Kurzblick: Harry Potter weltweit

„Harry Potter nervt.“, beschwerte sich kürzlich einer der jüngeren deutschen Booktuber in einem seiner Videos und bemängelte die Praxis des Carlsen-Verlages, schon wieder eine neue Edition der Geschichte um den jungen Zauberlehrling aus Joanne K. Rowlings Feder herausgegeben zu haben, und ein wenig hat er recht.

Der Buchtoaster: „Harry Potter nervt.“

Das Portemonaie der Fans ist es, was der Verlag seit 20 Jahren  zu melken vermag, immerhin werden wieder und wieder neue Auflagen gedruckt, Zusatzbücher gedruckt, nicht zuletzt die Drehbücher zu den im Potter-Universum spielenden „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, die sowie so schon als Filme durchschlagen.

Das kann man finden, wie man möchte, den ganzen Quatsch sein lassen oder als Fan dem nachgeben und immer weiter kaufen. Letztendlich bleibt das jeden selbst überlassen. Ich habe mich inzwischen darauf ausgelegt, den Blick über den Tellerrand schweifen zu lassen und geschaut, wie das in anderen Ländern gehandhabt wird, auch wenn dafür andere Literatur fast zwangsweise untergeht.

Offen gestanden, genau so. Kein Verlag lässt sich diese sichere Einnahmequelle entgehen, andere Verlage ziehen mit Kochbüchern und ähnlichen Getue nach. Es funktioniert ja auch. Und ergibt ganz nebenbei ein erstaunliches Sammelgebiet, womit wir wieder bei den freiwillig gemolkenen Kühen wären, zu denen ich offengestanden leider auch gehöre.

Ich habe mich mit den Blick auf’s Ausland ans Sammeln gemacht, wie man seit kurzem auf der Seite „Meine HP-Sammlung“ beobachten kann, und bin dabei, mir nach und nach die Sprachfassungen des ersten Bandes „Harry Potter und der Stein der Weisen“ in die Wohnung zu holen. Es ist faszinierend, eine Geschichte zu wissen, die auf der ganzen Welt gelesen werden kann, in der eigenen Sprache und auch sonst. Zudem kann man vergleichen, wie wirkt sich die Druckqualität und die der Bindung aus, welche Unterschiede gibt es in der Schrift und Sprache und was hat das überhaupt für Auswirkungen auf das Gesamtwerk.

Und, wo wir schon bei der Haptik des Buches sind, kommen wir gleich einmal zu Optik. Wie wirkt sich die Covergestaltung auf das Gesamtwerk aus? Wer diese und andere Fragen beantwortet haben und zugleich etwas über verlegerisches Verhalten lernen möchte, kann also gut und gerne die Harry Potter Geschichte als Vergleichsmaterial nehmen. Vom Inhalt her ist sie ja überall gleich.

Ausgangsmaterial muss dabei das Original-Werk, sprich hier die englische Ausgabe des britischen Bloomsbury-Verlages sein, der Joanne K. Rowlings Geschichte zu allererst veröffentlichte und gefühlt alleine vielleicht von den Lizenzen leben kann, die er in der ganzen Welt verkauft. Auch auf der Insel gibt es inzwischen mehrere Auflagen im Taschenbuch- oder Hardcover-Format. Hörbücher. Braille-Fassungen und Sondereditionen kommen auch noch dazu.

Die Papierqualität, zumindest der Taschenbuchausgaben ist meinem Gefühl nach schlechter als was man in Mitteleuropa bekommt, von der Schriftgröße her ähnelt es sich und auch sonst gibt es keine großen Unterschiede, wenn man mal von der Gestaltung absieht. Die britischen Cover wurden von einigen Verlagen verschiedener Länder unverändert (oder nur in Bezug auf die Schrift und Sprache) übernommen, andere, wie eben Carlsen, legten mit eigenem Cover vor.

