William R. Forstchen: One Second After – Die Welt ohne Strom

Inhalt:

John Matherson, Geschichtsprofessor und Ex-Colonel, lebt mit seiner Familie in einer friedlichen Kleinstadt in North Carolina. Die Idylle findet ein jähes Ende, als die Vereinigten Staaten von einem EMP-Angriff lahmgelegt werden. Alle elektronischen Geräde, Autos, Flugzeuge, Computer, das Stromnetz, brechen von einer Sekunde auf die nächste zusammen. Die Gesellschaft zerfällt.

Die Zivilisation, wie wir sie kennen, ist komplett zerstört. Matherson muss sich eine entscheidende Frage stellen: Wie weit würdest du gehen, um deine Familie und Heimat zu schützen? (Klappentext)

Rezension:

Im Bereicht von Fantasy und Science Fiction nehmen Dystopien, sog. Endzeitromane, inzwischen einen Großteil der Regalreihen ein und so ist es nur folgerichtrig, dass nun auch der deutsche Markt mit den Auftakt einer weiteren Trilogie gesättigt wird. William R. Forstchens „One Second After – Die Welt ohne Strom“ erschien kürzlich unter der Ägide des Festa-Verlags, welches das Szenario eines EMP-Angriffs und dessen Auswirkungen auf das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt beschreibt und verlangt dabei seinen Protagonisten und nicht zuletzt uns Lesern einiges ab.

Zunächst einmal, technisches Interesse und Verständnis. Beides sollte mitbringen, so man sich auf die Geschichte einlässt. Zwar wird, eingebettet im Wissen des Hauptprotagonisten, auf einfache Art und Weise erklärt, was es mit einem EMP-Angriff auf sich hat, der im Denken der Militärs offenbar kein nur so einfach dahingestelltes Szenario ist, sondern eine reale Möglichkeit, doch entstehen dabei erste Längen, die Leser mit weniger Interesse abschrecken könnte.

Als Gegengewicht dazu dient freilich die große Gewichtung des Hauptprotagonisten im Handlungsverlauf, der sich im kontinuierlich sich steigernden Spannungsbogen zeigt, jedoch von US-Patriotismus so trieft, dass auch dies nur mit Augenrollen durchzustehen ist.

Die Geschichte ist zu eindeutig für den amerikanischen Markt konstruiert, bedient gegen Ende klassische Feindbilder und bestätigt damit jedes europäische Klischee über unseren transatlantischen Partner, welches man haben kann. Das ist der Sache nicht dienlich, alleine um die Geschichte zu stützen, reicht es jedoch gerade so.

Die Protagonisten sind scharf gezeichnet und ausreichend ausgearbeitet, werden jedoch zunehmend blasser, je weiter entfernt sie von der Hauptfigur John Matherson stehen, der als Ruhepunkt und sachlich handelnde Person in einem Katastrophenszenario durchweg positv besetzt ist.

Dies jedoch auch nur bedingungslos, wenn es um die amerikanische Sichtweise geht. Von anderen Blickwinkeln dürften insbesondere die Ansichten zur Todesstrafe, die hier deutlich zum Ausdruck kommt, sauer aufstoßen und das Buch nur mit spitzen Fingern anfasst werden.

Dieser und einige andere Punkte machen es schwer, mit den Protagonisten zu fühlen, zumal oft genug der Autor zwar genau, aber doch irgendwie emotionslos Handlungen beschreibt, um dann im nächsten Moment wieder zu tief in die Gefühlskiste zu greifen. So entsteht an nicht wenigen Stellen nicht das Gefühl eines Romans, sondern das, eines schlechten amerikanischen Filmes.

In kurzweiligen Kapiteln wird in Abstand von Tagen der Zusammenbruch der kleinstädtischen Gemeinschaft, dies widerum realistisch geung, um die Leser bei der Stange zu halten, geschildert, ohne jedoch wirklich überraschende Wendungen aufweisen zu können, die sich vielleicht erst in den weiteren Bänden der Trilogie auftun.

Detailliert wird es nur bei technischen Gegebenheiten, ansonsten bleibt der Autor verhältnismäßig oberflächlich, sind doch Auswirkungen schon woanders, etwa von Alec Weisman (Reise über eine unbevölkerte Erde) bereits eingehend beschrieben wurden, nur spannend in einem Szenario verpacken tut dies William R. Forstchen.

Man kann sich das alles bildlich vorstellen und die Handlungen der Protagonisten vorstellen, weiß doch ein jeder um das zerbrechliche Gefüge einer Gemeinschaft und unserer Abhängigkeit von technischen Gegebenheiten. Die Frage nach dem: „Was wäre wenn?“, ist da nicht mehr weit entfernt.

Dennoch muss man sich als Leser hier auf eine sehr amerikanische Geschichte einlassen, die beeinflusst vom Wissen um die Geschehnisse und Ängste im Kalten Krieg in unsere moderne Zeit übersetzt wurde und mit einem Szenario spielt, welches ansonsten nur schwer fassbar ist. Es bleibt Spannung mti Abstrichen und zu hoffen, dass im Verlauf der Trilogie die anfänglichen Schwächen behoben werden. Dann wäre die John-Matherson-Reihe eine runde Sache.

Autor:

William R. Forstchen wurde 1950 geboren und ist ein amerikanischer Historiker und Schriftsteller. Als Experte für Militär- und Wissenschaftsgeschichte schrieb er mehrere Romane, u.a. 2009 den Auftakt zu seiner Endzeit-trilogie „One Second After“, die mehrere Wochen die Bestsellerliste der New York Times anführte. Kennzeichnend sind reale und mögliche Szenarien, eingebettet in einer fiktiven Geschichte. Der Autor wurde für seine Romane bereits mehrfach ausgezeichnet.

