es ist aber auch ein Teufelskreis.

In Russland muss sich Joanne K. Rowling zuweilen den Erfolg mit den hießigen Fantasy- und Science-Fiction-Autoren Sergej Lukianenko („Die Wächter“) teilen, der in seiner Heimat genau so oder noch erfolgreicher ist. Nichts destotrotz gibt es auch dort mehrere Übersetzungen. Es entzieht sich dabei meiner Kenntnis, warum das so ist und warum die Bücher dort nun von einem anderen Verlag herausgegeben werden als zu Beginn des Phänomens, welches von Kaliningrad bis nach Wladiwostok herüberschwappte. Auch da. Hatte das lizenrechtliche Gründe? Ging der erste Verlag pleite oder andere Wege? Keine Ahnung. Wäre hier dankbar um Aufklärung.

Das dortige Cover findet sich auch auf meiner mir vorliegenden chinesischen Ausgabe und ist, glaube ich (Recherche ist alles.) ein Jubiläums-Motiv. Wenn ich mich nicht täusche, war dies das zum damals 15-jährigen Jubiläum. Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege. Die chinesische Ausgabe ist so dünn, wie ein sehr schmales Taschenbuch, hat aber Hochformat und ist enger bedruckt als etwa die japanische Ausgabe. Der Umfang gleicht etwa der Hälfte der russischen Ausgabe.

Als ich einmal den ersten Film aus Versehen auf Niederländisch loslaufen ließ, konnte ich mich kaum halten vor Lachen. So viele Chr-Hr- und ähnliche zungenverrenkende Laute hatte ich bis dato noch nie nacheinander gehört. Die Niederländer haben sowohl in der klassischen Hardcover- als auch in der Taschenbuchversion schöne, wie gemalte Motive, gleichen von der Papierqualität und der Bindung dem, was man vom deutschen Carlsen-Verlag gewohnt ist.

Es ist praktisch Harmonie, wie auch der Verlag der Niederländer sich nennt. Mir gefällt, dass die Niederländer hier ein Lesebändchen eingearbeitet haben. Etwas, worauf die Deutschen bis zu den von Jim Kay illustrierten Ausgaben warten mussten und sonst nur die Japaner haben (Ich gehe dabei von den Büchern aus, die schon bei mir sind.). Von der Schrift her wirkt alles etwas kleiner und enger bedruckt. Das wird dann auch vom Umfang her dünner als es die deutsche oder britische Ausgabe ist.

Als letztes komme ich zur polnischen Variante der Erwachsenenausgabe, die schon etwas hermacht mit diesen Stein der Weisen. Hoffentlich war das nicht einfach ein Fotoshop-Motiv einer großen Bilddatei-Datenbank und selbst wenn, es sieht gut aus. Die polnische Ausgabe ist etwas dicker im Umfang als es die niederländische ist, liegt gut in der Hand und ist überlebensfähig. Habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass etwa der Transport in der Tasche oder das Lesen in der U-Bahn sich großartig auf das Buch auswirkt, von normalen Gebrauchsspuren einmal abgesehen.

Unterwegs ist gerade die ukrainische Ausgabe mit sehr aufwendigen Cover, auf die ich noch genauer eingehen werde, da sie wirklich sehr detailliert ist, aber das möchte ich erst wirken lassen, wenn sie bei mir ankommt. Davon werde ich berichten. Jetzt kann ich noch nicht viel dazu und zur Haptik sagen.

Allen Harry Potter Ausgaben aller Länder ist gemein, dass auch sie in den unterschiedlichsten Varianten kursieren und verlegt werden, damit wieder eine neue Generation von Lesern geschaffen wird und es weiter Kundschaft für die Verlage gibt. Das funktioniert mit „Harry Potter“ in allen Ausführungen sehr gut, schwächt manchmal jedoch den Blick auf andere Bücher, die dann irgendwie untergehen. In sofern gebe ich den Buchtoaster schon ein wenig Recht. Der Fan in mir lässt sich aber wahrscheinlich weiter melken. Selbst schuld.

