Josef Haslinger: Mein Fall

Autor: Josef Haslinger

Titel: Mein Fall

Seiten: 139

Genre: Biografie

Hardcover

Verlag: S. Fischer

ISBN: 978-3-10-030058-4

Inhalt:
Als Zehnjähriger wurde Josef Haslinger Schüler des Sängerknabenkonvikts Stift Zwettl. Er war religiös und wollte Priester werden, er liebte die Kirche. Seine Liebe wurde von den Patres erwidert. Erst von einem, dann von anderen.

Ende Februar 2019 tritt Haslinger vor die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Dreimal muss er seine Geschichte vor unterschiedlich besetzten Gremien erzählen. Bis der Protokollant ihn schließlich auffordert, sie doch bitte selbst aufzuschreiben. (Inhaltsangabe des Verlags)

Rezension:

Meine Eltern hatten mich der Gemeinschaft der Patres anvertraut, weil mich dort das Beste, das selbst sie mir nicht geben konnten, erwarten würde. Ich habe sie heimlich oft verflucht, weil sie mich nicht darauf vorbereitet hatten, was dieses Beste sei…

Josef Haslinger: „Mein Fall“.

Wie viel Leid muss ein Mensch eigentlich ertragen, bevor ihm geglaubt, bevor er angehört und ihm Gerechtigkeit wiederfahren wird?

Zumindest benötigen sie zumeist einen langen Atem und Durchhaltevermögen, im Falle Josef Haslingers wohl auch eine gewaltige Portion Glück, der sich 2019 der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft und der Unabhängigen Opferschutzkommission anvertraute, die in Österreich die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche untersuchen soll.

Er selbst wurde als Kind in einem kirchlichen Internat sexuell missbraucht und musste erst lernen, darüber zu sprechen, vertraute sich den miteinander verzahnten und von der Kirche selbst gestützten Organisationen erst an, als seine Peiniger von Einst nicht mehr lebten.

Dieser Zustandsbericht, gleichermaßen Kindheitsbiografie und Verarbeitungsversuch dessen, was kaum zu verarbeiten ist, ist nun das Resultat. Nach und nach erfährt der Leser, wie das Kind in die Hände der Patres kam und missbraucht wurde.

Ein schleichender Prozess, den der zunächst Zehnjährige nicht erkennt als das, was es ist. Eben Missbrauch und Gewalt. Parallel erzählt der Autor auch vom erschwerten Verarbeitungsprozess einer Kirche, deren Taktik zu verschleiern, zu verzögern, zu zermürben schon in den allerersten Zeilen deutlich wird.

Wie kann da eine Aufarbeitung gelingen. Die Schilderungen Haslingers, wie dieser von einer zur anderen Stelle geschickt und schließlich selbst aufschreiben sollte, wofür es keine Worte gibt, lassen beim Leser das Blut kochen. Vor Wut auf eine mittelalterliche und rückständige Organisation, die weder Willens noch fähig zu Veränderungen ist.

Auch, wenn man sich nach außen einen reumütigen Anschein gibt.

Aber auch Haslinger selbst, der diesen Bericht zugleich als Verarbeitung des Gewesenen verstanden lassen möchte, muss sich fragen lassen, was er mit „Mein Fall“ eigentlich erreichen möchte.

Vorwürfe, die er macht, werden von ihm selbst gleich wieder relativiert, erste Annäherungs- und Sexualisierungsversuche der Patres als nicht so schlimm im Nachhinein gesehen. Zugleich will er ganz klar den Pädophilen vom Lehrenden trennen, gleichwohl diese in Gestalt bestimmter Padres die gleichen Personen sind.

An den Lehrer erinnert sich Haslinger durchaus mit Wohlwollen, an den Täter natürlich nicht. Die Denkweise Haslingers, erst nach dem Tod der Täter damit an die Kontaktstelle der Missbrauchsaufklärung zu treten, um den Lebenden keinen Rufschaden hinzuzufügen, finde ich ebenfalls schwierig, als Außenstehender kaum nachzuvollziehen.

Der Ansatz Täterschaft und Neigung voneinander zu trennen, ist zwar durchaus modern, doch sollten Taten klar benannt und als solche bezeichnet werden.

Der Autor steht noch ganz am Anfang dieses Verarbeitungsprozesses. So viel ist nach der Lektüre klar, jedoch kann man aus der Lektüre selbst nichts ziehen. Josef Haslinger will sich nicht an staatliche Stellen wenden, da er sich nun einmal an die von der Kirche gehandhabten Organisation zur Bearbeitung seines Falls gewendet hat.