Der britische Band ist bei mir übrigens sehr schnell gerissen. Entweder habe ich eine Montagsausgabe erwischt oder es war Magie im Spiel. Sei’s drum. Irgendwann hole ich mir einen der Bloomsbury-Schuber.

Auf der anderen Seite des Erdballs ist der erste Band vom Umfang her größer. Die japanische Ausgabe ist größer vom Format her und hat zudem ein aufwendiges Cover, welches sich aus europäischer Sicht auf der Rückseite befindet. Wie ein Manga muss diese Geschichte, die in traditioneller Schreibweise von oben nach unten geschrieben ist, von hinten nach vorne gelesen werden. da die Schrift sehr groß, die Zeichenabstände ebenfalls und die Ränder nicht unbeachtlich sind, muss die Geschichte in Japan ab Band 4 auf mehrere Bücher verteilt werden. Wer will schon einen Ziegelstein mit sich herumschleppen? Japanische Kinder haben also mehr Bücher in ihrem Zimmer stehen oder greifen gleich zum E-Book. Ob da allerdings diese tolle Zeichnung aus Pastellkreide (?) zu sehen ist, weiß ich nicht.

In Spanien und Italien ähneln sich vom Umfang her die Ausgaben des ersten Bandes sehr, da Schriftgröße und -art fast gleich sind, man außerdem zur gleichen Sprachfamilie gehört. Man fragt sich zwar, was sich der italienische Zeichner bei den Mäusehut gedacht hat (Ich muss diese Stelle bei Gelegenheit nochmal lesen, ob der wirklich vorkam.), aber insgesamt sind das beides sehr schön verarbeitete Ausgaben. Etwas dünner als die deutsche Ausgabe, werden die Bücher beider Länder durchnummeriert, der spanische bekommt pro Band einen unterschiedlich eingefärbten Rahmen.

Das italienische Harry Potter 1 Cover.

Unter den Sprach-Übertragungen finden sich verschiedene Kuriosa. So könnten Latein-Lehrer ihren Unterricht mit der Bloomsbury-Ausgabe „Harrius Potter“ aufpeppen. Wer des Plattdeutschen mächtig ist, findet die ersten zwei Bände auch in dieser Übersetzung, muss dafür inzwischen aber auch eine ganze Menge Geld hinblättern. Diese Ausgaben kann man nur noch antiquarisch und gebraucht erwerben, womit wir wieder bei den gemolkenen Kühen wären. Es ist aber auch ein Teufelskreis.

In Russland muss sich Joanne K. Rowling zuweilen den Erfolg mit den hießigen Fantasy- und Science-Fiction-Autoren Sergej Lukianenko („Die Wächter“) teilen, der in seiner Heimat genau so oder noch erfolgreicher ist. Nichts destotrotz gibt es auch dort mehrere Übersetzungen. Es entzieht sich dabei meiner Kenntnis, warum das so ist und warum die Bücher dort nun von einem anderen Verlag herausgegeben werden als zu Beginn des Phänomens, welches von Kaliningrad bis nach Wladiwostok herüberschwappte. Auch da. Hatte das lizenrechtliche Gründe? Ging der erste Verlag pleite oder andere Wege? Keine Ahnung. Wäre hier dankbar um Aufklärung.

Das dortige Cover findet sich auch auf meiner mir vorliegenden chinesischen Ausgabe und ist, glaube ich (Recherche ist alles.) ein Jubiläums-Motiv. Wenn ich mich nicht täusche, war dies das zum damals 15-jährigen Jubiläum. Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege. Die chinesische Ausgabe ist so dünn, wie ein sehr schmales Taschenbuch, hat aber Hochformat und ist enger bedruckt als etwa die japanische Ausgabe. Der Umfang gleicht etwa der Hälfte der russischen Ausgabe.