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Reinhold Messner: Gobi

Inhalt:

Mit 60 Jahren wagt Reinhold Messner einen letzten großen Grenzgang zwischen Leben und Tod. Einem alten Traum folgend, will er die Längsdurchquerung der Wüste gobi versuchen – allein und völlig auf sich gestellt. Die 2000 Kilometer lange Wanderung durch die Westgobi und über das Altai-gebirge wird für ihn zu einer nie dagewesenen Grenzerfahrung, physisch und psychisch, und zu einem Akt der Selbstbestimmung mit ungewissem Ausgang. (Klappentext)

Rezension:

Um so mehr Technologie und Infrastruktur entwickelt werden, um so bezwingbarer ist die Natur. Eisflächen werden schon aufgrund des Klimawandels überwindbar. Berge schrumpfen förmlich zu Hügeln. Die Zeiten, in denen Bergsteiger und Abenteurer für kleine Fehler mit ihren Leben bezahlen mussten, sind auf wenige Momente zusammengeschrumpft. Und doch, die Natur ist weiterhin in vielen Momenten unberechenbar. Der Bergsteiger und Extrem-Abenteurer Reinhold Messner machte sich 2004 auf, zu einer seiner letzten Expeditionen, dieses Mal nicht in der Vertikalen, sondern dem Horizont entgegen. Längs durch die Wüste Gobi.

Es ist ein eindrücklicher Erfahrungsbericht der hier neu aufgelegt wird. Ursprünglich 2005 in einem anderen Verlag erschienen, wird mit dieser Neuauflage einem der größten Abenteurer unserer Zeit noch einmal Tribut gezollt. Reinhold Messner hat in seinem Leben von Anfang an gezeigt, was mit genug Demut vor der Natur zu erreichen ist, nicht zuletzt, wenn man auf die örtlichen Gegebenheiten achtet und die Hilfe der Menschen vor Ort annimmt. Der Bergsteiger, der nach 60 Lebensjahren ahnt, dass seine Kräfte für künftige Unternehmungen der Superlative nicht mehr ausreichen werden, wollte es 2004 noch einmal wissen und begab sich auf einen Trip, der fast mehr noch als die Besteigung des Mount Everest, ihn fordern sollte.

Die Gobi, uns Europäern nahezu unbekannte Wüste, Heimat eines stolzen Reitervolkes, Dschingis Khan. Mehr Assoziationen hat der Durchschnittseuropäer wohl nicht, um so faszinierender war für den Südtiroler die Erfahrung, sich von Nomadenlager zu Lager, von Jurte zu Jurte durchzuschlagen. Immer im Kampf mit den wechselhaften Temperaturen, den Durst und den durch die Expeditionen geschundenen eigenen Körper, durchquerte er dieses Land und lernt überall hilfsbereite Menschen kennen, deren Land und Gesellschaft sich im Umbruch befinden. Auf Basis seiner unmittelbar dort entstandenen Notizen beschreibt er seine inneren Kämpfe, wirft einen Blick zurück in seine Kindheit und den Herausforderungen des Abenteuers in der damaligen und in unserer Zeit.

Ein Bericht, der immer dann stark ist, wenn Messner seinen Blick auf Landschaft und Menschen schweifen lässt oder von seiner Familie erzählt, jedoch Schwächen insbesondere in der Länge aufweist. Schwierig ist es teilweise nachzuvollziehen, wenn man reisetechnisch ganz anders gestrickt ist, wobei schwer zu sagen ist, ob diese einmaligen Erfahrungen als Reise zu bezeichnen sind. Wenn schon, dann als ewige immerwährende Suche, Selbstfindung.

Reinhold Messner ist vieles in seinem Leben gelungen. Auch das Scheitern, welches natürlich andere Extreme aufwies, als wir es im Laufe unseres Lebens kennenlernen. Dieser Trip brachte ihn jedoch an körperliche Grenzen, die ihn fast zum Abbruch der Expedition zwingen sollten. Diesen inneren Kampf mit sich selbst Zeile für Zeile nachvollziehbar zu machen, ist die Leistung des Autors Messner, dessen Abenteuer Jungenträume real werden ließen. Die Gobi als gnadenlose Herausforderung und Weg zur Selbsterkenntnis. Positiv wie negativ.

Autor:

Reinhold Messner wurde 1944 in Brixen/Südtirol geboren und ist ein italienischer Extrembergsteiger, Abenteureer, Buchautor und Regionalpolitiker. Auf seinen Expeditionen bestieg er alle vierzehn Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff und hat zudem zahlreiche Erstbesteigungen vorzuweisen. Desweiteren durchquerte er die Antarktis , Grönland und die Wüste Gobi. Er ist zudem Begründer der Messner Mountain Museen und Autor zahlreicher Publikationen, rund um das Bergsteigen und seiner Geschichte. Er saß 5 Jahre lang im Europa-Palarment undist auch regionalpolitisch aktiv gewesen.

Reinhold Messner
Gobi
Seiten: 272
ISBN: 978-3-7701-8294-7
DuMont Reiseverlag/mairdumont