One Second After – Die Welt ohne Strom

Autor: William R. Forstchen

Seiten: 507

ISBN: 978-3-86552-719-6

Festa

Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Inhalt:

New York, 1980: Die Stadt platzt fast vor Glamour und Energie und keine Subkultur könnte diesen Zeitraum besser verkörpern als die aufkommende LGBTQ-Ballroom-Szene. Neu in diese schillernde Welt kommt angel, eine gerade mal siebzehnjährige Dragqueen, schwer traumatisiert von ihrer eigenen Vergangenheit und auf der Suche nach einer Familie für Menschen ohne Familie.

Sie begegnet Hector, der davon träumt, Profitänzer zu werden. Die Beiden verlieben sich und gründen das Haus Xtravagaanza, in dem sie ausschließlich Latino-Queens aufnehmen, um in sogenannten Bällen gegen die anderen Häuser anzutreten. Zur Familie der Xtravaganzas gehören bald noch Venus, Juanito und Daniel; zusammen kämpfen die Xtravaganzas um Anerkennung und Respekt vor ihren Lebensentwürfen – und nicht zuletzt ums blanke Überleben, denn ein grausames Virus macht die Runde. (Klappentext)

Rezension:

Ein Roman, wie ein Schrei. So in etwa kann man die Geschichte aus der Feder Joseph Cassaras beschreiben, die uns Kiepenheuer & Witsch hier in der deutschen Übersetzung vorlegt. In seinem Debüt erzählt der aus New Jersey stammende Schriftsteller vom Wandel der Gesellschaft, einem flirrenden Jahrzehnt, Rausch und Extremen und Extremsituationen, denen sich die Protagonisten ausgesetzt sehen.

In handlichen Kapiteln begleiten wir die Figuren, die alle ihre Lebensgeschichte als schweres Paket mit sich herumtragen, durch das schillernde New York, jedoch in seine Schattenseiten hinein. Angel ist die Hauptprotagonistin, die ob ihrer Geschlechtsidentität aus den vorgegebenen engen Grenzen der Gesellschaft zunächst ausbricht, später anderen dabei hilft. In Zeiten von Diversity ein hochaktuelles Thema, welches noch vor wenigen Jahren weniger offen gehandhabt wurde, heute immer noch auf Barrieren stößt.

Vertiefend steht am Anfang der Einführung zunächst die Lebensgeschichte, eingebunden in die Romanhandlung, der Figuren, die zusammen einen Weg suchen, ihre eigene Identität zu finden, zu wahren und zu verteidigen. Das ist anfangs etwas anstrengend zu lesen. Man muss sich in Schreib- und Erzählstil, immer aus wechselnder Protagonisten-Sicht übrigens, einfinden.

Die eingeflochtenen hispanischen Redewendungen und Ausdrücke, der Slang des Buches macht das selbige nicht gerade zu einer einfachen Lektüre, zumal Joseph Cassara seine Protagonisten quält und sie von der einen in die andere Extremsituation wirft. Es geht ums Leben, die Liebe, den Tod, Gesellschaft und Ausgrenzung, Selbstfindung, Drogen und Sexualität. Auch das damals aufkommende HIV-Virus ist ein immer wiederkehrendes Thema.

Ziemlich viel für eine Geschichte. Es klappt, wenn es auch an einigen Stellen hakt. Übergänge zwischen einzelnen Handlungen hätte ich mir an mancher Stelle etwas sanfter gewünscht, rein vom Lesefluss her, Brüche dramatischer und in bestimmten Zeitebenen, zum Beispiel Rückblicke, wäre ich gerne ein wenig länger verharrt.

Wer sich ein wenig mit neuerer Zeitgeschichte, Subkulturen und LGBTQ auskennt, wird sich vielleicht leichter einfinden, andere werden neue Facetten entdecken und ein Jahrzehnt im Schnelldurchlauf durchleben, aus Sicht einer damals sehr weit ausgrenzten Gruppe von Menschen.

Josep Cassara hat mit diesem Roman gezeigt, dass er das Zeug dazu hat, in einer Reihe mit großen amerikanischen Schriftstellern, etwa Jonathan Safran Foer, genannt zu werden, die ein fortschrittliches und nachdenkliches, kritisches Amerika repräsentieren und den Finger auf die Wunden legen. Dafür hat sich dieses Werk, wenn auch mit kleineren Abstrichen, gelohnt. Und da kann man auch mal das extrem ablenkende Cover übersehen, welches ich jetzt jedoch als verlegerische Entscheidung werte.

Autor:

Joseph Cassara ist in New Jersey geboren und aufgewachsen. Er studierte zunächst an der Columbia University und schloss einen Schreibworkshop ab, bevor er selbst seinen ersten Roman „Das Haus der unfassbar Schönen“ veröffentlichte. Für diesen erhielt er bereits mehrere Preise. Parallel unterrichtet er selbst Kreatives Schreiben.

Das Haus der unfassbar Schönen

Joseph Cassara

Seiten: 444

ISBN: 978-3-462-05169-8

Kiepenheuer & Witsch

Übersetzer: Stephan Kleiner

Alec Baldwin: Meine fantastische Präsidentschaft

Inhalt:

Während er die USA so unfassbar gut regiert wie keiner vor ihm, findet der Präsident trotz allem noch die Zeit, seine Memoiren in Echtzeit für die Nachwelt zu diktieren. So sind wir live dabei, wenn Trump durchs Weiße Haus flaniert und sich darüber ärgert, dass er es nicht kaufen kann. Denn dann würde auch im Oval Office endlich ein ordentlicher Fernseher hängen.

