{"id":2249,"date":"2018-08-15T17:31:37","date_gmt":"2018-08-15T17:31:37","guid":{"rendered":"http:\/\/findosbuecher.com\/?p=2249"},"modified":"2020-07-05T12:50:15","modified_gmt":"2020-07-05T12:50:15","slug":"steve-sem-sandberg-die-erwaehlten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/findosbuecher.com\/?p=2249","title":{"rendered":"Steve Sem-Sandberg: Die Erw\u00e4hlten"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>Rezension:<\/strong><br>Die Reihe guter dokumentarischer und aufarbeitender Romane ist d\u00fcnn ges\u00e4t. Viel zu oft werden einzelne Geschehnisse \u00fcberh\u00f6ht, gar welche dazu erfunden, als wollen die Autoren die Leser in eine bestimmte Zeitebene einf\u00fchren, bitte jedoch mit Wohlf\u00fchlfaktor, und wenn ein wenig Schrecken und Grusel dabei ist, ist dann die kriminalistische Ader des Zielpublikums auch bedient. Hier aber, ist&#8217;s anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Steve Sem-Sandberg, dessen gr\u00f6\u00dfter Teil seiner Werke noch gar nicht aus dem Schwedischen \u00fcbersetzt wurde, hat mit &#8222;Die Erw\u00e4hlten&#8220; in Werk geschaffen, welches ebenso wie &#8222;Die Elenden von Lodz&#8220; aufw\u00fchlen und den Blick weiten vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kern geht es um den Wiener Jungen Adrian Ziegler, dessen Elternhaus nicht ins Zeitbild der Nazis passen will und der deshalb in die f\u00e4nge der neuen Machthaber, genauer gesagt, in der Anstalt Spiegelgrund landet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sammelt das Regime und seine Getreuen all das, was schwer erziehbar oder als abartig, nicht lebensf\u00e4hig gilt. Wer einmal drin ist, verl\u00e4sst dieses System dann auch nicht so schnell. Und schon gar nicht lebendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Handlungsstrang bezieht sich auf die Kinderkrankenschwester Anna Katschenke, die beim hochangesehenen Jekelius, Leiter der Anstalt, eine Stelle sucht und antritt und nach und nach vom Wirken der \u00c4rzte dort erf\u00e4hrt, das Euthanasie-Programm zur Vernichtung lebensunwerten Lebens willf\u00e4hrig mittr\u00e4gt und unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich dazu die erste erz\u00e4hlerische Meisterleistung des Autoren. Die T\u00e4ter existierten mit den aufgeschriebenen Namen alle wirklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Namen Gross, Jekelius oder etwa Katschenka lassen sich nachvollziehen, um die \u00fcberlebenden und toten Opfer zu sch\u00fctzen, werden diese jedoch anonymisiert, wobei auch hier leicht herauszufinden ist, dass es sich bei der Geschichte um den Jungen Adrian um niemand anderen als Friedrich Zawrel handelt, dessen Lebensgeschichte und Leiden hier als Grundlage f\u00fcr die Handlungsstr\u00e4nge dient, die mit zunehmender Seitenzahl immer schneller, immer dr\u00e4ngender erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei unterl\u00e4sst der Autor es, den Leser zu schonen, begibt sich in die gef\u00fchlswelt der T\u00e4ter und wirft seine Leser dann wieder ins kalte Wasser, wenn beschrieben wird, wie Kinder und Jugendliche mit vermeindlicher oder wirklicher Behinderung vorgef\u00fchrt, misshandelt oder erl\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres findet vor allem im Kopf statt, nur Andeutungen gibt es reichlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterf\u00fcttert mit z.B. Vernehmungsprotokollen und einer tragischen Wiederbegegnungsszene, die verb\u00fcrgt sind, ist dieser Roman kleinteilig, jedoch immer packend. Man m\u00f6chte die T\u00e4ter am liebsten jetzt noch nach ihrem Tode einer gerechten Strafe zuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, was ist schon gerecht, in Anbetracht der Behandlung, die diese ihren Opfern haben angedeihen lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Erschreckend, diese Kaltschn\u00e4uzigkeit und diese Willk\u00fcr, die damals das geherrscht haben, ebenso diese Berufung auf Vorgesetzte. &#8222;Wir haben doch nur Befehle ausgef\u00fchrt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man m\u00f6chte brechen, auch im Angesicht der Tatsache, dass