Henry Winterfeld: Timpetill – Die Stadt ohne Eltern

Timpetill - Die Stadt ohne Eltern von Henry Winterfeld
Timpetill – Die Stadt ohne Eltern von Henry Winterfeld

Autor: Henry Winterfeld
Titel: Timpetill – Die Stadt ohne Eltern
Seiten: 288
ISBN: 978-3453534407
Verlag: Heyne

Inhalt:
Die beschauliche Kleinstadt Timpetill ist fest in der Hand der Piraten, einer Bande wilder Jungs und Mädchen, die alles durcheinander bringen. Eines Tages allerdings treiben sie es zu bunt.

Als Kater Peter, dem die Piraten einen Wecken an den Schwanz binden, halb Timpetill verwüstet, haben die Erwachsenen entgültig genug: Sie verlassen die Stadt – und ihre nervenaufreibenden Kinder. Die müssen nun selbst schauen, wie sie klarkommen. Es werden die aufregendsten Tage ihres Lebens.

Autor:
Henry Winterfeld wurde 1901 in Hamburg geboren als Sohn des Dirigenten und Künstlers Jean Gilbert (eigentlich Max Winterfeld). Giberts Söhne studierten ebenfalls Musik, emigrierten während der Machtübernahme Hitlers in die USA. Henry Winterfeld lebte bis zu seinem Tod als Jugendschriftsteller und Filmautor in Maine, USA, wobei er seine Werke hauptsächlich in deutscher Sprache verfasste.

Im Jahre 1933 erfand Winterfeld für seinen damals zehnjährigen an Scharlach erkrankten Sohn Geschichten mit täglich einer Episode. So entstand sein erstes Buch „Timpetill – Die Stadt ohne Eltern“ welches er mit eigenen Scherenschnitten illustrierte. Verlegt wurde es erstmals 1937 unter den Pseudonym Manfred Michael.

Danach musste er aus den bedrohten Frankreich fliehen und zog zu Verwandten in die USA, deren Staatsbürgerschaft er 1946 annahm. 1953 erschien sein zweites Buch „Caius ist ein Dummkopf“. Sein Werk „Timpetill – Die Stadt ohne Eltern“ ist Pflichtlektüre an französischen Schulen und wurde 2007 verfilmt.

Rezension:
Henry Winterfelds Erstlingswerk muss schon etwas ganz besonderes sein, wenn auf den antiquarischen Markt Preise von 250,00 Euro aufwärts erzielt werden, ohne das zum Verkauf angebotene Exemplar vorher mal in den Händen halten zu können.

Tatsächlich wurde der Roman in den 50er und 60er Jahren der Bundesrepublik noch verlegt, verschwand dann lange Zeit in der Versenkung und erst seit Juli 2013 ist dieses Werk wieder zu einen erschwinglichen Preis zu erwerben.

Gesorgt dafür, hat RandomHouse, genauer gesagt der Heyne-Verlag und natürlich musste ich zugreifen, zumal hier ja schon seit längeren davon geschwärmt wurde. Nun also, konnte ich mir selbst ein Bild machen.

Welches Kind gerät nicht einmal in Situationen, in denen es sich seine Eltern sonst wohin wünscht, ist aber dennoch froh, dass dieser Fall dann doch nicht eintritt, doch genau das passiert den jüngsten Bewohnern des kleinen Städtchens Timpetill.

Allerdings nicht freiwillig. Die Eltern, entnervt von den Streichen der „lieben Kleinen“, ziehen die Konsequenz und fortan sind die Sprösslinge ganz auf sich allein gestellt. Mit allen Konsequenzen. Vermeintlich Positive, wie „keine Schule“ oder „keine Aufgaben“, aber eben auch ohne Wasser, Strom und Essen.

Schuld daran sind die Piraten, berüchtigte Kinderbande, die es wieder einmal zu weit getrieben haben und ganz froh darüber sind, nun ohne Eltern leben zu können, während der mutige Thomas und sein Freund Manfred der Erfinder „Geheimrat“ das sich anbahnende Chaos kommen sehen und mit aller Kraft die Stellung halten wollen, bis die Eltern wiederkommen.

Zwei Lager, die sich spinnefeind sind und fortan um die Oberhand in Timpetill kämpfen, mal „nur“ verbal, aber auch mit harten Bandagen.

So entwickelt sich eine spannende Kindergeschichte, aufgelockert durch aufwendige Zeichnungen der beschriebenen Szenen, die sich sehr gut lesen lässt, von Kleinen wie von Großen.

Man fiebert mit den Protagonisten mit, freut und ärgert sich, schüttelt den Kopf um im nächsten Moment der einen, wie auch der anderen Figur insgeheim Recht zu geben und versinkt in diese Welt als würde man selbst zu den Piraten oder den Kindern um Thomas, Manfred und Marianne gehören. Und alleine des Effektes willen, lohnt es sich schon, den Roman zu lesen.

Doch, nicht nur deshalb. Winterfeld schreibt vielschichtig. Über seine Zeit, der aufkommenden Umwälzungen in Deutschland, die genau so mit Chaos und Straßenschlachten begannen und schließlich in die Katastrophe führten und auch die Alltagserlebnisse seines Sohnes Thomas‘ bindet er mit ein.

Für den hatte er ursprünglich diese Geschichte entwickelt und ihn hiermit zumindest in seiner Phantasie gleichsam zu einen Helden gemacht. Vielleicht gab es auch im Leben des echten Thomas eine Kinderbande, die ihm das Leben schwer machte? Wer weiß dass schon?

Vielleicht interessierte sich Thomas schon in seiner Kindheit für Technik, wie die Figur des Manfred, im Buch sein bester Freund? Möglich wäre es, Thomas wurde später Ozeanograph. Insofern ist diese Geschichte gleichsam ein mehrfaches Juwel, Eine gelungene Mischung aus Autobiographie und Phantasie, aus real Erlebten, Wünschen und Ängsten.

Nur einen Unterschied gibt es. In der Geschichte gelingt es „Thomas“ die Ordnung, die die Kinder durcheinander gebracht hatten, auf friedliche Weise binnen Tagen wieder herzustellen. In Europa tobte der Krieg noch bis Mitte 1945.

In der Neuausgabe existiert zudem noch ein Nachwort von Boris Koch. Unbedingt wirklich erst danach lesen. Es lohnt sich.

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