Doch eigentlich will er die ganzen Fake News gar nicht sehen. Lieber twittert er die Wahrheit morgens vom Bett aus. Politische Satire oder Tatsachenbericht? Kurt Andersens und Alec Baldwins Trump-Parodie trifft den ton des 45. amerikanischen Präsidenten so exakt, dass Fiktion und Realität mitunter zu verschwimmen scheinen – das Buch zu Alec baldwins legendären Auftritten als Donald Trump bei „Saturday Night Live“, die inzwischen einen „absoluten Kultstatus“ (Der Tagesspiegel) erreicht haben. (Inhaltstext Verlag)

Rezension:

Donald J. Trump olarisierte schon vor Erlangen der Präsidentschaft 2016 die Massen, um so mehr als er dieses Ziel erreichte und seitdem versucht, umstrittene politische Vorhaben umzusetzen. Egal, ob dazu Projekte wie der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko gehören oder die Abkehr der Versöhnungspolitik mit Staaten wie Kuba oder den Iran, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten eckt an, bei Freund und Feind.

Wie einst Michael Moore George W. Bush, nimmt nun Alec Baldwin in seinen Parodien den seines Erachtens „besten und erfolgreichsten aller US-Präsidenten“ auf’s Korn und parodiert ihn seit längerem in der Fernsehshow „Saturday Night Live“. Jetzt gibt es dazu das passende Buch.

Der sperrige Titel (Donald J. Trump – Meine fantastische Präsidentschaft – Die echte (NO FAKE!) Wahrheit über mich: Eine „sogenannnte Parodie von Alec Baldwin & Kurt Andersen“) sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um kurzweilig amüsant zu lesende Lektüre handelt, bei der einem das Lachen im halse stecken bleibt.

So stellt man sich den Tagesablauf von Donald J. Trump, seinen Umgang mit anderen Staatsführern und vor allem Ministern, sowie Angestellten des Weißen Hauses vor. Kurt Andersen fühlt sich denkend in einen Menschen ein, den man hofft, nicht zu begegnen und zugleich man dankbar dafür ist, in diesen Zeiten nicht amerikanischer Staatsbürger zu sein.

Kurzweilig in leicht verdaulichen Häppchen arbeiten Baldwin und Andersen die Persönlichkeit Trumps heraus und zeigen, wie seine Sicht auf Ereignisse wie etwa das erste Aufeinandertreffen mit Putin oder die Reaktion auf entsprechende Umfragewerte hätten sein können, immer wieder mit Blick auf Twitter, dessen vorgegebene Zeichenanzahl nur viel zu kurze Texte zulässt.

Wo Michael Moore bei George W. Bush mit Sachbüchern gegengesteuert hat, arbeitet Alec Baldwin mit satirischen Parodien sich an Trump als Reizfigur ab und macht dies bravorös, so dass die Sketche mittlerweile zu den Highlights der Sendung „Saturday Night Live“ zählen. „Der beste Trump, den es je gab.“ titelte die Zeitschrift Focus, wobei man eigentlich inständig hofft, aus einem Alptraum zu erwachen.

Nun gibt es Trump als Buch, in erträglichen Dosen, für alle, denen die realität zu schlimm ist, um sie sich tagtäglich in den Nachrichten zu Gemüte zu führen. Manche Episoden hätte ich mir noch tiefgehender gewünscht, ausführlicher dargestellt, doch das große Kino, welches andersen und baldwin hier liefern, spielt sich im kopf ab und das ist allemal gelungen. Dafür eine Empfehlung.

Autoren:

Alec Baldwin wurde 1958 geboren und ist ein US-amerikanischer Schauspieler und Synchronspieler, der in zahlreichen Filmen und Fernsehserien mitspielte. Seit 2016 parodiert er Trump als US-Präsidenten in der Fernsehshow „Saturday Night Live“ und bekam dafür einen Emmy.

Kurt Andersen ist ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist, der für mehrere amerikanische Zeitschriften und zeitungen schreibt. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Sachbuch „Fantasyland. 500 Jahre Realitätsverlust. Die Geschichte Amerikas neu erzählt.“.

Alec Baldwin/Kurt Andersen
Meine fantastische Präsidentschaft
Seiten: 223
ISBN: 978-3-406-73535-6
C.H. Beck

Ben Rhodes: Im Weissen Haus

Inhalt:

Acht Jahre lang sah Ben Rhodes fast alles, was im Herzen von Barack Obamas Präsidentschaft passierte. In seinem rasant geschriebenen, aufrichtigen, klugen Buch schildert er die Dramen dieser Präsidentschaft, die Ideale, von denen Obama sich leiten ließ, und die Grenzen des Machbaren, auf die er traf. Selten hat man einen so intimen, luziden Einblick in die inneren Gesetze der Politik im Zentrum der amerikanischen Weltmacht erhalten. (Klappentext)

Rezension:

Die Menschen scheinen sich nach Ruhe und Beständigkeit, nach Zuverlässigkeit zu sehnen, in einer Welt, in der aus allen Ecken Gegenwind zu spüren ist. Kaum anders ist es zu erklären, warum gerade jetzt, da Amerika in seinen politischen Ebenen immer mehr Wackelkandidat statt strategischer oder anders zuverlässiger Partner zu werden scheint, Bücher der ehemaligen Entscheider, politischen Berater, für die Sicherheit verantwortlich Gewesene, selbst deren Ehefrauen weltweit auf den Bestsellerlisten ihren Platz finden.

Nach der ehemaligen First Lady oder gescheiterten Geheimdienstchefs ist nun der politische Bericht Ben Rhodes‘ auf den Markt, in dem der New Yorker beschreibt, wie er vom Mitarbeiter eines poltiischen Thinktank zum Berater von Barack Obama wurde und an politischen Projekten arbeiten konnte, auf deren Außenwirkung Obamas Bild in der Öffentlichkeit aufbauen sollte.