Als Leser bleibt man ratlos zurück. Vielleicht nur mit der Frage, warum rennt der Autor so offen gegen eine vor sich auftauchende Wand? Warum, um bei dieser fragwürdigen Organisation zu bleiben, in die Hand derer, die die Kindheit Haslingers einst verrieten?

Zumindest indirekt. Dabei wird nichts herauskommen. Dieser Bericht ist eher für die private Schublade gedacht oder für den Psychotherapeuten. Nicht jedoch für die Leser mit Gewinn zu lesen.

Andere, wie etwa Bodo Kirchhoff („Dämmer und Aufruhr“), sind da weiter.

Autor:

Josef Haslinger wurde 1955 geboren und ist ein österreichischer Schriftsteller. Er lebt in Wien und Leipzig, lehrt seit 1996 als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Der Autor, der in seinen Werken u.a. die Tsunami-Katastrophe 2004 verarbeitete, die seine Familie und er erlebten, erhielt bereits zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels.

Holly Black/Cassandra Clare: magisterium 5 – Der goldene Turm

magisterium - Der goldene Turm Book Cover
magisterium – Der goldene Turm Teil 5 Jugendbuch one Verlag Hardcover Seiten: 256 ISBN: 978-3-8466-0079-5
Übersetzerin: Anne brauner

Inhalt:

Ich bin das Chaos. Ich kann Städte niederbrennen und Meere verdampfen lassen. Ich kann die Erde zerstören.

Alex Strike, der neue Makar des Chaos, will die gesamte Magierwelt unterjochen. Und so muss Callum sich in seinem letzten Schuljahr am Magisterium erneut mit aller Kraft gegen das Böse stellen. Doch wie soll er als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen? Der Feind steht ihm schließlich nicht nur gegenüber, sondern lauer auch in seinem Inneren. (Klappentext)

Einordnung:

Ohne Kenntnis der Vorgängerbände empfiehlt sich dieser Band nicht zu lesen. Es ist der fünfte Teil der Reihe „magisterium“ und bildet den bisherigen Abbschluss.

Die Rezension ist spoilerfrei.

Rezension:

Niemand braucht Angst zu haben, dass hier gespoilert wird, dennoch ist es natürlich schwer, eine Rezension zu einem Serienband zu schreiben. In sofern erwarte ich natürlich Vorkenntnisse aus den zuvor gelesenen Bänden. Wer sich diese noch nicht erlesen hat, möge hier abbrechen. Allen anderen, viel Spaß beim Lesen der Rezension.

Letzte Bände haben es schwer, müssen sie doch alle losen Fäden aus vorangegangenen handlungen aufnehmen und logisch miteinander verknüpfen. Den Protagonisten sollte man eine gewisse Entwicklung anmerken können und die vom Autoren gewebte Handlung einen befriedigten Abschluss erlangen. Holly Black und Cassandra Clare ist dies so leidlich gelungen.

Zunächst einmal begleiten wir wieder einmal den inzwischen siebzehnjährigen Call und seine Freunde Tamara und Jasper in die magisterium-Schule, die ihren Schützlingen nicht nur das Beherrschen der Elemente lehrt, sondern auch den Umgang mit Magie, die im Falle der drei Hauptprotagonisten auch noch dazu genutzt werden muss, um die Welt entgültig vom personifizierten Bösen Alex Strike zu befreien.

Call steht sich dabei mit seiner Vorgeschichte natürlich selbst im Wege, zu allem Überfluss steckt auch noch die Seele seines im Kampf verstorbenen Freundes Aaron in seinem Körper und beide wissen nur allzu gut, dass dringend nicht nur für ihn ein neuer Körper geschaffen werden und der Feind nicht mehr lange auf eine erneute Konfrontation warten muss. Stoff genug also, um für Abenteuer, Spannung, Grusel und eine gehörige Portion Chaos zu sorgen. Doch, Chaosmagie soll hier schließlich auch besiegt werden. So zumindest der Plan.

Dies ist das Ausgangsszenario des Autorinnen-Gespanns, was sich zumindest zu Beginn der Reihe den Vorwurf gefallen lassen musste, einen Joanne-K.-Rowling-Abklatsch produziert zu haben. Doch, seien wir ehrlich, das Konstrukt um eine magische Schule, einem zum Helden auserkorenen unfreiwilligen Schüler, der erst in seine Rolle hineinwachsen muss, lässt sich nun mal nicht komplett neu erfinden.

Nur die Sache der Interpretation muss ausgewogen und schlüssig sein, damit der Leser dies abnehmen kann. Mit den weiteren Bänden gelang dies auch und so steht dem Lesegenuss, vor allem mit dem letzten Teil, nichts mehr im Wege.

Die Protagonisten entsprechen immer noch einem klaren Freund-Feind-Bild, auch wenn es Clare und Black gelungen ist, glaubwürdig jedem der Beteiligten Schattenseiten anzuhängen und eine eigene Vorgeschichte. Wirklich feingliedrig ist dies jedoch nie ausgearbeitet wurden, sonst wären die Bände allesamt umfangreicher geworden, auch dieser Teil ist dünner als notwendig.

Man merkt hier deutlich, dass zumindest eine der Autorinnen aus dem Fanfiction-Bereich kommt, in dem ein guter Schreiber auch auf die immer knapper werdende Aufmerksamkeitsspanne achten sollte. Das schadet, meines Erachtens, dem Lesegenuss, den man sonst viel länger fröhnen könnte, da die Zusammenarbeit der beiden gut zu funktionieren scheint. Gut erzählen können Black und Clare allemal.

Die Handlungsstränge sind längst nicht mehr so verwirrend, wie vielleicht noch in den Vorgängern, sondern sinnvoll zusammengeführt. Schon mit der ersten zeile ist klar, dass hier schnellen Schrittes auf das große Finale zugesteuert wird. Kurzweilig lesen sich die übersichtlichen Kapitel, jedoch ist gerade nur so viel geschrieben, wie notwendig ist, um die Szenarien auch abzukaufen.

Auch in diesem Zusammenhang wird man Ausführlichkeit schmerzlich vermissen. Das Finale ist eine runde Sache, in Bezug auf einem der Hauptprotagonisten jedoch to much. Da wäre tatsächlich einmal weniger mehr gewesen.

Mit Joanne K. Rowlings Geschichte konnte man altersgerecht mitwachsen. Hier bleibt zu befürchten, dass man spätestens im Alter von 14-15 Jahren irgendwo stecken bleibt. Trotz allem lohnt es sich jedoch als Leser, diese Reihe zum Abschluss zu bringen, die sich qualitativ zwischen der des britischen Zauberlings und der „Schule der Magier“ von Henry Neff befindet. Bonus gibt es hier für die Gestaltung der deutschsprachigen Ausgabe, für die sich wieder einmal der Verlag ins Zeug gelegt hat.

Schließlich hat sich im Fantasy-/Jugendbuchbereich schon länger durchgesetzt, dass nicht nur der text Spaß machen sollte, sondern das ganze Buch. Ein schwarzer Buchschnitt trägt den Abschlussband, sowie vergoldete Schrift im Stile der vorgängerbände auf den Umschlag. Ob dafür wohl auch die Magie der Elemente oder des Chaos genutzt wurde?

Autorinnen:

Holly Black wurde 1971 geboren und ist eine amerikanische Schriftstellerin. Bereits in ihrer Jugend schrieb sie Gedichte und Bühnenstücke, schloss nach der Schule 1994 das College von New Jersey mit einem B.A. ab. Sie arbeietet zunächst für einige Zeitschriften, studierte parallel an der Rutgers University, was sie jedoch zu Gunsten des Schreibens abbrach.

2002 veröffentlichte Black ihren ersten Jugend- und Fantasyroman, ab 2003 die Spiderwick-Chroniken, mit denen ihr der Durchbruch gelang. Einige ihrer Werke wurden bereits für Filme und Graphic Novels adaptiert. Sie lebt mit ihrer Familie in New Jersey.

Cassandra Clare wurde 1973 in Teheran/Iran geboren, als Tochter US-amerikanischer Eltern, verbrachte ihre Kindheit in Frankreich, Groß-Britannien und der Schweiz.. Später besuchte sie in New York die Schule und arbeitete zunächst für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Zunächst machte sie sich als Autorin für FanFiction einen Namen, aus der Zeit auch das Pseudonym für ihren realen Namen stammt.

2007 veröffentlichte sie ihren ersten eigenständigen Roman „City of Bones“ und schrieb seitdem an mehreren Jugend- und Fantasyromanen. Zusammen mit Holly Black arbeitete sie an der Reihe „magisterium“, deren erster Band 2014 erschien.

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

Inhalt:
Ein Autor bewohnt das Zimmer, in einem kleinen Hotel am Meer, in dem einst seine Eltern vor Jahrzehnten glückliche Tage verbrachten, die letzten vor ihrer Trennung. Er erinnert sich zurück, an die Jahre seiner Kindheit, seinem Aufwachsen bei ungleichen Elternteilen und im Internat, wo ein Drama seinen Lauf nimmt.

Bodo Kirchhoff nähert sich dem, mit den Mitteln des Romans und schildert zugleich die Geschichte des beginnenden Schreibenden. Wie für etwas Worte finden, für das es keine Wörter gibt? Bodo Kirchhoffs schmerzlicher Weg zur Literatur, sein großer autobiografischer Roman. (eigene Inhaltsangabe).

Rezension:
Es ist ein Roman, der leisen Töne, den uns der Schriftsteller Bodo Kirchhoff mit „Dämmer und Aufruhr“ vorlegt, und dennoch erfährt man hier viel über die Anfänge der Schreibarbeit des Trägers des Deutschen Buchpreises, der sich am einstigen Ferienort seiner Eltern, kurz vor ihrer Trennung, zurückerinnert, an diese und andere Ereignisse seiner Kindheit, seiner Jugend und schließlich an den jungen Erwachsenen, der er einst gewesen ist.

Aus der ich-Perspektive beschreibt er eine glückliche Kindheit zwischen schwankenden Eltern, einmal ikonenhaft angebetet, im nächsten Moment verwirrende Ältere, die, als der Sohn nicht mehr in der Schule hinterher kommt und im unsteten Pendeln seiner Eltern keinen Haltepunkt findet, ihn ins Internat stecken.

Auch dort fällt es den genauen Beobachter, Träumer und Sonderling zu gleichen Teilen schwer und leicht, Anschluss zu finden. Ein Kantor nimmt sich seiner an und nimmt sich körperlich das, was nicht ihm gehört.

Der Junge weiß, dass dies falsch ist, wird es später nicht Missbrauch nennen, anders den Schmerz beschreiben, mit der Waffe des Wortes. Der Schriftsteller, der er noch nicht ist, jongliert schon als Kind mit Worten. Nun sind diese Erinnerungen zu Papier gebracht.

Bodo Kirchhoffs autobiografischer Roman hat mich beeindruckt, ob seiner ruhigen Erzählweise, die das Unerhörte um so lauter erscheinen lässt und eine schöne Sprache außerdem, die hier wirklich dei Handlung trägt und den Leser nicht wegnicken lässt.

Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig, penibel und unterhaltsam die Familienszenen beschrieben, die der Aufwachsenede beobachtet. Außenstehend und doch immer dabei. Geliebt von seinen Eltern und doch Meilen weit von ihm entfernt.

Der Perspektivwechsel zum älteren Ich, welcher die letzten Jahre der Mutter schreibt, selbst Schriftstellerin, vormals Schauspielerin, diese Nähe und Bewunderung, die der Autor sich natürlich aus der Kindheit bewahrt hat, ist ebenso gelungen und glaubwürdig. Der Bogen überspannt durch das Beobachten, Verinnerlichen und späteren Schreiben.

Dem Unerhörten, was nicht sein darf, ein Gesicht zu geben, ist ebenso ein Verdienst des Autoren, den man nicht gering schätzen darf.

Bewundernswert, wie Kirchhoff es schafft, den Missbrauch durch den Internatskantor zu beschreiben, ohne es Missbrauch zu nennen, doch mit genau der gleichen Wucht, die den damaligen Jungen in eine Abhängigkeit versetzt hat, die nicht zu entschuldigen ist und die den späteren Mann keine geistliche Musik mehr ohne Beigeschmack hören lassen kann.

Entlang von Fotos aus dieser Zeit hangelt sich der Autor von Erlebten zu Erlebten und beschreibt das so, als würde man am Tisch Kirchhoffs sitzen, und durch das Fotoalbum blättern.

Ein Roman, der einem kalt den Rücken herunterläuft, aber nicht kalt lassen wird.

Autor:
Bodo Kirchhoff wurde 1948 in Hamburg geboren und ist ein deutscher Schriftsteller, der Romane und Drehbücher veröffentlicht. Er studierte 1972 bis 1979 Pädagogik an der Universität Frankfurt und veröffentlichte erstmals bei Suhrkamp.

Vorher arbeitete er u.a. als Eisverkäufer in den USA, zeichnete und war später 1994/95 Dozent, ebenfalls in Frankfurt/Main. er gibt Kurse für Kreatives Schreiben und enthüllte 2010 in einem Artikel des Spiegel, den an ihn begangenen Missbrauch eines Kantors der Evangelischen Internatsschule, auf die er19659-1968 ging.

Für seine Novelle „Widerfahrnis“ bekam er 2016 den Deutschen Buchpreis. Er lebt in Frankfurt/Main, zeitweise auch am Gardasee in Italien.

Bodo Kirchhoff
Dämmer und Aufruhr
Seiten: 462
ISBN: 978-3-627-00253-4
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt