Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene

39561Titel: Der Verlorene
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Seiten: 175
ISBN: 978-3-518-39561-5
Verlag: Suhrkamp

Autor:
Hans-Ulrich Treichel wurde 1952 in Versmold/Westfalen geboren und lebte dort bis 1986. Nach dem Abitur studierte er an der Freien Universität Berlin Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften und promovierte 1983.

Seit 1995 lehrt er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Bekannt wurde Treichel durch seinen Roman „Der Verlorene“ in dem er eigene Kindheitserinnerungen verarbeitete. Hans-Ulrich Treichel ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Inhalt:
Hans-Ulrich Treichels Erzählung handelt von einer Familie, an deren Leben nichts außergewöhnlich scheint: Der Flucht aus den Ostgebieten im letzten Kriegsjahr folgt der erfolgreiche Aufbau einer neuen Existenz in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Doch es gibt für sie nur ein einziges, alles beherrschendes Thema: die Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, nach Arnold.

»Arnold ist nicht tot. Er ist auch nicht verhungert«. Das erfährt der kleine Bruder und Ich-Erzähler eines Tages von seinen Eltern: »Jetzt begann ich zu begreifen, daß Arnold, der untote Bruder, die Hauptrolle in der Familie spielte und mir die Nebenrolle zugewiesen hatte.« In derVorstellung des Jungen wird das, was der Eltern größter Wunsch ist, zum Alptraum: daß der Verlorene gefunden wird. (Verlagstext)

Rezension:
Es ist ein äußerlich unscheinbarer Roman, der es in sich hat. Trotz oder gerade wegen seiner wenigen Seiten. Der Inhalt, derart komprimiert, ist Familienroman, Psychogramm und Gesellschaftsreport einer ganzen Generation. Der Familie geht es gut im Wirtschaftswunderland. Der Vater führt einen kleinen Familienbetrieb, hat Erfolg, expandiert und baut aus.

Immer neue Autos werden angeschafft. Man ist ja wieder wer. Die Mutter hält ihrem Mann den Rücken frei und der Sohn schlägt sich so durch. Ganz normal. Doch, auf der Familie liegt der schwere Schatten der Geschichte. Auf der Flucht aus den ehemaligen deutschen Gebieten ging einst der Erstgeborene verloren.

Der Nachfolger, der ihm praktisch nur vom Hörensagen und zahlreichen Fotos kennt (er selbst ist immer nur bruchstückenhaft zu sehen), leidet unter den Schwermut und der Trauer der Eltern über den Verlust.

Und fühlt die Gefahr der Verdrängung. Zum Glück, so denkt der Junge, ist Arnold eben verschollen. Er selbst, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, bleibt bis zur letzten Seite namenlos. Er fühlt sich auch nicht ernstgenommen, unbeachtetes Kind. Doch, sein schlimmster Alptraum scheint wahr zu werden als eine Chance sich für die Eltern eröffnet, dass der Junge wieder gefunden wird.

Der Junge steht mit dem Rücken zur Wand, fühlt sich durch das Phantom „Bruder“ verdrängt, verloren in der Familie sowie so. Und so lässt er nur widerwillig die Tests über sich ergehen, die helfen sollen zu bestimmen, ob das Kind 2307 tatsächlich Sohn der Eltern ist oder eben nicht. Und freut sich über jedes Ergebnis, welches die Eltern immer mehr von ihrem Ziel der Zusammenführung der Familie entfernt.

Hans-Ulrich Treichel hat hier einen wunderbaren Roman geschrieben, der das Lebensgefühl der Anfangsjahre der Bundesrepublik Deutschland gut beschreibt, Erfolg im Wirtschaftswunder mit Trauer und Unsicherheit verschmischt als Folge des Zweiten Weltkrieges. Flucht und Vertreibung, das Auseinanderreißen von Familien und dem Wanken zwischen Hoffnung und Verlust.

Man fühlt regelrecht mit dem Jungen, freut sich, wenn er sich freut, bangt mit ihm, auch der Vater und später der örtliche Polizist Rudolph dienen als Identifikationsfiguren, die Mutter, die aus einer 0-Komma-Wahrscheinlichkeit für sich eine absolute Wahrscheinlichkeit macht, ist streckenweise einfach nur nervig und trotziger als der angehende Pubertierende, der die Situation reeller einschätzt.

Der flüssige Schreibstil macht dennoch die gesamte Geschichte sehr gut lesbar. Man kann sich das alles vorstellen und nachvollziehen, bekommt ein Gefühl für die Zeitepoche, welche sich besonders am Bild des Vaters orientiert.

Und im Nachhinein, ich habe den dazugehörigen Film „Der verlorene Bruder“ zuerst gesehen und bin dadurch erst auf das Buch gekommen, gehört es zu einem der wenigen Bücher, die sehr gut verfilmt wurden. Nicht zuletzt durch die grandiose Darstellung des Jungen durch den Kinder-Darsteller Noah Kraus.

Der weicht zwar etwas von der Selbst-Beschreibung der Romanfigur ab, macht den Protagonisten aber noch greifbarer. Für Buch und für Film eine ausdrückliche Empfehlung.

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