Der Autor beschreibt sich selbst, so der Eindruck eines Lesers, als immer wieder zweifelnden Beobachter, der dennoch Ziele und Visionen verfolgt, nicht zuletzt die von barack Obama sich selbst zu Eigen machte. Vom kleinen Redenschreiber bis hinein in die Entscheidungsebenen des Weißen Hauses, dem Handlungsspielraum eines präsidenten erfährt man einiges, was man so noch nicht gehört hat.

Große Momente mit großer Wirkung werden indes klein gehalten. Sicherheitsrechtlichen Bestimmungen geschuldet, wird etwa die fassung Bin Ladens sehr schnell abgehandelt, das kleinteilige und entnervende Spiel und Aushandeln kleinster politischer Erfolge dagegen en detail beschrieben. Das schafft Längen, die diese Biografie einer Präsidentschaft und nicht zuletzt des Autoren selbst kennzeichnen, zeigt aber auch die Schwierigkeiten mit denen Barack Obama und sein Team zu kämpfen hatten.

Es ist aber auch ein Zeichen dafür, welche Kämpfe die letzten jahre diese Politik bestimmten, und was nach den ersten schwarzen Präsidenten folgen sollte.

Stark ist Ben Rhodes vor allem darin, wenn es um die Aushandlung der poltischen Projekte und Themen geht, die er selbst maßgebend gestalten konnte. So erfährt man eben nicht nur über die Arbeit eines Redenschreibers, sondern noch mehr über die Hintergründe und Entwicklung von Obamas Kuba-Politik, welches ein persönlichesw Projekt Rhodes‘ war oder Amerikas Rolle beim Atomdeal mit den Iran, sowie der Orientierungssuche im Prozess des Arabischen Frühlings 2011.

Ausführlich, jedoch nicht abgehoben und immer wieder die gesamte Entwicklung sehend, beschreibt der Autor seine Sicht auf eine Präsidentschaft, bei der er das Glück hatte, ein Teil davon zu sein und eine aktive Rolle zu spielen.

Es sind nicht nur die Worte: „Yes, we can!“, die zum Wahlkampfslogan und Motto Obamas avancieren sollten, die aus der Feder seines Teams stammten, sondern zahlreiche andere Elemente, die der amerikanischen Poltik inzwischen völlig abhanden gekommen sind und von denen zu hoffen ist, dass sie sich eines Tages wieder darauf besinnt. Vielleicht muss es deshalb solche Bücher geben und vielleicht gerade daher, haben sie jetzt solch einen Erfolg?

Ben Rhodes‘ Innenansichten, die einen anderen und wichtigen Blickwinkel auf ein anderes politisches Amerika werfen, als das, welches sich derzeit im Vordergrund befindet und eine Hommage an eine ganz besondere Präsidentschaft.

Autor:

Benjamin J. „Ben“ Rhodes wurde 1977 in New York City/USA geboren und war Stellvertretender Berater für nationale Sicherheit und strategische Kommunikation des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama.

Nach der Schule besuchte er die Rice University in Houston/Texas und studierte Politikwissenschaften und Anglistik, später Kreatives Schreiben an der New York University. 1997 engagierte er sich für die Wiederwahl Giulianis zum Bürgermeister von New York City, im Sommer 2001 arbeitete er für Diana Reynas Kampagne zur Wahl des rats der Stadt New York.

Ende 2006 arbeite er als Redenschreiber für Mike Warner. Nachdem dieser seine Kandidatur für die anstehende Präsidentschaftswahl für beendet erklärtete, wechselte er zu Obama und schrieb von beginn an seine Reden, arbeiete später als stellvertretender Sicherheitsberater des Präsidenten und an politischen Projekten zur Aussohnung mit Kuba oder der Verhandlung des Atomdieals mit den Iran. heute ist er Co-chair der Organisation National Security Action in Washington und arbeitet weiter als Berater für Barack Obama.

Ben Rhodes
Im Weissen Haus – Die Jahre mit Barack Obama
Seiten: 576
ISBN: 978-3-406-73507-3
Verlag: C.H. Beck

Kent Haruf: Abendrot

Inhalt:

Holt, eine Kleinstadt im Herzen Colorados. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft in seinem verwahrlosten Trailer um ein Stückchen Würde und um seine Kinder. Ein elfjähriger Junge kümmert sich rührend um seinen kranken Großvater. So hart das Schicksal auch zuschlägt – die Menschen in Holt sind entschlossen, dem Leben einen Sinn abzutrotzden. Und begegnen einander dabei neu. (Klappentext)

Rezension:

Die Geschichte ist, wie bei so vielen Romanen schnell erzählt, zumal genau betrachtet nicht gerade viel passiert. Verschiedene Protagonisten leben ihren Alltag in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt nebeneinander her, haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und Wege überkreuzen sich nur gelegentlich. Man kennt sich, trifft aufeinander, hat ansonsten nicht viel für einander übrig. Irgendwie ist das alles bekannt und schon einmal da gewesen. Warum also, sollte man diese Erzählung lesen?

Zunächst einmal sind die Protagonisten doch nicht so eintönig, wie es auf den ersten Blick scheint. Kent Haruf hat Typen geschaffen, die mit ihren Ecken udn Kanten den Leser bei Stange halten. Zudem schafft es der Spannungsbogen dann doch, das Interesse wachzuhalten. Was könnte interessanter sein, als das ganz normale Leben? Das wirkt um so mehr, als wir von allen Seiten mit Krimis im Fernsehen oder actionbeladener Literatur beworfen werden. Sehr schön, dass es da Autoren wie Kent Haruf gibt (in seinem Falle „gab“), die uns in eine vergleichsweise heile Welt entführen, die jedoch nur auf den ersten Blick ohne Risse erscheint.

