{"id":4072,"date":"2020-02-19T04:35:33","date_gmt":"2020-02-19T04:35:33","guid":{"rendered":"http:\/\/findosbuecher.com\/?p=4072"},"modified":"2020-02-19T04:35:38","modified_gmt":"2020-02-19T04:35:38","slug":"josef-haslinger-mein-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/findosbuecher.com\/?p=4072","title":{"rendered":"Josef Haslinger: Mein Fall"},"content":{"rendered":"\n<p>Autor: Josef Haslinger<\/p>\n\n\n\n<p>Titel: Mein Fall<\/p>\n\n\n\n<p>Seiten: 139<\/p>\n\n\n\n<p>Genre: Biografie<\/p>\n\n\n\n<p>Hardcover<\/p>\n\n\n\n<p>Verlag: S. Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>ISBN: <a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/josef_haslinger_mein_fall\/9783100300584\">978-3-10-030058-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Meine Eltern hatten mich der Gemeinschaft der Patres anvertraut, weil  mich dort das Beste, das selbst sie mir nicht geben konnten, erwarten  w\u00fcrde. Ich habe sie heimlich oft verflucht, weil sie mich nicht darauf  vorbereitet hatten, was dieses Beste sei&#8230; <\/p><cite>Josef Haslinger: &#8222;Mein Fall&#8220;.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie viel Leid muss ein Mensch eigentlich ertragen, bevor ihm  geglaubt, bevor er angeh\u00f6rt und ihm Gerechtigkeit wiederfahren wird?  <\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest ben\u00f6tigen sie zumeist einen langen Atem und  Durchhalteverm\u00f6gen, im Falle Josef Haslingers wohl auch eine gewaltige  Portion Gl\u00fcck, der sich 2019 der Unabh\u00e4ngigen Opferschutzanwaltschaft  und der Unabh\u00e4ngigen Opferschutzkommission anvertraute, die in  \u00d6sterreich die Missbrauchsf\u00e4lle innerhalb der katholischen Kirche  untersuchen soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Er selbst wurde als Kind in einem kirchlichen Internat  sexuell missbraucht und musste erst lernen, dar\u00fcber zu sprechen,  vertraute sich den miteinander verzahnten und von der Kirche selbst  gest\u00fctzten Organisationen erst an, als seine Peiniger von Einst nicht  mehr lebten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Zustandsbericht, gleicherma\u00dfen Kindheitsbiografie und  Verarbeitungsversuch dessen, was kaum zu verarbeiten ist, ist nun das  Resultat. Nach und nach erf\u00e4hrt der Leser, wie das Kind in die H\u00e4nde der  Patres kam und missbraucht wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein schleichender Prozess, den der  zun\u00e4chst Zehnj\u00e4hrige nicht erkennt als das, was es ist. Eben Missbrauch  und Gewalt. Parallel erz\u00e4hlt der Autor auch vom erschwerten  Verarbeitungsprozess einer Kirche, deren Taktik zu verschleiern, zu  verz\u00f6gern, zu zerm\u00fcrben schon in den allerersten Zeilen deutlich wird.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann da eine Aufarbeitung gelingen. Die Schilderungen Haslingers,  wie dieser von einer zur anderen Stelle geschickt und schlie\u00dflich selbst  aufschreiben sollte, wof\u00fcr es keine Worte gibt, lassen beim Leser das  Blut kochen. Vor Wut auf eine mittelalterliche und r\u00fcckst\u00e4ndige  Organisation, die weder Willens noch f\u00e4hig zu Ver\u00e4nderungen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch,  wenn man sich nach au\u00dfen einen reum\u00fctigen Anschein gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch Haslinger selbst, der diesen Bericht zugleich als  Verarbeitung des Gewesenen verstanden lassen m\u00f6chte, muss sich fragen  lassen, was er mit &#8222;Mein Fall&#8220; eigentlich erreichen m\u00f6chte. <\/p>\n\n\n\n<p>Vorw\u00fcrfe,  die er macht, werden von ihm selbst gleich wieder relativiert, erste  Ann\u00e4herungs- und Sexualisierungsversuche der Patres als nicht so schlimm  im Nachhinein gesehen. Zugleich will er ganz klar den P\u00e4dophilen vom  Lehrenden trennen, gleichwohl diese in Gestalt bestimmter Padres die  gleichen Personen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Lehrer erinnert sich Haslinger durchaus mit Wohlwollen, an den  T\u00e4ter nat\u00fcrlich nicht. Die Denkweise Haslingers, erst nach dem Tod der  T\u00e4ter damit an die Kontaktstelle der Missbrauchsaufkl\u00e4rung zu treten, um  den Lebenden keinen Rufschaden hinzuzuf\u00fcgen, finde ich ebenfalls  schwierig, als Au\u00dfenstehender kaum nachzuvollziehen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ansatz  T\u00e4terschaft und Neigung voneinander zu trennen, ist zwar durchaus  modern, doch sollten Taten klar benannt und als solche bezeichnet  werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor steht noch ganz am Anfang dieses Verarbeitungsprozesses. So  viel ist nach der Lekt\u00fcre klar, jedoch kann man aus der Lekt\u00fcre selbst  nichts ziehen. Josef Haslinger will sich nicht an staatliche Stellen  wenden, da er sich nun einmal an die von der Kirche gehandhabten  Organisation zur Bearbeitung seines Falls gewendet hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Leser bleibt  man ratlos zur\u00fcck. Vielleicht nur mit der Frage, warum rennt der Autor  so offen gegen eine vor sich auftauchende Wand? Warum, um bei dieser  fragw\u00fcrdigen Organisation zu bleiben, in die Hand derer, die die  Kindheit Haslingers einst verrieten? <\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest indirekt. Dabei wird  nichts herauskommen. Dieser Bericht ist eher f\u00fcr die private Schublade  gedacht oder f\u00fcr den Psychotherapeuten. Nicht jedoch f\u00fcr die Leser mit  Gewinn zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere, wie etwa Bodo Kirchhoff (&#8222;D\u00e4mmer und Aufruhr&#8220;), sind da weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Josef Haslinger wurde 1955 geboren und ist ein \u00f6sterreichischer  Schriftsteller. Er lebt in Wien und Leipzig, lehrt seit 1996 als  Professor f\u00fcr literarische \u00c4sthetik am Deutschen Literaturinstitut in  Leipzig. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor, der in seinen Werken u.a. die Tsunami-Katastrophe  2004 verarbeitete, die seine Familie und er erlebten, erhielt bereits  zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis  des \u00f6sterreichischen Buchhandels.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Josef Haslinger Titel: Mein Fall Seiten: 139 Genre: Biografie Hardcover Verlag: S. Fischer ISBN: 978-3-10-030058-4 Meine Eltern hatten mich der Gemeinschaft der Patres anvertraut, weil mich dort das Beste, das selbst sie mir nicht geben konnten, erwarten w\u00fcrde. 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