sich nicht wenige T\u00e4ter in die Gesellschaft wieder eingliedern, ihren Beruf wieder aufnehmen konnten, w\u00e4hrend all ihren Opfern, sofern sie mit den Leben davon kamen, Gerechtigkeit meist versagt blieb. Eine Ungeheuerlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im perspektivischen Wechsel gestaltet, hat Sem-Sandberg ein Meisterwerk des Gedenkens geschaffen, welches unbedingt gelesen geh\u00f6rt. Viel zu selten erf\u00e4hrt man etwas \u00fcber das Schicksal der Euthanasie-Kinder, deren bekanntestes Beispiel in Deutschland Ernst Lossa ist, doch m\u00fcssen, wie hier am Beispiel Friedrich Zawrels unbedingt noch mehr Kinderschicksale aufgearbeitet werden, um in den Blickpunkt der \u00d6ffentlichkeit zu geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu gro\u00df ist die Gefahr des wiederkehrenden Geschehens. Es hat schlie\u00dflich auch damals nicht mit \u00fcberdorsierten Tabletten oder Spritzen angefangen, sondern mit gesch\u00fcrten Hass und Ausgrenzung. Dagegen und gegen die Folgen, nicht zuletzt zur Erinnerung, dieser Roman.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autor:<\/strong><br>Steve Sem-Sandberg wurde 1958 in Oslo geboren und ist ein schwedischer Schriftsteller, Kritiker und \u00dcbersetzer. Schon im jungen Erwachsenenalter verfasste er erste Romane. Er war Redakteur bei der Tageszeitung Svenska Dagbladet und wurde f\u00fcr seinen Roman &#8222;Die Elenden von Lodz&#8220; mit den schwedischen August-Preis ausgezeichnet. Er \u00fcbersetzt zudem auch andere Autoren ins Schwedische. Er lebt in Stockholm und Wien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension:Die Reihe guter dokumentarischer und aufarbeitender Romane ist d\u00fcnn ges\u00e4t. Viel zu oft werden einzelne Geschehnisse \u00fcberh\u00f6ht, gar welche dazu erfunden, als wollen die Autoren die Leser in eine bestimmte Zeitebene einf\u00fchren, bitte jedoch mit Wohlf\u00fchlfaktor, und wenn ein wenig Schrecken und Grusel dabei ist, ist dann die kriminalistische Ader des Zielpublikums auch bedient. 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W\u00e4hrend der Zweite Weltkrieg tobt, sind Adrian und die anderen Kinder in der Erziehungsanstalt schutzlos der H\u00f6lle des Nazi-Systems ausgeliefert.<\/p><p>Einzig der Anblick des Bergs vor dem Fenster weckt in ihnen die Hoffnung auf einen Schutzengel, der sie von diesem finstersten aller Orte zu retten vermag. Die Klinik wird so zum Spiegel des Nazi-Terrors - und das \u00dcberleben zur absolzuten Ausnahme. (Klappentext)<\/p>","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[1094,1409,1407,1411,17,16,1410,1408,1164,11,155,280],"class_list":["post-2249","post","type-post","status-publish","format-image","has-post-thumbnail","hentry","category-rezension","tag-ausgrenzung","tag-begebenheit","tag-euthanasie","tag-friedrich-zawrel","tag-geschichte","tag-gesellschaft","tag-goldmann","tag-nazi-regime","tag-oesterreich","tag-roman","tag-schicksal","tag-deutschland","post_format-post-format-image"],"uagb_featured_image_src":{"full":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-scaled.jpg",306,487,false],"thumbnail":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-188x300.jpg",188,300,true],"medium_large":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-768x1224.jpg",768,1224,true],"large":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-642x1024.jpg",642,1024,true],"1536x1536":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-964x1536.jpg",964,1536,true],"2048x2048":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-1285x2048.jpg",1285,2048,true],"wps_thumbnail_size":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-360x250.jpg",360,250,true],"buchcover":["https:\/\/findosbuecher.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/9783608939873-scaled.jpg",306,487,false]},"uagb_author_info":{"display_name":"findo","author_link":"https:\/\/findosbuecher.com\/?author=1"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Rezension:Die Reihe guter dokumentarischer und aufarbeitender Romane ist d\u00fcnn ges\u00e4t. 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