Tatsächlich sind die dargestellten Gräben teilweise sehr tief. Auch Alltagsprobleme sind sehr schön dargestellt. Das wirkt besonders durch harufs unambitionierte und einfache Schreibweise, die nochmal das Setting unterstreicht, in dem sich der Roman bewegt. Die Charaktere wachsen einem ans Herz.

Sie haben dann auch übrigens schon einen Weg hinter sich. Der Roman ist Teil einer Reihe, die sämtlich im fiktiven Ort Holt spielt, was aber nichts zur sache tut. Zwar kann man an Kent Haruf sehr schön sehen, wie Übersetzungspolitik funktioniert, zugänglich gemacht wird zunächst das, was am ehesten auf den jeweiligen Markt funktioniert, dennoch ist „Abendrot“ auch so lesbar. Gefühlt steht die Geschichte für sich alleine, kann auch als Einzelband gelesen werden. Man findet schnell hinein, in die Geschichte und gewinnt die Charaktere lieb. Das ist schon ausreichend, um der Handlung zu folgen. Darum geht’s ja irgendwie. Dennoch möchte man mehr über Holt und seine Protagonisten erfahren. Vielleicht erbarmt sich ja Diogenes noch der restlichen Bücher.

Autor:

Kent Haruf wurde 1943 in Pueblo, Colorado geboren und war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er unterrichtete Englisch an einer Highschool wurde später Gastdozent an der Southern Illinois University. Sein erster Roman erschien 1984 und erhielt den Whting Award. Neben Kurzgeschichten, veröffentlichte er weitere Erzählungen um die fiktive Kleinstadt Holt. 1999 stand sein Werk auf der Shortlist des National Book Award for Fiction. Seine Romane wurden teils verfilmt, teils als Theaterstücke auf die Bühne gebracht. Zu Harufs Ehren findet in seiner Heimatstadt seit 2017 ein literarisches Festival statt. Er starb 2014 in Salida, Colorado.

Kent Haruf
Abendrot
Seiten: 415
ISBN: 978-3-257-07045-3
Diogenes

JR Moehringer: Tender Bar

Inhalt:

Eine Kindheit in Long Island, in einer verrauchten Bar voller liebenswürdiger Gestalten, eine Mutter, die mit lebensklugen Lügen die Moral aufrechterhält, und mittendrinn der kleine Junge JR, der lernt, dass zwischen Bier und Whisky manchmal Weltenliegen. Ein abwechselnd anrührender und witziger Roman über tapfere Kinder, mitfühlende Männer, starke Mütter und die Kraft von Träumen. (Klappentext)

Rezension:

Romane, in denen jede Zeile ein zu lesender Genuss ist, gibt es einige. Geschichten, in der man die protagonisten lieb gewinnt und gespannt ihren Weg verfolgt, viele und Handlungen, die überraschen und nachdenklich machen, werden auch oft genug beschrieben. Gott sei Dank. Hin und wieder aber wird dem Leser auch ein Schriftstück schmackhaft gemacht, was sich bei genauerer Betrachtung nur in Begleitung von schlechten Rotwein oder abgestandenen Bier ertragen lässt.

Mit „Tender Bar“ legt J.R. Moehringer den Versuch eines Coming-of-Age-Romans vor, der in all seinen Facetten gründlich misslingt. Schon die Handlung lässt sich auf wenige Zeilen reduzieren, so dass eine Kurzgeschichte noch viel zu gut gemeint wäre. Alleine der Klappentext ist schon zu viel. Die Fast-Säufer-Autobiografie, die ständig um das eigene Scheitern und das seiner Mitmenschen kreist, davon jedoch nicht loskommt, liest sich dröge und eintönig, genau so wie die sich in ständigen Variationen wiederholenden Charakterbeschreibungen von Protagonisten, über die man allesamt nur die Augen rollen kann.

Beinahe religiös verehrt der Autor die Bar und ihre Anhängsel, muss er vielleicht sogar, nachdem die eigenen Eltern, getrennt, sich in verschiedener Hinsicht als unfähig erweisen, wenn dis auch bei der Mutter rein durch ihre finanzielle Stellung geschuldet ist. Ansonsten nimmt der Leser vielleicht noch aus diesem Werk mit, wie schädigend Wetten udn Alkohol sind, und nutzt das nächste Mal den Buchdeckel als Unterlegscheibe für das frisch Gezapfte. Dann hätte das Aufschreiben der Geschichte wenigstens Sinn gehabt. Wie kann man nur seine eigene Geschichte so langweilig erzählen?

Der Roman hielt sich mit Erscheinen länger in den Bestsellerlisten. An den Werken großer amerikanischer Schriftsteller wie Jonathan Safran Foer oder Hanya Yannigihara, die für mich den Maßstab in Bezug auf amerikanischer Literatur bilden, kommt Moehringer nicht heran. Leider.

Autor:

J.R. Moehringer wurde 1964 in new York City geboren und ist ein amerikanischer Autor und Journalist. Nach der Schule studierte er in Yale und arbeitete zunächst als Volontär bei der New York Times, bevor er bei den Rocky Mountain News und der los Angeles Times anfing. Er gewann den Pulitzer-Prize 2000, für den er zwei Jahre zuvor bereits nominiert war und veröffentlichte mehrere Romane. Er arbeitete als Co-Autor für Agassis Autorbiografie, nachdem dieser bei ihm angefragt hatte.

JR Moehringer
Tender Bar
Seiten: 459
ISBN: 978-3-596-17515-1
Fischer Verlag


Lisa Brennan-Jobs: Beifang

Inhalt:

„Achtundzwanzig Prozent der männlichen Bevölkerung der USA könnten der Vater sein.“ Das sagte Steve Jobs dem Time Magazine über seine Tochter Lisa. Für die Öffentlichkeit war er da schon ein Halbgott. Was bedeutet es, einen Vater zu haben, der lange nichts von einem wissen wollte? Behutsam nähert Lisa Brennan-Jobs sich dieser für sie brennenden Frage und versucht, in ihren Kindheitserinnerungen Antworten zu finden. Aber, anderes als von vielen erhofft, ist dies Buch keine gehässige Abrechnung mit dem Apple-Guru geworden, sondern eine kluge und berührende Auseinandersetzung mit der überwältigenden Liebe zwischen Eltern und Kindern – allen Widrigkeiten zum Trotz. (Klappentext)

Rezension:

Es gab wohl kaum einen Menschen in der IT-Branche,der unser Bewusstsein für Technik und Design in jüngerer Zeit so beeinflusste und mitgestaltete, wie Steve Jobs und so ist der Gründer von Apple wohl einer der Menschen aus dem Silicon Valley, die am meisten bewundert wurden sind. Der Computer-Revolutionär ist zugleich jedoch einer der Gestalten, die verhasst wurden und viele Neider auf sich zogen und so ist dieser Denker und Tüftler, dessen Erfolgsgeschichte, wie so viele andere, in einer Garage startete, eine der interessantesten Figuren unserer Tage gewesen. Lisa Brennan-Jobs erlebte Steve Jobs aus nächster Nähe, einen Menschen, der im Umgang mit den Massen und der Technologie Ideen in die Welt setzte und Richtungen bestimmte, im privaten Umgang jedoch äußerst kompliziert war.

Dies ist noch nett ausgedrückt, doch die Biografie „Beifang“ der Autorin versucht eine gerechte Annäherung an die Vaterfigur, die für sie selbst lange Zeit so unerreichbar war. Behutsam zeigt sie auf, wie Jobs‘ Charaktereigenschaften Menschen an sich banden, zugleich verletzten. Der Apple-Gründer als im Zentrum stehende Sonne, die Menschen als um ihn herumkreisende Planeten. Sie berichtet rückblickend von den schwierigen Jahren ihrer Kindheit, zwischen zwei gegensätzlichen Elternteilen und der Suche nach ihrem Platz in der Welt, in ihrer Familie und vor allem im Herzen ihres Vaters.

Still und leise, ohne schrille Zwischentöne, berichtet die Autorin, natürlich nicht frei von persönlichen Gefühlen. Es ist interessant, Steve Jobs im Privaten zu sehen. Dieses Bild, welches einen krassen Kontrast zum öffentlich bekannten setzt. Lisa Brennan-Jobs schafft dies, nachdenklich ohne Frustration und zeigt so diese andere Seite, die das kurze und geniale Leben dieses Machers prägte, aber auch alle Menschen und besonders Lisa um sich herum.

Viel persönliches erfahren die Leser in „Beifang“, nichts bewegendes oder gar Interna aus dem Apple-Universum. Wer das sucht, muss irgendetwas anderes lesen. Es ist hier nicht zu finden. Doch, interessanter ist der menschliche Blick hinter der Geschichte und der gelingt der Autorin sehr intensiv. Sie schafft es, eine andere Seite Steve Jobs‘ aufzuzeigen und vervollständigt somit ein Puzzle, welches bisher unvollständig geblieben ist und sich selbst eine Annäherung an ihren Vater, die ihr erst gegen Ende seines Lebens gelang.

Autorin:

Lisa Brennan-Jobs wurde 1978 geboren und ist die Tochter des Apple-Gründers Steve Jobs. Nach einem Gerichtsprozess erkannte Steve Jobs die Vaterschaft an, die Autorin lebe einige Zeit bei ihm und studierte danach in Harvard und am King’s College in London. Für verschiedene Firmen arbeitend, u.a. für mehrere Nachrichtenmagazine, arbeitet sie heute als Redakteurin und Autorin. Mit ihrer Familie lebt sie in Brooklyn/New York.

Lisa Brennan-Jobs
Beifang
Seiten: 381
ISBN: 978-3-8270-1364-4
Verlag: berlin Verlag

D.B. John: Stern des Nordens

Stern des Nordens Book Cover
Stern des Nordens Autor: D.B. John Rezensionsexemplar/Thriller Rowohlt/Wunderlich Taschenbuch Seiten: 541 ISBN: 978-3-8052-0032-5

Inhalt:
Nordkorea, 2010. Niemand kennt das verbotene Land so gut wie sie.
Die CIA erwählt sie für eine tödliche Mission. Doch Jenna Williams hat noch ein anderes Ziel: Sie muss ihre Zwillingsschwester finden.
Und sich selbst retten. (Klappentext)

Rezension:
Die meisten Thriller funktionieren nach Schemen, die sich bewährt haben, für gute und vor allem spannende Unterhaltung sorgen und daher immer wieder bemüht werden. Das beginnt schon bei den Handlungsorten, die sich fast gänzlich in Skandinavien, Amerika, in einer europäischen Großstadt oder, noch schlimmer, in der ländlichen Provinz befinden und so ist es wohltuend, wenn das eine oder andere Werk dann doch mal davon abweichen.

Der „Stern des Nordens“ von D.B. John ist ein solches, welches gleich drei Handlungsorte und -stränge aufweist und damit von Anfang an eine Dynamik mit sich bringt, die die gesamte Lesezeit über anhalten wird. Zum einen haben wir zwar den in Amerika beginnenden Handlungsstrang um die Professorin Jenna Williams, die mit den Familienschicksal der verschwundenen Schwester hadert und später von der CIA für eine heikle Mission ausgewählt wird, aber wir haben eben auch zwei andere Erzählstränge, die in Nordkoreas Gefilden spielen.

Da gibt es den der nordkoreanischen Landbewohnerin, die sich und ihren Mann mehr schlecht als recht durchs Leben bringt, ständig bedroht durch Hunger oder den Gängeleien der örtlichen staatlichen Kräfte und den anderen, in dem ein nordkoreanischer Diplomat genau so schnell aufsteigt, wie er später fallen wird. Heraus kommt dabei eine Erzählung, die an Spannung und Grusel kaum zu überbieten ist. Ein Politthriller, der sich von der auf den Büchertischen verfügbaren Masse abhebt.

Das Unbekannte ist es, was reizt und so sind die zwei letztgenannten Handlungsstränge der Trumpf D.B. Johns, mit dessen Ausarbeitung der Autor in diesem Werk glänzt. Recherchearbeit und Hintergrundwissen merkt man ihm an. Tatsächlich hat der Schriftsteller selbst schon Nordkorea bereist. Anders kann man auch wohl kaum so authentisch Landschaft und das Gefühl beschreiben, welches einem schon als Außenstehenden umgeben muss.

Wie mag es dann erst für die Bewohner Nordkoreas selbst sein, die sich täglich mit den Absurditäten und Differenzen auseinandersetzen müssen, die ihr Leben bestimmen? Für den Leser jedenfalls ergibt sich alleine daraus ein spannender Nervenkitzel, der es in sich hat. Abweichungen, die sich zur Realität ergeben, klärt der Autor in den hintenan gestellten Anmerkungen auf und sorgt für den nötigen Hintergrund bei seiner Leserschaft, auch das ein großes Plus. Wenn das nur alle Schreiberlinge machen würden.

Nicht ganz so überzeugend ist der erste Handlungsstrang, was aber zumindest am Anfang an den fehlenden Spannungsmomenten liegt, die Zusammenführung ist auch nicht perfekt, was widerum jedoch Jammern auf hohem Niveau ist. Ansonsten liegt hier ein Werk vor, von jemanden, der schreiben kann, gut lektoriert und vorher recherchiert wurde, um die nötigen Hintergründe auch glaubwürdig einzuflechten. Das gelang D.B. John in „Stern des Nordens“ sehr gut und so ergibt sich ein Thriller, der sich wirklich von anderen Werken abhebt.

Die Protagonisten sind scharfkantig und entwickeln sich im Laufe der Geschichte weiter. Nebencharaktere tragen zu Spannungsmomenten und der Dynamik des Werkes bei. Örtliche Beschreibungen gehen teilweise so unter die Haut, dass man glauben möchte, der Autor hätte all das tatsächlich gesehen, was man sich bei einigen Kapiteln jedoch für Niemanden wünschen mag.

Hier wird vieles zusammengeführt. Die Sicht von Außen, aus dem Inneren dieses kuriosem Staates, politische Einflechtungen und eine darauf basierende Thrillebene, die nicht loslässt. Die Faszination des Bösen, komprimiert zwischen zwei Buchdeckeln. Den „Stern des Nordens“ wird man sich kaum entziehen können.

Autor:
D.B. John studierte zunächst Jura, verlegte sich jedoch in das Publizieren von Büchern und Editieren von Kinderliteratur. 2009 zog der in Wales geborene Schriftsteller nach Berlin und schrieb seinen ersten Roman. Zuvor hat John lange in Südkorea gelebt, eine Reise in den Norden inspirierte ihn schließlich zu diesen Roman.

Tracy Chevalier: Der Neue

Inhalt:
Osei, der afrikanische Diplomatensohn, will vor allem eines: nicht auffallen. An seiner neuen Schule provoziert er jedoch allein durch seine Anwesenheit Schüler und Lehrer. Es ist das Amerika der 1970er Jahre. Gemischte Klassen sind selten, Rassismus ist an der Tagesordnung. Als sich Osei mit der beliebten Dee anfreundet, sieht der Pausenhof-Tyrann Ian rot. geschickt spinnt Ian ein Netz aus Lüge und Verrat, in dem am Ende Schüler und Lehrer gleichermaßen gefangen sind. (eigene Inhaltsangabe)

Rezension:
Wie aktuell sind eigentlich noch die Werke und Stücke des großen Wiliam Shakespeare? Praktisch weltweit werden diese verfilmt oder für Theaterbühnen adaptiert, wunderbar ist auch diese Modernisierung von „Othello“ gelungen, eines der Meisterleistungen, mit denen sich der Künstler ein Denkmal von Weltrum setzte.

Tracy Chevalier versetzt das Stück in’s 20. Jahrhundert, mitten hinein in die USA. Rassismus in Amerika ist noch viel weiter verbreitet als heute, wo immer noch auf Missstände aufmerksam gemacht werden muss.

Das Land schmückt sich mit den Erfolgen schwarzer Sportler, im Alltag aber begegnet man einander mit Misstrauen und Argwohn. In dieser Situation befindet sich der 12-jährige Osei, der als afrikanischer Diplomatensohn auf eine neue Schule kommt und schon aufgrund seiner Hautfarbe zum Außenseiter wird.

Nur Dee, eines der beliebtesten Mädchen der Klassenstufe, nimmt sich seiner an, doch ahnen die beiden nicht, dass dies der Beginn einer Katastrophe sein wird. Ausgelöst vom Schulhof-Tyrann Ian entspinnt sich ein Netz aus Lügen um den Neuen und umfasst bald die gesamte Schule. Wird Osei sich daraus befreien können?

Ein Roman, wie ein Schrei, der erst leise daherkommt und dann immer lauter und drängender wird. So in etwa könnte man die Struktur der Geschichte beschreiben, in der es viele Grautöne zwischen zwei Antipoden gibt. Gut und Böse. Licht und Schatten.

Dieses Szenario auf die Figuren eines Schulhofes abspielen zu lassen und dabei die Strukturen und die Hackordnung im Klassenzimmer darzustellen, ist die große Stärke der Autorin, die feinsinnig Fäden und Handlungsverläufe miteinander verknüpft und dem großen Knall einige Schüber versetzt, um ein aufrüttelndes und nachdenkliches Ende herbeizuführen.

Wir alle kennen diese Mitschüler, den Tyrannen, der den Mitschülern das Pausenbrot oder Geld abgeknöpft hat, den Sonnyboy, den alle mochten und der alle ebenso leiden konnte, das beliebte Mädchen, die Tusse, den Außenseiter. „Der Neue“ ist eine Sammlung dessen und was passieren kann, fällt ein Dominostein um, der eine Kettenreaktion in Gange setzt.

Es ist ein Roman für Erwachsene, kann aber ohne Einschränkung auch jüngeren Lesern gegeben werden. Besonders wertvolle Lektüre in unserer Zeit, wo es viele Oseis gibt, die heute wieder um ihren Weg kämpfen müssen. Für mich eines der wichtigen Bücher des Jahres.

Autorin:
Tracy Chevalier wurde 1962 geboren und ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und erwarb nach dem College den Abschluss Bachelor of Arts in Englisch. Im Jahr 1984 zog sie nach London, arbeitete als Lektorin und absolvierte einen Kurs im Kreativen Schreiben.

1999 erschien ihr Roman „Das Mädchen mit den Perlohrring“, welcher zu einem Weltbestseller avancierte. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature, arbeitet als Jurorin und kuratiert Ausstellungen. Mit ihrer Familie lebt sie in London.

Tracy Chevalier
Der Neue
Seiten: 192
ISBN: 978-3-8135-0671-6
Verlag: Knaus

Behnam T. Said: Geschichte al-Qaidas

Inhalt:
Die Terrororganisation al-Qaida scheint seit der Abspaltung des „Islamischen Staats“ der Vergangenheit anzugehören, doch in Wahrheit führt sie von Südasien über Nordafrika bis nach Europa einen Krieg an vielen Fronten.

Behnam T. Said erzählt anhand neu erschlosssener Dokumente erstmals die ganze Geschichte des geheimen Netzwerks, das seit dem Niedergang des IS zum Auffangbecken für Tausende Dschihadisten geworden ist und an vielen Orten den Krieg schürt. (Klappentext)

Rezension:
Es gibt wohl kaum ein Thema, welches mit so vielen Emotionen belastet ist, wie Terrorismus und die Auswirkungen, die Anschläge im Namen des Terrors haben. Nicht wenige gehen davon auf das Konto gut vernetzter Organisationen, wie etwa den „Islamischen Staat“ oder al-Qaida, die den größten aller Anschläge am 11. September 2001 durchführen ließen.

Mit Folgen, die in der gesamten Welt noch heute zu spüren sind. Doch, die Geschichte al-Qaidas ist lang. Der Islamwissenschafter Behnam T. Said erzählt sie anhand von neu veröffentlichten Dokumenten, die die USA bei der Tötung Bin Ladens sicherstellen konnten und nun freigegeben haben.

Dicht und gut recherchiertes Überblickswissen, nicht immer einfach zu lesen, detailliert genug, um mehr als das in den Nachrichtenportalen befindliche Material bewerten zu können, aber auch nicht zu hoch gegriffen, so dass man als Laie den Ausführungen folgen kann.

Dies bietet die „Geschichte al-Qaidas“, mit Hilfe der der Autor dem Leser nahebringen möchte, wie sich al-Qaida entwickeln konnte, welche Personen mit welchen Hintergründen entscheidende Strippenzieher waren und sind, und vor allem warum. Said beschreibt minutiös, welche Ziele Männer wie al-Zawahiri und Bin Laden verfolgten und welche Strömungen innerhalb der Organisation, diese so wandlungsfähig und gefährlich machen.

Eine übersichtliche Gliederung beleuchtet zunächst Personenbiografien, bevor es dann zu den Anfängen und Stationen der Wegbereiter des Terrorismus‘ übergeht, gefolgt von den Anschlägen des 11. September und seiner Folgen. Für die einzelnen betroffenen Länder, wie auch den arabischen raum und für al-Qaida selbst.

Said verfolgt ebenso die jüngere Geschichte des „Islamischen Staats“ und wagt einen Ausblick auf die Zukunft der Terrororganisation, beschreibt zugleich, warum diese immer wieder Menschen für ihre ideologien zu vereinnamen vermag.

Sehr dichte, alte und neue Quellen, ergeben so ein Gesamtbild, welches eines der ersten sein dürfte, wobei selbst der Autor dieses für nicht statisch hält. Vielmehr weißt er daraufhin, dass in Zukunft noch mehr Dokumente etwa erschlossen werden könnten, wenn die USA diesen Fundus irgendwann vollständig freigibt.

Bis dahin sind kaum mehr als diese Rundblicke möglich und so könnte Saids Werk bis dahin zum Standard avancieren, für alle, die sich ein wenig mehr als mit zweiminütigen Beiträgen in Fernseh- und Nachrichtenmagazinen beschäftigen und vertiefendes Wissen zu diesem schrecklichen Kapitel der jüngeren Geschichte erfahren möchten.

Autor:
Behnam Timo Said wurde 1982 geboren und ist ein deutscher Islamwissenschaftlicher, Buchautor und ehemals nachrichtendienstlicher Analyst. Said studierte in Hamburg islam- und Politikwissenschaft, sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Seit Februar 2018 arbeitet er für die Justizbehörde Hamburg. 2014 promovierte er an der Universität Jena. Insbesondere beschäftigt er sich in den Bereichen Islamismus, Salafismus und Jihadismus, in diesen widerum mit Extremismusprävention und Resozialisierung.

Behnam T. Said
Geschichte al-Quaidas
Seiten: 239
ISBN: 978-3-406-72585-2
Verlag: C.H. Beck