Als ich einmal den ersten Film aus Versehen auf Niederländisch loslaufen ließ, konnte ich mich kaum halten vor Lachen. So viele Chr-Hr- und ähnliche zungenverrenkende Laute hatte ich bis dato noch nie nacheinander gehört. Die Niederländer haben sowohl in der klassischen Hardcover- als auch in der Taschenbuchversion schöne, wie gemalte Motive, gleichen von der Papierqualität und der Bindung dem, was man vom deutschen Carlsen-Verlag gewohnt ist.

Es ist praktisch Harmonie, wie auch der Verlag der Niederländer sich nennt. Mir gefällt, dass die Niederländer hier ein Lesebändchen eingearbeitet haben. Etwas, worauf die Deutschen bis zu den von Jim Kay illustrierten Ausgaben warten mussten und sonst nur die Japaner haben (Ich gehe dabei von den Büchern aus, die schon bei mir sind.). Von der Schrift her wirkt alles etwas kleiner und enger bedruckt. Das wird dann auch vom Umfang her dünner als es die deutsche oder britische Ausgabe ist.

Als letztes komme ich zur polnischen Variante der Erwachsenenausgabe, die schon etwas hermacht mit diesen Stein der Weisen. Hoffentlich war das nicht einfach ein Fotoshop-Motiv einer großen Bilddatei-Datenbank und selbst wenn, es sieht gut aus. Die polnische Ausgabe ist etwas dicker im Umfang als es die niederländische ist, liegt gut in der Hand und ist überlebensfähig. Habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass etwa der Transport in der Tasche oder das Lesen in der U-Bahn sich großartig auf das Buch auswirkt, von normalen Gebrauchsspuren einmal abgesehen.

Unterwegs ist gerade die ukrainische Ausgabe mit sehr aufwendigen Cover, auf die ich noch genauer eingehen werde, da sie wirklich sehr detailliert ist, aber das möchte ich erst wirken lassen, wenn sie bei mir ankommt. Davon werde ich berichten. Jetzt kann ich noch nicht viel dazu und zur Haptik sagen.

Allen Harry Potter Ausgaben aller Länder ist gemein, dass auch sie in den unterschiedlichsten Varianten kursieren und verlegt werden, damit wieder eine neue Generation von Lesern geschaffen wird und es weiter Kundschaft für die Verlage gibt. Das funktioniert mit „Harry Potter“ in allen Ausführungen sehr gut, schwächt manchmal jedoch den Blick auf andere Bücher, die dann irgendwie untergehen. In sofern gebe ich den Buchtoaster schon ein wenig Recht. Der Fan in mir lässt sich aber wahrscheinlich weiter melken. Selbst schuld.

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Philip Wilkinson: Atlas der nie gebauten Bauwerke

Atlas der nie gebauten Bauwerke Book Cover
Atlas der nie gebauten Bauwerke Rezensionsexemplar/Sachbuch dtv Hardcover seiten: 256 ISBN: 978-3-423-28976-4

Inhalt:

Leonardo da Vincis Stadt auf zwei Ebenen; ein Triumphmonument in Form eines Elefanten; ein Wolkenkratzer, der 1,6 Kilometer hoch ist und 528 Stockwerke hat; eine Glaskuppel, die den größten Teil Manhattans bedeckt; der Friedrichstraßen-Wolkenkratzer von Mies van der Rohe; El Lissitzkys Wolgenbügel:

… mit diesen und anderen nicht gebauten Projekten wurden anspruchsvolle neue Ideen erforscht, Konventionen hinterfragt und Wege in die Zukunft gewiesen. Einige von ihnen sind Meisterwerke, andere vergnügliche Fantasien. Gesellschaft, Politik und Ästhetik der Zeit spiegeln sich in diesen Visionen. Die Ideen erscheinen unglaublich kühn, doch sie verweisen auch auf Gebäude, die Jahrzehnte später entstanden sind. (Klappentext)

Rezension:

Nach den „Atlas der erfundenen Orte“ und den „Atlas der Länder, die es nicht mehr gibt“ ist kürzlich das dritte Werk erschienen, welches unbedingt in die Reihe der ungewöhnlichen, aber schönen Sachbücher gehört. Es handelt sich dabei um Philip Wilkinsons „Atlas der nie gebauten Bauwerke“.

Der Architekturkenner begibt sich auf eine Reise durch die Baugeschichte und zeigt, welche Ideen für ein besseres oder anderes Leben erdacht wurden, wie sie entstanden und woran sie scheiterten, aber auch, welche Strahlkraft sie heute noch besitzen.

Sein detaillierter Blick in die Geschichte zeigt, dass nicht immer nur das Rennen um das höchste, schönste oder nützlichste Gebäude die Baukunst bestimmte, sondern auch der Zweck, denen die Gebäude haben sollten.

Wilkinson beginnt mit den Klosterplan von St. Gallen, der ca. 820 n. Chr. für eine neue Arbeits- und Lebenswelt der dortigen Mönche sorgen sollte, streift durch die Geschichte Pläne Leonardo da Vincis, Walter Gropius‘ bishin in die Neuzeit, in der ganze Städte auf den Reißbrett enstehen.

Der Autor schildert die Entstehung von Plänen, die als Gedankenspiel entstanden und letztlich an den verschiedenen problemstellungen von Geldmangel bis Geltungssucht scheitern sollten, er beschreibt damit auch das Arbeiten großer Konstrukteure und Architekten, die vielerseits mit anderen Bauwerken glänzen konnten, an einigen ihrer Projekte jedoch scheiterten.

Mit der Liebe zum Detail weißt der Autor aber auch auf die Zukunft hin, vom nicht umgesetzten 1,6 km hohen Wolkenkratzer bis zum derzeit höchsten Gebäude der Welt ist es gar nicht so weit gewesen und dass die Menschen irgendwann auch die damals noch unrealistischen Höhen erreichen werden, steht außer Frage.

Er verweißt auf Ideen, die später bei anderen Projekten, als die technischen Voraussetzungen gegeben waren, anders umgesetzt werden konnten und zeigt, dass Architektur immer auch eines war, der Spiegel ihrer Zeit.

Kurzweilige Umrisse auf je 4 Seiten erläutern, unterlegt von Skizzen aus den Händen der dort aufgeführten Konstrukteure und Architekten, was diese erdachten und erklären, vor welchen Problemen und Fragestellungen sie standen. Baugeschichte kann spannend sein, zumal wenn man bedenkt, was heute wäre, wenn man das eine oder andere Projekt tatsächlich so umgesetzt hätte.

Die Bolschewiken etwa hätten sich einen futuristischen Turm in ihre Hauptstadt gesetzt, der satirisch sehr leicht hätte umgedeutet werden können, hätten die Genossen sich darauf eingelassen.

Architektur ist eben immer auch mit den Gedankengängen der jeweiligen Zeit verbunden. Wilkinson zeigt zugleich, welche Ideen heute schon für unser Leben in der Zukunft zirkulieren und schafft dabei einen Überblick, der sehr beeindruckend ist.

Ein überaus lesenswertes Sachbuch zum schnellen Stöbern oder gezielten Durchlesen, auf jeden fall wird man danach die Gebäude um einen herum mit anderen Augen betrachten. Viel Spaß dabei.

Autor:

Philip Wilkinson wurde 1955 geboren und ist ein britischer Autor von Werken für Kinder und Erwachsene. Der in Cheltenham/England aufgewachsene Wilkinson arbeitete zunächst als Redakteur, u.a. für Dorling Kindersley, widmete sich bald den Themen Kunst, Architektur und veröffentlichte mehrere Sachbücher, auch über Religion und Glaubenssysteme, nachdem er u.a. am Corpus Christi College in Oxford studiert hatte.

Sein beständiges Interesse gilt aber besonderen Gebäuden. In seinem Blog „English Buildings“ erläutert er die Geschichte historischer Gebäude Großbritanniens. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet.