Joachim Lottmann: Hotel Sylvia

1461226163hotelsylvia-2d_290px_rgbAutor: Joachim Lottmann
Titel: Hotel Sylvia
Seiten: 125
ISBN: 978-3-942989-94-7
Verlag: Haffmans Tolkemitt

Inhalt:
Die beiden Brüder Wolfgang und Manfred verbrachten in ihrer Kindheit jeden Sommer in demselben Ort und demselben an der adria, dem Hotel Sylvia. Mit ihren kapriziösen Eltern wuchsen sie in einem Strindberg-Milieu am Rande des Wirtschaftswunders auf.

Als sie erwachsen wurden, mieden sie einander, fast ein ganzes Leben lang. Doch als Manfred ind ritter Ehee an eine slowakische Krankenschwester gerät, die ihn offenbar gezielt zu Tode pflegt, bricht bei Wolfgang Panik aus.

Er versucht, seinen kranken Bruder (und letztlich auch sich selbst) zu retten, indem er ihn und sich im hotel Sylvia eincheckt – und gleich dazu eine junge blonde Künstlerin, deren Karriere er fördert und die den Bruder auf andere Gedanken bringen soll. (Klappentext)

Autor:
Joachim Lottmann wurde 1959 in Hamburg geboren und gilt als Begründer der deutschsprachigen Popliteratur. Sein Debütroman wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einem der wichtigsten Bücher der letzten zwanzig Jahre gewählt.

Dieses erschien 1987. Von 2005 bis 2006 war er Mitarbeiter im Kulturressort des Spiegel. Der Schriftsteller und Journalist lebt in Wien und Berlin, gilt aufgrund seiner Romane als streitbarer Autor, der mehrere Prosawerke selbst geschrieben, aber auch mit herausgegeben hat. Der Schriftsteller wurde 2010 mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis ausgezeichnet.

Rezension:
Nichts ist verkorkster als die eigene Familie. Wenn man diese Quintessenz aus der kleinen Novelle „Hotel Sylvia“ ziehen möchte, kann man das sehr gut tun, schreibt doch Lottmann Zeile für Zeile dagegen ankämpfend, um sich sogleich darauf wieder zu bestätigen.

Seine beiden Hauptfiguren erleben, dass Blut doch „dicker als Wasser ist“, egal wie gut man sich dagegen gewehrt hat, auch wenn’s einem sein halbes Leben lang gelingt. Doch, die Vergangenheit holt einem ein und wir sind unseren Geschwistern mehr verbunden und ähnlicher als wir denken.

Dies erfährt auch Wolfgang als er seinen älteren Bruder aus den Fängen seiner übersorgenden Ehefrau „rettet“ und ihn kurzerhand auf einem Trip in die Vergangenheit, der Kindheit der beiden, mitnimmt. Ins Hotel Sylvia, an der italienischen Adria.

Dort lebt Manfred, zuvor in einem äußerst besorgniserregenden seelisch heruntergekommenen Zustand vorgefunden, auf und Wolfgang erkennt die Parallelen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer beider Leben. Er ist seinem Bruder näher als er denkt. Die Erkenntnis, das Ende ist um so bitterer.

Eine Geschichte, in der eigentlich nicht viel passiert, dann aber irgendwie doch, zusammengeschrieben auf relativ wenigen Seiten, als hohe Literatur zu bezeichnen, kann man in diesem Fall wagen.

Joachim Lottmanns „Hotel Sylvia“ liest sich zumindest so als hätte die Novelle diesen anspruch. Dreh- und Angelpunkt sind hier ein in die Jahre gekommenes Hotel, ein Ort und ein haufen diffuser Kindheitserinnerungen, wie sie einige Wirtschaftswunderkinder haben dürften, mti amüsanten aber auch einem Blick beschrieben, in dem viel Melancholie und Distanz zu spüren ist.

Relativ ungewohnt war diese Art der Erzählung für mich. Man braucht eine Weile, was viel ist bei der Seitenanzahl, um mit Lottmanns Stil warm zu werden, dass geht aber mit fortschreitenden Zeilen immer besser. Und am ende hat man vielleicht keinen großen Roman gelesen aber immerhin ein schönes Kleinod der Literatur.

„Hotel Sylvia“ liest sich flüssig, man wird förmlich eingeladen, die Figuren, die allesamt mehr oder weniger sympathisch-unsympathisch sind, zu beobachten und so zum Voyeur einer Familientragödie zweier Brüder.

Es gibt dabei nur zwei extreme, entweder man mag das oder kann mit Lottmanns Schreib- und Erzählstil nichts anfangen. Zumindest, gewöhnungsbedürftig ist es. Vielleicht hat man aber nach dem Lesen einen anderen Blick auf die eigenen familiären und geschwisterlichen Beziehungen.

Manfred und Wolfgang geben da nicht unbedingt ein positives, eher schon ein ernüchterndes Beispiel ab. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

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